Vater, Sohn und Heiliger Geist

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Vater, Sohn und Heiliger Geist
Der Gott des christlichen Glaubens und die Auflösung des trinitarischen Problems
Von: Gunter Zimmermann, erschienen im Deutschen Pfarrerblatt, Ausgabe: 5 / 2013
Das Bekenntnis zum dreieinen Gott ist dem christlichen Glauben zentral, in der Glaubenspraxis jedoch bleibt es meist
unverstanden. Gunter Zimmermann begegnet diesem Unverständnis mit einer sprachanalytischen Untersuchung, die zeigt,
warum es weder unlogisch noch häretisch ist, an einen "Gott" und "drei Götter" zugleich zu glauben.
In seiner Predigt zur ersten Bitte des Vaterunsers erklärt der Münchner Alttestamentler Christoph Levin, dass wir "Gott" in
unserer Alltagssprache als einen "Rollenbegriff" gebrauchen. Des Weiteren legt er Gewicht darauf, dass "Gott" in diesem
Zusammenhang ein Titel ist, der niemals als Eigenname gebraucht werden kann.(1) Nach dieser eindeutigen und
unmissverständlichen Anerkennung der Logik und Semantik des wichtigsten Terminus der Religion(2) spitzt sich in der
Entfaltung der christlichen Theologie alles auf die Frage zu, wer im christlichen Glauben als Gott verehrt und angebetet wird.
Grundsätzlich ist die Antwort klar: Das Zentrum der christlichen Religion bildet das Bekenntnis zur Dreieinigkeit und zum
dreieinigen Gott, dem Gott der christlichen Religion.(3) Die populärste und volkstümlichste aller Glaubensformeln in den
westlichen Kirchen, das so genannte "Apostolische Glaubensbekenntnis", das in den evangelischen Kirchen an allen hohen
Festtagen gemeinsam von den Gläubigen gesprochen wird, verkündet in seinen drei Artikeln das einzigartige Handeln und
Wirken Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. In einfachster Form stellt es damit eine Zusammenfassung
des christlichen Glaubens dar, der sich in Anbetung und Bewunderung, in Gehorsam und Opfer auf den dreieinigen Gott und
die Dreieinigkeit richtet.
Von der Trinität in Beschlag genommen
Das Bekenntnis zur Dreieinigkeit ist keine belanglose Rede, die sich im bloßen Aufsagen erschöpft. Die Tatsache, dass ein
Individuum - oder auch eine Gruppe und Gemeinschaft von Individuen - als Gott verehrt und bewundert wird, hat
Konsequenzen für das gesamte Leben des Menschen. Diese Anerkennung bezeugt einerseits, dass der Mensch auf dieses
Einzelwesen hofft und vertraut, dass an ihm sein Herz hängt, dass es das ist, das ihn unbedingt angeht. Aber sie verpflichtet
ihn auch andererseits, diesen Gott zu verehren und ihm seinen Dienst zu erweisen, darüber hinaus in einem gewissen Sinne
seinen Ruhm zu verkünden, für ihn zu werben und damit eben Mission zu treiben.
Deshalb hat jeder Christ seinen Weg in der weltweiten Gemeinschaft der christlichen Kirche begonnen, indem er im Namen
und auf den Namen der Dreieinigkeit getauft wurde. Damit wurde er in die Vereinigung der Christen aufgenommen, die sich
im Dienst des dreieinigen Gottes versammelt. Mit diesem Ereignis wurde sein ganzes Denken und Handeln dem Vater, dem
Sohn und dem Heiligen Geist unterstellt, die Trinität hat ihn sozusagen in Beschlag genommen. Durch diese Initiation am
Anfang des christlichen Lebenswegs ist klargestellt, dass auch das Ende unter dem Zeichen und dem Segen der
Dreieinigkeit stehen wird.
