konsensusbericht Wien Klin Wochenschr (2010) 122: 280–302 DOI 10.1007/s00508-009-1298-0 © Springer-Verlag 2010 Printed in Austria Wiener klinische Wochenschrift The Middle European Journal of Medicine 4. Österreichischer Konsensusbericht zur Diagnose und Therapie der Hepatitis B 2009 Markus Peck-Radosavljevic, Johann Deutsch, Peter Ferenci, Ivo Graziadei, Harald Hofer, Heidemarie Holzmann, Wolf-Dietrich Huber, Herman Laferl, Andreas Maieron, Rudolf Stauber, Wolfgang Vogel für die Arbeitsgruppe Leber der ÖGGH Österreichische Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie, Arbeitsgruppe Leber, Wien, Österreich Eingegangen am 11. Oktober 2009, angenommen nach Revision am 4. Dezember 2009, Online veröffentlicht am 4. Mai 2010 4. Austrian Consensus-Statement for Diagnosis and Therapy of Hepatitis B 2009 Summary. Hepatitis B is the most common chronic viral infection of the liver. Chronic hepatitis B is estimated to affect at least 350 million people worldwide and is the leading cause of death from liver disease. There have been dramatic developments both in the diagnostic field and in drug treatment of chronic hepatitis B. Today, chronic hepatitis B is a well manageable disease in the vast majority of cases and the main challenge remains the detection of affected patients at an early enough disease stage to prevent end-stage liver disease and its complications. The rapid pace of drug development mandated an update of the Austrian guidelines on the treatment of hepatitis B, which after 1994 and 1998 were now dating back to 2005 in their third version. All chapters from the 3. consensus statement from 2005 were renewed except for the chapter on liver biopsy, which is still valid in its 2005-version. In particular, virologic parameters take now center stage for treatment decisions, HBV-genotyping is now being considered for the choice of treatment, and the oral first line treatment for chronic hepatitis B has been changed. Overall this consensus statement accounts for the major advances in the management of hepatitis B and significantly changes clinical management of patients with hepatitis B in Austria. Key words: Hepatitis B, liver transplantation, interferon, nucleoside, nucleotide, lamivudine, telbivudine, entecavir, tenofovir. Zusammenfassung. Die Hepatitis B ist die häufigste chronische Virusinfektion der Leber. Sie betrifft zuminKorrespondenz: Markus Peck-Radosavljevic, Abteilung Gastroenterologie und Hepatologie, Klinik für Innere Medizin III, Währinger Gürtel 18–20, 1090 Wien, Österreich, E-mail: [email protected] 280 4. Österreichischer Konsensusbericht dest geschätzte 350 Millionen Menschen weltweit und ist die häufigste leberbedingte Todesursache. In der letzten Zeit gab es dramatische Entwicklungen sowohl in der Diagnostik als auch in der Medikamentenentwicklung der chronischen Hepatitis B. Heute ist die chronische Hepatitis B in der überwiegenden Mehrzahl der Patienten eine gut behandelbare Erkrankung und die wichtigste Herausforderung bleibt die rechtzeitige Identifikation der betroffenen Patienten, bevor diese eine fortgeschrittene Lebererkrankungen mit den assoziierten Komplikationen erleiden. Die rasche Entwicklung der medikamentösen Therapie verlangte nach einer Neufassung der Österreichischen Konsensusempfehlungen zur Behandlung der Hepatitis B, welche bisher nach den Versionen von 1994 und 1998 in ihrer dritten Version von 2005 vorlagen. Alle Kapitel des 3. Konsensus-Statements von 2005 wurden überarbeitet, mit Ausnahme des Kapitels über die Leberbiopsie, welches weiterhin in der Version von 2005 Gültigkeit hat. Im Speziellen spielen nun virologische Parameter für Behandlungsentscheidungen eine zentrale Rolle, die HBV-Genotypisierung wird nun für die Wahl des Therapeutikums vermehrt in Betracht gezogen und die orale Erstlinientherapie für die chronische Hepatitis B hat sich verändert. Dieser Konsensus-Bericht beinhaltet die entscheidenden Fortschritte der Behandlung der Hepatitis B und verändert das klinische Management von Patienten mit Hepatitis B in Österreich entscheidend. Schlüsselwörter: Hepatitis B, Lebertransplantation, Interferon, Nucleosid, Nucleotid, Lamivudine, Telbivudine, Entecavir, Tenofovir. Virologische Grundlagen und Diagnostik der Hepatitis B-Infektion Vorbereitung: Heidemarie Holzmann Das Hepatitis B Virus (HBV) ist ein kleines, umhülltes hepatotropes DNA Virus, das weltweit eine der häufigs© Springer-Verlag 9–10/2010 wkw konsensusbericht ten und folgenreichsten Virusinfektionen des Menschen verursacht. Rund ein Drittel der Weltbevölkerung weist Antikörper gegen das HBV-Core-Antigen (Anti-HBc) als Merkmal einer durchgemachten oder noch bestehenden Infektion auf, weltweit sind mindestens 350 Millionen Menschen chronisch HBV-infiziert [1]. Viele HBVInfizierte leiden an einer fortschreitenden, chronischen Lebererkrankung mit eingeschränkter Lebenserwartung. Sie haben ein deutlich erhöhtes Risiko, ein hepatozelluläres Karzinom zu entwickeln [2]. Weltweit sterben pro Jahr etwa 0,6–1 Million Menschen an den Folgen einer HBV-Infektion [1, 3]. Es gibt jedoch große Unterschiede in der Prävalenz, je nach geografischer Lage, ethnischer Zugehörigkeit und Risikoverhalten. Österreich ist ein Niedrigendemiegebiet mit einer Prävalenz von <1% der Bevölkerung. HBV-Infektion: Übertragung und Verlaufsformen Die Übertragung des HBV erfolgt parenteral, sexuell und vertikal. Der klinische Verlauf einer HBV-Infektion ist sehr unterschiedlich. Sie kann asymptomatisch verlaufen oder sich als akute Leberentzündung manifestieren (akute HBV-Infektion). Fulminante Verläufe einer Hepatitis B sind selten (ca. 1%), führen aber unbehandelt in einem hohen Prozentsatz zum akuten Leberversagen [4]. Während die Mehrzahl der Neuinfektionen im Erwachsenenalter ausheilt und zu einer lebenslangen Immunität ohne Krankheitsaktivität führt (in > 95% der Fälle), persistieren perinatal oder im Kleinkindalter erworbene Infektionen sowie Infektionen unter Immunsuppression oder unter Chemotherapie häufig (persistierende HBV-Infektion). Die Infektion mit dem HBV führt zur lebenslangen Persistenz in der Leberzelle, es kommt daher streng genommen niemals zu einer gänzlichen Ausheilung. Die klinischen Konsequenzen der HBV-Infektion hängen im Wesentlichen von der Reaktion des Immunsystems auf die Viruspräsenz ab, sie reichen vom Fehlen jeglicher entzündlicher Veränderungen (in der Phase der Immuntoleranz) bis zu einer mehr oder minder stark ausgeprägten aktiven Hepatitis bis zum Fehlen jeglicher entzündlicher Veränderungen (in der Phase der Immuntoleranz). Beim Übergang in diese Phase kommt es häufig spontan zur Serokonversion von HBeAg zu anti-HBe. Folgen der chronischen Entzündung sind die Leberfibrose bis zur Leberzirrhose und das hepatozelluläre Karzinom. Somit ist die HBeAg positive und die anti-HBe positive chronische Hepatitis ein Teil des Krankheitsspektrums. Aus praktischen Gründen ist die Unterscheidung jedoch nach wie vor sinnvoll. So sind anti-HBe positive Patienten im Schnitt 10 Jahre älter und haben eine wesentlich niedrigere Viruslast (107 vs. 109 Kopien/mL) als Patienten mit HBeAg positiver Hepatitis. Pathogenese Die Pathogenese der Hepatitis B ist vorwiegend immunvermittelt. Akute und chronische Hepatitis B werden durch die Immunabwehr, insbesondere durch zytowkw 9–10/2010 © Springer-Verlag toxische T-Lymphozyten, hervorgerufen [5]. Je nach Alter und Immunstatus des Infizierten ist das Einsetzen einer effizienten Immunabwehr gegen HBV – durch noch unzureichend verstandene Mechanismen – um Wochen, Monate oder Jahre verzögert bzw. sogar ganz blockiert. Durch die fehlende, effektive Immunantwort vermehrt sich das Virus rasch und wird in hohen Titern ins Blut sezerniert. Dadurch liegt eine hohe Virämie vor, die bei Einsetzen einer Immunkontrolle (z.B. begleitet durch das Auftreten von Anti-HBe) abnimmt. Definitionen t t Akute HBV-Infektion: Vor Kurzem erworbene Infektion mit dem HBV. Sie kann mit einer Erhöhung der Transaminasen und einer Leberfunktionseinschränkung einhergehen (akute Hepatitis B). Häufig selbstlimitierend. Persistierende HBV-Infektion Länger als 6 Monate fortbestehende Infektion mit dem HBV (HBsAg positiv). Eine persistierende HBV-Infektion kann periodisch oder längerfristig klinisch und/oder biochemisch asymptomatisch verlaufen. Studien bei Patienten mit einer persistierenden HBV-Infektion haben gezeigt, dass die Viruslast (> 104 Kopien/mL, das entspricht 2 × 103 IU/mL) im Blut ein entscheidender und unabhängiger Risikofaktor für die Progression der Erkrankung, für die Entwicklung einer Leberzirrhose bzw. für die Entstehung hepatozellulärer Karzinome ist [5, 6]. Die nachfolgende Einteilung basiert daher vorwiegend auf der Virämie. Eine DNA-Kopie entspricht dabei einem Hepatitis-B-Virus; um die Vergleichbarkeit der Resultate einzelner Tests zu verbessern, wurden nun auch internationale Einheiten (IU) definiert. Hierbei entsprechen je nach Nachweismethode 5 Kopien etwa einer IU. Die Virämie kann im Verlauf deutlich fluktuieren. Folgende Verlaufsformen einer persistierenden HBV-Infektion werden unterschieden t t t Chronische Hepatitis B Persistierende HBV-Infektion, die mit einer Leberzellschädigung einhergeht, die biochemisch und/ oder histologisch nachweisbar ist. Hochvirämischer („immuntoleranter“, > 104 Kopien/ mL, > 2 × 103 IU/mL) HBsAg-Trägerstatus Hochreplikative, chronische HBV-Infektion ohne Zeichen der Leberzellschädigung (normale Transaminasen), meist nach vertikaler Übertragung oder Infektion im Kleinkindesalter. Übergang in eine chronische Hepatitis B ist möglich. Niedrigvirämischer („inaktiver“, < 104 Kopien/mL, < 2 × 103 IU/mL) HBsAg-Trägerstatus Persistierende HBV-Infektion ohne Zeichen der Leberzellschädigung. Der inaktive HBsAg-Träger ist HBeAg-negativ und niedrig replikativ. Es besteht das Risiko der Reaktivierung der Erkrankung (Hepatitis) spontan oder unter Immunsuppression. 