Kreuzzug

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Kreuzzug
1.1 Allgemeines
Karte der Kreuzzüge aus einem französischen Wörterbuch (1922)
Seit dem 7. Jahrhundert fand die islamische Expansion
statt: Die militärische, teilweise mit Übergriffen verbundene Unterwerfung und Besiedlung christlicher Gebiete
durch arabisch-muslimische Eroberer im Nahen Osten,
in Nordafrika, Italien (Eroberung Sardiniens, der Einfall
in Rom und die Zerstörung der Basilika St. Peter durch
die Aghlabiden im Jahre 846) sowie (bis zur Rückeroberung im Rahmen der Reconquista) der Einfall in Spanien
und Portugal. Seit 638 stand Jerusalem unter muslimischer Herrschaft. Von christlicher Seite wurde die Eroberung des Heiligen Landes und die Zurückdrängung der
Sarazenen als Rückeroberung und als ein Akt der Verteidigung des Christentums betrachtet, welcher durch offiziellen Beistand und die Unterstützung der Kirche bekräftigt und angeführt wurde.
Symbolische Darstellung der Eroberung Jerusalems (12.–14.
Jahrhundert)
Die Kreuzzüge seitens des „christlichen Abendlandes“
waren strategisch, religiös und wirtschaftlich motivierte Kriege[1] zwischen 1095/99 und dem 13. Jahrhundert.
Im engeren Sinne werden unter den Kreuzzügen nur die
in dieser Zeit geführten Orientkreuzzüge verstanden, die
sich gegen die muslimischen Staaten im Nahen Osten
richteten. Nach dem Ersten Kreuzzug wurde der Begriff
„Kreuzzug“ auch auf andere militärische Aktionen ausgeweitet, deren Ziel nicht das Heilige Land war. In diesem
erweiterten Sinne werden auch die Feldzüge gegen nicht
christianisierte Völker wie Wenden, Finnen und Balten,
gegen Ketzer wie die Albigenser und gegen die Ostkirche
dazu gezählt. Vereinzelt wurde von den Päpsten sogar ein
Kreuzzug gegen politische (christliche) Gegner ausgerufen.
Dem Ersten Kreuzzug war ein Hilferuf des
byzantinischen Kaisers Alexios I. Komnenos um
militärische Unterstützung gegen die Seldschuken
vorausgegangen. Am 27. November 1095 rief Papst
Urban II. die Christen auf der Synode von Clermont
zum Kreuzzug in das „Heilige Land“ auf. Urban II. forderte, die dort ansässigen Muslime zu vertreiben und in
Jerusalem die den Christen heiligen Stätten in Besitz zu
nehmen.[2] Mehr als acht Jahrzehnte waren vergangen,
nachdem es in der Regierungszeit des fatimidischen
Kalifen al-Hakim 1009 zur Zerstörung der Grabeskirche
gekommen war, eines der größten Heiligtümer des
Christentums.
Nachdem ein Kreuzfahrerheer 1099 Jerusalem
erobert hatte, wurden in der Levante insgesamt vier
Kreuzfahrerstaaten gegründet. Infolge ihrer Bedrohung
durch die muslimischen Anrainerstaaten wurden weitere
Kreuzzüge durchgeführt, denen meistens kaum ein
Erfolg beschieden war. Das Königreich Jerusalem erlitt
1187 in der Schlacht bei Hattin eine schwere Niederlage,
auch Jerusalem ging wieder verloren. Mit Akkon fiel
1291 die letzte Kreuzfahrerfestung in Outremer.
1
Die Kreuzzüge wurden nach kurzer Zeit auch zur Verwirklichung rein weltlicher Machtinteressen instrumentalisiert, insbesondere solcher, die gegen das Byzantinische
Reich gerichtet waren. Schon bald wurde der Begriff
Kreuzzug nicht nur auf Kriege gegen Muslime, sondern
Vorbemerkungen
1
2
1 VORBEMERKUNGEN
auch gegen von der römischen Kirche zu „Ketzern“ de- (wie die göttliche Liebe) geführt werden.
klarierte Menschen (siehe Albigenser) ausgeweitet. Dieser Umstand gab dem Papsttum eine starke politische und
1.3 Zeitgenössische Kritik an den Kreuzmilitärische Waffe in die Hand.
Trotzdem darf der religiöse Aspekt, besonders bei den
Kreuzzügen in den Osten, nicht unterschätzt werden. So
waren nach der Einnahme Jerusalems im Jahre 1099
die Gefallenen als Märtyrer gefeiert worden. Oft lagen
die Interessen der kriegführenden Parteien und die der
kämpfenden Truppen weit auseinander. Die beiderseitigen Machthaber verfolgten unter anderem machtpolitische Interessen. Die Kreuzfahrer selbst glaubten zumeist
an einen ehrenvollen, ja heiligen Kampf für Kirche und
Gott.
Schon vor dem Aufruf zum Kreuzzug zur Befreiung Jerusalems hatte die Kirche damit begonnen, Kriegszüge zu
unterstützen. So wurden im Rahmen der Eroberung Englands durch Wilhelm den Eroberer 1066 geweihte Fahnen
an den Kriegsherren übersandt, die ihn und sein Heer im
Kampf stärken sollten. Auf den geweihten Fahnen war
unter anderem auch der Erzengel Michael abgebildet, der
Schutzpatron des römisch-deutschen Reiches und später
Deutschlands. Auch der aragonesisch-französische Zug
gegen das maurische Barbastro in Spanien im Jahr 1063,
den Papst Alexander II. unterstützte, sowie die Kämpfe
gegen die Araber auf Sizilien 1059, standen unter päpstlicher Patronage und sind als Vorläufer der Kreuzzüge anzusehen. Diese gelten im Allgemeinen als die ersten historischen Ereignisse, an welchen die katholische Kirche
beginnt, Kriegszüge dogmatisch zu stärken und zu rechtfertigen.
1.2
Grundlage des Kreuzzugsaufrufs
Ein Kreuzzug war zugleich Bußgang und Kriegszug, der
nach Auffassung der (nicht orthodoxen, katholisch christlichen) Zeitgenossen direkt von Gott durch das Wort
des Papstes verkündet wurde. Die Teilnehmer legten ein
rechtsverbindliches Gelübde ab, ähnlich wie bei einer
Pilgerfahrt. Als Folge der göttlichen und päpstlichen Verkündung waren die Kreuzzüge sehr populär. Dies erklärt auch die große Teilnehmerzahl. Die offiziell verkündeten Kreuzzüge (darunter fallen beispielsweise nicht
die Abwehrkämpfe der Kreuzfahrerstaaten in Outremer)
wurden als Angelegenheit der gesamten abendländischkatholischen Christenheit begriffen. Die Kreuzfahrerheere bestanden daher in der Regel aus „Rittern“ aus ganz
Europa.