Abgesehen von dieser individuellen Komponente, die für das Leben des einzelnen Christen bedeutsam ist, bildet das
Vertrauen und die Hoffnung auf die Dreifaltigkeit darüber hinaus das die universale Kirche insgesamt zusammenhaltende
Band. Die Gemeinschaft der Gläubigen ist letzten Endes nichts anderes als die Versammlung derer, die sich im Bekenntnis
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zum dreieinigen Gott, dem Gott der christlichen Religion, zusammenschließen. Durch den Glauben an diesen Gott sind sie
vereint und vereinigt.
Darum wird in jedem christlichen Gottesdienst in offener und freier Gestalt die grundlegende Glaubensformel nicht nur
erneuert und wiederholt, sondern auch bewusst an den Anfang gestellt. Regelmäßig wird die Zusammenkunft der Gläubigen
"im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes" eröffnet, um die einzigartige und ausschlaggebende
Beziehung zu dem Gott des christlichen Glaubens herzustellen. Weil er damit über den Gottesdienst wacht und ihn
beschützt, antwortet die Gemeinde, indem sie das Glaubensbekenntnis durch den Ausruf "Ehre sei dem Vater und dem Sohn
und dem Heiligen Geist" in Lobpreis und Dank verwandelt. Der Prediger orientiert durch den Kanzelgruß: "die Gnade
unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch" (2. Kor. 13,13),
die Verkündigung von vornherein an der Glaubensaussage, die in bestimmter Weise in der folgenden Predigt entfaltet und
ausgelegt wird. Schließlich beendet die Dreieinigkeit die Zusammenkunft der Gläubigen durch den Segen, der sie in die
kommende Woche begleiten soll. Somit ist der gesamte Gottesdienst getragen durch das Glaubensbekenntnis, das die
Beziehung zu dem Gott der christlichen Religion in den Mittelpunkt der Versammlung (ekklesia) der Gläubigen stellt.
Diskrepanz zwischen Bekenntnis und Glaubenswirklichkeit
Im Gegensatz zu diesem offenkundigen Sachverhalt, nach dem das Bekenntnis zum dreieinigen Gott das grundlegende
Bindeglied der Christenheit darstellt, ist mit Gerhard Ebeling zu konstatieren, dass sich die Lebendigkeit des Glaubens an
den dreieinigen Gott daraus nicht erschließen lässt.(4) Zwischen dem hohen Anspruch des Bekenntnisses und dem, was von
den heutigen Christen geglaubt wird, besteht nach dem systematischen Theologen eine tiefe Diskrepanz. Seiner Auffassung
nach liegt dies an der Begrifflichkeit, mit der die christliche Theologie die Einheit ohne Verletzung der Dreiheit sowie die
Dreiheit ohne Verletzung der Einheit zu erfassen suchte. Sie sei nicht geeignet, um das Bekenntnis wirklich adäquat zu
reflektieren.
Dieser Aussage ist nichts hinzufügen außer der Bemerkung, dass das prinzipielle Scheitern der traditionellen Theologie mit
ihrer Terminologie darauf zurückzuführen ist, dass "Gott" in sprachwidriger Weise als Eigenname und damit - das liegt in
der Logik und Semantik von Eigennamen - als ein einen Gegenstand benennender Begriff verstanden wurde.
Wenn der Glaube an den dreieinigen Gott in der Gegenwart lebendig werden soll, muss das trinitarische Problem, die Frage
der Vereinbarkeit von Einheit und Dreiheit, aufgelöst werden. Ohne diese Auflösung, die überhaupt erst ein Verständnis der
Trinitätslehre ermöglicht, wird das Urteil Ebelings immer wieder bestätigt werden, dass das trinitarische Bekenntnis
mindestens in bestimmter Hinsicht für den christlichen Glauben eine verhängnisvolle Rolle spielt.(5) Beginnen müssen wir
jedoch unsere Auflösung des Problems mit der grundlegenden, für die christliche Theologie jedoch offensichtlich
revolutionären These, dass der Begriff "Gott" ein Titel ist.
Die Trinität - ein Kollektiv?