4. Österreichischer Konsensusbericht 281 konsensusbericht Indikation zur Durchführung einer Hepatitis-B-Virus-Diagnostik Transaminasen, HBs-Ag + Anti-HBc-Ak + (Anti-HBs-Ak) – wenn HBs-Ag positiv + Anti-HBc-Ak positiv Bei welchen Personen soll eine Diagnostik durchgeführt werden? Anti-HBc-IgM + HBe-Ag + Anti-HBe n Anti-HDV Eine Hepatitis-B-Virus-Diagnostik sollte grundsätzlich durchgeführt werden bei (A): – wenn HBs-Ag negativ + Anti HBc-Ak positiv t – wenn HBs-Ag negativ + Anti-HBc-Ak negativ t t t t t t t t t t t t t t t Personen mit erhöhten Leberwerten und/oder klinischen Zeichen einer Hepatitis Patienten mit Leberzirrhose/-fibrose Patienten mit hepatozellulärem Karzinom Personen mit Migrationshintergrund aus Regionen mit erhöhter HBsAg-Prävalenz Familien- oder Haushaltsangehörige bzw. Sexualpartner HBV-Infizierter medizinischem Personal Patienten in psychiatrischen Einrichtungen/Bewohnern von Fürsorgeeinrichtungen für Zerebralgeschädigte oder Verhaltensgestörte homosexuellen Männern und/oder Personen mit häufig wechselnden Sexualkontakten aktiven und ehemaligen i. v. Drogenbenutzern Dialyse-Patienten HIV- und/oder HCV-Infizierten Empfänger von Organtransplantaten vor und nach Transplantation Blut- und Organspender Patienten vor bzw. während einer immunsuppressiven Therapie oder Chemotherapie Schwangeren (nur HBsAg) Neugeborenen von HBsAg- und/oder isoliert AntiHBc-positiven Müttern n n t Anti-HBc negativen Personen der oben genannten Risikogruppen sowie allen Kindern und Jugendlichen, die über keinen ausreichenden Impfschutz verfügen, sollte eine Impfung gegen das HepatitisB-Virus angeboten werden, welche auch als kombinierte Hepatitis A / Hepatitis B-Impfung durchgeführt werden kann. Bei HBsAg-positiven Personen muss die Aktivität der Lebererkrankung bestimmt und eine Therapieindikation abgeklärt werden. Es sollte eine Impfung gegen das Hepatitis-A-Virus empfohlen werden (wenn kein Schutz vorliegt). Spezifische Diagnostik der HBV-Infektion: Initialdiagnostik und Verlaufsdiagnostik Es wird eine Kombination aus biochemischen, serologischen und virologischen Diagnoseverfahren verwendet. Biochemische Verfahren zum Nachweis der Transaminasen (Aminotransferasen) sind Standard. Sie sind unspezifisch und wenig sensitiv. Die Diagnostik der HBV-Infektion ist wegen der zahlreichen verfügbaren serologischen Parameter, der unterschiedlichen Verlaufsformen und der individuell 4. Österreichischer Konsensusbericht Anti-HAV + Anti-HCV, sowie Untersuchung auf weitere Hepatitiserreger wechselnden Fragestellungen sehr komplex. Prinzipiell ist ein schrittweises Vorgehen mit Screeningpara metern zu Beginn und Folgetests je nach Ergebnis zu empfehlen (Abb. 1). Für das spezielle Vorgehen bei Verdacht auf akute bzw. persistierende HBV-Infektion siehe auch Stufenschema 1 bzw. 2. Erläuterung t t t t HBV-DNA quantitativ (+ Anti-HCV) Abb. 1. Diagnostisches Vorgehen bei Verdacht auf Hepatitis B Weiteres Vorgehen nach der Screeninguntersuchung 282 n t t t Die Ausheilung einer Hepatitis B wird serologisch diagnostiziert. HBsAg wird durch Enzymimmunoassays mit hoher Sensitivität und Spezifität bestimmt [7, 8]. Eine quantitative Bestimmung ist in Speziallabors möglich [9]. Sie kann z.B. bei der Differenzierung akute/ chronische Hepatitis B hilfreich sein, sollte aber auf besondere Fragestellungen beschränkt bleiben [10]. In der Frühphase der Infektion kann die Menge an HBsAg so gering sein, dass es auch durch empfindliche Tests nicht nachweisen werden kann. Diese Phase kann mehrere Wochen dauern. Zu geringe Mengen an HBsAg unter der Nachweisgrenze werden auch bei persistierender oder okkulter HBVInfektion beobachtet. Ein Nachweis der Infektion ist in diesen Fällen durch eine hochempfindliche Bestimmung der HBV-DNA möglich. Ein falsch negativer HBsAg-Test kann durch EscapeVariationen in den HBsAg-Epitopen bedingt sein, da Escape-Varianten HBsAg-Epitope nicht oder nur schlecht an die zur Detektion benutzten Antikörper binden [11, 12]. Da verschiedene HBsAg-Tests verschiedene Antikörper zum Nachweis verwenden, können diskrepante [13] und zum Teil im Bestätigungstest nicht reproduzierbare Ergebnisse entstehen [12]. Die Klärung erfolgt durch den HBV-DNANachweis. HBeAg ist als prognostischer Marker etabliert [14]. Die Bestimmung des HBeAg/Anti-HBe-Serostatus ist sinnvoll, um die Diagnose einer HBV-Infektion zu erhärten und um die Prognose des Therapieansprechens eines Patienten abzuschätzen. Der Nachweis von HBeAg erlaubt eine Aussage über die hohe Infektiosität des Patienten. Der Nachweis von Anti-HBc-gesamt (IgM + IgG) ist ein Marker einer bestehenden oder abgelaufenen © Springer-Verlag 9–10/2010 wkw konsensusbericht t t t t Infektion mit HBV. Der üblicherweise verwendete Kompetitionstest weist beide Immunglobulinklassen nach. Während einer akuten Hepatitis B wird Anti-HBcIgM in hoher Konzentration gefunden [9, 10]. Sie fällt mit der Ausheilung ab. Allerdings kann ein positives Anti-HBc-IgM in niedriger Konzentration auch auf eine Exazerbation einer chronischen Hepatitis B zurückzuführen sein [9, 15]. Eine Quantifizierung von Anti-HBc-IgM zur Differenzierung einer akuten von einer chronischen Hepatitis B mit akutem Schub kann daher sinnvoll sein. Als Marker der HBV-Replikation wird der Nachweis von HBV-DNA im Serum angesehen. Diese wird mittels PCR oder einem anderen Nukleinsäure-Amplifikationsverfahren nachgewiesen. Die meisten auf dem Markt verfügbaren Tests erlauben einen quantitativen Nachweis der HBV-DNA. Da dies keine wesentlichen Mehrkosten verursacht, die HBV-Virämie aber große prognostische Bedeutung hat [4–6], ist der quantitative HBV-DNA Nachweis der Goldstandard. Als Einheit der Virämie werden sowohl Kopien/ mL als auch International Units/mL (IU/mL) verwendet. Hierbei entsprechen 5 Kopien etwa einer IU. Zum diagnostischen Vorgehen bei akuter und chronischer Hepatitis siehe auch Leitlinien der virologischen Diagnostik, Kapitel Hepatitis B [16, 17]. Stufenschema 1 der serologischen Diagnostik bei V. a. akute/kürzliche HBV-Infektion Ohne Vorbefunde kann man grundsätzlich nicht unterscheiden, ob es sich um eine akute Hepatitis B Infektion oder um einen akuten Schub einer chronischen Hepatitis B Infektion handelt. Initial: HBsAg und Anti-HBc t t falls beide positiv: HBeAg, Anti-HBe; Anti-HBcIgM, Anti-HDV falls HBsAg isoliert positiv: – Ausschluss falsch positiver Reaktion (HBsAgBestätigungstest bzw. Kontrolluntersuchungen in anderen Testsystemen) HbsAg Anti-HBs-Ak Anti-HBc-IgM-Ak Anti-HBc-IgM-Ak HBeAg Anti-HBe-Ag HBV-DNA Inkubation Akute Hep B + – – – – – ++(+) + – + + – + +++ Falls positiv: HBeAg, HBV-DNA; nach 2–4 Wochen Kontrolle: HBsAg, Anti-HBc und Anti-HBc IgM falls nur Anti-HBc positiv: – Anti-HBs (falls positiv: Ausheilung); evt. Kontrolle – falls Anti-HBs negativ: Anti-HBc-IgM, Anti-HBe; HBV-DNA quantitativ (DD: kürzliche HBV-Infektion/HBV-Escape-Variante/„Anti-HBc-only“/ Kreuzreaktion mit anderen Antikörpern); Kontrolle im Verlauf bis Anti-HBs s 10 IU/l – t Stufenschema 2 der serologischen Diagnostik bei V. a. persistierende HBV-Infektion Initial: HBsAg und Anti-HBc t t t falls beide positiv: HBeAg, Anti-HBe HBV-DNA quantitativ Anti-HDV falls HBsAg isoliert positiv: – Ausschluss falsch positiver Reaktion (HBsAgBestätigungstest bzw. Kontrolluntersuchugen in anderen Testsystemen) – HBeAg, HBV-DNA (DD: kürzliche/okkulte HBV-Infektion) nach 2–4 Wochen: Kontrolle Anti-HBc falls nur Anti-HBc positiv: – Anti-HBs-Nachweis – falls s 10 IU/l: ausgeheilte Hepatitis B – falls negativ (< 10 IU/l): „Anti-HBc-only“-Status/ okkulte Hepatitis B – bei klinischen Symptomen oder Frage der Infektiosität: HBV-DNA quantitativ Die Kombination aller zur Verfügung stehenden Parameter sollte eine Aussage über das Krankheitsstadium zulassen. Für Fragen bezüglich unklarer Befundkonstellationen stehen die Österreichischen Referenzzentren für Hepatitis A, B, C (http://www.bmgfj.gv.at/cms/site/ attachments/9/7/5/CH0742/CMS1038915886483/liste_ der_nationalen_referenzzentren_-_stand_29_1_2008. pdf) zur Verfügung. Das typische serologische Muster einer abgelaufenen Hepatitis B besteht aus negativem HBsAg, positivem Anti-HBc und/oder Anti-HBs >10 IU/L. Manchmal lassen sich jedoch auch nach Jahren noch geringe Men- HBeAg-pos. CHB + – + – (+) – + +++ HBeAg-neg. CHB + – + – + – (+) + St.p. Hep B – + + – –(+) – – Abb. 2. Typische Befundkonstellationen der verschiedenen Stadien der Hepatitis B wkw 9–10/2010 © Springer-Verlag 4. Österreichischer Konsensusbericht 283 konsensusbericht gen HBV-DNA nachweisen und unter Immunsuppression oder Chemotherapie kann es sogar zu einem erneuten Aufflammen der HBV-Infektion kommen. Von einer schützenden Immunität geht man aus, wenn das AntiHBs über 10 IU/L ansteigt. Als Sonderfall einer ausgeheilten Hepatitis B wird der „Anti-HBc-only“-Status beobachtet (HBsAg negativ; Anti-HBc positiv, Anti-HBs negativ oder < 10 IU/L, HBVDNA c 10 2 Kopien/mL) [18, 19]. Die Prävalenz des „AntiHBc-only“-Status in Deutschland beträgt 1,4 bis 2,2% (20, 21) (in Österreich sind keine Daten verfügbar) und wird v. a. bei Patienten > 65 Jahren und bei Koinfektionen mit dem Hepatitis-C-Virus (HCV) beobachtet [15, 22, 23]. Der „Anti-HBc-only“-Status hat keinen Krankheitswert, es verbleibt aber ein Risiko, z.B. bei Blut- oder Organspenden (v. a. Leber) eine HBV-Infektion zu übertragen und die Gefahr der Reaktivierung einer Hepatitis B unter Immunsuppression. Eine Hepatitis-Delta-Virus-Diagnostik wird bei neu diagnostizierter HBV-Infektion sowie bei fehlender Testung bei bekannter HBV-Infektion empfohlen (siehe auch „Diagnostik der HDV Infektion“). t t t Erweiterte Diagnostik bei Erstdiagnose einer HBV-Infektion Bei Erstdiagnose einer HBV-Infektion sind neben der Serologie erforderlich (A): t t t t t Anamnese (inkl. Risikofaktoren, Familien-, Partneranamnese), körperliche Untersuchung Biochemische Laborparameter Nachweis von eventuellen Koinfektionen (Hepatitis Delta, HIV, HCV) Hepatitis-A-Virus-Serologie (Frage: Impfung) Oberbauchsonografie Histologische Sicherung und Einstufung einer chronischen HB Indikation zur Leberbiopsie Die Leberbiopsie ist eine hilfreiche Maßnahme zur Differentialdiagnose und Prognosebeurteilung der chronischen Hepatitis. Sie liefert im Kontext der Therapieentscheidung wertvolle Zusatzinformationen (C). Die Leberbiopsie ist für die Evaluierung klinischer Studien von besonderem Wert und wird in diesem Zusammenhang international gefordert. Erläuterung t 284 Maßgebliche Grundlage der Biopsieentscheidung ist die Frage, ob das diagnostische Ergebnis der Biopsie für das therapeutische Vorgehen von Bedeutung ist. Die bioptische Diagnostik dient zur Klärung folgender Fragen: – Bestimmung der entzündlichen Aktivität (Grading); – Bestimmung des Fibroseausmaßes (Staging); – Aussagen zur Ätiologie (insbes. Komorbidität). 