Praktizieren Sie die Essenz des Buddhismus!

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Dalai Lama
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Praktizieren Sie die
Essenz des Buddhismus!
S.H. der Dalai Lama
antwortet auf Fragen
FRAGE: Wie lange sollte man dulden,
wann ist Handeln angesagt? Woran erkenne ich, daß ich handeln sollte? Muß
man manchmal auch äußere Umstände verändern oder nur sich selbst?
DALAI LAMA: Œåntideva sagt im Bodhicaryåvatåra sinngemäß: Die schädigenden Wesen sind so weit wie der Raum. Es
ist unmöglich, sie alle zu zähmen. Zähme ich jedoch meinen eigenen Geist, das
heißt den eigenen Ärger und die Unzufriedenheit, dann habe ich alle Widersacher überwunden. Œåntideva gibt dazu
noch einen Vergleich: Es könnte der
Gedanke aufkommen, wir müßten die
ganze Erde mit Leder überziehen, um
nicht den Schmerz von Dornen und
Steinen zu spüren. Dies ist jedoch unrealistisch. Ziehen wir uns hingegen
das Leder unter die eigenen Füße, dann
ist es, als wäre die ganze Welt mit Leder
bedeckt. Bei der Übung von Geduld
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„Wenn
wir an den
Buddhismus denken,
sollte uns zuerst die
Bedeutung der
Befreiung, des
Nirvå¶a
einfallen.“
kommt es auf die innere Einstellung
an, mit der wir den Widrigkeiten begegnen.
Geduld bedeutet nicht Kapitulation
und das Hinnehmen von Schädigun-
Tibet und Buddhismus • Heft 51 • Oktober November Dezember 1999
gen, ohne eine Reaktion zu zeigen. Es
ist richtig, Mittel anzuwenden, um
Schaden abzuwenden. In den Bodhisattva-Regeln ist es beispielsweise eine
Verfehlung, wenn ein Übender nicht
auch restriktive Mittel einsetzt, um
dem negativen Verhalten anderer etwas
entgegenzusetzen. Das heißt, er verstößt gegen die Bodhisattva-Ethik,
wenn er die Schädiger einfach gewähren läßt, ohne einzuschreiten. Eine Reaktion ist also wichtig, um Schaden zu
begrenzen, allerdings ohne eine Haltung von Haß und Feindseligkeit gegenüber dem Schädiger. Das ist die eigentliche Bedeutung von Geduld: daß
wir aktiv gegen Schaden handeln, ohne
selbst unter die Kontrolle negativer
Geistesfaktoren zu geraten. Wenn man
Unrecht immer zuläßt, wird der Schädiger sich an sein unheilsames Verhalten gewöhnen; die schlechte Gewohnheit schadet ihm selbst und der Gesellschaft. Deshalb ist es ratsam, die Situa-
Dalai Lama
heit im allgemeinen sehr, einen qualifi- dhismus in den Westen kommt. Auch
zierten Lehrer aus dem Osten zu fin- hier werden Aspekte der hiesigen Kulden. Nach einer gewissen Zeit halten tur und Lebensweise in die buddhisties einige von ihnen jedoch für notwen- sche Praxis einfließen. Der Ursprung,
dig, ihre persönliche Situation vor ih- das Fundament der Lehre ist jedoch
rem eigenen kulturellen Hintergrund gleich. Betrachten Sie meine Erklärunzu untersuchen und versuchen, einen gen. Ich zitiere größtenteils indische
anderen Weg zu finden, um den Bud- Meister und nicht tibetische, und das
dhismus, angepaßt an westliche Bedin- ist auch üblich. Die großen Meister Tigungen, zu praktizieren. Zudem gibt es bets schäzten die indischen Schriften
oft Verständigungsprobleme, die eine und verlassen sich darauf, weil der Budenge Verbindung zum Lehrer erschwe- dha in Indien lehrte und seine Lehren
ren, was besonders auf dem tantrischen dann von großen indischen Meistern
Pfad Probleme mit sich bringt. Was ra- durch Studium und Praxis verifiziert
wurden. So haben wir eine verläßliche
ten Sie in dieser Situation?