Wichtig ist in diesem Kontext die Erkenntnis, dass die schmückende und lobpreisende Ehrenbezeichnung nicht nur an eine
einzelne konkrete Person, sondern auch, wenn der Ausdruck gestattet ist, an eine abstrakte Person, an ein Kollektiv, gehen
kann, nicht nur an konkrete, sondern auch an abstrakte Individuen. "Der Star ist die Mannschaft" hieß vor einigen Jahren ein
Slogan, der eine aus dem Alltag sowieso bekannte Banalität illustriert. Ehrenpreise, Pokale, Medaillen, Auszeichnungen
bekommen nicht nur einzelne Personen, sondern auch Vereine und Verbände. Nicht nur einzelne Personen, konkrete
Individuen, können in Wettbewerben siegen, sondern auch Mannschaften, also abstrakte Individuen nach unserem
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Sprachgebrauch. In Mannschaftsbewerben können begreiflicherweise sowieso nur Mannschaften gewinnen, wenngleich auch
einzelne Spieler nach einem großen Erfolg als "Weltmeister", "Europameister", "Olympiasieger" usw. tituliert werden.
Aus diesem Grunde ist es von Semantik und Syntax her gesehen unproblematisch, wenn die christliche Kirche eine
Gemeinschaft, eine Vereinigung, eine Gruppe, nämlich die Heilige Dreieinigkeit, mit dem Titel "Gott" auszeichnet. Die
Schwierigkeiten scheinen allein darin zu liegen, dass neben dem Bekenntnis zum dreieinigen Gott in der Christenheit auch
weiterhin der Vater, der Sohn und der Heilige Geist - und zwar durchaus getrennt - angebetet, angerufen und verehrt
werden. Wie jeder Christ weiß, gibt es genügend Gebete, in denen entweder der Vater, der Sohn oder - in seltenen Fällen der Heilige Geist(6) allein, jeweils für sich, angesprochen werden. Nach der Logik und der Semantik des Begriffs "Gott"
bedeutet dies, dass die drei Personen der Dreieinigkeit ebenfalls als Götter angesehen werden. Wie können aber drei Götter
gleichzeitig ein Gott sein?
Monotheismus - die Einheit des göttlichen Willens
Trotz der Tatsache, dass jede der drei Personen der Dreieinigkeit im christlichen Glauben als Gott angebetet und verehrt
wird, ist für das Charakteristikum der Einheit zunächst einmal eine Beobachtung wichtig: In der Trinität wird nach dem
christlichen Bekenntnis ein gemeinsamer, ein gemeinschaftlicher, ein einheitlicher Wille sichtbar, der von allen drei Personen
zusammen getragen und verkörpert wird. Mit dieser Feststellung wird eine religionswissenschaftliche Einsicht über den
Monotheismus bestätigt, die aus der Sackgasse unfruchtbarer Diskussionen über das Geheimnis von Dreiheit und Einheit
fürs erste herausgeführt hat. Nach dieser Argumentation ist der Monotheismus, der Glaube an einen Gott, nicht an der Zahl
der als "Gott" angerufenen und verehrten Personen fest zu machen, sondern an der Einheit des göttlichen Willens. Dieser
einheitliche, genossenschaftliche, gemeinschaftliche, gemeinsame Wille kann durch drei, durch vier und durch sozusagen
unzählbar viele Personen inkarniert werden, ohne dass sich durch die Menge der Beteiligten am Phänomen des
Monotheismus selbst irgendetwas ändert. Der eine Gott bleibt erhalten, gleichgültig, wie viele Wesen an seinem Willen
partizipieren und teilhaben.(7)
Dass die christliche Kirche in diesem Sinne immer am Monotheismus festgehalten hat, zeigt sich daran, dass die
ausschließliche und exklusive Anbetung und Verehrung einer einzigen Person aus der Heiligen Dreieinigkeit niemals als
legitimer Gottesdienst innerhalb des christlichen Raums anerkannt worden ist. Christen waren und sind immer "Trinitarier",
während der so genannte "Unitarismus", die alleinige Auszeichnung des himmlischen Vaters als "Gott", von der Gemeinschaft
der Christen stets und eindeutig abgelehnt wurde. Die gleiche Ausgrenzung würde ein historisch u.W. bisher nicht bekannter
Glaube erfahren, der sich allein auf den Menschen Jesus Christus oder allein auf den Heiligen Geist richtet. Wie der
historische Unitarismus sind diese beiden Glaubensformen, die in abstracto möglich sind, durch das trinitarische Bekenntnis
verboten.
