Vorsicht, Viren!

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Globale Seuchen
Wie gefährlich sind die
neuen Krankheiten? Seite 8
Impfen nach Plan
Die wichtigsten Impfungen
auf einen Blick Seite 20
www.beobachter.ch
30. Oktober 2009
Gesundheit
Vorsicht, Viren!
So schützt man sich vor Infektionen
In Zusammenarbeit mit
Grippe:
Machen Sie den
Impf-Check!
www.pandemia.ch
Risiken und Nebenwirkungen
E
INHALT
s hüstelt, niest und schnieft wieder
in Trams und Bussen. Die Grippe­
zeit bricht an. «Imp­fen oder nicht?»
– die Frage stellt sich diesen Herbst noch
dringlicher als in den letzten Jahren. An­­ge­
sichts der befürchteten Schweine­grippe­
pandemie raten die Weltgesund­heits­orga­
ni­sation und hiesige Be­hör­den sogar, sich
ge­gen die saisonale und die Schweine­
grippe impfen zu lassen. Eine Mass­nahme,
die Impfkritiker für über­trieben halten. Sie
warnen vor «Alarm­ismus» und kritisieren,
der H1N1-Impf­stoff sei ungenügend ge­
testet. Die Be­fürworter dagegen appellie­
ren an unsere Mitverantwortung. Wer an
der Grippe erkranke, gefährde auch sein
Umfeld: den Nachbarn im Rentenalter, die
schwangere Frau im Zug oder den herz­
infarkt­gefähr­deten Arbeitskollegen.
Was also tun? Dieses Beobachter-Extra
kann Ihnen den Entscheid nicht abneh­
men. Wir möchten Ihnen aber Entschei­
dungsgrundlagen liefern: Wie gefährlich
ist die Grippe? Wer sollte sich impfen las­
sen? Was sind die Argumente der Befür­
worter und Gegner? In diesem Heft ist
aber nicht nur von der Grippe die Rede.
Thematisiert werden generell die Risiken
und Nebenwirkungen von Impfungen.
Und wir zeigen, worauf Eltern bei Kinder­
impfungen achten müssen, welche Reise­
impfungen man vornehmen sollte oder
was es mit dem Humanen Papillomavirus
auf sich hat, das Gebärmutterhalskrebs
auslösen kann und gegen das sich viele
junge Frauen impfen lassen.
Titelbild: Corinna Staffe, Fotolia (2)
Bei den meisten Menschen verläuft eine Grippeerkrankung ohne
Komplikationen. Es gibt jedoch Gruppen, die bezüglich Ansteckung
und Komplikationen anfälliger sind. Bei solchen Risikogruppen
ist es besonders wichtig, die Gefahr einer Erkrankung und damit
verbundener Komplikationen durch eine Impfung erheblich zu
verringern. Der Impf-Check unter www.pandemia.ch hilft Ihnen
bei der Einschätzung Ihres persönlichen Risikos.
Hotline 031 322 21 00
Gesundheit
22 | 2009
Eine Entwarnung zum Schluss: Lassen Sie
sich nicht aus der Ruhe bringen, wenn es
um Sie herum hustet, rotzt und keucht. In
den meisten Fällen handelt es sich nicht
um eine Grippe, sondern um einen «grip­
palen Infekt» – eine Erkältung. Die «un­
echte Grippe» macht uns im Schnitt fünf­
mal pro Jahr das Leben schwer. Das ist
kein Drama: In drei Tagen kommt sie, drei
Tage bleibt sie – und nach drei weiteren
Tagen ist der Spuk wieder vorbei.
Remo Leupin
4Magazin
Aktuelles aus der Welt
der Viren und Bakterien.
6 Selbsttest
Wie gut kennen Sie sich mit Hygiene
im Alltag aus?
8 Globale Seuchen
Die Globalisierung begünstigt die
Verbreitung von Pandemien. Wie
wir uns dagegen schützen können.
Schwerpunkt
16Impfen – ja oder nein?
Die Argumente der Impfkritiker
und Impfbefürworter.
20Impfplan
Eine Übersicht der vom Bund
empfohlenen Impfungen.
22Impfstoffe
So funktioniert das Impfen.
Bilder in dieser
Ausgabe
Frankreich sei ein gutes Pflaster für
ihre Arbeit, sagt die Illustratorin
dieses Hefts, Corinna Staffe, 44. Das
Material, das sie in ihren Collagen
verarbeitet – vornehmlich in die
­Jahre gekommene Schwarzweiss­foto­grafien –, stöbert sie in kleinen
Läden, auf Flohmärkten, in alten
Foto­büchern und Bibliotheken auf.
«Die Collage ist eine lebendige
Kunstform, die fast alles zulässt»,
schwärmt die gebürtige Zürcherin,
die seit zwei Jahren mit ihrer Familie
in Lyon lebt. Im Januar 2010 wird sie
erstmals Werke an einer Ausstellung
zeigen, im japanischen Osaka. ­Selber
hinfliegen wird sie nicht, nur ihre
­Figuren auf die Reise schicken, «das
ist viel wichtiger».
26Kinderimpfungen
Was Eltern darüber wissen müssen,
inklusive der Argumente der
Befürworter und Kritiker.
30Krebsvorsorge
Vor Gebärmutterhalskrebs
schützt eine Impfung.
32 Tropenkrankheiten
Welche Impfungen es vor einer
Reise ins Ausland braucht.
36 Zeckenkrankheiten
Im Winter ist der richtige Zeitpunkt,
sich gegen Zeckenenzephalitis
impfen zu lassen.
38Weitere
Informationen, Impressum
Gesundheit
22 | 2009
grippeimpfung
Gewappnet gegen die Grippe
Fotos: Pasieka/Science Photo Library/Keystone, Christian Schnur/Keystone
Für alle, die sich gegen Grippe impfen lassen
wollen, bietet der nationale Grippeimpftag am
6. November Gelegenheit. Am Aktionstag
­bieten zahlreiche Hausärztinnen und
­Haus­­ärzte die Impfung ohne Anmeldung und
zu einem reduzierten Preis an. Die Kosten
für die Grippeimpfung werden Personen
über 65 Jahren und Menschen mit
einer ­chronischen Erkrankung,
den Risikopersonen, von der
Krankenkasse zurück­erstattet –
falls die Franchise bereits
erreicht wurde.
Auch wenn derzeit die
Schweinegrippe (H1N1) im
Brennpunkt des Interesses
stehe, dürfe die saisonale
Grippe nicht vergessen gehen,
so der Tenor der Fachleute. Die
gewöhnliche Grippe ist nach wie
vor eine unberechenbare Krankheit und
­verläuft für Betagte und geschwächte
­Personen alles andere als harmlos: Bei
­Risikopersonen kann sie zu Komplikationen
oder sogar zum Tod führen. Tatsache ist,
dass jedes Jahr mehrere hundert Menschen
an der saisonalen Grippe sterben.
Wahrscheinlich werde die saisonale
Grippe diesen Winter parallel zur
pandemischen Grippe (H1N1)
zirkulieren, prognostiziert das
Bundesamt für Gesundheit.
Es empfiehlt daher allen
Personen mit ­erhöhtem
Komplikations­risiko und
ihrem nahen ­Umfeld,
sich mit einer ­Impfung
vor der saisonalen Grippe
zu ­schützen.
www.grippe.ch, www.kollegium.ch
hygiene
Immunsystem
Küssen ist besser
als Händeschütteln
Alkohol schwächt
die Abwehrkräfte
Infektionen werden am
­häufigsten über Hände,
Händeschütteln und den
gemeinsamen Kontakt mit
Ober­flächen wie Türklinken
übertragen. Forscher eines
britisch-amerikanischen Medizinerteams haben in einer
Studie herausgearbeitet, wie
sich die Krankheitserreger im
Haushalt und in öffentlichen
Räumen ausbreiten. Dabei
stellten die Wissenschaftler
fest, dass der Hand­kontakt mit
Oberflächen bei der Übertragung von Erregern die grösste
Rolle spielte, eine noch grössere Rolle als das ­Küssen.
Eine gute Handhygiene ist daher das wirksamste Mittel, um
Erreger von Erkältungskrankheiten, der Grippe und
­Magen-Darm-Infektionen
­einzudämmen.
Nach Alkohol­exzessen droht
nicht nur ein ­Kater, es wächst
auch die ­Gefahr von Infektions­
krankheiten. Das ­haben USForscher bei Experimen­ten
mit Mäusen heraus­gefunden.
Die Auswirkungen von Bier,
Wein und Schnaps halten an,
auch wenn die Party längst
vorbei ist: Der Alkohol
­blo­ckiere wichtige Komponenten des Immun­systems
­mindestens einen Tag lang.
Quote
Gesagt
Mikroorganismen
tropenkrankheit
Pilze machen uns
selten zu schaffen
Mit Hustensaft
gegen Malaria
Auf die Tausende von Pilz­
sporen, die wir jeden Tag
einatmen, reagiert unser
Immunsystem in der
Regel nicht. Erst wenn
es gefährlich wird und
die Sporen auskeimen,
tritt die Abwehr in
Kraft. Eine äusserst wirkungsvolle, ökonomi­
sche Strategie.
Mit einem Wirkstoff, der
auch in schleimlösenden
Medikamenten vorkommt,
ist es portugiesischen
Forschern gelungen, die
schlimmen Folgen einer
Malariainfektion zu verhindern – in Experimenten mit
Mäusen. Jetzt muss sich die
Strategie nur noch beim
Menschen als ebenso
wirksam erweisen.
«Lauftext
enim
«Wegen
sowisi
etwas
ad minim
veniam,
wie
dem Schweine­
quis nostrudhat
exerci
grippevirus
es
tation
venmin»
früher keine
Nislscipit
globale lobortis
Aufregung
Lorem ipsum mdolor
­gegeben.»
Beda Stadler, Professor
für Immunologie
THEMA
Bakterien
Lebensraum
Haut
Die Zahl der Bakterien, die auf
der menschlichen Haut leben,
ist viel grösser als bisher
­angenommen. Amerikanische
Wissenschaftler fanden bei der
Untersuchung von zehn Testpersonen rund 112 000 Bakterien, die zu 1000 unterschiedlichen Sorten gehörten.
Diese Zahl ist hundertmal
grösser, als die Forscher der
zur amerikanischen Gesundheitsbehörde gehörenden National Institutes of Health erwartet hatten. Die meisten
Bakterien fanden die Wissenschaftler an ­feuchten und behaarten ­Körperteilen wie den
Achseln. Die grösste Vielfalt
an Mikroorganismen wurde
­jedoch überraschenderweise
an trockenen und glatten
Hautpartien gemessen,
wie beispielsweise
den ­Unterarmen.
Mobiltelefonie
Handys
waschen!
Wissenschaftler der türkischen
Universität Ondokuz Mayıs
testeten die Hände und
­Handys von 200 Krankenschwestern und Ärzten auf
­Intensivstationen und in
­Operationsräumen auf
­Bakterien. Das alarmierende
Ergebnis: Auf 95 Prozent der
Handys lebten verschiedene
Arten von Bakterien, die
­unterschiedliche Infektionen
auslösen können, unter
­anderem auch solche, die
­gegen Antibiotika resistent
sind. Das Fazit der Studie: Die
Handys von Spitalmitarbeitern
sollten ebenso desinfiziert
werden wie die Hände. Auch
für alle anderen Handys gilt:
regel­mässig mit einem
­Reinigungsmittel säubern.
Gesundheit
22 | 2009
Wo lauern die meisten Keime?
Händewaschen, Händeschüttelverbot, Desinfektionsmethoden – Hygienetipps haben derzeit
Hochkonjunktur. Doch wissen Sie wirklich Bescheid über Keime, Bakterien und Viren? Hier
erfahren Sie, ob Sie über das nötige Grundwissen verfügen. Zusammenstellung: Susanne Wagner
Keime tummeln sich überall: im Haushalt, am Arbeitsplatz, in öffentlichen
­Gebäuden und Verkehrsmitteln. Dort, wo
man am meisten davon vermuten würde
– auf dem stillen Örtchen –, ist es hygienischer als anderswo: Gemäss einer ­Studie
der Universität Arizona befinden sich im
Kühlschrank mehr als tausendmal so viele
Bakterien wie auf dem WC. Der Ort mit
der grössten Bakteriendichte ist aber die
Computertastatur. Überall, wo Leute
denselben Computer benutzen, an Schulen oder in Internetcafés, kann es über die
Tastatur theoretisch zur Übertragung von
Krankheiten kommen.
Doch Keime haben für uns nicht zwangsläufig gesundheitliche Probleme zur Folge. Der menschliche Körper schlägt sich
tagtäglich mit unzähligen Viren, Bakterien, Parasiten und Pilzen herum, ohne
krank zu werden – und trainiert so die
­Abwehrkräfte. Problematisch wird es erst,
wenn ein gefährlicher Erreger in einer
­kritischen Menge auftaucht.
Wer die wichtigsten Regeln zur Hygiene
befolgt, kann das Risiko einer Infektion
bereits deutlich senken. Allein mit häufigem, gründlichem Hände­waschen lässt
sich die Übertragungskette der Krankn
heitserreger durchbrechen. test
1. Wo finden sich die meisten Bakterien?
a) Auf der WC-Schüssel und auf dem
Spülkasten.
b)Im Kühlschrank und auf der
Computertastatur.
c) Auf dem Küchenfussboden und
auf Türklinken.
2. Welche Temperatur sollte im Kühl­
schrank herrschen, damit sich Keime
möglichst wenig vermehren?
a) Unter 7 Grad.
b) Am besten zwischen 7 und 9 Grad.
c) Die Temperatur im Kühlschrank
spielt keine Rolle.
3. Welche Behauptung ist richtig?
a) Viren überleben selbständig.
b)Viren sind Schmarotzer und
benötigen einen Wirt.
c) Viren befallen nur Menschen und
Tiere, aber keine Pflanzen.
4. Wie hoch muss die Vergrösserung
mit dem Elektronenmikroskop sein,
damit Viren sichtbar werden?
a) 3000-fach.
b)30 000-fach.
c) 300 000-fach.
5. Sie fahren im Bus und müssen plötzlich
husten oder niesen. Wie schaden Sie
­Ihren Mitmenschen am wenigsten?
a) Ich niese oder huste in eine Ecke,
wo niemand sitzt oder steht.
b)Ich halte mir beim Niesen oder
Husten natürlich die Hand vor den
Mund, wie das wohlerzogene
Menschen tun.
c) Ich niese oder huste wenn möglich
in mein Taschentuch, notfalls auch
in den Ellbogen oder den Oberarm.
6. Mit welchen Massnahmen schützen Sie
sich am besten vor Infektionen?
a) Regelmässig und gründlich die
Hände mit Seife waschen. Und bei
der Begrüssung von Personen mit
Grippesymptomen Händeschütteln, Küsschen und Umarmungen
vermeiden.
b)Sich alle vier Wochen vom
Hausarzt untersuchen lassen.
c) Viel Vitamin C schlucken und an
die frische Luft gehen, auch im
Winter.
7. Wie lange ist eine an der Schweine­
grippe (H1N1-Grippe) erkrankte Person
für ­andere ansteckend?
a) Einen Tag vor und drei bis sieben
Tage nach Ausbruch der Krankheit.
b)So lange, wie sie sich krank fühlt.
c) Nach einem Tag ist die Gefahr
vorbei.
8. In welcher Situation werden
am meisten Viren verbreitet?
a) Durch einen Zungenkuss.
b)Durch das Händeschütteln.
c) Durch einen Kuss auf die Wange.
9. Wann soll man die Hände waschen,
um sich vor Krankheits­erregern zu
­schützen?
a) Vor und nach jeder Mahlzeit.
b)Nach der Benützung der Toilette,
des öffentlichen Verkehrs, nach
der Zubereitung von
­Nahrungsmitteln, nach dem
Husten und Niesen.
c) Nach dem Besuch bei Kranken.
10. Wie ist das Händewaschen
am ­hygienischsten?
a) Mit der Benützung eines Stücks
Seife.
b)Ohne Seife, denn sie bietet keinen
Schutz vor Viren.
c) Mit der Benützung von Flüssigseife
aus einem Dispenser.
11. Wie reinigen Sie die Hände
am ­gründlichsten?
a) Mindestens 20 Sekunden lang mit
warmem Wasser. Ich seife sie
gründlich ein, spüle Seifenreste ab
und trockne sie sorgfältig.
b)Statt mit Wasser reinige ich die
Hän­de mit Desinfektionsgel.
c) Ich halte die Hände zehn Sekunden unter das fliessende, warme
Wasser.
12. Welches sind die hygienischsten Arten,
die Hände zu trocknen?
a) Mit einem sauberen Handtuch,
einem Wegwerfpapiertuch oder
einer Stoffhandtuchrolle trocknen.
b)An den Hosenbeinen abwischen.
c) An der Luft trocknen lassen.
13. Bei welcher Temperatur werden Keime
in der Waschmaschine abgetötet?
a) Schon nach einer Wäsche bei 30
Grad gibt es keimfreie Wäsche.
b)Eine Temperatur von 60 Grad
reicht aus, um die meisten Keime
­abzutöten.
c) Erst ab 95 Grad ist die Wäsche
hygienisch sauber.
14. Wie viele Bakterien und Pilze enthält
unbelastete Luft pro Kubikmeter?
a) 10 bis 100 Bakterien und Pilze.
b)100 bis 1000 Bakterien und Pilze.
c) 1000 bis 10 000 Bakterien und
Pilze.
15. Sie probieren barfuss neue Schuhe.
Was kann passieren?
a) In neuen Schuhen können von
Vorgängern bereits Keime und
Pilze vorhanden sein. Deshalb
immer mit frischen Probiersocken
hineinschlüpfen.
b)Nichts, Keime würden auf den
Schuhen höchstens ein paar
Minuten überleben.
c) Die neuen Schuhe könnten
abfärben.
16. Welchen Nutzen haben Desinfektions-
mittel im Haushalt?
a) Nur die regelmässige Anwendung
von Desinfektionsmitteln ist
wirklich hygienisch.
b)Normale Haushaltreiniger reichen
für eine hygienische Reinigung.
c) Keinen. Desinfektionsmittel bieten
im Gegenteil sogar einen Nähr­
boden für Keime und Bakterien.
17. Warum sind Wischlappen und Schwäm­
me richtige «Keimschleudern»?
a) Weil viele für Bad und Küche
dieselben Tücher und Schwämme
benutzen.
b)Weil Mikroben eine feuchtwarme
Umgebung lieben.
c) Weil sich Mikroben in der Küche
besonders wohl fühlen.