4. Österreichischer Konsensusbericht t Da alle o. g. Parameter Einfluss auf die Prognose und Therapie(entscheidung) bei einer Hepatitis B haben können, ist zu jedem Punkt pathologisch-diagnostisch explizit Stellung zu beziehen. Für eine detaillierte Darstellung wird auf die Leitlinie zur bioptischen Diagnostik der chronischen Hepatitis verwiesen [15]. Bei jeder chronischen Hepatitis dient die Leberbiopsie in erster Linie der Bestimmung der entzündlichen Aktivität (Grading) und des Fibroseausmaßes (Staging) und ist in der Beurteilung dieser Parameter nach wie vor der „Goldstandard“ [15, 18]. Die Beurteilung der Ätiologie ist insbesondere bei unklaren oder negativen serologischen Parametern und in Bezug auf relevante Begleiterkrankungen von Bedeutung. Bei unklarer Anamnese und fehlenden biochemischen und serologischen Vorbefunden kann die Leberbiopsie auch dabei helfen, die Chronizität einer Lebererkrankung zu beurteilen. Die Leberbiopsie scheint den momentan verfügbaren nichtinvasiven Tests in der Fibroseevaluation überlegen und besitzt durch die Quantifizierung der Entzündung prädiktive Bedeutung für das therapeutische Ansprechen z.B. auf Interferon-B (15, 24). Auch die nichtinvasiven Tests zeigten allerdings einen klinischen Nutzen [19–21, 25]. Bei fortgeschrittener Leberzirrhose muss eine sorgfältige Risiko-Nutzen-Abwägung für die Biopsie erfolgen, diese fällt oft gegen die Biopsie aus. Verlaufsuntersuchung bei Patienten mit einer Hepatitis B Verlaufsuntersuchungen bei Erstdiagnose einer HBV-Infektion Eine akute HBV-Infektion sollte überwacht werden, bis eine Anti-HBs-Serokonversion erfolgt ist (s. Algorithmus 1). Die Diagnose einer persistierenden HBV-Infektion erfordert regelmäßige Verlaufsuntersuchungen. Bei fehlender Therapieindikation sollten sich diese nach dem klinischen Verlauf richten (s. Algorithmus 2) (B). Bei Ausheilung einer akuten Hepatitis B kommt es häufig erst verzögert zum Anstieg von Anti-HBs-Antikörpern, in ca. 25% der Patienten sind diese auch nach 24 Monaten noch nicht nachweisbar [26]. Daher kann nach Negativierung des HBsAg je nach klinischem Bild die Verlaufskontrolle in großen Intervallen erfolgen (s. Algorithmus 1). Hepatomscreening bei chronischer HBV-Infektion Bei allen chronisch HBV-Infizierten mit einer HBV-DNA > 104 Kopien/mL (2 × 103 IU/mL) oder einer Leberzirrhose sollte nach asiatischen Daten alle 6 bis 12 Monate eine Oberbauchsonografie zur Früherkennung eines HCC durchgeführt werden. Ob dies auch für westeuropäische Populationen gilt, ist bisher nicht ausreichend untersucht, wird aber empfohlen. © Springer-Verlag 9–10/2010 wkw konsensusbericht Algorithmus 1 zur Verlaufskontrolle einer frischen HBV-Infektion Verlaufskontrolle bei akuter HBV-Infektion t t t Transaminasen nach klinischem Bedarf und Verlauf (CAVE: fulminantes Leberversagen!) wiederholen bis zur Normalisierung HBsAg/Anti-HBs alle 3–6 Monate bis HBsAg negativ und Anti-HBs > 10 IU/L bei HBsAg negativ/Anti-HBs < 10 IU/L: HBV-DNA, Kontrolle nach 12 Monaten Algorithmus 2 zur Verlaufskontrolle einer chronischen HBV-Infektion Verlaufskontrolle bei chronischer Hepatitis B (ohne laufende antivirale Therapie) Kontrolle je nach klinischer Aktivität der Erkrankung zunächst alle 3, später alle 12 Monate, bei Vorliegen einer Leberzirrhose alle 6 Monate: t t t t klinische Chemie (Transaminasen und Lebersynthese-Parameter, Blutbild, Prothrombinzeit) HBeAg (sofern initial positiv), HBsAg bei negativem HBeAg HBV-DNA (quantitativ) wegen erhöhtem HCC-Risiko bei Leberzirrhose unabhängig von der Therapie: Oberbauchsonografie (alle 6 Monate) Verlaufskontrolle bei HBsAg-Trägerstatus t t t t t Transaminasen: Anfangs 3 x jährlich, dann alle 12 Monate HBV-DNA quantitativ: alle 12 Monate, und bei Transaminasenanstieg bei Anstieg der Transaminasen über den Normwert: siehe chronische Hepatitis B HBeAg/Anti-HBe alle 12 Monate wegen erhöhtem HCC-Risiko bei Leberzirrhose: Oberbauchsonografie (alle 6 Monate) Diagnostische Kriterien einzelner Verlaufsformen der Hepatitis B/D (siehe auch Tabelle 1) Therapiemonitoring bei chronischer Hepatitis B Besteht eine Therapieindikation für eine chronische HBV-Infektion, sollten folgende Untersuchungen vor Therapie bzw. zum Therapiemonitoring durchgeführt werden (B): Vor Therapie: t t t t Biochemische Laborparameter Serologische HBV-Parameter HBV-DNA quantitativ HBV-Genotypisierung (bei therapeutischer Relevanz) wkw 9–10/2010 © Springer-Verlag Während der Therapie: t t t t t Biochemische Laborparameter alle 3 Monate HBV-DNA quantitativ (Virämie) nach 4–6 Wochen und nach 12 Wochen, dann alle 3–6 Monate HBeAg alle 3 Monate, bei Verlust Anti-HBe Bei Therapie mit Nukleos(t)id-Analoga: bei Anstieg der Virämie trotz gesicherter Einnahme oder bei fehlendem initialen Ansprechen: Bestimmung von Resistenzmutationen im HBV Polymerasegen HBsAg/Anti-HBs bei Verlust des HBeAg und/oder anhaltendem Abfall der HBV-DNA (< 103 Kopien/mL bzw. < 200 IU/mL) Hepatitis Delta Die Hepatitis Delta ist eine durch das Hepatitis-DeltaVirus (HDV) hervorgerufene Infektionserkrankung. Das HDV ist ein defektes Virus mit einem viroidähnlichen Genom (kleine, zirkuläre Einzelstrang-RNA), an das das Hepatitis-Delta-Antigen (HDAg) gebunden ist und parenteral übertragen wird. Das HDV-Genom kann zwar unabhängig von HBV replizieren, für Morphogenese, Freisetzung und Infektiosität benötigt HDV aber die Hüllproteine des HBV. HDV kann entweder simultan mit HBV übertragen werden (Koinfektion) oder aber einen HBV-Träger infizieren (Superinfektion) [27, 28]. Eine HDV-Coinfektion findet sich bei ca. 5% der chronischen HBV-Patienten. Diagnostik der Hepatitis-Delta-Virus-(HDV-) Infektion Eine HDV-Diagnostik wird bei neu diagnostizierter HBV-Infektion sowie bei fehlender Testung bei bekannter HBV-Infektion empfohlen. Insbesondere bei Exazerbation einer chronischen Hepatitis B sollte eine HDV-Superinfektion ausgeschlossen werden (Anti-HDV-Nachweis). Da die Mortalität der Hepatitis D ca. 10-mal so hoch ist wie die einer alleinigen HBV-Infektion [29], ist eine diagnostische Abklärung unbedingt notwendig. Der Nachweis einer bestehenden oder abgelaufenen HDV-Infektion sollte durch den Nachweis von AntiHDV-Antikörpern (Enzymimmunoassay) erfolgen. Eine fortbestehende HDV-Infektion wird durch den Nachweis von HDV-RNA mittels RT-PCR diagnostiziert. Ein quantitativer Nachweis ist in Speziallaboratorien möglich [24, 30] und ist zur Therapieüberwachung (z.B. Interferon-B) anzustreben. Eine chronische HDV-Infektion ist durch die Persistenz der HDV-RNA über mindestens 6 Monate definiert. Vorschlag für Prophylaxe: t t t Hinweis auf Impfplan Risikogruppen und deren Kontaktpersonen (s.o.) Vorgehen bei Nadelstichverletzungen/Postexpositionsprophylaxe 4. Österreichischer Konsensusbericht 285 konsensusbericht Tabelle 1. Diagnostische Kriterien einzelner Verlaufsformen der Hepatitis B/D Akute Hepatitis B: – – – HBsAg positiv und Anit-HBc-IgM positiv; bei fehlendem HBsAg: HBeAg, HBV-DNA Verlauf c 6 Monate Chronische Hepatitis B: – – – – HBsAg + > 6 Monate persisitierend oder intermittierend erhöhte ALT/GOT Werte HBV-DNA initial > 10 4 Kopien / ml (2 x 103 IU/ml) Leberbiopsie mit chronischer Hepatitis (Grading s 2 nach Desmet) HBsAg-Träger-Status: (immuntolerant oder inaktiv) – – – HBsAg + > 6 Monate persisitierend normale ALT/GOT Werte Leberbiopsie (optional) ohne wesentliche Hepatitis (Grading 0–1 nach Desmet) Ausgeheilte Hepatitis B: – – – – Nachweis von Anti-HBc und Anti-HBs s 10 IU/ml HBsAg negativ HBV-DNA negativ; in Ausnahmefällen mittels PCR noch nachweisbar (c 12 IU/ml; c 60 Kopien/ml;) Normale ALT/GOT Werte Sonderfall: „Anti-HBc only“ – – – – Nachweis von Anti-HBc (bestätigt) HBsAg negativ, Anti-HBs negativ oder < 10 IU/ml HBV-DNA negativ oder schwach positiv (< 20 IU/ml; < 102 Kopien/ml) Normale ALT/GOT Werte Hepatitis Delta: – – – HBsAg positiv Anti-HDV positiv HDV-RNA positiv: aktive Infektion Therapieindikationen bei chronischer Hepatitis B Infektion Vorbereitung: Rudolf E. Stauber, Andreas Maieron Die Therapieindikationen bei chronischer Hepatitis B haben sich seit dem letzten Österreichischen Konsensus 2005 anhand der aktuellen Datenlage deutlich gewandelt. Therapieindikation bei chronischer Hepatitis B Eine antivirale Therapie ist grundsätzlich bei hoher Virämie (> 104 copies/ml bzw. > 2000 IU/ml) und dokumentierter Krankheitsaktivität (Transaminasen > 2 x ULN oder Histologie > A1/F1) indiziert. Bei klinischen Zeichen der Leberzirrhose (falls Leberbiopsie vorhanden: höhergradiger Leberfibrose F3 bzw. Zirrhose F4) sollte bei nachweisbarer HBV DNA in jedem Fall (unabhängig von der Höhe der Virämie) antiviral therapiert werden. Patienten dieser Grenzwert – anstelle des früher willkürlich angenommenen Grenzwerts von > 105 copies/ml (entsprechend > 2 x 104 IU/ml) – für die Indikationsstellung herangezogen werden sollte. Die Indikationsstellung basiert weiters auf der Krankheitsaktivität (Transaminasen, Leberhistologie) und sollte je nach Lebensalter und Begleiterkrankungen individualisiert werden. Eine antivirale Therapie ist sowohl bei HBeAg-positiven als auch bei HBeAg-negativen Patienten indiziert, solange die oben genannten Mindestwerte für die Virämie gegeben sind. Bei grenzwertiger Virämie sollten aufgrund des typischerweise fluktuierenden Verlaufs der chronischen Hepatitis B regelmäßige Verlaufskontrollen mit Bestimmung der Virämie erfolgen (siehe Kapitel Therapiemonitoring). Patienten mit höhergradiger Fibrose gelten aufgrund des erhöhten Zirrhose- und HCC-Risikos als besonders behandlungsbedürftig, dementsprechend ist eine liberalere Therapieindikation (jede nachweisbare Virämie) anzuwenden. Spezielle Patientengruppen Erläuterung Die Virämie hat sich anhand rezenter Studien aus Asien als wichtigster prognostischer Parameter bei chronischer Hepatitis B herausgestellt. Eine Beoabachtungsstudie aus Taiwan zeigte eine eindeutige Korrelation zwischen der Höhe der Virämie und dem Auftreten von Folgeerkrankungen wie Zirrhose [8] und HCC [7, 31]. Bei einer Virämie von > 104 copies/ml (entsprechend > 2 x 103 IU/ml) war das Zirrhose- bzw. HCC-Risiko bereits deutlich erhöht, sodass zumindest bei asiatischen 286 4. Österreichischer Konsensusbericht Bei dekompensierter Zirrhose kann die antivirale Therapie mit Nukleos(t)id-Analoga zur Rekompensation bzw. Verzögerung der Transplantationsindikation führen. Daher soll in dieser Situation bei jeder nachweisbaren Virämie therapiert werden. Extrahepatische Manifestationen wie Glomerulonephritis, Vaskulitis oder Arthritis sollen auch bei fehlender hepatischer Krankheitsaktivität eine Therapieindikation darstellen. Bei Ko-Infektion oder Superinfektion mit HDV gilt prinzipiell dieselbe Therapieindikation wie bei chroni© Springer-Verlag 9–10/2010 wkw konsensusbericht scher HBV-Monoinfektion. Jeder Patient mit chronischer Hepatitis B sollte zumindest einmal auf HDV getestet werden. Schwangerschaft Empfehlung Sichere Empfehlungen sind aufgrund der aktuellen Datenlage nicht möglich. Interferon ist kontraindiziert. Nukleos(t)id-Analoga können nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung gegeben werden. Neugeborene sollen aktiv und passiv immunisiert werden und können so weitgehend vor einer perinatalen Infektion geschützt werden. Erläuterung Eine Schwangerschaft stellt in der Regel eine Kontraindikation für alle verfügbaren Medikamente, zumindest im ersten Trimenon, dar. Ein generelles Absetzen einer laufenden Nukleos(t)id Therapie wird dennoch nicht empfohlen, bei einer bisher nicht-behandelten Hepatitis B ist während der Frühschwangerschaft ein Beginn einer antiviralen Therapie selten indiziert. Ein Abset- zen einer laufenden Therapie ist gegen das Risiko von „flares“ abzuwägen, die nach Absetzen der antiviralen Therapie bei eingetretener Schwangerschaft möglich sind. Basierend auf den Daten des Antiretroviral Pregnancy Registry (APR) scheint die Anwendung von Lamivudine und Tenofovir während der Schwangerschaft sicher zu sein, zumindest ein 2-fach erhöhtes Fetales Missbildungsrisiko kann ausgeschlossen werden. Für Telbivudine zeigen tierexperimentelle Studien, dass keine direkten schädlichen Auswirkungen auf Schwangerschaft, embryonale/fetale