Christliche Dreieinigkeit und hinduistische Dreigestalt - ein Vergleich
In dieser Hinsicht unterscheiden sich die christliche Religion und ihr Gott deutlich vom Hinduismus, dessen "Dreigestalt"
(trimurti) von Brahma, Vishnu und Shiva in aller Kürze zum Vergleich herangezogen werden kann. Während die Heilige
Dreieinigkeit im Bekenntnis des Christen eine feste, stabile Größe, eben einen gemeinsamen, gemeinschaftlichen,
einheitlichen Willen darstellt, ist die hinduistische Trimurti eine rein gedankliche Konstruktion, die keinen Anhaltspunkt in der
Praxis, in der lebendigen Religion findet. Der einfache Gläubige in Indien verehrt entweder Vishnu oder Shiva oder eine der
vielen Mutter-Gottheiten, aber nicht die Trimurti. Im Unterschied zum Abendland hat sich deshalb in Indien trotz aller Ansätze
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der Glaube an einen Gott, in dem exklusiv und ausschließlich ein göttliches Wesen den Gläubigen unbedingt angeht, niemals
durchgesetzt.(8)
Der Vergleich zeigt jedoch auch, dass es bei dem so genannten trinitarischen Problem nicht um ontologische Fragen geht.
Vielmehr geht es um Entscheidungen, die die jeweilige Gemeinschaft der Gläubigen treffen muss. Wenn die christliche
Kirche - nicht eine beliebige Organisation, sondern die weltweite Gesamtheit aller Christen - beschließen würde, die
exklusive und ausschließliche Verehrung jeweils einer der drei Personen der Heiligen Dreieinigkeit, entweder des Vaters
oder des Sohns oder des Heiligen Geistes, zuzulassen und als eine legitime Form des christlichen Bekenntnisses
anzuerkennen, könnte das Ergebnis ein Tritheismus und aller Voraussicht nach sogar ein Polytheismus nach dem Modell
Indiens sein. Sofern umgekehrt die christliche Kirche verbieten würde, das Gebet nur an eine Person der Trinität zu richten
oder nur eine Person in Liedern, Hymnen und Psalmen zu preisen, und statt dessen verlangen würde, dass stets und
ausschließlich die Dreifaltigkeit angerufen und verehrt wird, könnte man tatsächlich von einem absoluten Monotheismus
sprechen. Die gegenwärtige Praxis, einerseits den Gottesdienst im Namen des Vaters, des Sohns und des Heiligen Geistes
zu beginnen und zu enden, anderseits aber auch im selben Gottesdienst Gebete zu sprechen und Lieder zu singen, die sich
an den Vater oder an den Sohn oder an den Heiligen Geist wenden, erzeugt das theoretische Schwanken zwischen
Modalismus-Atheismus und Tritheismus.(9) Diese Praxis, die unserer Auffassung nach in einer einzigartigen, unaufgebbaren
Weise Einheit und Mannigfaltigkeit verbindet, stellt aber sicherlich eine der größten Stärken des christlichen Glaubens dar.
Keine der beiden Lösungen, weder der Modalismus-Atheismus noch der Tritheismus, konnte von der christlichen Kirche
anerkannt werden, weil die Gemeinschaft der Christen einerseits die Gemeinschaft der "göttlichen Drei", die Dreifaltigkeit, als
Gott anerkennt, andererseits aber auch jede einzelne Person der Trinität. Die Gläubigen rufen einerseits den gemeinsamen
Willen an und verehren ihn im Gottesdienst, andererseits aber auch jeden einzelnen der drei Willensträger. Diese Praxis ist
nicht zu tadeln, sie ist auch nicht problematisch, weil sie einerseits, wie wir noch sehen werden, mit dem tatsächlichen
Sprachgebrauch übereinstimmt und weil andererseits, darauf aufbauend, sogar formale Titel einem Einzelnen und einer
Gemeinschaft gemeinsam verliehen werden können.