18. Wie lange und bei welcher Temperatur
müssen Fleisch, Eier und Geflügel
­durchgebraten werden, um allfällige
Keime ­abzutöten?
a) 15 Minuten bei 65 Grad.
b)5 Minuten bei 80 Grad.
c) 10 Minuten bei 75 Grad.
19. Wie lange sind frische Mayonnaise
und Desserts mit rohen Eiern
(beispiels­weise Tiramisu) haltbar?
a) Im Kühlschrank mindestens drei
Tage lang.
b)Gar nicht. Sie müssen möglichst
rasch verputzt werden.
c) Sofern sie im Kühlschrank
­aufbewahrt werden, müssen sie
innerhalb von ein bis zwei Tagen
konsumiert werden.
20. Wie oft sollte man sich beim Kochen
die Hände waschen?
a) Einmal gründlich waschen, bevor
man loslegt, reicht völlig aus.
b)Kommt darauf an. Wer rohes
Fleisch, Geflügel oder Eierspeisen
zubereitet, muss zwischendurch
immer wieder die Hände waschen
– nach jedem Arbeitsschritt.
c) Gar nicht. Wofür hat man denn
eine Kochschürze?
21. Worauf gilt es beim Rüstbrett
zu ­achten?
a) Dass es aus Holz ist.
b)Dass man es nach Gebrauch
immer feucht abwischt.
c) Dass es möglichst keine Schnitte
und Kerben hat, weil sich darin
Keime ­ansammeln können.
Auflösung
1b, 2a, 3b, 4c, 5c, 6a, 7a, 8b, 9b, 10c, 11a, 12a, 12c, 13b,
14b, 15a, 16b, 17b, 18c, 19c, 20b, 21c
Gesundheit
22 | 2009
Wie Erreger um die Welt reisen
PANDEMIEN In einer globalisierten Welt steigt die Gefahr von Pandemien – wie derzeit
bei der Schweinegrippe. Warum immer neue Infektionskrankheiten entstehen und wie
die Gesundheitsbehörden sie einzudämmen versuchen. Text: Ruth Jahn
Unsere vernetzte Welt macht es Krankheitserregern leicht. In wenigen Stunden
reisen sie um die ganze Welt. Der rege
Flugverkehr mit zwei Milliarden Flugpassagieren jährlich, Megametropolen mit
Millionen Menschen auf engstem Raum,
eine globalisierte Landwirtschaft sowie
Tier- und Fleischtransporte über Grenzen
und Kontinente hinweg machen es möglich. Auch der Klimawandel unterstützt
Viren und Bakterien bei ihrer Verbreitung:
Die Erwärmung der Erdatmosphäre
­erschliesst subtropischen Keimen auch
gemässigte Zonen als Lebensraum.
Menschen dringen heute ausserdem in
bislang unbewohnte Winkel der Urwälder
vor – und kommen so erstmals in Kontakt
mit andersgearteten Krankheitserregern.
Erregern, die dem menschlichen Immunsystem fremd sind und gegen die wir zunächst einmal machtlos sind.
wir immerhin zwei Kilogramm mit uns
herumtragen. Beruhigend ist auch die Tatsache, dass die meisten Seuchen für uns
Menschen glimpflich ausgehen, von
schwe­ren Grippepandemien abgesehen.
Denn Krankheitserreger haben kein Inte­
res­se daran, ihren Wirt zu vernichten. Am
besten verbreitet sich ein Erreger, wenn er
seinen Wirt möglichst lange am Leben
lässt und dieser in Kontakt mit seinesgleichen bleibt. Denn damit ist auch gleich
die Verbreitung des Keims sichergestellt.
Zumindest gilt dies für den Hauptwirt des
Krankheitserregers. Und der ist bei auf
den Menschen adaptierten Grippe-Erregern der Mensch. Bei der Schweine- oder
der Vogelgrippe sind wir Menschen derzeit nur Nebenwirte. Hier fehlt uns somit
die Sonderstellung der Spezies, der eine
Schonung zuteil wird. Grippeepidemien
oder auch -pandemien, die man daran er-
kennt, dass sie um den ganzen Erdball ziehen, sind seit dem 18. Jahrhundert verbrieft. Was nicht ausschliesst, dass es sie
schon früher gab.
Eine neue Grippepandemie steht der
Menschheit gegenwärtig durchschnittlich
alle 30 Jahre bevor, wie die WHO errechnet
hat. Die verheerendste Pandemie bislang
war die Spanische Grippe von 1918. Ihr
­Erreger war – wie bei der Schweinegrippe
– eine Variante des H1N1-Grippevirus, der
aber unmittelbar von einem Vogelgrippevirus abstammte. Die Pandemie, die unter
anderem Spanien heimsuchte, raffte
­innert wenigen Monaten zwischen 20 und
75 Millionen Menschen dahin.
Allein in ­Europa waren 20 Millionen Tote
zu be­klagen. Aber auch in Amerika, Japan
und Indien wütete die Seuche. Insgesamt
wurden 500 Millionen Menschen infiziert,
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO)
registriert seit den sechziger Jahren jedes
Jahr die Entstehung von ein bis zwei neuen ansteckenden Krankheiten. Neben
neuen Influenzatypen, also Grippe-Erregern, tauchen immer wieder neue krank
machende Erreger auf (siehe «Globale
Seuchen», Seite 10). Sie tragen klingende
Namen wie Nipah-Virus, Westnil-Virus,
Ebola-Virus oder Lassa-Virus. Gemäss
­Experten sei diese Entwicklung ein Novum in der Geschichte – und besorgnis­
erregend, wie sie betonen.
Zwar ist es bisher keinem Erreger gelungen, die Menschheit auszurotten. Ausserdem sind die meisten Mikroorganismen
uns sogar nützlich – wie die friedlichen
Darm- oder Hautbewohner, von denen
Grippeviren: Gefährliche Verwandlungskünstler
Grippeviren sind stachelige Eiweisskügelchen
von gerade mal einem Zehntausendstel
­Millimeter Grösse. Gefährlich macht sie ihre
­Wandlungsfähigkeit: Sie wechseln ihr Stachel­
kleid ständig. Unser Immunsystem, das uns
vor den Eindringlingen schützen soll, wird so
ausgetrickst, weil es die Viren nicht mehr
­erkennt. Eine erste Variante dieses Erschei­
nungswandels läuft kontinuierlich ab. Er führt
unter anderem dazu, dass gegen die saisonalen
Grippeepidemien jährlich neue Impfstoffe
­entwickelt werden müssen, die mit den gerade
zirkulierenden Virusvarianten übereinstimmen.
Eine zweite Variante der Verwandlung erfolgt
sprunghaft, indem verschiedene Grippeviren
untereinander Erbgut austauschen.
Nicht ­selten entstehen so neue Kombinatio­
nen der «Stacheln» des Virus: Jeweils eine der
16 bekannten Varianten des Hämagglutinin (H)
­sowie eine der neun Neuraminidase-Varianten
(N) werden auf der Hülle des Virus neu zusam­
mengemischt. Viren können so theoretisch
­aggressiver werden und einen schwereren ­Ver­lauf auslösen, besser übertragbar werden oder
auf neue Wirte überspringen: etwa von Enten
auf Schweine oder vom Tier auf den Menschen.
10
Gesundheit
was einem Drittel der damaligen Welt­
bevölkerung entsprach.
Tragischerweise starben damals vor
allem jüngere, bis zu diesem Zeitpunkt
­gesunde Menschen mit gut funktionierendem Immunsystem – an Schüttelfrösten und blutigen Lungenentzündungen.
Über die Gründe wird noch immer spekuliert: Vielleicht hatten damals ältere
­Menschen bereits Kontakt mit ähnlichen
Viren gehabt und waren somit zumindest
teilweise immun gegen den Erreger. Oder
aber das Virus hat das gut funktionierende
Immunsystem der Jüngeren zu einer
Überreaktion verleitet, bei dem gesunde
Zellen im Körper in Mitleidenschaft gezogen wurden.
Der Erste Weltkrieg leistete der Seuche
Vorschub: Viele Soldaten hatten sich in
den Schützengräben oder Truppenunterkünften infiziert und lebten unter prekären ­ hygienischen Bedingungen. Auch
die ­ Unterernährung in den Kriegsjahren
machte die Bevölkerung anfälliger für Infektionen. Möglicherweise starben manche Grippekranke nicht an den Grippe­
viren selber, sondern an bakteriellen Se-
kundärinfektionen, die heute mit Antibiotika behandelt werden könnten.
Auch 1957 und 1968 kam es zu Grippepandemien, die sich aber weniger katastrophal auswirkten als die Spanische Grippe. Die Asiatische Grippe von 1957 forderte weltweit zwei Millionen Grippetote, zunächst Kinder, dann auch ältere Menschen. Die letzte Pandemie vor der derzeitigen Schweinegrippe war die HongkongGrippe, die sich 1968 weltweit verbreitete.
Vor allem ältere Leute erkrankten, eine
Million Menschen starben.
Globale Seuchen: Wie gefährlich sind die neuen Krankheiten?
Die Welt wird immer wieder von verheerenden Seuchen wie Aids, Ebola und Sars heimgesucht. Oft
gelingt es, den neuartigen Krankheiten Einhalt zu gebieten. Doch die nächste Seuche kommt bestimmt.
Die verhängnisvolle Beziehung von
Mensch und Erreger begann vor rund
10 000 Jahren, als der Mensch sesshaft
wurde. Er holte sich nicht nur Wölfe,
Hühner und Pferde ins Haus, sondern
auch deren Krankheitskeime. Die ersten
Zoonosen entstanden – Seuchen, die
vom Tier auf den Menschen überspringen oder zwischen Tier und Mensch
hin und her pendeln. Die schlimmsten
Krankheiten der Menschheitsgeschichte waren fast alle Zoonosen – von
der Pest über Fleckfieber (Thyphus),
Pocken, Masern, Ruhr bis zur Tuber­
kulose. Auch heute plagen die Welt ehemalige Tierseuchen: neben der Grippe
etwa die Tollwut und seit einigen Jahren
neue, bislang unbekannte Krankheiten
wie Aids, Sars oder Ebola.
Nachhaltig aufgeschreckt wurde die
Weltgemeinschaft 1981 vom damals
noch namenlosen HI-Virus. Ein afrikanisches Affenvirus hatte im Zuge der
Globalisierung den Weg in die Städte
und von dort in die Welt gefunden. Bisher sind 25 Millionen Menschen an der
Krankheit gestorben, 33 Millionen Menschen sind infiziert. Antivirale Medikamente gegen Aids sind erhältlich, aber
nicht für alle erschwinglich. Nur vier
Millionen Aids-Kranke erhalten eine
Therapie. Und die Entwicklung eines
Impfstoffs gegen das wandlungsfähige
­Virus, das sich den Angriffen des
11
22 | 2009
Immun­systems mit einer ganzen Palette von Fluchtmechanismen entzieht,
harzt. Doch nun wird, was bislang unmöglich schien – eine Impfung gegen
Aids –, denkbar: Kürzlich fanden
­Forscher bei einem Afrikaner Antikörper gegen HIV, die viele Virenstämme
­neutralisieren – und als Ausgangspunkt
für einen Impfstoff dienen könnten.
Die Welt in Schrecken versetzten auch
die Ebola-Ausbrüche im Kongo Mitte
der neunziger Jahre. Das Virus führt zu
einer Fiebererkrankung mit inneren
Blutungen, die für mehr als jeden Zweiten tödlich verläuft. Auch dieses Virus
kam aus dem afrikanischen Urwald und
war dort bereits seit Jahrzehnten bekannt. Der Hauptwirt des Ebola-Erregers ist für einmal nicht ein Affe, sondern ein anderes Säugetier: der Flughund. Obwohl sich das Ebolafieber nur
symptomatisch behandeln lässt, konnten die Ausbrüche dank Quarantäneund ­Hygienemassnahmen jeweils
schnell gestoppt werden.
Auch mit Sars, dem Schweren Akuten
Respiratorischen Syndrom, tauchte
2002 eine bisher unbekannte Infek­
tionskrankheit mit dem Potential zur
weltumspannenden Seuche auf. Die
Sars-Epidemie, die in der chinesischen
Provinz Guangdong ihren Anfang nahm
und von einem Hongkonger Hotel aus
in die halbe Welt getragen wurde,
­forderte fast 1000 Tote. Man bekam das
für die Lungenkrankheit verantwortlich
­gemachte Corona-Virus jedoch
­recht­zeitig in den Griff. Abgesehen von
den tragischen Todesfällen war Sars
auch ­eine Erfolgsgeschichte der
­Pandemievorsorge: Das Beispiel zeigt,
dass die Welt neuartigen Infektionskrankheiten nicht schutzlos ausgeliefert
ist und dass selbst Seuchen, für die es
weder Impfstoff noch Therapien gibt,
ausgemerzt werden können.
Global gesehen heissen die drei
v­ erheerendsten Infektionskrankheiten
nach wie vor Aids, Tuberkulose und
Malaria. Die drei Seuchen kosten jedes
Jahr sechs Millionen Menschenleben.
Doch Aids, Ebola und Sars waren wohl
noch nicht alles. Es wäre naiv anzunehmen, dass es künftig keine weiteren neu­
artigen, ähnlich gefährlichen Krankheiten geben würde, hiess es letztes Jahr
in einem Bericht der WHO.
Sorge bereiten Medizinern auch
­Problembakterien, die nicht mehr auf
das Antibiotikum der ersten Wahl
­ansprechen, weil sie gegen das Medikament resistent geworden sind. Zu
­diesen Bakterien zählen der Spitalkeim
Staphylokokkus aureus, der Lungen­
entzündungen auslöst, oder Tuber­
kulosebakterien, die gleich mehreren
Antibiotika trotzen.
In den Jahren 1996 und 2003 trat das
­Vogelgrippevirus (H5N1) auf. Seitdem
sind mehr als 250 Menschen daran gestorben, die meisten davon in Asien. Die
Krankheit verläuft zwar viel schwerer als
bisher die Schweinegrippe (H1N1), doch
wird sie meist nur bei engem Kontakt zwischen infiziertem Geflügel und dem Menschen übertragen, und nur äusserst selten
von Mensch zu Mensch.
Der Entstehungsort nahezu aller neuartigen Grippeviren ist Asien, insbesondere
China, wo die Haltung von Vögeln und
Schweinen in engem Kontakt mit dem
Menschen üblich ist. Eine Situation, die
das Entstehen neuer Influenzavarianten
begünstigt, weil es möglich wird, dass zwei
verschiedene Viren gleichzeitig ein und
dasselbe Lebewesen befallen. Am häufigsten ist dieses «lebende Reaktionsgefäss»
das Schwein. Auch die Schweinegrippe
könnte in einem Schwein entstanden sein:
Das Virus ist eine Kombination aus zwei
verschiedenen
Schweinegrippeviren,
einem Geflügelgrippevirus und einem
Menschengrippevirus.
In Zeiten der Vogelgrippe sorgten sich
­Expertinnen und ­ Experten, ob das Virus
durch Niesen oder Husten von Mensch zu
Mensch über­tragen werden könnte, ohne
dabei an ­ Aggressivität einzubüssen. Bei
der ­ Schweinegrippe stellt sich das Problem umgekehrt: Hier lautet die zentrale
Frage, ob ein Virus, dass derart leicht
übertragbar und nicht nur auf asiatische
Hinterhöfe beschränkt ist, plötzlich so
­virulent werden könnte, dass Menschen
rund um den Globus mit Mundschutz in
den Bus steigen müssen.
Pandemie eine andere Dimension zu erhalten, schrieb die WHO Ende August in
einer Mitteilung zur Schweinegrippe. «Bei
der Grippe geht es nie um die Frage, ob
­eine nächste Pandemie kommen wird.
Sondern darum, wann die nächste kommt
und wie schlimm sie sein wird», sagt der
Impfexperte Robert Steffen von der Universität Zürich (siehe Interview auf Seite
14). Auch Patrick Mathys, der beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Grippepandemievorbereitung leitet, betont: «Die
extrem rasche Ausbreitung des Virus lässt
wenig Vorbereitungszeit. Taucht ein Virus
auf, das resistent ist gegen antivirale Medikamente, und steht gleichzeitig noch ­keine
Impfung zur Verfügung, stehen wir vor
einem immensen Problem.»
Nur noch auf die Schweinegrippe zu fo-
Die weltweite Ausbreitung der Schwei-
kussieren wäre aber die falsche Strategie.
«Wir müssen immer alle Grippestämme,
die gerade ­zirkulieren, im Auge behalten»,
sagt Impfexperte Steffen. Die Impfstoffproduktion gegen die saisonalen Grippeviren dürfe nicht einfach zugunsten der
Schweinegrippeviren gestoppt ­ werden.
Theoretisch kann eine ­gewöhnliche saisonale Grippe, die Vogelgrippe oder ­eine ihrer nicht weniger wandlungs­fähigen Verwandten gefährlicher werden als die ak­
tuel­le Schweinegrippe.
Bis ein neuer Impfstoff zur Verfügung
steht, braucht es allerdings rund fünf Monate Zeit – zu viel Zeit, während der sich
das Virus ungehindert ausbreiten kann.
Deshalb wird weltweit fieberhaft versucht,
die Produktionskapazitäten mit modernen Herstellungsmethoden zu beschleunigen: weg vom umständlichen Züchten
der Grippeimpfstoffe in Hühnereiern, hin
zur Produktion in Zellkulturen. ­Ausserdem
negrippe verfolgen die Epidemiologen mit
Sorge: Die Krankheit verlief zwar in der
ersten Welle der Erkrankungen eher mild.
Aber verschiedene Bevölkerungsgruppen
erkranken anscheinend eher und schwerer
als andere – und manchmal sterben Betroffene auch daran. Es sind dies vor allem
Kinder und jüngere Menschen, Schwangere, Mangelernährte sowie Menschen
mit chronischen Krankheiten wie Asthma
und anderen Lungenleiden, aber auch
Personen mit Diabetes, Herzkreislauf­
erkrankungen und Übergewicht. Da solche Krankheiten heute weit verbreitet sind
und auch Kinder schon von Asthma oder
Diabetes betroffen sein können, drohe die
Theoretisch kann
eine ­saisonale
­Grippe oder
die ­Vogelgrippe
gefährlicher
werden als
die aktuelle
­Schweinegrippe.
suchen Grundlagenforscher nach neuen
antiviralen Medikamenten. Auch die Vi­
sion eines zukünftigen Grippeimpfstoffs,
der stabile Strukturen der Viren angreift
und somit nicht jedes Jahr neu zusammengestellt werden muss, ist noch nicht
vom Tisch. Bis die Forschung aber so weit
ist, ist die wirksamste Vorsorge bei Pandemien nach wie vor die Überwachung.
