Ethik der Finanzmarktrisiken

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Simone Heinemann
Ethik der
Finanzmarktrisiken
am Beispiel des
Finanzderivatehandels
mentis
MÜNSTER
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ISBN 978-3-89785-632-5 (Print)
ISBN 978-3-89785-999-9 (E-Book)
Einleitung
Risiken der Finanzmärkte sind bisher selten zum Gegenstand moralphilosophischer Reflexion gemacht worden. Die wenigen vorhandenen Arbeiten,
die sich philosophisch-ethisch mit dem Risikothema auseinandersetzen, beziehen sich meist auf technische, ökologische und medizinische Risiken. Die
Risiken auf Finanzmärkten sind dagegen aus ethischer Perspektive nahezu
unbeachtet geblieben.
Angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007 und der sich aktuell anschließenden »Verschuldungskrise« in der Europäischen Union spielt
jedoch die Frage, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Finanzmarktrisiken gelingen kann, eine entscheidende Rolle. Während – zumeist national,
aber teilweise auch international – an einer Neuregulierung der Finanzmärkte
gearbeitet wird, werden zunehmend Stimmen laut, die die leitenden Annahmen hinsichtlich der Beherrschbarkeit und Verteilung von Finanzmarktrisiken hinterfragen und sie einer kritischen Prüfung unterziehen. Die Finanzakteure, insbesondere die Entscheidungsträger in den Finanzinstitutionen,
sehen sich immer häufiger mit Fragen der moralischen Verantwortbarkeit
ihres Handelns und den damit verbundenen Risiken konfrontiert, sei es,
dass sie sich selbst solche Fragen stellen, sei es, dass sie von einer kritischer
werdenden Öffentlichkeit dazu genötigt werden.
Bedenken seitens der Öffentlichkeit werden vor allem im Hinblick auf
risikobehaftete Transaktionen und deren Systemrelevanz geäußert. Eine besonders oft mit Argwohn beurteilte Risikoquelle stellt der sich seit den 1970er
Jahren mit rasanter Geschwindigkeit entwickelnde Handel mit Finanzderivaten dar. Finanzderivate bieten sowohl individuellen als auch institutionellen
Anlegern nützliche, aber auch »gefährliche« Mechanismen zur Risikoübertragung und -verteilung. Indem sie Risiken handelbar machen, können Derivate
einerseits zu einem effizienten Risikomanagement beitragen; andererseits
werden sie häufig als Auslöser und Beschleuniger systemischer Risiken und
Finanzkrisen genannt. Neben der Größe der Handelsvolumina werden vor
allem die Komplexität der Instrumente und die Qualität der Risiken kritisch
betrachtet.
Die vorliegende Arbeit möchte zeigen, dass die Risikoverteilung auf Finanzmärkten, insbesondere durch Finanzderivate, nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine ethische Dimension hat. Wirtschaftliche Entscheidungen und die mit ihnen verbundenen Risiken können nicht nur den Entscheider selbst, sondern auch die legitimen Interessen anderer – auf dem
Finanzmarkt und darüber hinaus – betreffen. Wenn sich individuelle oder ag-
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Einleitung
gregierte Risiken niederschlagen, z. B. in Form eines erheblichen Verlustes für
eine Bank, einer Unternehmensinsolvenz oder sogar einer Finanzkrise, werden die ökonomischen Kosten häufig nicht von den Anbietern, Entwicklern
oder Anwendern der Finanzprodukte getragen, sondern können unbeteiligte
Dritte belasten. So hat zum Beispiel die Subprime-Krise 2007–09 in den USA
zu einem massiven Arbeitsplatz- und Wohlstandsverlust geführt, der Betroffene u. a. in ihren grundlegenden Rechten auf Obdach und angemessene
Versorgung bedroht hat.
Aus ethischer Sicht sind jedoch nicht nur eingetretene Schäden durch risikobehaftete Produkte und Handlungen auf Finanzmärkten von Bedeutung.