"Ein Gott - drei Personen"?
In der neueren Theologie ist wegen des nun für unsere Zwecke ausreichend beschriebenen Problems versucht worden,
anstatt der überlieferten Formeln das Verhältnis von Einheit und Dreiheit mit den Ausdrücken "ein Gott in drei Personen"
bzw. "ein Gott - drei Personen" wiederzugeben. "Gott" wird allerdings in dieser Kombination wiederum - gegen die Regeln
der logischen Semantik - als ein Eigenname behandelt. Die Frage, wer mit diesem Titel, mit dieser Auszeichnung bedacht
wird, ist in diesem leider populären Slogan(10) nicht geklärt. Damit ist er aber letzten Endes wertlos, weil er das wichtigste
Anliegen des christlichen Glaubens offen lässt.
Abgesehen davon - oder gerade auch deswegen - besitzt diese Formel einen unverkennbar modalistischen Klang, indem
sie in durchaus subtiler Form "den Einen" jenseits der Drei ansiedelt. Er ist der große Unbekannte, das unendliche Subjekt,
das absolute Geheimnis, mit dem der Mensch, niemals zusammenkommen, niemals zusammentreffen, dem er niemals
begegnen kann. Dass von dieser Basis aus der Schritt zum Atheismus leicht und beinahe unvermeidbar ist, muss nicht
besonders betont werden.
Wir müssen darum erneut herausstellen, dass von der christlichen Kirche der Terminus "Gott" sowohl der Dreieinigkeit, der
Gemeinschaft, dem gemeinsamen Willen der "göttlichen Drei" als auch den einzelnen Personen der Trinität zugeschrieben
wird. Wenn man demnach den Begriff "Gott" in diesem Zusammenhang verwenden will, bleibt nichts anderes übrig als die
Zusammenfassung: "drei Götter - ein Gott"(11). Dass diese Formel logisch widerspruchsfrei und damit logisch möglich ist,
wollen wir zum Abschluss unserer Ausführungen demonstrieren. Wir greifen dafür auf den Begriff "charakterisierendes
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Prädikat" zurück, den der sprachanalytische Philosoph Peter Frederick Strawson geprägt und präzisiert hat.
Warum die Teile eines zerschnittenen gelben Tuchs ebenfalls "gelb" sind
Charakterisierende Universalien, d.h. Merkmale und Eigenschaften, die durch charakterisierende Prädikate gekennzeichnet
werden, besitzen keine abgegrenzte Form und Gestalt, sondern sind form- und gestaltlos. Sofern sie zerteilt und zergliedert
werden, behalten auch die Teile und Glieder das zugrunde liegende Merkmal und die zugrunde liegende Eigenschaft. Das
heißt, dass sie weiter mit dem charakterisierenden Prädikat beschrieben werden können, obwohl sie nur noch Teile oder
Glieder des Ganzen, der Totalität, der Einheit darstellen. Aus diesem Grunde ist die Zählbarkeit der durch charakterisierende
Prädikate gekennzeichneten Universalien nur unter bestimmten Bedingungen und Voraussetzungen gegeben, die letzten
Endes künstlich geschaffen werden müssen. Von der Grammatik her treten vor allem Verben und Adjektive als
charakterisierende Prädikate auf.(12)
Illustrieren wir diese Eigenschaft an einem banalen Beispiel, den Farbwörtern. Evident ist, dass "blau", "grün", "rot" usw.
keine Form oder Gestalt beschreiben, so wie "Katze", "Hund" und "Pferd" ein darüber hinaus noch fühl- und greifbares
Objekt, einen fühl- oder greifbaren Gegenstand kennzeichnen. Auch Zergliederung und Zerteilung funktionieren in diesem
Fall anders als bei den Sortalprädikaten(13). Die Teile des blauen Meers sind ebenfalls blau, die Teile einer grünen Wiese
sind ebenfalls grün, die Teile eines roten Tuchs sind ebenfalls rot usw. Wenn ein gelber Stoff in drei Teile zerschnitten wird,
bleiben auch die drei Teile gelb.