DALAI LAMA : Ich habe
schon oft gesagt, daß wir
die eigene Kultur und
Religion nicht einfach
Tibet-Politik:
Tibet-Politik:
aufgeben sollten, ohne
ohne Haß
Haß
ohne
sie selbst genauer erforscht und schätzen geGegenmaßnahmen
Gegenmaßnahmen
lernt zu haben. Die anergreifen
gestammte Tradition zuergreifen
gunsten einer anderen
Religion vorschnell über
Bord zu werfen, kann
Schwierigkeiten bereiten. Andererseits mag
für manche Menschen
eine östliche Religion
hilfreicher sein als die
Tradition ihres eigenen
Landes. Jeder einzelne
hat das Recht, die Religion für sich zu wählen,
die er für am nützlichsten hält. Wichtig ist, wenn wir die Re- Quelle, wenn wir uns mit dem Budligion einer anderen Kultur, speziell dhismus beschäftigen. Es heißt nicht,
den Buddhismus annehmen, daß wir daß alle indischen Meister und Schrifdie Essenz praktizieren. Es gibt äußere ten als gleichwertig angesehen werden
Aspekte, die mit den Sitten und Ge- können. Vor allem die Schriften, die
bräuchen des Ursprungslandes zusam- sich wirklich bewährt haben und bemenhängen, aber diese sind sekundär. gründet sind wie die Schriften der MeiWir müssen die essentiellen und die se- ster aus den großen Klosteruniversitäkundären Aspekte der Religion unter- ten Kamalaœila oder Nalanda, sind eine
scheiden.
verläßliche Quelle.
Der tibetische Buddhismus wurde Wenn der Buddhismus in ein neues
von Indien nach Tibet überliefert, aber Land überliefert wird, muß man sich
er hat in Tibet eine besondere Ausprä- um die Kenntnis der eigentlichen
gung erfahren – und zwar in der bud- Grundsätze bemühen und sich daran
dhistischen Kunst, in der Musik, in den orientieren. Betrachten wir die verRitualen. Hier hatten sicher die spezi- schiedenen Religionen oberflächlich,
ellen Gegebenheiten Tibets Einfluß auf erscheinen uns zuerst die Äußerlichkeidie Ausprägung der Lehre. Das gleiche ten. Beim Buddhismus denken wir
wird auch geschehen, wenn der Bud- vielleicht an safranfarben gekleidete
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tion zu untersuchen: Wie entsteht negatives Verhalten, was läßt sich dagegen unternehmen? Auf der Basis dieser
Situationsanalyse entwickeln wir ein
echtes und ernsthaftes Interesse, dem
etwas entgegenzusetzen. Allerdings ist
es auch möglich, daß eine Person selbst
auf Kosten ihres Lebens andere nicht
schädigt. Lieber würde sie ihr eigenes
Leben aufgeben, als einen drohenden
Schaden dadurch abzuwenden, daß sie
den Schädiger tötet oder verletzt. Auch
dies ist eine Form der Geduld. So ist
eine allgemeine Antwort schwierig,
man muß die Situation untersuchen
und sich fragen, was für die eine oder
andere Reaktionsweise spricht.
Ein Beispiel ist die Situation Tibets:
Als Tibeter ist es unsere Aufgabe, gegen
die Unterdrückung und Ungerechtigkeit vorzugehen, ohne gegenüber den
Chinesen eine Haltung von Ärger aufzubauen. Wir müssen uns aufrichtig
bemühen, unsere Widersacher mit Liebe und Mitgefühl zu betrachten und in
diesem Geist mit der Kraft der Gerechtigkeit und der Wahrheit die Fehler, die
begangen werden, zu korrigieren versuchen. Das Prinzip der Geduld findet im
Buddhismus oft Erwähnung, es bedeutet jedoch nicht eine passive Haltung.
Ich habe mit einem ehemaligen Abt
gesprochen, der 18 Jahre im chinesischen Gefängnis verbracht hatte und
dann ins indische Exil kam. Er sagte zu
mir: „Manchmal war es sehr schwierig,
und ich habe befürchtet, mein Mitgefühl mit den Unterdrückern zu verlieren.“ Dies ist die Haltung der Geduld.