Grundlage für die Kreuzzüge war aus christlicher Sicht
der Gedanke des „gerechten Krieges“ (lat. bellum iustum), wie er von Augustinus von Hippo vertreten worden war. Dies bedeutete später, dass der „gottgefällige
Krieg“ nur von einer rechtmäßigen Autorität verkündet
werden konnte (wie dem Papst). Es musste ein gerechter
Kriegsgrund vorliegen (wie die ungerechte Behandlung
von Gläubigen), und der Krieg musste für gute Absichten
zügen
Nach dem katastrophalen Ausgang des Zweiten Kreuzzugs mehrten sich Stimmen von Theologen, die sich
gegen die Idee bewaffneter Kreuzzüge wandten.[3] Dazu zählen in Deutschland der Würzburger Annalist des
Zweiten Kreuzzugs und der Theologe Gerhoch von Reichersberg sowie der Verfasser des Schauspiels Ludus de
Antichristo, in Frankreich der Abt von Cluny Petrus Venerabilis in seinen späteren Schriften, der englische Zisterzienser Isaak von Stella (später Abt in Frankreich),
Walter Map (ein Höfling König Heinrichs II. von England) und der Engländer Radulphus Niger. Sie beriefen
sich u.a. auf Mt 26,52 , demzufolge durch das Schwert
sterben solle, wer das Schwert zieht, aber auch auf Offb
19,21 , wo prophezeit wird, dass der wiederkehrende
Messias als König der Könige die Feinde des Christentums
mit dem Hauch seines Mundes – also nur mit Gottes Wort
– vernichten werde. Um 1200 traten auch die Kanonisten, Kirchenrechtler wie Alanus Anglicus, dafür ein, die
Muslime zu tolerieren.
Besonders ab Ende des 13. Jahrhunderts mussten die
Päpste die Ablässe für das Anhören von Kreuzzugspredigten deutlich erhöhen, was ebenfalls als Indiz für die
abnehmende Begeisterung der nicht-nahöstlichen Kreuzzüge zu deuten ist. Im frühen 14. Jahrhundert riefen einige Päpste sogar zu Kreuzzügen gegen politische Gegner
auf, so Ende 1321 gegen Mailand.
1.4 Kritik der neueren Kirchengeschichte
an den Kreuzzügen
Im 20. Jahrhundert haben sich trotz der Aufbrüche der
ökumenischen Bewegung und des Zweiten Vatikanischen
Konzils relativ wenige Vertreter der Kirchengeschichte in
kritischer Weise mit den Kreuzzügen befasst. Auf evangelischer Seite ist z. B. Jonathan Riley-Smith zu nennen,
der u. a. das lange vorherrschende kirchliche Verständnis
der Kreuzzüge als heiligem Krieg zur Wiedererlangung
angeblich legitimer christlicher Besitzrechte einer Kritik unterzog.[4] Auf katholischer Seite hat z. B. Arnold
Angenendt im Kontext seiner Kritik die Kreuzzüge als
schwere Hypothek bezeichnet, die sich die Kirche aufgeladen hat, indem die Päpste die Kreuzzüge nicht nur
als heilige Kriege gut geheißen, sondern sie sogar initiiert haben.[5] Am 12. März 2000 hat Papst Johannes Paul
II. in einem Schuldbekenntnis die Verfehlungen der Kirche bezüglich Glaubenskriegen, Judenverfolgungen und
Inquisition eingestanden. Allerdings wird hierbei bedauert, dass er im Allgemeinen bleibt und z. B. die Kreuzzüge dabei nicht wenigstens erwähnt.[6] Diese Kritik wurde zuvor bereits an der Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils über ihr Verhältnis zu den nichtchristlichen
2.2
Verhältnis zum Islam
3
Religionen, Nostra Aetate, geübt, die zwar einen großen
Schritt in Bezug auf die Möglichkeit eines Dialogs mit
Judentum und Islam gemacht hat und alle Haßausbrüche und Verfolgungen gegen Juden oder Muslime ausdrücklich verwirft,[7] aber in diesem Zusammenhang die
Kreuzzüge nicht anspricht.[8]
1.5
Kontroversen in der Geschichtswissenschaft
In Bezug auf die Kreuzzüge sind mehrere Punkte in der
modernen Forschung umstritten, so etwa hinsichtlich des
Ausmaßes der Akzeptanz der Kreuzzugsidee in späterer
Zeit. Eine Einigung wird durch unterschiedliche historische ‚Schulen‘ erschwert.
Manche Historiker (wie Hans Eberhard Mayer) sehen lediglich die Orientkreuzzüge als die ‚eigentlichen‘ Kreuzzüge an. Demgegenüber herrscht im angloamerikanischen Sprachraum gelegentlich die Tendenz
vor, den Begriff inhaltlich und auch zeitlich weiter zu fassen (besonders einflussreich: Jonathan Riley-Smith, Norman Housley). Dabei werden auch einige Militäraktionen der Frühen Neuzeit noch den Kreuzzügen hinzugerechnet. Von Riley-Smith und seinen Schülern wird diese Sichtweise als „pluralistisch“ bezeichnet; ihnen zufolge stieß der Kreuzzugsgedanke noch im Spätmittelalter
auf Begeisterung. Kritiker halten dieser Schule entgegen, Quellen zu ignorieren, die belegen, dass die Kreuzzugsidee im Spätmittelalter deutlich an Anziehungskraft einbüßte. Eine Einigung konnte bisher nicht erzielt
werden.[9]
Die Einnahme von Jerusalem 1099. Spätmittelalterliche Buchillustration.
Gräueltaten der islamischen Machthaber gegen die christliche Bevölkerung des Heiligen Landes gesehen werden
und der Verwüstung christlicher Stätten, beispielsweise
der Grabeskirche 1009 in Jerusalem. In Konkurrenz mit
wirtschaftlichen Interessen traten die religiösen Motive
im Laufe der Zeit teilweise in den Hintergrund - besonders deutlich wird das bei der Eroberung und Plünderung
der christlichen Stadt Konstantinopel im Vierten Kreuzzug. Bezüglich der Kreuzzüge in den Orient verschwanden sie jedoch nie ganz, sie hatten auch großen Einfluss
auf die christliche Bevölkerung in Europa.[10] Besonders
unter den nicht-adeligen Kreuzfahrern war die Religion
In der Geschichtswissenschaft der letzten Jahrzehnte ein wichtiges Motiv.
werden in zunehmendem Maße Geschichte und Struktur der Kreuzfahrerstaaten berücksichtigt, so dass das Augenmerk nicht mehr allein der chronologischen Abfolge 2.2 Verhältnis zum Islam
und den historischen Begebenheiten der Kreuzzüge gilt.