Grundsätzlich ähnlich verhält es sich bei Verben. Sicherlich können die durch Zeit- oder Tun-Wörter erfassten Vorgänge,
Ereignisse und Prozesse in Teile zerlegt werden, die durch andere Verben begriffen werden. Dennoch bleibt der Vorgang,
das Ereignis oder der Prozess als Ganzer erhalten, auch wenn er in einzelne Abschnitte geteilt wird. Die Reformation ist im
Jahre 1517 genauso Reformation wie im Jahre 1555, die Französische Revolution ist im Jahre 1789 genauso Revolution wie
1815, der Zweite Weltkrieg ist im Jahre 1939 genauso Krieg wie im Jahre 1945. Die bekannten Schwierigkeiten, den Anfang
und das Ende geschichtlicher Perioden zu finden, hängen mit der Form- und Gestaltlosigkeit des Geschehens, aber auch mit
dem In- und Miteinander von Gesamtheit und Teilen zusammen.
Auch was das Verhältnis von Individuum und Gruppe betrifft, wird beim Gebrauch der Zeit- oder Tun-Wörter nicht
differenziert. Jeder einzelne Spieler spielt in einem Mannschaftsspiel, aber auch die gesamte Mannschaft. Jeder einzelne
Reiter reitet in einer kollektiven Attacke, aber auch das gesamte Regiment. Jeder einzelne Lehrer unterrichtet an einer
Schule, aber auch der gesamte Lehrkörper. Ein Trio musiziert, aber auch jedes einzelne Mitglied des Trios.
Adjektive wie "freundlich", "höflich", "grausam" usw. lassen sich ebenso unterschiedslos auf Individuen und Gruppen
anwenden. Sofern jeder einzelne Verwaltungsangestellte freundlich ist, kann auch die gesamte Verwaltung als freundlich
bezeichnet werden. Wenn jeder einzelne Reisende höflich ist, kann auch die gesamte Reisegruppe als höflich beschrieben
werden. Ist jeder einzelne Soldat grausam, muss auch die gesamte Kompanie als grausam deskribiert werden. Um an das
berühmte Beispiel des großen Logikers Gottlob Frege zu erinnern: Die Kennzeichnung einer Gesamtheit von vier Pferden als
edel bedeutet, dass auch jedes einzelne der vier Pferde edel ist.(14)
"Drei Götter - ein Gott"
Derselbe sprachliche Mechanismus funktioniert übrigens auch ohne Probleme bei dem Begriff "heilig", sofern er im
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christlichen Glauben und in der christlichen Theologie angewandt wird. Mit dem apostolischen Glaubensbekenntnis bezeugt
jeder Christ, dass er an eine heilige christliche Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, glaubt. Heilig ist demnach nach dem
Verständnis der christlichen Religion nicht nur jeder einzelne Gläubige, sondern die gesamte Gemeinschaft. Wenn man so
will, liegt eine Wechselwirkung vor: Die Kirche ist heilig, weil jeder einzelne Christ heilig ist, und jeder einzelne Christ ist
heilig, weil die Kirche heilig ist. Damit ist kein Widerspruch formuliert, kein Verstoß gegen den Sprachgebrauch, der von der
logischen Semantik her zu ahnden wäre. Vielmehr gehört es zur Eigenart und zum konstitutiven Moment charakterisierender
Prädikate, dass auch die Teile mit demselben generellen Terminus bezeichnet werden können wie die Gesamtheit.