Entwicklung, Geburt oder postnatale Entwicklung zu erwarten sind. (Peg)interferon ist in der Schwangerschaft aufgrund seiner Teratogenität kontraindiziert. Bei allen HbsAg+ Müttern ist eine aktive und passive Impfung der Neugeborenen unmittelbar post partum durchzuführen um eine neonatale HBV-Infektion zu verhindern, was in mehr als 90% der Fälle gelingt [31]. Prophylaxe und Therapie der Hepatitis B bei immunkompromittierten Patienten Siehe Kapitel „Vorgehen bei Patienten mit Immunsuppression oder unter Chemotherapie“, Kapitel „Organtransplantation“ und Kapitel „HIV-HBV Coinfektion“. HBsAg-positive Chronische Hepatitis B JA NEIN klinischLeberzirrhose? JA (falls LBx: Fibrose 3/4) HBV-DNA >2x103 IU/mL (104 cop/mL) ? NEIN Nachweisbare HBV-DNA Replikation JA JA ALT > 2x ULN ALT > 2x ULN NEIN NEIN JA JA Leberbiopsie: Histologie >A1/F1? NEIN Keine Therapie Monitoring 6–12 Monate NEIN Therapie Monitoring alle 3–6 Monate JA JA NEIN Risikofaktor für HCC? Andere Indikationen (z.B. exrahepat. Manifest) Abb. 3. Algorithmus zur Therapieindikation bei chronischer HBV-Infektion wkw 9–10/2010 © Springer-Verlag 4. Österreichischer Konsensusbericht 287 konsensusbericht t Standardtherapie der chronischen Hepatitis B Vorbereitung: Peter Ferenci, Wolfgang Vogel Alle aktuellen Behandlungsmöglichkeiten der chronischen Hepatitis B haben eine limitierte Langzeitwirksamkeit. Dementsprechend muss die Indikationsstellung zur Therapie vorsichtig mit der Schwere der Lebererkrankung, dem Alter des Patienten, der Wahrscheinlichkeit des Response, den Nebenwirkungen und Komplikationen abgewogen werden. t t t Definition der Behandlungsendpunkte [32] Eine Problematik ergibt sich aus der Definition des Therapieansprechens. Ein Vergleich von Studien ist damit sehr schwierig. Die am häufigsten verwendeten Therapieendpunkte sind: t t t t t t b. virologisches Ansprechen: – Serokonversion HBsAg – antiHBs („Heilung“, kompletter Response) – Serokonversion HBeAg – antiHBe (nur bei HBeAg pos. Hepatitis) – Abfall der HBV-DNA <10.000 Kopien/mL (< 2.000 IU/mL) HBV-DNA unter der Nachweisbarkeitsgrenze biochemisches Ansprechen: Normalisierung der Transaminasen histologisches Ansprechen: Besserung des Entzündungs- und Fibrosegrads um mindestens 2 Punkte [32] kombinierter Response : ALT plus Viruslast kompletter Response : Abfall der Viruslast, Normalisierung der Transaminasen, HBe-Ag oder HBs-Serokonversion, Verbesserung der Histologie. Klinische Parameter : Verminderung der Langzeitmorbidität und Mortalität (dazu gibt es bei der e-Antigen negativen Hepatitis B leider keine verlässlichen Daten) Das Ziel des virologischen Monitoring ist primär die Erfassung der Ausgangsviruslast, die Definition des Responses und der Nachweis eines eventuellen Durchbruchs. Die Quantifizierung der HBV-DNA soll zu Therapiebeginn, nach 12, 24, 48 Wochen Therapie erfolgen. a. 288 Virologische Response-Definitionen und Kriterien in Abhängigkeit von der Zeit: t Initialer Response: s 1 Log Abfall Viruslast nach 12 Wochen Therapie t Primärer Non-Response: fehlender Abfall der Viruslast um s 1 Logstufe nach 12 wöchiger Therapie bei sicher gestellter Compliance des Patienten. t Partieller Response: Verfehlung des Therapiezieles (Suppression der Virusreplikation < 1.000 Kopien/ml) nach 6 Monaten. 4. Österreichischer Konsensusbericht Virologischer Durchbruch (Breakthrough): ist (bei Compliance) als Ausdruck einer Resistenzentwicklung ist definiert als ein Anstieg der Viruslast über eine Logstufe vom niedrigsten Wert während der Therapie bei einem Patienten, der primär angesprochen hat. Dies führt in der Regel zu einem Ansteigen der Transaminasen. Grundsätzlich gibt es zwei Strategien die Entstehung von Resistenzen zu verhindern. Die eine ist überhaupt nicht zu behandeln bzw. mit Interferon zu behandeln. Die zweite Option ist die komplette Suppression der Virusreplikation [34]. Ideal ist eine antivirale Substanz mit einer hohen genetischen Barriere, da bereits zu Beginn der Therapie eine relevante Diversität an Virus Quasispezies und eine Reihe von Mutationen vorliegen, die allerdings mit den gegenwärtigen Methoden nicht nachweisbar sind [35]. t t t Virologische Überwachung [33] c. Anhaltender Response (maintained response): dauerhafte Unterdrückung der Virusreplikation zumindest <1.000 Kopien unter laufender Therapie – dies bedeutet in der Regel auch Besserung der Histologie. Eine komplette Unterdrückung der Replikation verringert das Risiko der Resistenzentstehung auf Polymerase Hemmer signifikant Response am Therapieende (end of treatment response) Relapse: Wiederanstieg der Viruslast nach Therapieende Dauerhafter Response (sustained response): anhaltender Response über 12 Monate nach Therapieende Ausgangsviruslast: Bei einer Ausgangsviruslast von > 7 Log sollte mit einer Substanz hoher Resistenzbarriere und/oder hoher antiviraler Effizienz begonnen werden. Verlaufskontrolle nach 12 Wochen Therapie: bei primärem Non-Response Überprüfung der Compliance bzw. Adaption der Therapie. Kontrolle nach 24 Wochen (partielle Response): bei Fehlen einer Unterdrückung der Virusreplikation auf zumindest < 103 Kopien/ml nach 24 Wochen Therapie besteht ein hohes Risiko der Resistenzentwicklung. Dementsprechend ist eine Modifikation der Therapie angezeigt. Mutationsanalysen [36]: Mutationsanalysen sollten dann durchgeführt werden, wenn es virologisch oder klinisch zu einem Durchbruch gekommen ist, um eine entsprechende Therapieadaption zu definieren. Die Umstellung von Nukleosid auf Nukleotid soll umbedingt überlappend erfolgen, in den meisten Fällen ist eine Kombinationstherapie („Add-on“) vorzuziehen. Für genotypische Bestimmungen gibt es derzeit noch keine gesicherte Indikation. Verfügbare Therapeutika Die Empfehlung zur antiviralen Therapie sollte die limitierte Langzeiteffizienz der derzeitigen Therapie© Springer-Verlag 9–10/2010 wkw konsensusbericht möglichkeiten, der Nebenwirkungen, die Kosten und die prädiktiven Faktoren für ein Ansprechen berücksichtigen. 1. Interferon-B [37–44] Interferon sollte primär zur Behandlung der HBe-Antigen positiven chronischen Hepatitis B im kompensierten Stadium der Lebererkrankung eingesetzt werden. Die Dauer der Therapie beträgt 12 Monate bei HBe-Antigen positiver und mindestens 12 Monate bei HBe-Antigen negativer chronischer Hepatitis B. Pegylierte Interferone (PegIFN-B2a, PegIFN-B2b) sind beim Erwachsenen genauso wirksam wie konventionelle Interferone, sind aber in der klinischen Anwendung leichter und die Medikamente der Wahl. Prognostisch günstige Faktoren für eine Interferon Therapie t t t t HBV Genotyp A bzw. B Viruslast < 106 Kopien (< 2 x 105 IU/mL) 2-fach – besser 5-fach erhöhte Transaminasen Interferon naive Patienten Daher sollten Interferone nur bei Transaminasenerhöhung von mindesten 2x die Norm oder bei einer histologischen Aktivität von einem Score von > 4 im HAI oder einer mittelgradigen Entzündungsaktivität in einem vergleichbaren Score (siehe Hepatitis C) eingesetzt werden. Eine Kombination von Interferon mit einem Nukleosid/Nukleotid-Analog ist nach der derzeitigen Wissenslage nicht sinnvoll, allerdings gibt es nur ausreichende Erfahrungen mit der Kombination Lamivudin/ Peg-Interferon. Die Kombination Peginterferon mit Telbivudine ist auf Grund der häufigen Nebenwirkungen (Polyneuropathie) kontraindiziert. Kontraindikation zur Interferon-Therapie besteht bei Child B- oder C-Zirrhose bzw. bei Vorliegen der Standard-Kontraindikationen. Vorsicht bei Child A (Transaminasenanstieg bei erfolgreicher Therapie)! Nucleosidanalog Generell sind die neueren Nucleosidanaloga in kontrollierten Studien wirksamer als Lamivudin. Die Verträglichkeit der Nucleosidanaloga ist sehr gut [32]. Bei HBeAg positiver Hepatitis B sollte die Therapie mit Nucleosidanaloga über 6 Monate nach HBe-Antigen Serokonversion hinaus durchgeführt werden. Bei HBeAg negativer Hepatitis gibt es keine etablierten Endpunkte. Selbst wenn unter der Therapie HBV-DNA nicht mehr nachweisbar ist, kann es nach Beendigung der Therapie zu einem Relapse kommen, in diesem Fall sollte mit einer neuerlichen Therapie mit Nucleosidanaloga begonnen werden. Das Auftreten resistenter Virusstämme wird bei allen Nucleosidanaloga beobachtet, am häufigsten unter Lamivudin (20–30% im ersten Jahr), gefolgt von Telbivudin (7–20%) und Entecavir (< 1%). Zwischen den verschiedenen Nucleosidanaloga können Kreuzresistenzen bestehen, daher kann eine Therapieerweiterung mit Substanzen dieser Medikamentengruppe problematisch sein. Bei Auftreten von Resistenzen (Anstieg der HBV-DNA > 1,0 log – vorangehend dem Transaminasenanstieg; Mutantennachweis; siehe Diagnostik) ist eine Umstellung auf Nucleotide sinnvoll. Die Gabe des Nucleosidanalogs sollte jedoch fortgesetzt werden („Add-on“ Therapie) [45, 46]. Heute sind in Österreich folgende Nucleosidanaloga verfügbar: – Lamivudin (Zeffix ®) [47, 48] Lamivudin ist der am längsten verwendete Hemmer der viralen Polymerase mit einem ausgezeichneten Wirk- und Sicherheitsprofil. Diese Substanz ist vorteilhaft bei kurzzeitiger Anwendung, in der Spätschwangerschaft bei hoch virämischen Müttern, um die Übertragung auf das Neugeborene zu reduzieren [49]. Darüber hinaus liegen gute Daten zur Verwendung dieser Substanz zur Vorbeugung der Reaktivierung bei immunosuppressiver Therapie vor. Weiters ist bemerkenswert, dass immerhin 20% der Patienten, die früh eine komplette Suppression der Virusreplikation erreichen, dies über 5 Jahre und mehr halten [50]. Auf Grund der hohen Resistenzrate ist Lamivudin (v.a. bei hochvirämischen Patienten (> 7 log), hoch aktiver Hepatitis und einem hohen BMI gilt die Substanz) nicht mehr First-lineTherapie [1]. Lamivudin wird täglich in einer Dosis von 100 mg verabreicht. Lamivudin ist bei dekompensierter Leberzirrhose sicher. – Telbivudin (Sebivo®) [51–53] Telbivudin hat einen guten antiviralen Effekt sowohl bei HBe-Ag positiven und negativen Patienten [51, 52]. Die Ansprechraten sind signifikant besser als mit Lamivudin, insbesondere bei Fällen mit hoher Viruslast. Ein direkter Vergleich mit Entecavir wurde nicht gemacht. Die Resistenzrate beträgt ca. 17% pro Jahr und wird vor allem bei Patienten beobachtet, bei denen nach 6-monatiger Therapie die Virämie persistiert. Bei Lamivudinresistenz ist 2. HBV-DNA Polymerase Hemmer Die DNA-Polymerase-Hemmer werden während der DNA Synthese in den Strang eingebaut und führen zum Replikationsstopp. Der Wirkmechanismus der verfügbaren Medikamente ist ähnlich, sie unterscheiden sich medizinisch in der Dosierung, der Halbwertszeit und der Häufigkeit der Resistenzentwicklung. Polymerasehemmer werden in 2 Gruppen eingeteilt – Nucleosid und Nukleotide. Neben chemischen Unterschieden ist die Trennung deshalb wichtig, weil zwischen Nucleosiden und Nukleotiden keine Kreuzresistenzen bestehen. Wie lange eine erfolgreiche Therapie mit HBV-DNA Polymerasehemmern im Falle einer fehlenden HBe-Ag Serokonversion dauern soll, ist derzeit unklar. Bei HBe-Ag negativen Patienten ohne