Natürlich hat der Mönch die Schädigungen nicht akzeptiert. Es gibt auch
andere Fälle. Kürzlich traf ich einen
Mann aus Amdo, der jetzt ebenfalls im
Exil lebt, und ich fragte ihn, ob er auf
die Chinesen ärgerlich sei. Schon bevor er antworten konnte, rötete sich
sein Gesicht, und er bebte am ganzen
Körper. Er sagte mir, daß er sehr wütend auf die Chinesen sei.
FRAGE: Europäer, die unter der Anleitung von asiatischen Lehrern Buddhisten werden, praktizieren Rituale, die
sie von diesen Meistern gezeigt bekommen und die der Kultur und Tradition
Asiens entsprechen. Die Buddhisten im
Westen schätzen die seltene Gelegen-
Tibet und Buddhismus • Heft 51 •Oktober November Dezember 1999
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nicht einmal gegenüber der Lehre, die
wir im eigenen Land zur Verfügung haben. Zwar sind wir Buddhisten, aber
eine solide Praxis auf der Basis eines
fundierten Wissens ist selten anzutreffen. Daß Sie sich trotz der Barrieren so
enthusiastisch bemühen, ist sehr lobenswert, beeindruckend und kostbar.
Wenn Lehrer in einem anderen
Land unterrichten, sollten sie eine echte, aufrichtige Motivation haben, den
Interessierten mit ihren Erklärungen zu
helfen. Mitgefühl ist wichtig, das betont auch Åryadeva in seinen „400 Versen“: Wenn ein Schüler ernsthaft interessiert ist, liegt es in der Verantwortung des Lehrers, diesem aus echtem Mitgefühl heraus auf dem spirituellen Weg zu helfen. Ich bin
froh zu sehen, daß dies im Fall der
tibetischen Lehrer auch geschieht.
Es wäre falsch, würden sie nur herkommen, um Zentren zu gründen,
sich eine Basis zu schaffen, um angenehm leben und sich von ihren
Schülern bedienen lassen zu können. Dann wäre es besser, sie blieben in Indien. Natürlich brauchen
die Lehrer ihr Auskommen, aber sie
sollten Genügsamkeit üben. Es ist
wenig sinnvoll, anderen Genügsamkeit zu predigen und diese selbst
nicht zu leben. Wer beispielsweise
in den Westen kommt, um möglichst viel Geld anzuhäufen, ist kein
geeigneter Lehrer. Eine gute Motivation ist unabdingbar. Beispielsweise haben die USA 1000 Tibeter
aufgenommen, damit sie dort studieren können. In diesem Fall besteht
auch für ihre Verwandten die Möglichkeit, nach Amerika einzuwandern. Da
es als Mönch leichter ist, ein Visum zu
erhalten, legen einige Tibeter ein
Mönchsgelübde ab, um schnell dort
einreisen zu können. Sie legen die Roben an, scheren sich die Haare und rauchen womöglich noch eine Zigarette,
ehe sie ins Konsulat in Indien oder Nepal gehen, um sich die Papiere zu besorgen. Dadurch verkehren sie die Lehre des Buddha in ihr Gegenteil. Die
asiatischen Lehrer, die in den Westen
kommen, sollten sich um eine korrekte
Dharma-Motivation und ein gutes Verhalten sorgen.
Tibet und Buddhismus • Heft 51 • Oktober November Dezember 1999
Die Hingabe an den Lama ist besonders wichtig für diejenigen, die das
Höchste Yoga-Tantra praktizieren. Für
sie ist es unabdingbar, ein enges, hingebungsvolles Verhältnis zum Lehrer zu
haben. Auf anderen Stufen der Praxis
ist dies nicht so relevant. Im großen
Lamrim-Text erklärt Tsongkapa das
Anvertrauen an den geistigen Lehrer
und zitiert einige Stellen aus tantrischen Schriften. Dies ist ein Indiz dafür, daß der Lamrim im Hinblick auf
das Tantra, speziell das Höchste YogaTantra gelehrt wird. Es wäre unüblich,
Zitate aus dem Zusammenhang zu rei-
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Mönche und Nonnen, beim Christentum erscheinen einem Kirchen und das
Kreuz, im tibetischen Buddhismus sind
es Rituale mit Trommeln und anderen
Instrumenten, die womöglich noch mit
denen afrikanischer Medizinmänner
oder mit denen des tibetischen Bön
verwechselt werden. Dies ist die falsche
Herangehensweise. Die Äußerlichkeiten sind nebensächlich. Entscheidend
sind die Inhalte, die aus den Schriften
und Erfahrungen der indischen Meister überliefert wurden. Wenn wir an
den Buddhismus denken, sollte uns zuerst die Bedeutung der Befreiung, des
Nirvå¶a einfallen. Wir sollten uns fragen, was die Qualität der Befreiung ist
und wie sie erlangt wird. Das ist die Essenz des Buddhismus.