2
Motive der Kreuzritter und Situation vor den Kreuzzügen
Die Motivation der Kreuzfahrer speiste sich keineswegs
allein aus religiösem Eifer; vielmehr gab es auch andere
Ursachen für ihr Handeln, die sich zudem im Laufe der
Zeit änderten. Die einzelnen Beweggründe waren:
2.1
Religiöse Motive
Ein wesentliches außenpolitisches Problem für die christliche Welt stellte der Islam dar, der in seinem Streben
westwärts zunächst in der Mitte des 7. Jahrhunderts das
christliche Byzantinische Reich angriff. Ostrom/Byzanz
verlor die seit dem monophysitischen Schisma in religiösem Gegensatz zu den griechischen und lateinischen
Reichsgebieten stehenden Provinzen Syrien und Ägypten
binnen weniger Jahre an die Araber, die dort vielleicht
von Teilen der Bevölkerung als Befreier begrüßt wurden
(was in der Forschung umstritten ist); es behauptete jedoch weiterhin das griechisch geprägte Kleinasien. Das
westliche Nordafrika leistete bis zum Ende des 7. Jahrhunderts gegen die Araber Widerstand, während das spanische Westgotenreich um 700 binnen weniger Monate
unter dem Arabersturm zusammenbrach, so dass die Araber im Westen erst durch das Fränkische Reich aufgehalten und zurückgedrängt wurden.
Aufbauend auf den Kreuzzugsaufruf Papst Urbans II. auf
der Synode von Clermont im Jahr 1095 (begleitet von
dem Zuruf „Deus lo vult“ - Gott will es) waren viele
Kreuzfahrer überzeugt, durch die Vertreibung der Muslime aus dem Heiligen Land Gottes Willen zu erfüllen und Nachdem das Byzantinische Reich 751 von den
die Erlassung all ihrer Sünden zu erreichen. Dies muss vor Langobarden aus Mittelitalien verdrängt worden war
dem Hintergrund christlicher Berichte und Gerüchte über (Fall des Exarchats von Ravenna), war es Anfang des 8.
4
2 MOTIVE DER KREUZRITTER UND SITUATION VOR DEN KREUZZÜGEN
Jahrhunderts hauptsächlich auf das orthodoxe Kernland
Kleinasien, die Küsten des Balkans und Süditaliens
begrenzt. In der Folgezeit fand das Reich im 9. und 10.
Jahrhundert zu einem modus vivendi mit den Arabern,
der sogar in militärische Bündnisse mit einzelnen
arabischen Staaten mündete. Dem militärischen Wiederaufstieg um das Jahr 1000 folgte ein innerer Niedergang.
Mit dem islamischen Turkvolk der Seldschuken betrat
gleichzeitig aber eine neue, expansive Macht die politische Bühne des Nahen Ostens, die sich auf Kosten
der Araber und Byzantiner ausdehnte. Dies führte 1071
für die Byzantiner zur militärischen Katastrophe in der
Schlacht von Manzikert gegen die Seldschuken, die
den Beginn der türkischen Landnahme in Anatolien
markiert.
Kleinasien überließ der byzantinische Kaiser Alexios I.
Komnenos wegen der Abwehr der normannischen Invasion von Epiros und Makedonien (mit dem Ziel der Eroberung von Konstantinopel) schließlich 1085 gegen einen Lehenseid bis auf wenige Stützpunkte vollständig den
Seldschuken, um nicht zwischen zwei Gegnern aufgerieben zu werden. Nach dem Sieg über die Normannen
bat Alexios den Papst um Unterstützung zur Rückeroberung des kleinasiatischen Reichsgebiets, das inzwischen
in mehrere türkische Emirate zersplittert war, die die byzantinische Diplomatie gegeneinander ausspielte.
nedigs im Byzantinischen Reich zurückzudrängen, verfolgte man in Konstantinopel in der zweiten Hälfte des
12. Jahrhunderts eine scharfe anti-venezianische Politik.
Dies blieb in Westeuropa natürlich nicht ohne Reaktion.
Die Kreuzzüge richteten sich daher zunehmend nicht nur
gegen den Islam, sondern gleichzeitig auch immer mehr
gegen das orthodoxe, griechisch geprägte Byzanz.
Dennoch blieb der religiös motivierte Kreuzzugsgedanke auch in der Folgezeit eine immer wiederkehrende
Komponente der europäischen Politik, wenn in der Forschung auch manchmal betont wird, dass die Kreuzzugsidee ab dem 13. Jahrhundert an Kraft einbüßte (siehe
oben den Abschnitt Kontroversen in der Geschichtswissenschaft). Insgesamt darf man wohl ihre Bedeutung im
Spätmittelalter nicht mehr allzu hoch ansetzen. So wurde
zwar im Jahr 1453 eine Militärexpedition erwogen, um
Konstantinopel gegen Sultan Mehmed II. zu verteidigen.
Doch startete diese halbherzige Expedition reichlich spät,
nämlich erst im April 1453. Der Sultan hatte aber schon
im Frühjahr 1452 mit den baulichen Vorbereitungen für
eine mögliche Belagerung begonnen und machte daraus
keinerlei Geheimnis.
Ob man die konzertierte militärische Hilfe christlicher
Mächte, wie z. B. des Heiligen Römischen Reiches und
Polens, bei der Verteidigung Wiens 1683 gegen die Türken in die Kreuzzugstradition stellen darf, ist fraglich.
1528 kam es nämlich zu einem wenige Jahrzehnte zuvor
noch unvorstellbaren Ereignis: Frankreich und das Osmanische Reich schlossen ein Bündnis gegen das Habsburgerreich. Spätestens mit der Integration des muslimischen Staates in das Bündnissystem der christlichen
Mächte endete der vereinigende Anspruch der katholischen Kreuzzugsidee in der europäischen Politik.
Der große militärische Aufwand aller christlichen Mächte der damaligen Zeit ist damit zu erklären, dass der Islam
als eine große Gefahr - nicht allein für das Byzantinische
Reich - gesehen wurde. Schließlich grenzte das islamischarabische Machtgebiet an den Pyrenäen an Frankreich,
zudem waren fast alle Mittelmeerinseln und Teile Süditaliens zeitweise von Arabern erobert worden. Letztere wurden auch nach Rückeroberung immer wieder von
ihnen angegriffen. Das byzantinische Sizilien wurde ab
827 von den Arabern erobert, dann von den Normannen, 2.4
bis es 1194 an Heinrich VI. fiel, wodurch das Reich der
Staufer ebenfalls direkt an den islamischen Machtbereich
grenzte.
2.3
Gesellschaftliche Faktoren in Europa
Verhältnis zur Orthodoxie
Das morgenländische Schisma von 1054 belastete von
Beginn der Kreuzzüge an das Verhältnis zwischen orthodoxen und katholischen Christen. Ein weiterer Aspekt ist
das politische Verhältnis der beiden führenden Mächte
der katholischen bzw. orthodoxen Staatenwelt. Die Eigenbezeichnung des deutschen wie des byzantinischen
Kaiserreiches war „Römisches Reich“, und der jeweilige Kaiser leitete daraus einen Führungsanspruch über die
gesamte christliche Staatenwelt ab. Byzanz betrieb im
12. Jahrhundert eine expansive Westpolitik. Dynastische
Heiraten mit dem ungarischen und deutschen Herrscherhaus, aber auch militärische Interventionen in Italien mit
dem Ziel, auch die (west)römische Kaiserkrone zu erringen, waren eine Grundkonstante der Außenpolitik der
byzantinischen Komnenendynastie. Um den Einfluss Ve-
Der Krak des Chevaliers in Syrien
Der abendländische Adel erhoffte sich durch die Eroberung neue Besitztümer. Auch und gerade traf das auf die
jüngeren Söhne des Adels zu, die nicht erbberechtigt waren und nun die Chance sahen, doch noch über ein eigenes
Gebiet herrschen zu können. Dies war ebenso ein Ziel der
Kirche, da der Kirchenfrieden (eine päpstliche Regel, die
streng vorschrieb, wann und wie gekämpft werden durf-
5
te; an Weihnachten und anderen hohen Feiertagen durf- schuss führt zu einer Expansion in die Peripherien Eurote beispielsweise nicht gekämpft werden) immer wieder pas: Iberische Halbinsel, Irland, Germania Slavica, Baldurch Konflikte gestört wurde, in denen es in erster Linie tikum und eben auch ins Heilige Land.