Vielmehr gilt es schon im Hinblick auf den Umgang mit Finanzmarktrisiken
selbst, d. h. ex ante, danach zu fragen, ob bereits das Eingehen der Risiken
moralisch gerechtfertigt werden kann: Welchen Finanzrisiken dürfen wir andere Personen aussetzen? Von welchen Faktoren hängt die Akzeptabilität der
Risiken und der Risikoübertragungen ab? Wie können Risikoübertragungen
ex ante angemessen reguliert werden?
Wenn danach gefragt wird, welche Risiken anderen zugemutet werden
können und dürfen, so wird damit explizit eine der Grundfragen der Ethik
des Risikos gestellt. Die Risikoethik untersucht, unter welchen Voraussetzungen bestimmte Risiken nicht eingegangen werden dürfen bzw. Dritte nicht
oder zumindest nicht ohne Weiteres bestimmten Risiken ausgesetzt werden
dürfen. Da sie riskante Handlungen ex ante bewerten muss, d. h. bevor ein
Schaden eintritt, und ein Schaden ex ante nur mehr oder minder wahrscheinlich ist, ist die Bewertung auf eine Reihe von Kriterien angewiesen. Dazu
gehören z. B. Kriterien wie die mögliche Schadenshöhe, die Eintrittswahrscheinlichkeit des Schadens und die Zustimmung zu einer Risikoübertragung.
Im Hinblick auf die Verteilung von Risiken bedürfen die Kriterien weiterer
Spezifizierung. So ist z. B. zu untersuchen, wer die möglichen Betroffenen
einer Risikoexposition sind, wer von der Risikoübertragung profitiert und
ob Schäden kompensierbar sind.
Die ethische Auseinandersetzung mit Risiken liefert allerdings bisher trotz
wichtiger vorhandener Beiträge keine eindeutigen Antworten. Dies liegt nicht
zuletzt daran, dass die beiden Hauptansätze der normativen Ethik, der Utilitarismus und primär rechtsbasierte Theorien, zu unbefriedigenden Antworten zu führen scheinen: Der Utilitarismus scheint für Fragen der Risikoverteilung relativ unempfindlich zu sein und damit gerade für Fragenstellungen,
die zum Kern der Fragen einer Ethik des Risikos gehören. Die rechtsbasierten
Theorien scheinen dagegen von vornherein zu verbieten, andere gegen ihren
Willen Risiken auszusetzen. Denn wenn man andere nicht schädigen darf,
wieso sollte man sie dem Risiko einer Schädigung aussetzen dürfen?
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Frage nach einem moralisch akzeptablen Umgang mit Finanzmarktrisiken als vordringliche aktuelle Problem-
Methode und Aufbau
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stellung mit den bisherigen Ansätzen der Ethik des Risikos zu verbinden.
Die Arbeit setzt sich somit insgesamt zum Ziel, an zwei »Fronten« weiterzukommen und den Untersuchungsgegenstand gewissermaßen durch eine
»Gleitsichtbrille« zu betrachten: Einerseits werde ich dazu den konkreten
Handel mit Finanzderivaten und dessen Risiken in den Blick nehmen, um
Voraussetzungen und Kriterien für einen moralisch akzeptablen Umgang
mit Finanzmarktrisiken zu entwickeln. Andererseits knüpfe ich an Grundlagenfragen der Risikoethik an, um die bisherigen Ansätze und Kriterien als
Perspektive und mögliche Lösungswege einzubinden. Konkrete und allgemeine Risikofragen sollen sich überlappen, mit dem Ziel, daraus für beide
Seiten – für die Praxis des Risikohandels auf Finanzmärkten und die Risikoethik selbst – Einsichten zu erlangen.
Für den Umgang mit Finanzmarktrisiken werde ich zeigen, dass sich aus
den beiden genannten Hauptansätzen, den utilitaristischen und den rechtsbasierten Theorien, trotz ihrer möglichen Unzulänglichkeiten Erkenntnisse
gewinnen lassen. Ich werde primär davon ausgehen, dass beiden Ansätze
gleichsam Rechnung zu tragen ist. Beide Theorieansätze bieten in besonderer
Weise Lösungspotenziale für bestimmte Problemstellungen, die in der Arbeit
genutzt werden. So liegt es nahe, bei Fragen der Effizienz beim Utilitarismus und bei Fragen der Verteilung von Nutzen und Schaden an Theorien
anzuknüpfen, die auf basale Rechte rekurrieren.