Saisonale Grippevirenstämme registriert
die WHO seit Jahrzehnten in einem Frühwarnnetz. Die Weltgesundheitsorganisa­
tion koordiniert gemeinsam mit den Behörden die Bedingungen für eine Zulassung neuer Impfstoffe und überwacht allfällige Resistenzen gegen Grippemedikamente. Auch bezüglich Schweinegrippe
laufen die Fäden bei der WHO zusammen:
Die meisten Länder der Weltgemeinschaft,
darunter auch die Schweiz, haben sich
verpflichtet, alle wichtigen Daten zur
Schweinegrippe-Pandemie sofort zu übermitteln. Auch mit der EU steht das BAG
wöchentlich in Kontakt, «denn Erreger
kennen keine Landesgrenzen», sagt Grippe-Experte Patrick Mathys.
Heute sei die Schweiz eines der am besten
vorbereiteten Länder weltweit – was auch
die WHO bestätigt. Wichtigste Bausteine
der Schweizer Pandemievorsorge sind gemäss Mathys die Beschaffung von Impfstoff und Medikamenten sowie der sogenannte nationale Pandemieplan, der die
Abläufe und Zuständigkeiten vor und
während der Grippewellen regelt. Auch
alle Kantone haben weitere Strategie- und
Massnahmenpapiere erarbeitet. Gemeinsam wird festgelegt, welche Fälle mit welchen Fristen zentral gemeldet werden
müssen und welche Therapie die Pa­tien­
ten und deren Kontaktpersonen erhalten
sollen. Dem BAG ist die Sensibilisierung
der Bevölkerung wichtig; sie rechtfertige
den grossen Informationsaufwand. «Unser Ziel ist, dass die Menschen selber abschätzen können, ob sie sich gegen das
H1N1-Schweinegrippevirus impfen lassen
wollen oder nicht», sagt Mathys.
Der Bund hat Impfstoff bestellt, der ausreicht, um 80 Prozent der Bevölkerung gegen das Schweinegrippevirus (H1N1) zu
impfen. «Wir gehen nicht davon aus, dass
sich 100 Prozent der Schweizerinnen und
Schweizer impfen lassen möchten. Und
einen Impfzwang wird es nicht geben», erklärt Mathys. Man setzt auf die Selbstvern
antwortung der Bevölkerung.
Gesundheit
13
22 | 2009
Infektionskrankheiten fordern
jährlich Millionen von Menschen­leben
Weltweite Seuchen Tuberkulose, Malaria und Aids sind die gefährlichsten
­Infektionskrankheiten. Mit der Schweinegrippe ist ein neuer Erreger aufgetaucht, der die
­Gesundheitsbehörden in Atem hält. Zusammenstellung: Tatjana Stocker; Infografik: Daniel Röttele
Tuberkulose: Weltweit geht man von rund 1,6 Millionen Todesfällen aus. In jenen Teilen der Welt, wo die HIV-Infektionsrate hoch ist,
Aids: Seit den frühen achtziger Jahren hat sich die Krankheit zu einer weltweiten Epidemie mit mehr als 40 Millionen Aidskranken
und HIV-Infizierten entwickelt. In der Schweiz sind über 25 000 Menschen mit dem HI-Virus infiziert oder an Aids erkrankt.
hat auch die Tuberkulose wieder zugelegt. In der Schweiz erkranken daran jedes Jahr rund 500 Menschen, meist Immigranten.
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2
9
1
3
4
3
6
7
9
2
5
8
5
8
10
Neue Tuberkulosefälle (aller Formen)
pro 100 000 Einwohner (Schätzungen), Jahr 2007
300 und mehr
25–49
100–299
0–24
50–99
keine Angaben verfügbar
10
4
6
1
uberkulosefälle
T
(Schätzungen), Jahr 2007
1. Indien
3,30 Millionen
2,58 Millionen
2. China
0,77 Millionen
3. Nigeria
4. Bangladesch 0,61 Millionen
0,57 Millionen
5. Indonesien
0,48 Millionen
6. Äthiopien
0,44 Millionen
7. Philippinen
8. Dem. Rep. Kongo0,42 Millionen
0,37 Millionen
9. Pakistan
0,34 Millionen
10. Südafrika
Anteil der HIV-Infizierten unter den 15- bis 49-Jährigen
(Schätzungen), in Prozent, Jahr 2007
15%–28%
5%–14,9%
0,1%–0,4%
1%–4,9%
unter 0,1%
0,5%–0,9%
keine Angaben verfügbar
HIV-Infizierte ab 15 Jahren
(Schätzungen), Jahr 2007
1. Südafrika
5,40 Millionen
2,40 Millionen
2. Nigeria
2,30 Millionen
3. Indien
1,40 Millionen
4. Mosambik
1,30 Millionen
5. Tansania
1,20 Millionen
6. Simbabwe
1,10 Millionen
7. USA
0,98 Millionen
8. Sambia
0,89 Millionen
9. Äthiopien
0,84 Millionen
10. Malawi
Malaria: Gemäss Weltgesundheitsorganisation sterben jedes Jahr eine Million Menschen an den Folgen der Malaria.
Schweinegrippe: Experten gehen davon aus, dass sich der H1N1-Virus ­in der kalten Jahreszeit in Europa stark ausbreiten wird.
Am stärksten betroffen sind Indien und Afrika, dort vor allem die Länder der südlichen Sahara. Die Schweiz zählt rund 200 Fälle pro Jahr.
Derzeit rüsten sich die Staaten für eine Pandemie. In der Schweiz wurden bis Anfang Oktober über 1240 Schweinegrippefälle registriert.
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1
3
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6
7
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10
G ebiete, in denen Malaria übertragen wird
G ebiete, in denen ein beschränktes Risiko besteht,
dass Malaria übertragen wird
keine Malariagebiete
Malariafälle (Schätzungen),
Jahr 2008
636 Millionen
1. Indien
57,5 Millionen
2. Nigeria
30,4 Millionen
3. Sudan
26,2 Millionen
4. Thailand
5. Dem. Rep. Kongo23,6 Millionen
6. Bangladesch 19,0 Millionen
18,8 Millionen
7. Myanmar
12,9 Millionen
8. China
12,4 Millionen
9. Äthiopien
11,5 Millionen
10. Tansania
quelle: WHo
12
Da die Länder nicht länger verpflichtet sind, ­die Fälle zu rapportieren, führt die WHO
nur noch über Todesfälle Statistik. Anfang Oktober waren es über 3900 Grippetote.
Anzahl der gemeldeten Todesfälle (Anfang Oktober 2009)
über 100
51–100
keine Todesfälle gemeldet
1–50
keine Angaben verfügbar
Gesundheit
Auf eine Pandemie sei die Schweiz sehr gut ­vorbereitet,
sagt der Präventivmediziner Robert Steffen. Dennoch
rechnet er mit dem Schlimmsten. Interview: Ruth Jahn
Beobachter: Seit Monaten rüsten Gesundheitsexperten weltweit für eine Seuche,
von der die meisten Menschen hierzulande
noch wenig merken. Kommen Sie sich ­
da nicht vor, als kämpften Sie gegen
Windmühlen?
Robert Steffen: Nein, keinesfalls. Seit Jah­
ren haben wir uns auf eine mögliche Pandemie vorbereitet, nun ist die ­ Pan­de­mie
mit der Schweinegrippe H1N1 da. Die
­Verantwortlichen nehmen die Seuche
ernst. Man muss mit dem schlimmst­
möglichen Szenario rechnen. Besonders,
um Engpässe in der medi­zi­nischen Ver­
sorgung zu verhindern. Wenn es weniger
schlimm kommen sollte, als wir befürchtet
hatten, sind wir zufrieden.
Das ist doch nicht ungewöhnlich. An der
Grippe sterben in der Schweiz jedes Jahr
400 bis 1000 Menschen.
Stimmt. Aber im Unterschied zur
­saisonalen Grippe sind von der Schweinegrippe deutlich mehr jüngere Menschen
betroffen, und zwar Kinder und Erwachsene bis etwa 50 Jahre. Ältere Menschen
dagegen erkranken seltener. Das Durchschnittsalter der Verstorbenen liegt bisher
bei der H1N1-Pandemie bei 37 Jahren,
dasjenige der Patienten, die ins Spital
­verlegt werden mussten, bei 20 Jahren. Bei
der normalen Influenza sind die ­Todesfälle
fast ausschliesslich bei Betagten und
schwer chronisch Kranken zu beklagen.
An H1N1 werden wohl auch bis dahin
­völlig gesunde junge Menschen sterben.
Wo liegen mögliche Engpässe?
Sofern tatsächlich ein Viertel unserer
­Bevölkerung innerhalb von wenigen
­Wochen erkrankt, wird es bei gewissen
Dienstleistungen zu Engpässen kommen.
Vielleicht müssen öffentliche Verkehrs­
betriebe ihren Fahrplan – ähnlich wie
während der Sommerferien – ausdünnen.
Arztpraxen, Apotheken und Spitäler
­werden zum Teil bis an die Kapazitätsgrenzen und darüber ausgelastet sein,
und auf die kritische Situation bezüglich
der Beatmungsgeräte wurde mehrfach
hingewiesen.
schen, die noch keinen Kontakt mit dieser
Art Virus hatten, fehlt dieser Vorsprung.
Die kommenden Monate sind die Hauptgrippezeit. Was kommt auf uns zu und ­wie
gefährlich wird es?
Die Schweinegrippe wird im Winter in
­einer zweiten Welle über den Globus
­ziehen. Daten von der Südhalbkugel, aus
Australien, wo man den Winter längst
­hinter sich hat, zeigen, dass sie relativ mild
verläuft und dass unsere Ausbreitungs­
modelle in etwa stimmen. Eine neue Erkenntnis ist, dass 15 Prozent der hospi­ta­
lisierten Fälle intensivmedizinische Betreuung benötigten, weil sie künstlich
­beatmet werden müssen. Auf ­diese Situation müssen sich Schweizer ­ Spitäler einstellen.
Was kann der Einzelne tun?
Erstens kann jeder sich selber schützen,
indem er sich häufiger die Hände wäscht.
Das Virus kann bis zu 24 Stunden und
­länger auf Türklinken überdauern und
wird auch ohne direkten Kontakt weitergegeben. Besonders in öffentlichen
­Toiletten sollten nur noch Einweghand­
tücher zum Händetrocknen benutzt
Und wie steht es um die gewöhnliche,
­saisonale Grippe?
Neben der Schweinegrippe werden wie
gewohnt ein oder zwei saisonale Influenza­
stämme kursieren. Möglicherweise werden diese aber vom H1N1-Virus weit­
gehend verdrängt.
«Man muss mit dem
schlimmstmöglichen
Szenario rechnen, um
Engpässe in der Versorgung zu verhindern.»
Robert Steffen, emeritierter Professor
für Sozial- und Präventiv­medizin
Woran mag das liegen?
Das ist noch nicht klar. Ein möglicher
Grund liegt in der Ähnlichkeit des H1N1Virus mit Grippeviren von früheren
­Pandemien, etwa der von 1976. Das Immunsystem der Menschen über 40 kennt
diesen Erreger eventuell schon und kann
rasch Antikörper herstellen, um das Virus
in den Griff zu kriegen. Jüngeren Men-
Experten befürchten, dass durch den
­Gentausch zwischen dem H1N1-Virus und
­anderen Grippeviren eine gefährlichere
­Super-Grippe entstehen könnte.
Die Befürchtung ist berechtigt. Falls das
H1N1-Virus so leicht übertragbar bleibt
und dazu virulenter, sprich: aggressiver
wird, wären die aktuellen Hochrechnungen überholt, und wir müssten die
­Erkrankungs- und Sterberaten für die
zweite Pandemie nach oben korrigieren.
Aber wir dürfen nicht ­ vergessen: Jedes
Grippevirus hat ein ­ gewisses Pandemiepotential. Und selbst das fast schon
­vergessene ­ Vogelgrippevirus führt vor
allem in Asien weiter zu Opfern.
Wie gut ist die Schweiz auf die drohende
Pandemie vorbereitet?
Unser Land ist den Umständen entsprechend sehr gut vorbereitet. Laut Umfragen
wissen 98 Prozent der ­ Bevölkerung wenigstens grundlegend ­ Bescheid über die
Schweinegrippe. Medizinisches Personal
und ­ Risikopersonen wie Schwangere,
­Kinder und chronisch Kranke können
­hoffentlich schon bald geimpft werden,
und Erkrankte erhalten die Medikamente
rasch nach Beginn der Symptome, denn
später ­wirken sie nicht mehr.
­ erden – und keine Gebläse mehr. Auch
w
auf die üblichen Begrüssungszeremonien
mit Händeschütteln und Küsschen wird
man verzichten müssen, sobald die Zahl
der Erkrankungen klar ansteigt. Zweitens
sollte man, um andere zu schützen, immer in ein Einwegtaschentuch ­ niesen
oder husten und dieses dann ­wegwerfen.
Hat man keines zur Hand, niest man in
den Ellenbogen. Wer sich plötzlich krank
fühlt, sollte den Griffel ­sofort fallen lassen
– und nicht erst ein Dutzend Mitarbeiter
instruieren, was bei der krankheits­
bedingten Abwesenheit zu tun ist. Dafür
gibt es heute E-Mails. Ebenso logisch ist
es, dass, wenn die ­ Pandemie uns überschwemmt, auf die Teilnahme an Grossveranstaltungen verzichtet wird. Vor
allem, wenn man keinen Sicherheits­
abstand von einem Meter ­einhalten kann.
Wer soll sich impfen lassen?
Klar Vorrang haben medizinisches Personal und Risikogruppen, also Kinder,
I
Schwangere oder chronisch Kranke.
­Sobald genügend Impfstoff für die übrige
Bevölkerung vorhanden ist, sollte eine
­allgemeine Impfempfehlung ausgesprochen werden. Denn auch wenn die
­allermeisten Patienten keine Komplika­
tionen erleiden: Eine Grippe ist eine
­ernstzunehmende Infektion, die oftmals
mehrere Wochen andauert.
Deshalb rate ich jedem, sich auch dieses
Jahr gegen Grippe impfen zu lassen. Die
Standardimpfung schützt zwar nicht vor
der Schweinegrippe, aber sie hilft Doppel­
infektionen zu reduzieren: Je weniger
Menschen grippeinfiziert sind, desto
­weniger Viren begegnen sich und desto
kleiner ist das Risiko, dass sich durch Genaustausch neue, vielleicht gefährlichere
n
Grippestämme bilden. Robert Steffen arbeitete am ­Institut für Sozialund Präventivmedizin der ­Universität Zürich.
Der emeritierte Professor ist ein international
­renommierter Grippespezialist.
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BEII09
«Jedes Grippevirus hat
Pandemiepotential»
Wie sieht das schlimmstmögliche Szenario
für unser Land aus?
In der Schweiz würden 25 Prozent der
Menschen an der Schweinegrippe erkranken, in städtischen Ballungsräumen
­möglicherweise sogar 30 Prozent. Und
sehr wahrscheinlich würden insgesamt
­mehrere Dutzend Menschen an der
­Erkrankung sterben.
15
22 | 2009
Foto: Patrick b. KrÄmer/Keystone
14
16
Impfen
22 | 2009
Impfen statt durchseuchen
STREITFRAGE Welche Infektionskrankheiten sind harmlos? Und gegen welche Erreger
sollte man sich impfen lassen? Viele Menschen sind verunsichert – und Impfbefürworter
und -gegner liefern sich heftige Debatten. Das sind die Argumente. Text: Ruth Jahn
Beim Impfen scheiden sich die Geister.
Soll man sich impfen lassen? Oder ist es
besser, ungefährliche Krankheiten durch­
zumachen? Diese Frage sorgt immer wie­
der für heftige Debatten zwischen Impf­
gegnern und -befürwortern. Bei harm­
losen Krankheiten wie den Wind­pocken,
mit denen sich fast alle im Kindesalter ein­
mal infizieren und die meist ohne Kompli­
kationen verlaufen, ist eine Impfung nicht
notwendig. Das sehen auch Impfbefür­
worter so. Doch wie sieht es bei anderen
Krankheiten aus?
Das Problem beginnt schon bei der Defi­
nition von «harmlos»: Menschen, die Ma­
sern, Keuchhusten oder Mumps glimpf­
lich überstanden haben, werden «harm­
los» anders interpretieren als Eltern, deren
Säugling wegen Keuchhusten künstlich
beatmet werden musste oder deren Kind
eine Hirnhautentzündung durchmachte.
Anders auch als eine Schwangere, die sich
Basisimpfungen: Wofür die Krankenkassen zahlen
Manche Impfungen werden vom Bundesamt
für Gesundheit (BAG) und der Eidgenössischen
Kom­mission für Impffragen (EKIF) als Standard
für alle empfohlen. Zu den Basisimpfungen,
mit denen im Säuglingsalter begonnen wird,
­gehören die Impfungen gegen Diphtherie,
­Starrkrampf, Keuchhusten, Kinderlähmung,
­Masern, Mumps und Röteln sowie die Impfung
gegen das Bakterium Haemophilus influenzae
Typ b (Hib).
Die Kosten für diese Impfungen werden von
der Grundversicherung übernommen.
Auch ergänzend empfohlene Impfungen für
Babys gegen Pneumokokken und Meningokokken übernehmen alle Kassen sowie Impfungen,
die Jugendlichen empfohlen werden – etwa
­gegen die Humanen Papillomaviren (HPV),
­Hepatitis B und Windpocken.
Andere Impfungen werden nur für bestimmte
Risikogruppen als sinnvoll erachtet. Auch die
Kosten für solche Impfungen übernimmt in der
Regel die Grundversicherung. Zum Beispiel die
Impfung gegen die von Zecken übertragene
Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) für
Personen, die sich in Risikogebieten aufhalten.
Oder die Grippeimpfung für über 65-Jährige
oder Menschen mit chronischen Leiden.