Wenn wir von einem westlichen
Buddhismus sprechen, ist zu berücksichtigen, wie sich die Entwicklung in
Tibet vollzog. Erfahrene Meister aus
Indien trafen mit qualifizierten tibetischen Schülern zusammen, die die Lehren erst einmal übersetzten. Man hat
nicht einfach irgend etwas weitergegeben oder übernommen, sondern die
Essenz der buddhistischen Inhalte akribisch und sorgfältig überliefert. Ähnlich ist es, wenn der tibetische Buddhismus nach Europa kommt. Es ist gut,
sich an qualifizierte tibetische Lehrer zu
halten, die die Lehre sowohl von ihrer
Kenntnis als auch von ihrer Verwirklichung her authentisch nahebringen.
Die Schüler sollten ein tiefes Interesse
entfalten, die Essenz des Buddhismus
zu finden, und sich nicht mit Oberflächlichkeiten zufrieden geben. Wie
Tsongkapa sinngemäß sagt: Wenn die
Ursachen für den spirituellen Weg bloß
in einem Gemisch bestehen, wird auch
das Resultat nur ein Mischmasch sein.
Dann besteht die Gefahr, daß der eigentliche Gehalt der Lehre verloren
geht.
Sicher gibt es Schwierigkeiten bei
der Überlieferung der Lehre wie die
fremde Sprache, die anderen Lebensgewohnheiten, aber wir sollten auch das
Positive sehen. Als westliche Schüler
bemühen Sie sich ernsthaft, den Buddhismus kennenzulernen und zu üben.
Bei uns Tibetern ist es oft so, daß wir
diese Anstrengungen nicht aufbringen,
Tibetischer Mönch bei einer Zeremonie: Die Kultur eines Landes prägt
die äußeren Aspekte des Buddhismus. Die Essenz der Buddha-Lehre
ist jedoch überall gleich.
ßen und als Begründung heranzuziehen, wenn nicht auch der erklärte Sachverhalt damit in Verbindung stünde.
Man sollte sich fragen, ob man als westlicher Schüler das Tantra wirklich praktizieren möchte oder nicht. Natürlich
wird das Tantra gelehrt, weil es Teil des
tibetischen Buddhismus ist. Dennoch
kann man verschiedene Ebenen der
Praxis unterscheiden – sowohl von der
Seite des Schülers als auch von der Seite des Lehrers her. Wer vollständig
praktizieren und auch die Hingabe an
den Lama üben möchte, sollte vorher
genau überprüfen, ob der Lehrer die
entsprechende Qualifikation und Motivation hat und sich ihm nicht einfach
Dalai Lama
willenlos anvertrauen, ohne seinen Verstand zu benutzen.
FRAGE: Welche Folgen hat ein Selbstmord, wenn man trotz aller Bemühungen seine Leiden nicht mehr ertragen
kann?
DALAI LAMA: Wenn bedrohlich und unerträglich erscheinende Leiden auftauchen, ist Selbstmord aus buddhistischer
Sicht grundsätzlich nicht angemessen.
Es ist immer besser weiterzuleben und
die Potentiale des menschlichen Lebens
zu nutzen. Dies ist eine allgemeine Aussage, die nicht unbedingt auf jede Situation zutreffen muß. Es kann auch
Welche Wiedergeburt erwartet große Persönlichkeiten wie Goethe?