Wesentliche Aufgabe ist in diesem Zusammenhang die Entwicklung einer
Risikoethik für den Finanzmarkt, die systemische Risiken in den Vordergrund stellt. Zu diesem Zweck werde ich eine Reihe relevanter Kriterien erarbeiten, diskutieren und zusammenstellen, die dazu dienen können, die Frage
nach den Akzeptabilitätsbedingungen für den Umgang mit Finanzmarktrisiken, insbesondere für Risiken des Finanzderivatehandels und systemische
Risiken, zu beantworten. Vor dem Hintergrund der beiden genannten Theorieansätze werde ich u. a. danach fragen, wie die Größe und Komplexität des
Derivatehandels zu beurteilen ist, welche Rolle die Fiktivität einer Derivattransaktion spielt und aufgrund welcher Faktoren eine Systemrelevanz von
Finanzderivaten angenommen werden kann.
Die Ergebnisse sollen für gegenwärtige Entwicklungen und Diskussionen
über die Ausgestaltung der Finanzmärkte neue Denkmöglichkeiten aufzeigen.
Methode und Aufbau
Bislang liegt die Beschäftigung mit Finanzmarktrisiken vor allem in den
Händen der Entscheidungstheorie und erfolgt praktisch im Rahmen des Risikomanagements einzelner Unternehmen und Anleger, wodurch moralische
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Einleitung
Fragen ausgeklammert werden. Dabei liegt der Schwerpunkt auf individuellen Risiken, die Personen freiwillig übernehmen. Allerdings mehren sich
in der letzten Zeit ökonomische Arbeiten, die sich kritisch einerseits mit
den theoretischen Annahmen und Modellen auseinandersetzen, die das Risikomanagement leiten, und auf die allgemeinen Probleme des zunehmenden
Einsatzes riskanter Finanzinstrumente hinweisen. Solche Analysen finden
sich gegenwärtig vermehrt in Arbeiten zur Finanzkrise ab 2007.
Während die meisten Arbeiten zum Umgang mit Finanzmarktrisiken deskriptiv vorgehen und zumeist die ethischen Probleme im Umgang mit Finanzderivaten als implizite Folgen ökonomischer Defizite behandeln, werden
in dieser Arbeit die ethischen Probleme im Umgang mit Derivaten zum Ausgangspunkt einer normativen Diskussion gemacht. Zu diesem Zweck wird
ein pragmatisches und induktives Vorgehen gewählt: Zunächst wird Wissen
über die Art der Risiken gewonnen, die derivative Finanzinstrumente auf
verschiedenen Handlungsebenen generieren, reduzieren und verteilen, um
auf dieser Grundlage die Probleme im Umgang mit Finanzmarktrisiken zu
identifizieren. Es wird eine makroethische Perspektive verfolgt, die den Blick
auf die systemischen Strukturen und Zusammenhänge richtet, die sich aus
der Vielzahl von Einzelhandlungen und Wechselwirkungen verschiedener
Finanzakteure ergeben. Zur Rekonstruktion des Problemfeldes bezieht sich
die Arbeit auf meist von Ökonomen verfasste Texte, um die bisher leitenden
normativen Annahmen aufzugreifen, zu reflektieren und zu systematisieren.
In diesen Texten wird auf Gefahren und mögliche Fehlentwicklungen auf den
Finanzmärkten oder in Zusammenhang mit bestimmten Finanzmarktinstrumenten hingewiesen.
Zur Beurteilung von Finanzmarktrisiken, namentlich der Risiken des Derivatehandels, werde ich methodisch an grundlegende Beiträge und Diskussionen zur Ethik des Risikos anknüpfen, um aus ihnen relevante Gesichtspunkte zu gewinnen und diese weiterzuentwickeln. In der Grundlagendiskussion gibt es bereits eine Reihe von wiederkehrenden und plausiblen Unterscheidungen und Kriterien zu dem Problem, wie potenzielle Schäden zu
bewerten sind. Eine umfassende Klärung der Grundlagenfragen einer Ethik
des verantwortlichen Umgangs mit Risiken ist dabei im Rahmen der Arbeit
weder erreichbar noch angestrebt.