Einen Anspruch auf Kostenübernahme haben
Versicherte auch, wenn Impfungen nachgeholt
werden müssen (spätestens bis fünf Jahre nach
dem vom BAG empfohlenen Alter bei der Impfung). Oder wenn ein Impfschutz aufgefrischt
werden soll. Darüber Auskunft geben kann der
Hausarzt. Manche Krankenkassen haben zudem
weitere Impfkosten in ihr Leistungsangebot
aufgenommen, beispielsweise die kombinierte
Impfung für Hepatitis A und B. Welche Impfkosten zusätzlich zu den gesetzlich vorgeschriebenen übernommen werden, erfahren Ver­
sicherte direkt bei ihrer Kasse.
Eine Aus­nahme sind Reiseimpfungen: Für
sie kommt die Grundversicherung nicht auf.
Die Kosten für arbeits­medizinische Impfungen
(etwa Hepatitis- oder Grippeimpfungen für
das Medizinal­personal) muss der Arbeitgeber
übernehmen.
um ihr Ungeborenes sorgt, weil ihr erstes
Kind einen Kindergarten besucht, in dem
die Masern kursieren.
Bei der Frage «Impfen oder Durchseu­
chen?» geht es also nicht nur um den
Schutz von Individuen, sondern auch um
den Gruppenschutz. Impfkampagnen
­haben zum Ziel, Krankheiten entweder
auf lange Sicht ganz auszurotten oder zu­
mindest die sogenannte Herdimmunität
zu erreichen – also einen genügend gros­
sen Prozentsatz der Bevölkerung gegen
eine bestimmte Krankheit zu impfen, da­
mit die Ansteckungsgefahr für Nicht­
geimpfte stark verringert wird.
Was spricht sonst noch für das Impfen?
Erstens beugen Impfungen gefährlichen
Infektionskrankheiten vor, gegen die es
keine oder keine sichere Behandlung gibt.
Schwere Erkrankungen, die bleibende
Schäden verursachen oder sogar zum Tod
führen, lassen sich so verhindern. Zwei­
tens gilt: Je mehr Personen geimpft sind,
desto seltener tritt eine Krankheit auf.
Viele Krankheiten wie Kinderlähmung
oder Diphtherie konnten in der Schweiz
und anderen Ländern dank Impfpro­gram­
men fast gänzlich zurückgedrängt werden.
Drittens schützt man mit einer Impfung
nicht nur sich selbst, sondern auch andere
vor Krankheiten, die von Mensch zu
Mensch weitergegeben werden (mit Aus­
nahme von Frühsommer-Meningo­enze­
phalitis oder Starrkrampf).
Vom Impfschutz anderer profitieren
gleich mehrere Gruppen:
w Menschen mit Krankheiten des Immun­
systems, fortschreitenden Nervenkrank­
Beobachter Gesundheit 17
heiten, Leukämie oder Allergien gegen Impfstoffe sowie
Menschen, die sich aus anderen Gründen nicht impfen las­
sen können;
w Babys, die keinen Nestschutz der Mutter mehr haben und
ohne ausreichenden Impfschutz sind;
w nicht geimpfte Kinder;
w nicht geimpfte Erwachsene, die die Krankheit als Kind
nicht durchgemacht haben, oder Menschen, die aus einem
Herkunftsland ohne entsprechendes Impfprogramm in die
Schweiz gekommen sind;
w Schwangere und ihre Ungeborenen (vor allem bei Röteln).
Das Rötelnvirus ist für Kinder nicht gefährlich, wohl aber für
ungeimpfte Schwangere (beispielsweise Migrantinnen):
Fehlgeburten und Missbildungen des Ungeborenen sind
möglich.
w Personen mit schweren chronischen Erkrankungen wie
Lungenkrankheiten oder Herzkreislauferkrankungen sowie
Menschen, die sich einer Antikrebstherapie unterziehen: In­
fektionskrankheiten können bei ihnen zu gravierenden
Komplikationen führen.
Als weiteres Argument führen Befürworter ins Feld, dass
Impfreaktionen zumeist mild und vorübergehend sind. Un­
ter den 266 unerwünschten Wirkungen von Impfstoffen, die
2008 beim schweizerischen Heilmittelinstitut Swissmedic
gemeldet wurden, wurden am häufigsten Fieber, Unwohl­
sein und grippeartige Symptome genannt. Oft berichtet wur­
de auch über Kopfweh und Schwindel sowie über Lokal­
reaktionen wie Rötungen und Schmerzen an der Einstich­
stelle. Die schweren Nebenwirkungen der Impfungen sind
viel seltener als die schweren Auswirkungen der Krankhei­
ten. Bei der Masern-Mumps-Röteln-Impfung zum Beispiel
ist das Risiko, sogenannte Impfmasern und damit eine Ge­
hirnentzündung zu bekommen, 1000-mal kleiner als bei
­einer Masernerkrankung: Es steht bei etwa 1:1 Million statt
– wie bei der Erkrankung – 1:1000.
Auch das Risiko, einen vorübergehenden Mangel an Blut­
plättchen (Thrombozytopenie) zu bekommen, ist zehnmal
kleiner, und in Bezug auf Fieberkrämpfe ist das Risiko rund
40-mal kleiner. Nebenwirkungen, die das Impfen auslösen
kann, müssen in der Schweiz übrigens vom Arzt dem Heil­
mittelinstitut Swissmedic, das Impfstoffe zulässt und über­
wacht, gemeldet werden. Deshalb sollte man seinem Arzt
respektive dem Arzt seines Kindes unbedingt jede unge­
wöhnliche Reaktion auf eine Impfung melden.
Eines der Argumente, die Impfgegner ins Feld führen, betrifft
die unerwünschten Nebenwirkungen. Tatsächlich kann jede
Impfung leichte, vorübergehende, aber auch schwere Ne­
benwirkungen haben. Zum Beispiel erleidet nach der DTP-
Wir haben etwas für alle Fälle.
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Pharmaunternehmen. www.helvepharm.ch
18
Impfen
Impfung gegen Diphtherie, Starrkrampf
(Tetanus) und Keuchhusten (Pertussis)
unter einer Million Geimpften im Durch­
schnitt eine Person einen sogenannten
anaphylaktischen Schock, der lebens­
bedrohlich sein kann. In der Arztpraxis,
wo geimpft wird, kann sofort mit Medika­
menten darauf ­reagiert werden. 30 Perso­
nen unter einer Million DTP-Geimpften
erleiden zudem eine hypoton-hypo­
responsive Episode, die sich unter ande­
rem in vorübergehender Apathie äussert
– glücklicherweise eine Nebenwirkung
ohne Langzeitfolgen. Ausserdem leiden
nach der DTP-Impfung – wiederum auf
eine Million Geimpfte bezogen – 400 Säug­
linge während Stunden an sogenanntem
untröst­barem Weinen.
Bedenken haben Impfgegner auch ge­
Wer sich impfen
lässt, schützt
nicht nur sich
selber vor
ansteckenden
Krankheiten,
sondern auch
andere.
bedingte Spuren von Antibiotika oder
­Aluminiumsalzen. Der Grund: Alumi­ni­
um verstärkt die Wirksamkeit ver­schie­
dener Impfungen, indem es die Immun­
antwort des Körpers verstärkt. Es kann
aber unter Umständen einen schädi­
genden Effekt auf Nervenzellen haben
und steht im Verdacht, Autoimmun­
erkrankungen zu fördern. Allerdings
kommt Aluminium in vergleichbarer
Menge auch in der Nahrung und in der
Muttermilch vor.
Beobachter Gesundheit 19
«Infektionsland» Schweiz
Weiter
argumentieren Impfskeptiker,
dass jede Impfung einen Eingriff ins Im­
munsystem darstelle, bei dem neben den
erwünschten positiven auch negative Ef­
fekte auftreten. Impfungen stehen immer
wieder im Verdacht, an Autismus, Aller­
gien, Diabetes, multipler Sklerose, Poly­
arthritis und anderen chronischen Krank­
heiten Mitschuld zu tragen. Wissenschaft­
lich erhärten liessen sich diese Verdächti­
gungen bislang allerdings nicht.
Dass Impfungen aufgefrischt werden
müssen, wird ebenfalls ins Feld geführt. Es
stimmt zwar, dass Impfungen teilweise
nicht lebenslang schützen und keinen ab­
soluten Schutz bieten. Bei den meisten
Impfungen bleibt beim Kontakt mit dem
entsprechenden Krankheitserreger ein Er­
krankungsrisiko von fünf Prozent. Aller­
dings verlaufen Erkrankungen bei Ge­impf­
n
ten in der Regel weniger schwer. Unser Land exportiert Infektionskrankheiten
wie die Masern, weil die Impfrate sehr tief ist.
Jetzt fordern Politiker Massnahmen.
Beat Schlatter engagiert sich für ein
verbreitetes Cholesterinbewusstsein
in der Bevölkerung und spendet an
die Schweizerische Herzstiftung.
«Richtig shoppen
tut gut. Auch meinem
Cholesterin.»
Das Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die
Masern bis 2010 europaweit zu eliminieren, schien zu
Anfang dieses Jahrzehnts zum Greifen nah. Doch zu
tiefe Impfraten in Ländern wie der Schweiz, Deutsch­
land, Rumänien, Italien und Grossbritannien durch­
kreuzten den Plan. Die WHO betitelte diese Staaten
als «Infektionsexportländer», da Masern­fälle aus
Europa in Länder mit schlechteren Gesundheitssyste­
men verschleppt worden sind.
Die Schweiz verzeichnete während der Masernepide­
mie der Jahre 2006 bis 2009 teilweise über 40 Prozent
aller Infektionen in Europa. Eine Motion, die diesen
März eingereicht wurde, verlangt vom Bundesrat des­
halb einen schweizerischen Eliminationsplan der Ma­
sern nach WHO-Vorbild. «Durch die Opposition einer
kleinen Minderheit der Bevölkerung gegenüber der
Masernimpfung sind in der Schweiz jährlich 2000 bis
3000 Personen gefährdet», argumentierte der FDP­Politiker und Mediziner Felix Gutzwiller im Vorstoss.
© Antistress AG
ImholzDesign
genüber kleinen Dosen potentiell giftiger
Zusatzstoffe, die manche Impfstoffe ent­
halten. Zwar sind darunter keine Queck­
silberspuren mehr, dafür oft produktions­
22 | 2009
Von Impfmüdigkeit will in der Schweiz auf Behör­
denseite trotzdem niemand sprechen. «Die Mehrheit
der Eltern lässt ihre Kinder gegen ­Masern, Mumps, Rö­
teln und andere Krankheiten impfen», sagt Catherine
Bourquin vom Bundesamt für Gesundheit. Nur eine
Minderheit fürchte sich vor Nebenwirkungen oder
stelle den Sinn von Impfungen gänzlich in Frage. Viel­
mehr gingen einzelne Impfdosen zuweilen vergessen.
Laut Erhebungen über das Impfverhalten sind hierzu­
lande 71 Prozent der Kleinkinder zweimalig gegen Ma­
sern geimpft. Die erste Impfung wird meist im Alter
von zwölf Monaten verabreicht, die zweite Dosis mit
20 Monaten. Um Epidemien verhüten zu können,
müssten 95 Prozent der Kinder zweimal geimpft sein.
Auffallend ist das unterschiedliche Impfverhalten in
den verschiedenen Landesteilen: «In der welschen
und italienischen Schweiz werden Kinder deutlich
häufiger geimpft als in der Deutschschweiz», sagt
Phung Lang vom Institut für Sozial- und Präventiv­
medizin der Uni Zürich. Ein «Impfgraben» tut sich
auf: In Kantonen wie Freiburg oder Jura werden Klein­
kinder deutlich häufiger geimpft als in Luzern oder
Uri, die am Schluss der Rangliste stehen. Den Haupt­
grund für diesen Graben sehen Forscher im relativ
starken Einfluss der impfkritischen Komplementär­
medizin, speziell der Homöopathie und der anthropo­
sophischen Medizin in der Deutschschweiz.
Tut gut.
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Beobachter Gesundheit 20
Diese Krankheiten lauern
22 | 2009
Gefährlich ist die Grippe vor allem
wegen ihrer Komplikationen;
häufig ist eine durch Bakterien
hervorgerufene Lungenentzündung.
Grippe
Fieber und
Lungenentzündung
Die ansteckende Viruserkrankung
löst Fieber und Ausschlag aus.
Für Erwachsene ist das Risiko
von Komplikationen höher
als bei Kindern.
Windpocken
(Wilde Blattern)
Juckender Ausschlag
Diphtherie
Entzündung
der Atemwege
Das Bakterium produziert ein Gift,
das Husten auslöst. Komplikationen bei Kindern: Krampfanfälle,
Lungenentzündung,
Hirnschädigung.
Keuchhusten
Husten, Lungenentzündung
ergänzende
Impfungen
Basisimpfungen
4 Bei
2 Monate
4 Monate
6 Monate
12 Monate
12–15 Monate
11–15 Jahre
> 20 Jahre
≥ 65 J.
für Jugendliche, die die Windpocken nicht durchgemacht haben.
4–7 Jahre
3 Empfohlen
15–24 Monate
Impfungen sollten ab dem 20. Lebensjahr alle zehn Jahre wiederholt werden. 2 Impfung zur Vorbeugung von Gebärmutterhalskrebs für Mädchen im Alter von 11 bis 14 Jahren.
Neugeborenen als ergänzende Impfung, ab 65 als Basisimpfung empfohlen. 5 Nach dem 20. Geburtstag muss von Fall zu Fall für oder gegen eine Impfung entschieden werden.
1 Diese
Diphtherie1
Starrkrampf (Tetanus)1
Keuchhusten
Kinderlähmung
Hib (Haemophilus influenzae Typ b)
Hepatitis B
Masern, Mumps, Röteln
Humane Papillomaviren (HPV)2
Windpocken (Wilde Blattern)3
Pneumokokken4
Grippe
Pneumokokken4
Meningokokken C
Humane Papillomaviren (HPV)5
Geburt
Der Impfplan des Bundesamts für Gesundheit und der Eidgenössischen Kommission für Impffragen gibt eine Übersicht über die in der Schweiz empfohlenen Impfungen. Basisimpfungen gelten als für
die individuelle und öffentliche Gesundheit unerlässlich, ergänzende Impfungen sollen einen optimalen individuellen Schutz bieten und/oder werden bestimmten Risiko- oder Altersgruppen empfohlen.
empfohlene Impfung und Termine für die Wiederholungen beziehungsweise die Auffrischung
Impfung empfohlen bei einem erhöhten Risiko für Komplikationen (u.a. bei Neugeborenen von Müttern, die an einer Hepatitis-B-Infektion leiden)
Die Polio-Virus-Infektion kann
milde verlaufen; bei 10 Prozent der
Fälle kommt es zu einer Hirnhautentzündung, bei einem Prozent
zu Lähmungen, eventuell
auch zu Invalidität.
Poliomyelitis
Kinderlähmung
Masern, Mumps und Röteln werden
durch Viren ausgelöst, verlaufen
mild. Bei Masern besteht die
Gefahr von Hirnhaut-, Lungenentzündung.
Masern,
Mumps, Röteln
Entzündungen
Das Bakterium befällt primär die
oberen Atemwege. Sein Gift führt
zu Rachen-, Nasenentzündungen, Husten und Atmungsproblemen.
Das Bakterium verursacht Entzündungen im Atmungssystem (Nase,
Rachen, Luftröhre), bei Kleinkindern auch Hirnhautentzündungen.
Schweizerischer Impfplan 2009: Zu welchen Impfungen die Behörden raten
Papillomaviren werden sexuell
übertragen und können
Gebärmutterhalskrebs
auslösen.
Humane
Papillomaviren
Gebärmutterhalskrebs
Die lebensgefährliche Infektionskrankheit kann Lähmungen,
Muskelkrämpfe, Wirbelsäulenbrüche und Atemstillstand
auslösen.
Starrkrampf
Muskelkrämpfe,
Ersticken
Jugendliche sind besonders
gefährdet, an der Leberentzündung Hepatitis B zu
erkranken. Die Spätfolgen
sind Leberzirrhose und
Leberkrebs.
Haemophilus
influenzae
Hirnhautentzündung
Meningo- und PneumokokkenBakterien können Lungenentzündungen, Blutvergiftungen
und Hirnhautentzündung
auslösen.
Meningo-,
Pneumokokken
Entzündungen
VIREN & CO. Ein Überblick über die häufigsten Infektionskrankheiten: Welche Symptome sie
auslösen und wann man sich wogegen impfen lassen sollte. Text: Tatjana Stocker; Infografik: Daniel Röttele
Hepatitis B
Leberentzündung
IMPFEN
QUELLE: BUNDESAMT FÜR GESUNDHEIT (STAND: JANUAR 2009)
Beobachter Gesundheit
22 | 2009
impfen
Kleiner Stich mit grosser Wirkung
IMPFSTOFFE Jeder kennt ihn, den kleinen Piks. Doch was geschieht beim Impfen genau?
Ein Überblick über die verschiedenen Impftechniken und Impfstoffe, bei deren Herstellung
die Gentechnik eine immer wichtigere Rolle spielt. Text: Ruth Jahn
Der Effekt des Impfens lässt sich vergleichen mit einer Krankheit, die man durchmacht. Impfungen erzeugen im Körper
eine spezifische Immunität gegen Viren
oder Bakterien. Das heisst: Der Geimpfte
ist für eine gewisse Zeit, manchmal für das
ganze Leben, vor der Ansteckung durch
diesen Krankheitserreger geschützt. Diese
Immunität lässt sich im Körper entweder
aktiv oder passiv erzeugen.
Bei einer aktiven Immunisierung (hier
spricht man von eigentlicher «Impfung»)
werden abgetötete oder abgeschwächte
Erreger oder deren unschädlich gemachte
Gifte verabreicht. Unser körpereigenes
Immun­system wird sozusagen mit einer
harmlosen Variante des Erregers respektive seines Giftes in Kontakt gebracht. Das
System registriert charakteristische Strukturen des Keims oder seines Gifts und produziert spezifische Antikörper, die zusammen mit den weissen Blutkörperchen fortan Wache halten. Die Antikörper passen
wie ein Schlüssel zu den Strukturen auf
der Oberfläche der Erreger. Dadurch kleben die Eiweisse an den Eindringlingen.
Beim Kontakt mit dem betreffenden
Krankheitskeim wird dieser sofort als unerwünscht erkannt und eliminiert. Die
Folge: Der Betroffene ist gegen den Erreger immun geworden.
Bei einer passiven Immunisierung werden
fertige Antikörper oder Antitoxine gespritzt, die gegen einen Erreger wirken.