HBs-Ag Serokonversion ist die Therapiedauer ebenfalls unklar. wkw 9–10/2010 © Springer-Verlag 4. Österreichischer Konsensusbericht 289 konsensusbericht keit und der Verträglichkeit Adefovir überlegen. Wegen der potentiellen Nephrotoxizität sind auch bei Tenofovir regelmäßige Serumkreatinin- und Phosphatkontrollen notwendig. Tenofovir ist zwar nicht in der Schwangerschaft zugelassen, jedoch gibt es viel Erfahrung mit Tenofovir in der Schwangerschaft bei HIV-Patientinnen, welche in einem Register gelistet sind (www.apregistry.com/who.htm). Die Missbildungsrate unter Tenofovir ist demnach nicht erhöht und beträgt mit 2,7% der in einer gesunden Normalbevölkerung erwarteten Missbildungsrate. Die Tagesdosis beträgt 245 mg. Tenofovir ist derzeit zur Therapie der HIV Infektion in Österreich zugelassen, wird aber auch zur Therapie der chronischen Hepatitis B bereits verwendet. ohne Mutationsanalyse ein Wechsel auf Telbivudin nicht sinnvoll. Telbivudin wird täglich in einer Dosis von 600 mg verabreicht. Die Anwendung von Telbivudine ist in der Schwangerschaft, nach sorgfältiger Abwägung von Nutzen und Risiko möglich, die Datenlage dazu aber sehr eingeschränkt. Die wesentlichen potentiellen Nebenwirkungen sind eine Myopathie und in Kombination mit Peginterferon eine toxische Polyneuropathie. – Entecavir (Baraclude®) [54–56] Dieses Medikament ist eine der potentesten antiviralen Substanzen bei chronischer Hepatitis B. Es führt zu einen dramatischen Abfall der HBV-DNA sowohl in HBe-Ag positiven wie auch in negativen Patienten [54, 57]. Die HBe-Ag-Serokonversion ist allerdings vergleichbar mit anderen Nukleosiden. Entecavir wird täglich in einer Dosis von 0,5 (Ersttherapie) bis 1 mg (bei Zweittherapie) verabreicht. Die Resistenzrate liegt nach 5-jähriger Therapie bei nicht-vorbehandelten Patienten bei 0,8% [58]. Allerdings treten bei Vorliegen von Lamivudin Resistenzen auch gegen Entecavir in 35% der Patienten Resistenzen nach 4 Jahren auf [59]. Bei Vorliegen von Lamivudin Resistenz sollte Entecavir mit Vorsicht verwendet werden. Nucleotidanaloga – – 290 Adefovir-Dipivoxil (Hepsera®) [51, 60, 61] Im Vergleich zu den Nukleosid-Präparaten hat die Substanz eine geringere antivirale Effizienz (bei etwa 25 % der Patienten kommt es nur zu einem ca. 2 log Abfall der Viruslast während des 1. Jahres der Behandlung) [60, 62]. Dies wird vor allem bei HBe-Ag positiven Patienten mit hoher Viruslast beobachtet. Adefovir ist bei Lamivudin resistenten Mutanten wirksam und wird dann als Alternativtherapie oder als „Add-on“ Therapie gegeben. Als First-line Therapie kommt es bei ca. 29% der Patienten innerhalb von 5 Jahren zum Auftreten von resistenten Mutationen [63]. Kreuzresistenzen zwischen Adefovir und Lamivudin werden nicht beobachtet. Die Dosierung beträgt 10 mg/d. Adefovir ist sicher bei dekompensierter Lebererkrankung. Wegen der potentiellen Nephrotoxizität sind regelmäßige Serumcreatinin- und Phosphatkontrollen notwendig. Tenofovir (Viread®) [64, 65] Tenofovir ist ein potentes Nukleotidanalog. Es besteht keine Kreuzreaktion zu Resistenzen, für die die bekannten Nukleoside selektionieren. Im Vergleich zu Adefovir hat Tenofovir eine höhere antivirale Effizienz: ca. 75% der HBe-Ag positiven und ca. 90% der HBe-Ag negativen Patienten erreichen eine komplette unterdrückte Hepatitis B Virusreplikation [64]. Die HBe-Ag Serokonversionsrate ist allerdings ähnlich der, die mit den anderen Nukleos(t) id-Präparaten erreicht werden. Tenofovir ist von der EMEA und auch in Österreich zur Therapie der Hepatitis B zugelassen. Tenofovir ist in der Wirksam- 4. Österreichischer Konsensusbericht – Kombination Nucleosidanaloga mit Nukleotiden [66] Nach dem derzeitigen Wissensstand ist eine Kombination bei bestehender Virusresistenz empfohlen. In Zukunft werden die Resultate laufender Studien zeigen, ob die Kombinationstherapie schon am Anfang gegeben werden sollte, um das Auftreten von Resistenzen zu vermeiden. – Emtricitabin + Tenofovir (Truvada®) Diese Nucleosid-/Nucleotid-Kombination ist derzeit in Österreich nur zur Therapie der HIV-Infektion zugelassen. Sie könnte jedoch in Fällen von unzureichendem Ansprechen auf Tenofovir auch bei chronischer Hepatitis B angewandt werden. Entsprechende Studien fehlen bisher. Individuelle Therapiewahl [32, 66] Die Entscheidung ob man sich in der Ersttherapie Interferon oder Nucleosidanaloga wählt, basiert nicht auf kontrollierten Studien. Grundsätzlich kann außer bei Vorliegen einer Zirrhose jedes Medikament gegeben werden. Das spezielle Therapieziel und das Nebenwirkungsprofil soll mit dem Patienten besprochen und gemeinsam die Entscheidung getroffen werden. Der Vorteil der Interferontherapie ist die zeitlich limitierte Therapiedauer von 12 Monaten, jener der Nucleosidanaloga die wesentlich bessere Verträglichkeit. Junge, HBeAg positive Patienten mit hoher Krankheitsaktivität profitieren am meisten von einer Interferontherapie. Bei Zirrhotikern ist Vorsicht geboten, es besteht eine relative Kontraindikation zu Interferon. Die Therapie mit Nucleosid- und Nukleotidanaloga gilt grundsätzlich als wirksam und sicher, unter der Gabe von Adefovir und Tenofovir muss die Nierenfunktion überwacht werden. Moderat bis schwere chronische Hepatitis D sollte mit IFN-B 9 MU oder 5 MU/m 2 3 x wöchentlich über mindestens 1 Jahr behandelt werden [67]. Alternativ kann eine Therapie mit pegyliertem IFN in Standarddosierung überlegt werden [68]. Eine Therapie mit Nucleosid-/ Nucleotidanaloga ist wenig wirksam [69]. Bei Ko-Infektion mit dem Hepatitis C-Virus richtet sich die Therapie nach der HC-Virusinfektion. Eine Reaktivierung der Hepatitis B wurde während der Gabe © Springer-Verlag 9–10/2010 wkw konsensusbericht HBeAg BV-DNA GPT Zirrhose Therapie – – normal nein keine –/+ + <2x nein individuell zu entscheiden –/+ + >2x nein IFN, NUC, NUT –/+ + erhöht ja, kompensiert IFN, NUC, NUT erhöht ja, dekompensiert NUC, NUT –/+ IFN Interferone; NUC Nucleosidanaloga; NUT Nukleotide; HBV-DNA positiv Virusreplikation > 3 log IU/ml. Abb. 4. Zusammenfassung der Therapieoptionen bei chronischer Hepatitis B von Peginterferon/Ribavirin beobachtet. Eine gleichzeitige Gabe von Nucleosidanaloga ist zu erwägen (siehe Hepatitis C Konsensus). Prävention der HBV-Infektion Neben der generellen Empfehlung zur aktiven Immunisierung gegen Hepatitis B muss sichergestellt werden, dass zumindest Kontaktpersonen von Patienten mit chronischer Hepatitis B immunisiert werden. Patienten mit chronischer Hepatitis B sollen zusätzlich aktiv gegen Hepatitis A immunisiert werden, um dieses zusätzliche Risiko für die Verschlechterung der Lebererkrankung auszuschalten. Akute Hepatitis B Vorbereitung: Harald Hofer Unter akuter Hepatitis B versteht man das klinische Bild einer akuten Hepatitis mit Erhöhung der Transaminasen und optionaler Einschränkung der Lebersynthese infolge einer Neuinfektion mit dem Hepatitis B Virus. Die akute Hepatitis B stellt beim immunkompetenten Patienten in der Regel keine Indikation zur Durchführung einer antiviralen Therapie dar, da sie in überwiegender Mehrzahl einen selbstlimitierenden Verlauf nimmt. Fulminante Verlaufsformen einer akuten Hepatitis B sind selten (< 1%), führen aber unbehandelt in einem hohen Prozentsatz zum akuten Leberversagen. Sind Zeichen einer deutlichen Einschränkung der Leberfunktion im Sinne einer schweren akuten oder fulminanten Hepatitis B vorhanden, ist eine antivirale Therapie mit Nucleosid-/Nucleotid-Analoga gerechtfertigt, wobei bisher nur Daten zu Lamivudin vorliegen. Diese Patienten sollten unbedingt frühzeitig in ein Transplantationszentrum transferiert werden. Therapie bei schwerer akuter Hepatitis B Eine antivirale Therapie mit Nukleos(t)id ist bei schwerer akuter (INR > 2,0) oder fulminanter Hepatitis B zu erwägen. wkw 9–10/2010 © Springer-Verlag Eine akute Hepatitis B sollte nachbeobachtet werden bis eine Anti-HBs-Serokonversion erfolgt ist. Patienten mit akuter Hepatitis B sollten hinsichtlich evtl. vorliegender Koinfektionen (HDV, HCV, HIV) untersucht werden. Patienten mit akuter Hepatitis B sollen über potentielle Infektiosität aufgeklärt werden. Familienmitgliedern und Sexualpartnern von Patienten mit akuter Hepatitis B soll eine HBV-Diagnostik und ggf. eine Immunisierung angeraten werden. Erklärung Unter akuter Hepatitis B versteht man das klinische Bild einer akuten Hepatitis mit Erhöhung der Transaminasen und optionaler Einschränkung der Lebersynthese infolge einer Neuinfektion mit dem Hepatitis B Virus. Die akute Hepatitis B stellt beim immunkompetenten Patienten in der Regel keine Indikation zur Durchführung einer antiviralen Therapie dar, da sie in überwiegender Mehrzahl (95–99%) einen selbstlimitierenden Verlauf nimmt und spontan ausheilt [70, 71]. Eine diesbezügliche randomisierte, Placebo-kontrollierte Studie aus Indien hat keinen Vorteil einer Therapie mit Lamivudin gegenüber Placebo ergeben [72]. Daten aus den USA und Europa sind gegenwärtig noch nicht verfügbar. Fulminante Verlaufsformen einer akuten Hepatitis B sind selten (< 1% der Fälle) [73, 74] führen aber unbehandelt in einem hohen Prozentsatz zum akuten Leberversagen [4, 75–77]. In Fallserien konnte gezeigt werden, dass bei Patienten mit schwerer akuter oder fulminanter Hepatitis B eine frühzeitige Behandlung mit Lamivudin seltener eine Lebertransplantation bei gutem Sicherheitsprofil notwendig machen könnte [78–81]. Es empfiehlt sich daher initial engmaschige klinische (Enzephalopathie, Ikterus) sowie laborchemische Kontrollen (Transaminasen, Lebersynthese) durchzuführen, um einen Übergang in ein fulminantes Leberversagen zu erkennen. Sind Zeichen einer deutlichen Einschränkung der Leberfunktion im Sinne einer fulminanten Hepatitis B vorhanden, ist eine antivirale Therapie mit Lamivudin gerechtfertigt. Zusätzlich sollten die Patienten bei entsprechender Verschlechterung frühzeitig in ein Transplantationszentrum transferiert werden. Dies sollte erfolgen bevor Zeichen der schweren Enzephalopathie auftreten, da die Prognose dieser Patienten durch den Transport verschlechtert wird. Sind die Transaminasen sowie die Syntheseparameter wiederum im Normbereich sollte eine akute Hepatitis B nachbeobachtet werden bis eine Anti-HBsSerokonversion erfolgt ist (HBsAg neg/Anti-HBs pos). Nach HBsAg Verlust können die Kontrolluntersuchungen in längeren Intervallen erfolgen (6–12 Monate). HBV/HIV-Koinfektionen [82] Vorbereitung: Herman Laferl Kontroll-Untersuchungen bei HBV-/HIV-Koinfektion t Patienten mit einer bekannten HBV/HIV-Koinfektion sollten wegen der erhöhten Hepatotoxizität der 4. Österreichischer Konsensusbericht 291 konsensusbericht HAART alle 3–6 Monate auf klinische Aktivität der Hepatitis B untersucht werden. Hepatotoxisch kann sowohl die HAART selbst wirken (v.a. wenn die NRTI’s Didanosin und Stavudin oder der NNRTI Nevirapin verwendet werden) als auch die Immunrekonstitution unter HAART, welche zu einem akuten Hepatitis B-Schub führen kann. Therapieindikation für die chronische