um Gebietsstreitigkeiten ging. So boten die Kreuzzüge
auch eine willkommene Beschäftigung für die überzähligen Söhne, die nicht im Kloster oder im Klerus unter- 3 Überblick: Begriff und zeitlicher
gebracht werden konnten oder wollten.
Große Teile der Landbevölkerung sahen im Kreuzzug
eine Fluchtmöglichkeit vor den harten und oft sehr ungerechten Lebensumständen in der Heimat - zumal der
Papst ein Ende der Leibeigenschaft in Aussicht gestellt
hatte für jeden, der das Kreuz nehmen und ins heilige
Land mitziehen würde.
Rahmen
Im engeren Sinne versteht man unter Kreuzzügen allgemein nur die Orientkreuzzüge, also gegen die muslimischen Staaten des nahen Ostens gerichtete Kreuzzüge (siehe jedoch oben den Abschnitt „Forschungsprobleme“). Daneben bzw. danach gab es folgende Arten von
Auch Verbrecher und Gesetzlose folgten den Aufrufen, Kreuzzügen:
weil sie sich durch ihr Kreuzzugsgelübde der Strafverfolgung entziehen konnten und sich ein neues Leben oder
• gegen Heiden (Wenden, Finnen, Balten),
Beute erhofften.
• gegen die Ostkirche (eher en passant, die Gebiete
der Ostkirche waren nie offizielles Ziel eines Kreuzzugs),
2.5 Wirtschaftspolitische Motive
Wirtschaftlich profitierten auch die italienischen
Seerepubliken (Genua, Pisa, Venedig und andere) vom
Handel mit dem Orient. So wurde kurzzeitig überlegt,
einen Kreuzzug zur Sicherung der Gewürzstraße durchzuführen. Die Idee wurde allerdings recht bald wieder
fallen gelassen.
Das Papsttum versprach sich von der Kontrolle über das
Heilige Land eine massive Stärkung seiner Machtposition. Letztlich haben die Päpste wohl auch auf die Wiedervereinigung mit der bzw. auf die Kontrolle über die
Ostkirche gehofft. Daneben dominierten mit Beginn des
Vierten Kreuzzuges auch wirtschaftliche Interessen. Das
beste Beispiel für dieses Motiv ist wohl der Vierte Kreuzzug selbst, der von der Handelsmetropole Venedig nach
Konstantinopel umgeleitet wurde und in der Plünderung
durch das Kreuzfahrerheer mit Abtransport der Beute
nach Venedig mündete, um den Handelskonkurrenten
auszuschalten. Hier zeigt sich die vollständige Pervertierung des ursprünglich religiösen Kreuzzugsgedankens einerseits, andererseits auch ein Grund für die immer geringere Wirkung der Kreuzzüge in der Verteidigung des
oströmischen Reiches.
Die Finanzierung der Kreuzzüge in den einzelnen
Bistümern erfolgte über den Kreuzzugszehnten. Zu diesem Zweck wurden Amtsbücher wie der Liber decimationis angelegt.
2.6
Weitere Faktoren
• gegen Ketzer bzw. zu Ketzern erklärte Aufständische (Katharer (Albigenser); Stedinger; Hussiten),
• gegen politische Gegner des Papsttums (gegen
Ghibellinen, gegen König Manfred von Sizilien sowie ebenfalls in Sizilien im Aragonesischen Kreuzzug gegen Peter III. von Aragón)
Der Kreuzzug in seiner ursprünglichen Wortbedeutung
hatte ausschließlich die Befreiung Jerusalems zum Ziel
und war ein gesamteuropäisches Unternehmen, das auch
passagia generalia genannt wird. Aus dieser entwickelte
sich die passagia particularia, die sich gegen jeden anderen Ort wenden konnte.
Der Begriff „Kreuzzug“ wurde erst im 13. Jahrhundert
geprägt, davor finden sich lediglich die Begriffe „bewaffnete Pilgerfahrt“ und „bewaffnete Wallfahrt“. In den zeitgenössischen lateinischen Quellen wurde der Kreuzzug
ganz überwiegend umschrieben als expeditio, iter in terram sanctam (Reise ins Heilige Land) oder peregrinatio
(in Anlehnung an die traditionelle Wallfahrt).
Neben den eigentlichen Kreuzzügen gab es noch
den Katharer- oder auch Albigenserkreuzzug,
der in Okzitanien (Südfrankreich) stattfand, den
Kinderkreuzzug, der für die meisten Beteiligten in der
Sklaverei endete, den Feldzug der Deutschordensritter
ins Baltikum 1225 und diverse andere Feldzüge, z.
B. gegen nicht-christliche Völker wie Türken oder
Mongolen, die zum Teil bis ins 15. Jahrhundert dauerten.
Auch Kriege gegen machtpolitische Gegner wurden
von mittelalterlichen Herrschern mitunter als Kreuzzug
propagiert, um eine Infragestellung der Notwendigkeit
des Kriegs zu verhindern, um Verbündete zu gewinnen
oder um Plünderungen und anderen Übergriffen auf
Zivilisten einen Anschein von Legitimität zu verleihen.
Der britische Historiker Robert Bartlett sieht die
Kreuzzüge in einem größeren, gesamteuropäischen
Zusammenhang[11] : Im 11. Jahrhundert setzt ein starkes Bevölkerungswachstum ein, bedingt durch günstige klimatische Umstände und neue Entwicklungen Ein bleibendes Erbe der Kreuzzüge waren die
in der Landwirtschaftstechnik. Der Bevölkerungsüber- Ritterorden, eine Art kämpfender Mönchsorden.
6
4
5
Klassische Zählweise der Kreuzzüge
In der Geschichtswissenschaft werden insgesamt sieben
Kreuzzüge (Orientkreuzzüge) als offizielle Kreuzzüge
unterschieden, wenn auch weitere kriegerische Handlungen unter dem Namen ‚Kreuzzug‘ stattfanden. Die
Zählung ist in der Fachliteratur nicht ganz einheitlich,
da manche Kreuzzüge nicht einhellig als eigenständige
Kreuzzüge gewertet werden.