Das Immunsystem braucht also keine eigenen Antikörper zu produzieren: Es kann
passiv bleiben. Zwar hält der Impfschutz
bei passiven Impfungen nur wenige Wochen an, dafür setzt er sofort ein: Ein zwei-
ter Kontakt zum Erreger ist nicht nötig.
Die passive Immunisierung wenden Ärzte
­etwa nach dem Biss eines tollwütigen
Tieres an, oder um jemanden nach einer
Verletzung vor dem Tetanus-Erreger
zu schützen. Heute werden hierzu sogenannte humanisierte Antikörper verwendet - von Tieren stammende Antikörper,
die mit Hilfe gentechnischer Verfahren
menschlichen Antikörpern ähnlich gemacht ­werden. Oder es werden Antikörper
ge­spritzt, die von Menschen stammen, die
die ­betreffende Erkrankung bereits durch­
gemacht haben.
Sogenannte Lebendimpfstoffe enthalten
Erreger, die sich vermehren können. Krank
machen sie nicht, sie können allerdings zu
leichten Beschwerden führen. Ein Beispiel
dafür sind die Impfmasern, die in der Regel harmlos verlaufen. Für die Impfung
werden abgeschwächte Erreger aus­
gewählt, die ihre krank machenden
Hintergrund
Kleine Geschichte des Impfens
Indische Brahmanen sollen erstmals auf die Idee einer Impfung gekommen sein: Sie rieben ihren
Versuchspersonen ein wenig vom Inhalt eines getrockneten ­Pockenbläschens unter die Nase oder
in die angeritzte Haut. Die Methode kam im 18. Jahrhundert nach Europa, funktionierte aber mehr
schlecht als recht: Viele der Behandelten starben.
Dem Prinzip der Impfung zu mehr Beachtung verhalf Edward Jenner. Der englische Landarzt
­führte 1796 ein riskantes Experiment durch: Er infizierte einen Achtjährigen absichtlich mit den
­weniger gefährlichen Kuhpocken und einige Wochen später mit echten Pocken. Der kleine James
litt zwar an einer lokalen Pockenreaktion an der Impfwunde, gegen die echten Pocken ­hingegen
war er durch die Behandlung mit den Kuhpocken immun geworden. Jenner ­nannte seine Impfung
Vaccination (lat. «vaccinus»: «von Kühen stammend»).
Dass Bakterien und Viren die Ursache von Infektionskrankheiten sind, wusste Jenner noch nicht.
Erst die Versuche des Franzosen Louis Pasteur und des Deutschen Robert Koch konnten Mitte des
19. Jahrhunderts nachweisen, dass Keime die Auslöser von Krankheiten wie Tuberkulose sind.
­Pasteur entwickelte Impfstoffe ­gegen Milzbrand, Geflügelcholera und Tollwut.
In vielen Ländern wurden wenige Jahre später erste Impfprogramme gestartet. Dabei kam es
auch zu schwerwiegenden Folgen: So starben 1930 bei der «Lübecker Impfkatastrophe» 77 Babys
nach einer Tuberkuloseimpfung. Der Impfstoff war mit krank machenden Tuberkulosebazillen
­verunreinigt. Ab 1950 entwickelten Pharmafirmen Impfstoffe gegen diverse Infektionskrankheiten,
die zu einem Rückgang vieler Krankheiten führten. Seit 1967 macht sich die Weltgesundheits­
organisation für internationale Impfprogramme stark.
Die Kinderlähmung (Polio) konnte dank weltweiten Impfprogrammen fast überall zurückgedrängt
werden. In den letzten Jahren kam es jedoch in Ländern wie Indien und Nigeria wieder zu
­Epidemien. Die Pocken hingegen sind ausgerottet: 1977 kam es in Somalia zum letzten Pockenfall.
23
Publireportage
Beobachter Gesundheit
Die Darmflora:
Hilfe und Abwehr für den Organismus
­ igenschaften verloren haben. AbgeE
schwächte Impfstämme von Viren
werden in Hühnerembryonen oder
menschlichen Zell­linien vermehrt,
Impfstämme von Bakterien in Kulturen dieser Bakterien. Die Impfstämme können auch durch gentechnische
Manipulation abgeschwächt werden,
­indem einzelne Gene aus dem Erbgut
des Erregers entfernt werden. Lebend­
impfstoffe werden zum Schutz vor
­Viren eingesetzt, die ­ Röteln, Mumps,
Masern oder Windpocken auslösen.
Die Darmflora ist ein Mini-Ökosystem aus Milliarden von Mikroorganismen, die zu unserem
Wohlbefinden beitragen. Diese Mikroorganismen spielen eine Schlüsselrolle bei der Erhaltung
der Gesundheit. Man kann sogar sagen, dass das Leben ohne die Darmflora unmöglich wäre.
Die bakterielle Flora des Darms spielt insbesondere
eine wichtige Entgiftungsrolle, indem sie die Elimination schädlicher Substanzen aktiviert. Sie produziert
verschiedene für den Organismus nützliche Substanzen,
darunter Vitamine, bei denen es sich um unerlässliche
regulierende Faktoren der Lebensvorgänge handelt.
Dank spezifischen, von den Bakterienzellen produzierten Enzymen, werden die mit der Nahrung zugeführten
Nährstoffe vom Organismus besser aufgenommen.
Eine der wichtigsten Aufgaben der Darmflora ist es, uns
zu schützen. Sie bildet eine echte biologische Barriere,
welche die krankheitserregenden Keime daran hindert,
in den Organismus einzudringen und sich dort zu vermehren.
Die Darmflora: ein zu schützendes Ökosystem
Beim Menschen sorgt die Darmflora für ein labiles
Gleichgewicht, das es ständig zu schützen gilt.
Eine unausgewogene Ernährung, Veränderungen des
Klimas oder der Ernährungsweise, Krankheitserreger
und Arzneimittel (insbesondere Antibiotika) sind Faktoren, die die Darmflora schädigen und schwächen und
dadurch ganz verschiedene Störungen hervorrufen:
Durchfall,
Bioflorina ist ein Medikament ohne bekannte Nebenwirkungen und Anwendungseinschränkungen (von einer Überempfindlichkeit gegen einen der Inhaltsstoffe
abgesehen). Ausserdem kann es von der ganzen Familie
angewendet werden, vom Säugling bis zur Grossmutter. BioflorinaTM wirkt gegen den Durchfall und normalisiert die gestörte Darmflora, z.B. bei einer Infektion
durch Keime oder auch bei einer Behandlung mit Antibiotika (geschwächte Darmflora). Auf Reisen kann das
Medikament auch vorbeugend gegen Durchfall eingenommen werden. Zur Erleichterung der Einnahme von
BioflorinaTM können diese geöffnet und der Inhalt in kalter oder lauwarmer Flüssigkeit aufgelöst werden.
Um die vollständige Wiederherstellung der Darmflora zu gewährleisten, sollte die Behandlung 5-7 Tage
dauern. Achten Sie dabei auch auf eine ausreichende
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Bakterien die physiologische Darmflora, die vielfältige
Funktionen im Immunsystem, im Stoffwechsel und im
Verdauungsprozess wahrnimmt.
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BioflorinaTM:
Er­reger, die in Hühnerembryonen
oder Zelllinien vermehrt, ­ gereinigt
und abgetötet werden. Da Totimpfstoffe eine schwächere Immunantwort auslösen als lebende, enthalten
sie eine höhere Konzentration der Er­
reger. Impfungen mit Totimpfstoffen
sind etwa Impfungen gegen Kinder­
lähmung oder FSME (FrühsommerMeningoen­ze­pha­li­tis,siehe«Hirnhaut­
entzündung», Seite 36).
Totimpfstoffe, die nur Teile von Erregern enthalten, heissen Spaltimpf­stof­
fe. Hier kommt die Gentechnik zum
Einsatz: Hefezellen etwa wird ein Gen
für einen Baustein aus der Hülle eines
Virus eingesetzt, worauf die ­Hefe diesen Baustein massenweise produziert.
Ein Beispiel dafür ist die Impfung gegen Humane Papillomaviren (siehe
«Krebs­vorsorge», Seite 30). Grippe­
impfstoffe sind meist Spalt­impfstoffe,
werden aber meist auf Hühnerembryo­
nen produziert; ebenso die HepatitisB-Impfung oder die Impfung gegen
Keuchhusten.
Bei Konjugat-Impfstoffen werden
Teile der Hülle des Erregers an ein
Trägereiweiss gebunden. Gewisse
Bakterien tragen auf der Oberfläche
Zuckermoleküle, und Impfstoffe, die
auf den Zuckern basieren, sind zwar
bei Erwachsenen wirksam, nicht aber
bei Kindern unter zwei Jahren. Dadurch, dass die Zuckermoleküle an
ein Trägereiweiss gekoppelt werden,
kann das Immunsystem der Kinder
reagieren und eine Immunität aufbauen. Konjugat-Impfstoffe kommen
gegen Haemophilus influenzae b
(Hib), Pneumokokken und Meningokokken zum Einsatz - Bakterien, die
Hirnhautentzündung auslösen.
22 | 2009
impfen
25
Auch Gifte der Krankheitserreger können für Impfungen verwendet werden. Und zwar dann, wenn nicht der
Erreger krank macht, sondern sein
Gift. Auf zuvor entgifteten Toxinen
bauen zum Beispiel die Impfungen
gegen Diphtherie oder Tetanus auf.
DNS-Impfstoffe befinden sich noch
in der Entwicklung. Solche Impfstoffe
enthalten Stücke des Erbguts (DNS)
der Viren oder Bakterien, die zuvor
gentechnisch verändert wurden. Das
Prinzip der Impfung funktioniert so:
Die Erbgutinformationen des Virus
gelangen mit der Impfung in die
menschlichen Zellen – und darauf
stellt der Körper seinen Impfstoff quasi selbst her. Die Zellen vervielfachen
das Virenerbgut und produzieren, gemäss der DNS-Bauanleitung, ­Eiweisse,
transportieren diese nach aussen und
kleben sie an die Zellaussenwand. Da
die Eiweisse die gleiche Struktur wie
die Erregereiweisse haben, wird im
Körper eine Immunantwort ausgelöst.
Ähnliches geht vor, wenn wir eine Viruserkrankung durchmachen.
Der Vorteil der Methode liegt in der
einfachen Herstellung des Impfstoffs
und im langwährenden Kontakt des
Immunsystems mit den Bestandteilen
des Erregers. Mögliche Risiken sind
Schäden am Erbgut der menschlichen
Zellen oder ein ungewollter dauerhafter Einbau des Erregererbguts. Forscher testen derzeit DNS-Impfstoffe
gegen Aids-auslösende HI-Viren,
Grippeviren oder das Masernvirus.
Verabreicht werden Impfstoffe, indem man sie in einen Muskel oder in
die Unterhaut spritzt. Der Impfstoff
wird dort vom Immunsystem aufgenommen, in die Lymph­drüsen transportiert, und die Immun­antwort wird
eingeleitet. Eine weitere Möglichkeit
ist die Schluckimpfung. Viele Erreger
dringen über die Schleimhäute ein,
über die Atemwege oder den Darm,
wie der Erreger der Kinderlähmung
(Polio). Auch die Impfung durch die
Nase soll den natürlichen Infektionsweg imitieren: Masern- oder Grippe­
impfungen könnten künftig per Spray
verabreicht werden. Der Impfstoff
wird somit dort aufgenommen, wo
n
die Immun­antwort wirken soll.
Tinnitus Ohrensausen
Neue Studien belegen: Selbstbehandlung
mit Softlaser ist erfolgreich!
Nachdem in den vergangenen Jahren
bereits über 20’000 Betroffene von Tinnitus und ähnlichen Innenohrerkrankungen wie tinnitusbedingter Schwerhörigkeit, Druck im Ohr, Morbus Ménière
(Schwindel), Hörsturz und Hörverzerrung
erfolgreich mit dem TinniTool EarLaserSystem behandelt wurden, belegen
jetzt zwei neue klinische Studien den
Erfolg der Lasertherapie: Das Zentrum
für Behandlung von Tinnitus der HNOAbteilung der Klinik von Piacenza hat,
im Rahmen einer Doppel-Blind-Studie,
einen Behandlungserfolg bei rund 88%
aller Betroffenen festgestellt. Im Weiteren hat eine Studie der Mailänder Universitätsklinik San Raffaele aufgezeigt,
dass mit dem TinniTool EarLaser Anzahl
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(Adenosintriphosphat) ist eine Schlüsselsubstanz der menschlichen Körperzellen. Die Regeneration der unterversorgten und damit geschädigten Hörsinneszellen kann somit mit der Softlasertherapie beschleunigt werden. Der
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Beobachter Gesundheit
22 | 2009
Impfen
Die grosse Sorge um die Kleinen
KINDERIMPFUNGEN Viele Eltern wollen ihren Lieblingen den Piks ersparen oder sie erst
später impfen lassen – aus Angst vor Impfschäden. Damit setzen sie nicht nur ihr Kind,
sondern auch sein soziales Umfeld Krankheitsrisiken aus, warnen Ärzte. Text: Ruth Jahn
Das Dilemma, vor dem Eltern stehen, be­
ginnt wenige Wochen nach der ­Geburt ih­
res Kindes: Sollen sie das Baby gegen
Diphtherie, Hirnhautentzündun­g, Kinder­
lähmung und andere Krankheiten impfen
lassen? Und vielen graut es bei der Vorstel­
lung, ihrem Schützling in den ersten zwei
Lebensjahren 14 Spritzen gegen acht
Krank­heiten setzen zu lassen, wie es die
Gesundheitsbehörden empfehlen (siehe
«Impfplan», Seite 20).
Eine Haltung, die bei vielen Medizinern
auf Verständnis stösst. «Eine skeptische
Haltung gegenüber Impfungen darf nicht
verwechselt werden mit Uneinsichtigkeit
oder gar Verantwortungslosigkeit», sagt
der Berner Arzt Peter Klein, Mitglied der
Arbeitsgruppe für differenzierte Imp­
fungen. Als Familienarzt mache er die Er­
fahrung, dass gerade diejenigen Eltern,
die verstehen wollen, worum es bei den
einzelnen Impfungen geht, ihre Verant­
wortung gegenüber den Kindern ausge­
sprochen ernst nehmen würden.
Manche Eltern haben Bedenken, in das
Immunsystem des Kindes «künstlich ein­
zugreifen». Oder es fällt ihnen schlicht
schwer, ihr Baby piksen zu lassen. Sie fra­
gen sich, ob ihr Kind die impfbaren Krank­
heiten nicht auch gefahrlos überstehen
könnte. Und warum es so früh gleich so
viele Impfungen sein müssen.
Der Impfplan des Bundesamts für Gesund­
heit sieht die ersten Impfungen im Alter
von zwei Monaten vor. Eine Empfehlung,
die von Skeptikern teilweise infrage ge­
stellt wird. «Abgesehen von der ­ Impfung
gegen Hämophilus-Bakterien, Keuch­hus­
ten und allenfalls gegen Pneu­mo­kok­ken
gibt es keinen absoluten Grund, schon
im ersten Lebensjahr zu impfen», sagt
Peter Klein.
Impfbefürworter hingegen sind der Mei­
nung, «dass theoretisch schon Neugebo­
rene geimpft werden könnten, weil ihr Im­
munsystem dafür bereit wäre», so Hans
Binz, Vizepräsident der Eidgenössischen
Kommission für Impffragen (EKIF). Die
Kommission setzt sich aus unabhängigen
Experten zusammen, die bei Impffragen
­zwischen Behörden, Fachkreisen und der
Bevölkerung vermitteln und Empfehlun­
gen für oder gegen bestimmte Impfungen
ausarbeiten.
Neugeborene sind durch den sogenann­
ten Nestschutz geschützt: durch die müt­
terlichen Antikörper, die das Kind wäh­
rend der Schwangerschaft via Nabel­
schnurblut erhalten hat und nach der Ge­
burt über die Muttermilch erhält. Doch
nach ungefähr einem halben Jahr versiegt
diese von der Mutter geliehene Immuni­
Impfschutz: Auch für Erwachsene ein Thema
Ob Erwachsene gegen Krankheiten wie
D­ iph­therie, Starrkrampf, Keuchhusten und
­Kinderlähmung geschützt sind, hängt davon ab,
ob «die Grundimmunisierung im Kindesalter
­gemacht worden ist», sagt Hans Binz, Vizepräsident der Eidgenössischen Kommission für
Impffragen. «Dann ist auch der Erwachsene
­gegen Diphtherie, Starrkrampf, Keuchhusten
und Kinderlähmung geschützt.» Allerdings
müssen die Diphtherie- und Starrkrampf­
impfungen alle zehn Jahre aufgefrischt werden.
Die Impfung gegen Keuchhusten braucht
nicht aufgefrischt zu werden, die Impfung
gegen ­Kinderlähmung nur, wenn der Betref­
fende in Länder reist, in denen Kinderlähmung
vorkommt.
Auf eine Hepatitis-B-Impfung können Erwachsene verzichten, falls kein spezielles Risiko vorliegt. Ein erhöhtes Ansteckungsrisiko
­haben etwa das Medizinal- und Pflegepersonal,
Konsumenten von injizierbaren Drogen, enge
Kontaktpersonen von Patienten mit Hepatitis B,
Sozialarbeiter, Polizeiangestellte oder Personen
aus Ländern, in denen Hepa­titis B häufig vorkommt – etwa China, der Nahe und Mittlere
­Osten oder Teile Afrikas. Ebenso kann auf die
Impfung gegen die von ­Zecken übertragbare
Frühsommer-Meningoenzepha­litis verzichtet
werden, wenn man sich nicht in Regio­nen aufhält, wo infizierte Zecken vorkommen (siehe
«Hirnhautentzündung», Seite 36).
Sich gegen die saisonale Grippe impfen
zu lassen ist für gesunde Erwachsene unter
65 Jah­ren nicht zwingend. Für Risikopersonen
oder Ältere ist die Grippe jedoch eine ernste
Krankheit: Für diese Menschen und deren Umfeld macht eine Impfung Sinn. Leute, die durch
eine Grippeerkrankung gefährdeter sind als
­andere, sind etwa chronisch Kranke sowie Per­
so­nen, die an Herz- oder Lungenkrankheiten,
Niereninsuffizienz, Diabetes oder Blutkrankheiten leiden. Ebenfalls impfen lassen sollten
sich Personen mit einem geschwächten Immunsystem – etwa nach einer Organtransplantation.