HBV-Infektion bei HIV-Koinfektion t t Die chronisch-replizierende Hepatitis B mit entzündlicher Aktivität oder Fibrose sollte beim HIVKoinfizierten unabhängig vom Immunstatus behandelt werden. Wenn bereits eine Leberzirrhose vorliegt, so ist eine Therapie unabhängig von der entzündlichen Aktivität indiziert. Therapie bei HBV/HIV-Koinfektion tion sollte wegen des Risikos von fulminanten Reaktivierung der Hepatitis B vermieden werden. HBV/HCV/HIV und HBV/HDV/HIV DreifachInfektionen t t HIV-Infizierte mit einer HBV-HCV-Koinfektion oder einer HBV-HDV-Koinfektion sollten für eine Behandlung evaluiert werden. Die Therapie orientiert sich an der klinisch im Vordergrund stehenden Virushepatitis und entspricht den bei den HBV/HDV- und HBV/HCV-Doppelinfektionen etablierten Prinzipien unter Berücksichtigung des Immunstatus und der Notwendigkeit einer HAART. Vorgehen bei Patienten mit Immunsuppression oder unter Chemotherapie [82] Vorbereitung: Markus Peck-Radosavljevic t t t t die Art der Behandlung sollte sich an einer Reihe von virologischen und Patientenparametern orientieren: Transaminasen, Histologie, HBV-Viruslast, HBV-Genotyp, HBeAg-Status, HBV-Resistenzvarianten/antiretroviraler Vorbehandlung, Immunstatus (CD4-Zellzahl) wenn keine Indikation für eine HAART besteht und nur die chronische Hepatitis B behandelt werden soll, so kann die Therapie wie beim HBV-Monoinfizierten entweder mit PegIFN- oder mit einem Nukleosid-/Nucleotid-Analogon erfolgen. Im zweiteren Falle soll aber idealerweise beachtet werden, dass Analoga ohne HIV-Aktivität eingesetzt werden, um die Entwicklung von Resistenzen des HIV zu vermeiden. Aktuell dürfte lediglich Telbivudine keine HIVAktivität aufweisen. Entecavir ist wenig gegen das HI-Virus aktiv, vereinzelte Resistenzen wurden jedoch beschrieben [83]. wenn eine Indikation für eine HAART besteht, so sollte die HBV-Infektion gemeinsam mit der HIVInfektion behandelt werden. Dafür sollten im Idealfall zwei Reverse-Transkriptase-Inhibitoren eingesetzt werden, welche Aktivität gegen HBV und HIV haben. Derzeit bieten sich hier in erster Linie Kombinationen von Tenofovir mit Lamivudine oder Tenofovir mit Emtricitabin an, andere Kombinationen sind aber grundsätzlich auch denkbar. für Patienten mit fortgeschrittener Leberzirrhose, gutem Immunstatus und effektiver HAART ist die Lebertransplantation nicht prinzipiell auszuschließen. Überwachung der antiviralen Therapie bei HBV/HIV-Koinfektion t t 292 die Therapieüberwachung und Therapiemodifikationen sollen so wie bei der HBV-Monoinfektion erfolgen, wobei die HIV-Infektion beachtet werden soll. ein vollständiges Absetzen der Nukleosid-/Nukleotid-Analoga mit Wirksamkeit gegen die HBV-Infek- 4. Österreichischer Konsensusbericht Immunsuppression kann zur Reaktivierung einer immunologisch kontrollierten Hepatitis B führen und mitunter bis zu fulminanten Verläufen führen. Immunsuppression kann durch immunsuppressive Medikamente (Corticosteroide, TNF-Antikörper, CD20-Antikörper, Azathioprin, Methotrexat, Leflunomid, Cylcosporin, Mycophenolat, Tacrolimus, Rapamycin), zytostatische Chemotherapeutika oder durch myeloablative Therapien im Rahmen einer Knochenmarkstransplantation erfolgen. Die Wahrscheinlichkeit und Heftigkeit der Reaktivierung der Hepatitis B hängt von der individuellen Patientensituation (HBsAg+ oder nur HBcAk+) und dem Ausmaß der Immunsuppression ab. So führt zytostatische Chemotherapie bei HBsAg+ Patienten in 15–50% zur Reaktivierung, bei Knochenmarkstransplantation tritt dies in über 75% der Fällen auf. HBsAg-positive Patienten t t t bei immunsuppressiver Therapie sollten HBsAg+ Patienten prophylaktisch unabhängig von ihrer Viruslast mit Nucleosid-/Nucleotid-Analoga behandelt werden. diese prophylaktische Therapie kann zumeist je nach Ausmaß der Immunsuppression 6–12 Monaten nach Ende der immunsuppressiven Therapie beendet werden [84] folgende mögliche Therapie-Endpunkte werden von Experten empfohlen: – Patienten mit einer Viruslast < 2000 IU/mL (< 10 4 Kopien/mL) vor Chemotherapie: 6 Monate nach Ende der Chemotherapie sowie Normalisierung der Leukozyten – Patienten mit einer Viruslast > 2000 IU/mL (> 10 4 Kopien/mL) vor Chemotherapie: 12 Monate nach Ende der Chemotherapie oder 6 Monate nach HBeAg Serokonversion und HBV-DNA < 2000 IU/ mL oder HBsAg zu anti-HBs Serokonversion (da© Springer-Verlag 9–10/2010 wkw konsensusbericht nach weiteres Management wie im StandardSetting) HBsAg –, HBcAk+ Patienten t t HBsAg–, HBcAk+ Patienten benötigen unter immunsuppressiver Therapie (Ausnahme: Knochenmarkstransplantation) nicht unbedingt eine prophylaktische Therapie, da eine Reaktivierung nur sehr selten erfolgt. Sie sollten aber engmaschig (3 Monate) auf eine Anstieg der HBV-DNA oder das Auftreten eines HBsAg überwacht werden. In diesen Fällen wäre eine Therapie mit Nucleosid-/Nucleotid-Analoga indiziert. Eine Impfung sollte bei Patienten ohne HBsAk durchgeführt werden. HBsAg –, HBcAk– Patienten t t HBsAg–, HBcAk– Patienten sollten auf das Vorliegen von anti-HBsAk untersucht werden wenn der anti-HBsAk-Titer < 100 IU/mL ist, gilt die allgemeine Impfempfehlung. Patienten, welche eine Knochenmarkstransplantation (KMT)/Stammzelltransplantation (SZT) erhalten werden t t t t t t t alle Patienten vor KMT/SZT müssen auf das Vorliegen einer chronischen oder abgelaufenen Hepatitis B (HBsAg, anti-HBs, anti-HBc) untersucht werden. Bei HBs-Ag-Positivität muss eine entsprechende weitere Abklärung erfolgen (siehe Abschnitt „Diagnostik“). Patienten mit chronischer Hepatitis B müssen entsprechend der aktuellen Empfehlungen mit Nucleosid-/Nucleotid-Analoga behandelt werden. Das gleiche gilt für HBsAg+ Patienten, isoliert HBcAk+ Patienten und anti-HBs/anti-HBc+ Patienten. die Therapie muss zumindest zeitgleich mit dem Beginn der myeloablativen Therapie gestartet werden. die prophylaktische Therapie sollte zumindest bis 6 Monate nach vollständiger Immunrekonstitution fortgesetzt werden. bei chronischer Hepatitis B sollte die Therapie mit Nucleosid-/Nucleodtid-Analoga entsprechend den Empfehlungen bei der chronischen Hepatitis B durchgeführt werden (siehe oben). bei anti-HBs+ Spender und isoliert anti-HBc+ Empfänger ist die Notwendigkeit einer prophylaktischen Therapie nicht nachgewiesen. Im Falle einer KMT/ SZT sollte die HBV-DNA bei diesen Patienten engmaschig (ca. alle 4 Wochen) kontrolliert werden und im Falle der Detektion einer HBV-DNA eine entsprechende Therapie durchgeführt werden. Es ist jedoch möglich, dass die primäre prophylaktische Therapie kosteneffektiver ist. der Versuch eines adoptiven Immuntransfers durch aktive Immunisierung des Spenders (oder durch Auswahl eines Spenders mit durchgemachter Hepatitis B-Infektion) sollte erwogen werden. Ein adop- wkw 9–10/2010 © Springer-Verlag tiver Immuntransfer dürfte besser bei Spendern mit durchgemachter HBV-Infektion als bei aktiver Immunisierung funktionieren. Zeitgleich sollte auch eine antivirale Prophylaxe des Empfängers durchgeführt werden (siehe oben). Lebertransplantation bei HBV-Infektion Vorbereitung: Ivo Graziadei Die Lebertransplantation (LT) ist die einzig kurative Therapieoption für Patienten mit akutem oder chronischem Leberversagen, sowie einem hepatozellulären Karzinom (HCC). In Europa werden ungefähr 5–10% der LT aufgrund einer HBV Erkrankung durchgeführt. Die Indikationsstellung zur LT (Child B, MELD > 11) unterscheidet sich bei Patienten mit HBV Zirrhose nicht von der anderer Lebererkrankungen. Management vor LT Die antivirale Therapie mit Nukleos(t)id-Analoga führt bei Patienten mit dekompensierter Leberzirrhose zu einer deutlichen Reduktion der Viruslast und folglich meist zu einer Stabilisierung des klinischen Verlaufs. Aus diesem Grund sollte bei Patienten mit HBV induzierter Leberzirrhose und nachweisbarer HBV-DNA unverzüglich die antivirale Therapie mit Nukleos(t)id-Analoga begonnen werden. Die Therapie mit pegyliertem Interferon ist bei Patienten auf der Lebertransplantationsliste mit Leberzirrhose nicht sinnvoll. Die Therapiedauer ist unlimitiert, da es nach Absetzen der Nukleos(t)id-Analoga zu schweren Hepatitisschüben bedingt durch einen Wiederanstieg der Viruslast kommen kann. Insbesondere bei Patienten mit Leberzirrhose können Reaktivierungen mit dem Risiko einer Dekompensation der Lebererkrankung assoziiert sein [85]. Während der Wartezeit sind regelmäßige Kontrollen (ca. 3-monatliche Bestimmung der HBV-DNA) zum Ausschluss einer Resistenzentwicklung und gleichzeitiger Reaktivierung der Virusreplikation erforderlich. Die meisten Erfahrungen zur Therapie von Patienten mit dekompensierter Leberzirrhose liegen für Lamivudine vor. Publizierte Daten für andere Nukleos(t) id-Analoga, wie Adefovir, Telbivudin, Entecavir und Tenofovir im speziellen Einsatz vor LT liegen nur begrenzt vor, zeigen aber eine gute Wirksamkeit dieser Substanzen (Evidenzgrad C) [86, 87]. Primäres Therapieziel vor LT ist die Suppression der Viruslast unter die Nachweisgrenze sensitiver Testverfahren (HBV-DNA < 300 copies/mL oder < 60 IU/mL). Die Rate der malignen Transformation wird durch die antivirale Therapie signifikant reduziert [48, 88]. Trotzdem sind regelmäßige HCC Screening Untersuchungen (abdominelle Sonographie, optional in Kombination mit CT oder MR) in 3- bis 6-monatigen Abständen durchgeführt werden. Die antivirale Therapie kann in etwa einem Drittel der Patienten eine Rekompensation der Leberzirrhose (Child A, MELD < 11) bewirken [89–92]. Im Einzelfall 4. Österreichischer Konsensusbericht 293 konsensusbericht muss entschieden werden, ob weiterhin die Indikation zur LT gegeben ist. Patienten mit in sensitiven Testverfahren nicht quantifizierbarer Virusreplikation bedürfen nach derzeitigem Stand der Literatur keiner antiviralen Therapie. Engmaschige Verlaufskontrollen (ca. 3-monatlich) der HBV-DNA sind jedoch notwendig. Management nach LT Definition der HBV Reinfektion Die HBV Reinfektion nach LT wird durch die Persistenz oder das Wiederauftreten von HBs-Ag im Serum angezeigt. Die HBV-DNA muss nicht unbedingt nachweisbar sein. Die Reinfektion geht in der Regel mit einer histologisch nachweisbaren Hepatitis im Lebertransplantat einher. Eine besonders rasch progrediente Verlaufsform stellt die fibrosierend cholestatische Hepatitis B dar, die als Sonderfall auftreten kann und mit einer schlechten Prognose einher geht [93, 94]. Eine generelle Empfehlung zur Leberbiopsie bei HBV Reinfektion kann nicht gegeben werden. Reinfektionsprophylaxe Ohne entsprechende Prophylaxe kommt es bei der Mehrzahl der Patienten (70–90%) zu einer Reinfektion des neuen Organs. Dies führte mittelfristig zu einem reduzierten Transplantat- und Patientenüberleben. Mit Einführung der Hepatitis B Immunglobulin (HBIg)Prophylaxe konnte die Reinfektionsrate signifikant gesenkt und folglich das Überleben verbessert werden [95]. Eine weitere Reduktion der HBV Reinfektion unter 10% und eine Steigerung des Langzeitüberlebens konnte durch die Kombinationsprophylaxe HBIg und