Bedeutung der Gene nicht überschätzen

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W I S S E N S C H A F T
Genetik und Psyche
Bedeutung der Gene
nicht überschätzen
Die Entdeckung genetischer Einflüsse hat das Verständnis
von psychischen Erkrankungen verändert.
Weitere Forschungsarbeiten werden die Grundlagen
für spezifische Therapien schaffen.
D
ie Genforschung hat in den letzten
Jahren unser Verständnis von psychischen Erkrankungen revolutioniert. Für viele Phänomene, die bisher nur theoretisch beschrieben worden
waren, sind biologische Grundlagen
entdeckt worden. So konnte zum Beispiel der prägende Einfluss früher Kindheitserfahrungen nachgewiesen werden. Anhand von Tierversuchen zeigte
sich, dass Stress, etwa durch mangelhafte Versorgung oder durch Trennung von
der Bezugsperson hervorgerufen, das
hormonelle System und damit die Entwicklung der neuronalen Verbindungen
in ungünstiger Weise beeinflusst.
Mythos von der
„Macht der Gene“
Es kursieren verschiedene Mythen und
Missverständnisse über die „Macht der
Gene“. So wird häufig irrtümlich angenommen, dass ein einzelnes abnormes
Gen für eine Krankheit verantwortlich
ist. Tatsächlich ist meist eine große Anzahl von Genen dafür ausschlaggebend.
Ein Gen ist auch nicht per se gut. „Es
kann einerseits ein Risikofaktor für eine psychische Störung sein, andererseits aber auch eine Schutzwirkung haben“, sagt Prof. Dr. Dr. Hermann Faller
vom Würzburger Institut für Psychotherapie und Medizinische Psychologie.
Gene lösen zudem nicht per se Krankheiten aus. Sie sind lediglich eine Disposition, das heißt, das Erkrankungsrisiko
ist erhöht, aber die Krankheit muss
nicht zwangsläufig ausbrechen. Maßgeblich für Latenz oder Ausbruch einer
Krankheit sind oft Umwelteinflüsse.
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 Februar 2004
Deutsches Ärzteblatt
Obwohl Zahlen bestechend sind, gibt es
tatsächlich keinen festen Wert der Erblichkeit für eine Störung. Die Wahrscheinlichkeit, mit der beispielsweise
ein eineiiger Zwilling von der gleichen
Störung wie sein erkrankter Kozwilling
betroffen ist, ist nicht absolut zu ermitteln. Vielmehr beziehen sich die Angaben auf die jeweilige Population, an der
die Untersuchung durchgeführt wurde.
Manchmal verändern sich die Werte
auch durch kulturelle Einflüsse. Es handelt sich daher um Näherungswerte, an
denen man sich im Einzelfall nur ungefähr orientieren kann. Über die Wechselwirkung von Umwelt und Genen
weiß man teilweise noch zuwenig. Dennoch sollte man sich bewusst sein, dass
sich Gene und Umwelt gegenseitig verstärken oder blockieren können. Die
Kenntnis von einer genetischen Veranlagung reicht deshalb noch nicht aus,
um den Einzelfall bewerten zu können.
Dazu muss auch immer bekannt sein, wie
ein Patient lebt und was er erlebt hat.
Ein weiterer Mythos ist die Annahme, dass bei einer hohen Erblichkeit
Umweltinterventionen nutzlos sind.
Denn die Effektivität solcher Interventionen hängt allein von der Wirkungsweise eines Gens und nicht von der
Höhe seiner Erblichkeit ab. So kann
schon eine spezifische Ernährungsweise dazu führen, dass die Auswirkungen
eines Gens nivelliert werden. Mit der
Identifizierung von Krankheitsgenen
wird schnell die Hoffnung auf effektive
Therapien verbunden. Dazu zählt auch
die Vernichtung des Gens. Dies ist praktisch jedoch kaum umzusetzen.
Zur Untersuchung genetischer Komponenten von psychischen Erkrankun-
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gen werden verschiedene Verfahren
eingesetzt. Zwei gängige Methoden der
phänotypischen Genetik sind Zwillings- und Adoptionsstudien. Sie ermöglichen es, den Einfluss der gemeinsam geteilten Gene und der geteilten
beziehungsweise nichtgeteilten Umwelt bei Geschwistern und Familienangehörigen festzustellen. Eine familiäre
Häufung einer Erkrankung bei genetisch identischen oder genetisch ähnlichen Angehörigen wird als Beleg für einen genetischen Einfluss angesehen.