27
28
Impfen
tät. «Damit Säuglinge den Krankheiten
nicht schutzlos ausgeliefert sind, werden
sie ab dem zweiten Monat mit den ersten
Dosen geimpft und erhalten dann zwei
weitere Dosen, so dass sie in der Regel mit
sechs Monaten durch ihr eigenes Immun­
system geschützt sind», erklärt der
­Impfspezialist Binz, der im Spital in Solo­
thurn tätig ist.
Ausserdem beobachte man im Säuglings­
alter am wenigsten Neben­wirkungen bei
Impfungen. Kindern unter eineinhalb Jah­
ren mache zudem das ­Stechen beim Kin­
derarzt deutlich weniger Angst.
Zweifel an Impfungen werden durch Kri­
tiker genährt, die die fehlende Unabhän­
gigkeit der Impfforschung von der Phar­
maindustrie bemängeln oder auf die sehr
seltenen, aber möglichen schweren Ne­
benwirkungen von Impfungen und auf
Beobachter Gesundheit 29
22 | 2009
mögliche Langzeitschäden durch Zusatz­
stoffe in den Impfungen hinweisen (siehe
«Streitfrage», Seite 16).
Es gibt auch Gegner, die jenseits ratio­
naler oder wissenschaftlich überprüfbarer
Thesen argumentieren. Sie behaupten,
dass das Impfen für eine ganze Reihe von
Phänomenen und Krankheiten verant­
wortlich sei – von ­Autismus, Diabetes und
Allergien über das Aufmerksamkeitsdefi­
zit ADHS bis hin zur Homosexualität. In­
fektionskrankheiten durchzumachen sei
zudem ein nötiger Schritt in der Entwick­
lung des Kindes.
Sogar Masern- und Wind­pocken-Kinder­
partys werden auf einschlägigen Internet­
seiten empfohlen: Diese sollen den
­Kindern eine Ansteckung mit einem be­
stimmten Erreger «ermöglichen», der ge­
rade kursiert. Das Motto lautet: durch­
Impfen
Wann ist der richtige Zeitpunkt?
Vielen Eltern erscheint das Hinauszögern der Impfung als guter Kompromiss zwischen Impf­
verweige­rung und offiziellem Impfplan (siehe «Impfplan», Seite 20). Eine Strategie, die sich jedoch
als Trugschluss erweist.
Bei Masern, Mumps oder Röteln beispielsweise steigt die Komplikationsrate mit zunehmendem
­Alter an. Weshalb manche impfkritischen Ärzte vorschlagen, Kinder nicht wie empfohlen schon mit
zwölf Monaten, sondern erst als Kindergarten- oder Schulkind oder erst bei einer lokalen Masernoder Mumpsepidemie zu impfen. Das Problem: Bis zur Impfung fehlt dem Kind somit ein Schutz. Zudem ist es fraglich, ob sich Kinder bis zum Bekanntwerden einer Epidemie nicht bereits angesteckt
haben. Denn vor allem Masern sind hochansteckend und werden vor dem typischen Hautausschlag
an andere weitergegeben. Zudem häufen sich seit einigen Jahren Fälle von Masern in der Schweiz.
Auch gegen Diphtherie und Starrkrampf könnte später geimpft werden, also nicht wie im
Impfplan vorgesehen schon im Alter von zwei Monaten, sondern erst mit zwölf Monaten. Denn
Diphtherie gibt es in der Schweiz nicht mehr. Für Babys, die noch nicht krabbeln oder laufen
­können, ist die Verletzungsgefahr und damit die Gefahr, sich mit dem Starrkrampfbakterium zu
­infizieren, viel geringer als bei älteren Kindern.
Aber: Diphtheriebakterien zirkulieren noch in ­einigen Ländern wie Russland oder Nordafrika und
könnten eingeschleppt werden – was auch bei Reisen zu bedenken ist. Und: Trotz Behandlung mit
Antibiotika verläuft die Diphtherie bei einem von zehn Kindern tödlich. Bei vorläufigem Verzicht
auf die Tetanusspritze müssen Eltern beachten, dass Starrkrampfbakterien überall vorkommen: in
der Erde, im Pferdestall und im Strassenstaub. Auch dieses Bakterium kann mit einer Antibiotikaund Antitoxintherapie nicht immer in Schach gehalten werden: In einem von vier Fällen verläuft die
Infektion tödlich.
Eine andere Alternative sieht vor, Kinder nur bei erhöhtem Risiko gegen Keuchhusten und
­Haemophilus influenza b (Hib) impfen zu lassen. Zum Beispiel bei früher Geburt, Ernährung mit
­Flaschenmilch, wenn das Kind bereits als Baby Krippe oder Spielgruppe besucht oder wenn es
­mehrere Geschwister hat. Was Eltern hierbei bedenken müssen: Beide Erkrankungen sind vor allem
für Babys gefährlich. Bei einer Infektion mit dem Bakterium Hib kann es zu einer Hirnhautent­
zündung oder einer Kehlkopfdeckelentzündung mit Erstickungsgefahr kommen. Trotz Antibiotikatherapie haben zehn Prozent der infizierten Kinder Dauerschäden. Auch Keuchhusten wird in seiner
Gefährlichkeit meist unterschätzt: Gefürchtete Komplikationen sind Lungenentzündungen und
Krampfanfälle. In Industrieländern führt Keuchhusten bei 2 von 1000 Erkrankten zum Tod.
gemacht ist durchgemacht. «Das sind
alles Behauptungen ohne wissenschaft­
liche Belege», kontert der Impfspezialist
Hans Binz.
Viele Eltern verhalten sich paradox und
unterschätzen die Gefährlichkeit von Kin­
derkrankheiten. Die Vorstellung, ihrem
Sprössling mit dem Piks beim Kinderarzt
womöglich einen Impfschaden zuzufü­
gen, bereitet ihnen schlaflose Nächte.
Dass ihr ungeimpftes Kind aber einen Ma­
sernerreger oder ein Teta­nus­-Bakterium
auflesen und daran er­kranken könnte,
vergessen sie dabei oft – oder sie nehmen
es als etwas Natur­ge­gebenes hin.
Sachlichen Kriterien hält ­diese Sicht nicht
stand. Keine Impfung ist ganz ohne Risiko,
aber die Gefahren sind viel geringer als bei
einer natürlichen Erkrankung. So ist etwa
das Risiko, durch die sogenannte MMRImpfung ­ gegen Mumps, Masern und Rö­
teln eine Gehirnentzündung zu erleiden,
1000-mal kleiner als bei einer Erkrankung
an Masern.
Keine Impfung ist
ohne Risiko, aber
die Gefahren
sind viel geringer
als bei einer
natürlichen
Erkrankung.
Eltern wissen oft nicht, dass etwa die Ma­
sern schwerste Lungenentzündungen
und lebensgefährliche Hirnentzündungen
auslösen können und wegen Komplika­
tionen immer wieder Kinder ins Spital
müssen – oder gar sterben. Und dies nicht
nur in Ländern mit Unterernährung oder
mangelhafter
Gesundheitsversorgung:
«Man hegt die Illusion, wir könnten hier­
zulande alle auftretenden Infektionen me­
dikamentös beherrschen», sagt der Zür­
cher Präventivmediziner Robert Steffen.
Dem sei nicht so: Die Masern sind auch in
der Schweiz in einem von 3000 Fällen töd­
lich, und auch an Keuchhusten sterben
hierzulande noch Babys (zwischen 1995
und 2005 waren es drei Todesfälle).
Wie erklärt sich in diesem Zusammen­
hang die vor allem in der deutschen
Schweiz vorkommende Skepsis gegen­über
dem Impfen? «Impfungen sind Opfer ih­
res eigenen Erfolgs geworden», glaubt
Hans Binz von der EKIF. Heute seien
schwere Krankheiten aus unserem Be­
wusstsein verschwunden – dank Imp­
fungen. «Die Menschen heute kennen die
Missbildungen bei Kindern nicht mehr,
die durch eine pränatale Infektion mit Rö­
teln entstehen. Oder sie haben nicht mit­
erlebt, dass jemand mit Starrkrampf oft 30
Tage lang auf der Intensivstation zubrin­
gen musste – falls der Patient die Erkran­
kung überhaupt überlebte.»
Todesfälle wegen Röteln gibt es heute zum
Glück nicht mehr, und Starrkrampf tritt
hierzulande nur noch selten auf – und nur
bei ungenügend oder nicht geimpften
Personen. Auch Robert Steffen betont:
«Dank Impfungen ist in der Schweiz seit
mehr als 25 Jahren niemand an Diphthe­
rie gestorben.» Und ebenso lange sei es
her, dass ein Kind in der Schweiz eines
Morgens vollkommen gelähmt im Bett er­
wachte, weil es sich mit dem Erreger der
Kinderlähmung angesteckt hatte.
Doch warum soll man sein Kind gegen na­
hezu ausgerottete Krankheiten impfen?
«Impfungen sind nach wie vor unerläss­
lich», sagt Steffen: «Damit diese Krank­
heiten in Zukunft nicht wieder vermehrt
auftreten, sind hohe Durchimpfungsraten
wichtig – je nach Krankheitserreger von 80
bis 95 Prozent.» Die seit 2003 in der
Schweiz in Wellen auftretende Masernepi­
demie zeige, dass Erreger schnell die Über­
hand gewinnen, wenn nicht genügend Kin­
der geimpft sind. Zudem könnten Krank­
heiten wie die Kinderlähmung, die es bei
uns nicht mehr gibt, aus Regionen wie
­Indien oder Afrika wieder eingeschleppt
werden. «Die Eltern eines ge­impften Kin­
des werden nie wissen, ob ihr Kind ohne
Impfung erkrankt wäre – und dies allen­
falls mit Todesfolge», bringt der Präventiv­
mediziner die Krux mit dem Impfen auf
den Punkt. Und fügt an: «Deshalb werden
n
sie dies der Impfung nie danken.»
Diese Impfungen empfehlen Mediziner
In der Schweiz ist es Eltern freigestellt, ihr Kind impfen zu ­lassen.
Dennoch rufen Kinderärzte dazu auf. Denn je mehr Kinder
geimpft sind, desto seltener treten Infektionskrankheiten auf.
Das Bundesamt für Gesundheit
(BAG) empfiehlt 2009 – im Einklang
mit Kinderärztinnen und -ärzten
­sowie nationalen und internationalen
Gremien wie der Weltgesundheits­
organisation –, Kinder gegen Diph­
therie, Starrkrampf, Keuch­husten,
Kinderlähmung, Hirnhaut­ent­zün­dung
und Kehlkopfdeckelent­zündung
durch das Bakterium Haemophilus
influenzae b (Hib) sowie ­gegen Ma­
sern, Mumps und Röteln (MMR) imp­
fen zu lassen. Ausserdem rät das BAG
je nach ­Wohnregion in der Schweiz –
und frühestens ab sechs Jahren – zur
Impfung gegen die von Zecken über­
tragbare Frühsommer-Meningo­
enzephalitis (FSME) (siehe «Hirnhaut­
entzündung», Seite 36).
Ergänzend vorgesehen sind für
­ ltern, die auf Nummer sicher gehen
E
wollen, Impfungen gegen Pneumo­
kokken und Meningokokken. Pneu­
mokokken sind bei Kindern unter
zwei Jahren die häufigste Ursache für
akute bakterielle Hirnhautentzün­
dung, Meningokokken wiederum
können Blutvergiftungen oder Hirn­
hautentzündung auslösen. Bei be­
sonders gefährdeten Kindern, zum
Beispiel bei Kindern mit speziellen
Vorerkrankungen oder bei Früh­
geborenen, rät der offizielle Impfplan
(siehe Seite 20) zu weiteren Imp­
fungen: gegen Hepatitis A und B,
Grippe und Windpocken.
Eine Tuberkuloseimpfung wird für
Neugeborene und Säuglinge unter
zwölf Monaten empfohlen, die aus
osteuropäischen, asiatischen oder
­anderen Ländern kommen, in
denen die Tuberkulose verbreitet ist.
Vor der Pubertät werden weitere
Impfungen empfohlen: 11- bis 15-Jäh­
rigen die Impfung gegen Hepatitis B,
ein ­Virus, das sexuell oder durch Blut
übertragen wird. Hepatitis B kann eine
Leber­zirrhose oder gar Leberkrebs
nach sich ziehen.
Mädchen im Alter zwischen 11 und 14
Jahren empfiehlt das BAG die Impfung
gegen Huma­ne Papil­lomaviren (HPV)
­(siehe «Krebs­vorsorge», Seite 30). Die­
se ­Viren sind sexuell übertragbar, weit
verbreitet und werden für Ge­bärmut­
terhalskrebs verantwortlich ­gemacht.
15- bis 19-Jährige, die bisher nicht
geimpft worden sind, können die Imp­
fung nachholen.
Ausserdem raten Ärztinnen und
Ärzte heute ­Jugendlichen, die die
Windpocken (Spitze respektive Wilde
Blattern) noch nicht durchgemacht
haben, zu einer Impfung. Die Krank­
heit ist bei Kindern zwar meist harm­
los, im Erwachsenenalter aber
ist das Kom­plikationsrisiko erhöht:
Es kann zu ­Mittelohr-, Lungen- oder
­Gehirnentzündung kommen – und
bei schwangeren ­Frauen auch zu
Schädigungen des ­Ungeborenen.
Was oft vergessen geht: Impfungen
­gegen Diphtherie und Tetanus sollten
im Alter von 11 bis 15 Jahren erneuert
werden, damit der Impfschutz weiter­
hin gewährt ist.
Preiselbeeren können einen Beitrag
zur Gesunderhaltung der Blase leisten.
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30
Impfen
Wenn Liebe gefährlich wird
KREBSVORSORGE Das Humane Papillomavirus kann Gebärmutterhalskrebs ­verursachen.
Gegen die sexuell übertragbare Viruserkrankung lassen sich immer mehr junge Frauen
impfen. Wie weit damit das Krebsrisiko sinkt, ist nicht restlos erforscht. Text: Walter Aeschimann
Humanes Papillomavirus? Noch nie gehört. So geht es vielen. Das Virus ist noch
kaum bekannt, obschon sehr verbreitet –
und gefährlich. Infektionen mit dem HPVirus, die zu den sexuell übertragbaren
Viruserkrankungen gehören, können Gebärmutterhalskrebs auslösen. In der
Schweiz erkranken jedes Jahr über 300 –
meist jüngere – Frauen an dieser Krebsart.
Etwa 90 sterben daran.
Nicht alle dieser Viren, die meist durch
Geschlechtsverkehr übertragen werden,
sind gleich gefährlich. Je nach Virenart lösen HP-Viren unterschiedliche Erkrankungen aus. Von den mehr als 100 Unterarten des Virus verursachen etwa 40 eine
Infektion der Haut- und Schleimhaut­
zellen im Genitalbereich und Anus. Die
meisten Infektionen lösen keine Beschwerden aus und werden deshalb auch
nicht erkannt.
Durch einige Niedrigrisiko-Virentypen
entstehen Warzen (Feigwarzen oder Kondylome) im Genitalbereich. Genitalwarzen sind Geschwülste, die an den äusseren
Geschlechtsorganen (Vulva, Penis), im
oder um den Scheiden- oder After­eingang,
in der Harnröhre, am Gebärmutterhals
oder an den Oberschenkeln erscheinen.
Sie können gewölbt oder flach, klein oder
gross sein, und sie können einzeln oder zu
mehreren auftreten. Feigwarzen heilen in
vielen Fällen ohne Behandlung ab. Weil
sie sich schnell ausbreiten, ist es aber
wichtig, diese regelmässig kontrollieren zu
lassen. Wichtig ist es auch, dass sich alle
Sexualpartner behandeln lassen.
Weniger harmlos sind die HP-Viren der
«Hochrisikogruppe»: Diese stehen im
­Verdacht, an der Entstehung von bösarti­
gen Erkrankungen beteiligt zu sein. Bewie­
sen ist mittlerweile der Zusammenhang
einer Infektion mit bestimmten HP-Viren
und Gebärmutterhalskrebs. Wie es zu
­einer bösartigen Entartung infolge einer
HPV-Infektion kommt, ist allerdings nicht
vollständig geklärt. Bei den meisten Be-
Beobachter Gesundheit 31
22 | 2009
troffenen bleibt die Infektion vorerst unbemerkt, verschwindet wieder oder bleibt
im Körper, jedoch ohne grossen Schaden
anzurichten.
Bei jeder fünften Frau hingegen, die mit
einem Hochrisikotyp des Virus infiziert ist,
­entwickelt sich eine Krebsvorstufe oder
Krebs. In der Schweiz werden jährlich
5000 Krebsvorstufen diagnostiziert. Bei
Frauen unter 50 ist Gebärmutterhalskrebs
nach Brust-, Darm- und Gebärmutterkrebs die viert­häufigste Krebsart. Am
­häufigsten erkranken Frauen im Alter
­zwischen 40 und 55 Jahren sowie nach
dem 60. ­Lebensjahr.
Eine Infektion mit dem Virus wird meist
anhand von Hautveränderungen festgestellt. Manchmal sind diese nur sehr geringfügig und mit blossem Auge nicht
wahrnehmbar. Doch mit Hilfe eines Essigsäuretests lassen sich auch unauffällige
Hauterscheinungen sichtbar machen. Um
bösartige Veränderungen auszuschliessen, wird zusätzlich eine Gewebeprobe
entnommen. Später lassen sich die Viren
nur mehr bedingt nachweisen: Ein bis
INFOs
Bundesamt für Gesundheit
w Richtlinien, Empfehlungen, Factsheets;
Infos zur Kostenübernahme durch die
obligatorische Krankenversicherung:
www.bag.admin.ch (Themen →
­Krankheiten und Medizin → Infektionskrankheiten → Humane Papillomaviren);
Impf-Infoline: Telefon 0844 448 448
(Beratung gratis, Telefongebühren Fernbereich Schweiz)
www.tellsomeone.ch
w Informationsseite über Gebärmutterhalskrebs und Humane Papillomaviren
www.sprechzimmer.ch
w Informationen zu Gebärmutterhalskrebs
zwei Jahre nach der Infektion sind die
­Viren bei der Mehrheit der infizierten
Frauen nicht mehr belegbar. Studien
­zeigen, dass 64 bis 70 Prozent der männlichen ­Beziehungspartner von Frauen mit
einer HPV-Erkrankung ihrerseits von
denselben Viren verursachte kleinste
­Verletzungen am Penis aufweisen. Verletzungen, die oftmals nicht erkannt werden.