Nukleos(t)id-Analoga erzielt werden [96, 97]. Ein 10-Jahresüberleben von etwa 80% kann heute erwartet werden. Die Reinfektionsprophylaxe ist bei HBV Patienten obligat und erfolgt mit einer Kombination aus HBIg und einem Nukleos(t)id-Analoga. Die meisten Daten liegen für die Kombination HBIg und Lamivudin bzw. Adefovir bei Patienten mit Lamivudin Resistenzentwicklung vor [87, 98]. Bei bis zur LT unbehandelten Patienten empfiehlt sich primär die Gabe von Lamivudin und HBIg. Bei Patienten mit hoher Viruslast zum Zeitpunkt der LT (> 107 Kopien/mL) sollte die Gabe eines im Vergleich zu Lamivudin antiviral potenteren Nukleos(t)id-Analogons in Kombination mit HBIg in Erwägung gezogen werden. Publizierte Daten hierzu liegen jedoch nicht vor. Bei Patienten mit Nukleos(t)id-Analoga-Resistenzen zum Zeitpunkt der LT wird die Prophylaxe mit einem gegen die resistente HBV Variante wirksames Nukleos(t) id-Analogon Substanz in Kombination mit HBIg empfohlen. Die Prophylaxe soll in der anhepatischen Phase mit der Applikation von HBIg beginnen. Die HBIg Gabe wird anhand des anti-HBs Titers titriert. In der frühen postoperativen Phase (Tag 1–90) sollten anti-HBs Titer von 294 4. Österreichischer Konsensusbericht > 250 IU/ml und im weiteren von > 100 IU/ml angestrebt werden [99]. Die Therapie mit dem Nukleos(t)id-Analogon sollte, sobald eine orale Medikamenteneinnahme möglich ist, beginnen (eventuell Gabe per Sonde). Die Kombinationsprophylaxe wird zeitlich unbeschränkt empfohlen. Aufgrund der hohen Kosten der HBIg Gabe wird ein Absetzen der HBIg Prophylaxe diskutiert und in zahlreichen zumeist unkontrollierten Studien mit kleiner Patientenzahl evaluiert. Anhand der derzeitigen Datenlage kann ein vorzeitiges Absetzen von HBIg generell nicht empfohlen werden. Einige Daten sprechen jedoch für die Möglichkeit, gerade bei Patienten mit geringem Rezidivrisiko (negativer HBV-DNA Nachweis zum Zeitpunkt der LT, LT bei akutem HBV assoziiertem Leberversagen), HBIg nach 6 oder 12 Monaten abzusetzen mit Beibehaltung der Nukleos(t)idAnaloga Therapie. Aktuelle Arbeiten zeigen, dass intramuskuläre HBIg Präparate ähnlich effektiv wie die intravenöse Verabreichung, jedoch kostengünstiger sind [100, 101]. Eine aktive Hepatitis B Impfung nach LT mit dem Ziel eine dauerhafte anti-HBs Antwort zu induzieren, ist nur bei wenigen Patienten möglich [102–105], kann jedoch im Einzellfall unter Beibehaltung der Kombinationsprophylaxe in Erwägung gezogen werden. Bei antiHBc positiven und HBsAg negativen Empfängern ist keine HBV Prophylaxe und/oder spezielle Überwachung notwendig. Therapie bei nachgewiesener (Re)infektion („akute posttransplantations“-Hepatitis B) Aufgrund des hohen Risikos des Transplantatverlustes und der signifikanten Mortalität besteht bei allen Patienten mit HBV (Re)infektion nach LT die Indikation zur sofortigen antiviralen Therapie mit Nukleos(t)id-Analoga unabhängig der Viruslast, der Höhe der Transaminasen, der inflammatorischen Aktivität und des Fibrosestadiums. Die Wahl der antiviralen Therapie erfolgt in Abhängigkeit der Vortherapie bzw. der Resistenzsituation [98]. Der Einsatz hochpotenter Nukleos(t)id- Analoga mit hoher genetischer Barriere ist zu bevorzugen, allerdings konnte der Vorteil dieser neuen Substanzen in der Therapie der HBV-Infektion nach LT in Studien noch nicht belegt werden. Zur Kontrolle der Therapie muss die HBV-DNA alle 3 Monate überprüft werden. Bei ausreichendem Ansprechen (HBV-DNA unter der Nachweisgrenze) sollte die Therapie unlimitiert fortgesetzt werden. Bei unzureichender Reduktion oder einem Wiederanstieg der Viruslast ist eine Modifikation der antiviralen Therapie notwendig. Kombinierte Leber- und Nierentransplantation Das Management vor und nach kombinierter Leberund Nierentransplantation unterscheidet sich nicht vom Vorgehen bei Patienten mit alleiniger LT. Die Dosierung der Nukleos(t)id Analoga ist der jeweiligen Nierentransplantatfunktion anzupassen, bei Nukleotid-Analogatherapie ist wegen der potentiellen Nephro© Springer-Verlag 9–10/2010 wkw konsensusbericht toxizität der Therapie der Nierenfunktion ein besonderes Augenmerk zu schenken. Andere Organtransplantationen (Niere, Niere-Pankreas, Herz, Lunge) HBV-infizierte Organtransplantationsempfänger haben im Vergleich zu HBV negativen Patienten ein signifikant reduziertes Transplantat- und Patientenüberleben [106]. Daher sollten alle Patienten vor einer Organtransplantation auf eine chronische Hepatitis B untersucht werden. Bei HBV-negativen Patienten ist eine aktive Immunisierung indiziert. Bei HBs-Ag positiven Patienten wird eine weitere Diagnostik zum Ausschluss einer fortgeschrittenen Lebererkrankung empfohlen. Die Indikation zur Leberbiopsie sollte großzügig gestellt werden. Bei Vorliegen einer Leberzirrhose ist die Indikation zu einer kombinierten Organtransplantation zu überprüfen, da eine HBV-assoziierte Leberzirrhose einen besonderen Risikofaktor für eine leberbezogene Mortalität nach Transplantation darstellt [107, 108]. Unbehandelt zeigt die chronische Hepatitis B nach Transplantation aufgrund der verwendeten Immunosuppression einen besonders progredienten Verlauf und ist mit einer hohen Mortalität assoziiert. Daher sollten Patienten mit chronischer Hepatitis B antiviral behandelt werden. Da Interferon bei Organtransplantierten kontraindiziert ist, stellen Nukleos(t)id Analoga die Therapie der Wahl dar. Ziel der antiviralen Therapie ist die rasche Senkung der Viruslast unter die Nachweisgrenze sensitiver HBV-DNA Tests (< 300 Kopien/ mL oder < 60 IU/mL) bzw. bei inaktiven HBV Trägern die Prophylaxe der HBV-Reaktivierung unter der immunsuppressiven Therapie. Das Risiko einer HBV-Reaktivierung bei antiHBc (± antiHBs) positiven Patienten liegt bei etwa 3%. Daher wir bei anti-HBc positiven Organempfängern (außer bei LT) keine generelle antivirale Prophylaxe empfohlen. Eine regelmäßige Überwachung der HBV-DNA sollte jedoch erfolgen und eine Behandlung eingeleitet werden, falls diese positiv wird. Organtransplantation bei anti-HBc positiven Spendern De-novo HBV-Infektionen nach Lebertransplantation werden bei ca. 2–5% beobachtet. Die Transplantation eines anti-HBc positiven Organs führt in 30–100% zu einer HBV-Infektion des Empfängers. Ein etabliertes Therapieregime zur Prophylaxe einer de-novo Infektion besteht nicht. Kleinere Studien konnten jedoch zeigen, dass die Kombinationsprophylaxe HBIg und Lamivudin effektiv ist [109, 110]. Bei antiHBs-positiven Empfängern dürfte eine Lamivudin Monotherapie zur Prophylaxe ausreichen [109]; bei antiHBc negativen Patienten ist die Kombinationsprophylaxe aus HBIg und Lamivudin zumindest für eine Woche mit Fortsetzung der Lamivudin Monotherapie anzuraten. Ergebnisse für andere Nukleos(t)id Analoga liegen in dieser Fragestellung nicht vor. Eine generelle Empfehlung über die Dauer der Therapie kann nicht gegeben werden, sie sollte jedoch wkw 9–10/2010 © Springer-Verlag zumindest ein Jahr erfolgen. Eine aktive Immunisierung kann nach Reduktion der Immunosuppression durchgeführt werden. Das Risiko einer de-novo HBV–Infektion ist bei Nieren-, Herz- und Lungentransplantation bei Verwendung eines antiHBc positiven Spenders mit < 5% deutlich reduziert [111–113]. Aus diesem Grund besteht bei diesen Patienten keine generelle Empfehlung einer Prophylaxe. Die Empfänger sollten jedoch regelmäßig auf HBsAg und HBV-DNA überwacht werden und bei serologisch positivem Befund antiviral mit Nukleos(t)id Analoga behandelt werden. Bei antiHBs negativen Empfängern sollte auf jeden Fall vor der Transplantation bereits eine aktive Immunisierung angestrebt werden. Hepatitis B bei Kindern und Jugendlichen Vorbereitung: Johann Deutsch, Wolf-Dieter Huber Epidemiologie 5% aller HBV-Carrier sind Kinder und Jugendliche, 1/3 aller Carrier erwarb die Infektion während der Kindheit, bes. bei Immigranten. Die Übertragung der HBV-Infektion erfolgt vorwiegend durch ungeschützten Geschlechtsverkehr, kontaminiertes Material (medizinische und zahnärztliche Eingriffe, Tätowierung und Piercing) und perinatal. Hepatitis B-Infektionen während Chemotherapie verlaufen ähnlich wie neonatale Infektionen (IV) [1, 114]. Die chronische Trägerrate bei Schwangeren liegt in Österreich bei 0,28 –0,5% [115]. Die perinatale Übertragung der HBV-Infektion beträgt bei HBeAg positiven Müttern 70–95%, ist aber selten bei postnataler Simultanimpfung der Neugeborenen; sie führt in bis zu 95% zu einer chronischen Infektion. Bei Infektionen während der Kleinkinderzeit resultiert in 25–40%, danach in 5–10% eine chronische Infektion. Die Infektionsrate ist niedriger, wenn die Mütter HBeAg negativ (20–25%) bzw. anti-HBe-positiv (ca. 10%) sind. Ist die HBeAgNegativität der Mutter mit Präsenz einer Prä-Core-Mutante verbunden, kann im Fall der Infektion am Kind – typischerweise im Alter von 2 bis 4 Monaten – eine fulminante Hepatitis auftreten [1, 116, 117]. Das Risiko für die Entwicklung einer Leberzirrhose bis zum Erreichen des Erwachsenenalters liegt bei 5% (III b) [118, 119]. Die spontane Serokonversion von HBeAg zu antiHBe liegt bei 7–10% bei horizontalem Infektionsweg, bei ca. 2% bei perinataler Infektion oder Immunsuppression [34]. Eine Heilung der chronischen Hepatitis B (Serokonversion zu anti-HBs) erfolgt bei < 0,5%/Jahr [1]. Klinik Die chronische Hepatitis B ist von anderen Hepatitisformen nicht zu unterscheiden. Asymptomatische und subklinische Formen sind häufig, besonders bei Neugeborenen oder bei Hepatis B-Infektionen, die während einer Chemotherapie erworben wurden. Extrahepatische Manifestationen (Arthralgien, Exantheme, Myal4. Österreichischer Konsensusbericht 295 konsensusbericht gien, Vaskulitis, Kryoglobulinämie, Glomerulonephritis und Myokarditis bzw. Perikarditis) sind selten [1]. Kinder entwickeln nur selten ein hepatozelluläres Karzinom [118]. Diagnose Die Diagnostik unterscheidet sich nicht wesentlich von der Diagnostik im Erwachsenenalter [1]: sie umfasst die Bestimmung der Transferasen im Serum und von HBsAg, HBeAg, anti-HBe, und HBV-DNA, bei chronischer Infektion mit einem Abstand von mindestens 6 Monaten. Eine routinemäßige Leberbiopsie ist nicht notwendig, bei progressivem Verlauf aber empfohlen (IV) [120]. HBeAg-negative Varianten des Virus sind in dieser Altersgruppe selten [121]. Therapie 1. 