Zeitleiste
GESCHICHTE
Hirtenkreuzzug von 1251: Ziel: eigentlich Ägypten
Siebter Kreuzzug:
nis/Jerusalem
1270,
Kreuzzug des Prinzen
ard: 1270–1272, Ziel:
kon/Jerusalem
Ziel:
Tu-
EduAk-
Aragonesischer Kreuzzug: 1284–1285, Ziel:
Girona
Hirtenkreuzzug von 1320: Ziel: eigentlich Andalusien
Erster Kreuzzug: 1096–1099, Ziel: Jerusalem
Volkskreuzzug: 1096, Ziel: Jerusalem
Deutscher Kreuzzug von
1096, Ziel: eigentlich Jerusalem
Kreuzzug von 1101: Ziel: Jerusalem
Kreuzzug Sigurds von Norwegen:
1108–1111, Ziel: Jerusalem/Sidon
Zweiter Kreuzzug: 1147–1149, Ziel: eigentlich Edessa, letztlich Damaskus
Wendenkreuzzug: 1147, Ziel: Germania Slavica
Dritter Kreuzzug: 1189–1192, Ziel: Jerusalem
Kreuzzug Heinrichs VI.: 1197–
1198, Ziel: Jerusalem
Kreuzzug gegen Smyrna: 1343-1347, Ziel: türkische Fürstentümer an der kleinasiatischen
Küste, Eindämmung der Piraterie
Kreuzzug gegen Alexandria: 1365, Ziel: Ägypten
Kreuzzug gegen Mahdia: 1390, Ziel: Eindämmung der Piraterie
Kreuzzug von Nikopolis: 1396, Ziel: Eindämmung des osmanischen Vordringens in Europa
Auch die schwedischen Eroberungsfeldzüge gegen die
Heiden in Finnland im 13. Jahrhundert werden als Kreuzzüge bezeichnet. Im 14. Jahrhundert wurden über 50
Kreuzzüge gegen die damals heidnischen Prußen und
Litauer geführt. Diese vom Deutschen Orden organisierten Feldzüge bezeichnete man auch als „Preußenfahrten“
oder „Litauerreisen“. Das 15. Jahrhundert weist vier
Kreuzzüge gegen die Hussiten auf. Von 1443 bis 1444
fand ein meist als „letzter Kreuzzug“ eingestufter Feldzug
gegen das Osmanische Reich statt, der in der Schlacht bei
Warna scheiterte.
Vierter Kreuzzug: 1202–1204, Ziel: eigentlich Ägypten/Jerusalem, letztlich Konstantinopel
5 Geschichte
Kinderkreuzzug: 1212, Ziel: Jerusalem
Eine detailliertere Beschreibung der Geschichte ist in den
separaten Artikeln zu den einzelnen Kreuzzügen enthalten.
Albigenserkreuzzug: 1209–1229, Ziel: Okzitanien
Fünfter Kreuzzug:
Kreuzzug von Damiette: 1217–
1221, Ziel: eigentlich Jerusalem,
letztlich Ägypten
Kreuzzug Friedrichs II.: 1228–
1229, Ziel: Jerusalem
Kreuzzug Theobalds IV. von Champagne:
1239–1240, Ziel: Askalon/Damaskus
Kreuzzug Richards von Cornwall: 1240–1241,
Ziel: Askalon/Jerusalem
Sechster Kreuzzug: 1248–1254, Ziel: Ägypten/Jerusalem
5.1 Erster Kreuzzug und Entstehung der
Kreuzfahrerstaaten
Aufgrund der Bedrängung des Byzantinischen Reiches
durch die muslimischen Seldschuken infolge der byzantinischen Niederlage in der Schlacht von Mantzikert 1071,
hatte der byzantinische Kaiser Alexios I. Komnenos im
Westen um Hilfe angefragt. Papst Urban II. hatte 1095
dann auch auf der Synode von Clermont zum ersten
Kreuzzug aufgerufen, um die heiligen Stätten der Christenheit zu befreien. Allerdings war Jerusalem zum Zeitpunkt des „Kreuzzugaufrufs“ im Jahr 1095 vorübergehend im Besitz der Seldschuken (1071–1098), die christliche Pilger weitgehend ungestört gewähren ließen. Ei-
5.2
Situation der Kreuzfahrerstaaten und Zweiter, Dritter und Vierter Kreuzzug
7
über, was bald schon zu Kämpfen mit dem Fürstentum
Antiochia führte.
5.2 Situation der Kreuzfahrerstaaten und
Zweiter, Dritter und Vierter Kreuzzug
Friedrich I. Barbarossa als Kreuzfahrer – Miniatur aus einer
Handschrift von 1188
ne religiöse Begeisterung wurde in Westeuropa hervorgerufen, die teilweise erschreckende Züge annahm: So
wurden im Rheinland mehrere jüdische Gemeinden von
Christen regelrecht vernichtet, und sogar einfache Leute machten sich mit Peter dem Einsiedler auf ins Heilige
Land (so genannter Volkskreuzzug) – sie sollten es jedoch
nie erreichen.[12]
Als die verschiedenen Kreuzfahrerheere Ende 1096 die
byzantinische Hauptstadt Konstantinopel erreichten, traten weitere Probleme auf: Obwohl die Byzantiner einen
Kreuzzug keineswegs herbeigewünscht hatten (sie hatten
vielmehr auf Söldner aus Europa gehofft) und den Kreuzfahrern auch nicht ganz grundlos misstrauten – manche
von ihnen, wie die unteritalienischen Normannen, hatten
zuvor schon gegen Byzanz gekämpft –, unterstützte Alexios sie zunächst, zumal sie ihm einen Treueeid schworen
und die Kreuzfahrer ebenfalls auf den Kaiser angewiesen
waren. Im Frühjahr 1097 machte sich das Heer auf den
Weg, und bald schon stellten sich erste Erfolge ein, wie
die Eroberung von Nikaia, das vertragsgemäß den Byzantinern überlassen wurde. Nach schweren Kämpfen, unter anderem bei der Einnahme Antiochias, endete dieser
Kreuzzug mit der Eroberung Jerusalems im Juli 1099, bei
der es zu blutigen Massakern an den verbliebenen Bewohnern kam – ungeachtet der Religionszugehörigkeit.
Es folgte die Entstehung der Kreuzfahrerstaaten. Byzanz
hatte zwar Teile Kleinasiens zurückgewonnen, stand der
Errichtung von Staaten im Heiligen Land, die von Byzanz unabhängig waren, jedoch mit Misstrauen gegen-
Die Kreuzfahrerstaaten um 1100
Die so genannten Kreuzfahrerstaaten erwiesen sich jedoch auf die Dauer dem moslemischen Druck nicht gewachsen: Die meisten Adligen waren schon kurz nach
dem Fall Jerusalems wieder abgereist; zurück blieb
keineswegs nur die Elite. Einerseits waren die feu-
8
dal organisierten Kreuzfahrerstaaten aufgrund der geringen katholisch-christlichen Bevölkerungsanzahl (wo die
Mehrheit der Bevölkerung christlich war, war sie nicht
katholisch, wie etwa in Syrien) auf Nachschub aus Europa angewiesen, was diesen Staaten einen gewissen „kolonialen“ Charakter verlieh. Andererseits kam es zu einem durchaus bemerkenswerten Wandel im Verhältnis
zwischen Christen und Moslems: Fortan lebten sie meistens durchaus friedlich miteinander. Den Moslems wurde eine weitgehend freie Religionsausübung gestattet, und
es wurde ihnen eine eigene Gerichtsbarkeit zugestanden.