Bei Männern verursacht HPV jedoch
­selten ernsthafte Gesundheitsprobleme,
insbesondere bei jenen, die über ein
­gesundes Immunsystem verfügen.
Die effektivste Massnahme, um sich vor
einer HPV-Infektion zu schützen, wäre
Enthaltsamkeit. Denn «Safer Sex» und
Kondome reichen bei HP-Viren nicht immer aus. Der Erreger ist hochansteckend
und sehr verbreitet. Daher ist es kaum
möglich, sich beim Geschlechtsverkehr
hundertprozentig vor einer Infektion zu
schützen. Das Virus kann mehrere Jahre
lang «still» sein, bevor es durch einen Test
entdeckt wird. Eine Möglichkeit, sicher
festzustellen, wann und von wem man angesteckt worden ist, gibt es nicht.
Behandelt werden kann eine HPV-Infek­
tion auf verschiedene Arten. Der Erfolg
hängt vom Schweregrad und vom Stadium
der Krankheit ab. In leichten Fällen helfen
beispielsweise Salben, das Wachstum der
Viren zu hemmen. Die Patientin kann diese Salben selber auftragen. Beim Arzt wird
die Erkrankung unter anderem mit hochkonzentrierter Trichloressigsäure oder Lasertherapie behandelt. In schweren Fällen
müssen Hautveränderungen operativ entfernt werden. Da es zu einem weiteren
Auftreten der HPV-Infektion kommen
kann, sind Nachkontrollen nötig.
Die prophylaktische HPV-Impfung mit
den gentechnisch hergestellten Stoffen
Gardasil und Cervarix ist seit September
2006 von der europäischen Arzneimittel­
agen­tur zugelassen. In der Schweiz ist derzeit Gardasil freigegeben.
Das Bundesamt für Gesundheit und die
Eidgenössische Kommission für Impf­
fragen empfehlen ­eine generelle Impfung
für alle Mädchen im Alter von 11 bis 14
Jahren. 15- bis 19-jährigen Frauen, die
noch nicht geimpft worden sind, wird eine
Nachholimpfung empfohlen. Die Kosten
werden von den Krankenkassen im Rahmen von kantonalen Impfprogrammen
übernommen. Am besten fragt man in der
Apotheke, beim Haus- oder Kantonsarzt
nach dem aktuellen Programm.
Die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs umfasst drei Injektionen innerhalb
von sechs bis zwölf Monaten. Mit dieser
Impfung kann man sich nach heutigen
­Erkenntnissen vor vier HP-Viren schützen,
die an der Entstehung von 70 Prozent aller
Fälle von Gebärmutterhalskrebs (HPV­Typen 16, 18) sowie bei 90 Prozent aller
Genitalwarzen (HPV-Typen 6, 11) beteiligt
sind.
Es gibt etwa 15 Typen des HP-­Virus, die
­Gebärmutterhalskrebs verursachen können. Cervarix und Gardasil wurden zum
Schutz vor zwei respektive vier Virentypen
entwickelt. Sie können Frauen aber nicht
vollständig gegen die übrigen 30 Prozent
der Gebärmutterhalskrebs­erkrankungen
schützen, die von anderen HochrisikoViren­typen verursacht werden. Gynäko­
logische Kontrollen zur Früh­erken­nung
von HPV-Infektionen sind ­ aus diesem
Grund auch bei geimpften Frauen ­ eine
Not­wendigkeit.
Die Impfstoffe wirken vorbeugend. Eine
bereits bestehende HPV-Infektion kann
demzufolge weder behandelt noch beseitigt werden. Ebenso wenig können die
­bereits existierenden Folgen einer solchen
Infektion, wie etwa Gebärmutterhalskrebs
oder dessen Vorstufen, ­ mittels einer
­Impfung behandelt werden. Unbekannt
ist auch, ob später im Leben Auffrisch­
impfungen nötig sind, um den Fortbestand des Impfschutzes zu ­ge­währ­leisten.
Bisher zeigen Studien, dass der Impfstoff
­mindestens fünf Jahre ­ anhält. Obwohl
sich mittlerweile in rund 80 Ländern Mil­
lio­nen von jungen Frauen gegen das Virus
haben impfen lassen, ist die Impfung noch
nicht ganz etabliert. Umstritten ist sie vor
allem, weil noch keine Langzeitdaten bezüglich ihrer Wirksamkeit gegen Krebs
vorliegen und die Nebenwirkungen nicht
restlos erforscht sind.
Neuste Studien geben nun aber tenden­
ziell Entwarnung: Die Schwere und Häufigkeit der Nebenwirkungen lag in der im
Fachmagazin «JAMA» jüngst veröffentlich­
ten Studie im Bereich der etablierten Impfungen. In sechs Prozent traten schwere
Nebenwirkungen wie Ohnmachtsanfälle,
Blutgerinnsel, allergische Reaktionen oder
Autoimmunstörungen auf. Trotzdem blieben viele Fragen offen, heisst es im Kommentar zur Studie. Zwar habe sich die
Impfung als effektiv gegen eine Infektion
mit dem Virus erwiesen. Inwieweit sie das
spätere Krebsrisiko der geimpften jungen
Frauen wirklich senke, könnten jedoch
n
erst Langzeitstudien zeigen. DIE NATÜRLICHSTE ART, GESUND
DURCH DEN WINTER ZU KOMMEN.
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Beobachter Gesundheit
22 | 2009
Impfen
Zuerst impfen, dann verreisen
TROPENKRANKHEITEN In den Wintermonaten flüchten viele Schweizerinnen und Schweizer
in wärmere Gefilde. Für die Gesundheit kann dies riskant sein: In den Tropen sind viele
­Erreger heimisch. Impfungen beugen dem Schlimmsten vor. Text: Walter Aeschimann
Schweizerinnen und Schweizer leiden an
Reisefieber: Über 21 Millionen Mal im Jahr
packen sie die Koffer, um die Welt zu ent­
decken. In den Wintermonaten zieht es sie
oft in wärmere, südliche Gegenden. Doch
­gerade tropische und subtropische Länder
und Zonen gelten als Gefahrenherd: Dort
lauern Infektionserreger, die die Gesund­
heit massiv angreifen können.
Die Ratschläge der Experten zu befolgen
kann vor miesen Reisesouvenirs schützen
– und unter Umständen gar lebenswichtig
sein. Viele ­ Infektionskrankheiten können
ohne Impfung ­ einen schweren Verlauf
nehmen, ­einige sogar tödlich enden. Da­
bei lässt sich das Infektionsrisiko durch
­einfache Vorsichtsmassnahmen im Reise­
land ­ vermindern. Dazu gehören: Hände
regelmässig waschen; nur Mineralwasser
aus versiegelten Flaschen trinken; nur ge­
kochte Speisen essen sowie bei sexuellen
Kontakten Präservative gebrauchen.
Die richtigen Vorkehrungen treffen kann
nur, wer auch die möglichen Risiken
kennt. Die optimale Vorbereitung beginnt
deshalb mit der gründlichen Information
über das Reiseland und die dortige
­Gesundheitsvorsorge. Hinweise dazu fin­
den sich auf Internetseiten wie www.safe­
travel.ch (siehe «Infos»). Verlassen sollte
man sich nur auf unabhängige oder offi­
ziel­le Quellen wie behördliche Stellen,
Impfzentren oder Tropeninstitute.
Doch selbst die beste Reisevorbereitung
kann den Besuch beim Arzt nicht erset­
zen. Mindestens sechs bis acht Wochen
vor der Reise sollte man ein Beratungs­
gespräch vereinbaren. Denn gewisse Imp­
fungen benötigen mehrere Impfdosen.
Auch Spontanreisende, die sich für eine
Last-Minute-Reise entscheiden, sollten
davor unbedingt einen Arzt aufsuchen
(Impfausweis mitnehmen!). Die weitver­
breitete Meinung, die verbleibende Zeit
reiche sowieso nicht aus, um sich noch
impfen zu lassen, stimmt so nicht. «Besser
spät als nie», lautet die Empfehlung der
Fachleute. Ist die Zeit knapp, besteht die
Möglichkeit einer Auffrischimpfung, die
rasch einen genügenden Schutz bietet.
Ausserdem existieren beschleunigte Impf­
schemata, bei denen Impfungen in kurzer
Zeit durchgeführt werden können. Heute
lassen sich mehrere Impfungen gleichzei­
tig vornehmen.
Vor Reiseantritt sollten alle in der Schweiz
üblichen Basisimpfungen wie Masern,
Mumps, Röteln, Windpocken oder Hepa­
titis B den aktuellen Empfehlungen ent­
sprechen. Fehlende Basis­impfungen müs­
sen nachgeholt werden. Alle zehn Jahre
aufgefrischt werden sollte beispielsweise
der Schutz gegen Diphtherie und Tetanus.
Impfen lassen kann man sich ausser bei
der Hausärztin auch bei einem Tropenarzt
oder in einem Impfzentrum. Einzig die
Gelbfieberimpfung wird nur in Impf­
zentren und von bestimmten Impfärz­
tinnen durchgeführt.
Ob Impfungen bei Auslandsreisen ange­
zeigt sind, hängt von verschiedenen Fak­
toren ab: von den Einreisevorschriften des
entsprechenden Landes, aber auch von
den reise- und umgebungsspezifischen
Aspekten. Ob man zu einem Städtetrip
nach New York oder zu einer Expedition
ins Amazonasgebiet aufbricht, macht
­einen Unterschied; die epidemiologische
Lage vor Ort ist komplett verschieden.
Auch die Aufenthaltsdauer (sind es Kurz­
ferien oder ist es ein sechsmonatiger Auf­
enthalt?) sowie der Reisestil (ist es eine
Trekkingreise oder wird in Fünfsterne­
hotels logiert?) müssen in die Überlegun­
gen miteinbezogen werden. Nicht zuletzt
entscheiden persönliche Kriterien über
die Notwendigkeit von Impfungen: etwa
das Alter des Reisenden (Kleinkind oder
Se­nior), der allgemeine Gesundheits­
zustand, eine mögliche Schwangerschaft,
bestehende Allergien oder Impfunverträg­
lichkeiten sowie die Medikamente, die
man bereits einnimmt.
Während einige Impfungen allen Reisen­
den empfohlen werden, sind andere ab­
hängig von der Wahl des Reiselands und
den Reisebedingungen. Auf der Website
www.safetravel.ch kann man sich einen
Überblick über die jeweiligen Impf­
vorschriften des Reiselands verschaffen.
Die Auflagen werden durch das Land er­
lassen und laufend an die bestehenden
Risiken angepasst. Die meisten Länder
richten sich nach den Veröffentlichungen
der Weltgesundheitsorganisation, welche
die aktuellen Infektionsherde und Ende­
miegebiete regelmässig bekanntgibt.
Die Gelbfieberimpfung beispielsweise
wird für alle Reisenden in die Amazonas­
regionen, nach Zentralamerika und in Ge­
biete südlich der Sahara empfohlen. Für
einige west- und zentralafrikanische
­Regio­nen ist die Impfung obligatorisch.
Eine Schutzimpfung gegen Gelbfieber ist
auch kurz vor einer Last-Minute-Reise
wirksam, selbst wenn die Reise in weniger
als zehn Tagen beginnt. Wissen sollte man
33
Beobachter Gesundheit
allerdings, dass sich der Impfschutz erst
langsam aufbaut und der vollständige
Schutz erst frühestens eine Woche nach
der Impfung erreicht ist.
Für Reisen in Risikoländer – dazu zählen
Mittel- und Südamerika, Afrika, Osteuro­
pa oder Asien – wird die Hepatitis-A-Imp­
fung empfohlen. Sie bietet einen wirk­
samen Schutz: Bereits zwei Wochen nach
der ersten Injektion besteht bei 95 bis 99
Prozent der geimpften Personen ein Anti­
körperschutz. Das Virus, das eine Leber­
entzündung verursacht, kommt zwar
weltweit vor; am häufigsten aber dort, wo
die sanitären Bedingungen schlecht und
die Trinkwasserkontrollen mangelhaft
sind. Übertragen wird es durch verunrei­
nigtes Trinkwasser, nur ungenügend ge­
kochte Nahrung oder durch Kontakt mit
infizierten Personen.
In der Praxis bedeutet dies: nur Getränke
aus versiegelten Flaschen, gut gekochte,
noch heisse Speisen und Früchte, die man
selber geschält hat. «Peel it, cook it or ­leave
it» (schäl es, koch es oder vergiss es) – die
simple Regel, die jeder Rucksacktourist
verinnerlicht haben sollte, gilt es in Risiko­
ländern strikt zu befolgen. Das bedeutet
konsequenterweise auch den Verzicht auf
Eiswürfel, Glacé, Salat, Frucht­salat, Klein­
gebäck und Milchprodukte.
Durch verschmutztes Trinkwasser oder
verseuchte Lebensmittel kann man sich
auch mit Thyphus anstecken. Die Infek­
tion wird durch ein Bakterium aus der
­Familie der Salmonellen verursacht und
äussert sich zu Beginn durch hohes Fieber,
Kopfschmerzen, Bauchschmerzen und oft
auch Hautausschlag; gefolgt von starkem
Durchfall. Behandeln lässt sich die Krank­
heit mit Antibiotika. Doch so weit muss es
nicht kommen. Wer in Entwicklungslän­
dern unterwegs ist – vor allem bei schlech­
ten hygienischen Bedingungen – oder
plant, sich in einem solchen Land länger
als 30 Tage aufzuhalten, sollte sich vorgän­
gig gegen Typhus impfen lassen. Bei
­Reisen in Hochrisikoländer – zu diesen
zählen Pakistan, Nepal und Indien – wird
die Impfung ebenfalls empfohlen.
Noch keine Impfung gibt es gegen Mala­
ria, eine Krankheit, die in vielen tropischen
und subtropischen Ländern verbreitet ist.
In Hochrisikogebieten ist die Einnahme
von Malariamedikamenten unerlässlich,
so die Eidgenössische Kommission für
22 | 2009
Impffragen. Je nach Medikament muss die
Einnahme über einen festen Zeitraum er­
folgen, da sonst die Wirksamkeit nicht
­gewährleistet ist.
Doch mit der medikamentösen Vorsorge
allein ist es nicht getan. Der bestmögliche
Schutz ergibt sich nur kombiniert mit
­weiteren Massnahmen vor Ort, der soge­
nannten Expositionsprophylaxe. Die beste
Vorsichtsmassnahme ist immer noch, sich
gegen die nachtaktiven Mücken, die Mala­
ria übertragen, zu schützen – durch Mos­
kitonetze, Kleidung und wirksame, tropen­
taugliche Sprays. Die Impfungen, die für
Reisende bestimmt sind, müssen in der
Regel selbst bezahlt werden (wobei einige
Zusatzversicherungen auch diese Kosten
übernehmen). Nur die im schweizerischen
Impfplan empfohlenen Basis­impfungen
werden durch die obligatorische Kranken­
kasse vergütet.
Wichtig:
w Nehmen Sie den Impfausweis auch auf
die Reise mit.
Impfen
w Lassen Sie sich vom Hausarzt oder
Apotheker eine Reiseapotheke für das
­entsprechende Land zusammenstellen.
Grundsätzlich ­raten Fachleute zwar davon
ab, sich ohne Rücksprache mit einem Arzt
oder Apotheker selbst zu behandeln. Al­
lerdings bleibt Reisenden manchmal
nichts anderes übrig, als auf eine Selbst­
medikation zurückzugreifen.
Die häufigsten Beschwerden auf Reisen
sind allerdings harmloserer Natur: Zu­
oberst auf der Liste der unerwünschten
­Nebenwirkungen stehen Entzündungen
der oberen Atemwege, sprich: banale Er­
kältungen oder Grippe. An zweiter Stelle
folgt Durchfall, eine an sich ungefährliche
Erkrankung, die durch Mikroorganismen
in Speisen oder Wasser verursacht wird
und sich wie viele Infektionskrankheiten
durch minimale Massnahmen verhindern
liesse: durch Hygienebewusstsein sowie
eine erhöhte Vorsicht beim Essen und
Trinken, getreu der Regel: «Schäl es, koch
n
es oder vergiss es». INFOs
Service der Apotheken
w www.pharmasuisse.org: die Informa­
tions­seite des Schweizerischen Apotheker­
verbands zu aktuellen Gesundheitsthemen
und laufenden Gesundheitsförderungs­
kampagnen in den Mitgliedsapotheken
w www.impfberatung.ch: Vom 12. Oktober
bis 7. November bieten 500 Apotheken
schweiz­weit Impfberatungen an. Dabei kön­
nen Kunden abklären lassen, welche Imp­
fungen sie nachholen oder auffrischen soll­
ten. Die Aktion richtet sich an Jugend­liche
und Erwachsene, die wissen wollen, wie es
um ihren Impfschutz steht. Lanciert wurde
die Kampagne vom Schweizerischen Apo­
thekerverband Pharmasuisse in Zusammen­
arbeit mit dem Bundesamt für Gesundheit.
Medizinische Reisevorbereitung
w www.safetravel.ch: reisemedizinische
Beratung
w www.infovac.ch: Informationen und
Beratungen zu Impffragen
w www.osir.ch: Ostschweizer Infostelle für
Reisemedizin
w www.sti.ch: Das Schweizerische Tropen­
institut in Basel berät Reisende, die Aufent­
halte in den Tropen planen, informiert über
Präventivmassnahmen, betreut Patienten,
die aus tropischen oder sub­tropischen Län­
dern zurückgekehrt sind, und verfügt über
einen 24-Stunden-Dienst für Notfälle.
w www.ispmz.ch/impfzentrum.cfm:
Zentrum für Reisemedizin der Universität
Zürich. Hirschengraben 84, 8001 Zürich.
Keine Anmeldung notwendig (dienstags,
samstags und sonntags geschlossen).
Tonbandauskunft (unentgeltlich):
Tel. 044 634 51 51; telefonische Impfbera­
tung: Tel. 0900 57 51 31 (Fr. 2.69/Minute)
w www.bag.admin.ch: Bundesamt für
­Gesundheit, Informationen und Merkblätter
zu den einzelnen Impfungen. Gratis zum
Down­loaden oder Bestellen unter der EMail-Adresse: ­[email protected]
w www.who.int: World Health Organization.