Zur Klärung genetischer Faktoren
werden außerdem molekulargenetische
Methoden, insbesondere Kopplungsund Assoziationsuntersuchungen angewendet. Sie zielen darauf ab, spezifische
Gene oder Genkonstellationen zu finden, die mit dem Auftreten einer psychischen Erkrankung assoziiert sind.
Durch Kopplungsanalysen wird versucht, die Lage des Krankheitsgens auf
dem Genom zu ermitteln. Dabei macht
man sich das Phänomen zunutze, wonach zwei Gene manchmal überzufällig
häufig miteinander vererbt werden. Ist
die Lokalisation des einen Gens (Markergen) bekannt, kann es über die bisher unbekannte Lokalisation des anderen Gens (Krankheitsgen) Aufschluss
geben. Bei Assoziationsuntersuchungen werden Rückschlüsse von einer
Krankheit auf die beteiligten Gene
gezogen. Assoziation bedeutet, dass eine Krankheit in einer nicht verwandten Population häufig zusammen mit
einem bestimmten Genanteil (DNSSequenzvariante) auftritt. Die DNSSequenzvariante kann, muss aber nicht,
mit der Krankheit in Zusammenhang
stehen.
Bipolare Störungen: Erhöhtes
Risiko für Angehörige
Durch diese Methoden ist heute bekannt, dass so gut wie alle psychischen
Erkrankungen eine genetische Grundlage haben, so zum Beispiel die affektiven Störungen. Familienstudien belegen, dass erstgradig Verwandte von Patienten mit einer bipolar affektiven
Störung ein deutlich erhöhtes Risiko
haben, ebenfalls zu erkranken. Bei eineiigen Zwillingen beträgt dieses Risiko
40 bis 70 Prozent, bei anderen Verwand-
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ten immerhin fünf bis zehn Prozent.
„Zur Entstehung der Krankheit tragen
mehrere Gene mit unterschiedlicher
Stärke bei“, meint Prof. Dr. Marcella
Rietschel von der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Bonn. Bei Angehörigen ersten
Grades von unipolar Erkrankten ist
das Risiko um mindestens 15 Prozent
gesteigert.
Auch bei der Entstehung von Angsterkrankungen sind genetische Faktoren beteiligt. Ihr Einfluss auf die Entstehung der Panikstörung wird auf 35
bis 48 Prozent geschätzt. Darüber hinaus treten auch Phobien, posttraumatische Belastungsstörungen und die
generalisierte Angststörung familiär
verstärkt auf. Die bisherigen Untersuchungen belegen einen deutlichen,
aber nur mäßig ausgeprägten Einfluss
genetischer Faktoren, deren Natur
noch weitgehend ungeklärt ist. „Bisher
sind nur begrenzte Aussagen über die
Rolle spezifischer Loci oder Gene in
der Entstehung der Erkrankung möglich“, betonten Priv-Doz. Dr. Jürgen
Deckert und Katharina Domschke von
der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Münster.
Zur familiären Häufung und Erblichkeit von Zwangsstörungen liegen nur
spärliche Befunde vor. „Ein genetischer
Einfluss ist anzunehmen, er scheint bei
Zwängen jedoch geringer zu sein als bei
anderen psychischen Störungen“, betonte Prof. Dr. Wolfgang Maier von der
Universität Bonn. Schizophrenie tritt familiär besonders häufig auf und hat damit ebenfalls eine belegte genetische
Komponente. Die Wahrscheinlichkeit
für Angehörige schizophren erkrankter
Geschwister oder Eltern, ebenfalls zu
erkranken, liegt bei eineiigen Zwillingen bei 46 Prozent, bei zweieiigen Zwillingen bei 14 Prozent, bei Geschwistern
bei 13 Prozent und bei Kindern von Erkrankten bei 12 Prozent. Das Erkrankungsrisiko in der Allgemeinbevölkerung beträgt hingegen ein Prozent. Der
Erbgang ist unklar. Gene, die für Schizophrenie verantwortlich sein könnten,
wurden bisher noch nicht eindeutig
identifiziert.
Alkoholabhängigkeit tritt familiär relativ häufig auf. „Die Wahrscheinlichkeit für Angehörige ersten Grades von
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Alkoholabhängigen, selbst zu erkranken, ist um das Drei- bis Vierfache
höher als das der Allgemeinbevölkerung“, sagt Dr. med. Petra Franke,
Oberärztin an der Klinik und Poliklinik
für Psychiatrie und Psychotherapie in
Bonn. Monozygote Zwillinge haben ein
zehnfach erhöhtes Risiko. Es gilt als gesichert, dass die familiäre Übertragung
der Alkoholabhängigkeit ein polygenetisches Geschehen ist. Inzwischen wurden vier klar umschriebene Genorte
ausgemacht. Daneben spielen Nachahmung und häusliches Milieu eine Rolle.