Die Methode spiegelt sich auch im Aufbau der Arbeit wider:
In Teil I skizziere ich zunächst den Finanzderivatehandel in seinen grundlegenden Strukturen und Entwicklungen. Hier werden vor allem die in der
Finanztheorie vorherrschenden Annahmen zur Effizienz des Handels und individueller Risikoübernahmen auf Finanzmärkten vorgestellt. In Teil II, dem
Hauptteil der Arbeit, beleuchte ich das Spezifikum des Risikoproblems auf
Finanzmärkten und diskutiere auf dieser Grundlage eine Reihe von Rechtfertigungsgründen für die Übertragung von Finanzmarktrisiken, die ich mitein-
Methode und Aufbau
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ander in Verbindung setze und auf Finanzderivate anwende. Teil III widmet
sich schließlich den systemischen Finanzmarktrisiken als moralischem Problem. In diesem Teil werde ich der Frage nachgehen, anhand welcher risikoethischen Kriterien gezeigt werden kann, dass die Erzeugung und Verteilung
systemischer Risiken der Finanzmärkte moralisch inakzeptabel sind.
Kapitel 1 liefert den Ausgangspunkt der Untersuchung, indem es eine Zusammenschau der Ausgangsbedingungen, der Entstehung und der aktuellen
Gestalt des Derivatehandels aufzeigt.
Kapitel 2 führt daraufhin in die basalen Formen konkreter derivativer
Instrumente ein, des so genannten Forwards, des Futures, des Swaps und der
Option. Im Vordergrund steht die Betrachtung der individuellen Risiken,
die einzelne Marktakteure beim Handel mit Finanzderivaten tragen bzw.
übergeben.
Kapitel 3 beschäftigt sich mit dem Risikobegriff und der Unterscheidung
von individuellen und sozialen Risiken. Ausgehend von der Beobachtung,
dass menschliches Handeln immer mit Risiken verbunden ist und Risiken
neben dem Risikourheber auch andere Personen betreffen können, wird die
Grundfrage der Risikoethik gestellt und erläutert: Wie können Risikozumutungen legitimiert werden?
Die Überlegungen zur Rechtfertigung von Risikoübertragungen werden
in Kapitel 4 vertieft. In diesem Kapitel erarbeite ich einen Risikobegriff für
Risiken auf Finanzmärkten und vertrete die These, dass Finanzmarktrisiken
als »soziale Risiken« verstanden werden müssen. Unter der allgemeinen Prämisse, dass die Akzeptabilität einer Risikozumutung von der Zustimmung
der potenziell Betroffenen abhängig gemacht werden kann, diskutiere ich
daraufhin, ob sich das Kriterium der Zustimmung auch auf den Umgang
mit Finanzmarktrisiken anwenden lässt. Im Anschluss erarbeite ich die für
die Arbeit zentralen Kriterien: das Effizienzkriterium und die Rechte potenziell Betroffener sowie die daraus ableitbaren Rechtfertigungsgründe für
die Übertragung von Finanzmarktrisiken. Ziel dieses Kapitels ist es, sowohl
die Stärken als auch die Grenzen des Effizienzkriteriums aufzuzeigen und
deutlich zu machen, dass ein dauerhaft effizienter Finanzmarkt eine Voraussetzung für den Schutz von Handlungschancen von Personen darstellt.
Insofern können die mit Finanzmärkten verbundenen Risiken für Dritte
gerechtfertigt sein, als sie zur Aufrechterhaltung effizienter Finanzmärkte
beitragen. Allerdings müssen dazu differenzierte Überlegungen angestellt
werden. Ich knüpfe dabei u. a. an die Theorie moralischer Rechte von Alan
Gewirth und die Ausführungen zur Finanzmarktethik von Klaus Steigleder
an.
In Kapitel 5 wende ich die erarbeiteten Kriterien auf den Umgang mit
Finanzderivaten an und spezifiziere sie, um die Verteilung von Finanzmarktrisiken sowohl aus der Perspektive der allgemeinen Nutzenmaximierung als
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