­Informationen zu Gesundheit, Infektions­
herden und Impf­empfehlungen
Politische Länderinformationen
w www.eda.admin.ch/reisehinweise:
Reisehinweise des Bundes in den Bereichen
Politik und Kriminalität
Buchtipp
w Franziska Saxer, Christoph Hatz: «Gesund
reisen»; Verlag Editions à la Carte, 2007,
Fr. 7.90. Bestellen über www.ipsag.ch
35
36
Impfen
Die Gefahr lauert im Unterholz
HIRNHAUTENTZÜNDUNG Zecken werden immer mehr zum Risiko: Bereits jedes dritte ­Tier
überträgt gefährliche Krankheiten auf den Menschen. Wer sich in den Wintermonaten
impft, ist im Frühjahr, wenn die Blutsauger aktiv werden, schon geschützt. Text: Susanne Wagner
Zecken springen Menschen an oder lassen sich von Bäumen fallen, so die weitverbreitete Befürchtung. Beides stimmt
nicht. Vielmehr lauern die winzigen Blutsauger auf Sträuchern und Gräsern auf
ihre Opfer, um sich im richtigen Moment
an ein vorbeistreifendes Lebewesen zu
heften – und zuzustechen. Der Angriff
­erfolgt still und meist schmerzlos.
Ein kleiner Stich, der fatale Folgen haben
kann. Denn mit Viren und Bakterien infizierte Zecken geben damit den Erreger in
die Haut weiter. Auf diese Weise werden
zwei gefährliche Krankheiten übertragen:
Borreliose und Zeckenenzephalitis, auch
Hirnhautentzündung oder FrühsommerMeningoenzephalitis (FSME) genannt.
Impfen lassen kann man sich nur gegen
die Zeckenenzephalitis – am besten in den
Wintermonaten, weil man dann im kommenden Frühjahr bereits geschützt ist.
Der Zürcher Norbert Satz, Mediziner mit
dem Spezialgebiet Zeckenerkrankungen,
legt diese Vorsichtsmassnahme besonders
Senioren ans Herz. Denn die Frühsommer-Meningoenzephalitis verläuft bei älteren Menschen oft besonders aggressiv.
Zwar sind Todesfälle in Mitteleuropa selten. Weniger als ein Prozent der FSME-
Beobachter Gesundheit 37
22 | 2009
Fälle verlaufen tödlich. Dafür erleiden
rund ein Drittel der Menschen, die an
­FSME erkranken, bleibende Schäden.
Schäden, die zur teilweisen oder gar vollständigen Invalidität führen können.
Das Virus, das die Hirnhautentzündung
auslösen kann, ist deutlich weniger stark
verbreitet als das Borreliose-Bakterium:
Nur rund ein Prozent der Zecken in den
betroffenen Gebieten trägt das gefährliche
Virus in sich. Wie eine Karte des Bundesamts für Gesundheit (siehe «Infos») zeigt,
sind heute aber deutlich mehr Gebiete
­betroffen als noch vor zehn Jahren. Auch
die Zahl der Krankheitsfälle nimmt zu: Mit
bis zu 250 Fällen pro Jahr haben die FSMEErkrankungen 2005 und 2006 stark zugenommen. Zum Vergleich: In den Jahren
davor waren es erst rund 100 Fälle.
An Borreliose erkranken deutlich mehr
Menschen: Jährlich sind es rund 3000 Personen, so eine Schätzung des Bundesamts
für Gesundheit. Die schwerwiegende Erkrankung kann auf das Nervensystem, den
Bewegungsapparat, das Herz und weitere
Organe übergreifen und bleibende Schäden verursachen. Im Vergleich zu früher
sind heute immer mehr Zecken mit dem
Bakterium infiziert, was die Gefahr einer
Tipps
Achtung, Blutsauger! So können Sie Zecken aufspüren und entfernen
Zecken stechen am liebsten auf warmen, feuchten und dünnen Hautpartien zu wie Achselhöhlen,
Schultern, Nacken, Haaransatz, Bauchnabel, Kniekehle und Armbeuge. Bei Kindern stechen die
­Zecken oft auch in die Kopfhaut.
Mit rund sechs Millimetern sind Zecken sehr klein. Achten Sie besonders auf die hellbraunen,
noch nicht ausgewachsenen Tiere. Haben Sie eine Zecke entdeckt, ziehen Sie sie mit einer Pinzette
aus der Haut (ohne Drehbewegung). Wenn der Kopf der Zecke in der Haut steckenbleibt, ist dies
nicht tragisch. Erreger können so nicht mehr übertragen werden. Meist wird das, was vom Parasiten übriggeblieben ist, vom Körper selbst herausgearbeitet.
Wenn innerhalb von drei Wochen nach dem Stich folgende Beschwerden auftauchen, sollten
Sie den Arzt aufsuchen: Rötung am Einstichort, grippeartige Beschwerden, Schwindel, Gelenk- und
Kopfschmerzen, Übelkeit. Da die Beschwerden auch erst nach Monaten oder Jahren auftreten
­können, sollten Sie das Datum des Stichs notieren und die Zecke in einem Döschen aufbewahren.
Das erleichtert dem Arzt später die Diagnose.
Ansteckung erhöht. «Bereits jede dritte
Zecke hierzulande trägt das ­ BorrelioseBakterium », sagt Norbert Satz. Vor 20 Jahren war erst jede fünfte Zecke Träger des
Erregers. Die Verbreitung wird weiter zunehmen: Fachleute schätzen, dass in 20
Jahren jede zweite Zecke befallen sein
wird. Gefährlich wird es, wenn Lyme-Borreliose nicht rechtzeitig erkannt wird – was
oft der Fall ist. Sobald die Krankheit diagnostiziert wird, kann sie mit Antibiotika
behandelt werden. Eine Impfung dagegen
gibt es ­allerdings nicht.
Die Ausbreitung der Zecken wird vom
Klimawandel, also der Klimaerwärmung,
begünstigt. Die Spinnentiere fühlen sich
in gemässigtem Klima am wohlsten. Das
bedeutet, dass sich bei steigenden Temperaturen die Zeckenpopulationen verschieben und die Blutsauger in neue Gebiete
vordringen. Selbst in alpinen ­ Gebieten
und bis in Höhen von 1500 ­ Metern sind
die achtbeinigen Winzlinge vereinzelt
schon zu finden.
Auf Wanderschaft waren Zecken schon
immer. Und seit sie in einer frühen Stufe
der Evolution eine Symbiose mit Viren
und Bakterien eingegangen sind, wandern
die Krankheitserreger mit ihren Wirten
um die Welt. Die Wanderbewegungen lassen sich nachvollziehen: Die Bewegung
des FSME-Virus beispielsweise erfolgt von
Osten nach Westen. Wie der Zeckenspezia­
list Norbert Satz weiss, wanderte das ­Virus
nach der letzten grossen Eiszeit vor 10 000
Jahren mit den Rehen und Vögeln dem
Taigagürtel entlang und gelangte schliesslich bis nach Mitteleuropa und an den
Rhein. Eine Entwicklung, die noch nicht
abgeschlossen ist: Bis in 100 Jahren werden die Zecken möglicherweise den Rhein
überquert und sich in Frankreich ausgebreitet haben.
In der Schweiz sind die infizierten Zecken
heute im ganzen Mittelland vom Bodensee bis nach Genf verbreitet, so Norbert
Satz. Das hat zur Folge, dass die befallenen
Gebiete immer weniger gut eingegrenzt
werden können. Und dass bei all jenen,
die sich in der Natur oder im Wald auf­
halten, Vorsichtsmassnahmen angebracht
sind – nicht mehr nur bei Forstarbeitern
und Sportlern.
Die Zecke hat Zeit: Sie braucht in ihrem
Leben gerade mal drei Blutmahlzeiten,
um sich fortpflanzen zu können. Im Laufe
der Jahrhunderte hat sie ihre Überlebensstrategie perfektioniert. Auf dem Wirt angekommen, sucht die Zecke in aller Ruhe
eine Stelle, wo sie ihren Rüssel in die Haut
bohren und Blut saugen kann. Mit Hilfe
winziger Widerhaken hält sie sich in der
Haut fest – das erklärt die Tatsache, dass
sich Zecken nur schwer entfernen lassen.
Doch warum können Zecken stundenlang
Blut saugen, ohne dass wir etwas davon
bemerken? Die Zecke hat vorgesorgt und
sondert während des Saugvorgangs spezifische Stoffe ab: eine Substanz, die die
Haut an der Einstichstelle betäubt, sowie
einen weiteren Stoff, der das Blut am Gerinnen hindert. So kann sie ungestört Blut
zapfen – den Saft, den sie für ihre Entwicklung benötigt. Bis zu elf Tage lang labt sich
eine ausgewachsene Zecke an ihrem Wirt
und saugt sich voll, bis sie hundertmal
mehr wiegt als vor dem Stich.
Das Risiko eines Zeckenstichs lässt sich
bereits durch wenige Verhaltensregeln
einschränken. Als Erstes sollte man beim
Zeckenimpfung: Im Winter ist der richtige Zeitpunkt
Die Impfung gegen Zeckenenzephalitis, auch
Hirnhautentzündung oder FrühsommerMeningoenzephalitis (FSME) genannt, empfiehlt
das Bundesamt für Gesundheit allen
­Erwachsenen und Kindern ab sechs Jahren, die
in Risiko­gebieten leben und sich zeitweise in
der Natur aufhalten. Eine Übersicht über die Endemiegebiete findet man auf www.bag.admin.ch
(Stichwort «Frühsommer-Meningoenzephalitis
­FSME»). Die Kosten der FSME-Impfung
­übernehmen die Krankenversicherer im
­Rahmen der Grundversicherung.
Die Impfung, die vom Hausarzt durchgeführt
werden kann, besteht aus drei Impfdosen.
Zwei erfolgen im Abstand von einem bis drei
Monaten, die dritte Impfung folgt nach fünf bis
zwölf Monaten nach der zweiten. Nach der
­dritten Impfung hält der Impfschutz zehn Jahre
an. Wer sich in den ­Wintermonaten impft – das
betrifft die ersten zwei Dosen –, ist im
­kommenden Frühjahr ­bereits geschützt.
­Besonders aktiv sind Zecken im Mai/Juni und
im September/Oktober. Bei Temperaturen über
25 Grad verkriechen sie sich in den Boden.
Wandern und Spielen möglichst nicht an
Sträuchern und Büschen entlangstreifen.
Zweitens trägt man im Wald mit Vorteil
­geschlossene Schuhe, lange Hosen und
Oberteile mit langen Ärmeln und stülpt
die Hosen in die Socken. Das erschwert es
den Krabbeltieren, auf die Haut zu gelangen. Auf heller Kleidung sieht man die Zecken übrigens besser als auf dunkler (weitere Ratschläge zum Umgang mit ­Zecken
siehe «Tipps»).
Ein Zeckenschutzmittel ersetzt obige Verhaltensregeln allerdings nicht. Das Mittel,
das man auf ungeschützte Hautpartien
­sowie auf Socken, Hosen und Ärmel auftragen kann, ist lediglich eine zusätzliche
Vorsichtsmassnahme. n
INFOs
w www.bag.admin.ch
Informationen des BAG zu Frühsommer­Meningoenzephalitis und Borreliose, mit
Karte zu Endemiegebieten (Themen
→ Krankheiten und Medizin → Infektionskrankheiten → Infektionskrankheiten A–Z)
w Zeckenstiche: Apotheken bieten eine
um­fassende Beratung zu Schutz- und
Verhaltensmassnahmen.
Buchtipp
w Norbert Satz: «Zecken-Krankheiten»;
­Hospitalis, ­2005, Fr. 36.90
Schmerzen zerschmelzen
zen oder ze
zerbrausen?
rbra
r usen?
ra
DAFALGAN ODIS® oder DAFALGAN plus C ®
Schmelztabletten für unterwegs gegen Schmerzen und Fieber.
Brausetabletten gegen Schmerzen und Fieber bei Erkältungskrankheiten.
Dies sind Arzneimittel. Bitte lesen Sie die Packungsbeilage.
Bristol-Myers Squibb SA,
Neuhofstrasse 6, 6341 Baar
38
Gesundheit
22 | 2009
Beobachter-Ratgeber
Service
Apotheken
www.impfberatung.ch: Bis 7. November
­bieten 500 Apotheken Impfberatungen an.
Kampagne des Schweizerischen Apothekerverbandes pharmaSuisse in Zusammenarbeit
mit dem Bundesamt für Gesundheit.
www.pharmasuisse.org: Informationsseite
des Schweizerischen Apothekerverbandes
Nationaler Grippeimpftag (6. November)
www.bag.admin.ch: Bundesamt für Gesundheit (Themen → Krankheiten und Medizin
→ Infektionskrankheiten → In­fektions­krank­
heiten A–Z → Saisonale Grippe → Nationaler
­Grippeimpftag 2009)
www.pandemia.ch: Informationsseite
des Bundesamts für Gesundheit
www.grippe.ch: Arbeitsgruppe «Gemeinsam
gegen die Grippe»
www.influenza.ch: Nationales
­Grippe­zentrum der Schweiz
Impfungen
Impffreundliche Informationsquellen:
www.sichimpfen.ch und
www.bag.admin.ch/sichimpfen:
w Bundesamt für Gesundheit: Information
zu Infektionskrankheiten, zu Impfungen für
­Kinder und Jugendliche, Impfungen für
­Erwachsene, Reiseimpfungen
w BAG-Infoline: Telefon 0844 448 448
(Beratung ­gratis, Telefongebühren
Fern­bereich Schweiz)
w Schweizerischer Impfplan 2009
w Allgemeine Empfehlungen zu
Impfungen (auch zu unerwünschten
Impferscheinungen)
Humane Papillomaviren
www.bag.admin.ch: Bundesamt für
Ge­sund­heit (Themen → Krankheiten und
Medizin → Infektionskrankheiten → Infektionskrankheiten A–Z → Humane Papilloma­viren)
www.swisscancer.ch: Krebsliga Schweiz
(­ Krebsarten → Gebärmutterhalskrebs)
www.tellsomeone.ch: HPV-Vorsorge­
programme (Seite eines Impfstoffherstellers)
Reisen
www.savetravel.ch: Reisemedizinische
Tipps gemäss dem Expertenkomitee für
Reise­­medizin und dem Bundesamt für
­Gesundheit
Zecken
www.bag.admin.ch: Bundesamt für
Ge­sund­heit (Themen → Krankheiten
und Medi­zin → Infektionskrankheiten
→ Infek­tionskrankheiten A–Z → Zecken­
enzephalitis, FSME)
Apotheken: Informationen und Beratung
zu Schutz- und Verhaltensmassnahmen
bei ­Zeckenstichen
www.borreliose.ch: Selbsthilfegruppe für
Lyme-Borreliose-Betroffene
«Krankenkasse optimieren.
Idealer Versicherungsschutz,
tiefere Prämien»; der Rat­
geber gibt Auskunft, welche
Impfungen die Kasse zahlt.
2009, 120 Seiten, 24 Franken
Ruth Jahn:
«Rezeptfrei gesund mit
Schweizer Hausmitteln»;
2. Auflage, 2008, 336 Seiten,
mit zahlreichen Farbfotos,
45 Franken (für Beobachter­Mitglieder 38 Franken)
zt?
t
ü
h
c
s
e
g
Noch
Impfberatung
Jetzt in jeder Apotheke mit dem grünen Schirm!
Diphtherie
Mumps
Röteln
Ruth Jahn:
«Kinder sanft und natürlich
heilen»; das Nachschlage-
Masern
werk mit Hausmitteln und
Behandlungen moderner
Komplementärmedizin. 2008,
368 Seiten, 45 Franken
Literaturtipps
Hansueli Albonico, Martin Hirte: «Impfen –
Grundlagen für einen persönlichen
­Impfentscheid»; 2006. Bestellen unter:
www.konsumentenschutz.ch
www.kinderimpfen.ch: Forum Praxis­
pädiatrie (u.a. auch Liste der ­Zusatzstoffe)
www.infovac.ch: Seite der Universität Genf,
des BAG und der Schweizerischen
­Gesellschaft für Pädiatrie
Brigitte Strasser-Vogel, Nicole Schaenzler:
«300 Fragen zum Impfen»; Gräfe und
­Unzer, 2008, Fr. 18.90
www.ekif.ch: Eidgenössische Kommission
für Impffragen (EKIF)
Stefan H. E. Kaufmann: «Wächst die
­Seuchengefahr? Globale Epidemien
und Armut: Strategien zur Seuchen­­­
eindämmung in ­einer vernetzten Welt»;
Fischer, 2008, Fr. 18.90
Walter Doerfler: «Viren»; Fischer­
Taschenbuch, 2002, Fr. 38.90
Hepatitis B
Kinderlähmung
Windpocken
Beobachter-Buchverlag: Telefon 043 444 53 07
www.beobachter.ch/buchshop
Grippe
Starrkrampf
www.zecken.ch: Arzt-Homepage zu Zecken
Martin Hirte: «Impfen Pro und Contra.
Das Handbuch für die individuelle
­Impfentscheidung»; Knaur, 2008,
Fr. 20.90
Impfkritische Informationsquellen:
www.impfo.ch: Arbeitsgruppe für
­differenzierte Impfungen (unter anderem
mit generellen Überlegungen zum mündigen
Impfentscheid)
Urs Zanoni:
Keuchhusten
Impressum
DER SCHWEIZERISCHE BEOBACHTER
83. Jahrgang; Axel Springer Schweiz AG,
Förrlibuckstrasse 70, Postfach, 8021 Zürich
Telefon Redaktion 043 444 52 52
Leserbriefe: [email protected]
Telefon Anzeigen 043 444 54 46
Chefredaktion
Balz Hosang (publizistischer Leiter)
Andres Büchi (Chefredaktor)
Matthias Pflume (Stellvertreter), Remo Leupin
(Leiter Projekte), Toni Wirz (Leiter Beratung)
Redaktion, Produktion und Grafik
Leitung: Remo Leupin
Redaktion: Tatjana Stocker
Textproduktion: Tatjana Stocker
Korrektorat: Rolf Prévôt (Leitung), Markus Schütz
Art Director: Andrea Schamaun; Layout: Samuel Jordi
Bildredaktion: Adele Bachmann
Verlag Verlagsleiter: Roland Wahrenberger
Internet Monica Muijsers (Leitung)
Auflage 308 527 Exemplare (WEMF-beglaubigt 2009);
933 000 Leserinnen und Leser (MACH Basic 2009-2)
Gebärmutterhalskrebs
Pneumokokken
Eine Gesundheitsförderungskampagne des Schweizerischen Apothekerverbandes
www.impfberatung.ch
In Zusammenarbeit mit:
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