Genetische und Umgebungsfaktoren
werden als etwa gleichbedeutend angesehen. Auch andere Suchtformen wie
Drogen- oder Nikotinsucht scheinen
auf genetischen Grundlagen zu beruhen. So legen etwa Zwillingsstudien die
Existenz einer familiär geteilten Vulnerabilität zum Drogenmissbrauch nahe.
Bei der Heroinabhängigkeit ist der genetische Einfluss am stärksten, beim
Konsum von Haschisch sind Familie
und Umgebung hingegen bedeutsamer
als der genetische Faktor.
Einfluss von Umweltfaktoren
bleibt wichtig
Die Entdeckung genetischer Einflüsse
hat das Verständnis von psychischen Erkrankungen verändert. Weitere Forschungsarbeiten werden Grundlagen für
spezifische Therapien schaffen. Allerdings sollte die Bedeutung der Gene
nicht überschätzt werden. Bisher hat nur
selten eine genetische Forschung einen
höheren Einflussanteil als 50 Prozent
der Gene demonstrieren können. Damit
bleibt der Einfluss von Umweltfaktoren
wichtig. Die altbekannte Debatte um
den Einfluss von Umwelt und Vererbung
ist damit nicht überflüssig, sondern kann
in Zukunft immer differenzierter geführt werden. Dr. phil. Marion Sonnenmoser
Literatur
1. Berger M: Psychische Erkrankungen. 2. Auflage. München: Urban & Fischer 2004.
2. Beutel ME: Neurowissenschaften und Psychotherapie.
Psychotherapeut 2002; 1: 47: 1–10.
3. Faller H: Verhaltensgenetik. Psychotherapeut 2003;
2: 48: 80–92.
4. Köhler T: Biologische Grundlagen psychischer Störungen. Stuttgart: Thieme 1999.
5. Psychoneuro 2003; 29 (4).
Referiert
Ältere Angstpatienten
Therapie und Ablauf
modifizieren
A
ngststörungen zählen zu den häufigsten Störungen im höheren Lebensalter. Ältere Menschen werden öfter als jüngere vorwiegend medikamentös behandelt, vor allem mit Antidepressiva und SSRI. Welche nichtmedikamentösen Verfahren effektiv
sind, prüften jetzt zwei Wissenschaftler
von der Universität Bergen. Sie werteten 15 Studien aus, an denen 495 Patienten teilnahmen und bei denen 20
verschiedene Verfahren eingesetzt wurden. Die Verfahren wiesen eine Effektstärke von .55 auf. Das bedeutet, dass
eine Psychotherapie älteren Menschen
helfen kann, Ängste abzubauen. Ohne
Behandlung zu bleiben und auf Spontanheilung zu hoffen, ist hingegen die
schlechtere Wahl. Wie lange die Therapieeffekte andauern, darüber können
die Forscher keine einheitlichen Aussagen treffen, da die Studien in diesem
Punkt kaum vergleichbar waren. „Einige Studien weisen jedoch darauf hin,
dass die Therapieerfolge auch nach
zwölf Monaten noch nachweisbar waren“, so die Forscher. Die Studien geben
außerdem Aufschluss über einige Besonderheiten, die hinsichtlich älterer
Angstpatienten beachtet werden müssen. So sind Therapie und psychosoziale Versorgung älteren Menschen oft
weniger zugänglich, da sie stärker an
Haus und Wohnort gebunden und weniger mobil sind. Das muss bei der
Erstellung eines Behandlungsplans berücksichtigt werden. Es zeigte sich
außerdem, dass die Behandlung in
Gruppen wirksamer ist als Einzelsitzungen. Die Therapie älterer Angstpatienten erfordert es zudem, dass Verfahren und Abläufe modifiziert und
ms
angepasst werden.
Nordhus IH, Pallesen S: Psychological Treatment of LateLife Anxiety: An Empirical Review. Journal of Counseling
and Clinical Psychology 2003; 71: 4: 643–651.
Inger Hilde Nordhus, Department of Clinical Psychology,
University of Bergen, Christiesgt. 12, N-5015 Bergen,
Norway, E-Mail: [email protected]
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