Auch gegenüber den anderen christlichen Konfessionen
verhielten sich die katholischen „Franken“ (so wurden
die Kreuzritter vor allem in arabischen Quellen genannt)
durchaus tolerant. Diese Entwicklung war ebenfalls eine
direkte Konsequenz der zu geringen Zahl zurückgebliebener Kreuzfahrer, die sonst den eroberten Raum nicht zu
kontrollieren vermocht hätten – was aber ohnehin nur in
gewissen Grenzen möglich war. Auch die Juden hatten in
den Kreuzfahrerstaaten eine wesentlich bessere Stellung
als in Europa und wurden in Outremer, wieder anders als
in Europa, nach der Eroberung Jerusalems auch nie das
Opfer von Pogromen.[13]
Auch wenn es den Kreuzfahrern teils sogar gelang, die
verfeindeten muslimischen Reiche, die sie umgaben, gegeneinander auszuspielen (die Fatimiden in Ägypten waren den Seldschuken beispielsweise feindlich gesinnt),
so war die militärische Situation doch immer äußerst
schwierig. Der letztendlich erfolglose Zweite Kreuzzug (1147–1149) hatte bereits das Ziel, die bedrängten
Kreuzfahrerstaaten (nach dem Fall der Grafschaft Edessa) zu entlasten. Nach der Schlacht bei Hattin 1187,
in der faktisch das gesamte militärische Aufgebot des
Königreichs Jerusalem geschlagen worden war, fiel sogar
Jerusalem wieder in muslimische Hände. Die nachfolgenden Kreuzzüge, die diese Entwicklung umkehren sollten,
hatten wenig Erfolg, teils aufgrund unzureichender Planung oder strategischer Fehler, teils aufgrund der Uneinigkeit bei der Führung des Oberkommandos: wie etwa
beim Dritten Kreuzzug, wo der Hauptteil des Heeres aus
Franzosen und Engländern bestand, die einander feindlich gesinnt waren.
5
GESCHICHTE
5.3 Kriegsfolgen und weitere Kreuzzüge
im Mittelalter
Die Republik Venedig hatte somit ihren größten Konkurrenten im Orienthandel dauerhaft geschwächt, der Nimbus der Kreuzzüge nahm damit freilich dauerhaft Schaden, zumal in diesem Zusammenhang das Byzantinische
Reich von einer intakten Großmacht zu einer (nach
der Rückeroberung Konstantinopels 1261) Regionalmacht degradiert wurde. Außerdem wurde das Verhältnis
der orthodoxen Völker zu Westeuropa für Jahrhunderte
schwer belastet.
Die Kreuzzüge hatten damit endgültig ihr ursprüngliches
Motiv, die Rückeroberung des Heiligen Landes, verloren.
Allerdings verlor man dieses Ziel nie ganz aus den Augen, auch wenn alle weiteren Versuche – vom diplomatischen Erfolg des Stauferkaisers Friedrich II. während des
Fünften (bzw. nach anderer Zählung Sechsten) Kreuzzugs abgesehen – keinen Erfolg hatten oder sogar in militärischen Katastrophen endeten.
Der Albigenserkreuzzug (1209–1229) - wie andere, ähnlich geartete Unternehmen gegen Christen - trug mit dazu
bei, dass die Kreuzzüge oft nur als eine politische Waffe
des Papsttums begriffen wurden. Sogar Feldzüge gegen
die Ghibellinen (Anhänger des Kaisers) in Italien wurden
noch zu Kreuzzügen erklärt. Demgegenüber trugen die
„Kreuzzüge“ der Reconquista auf der iberischen Halbinsel bereits de facto nationale Züge. Die Kreuzzüge in das
Baltikum, die vor allem der Missionierung dienten und
von den teilnehmenden Adligen auch als „gesellschaftliches Ereignis“ begriffen wurden, gingen noch bis ins 14.
Jahrhundert weiter.
Die Kreuzzüge in die Levante endeten 1291 mit dem
Fall Akkons. Die späten Kreuzzüge gegen die islamische Welt, die sich nun gegen das nach Europa vordringende Osmanische Reich richteten, endeten schließlich gegen Ende 14. Jahrhunderts/Mitte des 15. Jahrhunderts. Als die beiden letzten Kreuzzüge gelten die Kreuzzüge des ungarischen (und späteren römisch-deutschen)
Königs Sigismund, der mit der Niederlage von Nikopol
1396 endete, sowie der Kreuzzug des polnischen Königs
Władysław III., der mit der Niederlage von Warna 1444
endete. Die Eroberung von Konstantinopel 1453 bedeutete eine Zäsur im europäischen Bewusstsein. Die Zeit
der Kreuzzüge war endgültig zu Ende.
Der Vierte Kreuzzug endete gar 1204 mit der Eroberung und Plünderung Konstantinopels, der damals größten christlichen Stadt der Welt, durch Kreuzritter, die mit
einem Teil der gemachten Beute die Verschiffung des
Kreuzfahrerheers durch die Flotte Venedigs „bezahlten“.
Der Papst, der sich angesichts der Gräueltaten der Kreuzfahrer überdies darüber im Klaren war, dass damit eine 5.4 Kreuzzüge außerhalb des Mittelalters
Kirchenunion mit der Orthodoxie praktisch unmöglich
wurde, verurteilte diese Aktion auf das Schärfste, was Bereits der Perserkrieg des oströmischen Kaisers
Herakleios im 7. Jahrhundert trug in gewisser Weise
praktisch jedoch folgenlos blieb.
Charakterzüge eines christlichen Religionskrieges,
wobei der Kaiser später zum herausragenden Vorbild
eines christlichen Kämpfers stilisiert wurde: so wurde
beispielsweise das Geschichtswerk des Wilhelm von
Tyrus in der altfranzösischen Übersetzung unter dem
Titel Livre d'Eracles veröffentlicht.
9
Auch nach dem Ende des Mittelalters wurden immer wieder Militäraktionen als „Kreuzzüge“ deklariert (so der
Versuch einer Invasion Englands durch den katholischen
König von Spanien, Philipp II., und auch die Schlacht
von Lepanto wurde von einer so genannten „Kreuzzugsliga“ geführt). Auch Portugals König Sebastian sah seinen Feldzug nach Marokko als Auftakt für einen neuen
Kreuzzug und fiel 1578. Das Papsttum unternahm noch
im 17. Jahrhundert ähnliche Anläufe, denen aber bestenfalls nur vorübergehende Erfolge beschieden waren.