Der Dalai Lama glaubt, daß Sie oft
wahrheitsliebend sind und einen
ausgeglichenen Geisteszustand haben müßten.
sein, daß eine Person nicht mehr in der
Lage ist, positive Geisteszustände wie
Liebe und Mitgefühl oder die Erkenntnis der Leerheit hervorzubringen.
Im Buddhismus kennen wir die Praxis der Bewußtseinsübertragung (Tib.
Powa), bei der der Geist bewußt aus
dem Körper herausbefördert und in ein
reines Land überführt wird. Macht ein
Übender Powa zu früh, also solange der
Tod noch nicht sicher ist, wird es als
Selbsttötung angesehen, als eine sehr
unheilsame Handlung. Geschieht die
Bewußtseinsübertragung zu spät, also
wenn der Todesprozeß schon zu weit
fortgeschritten ist, wäre es auch der falsche Moment, denn die Person wäre
nicht mehr in der Lage, einen heilsamen Geisteszustand zu entwickeln, der
nötig ist, um das Bewußtsein in ein reines Land zu überführen. So muß man
Powa anwenden, bevor der Todesprozeß richtig beginnt. Von diesem Aspekt
her kann es richtig sein, den Geist bewußt vom Körper zu trennen, bevor
der natürliche Tod eintritt. Auch sind
Fälle zu berücksichtigen, in denen keinerlei Hoffnung auf Besserung mehr
besteht. Zum Beispiel gibt es Diskussionen über Sterbehilfe, die es einem
Sterbenden aus Mitgefühl ermöglicht,
sein Leben schneller zu beenden, um
wird, wird es gleichgesetzt mit dem Töten einer Gottheit, eine im Tantra sehr
negativ bewertete Handlung. Die Frage der Selbsttötung hat sehr viele ethische Aspekte. Ein Bodhisattva zum
Beispiel kann sein Leben opfern, um
das Wohl anderer zu bewirken. In diesem Fall handelt es sich natürlich nicht
um Selbstmord. Grundsätzlich sind alle
Handlungen, die aus Wut und Aggression heraus unternommen werden,
sehr negativ. Tötet man aus Aggression
eine andere Person, ist es sehr unheilsam, bereitet man aus Aggression dem
eigenen Leben ein Ende, ist es ebenfalls
eine sehr negative Tat.
F RAGE: Ist es möglich, daß Goethe,
Einstein, Kant als Tiere wiedergeboren
werden?
DALAI LAMA: Hier handelt es sich um
Persönlichkeiten, die sicherlich hohe
Tugenden und Erkenntnisse besitzen.
Grundsätzlich kann eine Person eine
andere Person nicht wirklich einschätzen. Von außen her sind die Qualitäten
und Fehler eines anderen schwer zu beurteilen, von daher sind sichere Aussagen schwerlich zu treffen. Tatsache ist,
daß guter Ruf und Berühmtheit kein
Schutz vor niedrigen Daseinsbereichen
sind. In einem buddhistischen Vers
heißt es, daß selbst Götter wie Brahma
oder universelle weltliche Herrscher
letztlich auch in niedrige Existenzen
fallen können, wenn ihr positives Karma aufgebraucht ist. Sicher kann man
sagen, daß Philosophen und Wissenschaftler im allgemeinen wahrheitsliebend, aufrichtig und unparteiisch sind
und von daher eigentlich einen ausgeglichenen Geisteszustand haben müßten. Ein Problem könnten höchstens
Stolz und Überheblichkeit darstellen.
seine Qualen zu lindern. Ich finde es
schwierig, die Frage allgemein zu beantworten, man muß es von der jeweiligen Situation abhängig machen und
schauen, in welchem Zustand sich der
Betroffene befindet, welche Möglich- Aus dem Tibetischen
keiten er noch hat, heilsame Geisteszu- von Christof Spitz
stände zu entwickeln. Allgemein gesprochen ist es wichtig zu versuchen,
das Bewußtsein in einen heilsamen,
ausgeglichenen Zustand zu versetzen.
Wenn jede Hoffnung darauf ausgeschlossen ist, mag ein vorzeitiger Tod
gerechtfertigt sein. Wenn ein TantraPraktizierender die Powa-Praxis zu früh
einleitet, vielleicht sogar noch, bevor
überhaupt feststeht, daß er sterben
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