2. Es gibt derzeit keine Studien über die Behandlung der akuten Hepatitis B im Kindesalter. In Einzelfällen konnten Säuglinge mit fulminantem Verlauf der Hepatitis B bei sofortiger Behandlung mit Lamivudin überleben (IV) [122]. Die Behandlung der chronischen Hepatitis B kann in dieser Altersgruppe zu einer im Vergleich mit dem Spontanverlauf um 2–4 Jahre früheren Serokonversion von HBeAg zu antiHbe führen, eine frühere Ausscheidung des Virus ist in der Regel aber nicht möglich. Weder Interferon noch NukleosidAnaloga sind speziell für diese Altersgruppe zugelassen [1]. Ein Therapievorschlag sollte immer die Vor- und Nachteile gegeneinander abwägen; dies sollte mit den Eltern von Minderjährigen ausführlich besprochen werden: a) Bei normalen Transaminasen wird eine Therapie daher nicht empfohlen [1]. b) Bei chronisch erhöhten Transferasen wird eine Therapie unter Beachtung folgender Besonderheiten empfohlen [1, 118, 123–127] Bei der sehr hohen Virusreplikation in den ersten Lebensjahren ist durch eine Therapie mit Interferon eine Serokonversion von HBeAg zu anti-HBe von etwa 20%, mit Nukleosidanaloga von etwa 10% zu erreichen; gleichzeitig muss vor allem mit der zweiten Substanzgruppe eine hohe Rate an Mutationen des HBV erwartet werden, die eine weitere Therapie erschweren könnten. Die Häufigkeit der spontanen Serokonversion ist – ebenso wie die unter Therapie – bei höheren TransferaseAktivitäten höher, die beiden Gruppen unterscheiden sich diesbezüglich aber nicht mehr nach einer Nachbeobachtungszeit von 5–7 Jahren. Auch die Häufigkeit der Serokonversion im HBsAg/antiHBs-System unterscheidet sich nicht, sie tritt aber nach erfolgreicher Behandlung früher ein (Ib). Bei älteren Kindern und Jugendlichen bzw. mit erhöhten Transferasen kann mit einer Serokonversion von etwa 20–40% unter Interferontherapie gerechnet werden. Ein generell schlechteres Ansprechen auf die Therapie zeigen Kinder und Jugendliche mit vertikaler Transmission, niedriger Entzün- 296 4. Österreichischer Konsensusbericht dungsaktivität, Immunsuppression und zusätzlicher HDV-Infektion. Für die Therapie werden in erster Linie B-Interferone, in zweiter Linie Nukleosidanaloga empfohlen; es gibt derzeit keine Publikationen über die Therapie mit pegylierten Interferonen. (A) Weder Interferone noch Nukleosidanaloga sind für die Behandlung der chronischen Hepatitis bei Kindern und Jugendlichen zugelassen. Bei Indikationsstellung zur Therapie müssen daher die Vor- und Nachteile der Therapie sorgfältig analysiert werden. Die wesentlichen prognostischen Parameter sind die Höhe der Transferasen im Serum und das Virusreplikationsniveau. Vertikale Infektionen, eine niedrige Entzündungsaktivität, eine Immundefizienz und zusätzliche Infektionen mit HDV lassen grundsätzlich ein schlechtes Ansprechen auf die Therapie erwarten. Kinder und Jugendliche mit gleichzeitiger immunsuppressiver Therapie können mit einem Nukleosidbzw. Nukleotidanalogon behandelt werden. Interferon-B [1, 120, 123, 128–130] Alle HBeAg positiven Patienten ab einem Mindestalter von 3 Jahren mit erhöhten Transferasen (mehr als die 2-fache obere Normgrenze) und auch die sehr seltenen HBeAg-negativen Patienten mit zusätzlich hoher Virusreplikation können primär mit alpha-Interferonen behandelt werden (bei den letzteren können Nukleosidoder Nukleotidanaloga ebenfalls als Ersttherapie verwendet werden) [1, 120]. Kontraindikationen sind: Autoimmunerkrankungen, dekompensierte Leberzirrhose, Thrombopenie und Leukopenie, Schwangerschaft und psychiatrische Krankheiten. Als Dosis sollten 5 MU/m² Körperoberfläche, maximal 10 MU/Tag, an 3 Tagen/Woche durch 6 Monate verwendet werden. Alle Kinder zeigen Nebenwirkungen, vor allem Fieber, das antipyretisch behandelt werden muss, und grippe-ähnliche Symptome. Selten zeigen Kinder Neutropenien, die eine Reduktion der Dosis erfordern. Autoantikörper erfordern keine Dosisreduktion oder Absetzen der Therapie, solange keine klinischen Symptome der Erkrankung auftreten. Die Schilddrüsenfunktion muss beachtet werden, seltene Fälle von Diabetes mellitus oder Depressionen sind unter Interferontherapie von Kindern beschrieben. Ein regelmäßiges Monitoring der Transferaseaktivitäten ist notwendig, vor allem, da bei einem Ansprechen auf die Therapie ein stärkerer Anstieg erfolgen kann. Die PEG-Interferone zeigen bei Erwachsenen ähnliche Ergebnisse wie Interferon-B2. Nukleosid- oder Nukleotidanaloga [1, 126, 131–135] Verglichen mit dem Spontanverlauf führen Nukleosidanaloga (Lamivudin) bei 10% mehr Kindern zur Serokonversion und sind etwa 10% weniger effektiv als Interferone. Lamivudin wurde in einer Dosis von 3–4 mg/kg Körpergewicht/Tag, maximal 100 mg/Tag in der Regel durch 1 Jahr p.o. gegeben. In der Therapiegruppe wurde © Springer-Verlag 9–10/2010 wkw konsensusbericht eine Serokonversion (von HBeAg zu anti-HBe) von 23%, in der Kontrollgruppe von 13% beobachtet. Bei 24 % der Patienten kommt es im Laufe eines Jahres zur Resistenzbildung (YMDD-Mutation), die nach 2-jähriger Behandlung bis zu bis zu 59% ansteigt. Kombinationsbehandlungen oder sequenzielle Behandlungen von Lamivudin und Interferon verbessern möglicherweise das Therapieergebnis, doch größere kontrollierte Studien mit diesen Varianten fehlen derzeit [1, 136–142]. Alle anderen – bei Erwachsenen getesteten – Nukleosid- und Nukleotidanaloga wurden bei Kindern noch nicht ausreichend getestet, insbesondere wurde über die Behandlung von Kindern mit Adefovir noch nichts publiziert. Bei Erwachsenen führt Adefovir seltener zu therapieresistenten Mutanten des HBV als Lamivudin [1]. Es gibt keine Studien bei Doppel- und Dreifachinfektionen (mit Hepatitis C, Hepatitis A oder HIV). Ähnlich wie bei Erwachsenen wird die Therapie nach der prädominanten Symptomatik gerichtet. Eine Kombinationsbehandlung mit Interferon verbessert möglicherweise das Therapie-Ergebnis [1]. Prophylaxe [143] HBs-Ag positive Kinder und Jugendliche sollen Kindergarten oder Schule ohne Ausgrenzung besuchen. Sie sollen in persönlicher Hygiene angeleitet werden, damit das Übertragungsrisiko vermindert werden kann. Allen Angehörigen, Kontakt- und Betreuungspersonen soll eine aktive Immunisierung angeboten werden, sofern sie nicht bereits besteht. Passive Immunprophylaxe [143] Die postexpositionelle passive Immunprophylaxe sollte bei empfänglichen Personen immer sofort, spätestens innerhalb von 48 Stunden nach einer Inokulation mit virushaltigem Material erfolgen, so z.B. bei Blutkontakt der Schleimhäute, bei Blutkontakt einer verletzten Haut, nach Nadelstich- oder Schnittverletzung, nach Sexualkontakt oder bei einer vermuteten vertikalen Infektion. Ein Hepatitis-B spezifisches Immunglobulin in der Dosierung von 0,12–0,2 ml bzw. 6–12 IE/kg KG (Neugeborene 100 IE ) wird i.v. verabreicht. Gleichzeitig sollte aktiv geimpft werden. Im Falle einer Exposition bei früher vollständig geimpften Kindern sollte der Anti-HBs-Konzentration im Serum bestimmt werden. Bei einer Konzentration von < 20 IU/l, wird eine weitere Impfung verabreicht. Die Antikörper Bestimmung und aktive Impfung wird auch dann durchgeführt, wenn der Impferfolg nie kontrolliert wurde oder die Impfserie mehr als 10 Jahre zurückliegt. Ist die Immunantwort nach der Impfung unbekannt oder ist eine Bestimmung der Anti-HBs-Konzentration nicht innerhalb von 12 Stunden möglich, sollte das Kind prophylaktisch Hepatitis-B-Immunglobulin erhalten. Aktive Immunprophylaxe [143] In Österreich ist HBvax-Pro® (10 μg HBsAg/0,5 ml) ab dem vollendeten 16. Lebensjahr und Engerix B® 10 μg wkw 9–10/2010 © Springer-Verlag für Kinder bis 15 Jahre sowie Engerix B® 20μg für Jugendliche ab 15 Jahren erhältlich. Die Grundimmunisierung besteht aus 3 x i.m. verabreichten Impfungen. Weiters kann ein Kombinationsimpfstoff gegen Hepatitis A und B (Twinrix ® Kinder) für Kinder ab dem 1. Lebensjahr verwendet werden. Die allgemeine HBV-Impfung ist seit 1997 für alle Säuglinge empfohlen. Die Hepatitis B Komponente ist im 6-fach Impfstoff enthalten. Bei über 95% der Kinder und Erwachsenen tritt eine Serokonversion mit einem Anti-HBs-Antikörperspiegel > 20 IU/l ein. Impfung post partum [143] Neugeborene HBsAg-positiver Mütter erhalten sofort post partum, innerhalb von 12 Stunden, ein spezielles Immunglobulin (100 IE HBsAK) i.v. (Hepatect® 2 ml = 100 IE) simultan dazu die 1. Impfdosis der aktiven Impfung i.m. (Engerix ® 10 μg). Die zweite Impfung mit Engerix ® 10 μg erfolgt im Alter von einem Monat, danach wird die Impfserie mit dem 6-fach Impfstoff fortgesetzt. Ist der HBsAg-Status der Mutter bei der Geburt nicht bekannt, sollte das Neugeborene immer sofort, spätestens innerhalb von 12 Stunden post partum, das Neugeborene aktiv immunisiert und der HBsAg-Status der Mutter bestimmt werden. Fällt der Befund positiv aus, wird dem Kind innerhalb von 72 Std. ein Hepatitis-BImmunglobulin verabreicht. Stillen von Neugeborenen HBsAg-positiver Mütter Aktiv/passiv simultan geimpfte Neugeborene können nach individueller Beratung und genauer Aufklärung über das Restrisiko einer Infektion (ca. 10% des Ausgangsrisikos von 90–100% für Kinder von HBeAg positiven Müttern, 30% für Kinder von anti-HBe positiven Müttern) gestillt werden, da die Vorteile des Stillens die potenziellen Nachteile dieses Restrisikos weit überwiegen [144]. Da – vor allem bei hoher Replikationsrate (gemessen durch quantitative PCR) – eine Infektion nicht ausgeschlossen werden kann, wird eine genaue Dokumentation der Aufklärung mit Erwähnung des Restrisikos empfohlen. Teilnehmer am Konsensus-Treffen Dr. Fritz Aicher, Dr. Stephan Allinger, Dr. Bernhard Angermayr, Dr. Thomas Bamberger, Dr. Martin Bischof, Dr. Benedikt Blaha, OA Dr. Robert Bodner, Dr. Barbara Bognar, Dr. Hartwig Bognar, Dr. Robert Buder, Prim. Univ.Doz. Dr. Christian Datz, Univ.-Prof. Dr. Johann Deutsch, Univ.-Prof. Dr. Peter Ferenci, Univ.-Prof. Dr. Alfred Gangl, Univ.-Prof. Dr. Ivo Graziadei, OA Dr. Evelyn Grilnberger, Prim. Univ.-Doz. Dr. Michael Gschwantler, Dr. Edwin Halmschlager, Dr. Gerold Hartmann, Dr. Brigitte Hellmich, Dr. Harald Michael Hofer, Univ.-Prof. Dr. Heidemarie Holzmann, Dr. Wolf-Dietrich Huber, Dr. Rainer Hubmann, Univ.-Prof. Dr. Harald Kessler, OA Dr. Andreas 4. Österreichischer Konsensusbericht 297 konsensusbericht Kopecky, Dr. Uta Kopetzki-Kogler, Dr. Peter Kotlan, OA Dr. Anna Kreil, Dr. Patrizia Kump-Constantini, Dr. Mathilde Kutilek, Dr. Herman Laferl, Dr. Andreas Maieron, Dr. Karin Mittischek, Univ.-Prof. Dr. Christian Müller, Univ.-Prof. Dr. Petra Munda, Univ.-Prof. Dr. Markus Peck-Radosavljevic, Dr. Harald Pristautz, Dr. Ilona Racz, Dr. Thomas Reiberger, Prim. Univ.-Prof. Dr. Friedrich Renner, Dr. Sema Robl, Dr. Dieter Sasse, Dr. Martin Scharf, Dr. Thomas-Matthias Scherzer, Univ.-Prof. Dr. Maximilian Schöniger-Hekele, OA Dr. Bernhard Stadler, Univ.-Prof. Dr. Rudolf Stauber, Dr. Walter Stingl, Dr. Michael Strasser, Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Vogel, Dr. Martina Wichlas, Dr. Peter Wladasch, Henrike Wonisch, Dr. Peter Wunsch, Dr. Alexander Ziachehabi Potentieller Interessenskonflikt Die Konsensuskonferenz zur Diagnose und Therapie der Hepatitis B 2008 wurde von den Firmen Gilead, Novartis und Roche zu gleichen Teilen und von AESCA Schering-Plough in geringerem Ausmaß finanziell mit einem unbeschränkten Fortbildungsbudget unterstützt. Die meisten Personen, welche die Textvorlagen ausgearbeitet haben, haben als Sprecher für Firmen gearbeitet, welche Diagnostika oder Therapeutika für die Hepatitis B herstellen. Einige Sprecher sind auch als Forscher an Studien einer oder mehrerer Firmen, deren Produkte im Konsensus-Bericht besprochen werden, aktiv. 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