• Der US-Präsident George W. Bush bezeichnete den
zweiten Irakkrieg wiederholt als „Kreuzzug gegen
Terroristen“. Auf Drängen seiner Berater verzichtete Bush jedoch schnell wieder auf diesen Begriff,
vornehmlich wegen seiner historisch-inhaltlichen
Bedeutung. Umgekehrt werden die westlichen Staaten, insbesondere so weit sie sich an der Eroberung
und Besatzung des Irak beteiligen, in arabischen
Ländern häufig als „Kreuzritter“ oder „Kreuzzügler“
bezeichnet, denen der gesammelte Widerstand der
Muslime zu gelten habe.
6
• Der italienische Reformenminister Roberto Calderoli aus der rechten Regierungspartei Lega Nord rief
als Reaktion auf die Proteste in der islamischen Welt
im Karikaturenstreit den Papst dazu auf, sich an die
Spitze eines „neuen Kreuzzugs“ gegen die Muslime
zu stellen.
Nachwirkungen
Der Begriff „Kreuzzug“ beschränkt sich nicht nur auf
die historischen Kreuzzüge, sondern wird heute auch im
übertragenen Sinne gebraucht. Seine abschätzige Verwendung als negatives Gütesiegel in der internationalen
politischen Rhetorik wird im westlichen Europa gewöhnlich als eine durch und durch absurde und abwegige Bezugnahme auf einen längst überwundenen Anachronismus wahrgenommen und stößt dort deshalb weitgehend
auf strikte Ablehnung.
6.1
Allgemeine Begriffsverwendung
• Im Juli 2006 veröffentlichte Al-Qaida eine Videobotschaft mit dem Titel „Der Zionisten-KreuzritterKrieg gegen Libanon und die Palästinenser“, in der
gegen die angebliche „Kreuzfahrer-Allianz“ westlicher Staaten mit Israel polemisiert wird.[15] Die
Gründe, weshalb Al-Qaida offenbar wirkungsvoll
zum Kampf gegen die „Kreuzritter“ aufrufen kann,
hat Amin Maalouf[16] diskutiert; er zieht Parallelen zu den Vorgängen bei der Eroberung der Stadt
Maarat an-Numan 1098.
„Kreuzzug“ wird im Deutschen wie im Englischen auch
als Synonym für eine gesellschaftliche Anstrengung oder
organisierte Kampagne verwendet, die der Durchsetzung
bestimmter Ziele dienen soll. Es wird z. B. von „Kreuzzügen“ gegen die weltweite Kinderarmut oder gegen Krank- 7 Literatur
heiten und Seuchen gesprochen. In politischen Debatten wird der Begriff nicht selten polemisch eingesetzt, Bibliografien
um ein Vorgehen der Gegenseite als weitaus überzogen
zu brandmarken, beispielsweise wenn in einem verbalen Siehe auch die umfassende Bibliografie in: Kenneth M.
Schlagabtausch von einem „Kreuzzug gegen die Internet- Setton (Hrsg.): A History of the crusades, Bd. 6 (s.u.).
Infrastruktur“ die Rede ist.
• Hans Eberhard Mayer: Bibliographie zur Geschichte
der Kreuzzüge. 2. Auflage, Verlag Hahn, Hannover
6.2 Politische Verwendung des Begriffs
1965.
• Online-Bibliografie von Prof. Paul Halsall
• Die NS-Propaganda bezeichnete den deutschen
Eroberungskrieg gegen die Sowjetunion als “KreuzLexika
zug Europas gegen den Bolschewismus".[14]
• In den USA wurde die Beteiligung an der Befreiung
Europas von der Herrschaft des Nationalsozialismus
häufig mit dem Begriff „Kreuzzug“ assoziiert. So
gab etwa der US-Oberbefehlshaber und spätere USPräsident Dwight D. Eisenhower seinem Kriegstagebuch den Titel Crusade in Europe.
• Alan V. Murray (Hrsg.): The Crusades. An Encyclopedia. 4 Bde., ABC-CLIO, Santa Barbara/Calif. u.a.
2006, ISBN 1-57607-862-0.
(Fachwissenschaftliche Enzyklopädie, berücksichtigt die Forschungsliteratur bis etwa 2005.)
Sekundärliteratur
• Im 20. Jahrhundert bezeichnete der evangelikale Massenprediger Billy Graham seine Großveranstaltungen, auch zur Truppenbetreuung im
Vietnamkrieg, als „Crusades“, engl. für Kreuzzüge.
• Thomas Asbridge: Die Kreuzzüge. 2. Auflage. KlettCotta Verlag, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-60894648-2.
10
• Michel Balard u.a. (Hrsg.): Dei gesta per Francos.
Études sur les croisades dédiées à Jean Richard. Crusade Studies in Honour of Jean Richard. Ashgate
Books, Aldershot 2001. ISBN 0-7546-0407-1.
• Carl Erdmann: Die Entstehung des Kreuzzuggedankens (Habilitationsschrift, Universität Berlin
1932). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1980. ISBN 3-534-00199-0 (unveränderter
Nachdruck der Ausgabe Stuttgart 1955).
• Francesco Gabrieli: Die Kreuzzüge aus arabischer
Sicht (“Storici arabi delle crociate”). BechtermünzVerlag, Augsburg 2000. ISBN 3-8289-0371-1.
• Alfred Haverkamp (Hrsg.): Juden und Christen zur
Zeit der Kreuzzüge. J.Thorbecke-Verlag, Stuttgart
1999. ISBN=3-7995-6647-3
• Carole Hillenbrand: The Crusades. Islamic Perspectives. University Press, Edinburgh 1999. ISBN 07486-0630-0.
• Peter M. Holt: The Age of the Crusades. The Near
East from the Eleventh Century to 1517. Longman,
London 1997. ISBN 0-582-49303-X.
• Norman Housley: The Later Crusades, 1274–1580.
From Lyons to Alcazar. University Press, Oxford
2001. ISBN 0-19-822136-3.
• Nikolas Jaspert: Die Kreuzzüge (Geschichte kompakt). 4. überarbeitete Auflage, Wissenschaftliche
Buchgesellschaft, Darmstadt 2008. ISBN 978-3534-20091-7.
• Hans-Jürgen Kotzur (Hrsg.): Die Kreuzzüge - Kein
Krieg ist heilig. Verlag von Zabern, Mainz 2004.
ISBN 3-8053-3240-8.
(Katalog der Ausstellung im Dommuseum Mainz.)
• Thomas F. Madden: A new concise history of the crusades. Rowan & Littlefield, Lanham 2005. ISBN 07425-3822-2 (früherer Titel A concise history of the
crusdaes).
• Hans Eberhard Mayer: Geschichte der Kreuzzüge.
10., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage.
Kohlhammer, Stuttgart 2005. ISBN 3-17-018679-5
(Standardwerk).
• Jonathan Phillips: Heiliger Krieg: Eine neue Geschichte der Kreuzzüge (Originaltitel: Holy Warriors. A Modern History of the Crusades), Deutsche
Verlagsanstalt, München 2011. ISBN 978-3-42104283-5
• Jean Richard: The Crusades 1071–1291 (“Histoire
des croisades”). University Press, Cambridge 1999.
ISBN 0-521-62369-3 (Cambridge Medieval Textbooks).
7 LITERATUR
• Jonathan Riley-Smith: Wozu heilige Kriege? Anlässe
und Motive der Kreuzzüge (Originaltitel: What were the crusades). Wagenbach-Verlag, Berlin 2003.
ISBN 3-8031-2480-8.
(Knappe Einführung.)
• Jonathan Riley-Smith (Hrsg.): Illustrierte Geschichte der Kreuzzüge. Campus Verlag, Berlin-New York
1999. ND Parkland-Verlag, Köln 2004. ISBN 389340-068-0.
Originaltitel: The Oxford Illustrated History of the
Crusades, 1995. (Illustrierte Einführung mit Beiträgen von mehreren Historikern.)
• Jonathan Riley-Smith (Hrsg.): Grosser Bildatlas
der Kreuzzüge. Sechs Jahrhunderte abendländischer Kultur- und Glaubensgeschichte. Herder, Freiburg/B. 1992. ISBN 3-7632-4038-1.
• Steven Runciman: Geschichte der Kreuzzüge. Dtv,
München 4 2003. ISBN 3-423-30175-9
Originaltitel: The History of the Crusades. (Teils romantisierendes Standardwerk, das den Forschungsstand bis zu den 1950er Jahren berücksichtigt.)
• Kenneth M. Setton (Hrsg.): A History of the Crusades. 6 Bände bei University Press, Madison/Wisc.
1969-89. Gilt als Standardwerk zu allen Aspekten
der Kreuzzüge.
A History of the
text.library.wisc.edu,
Crusades,
bei
lib-
A History of the Crusades, bei digicoll.library.wisc.edu
• Emmanuel Sivan: L'Islam et la Croisade. Idéologie et
propagande dans les réactions musulmanes aux Croisades. Librairie d'Amerique et d'Orient, Paris 1968.
• Rodney Stark: Gottes Krieger – Die Kreuzzüge in neuer Sicht. Haffmans & Tolkemitt, Berlin 2013. ISBN
394298928X.
(Darstellung eines Religionssoziologen, der die
Kreuzzüge eher als Reaktion auf die vorherige islamische Expansion erklärt und das religiöse Element
der Kreuzzüge stärker gewichtet.)
• Peter Thorau: Die Kreuzzüge. Beck, München 2008.
ISBN 978-3-406-56287-7.
(Knapp gehaltene Einführung.)
• Christopher Tyerman: God’s war. A new history of
the crusades. Penguin Books, London 2007. ISBN
978-0-14-026980-2.
• Christopher Tyerman: The Invention of the Crusades. Macmillan, London 1998. ISBN 0-333-669010.
11
8
Weblinks
Commons: Kreuzzüge – Sammlung von Bildern,
Videos und Audiodateien
Wiktionary: Kreuzzug – Bedeutungserklärungen,
Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
[12] Am detailliertesten beschreibt Runciman die Geschichte
der Kreuzzüge; vgl. auch Setton (Hrsg.), A History of the
Crusades.
[13] Vgl. allgemein zu den inneren Verhältnissen Mayer, Geschichte der Kreuzzüge, 10. Aufl., S. 186 ff.
[14] Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 4 (Der
Angriff auf die Sowjetunion), Deutsche Verlags-Anstalt,
Stuttgart 1983, ISBN 978-3-421-06098-3, S. 908-935
• Literatur zum Thema Kreuzzüge im Katalog der
[15] hier online (faz.net)
Deutschen Nationalbibliothek
• Laiou/Mottahedeh (Hgg.): The Crusades from the
Perspective of Byzantium and the Muslim World, bei
Dumbarton Oaks
[16] Amin Maalouf: Der Heilige Krieg der Barbaren - Die
Kreuzzüge aus Sicht der Araber. Kreuzlingen 2001, S. 5255. ISBN 3-89631-420-3
• Internet Medieval Sourcebook, bei fordham.edu, InDie Kreuzzüge
ternetquellenverweise (englisch)
9
Anmerkungen
[1] Zu Motiven und Ereignisabläufen vgl. einführend die Artikel in: Alan V. Murray (Hrsg.): The Crusades. An Encyclopedia. Santa Barbara/Calif. u.a. 2006
[2] Leo Trepp: Die Juden. Volk, Geschichte, Religion. Hamburg 1998, ISBN 3499606186, S. 66.
[3] Hannes Möhring, König der Könige, Königstein i. Ts.
2004, S. 53 ff.
[4] Jonathan Riley-Smith: Kreuzzüge, in: Theologische Realenzyklopädie Band 20, Berlin 1990, S. 1-10
[5] Arnold Angenendt, Die Kreuzzüge: Aufruf zum ‚gerechten‘ oder zum ‚heiligen‘ Krieg? in: Andreas Holzem
(Hrsg.), Kriegserfahrung im Christentum. Religiöse Gewalttheorien in der Geschichte des Westens (Krieg in der
Geschichte, Bd. 50), Paderborn – München – Wien – Zürich 2009, 341-367
[6] Willi Mitzkewitz: Papst Johannes Paul II. Und das Schuldbekenntnis der Kirche, http://www.wir-sind-kirche.de/
koeln/papst_johannes_paul_ii.htm
[7] http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_
vatican_council/documents/vat-ii_decl_19651028_
nostra-aetate_ge.html
[8] Michael Wolffsohn: Juden und Christen: ungleiche Geschwister; die Geschichte zweier Rivalen. Patmos, 2008,
S. 161
[9] Vgl. dazu etwa die kritischen Anmerkungen in den Rezensionen von Housleys Büchern The Avignon Papacy and the
Crusades sowie The Later Crusades.
[10] Vgl. Jonathan Riley-Smith, Die Mentalität der Orientkreuzfahrer, in: Jonathan Riley-Smith (Hrsg.), Illustrierte
Geschichte der Kreuzzüge, S. 83 ff.
[11] Robert Bartlett: Die Geburt Europas aus dem Geist der
Gewalt. München 1998, Knaur-TB 77321 ISBN 3-42660639-9. Die englische Originalausgabe (1993) hat einen
neutraleren Titel: The making of Europe. Conquest, Colonization and Cultural Change.
Volkskreuzzug | Erster Kreuzzug | Kreuzzug von 1101
| Zweiter Kreuzzug | Wendenkreuzzug | Dritter Kreuzzug | Kreuzzug Heinrichs VI. | Vierter Kreuzzug |
Albigenserkreuzzug | Kinderkreuzzug | Fünfter Kreuzzug (Kreuzzug von Damiette) | Fünfter (Sechster) Kreuzzug (Kreuzzug Friedrichs II.) | Kreuzzug der Barone |
Sechster (Siebter) Kreuzzug | Hirtenkreuzzug von 1251 |
Siebter (Achter) Kreuzzug | Kreuzzug des Prinzen Eduard
| Hirtenkreuzzug von 1320 | Kreuzzug gegen Alexandria
| Kreuzzug von Nikopolis
Normdaten (Sachbegriff): GND: 4073802-4
12
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10
10.1
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