Als letzten Schritt der Argumentation haben wir allein daran zu erinnern, dass der Begriff "Gott" nur oberflächlich mit einem
Sortalprädikat verglichen werden kann. Obgleich er grammatikalisch als ein Substantiv wie "Pferd", "Hund", "Katze" usw.
fungiert, ist er letzten Endes als ein charakterisierendes Prädikat zu begreifen. Dann kann aber mit guten Gründen nichts
dagegen eingewandt werden, dass sowohl der Vater, der Sohn und der Heilige Geist als auch die Dreieinigkeit aus Vater,
Sohn und Heiligem Geist als "göttlich" charakterisiert werden. Unter diesem Gesichtspunkt ist es zwar ungewöhnlich, dass
Vater, Sohn und Heiliger Geist als drei Götter und die Dreieinigkeit als ein Gott angerufen und verehrt wird, es ist aber
logisch nicht unmöglich. Ungewohnt ist der Sprachgebrauch nur deswegen, weil der generelle Terminus "Gott" als ein
Eigenname missverstanden und fehlinterpretiert wurde. Sobald die Analyse zum richtigen Verständnis und zur korrekten
Einhaltung der sprachlichen Regeln führt, ist das trinitarische Problem aufgelöst. Die Dreieinigkeit ist genauso Gott wie der
himmlische Vater, der einzige Sohn und der heilige Geist.
"Viele Räte - ein Rat"
Eigenartigerweise findet sich in der deutschen Sprache eine Parallele zu dieser im christlichen Bekenntnis verankerten
Konzeption, in der genau dieses Gefüge heute schon erfasst ist. In der Schweiz, um auf der höchsten Ebene zu beginnen, ist
der Bundesrat seit 1848 die den Regierungen anderer Staaten entsprechende Institution. Sie ist nach der Verfassung der
Schweizerischen Eidgenossenschaft zusammengesetzt aus sieben, von der Bundesversammlung auf drei Jahre gewählten,
mit dem Nationalrat zugleich erneuerten Bundesräten. Auf einer unteren Ebene gibt es in Baden-Württemberg den Stadtrat
(für größere Städte) und den Gemeinderat (für Landgemeinden), die zusammen mit dem an der Spitze der Gemeinde
stehenden (Ober-)Bürgermeister die Gemeinde leiten, in beschränktem Umfang die Rechte der Exekutive genießen und
ebenfalls gebildet werden aus Stadt- bzw. Gemeinderäten. Die gewissermaßen operative, ständige Leitung meiner
Landeskirche liegt beim Oberkirchenrat, dem zusammen mit dem Landesbischof acht Personen angehören - die
Oberkirchenräte. In allen drei Fällen, denen noch zahlreiche weitere angefügt werden könnten, haben wir damit eine
Konstruktion, die ohne sprachliche Schwierigkeiten als "viele Räte - ein Rat" wiedergegeben werden kann bzw. sogar
wiedergegeben werden muss.
Begreiflicherweise ist diese Möglichkeit durch die Etymologie des Begriffs "Rat" gewährt, die an dieser Stelle kurz referiert
werden soll. Ursprünglich beschreibt das Wort die Dinge, die jemandem als Mittel zur Befriedigung seiner Bedürfnisse zu
Gebote stehen, wie dies noch an "Vorrat", "Hausrat", aber auch an "Heirat", "Unrat" und "Gerät" deutlich wird. Danach
bedeutet "Rat" die Beschaffung von solchen Mitteln, woraus der Sinn von "Fürsorge", "Ausweg", "Abhilfe" abgeleitet werden
konnte. In einem nächsten Schritt konnte aus diesem Verständnis sich die heutige Bedeutung von "Vorschlag", "Empfehlung,
wie zu helfen, was zu tun ist" entwickeln, die z.B. in der Redewendung "kommt Zeit, kommt Rat" eine eigentümliche Färbung
erhält. Unter diesem Gesichtspunkt konnte der Begriff auch den Sinn von Beratung annehmen. Damit war es schließlich
möglich, mit "Rat" außerdem die beratende Versammlung, die Behörde zu meinen, die in diesem Sinne über die Vorschläge
und Empfehlungen berät und entscheidet. Auf diesem Wege wird "Rat" schließlich zur Bezeichnung eines einzelnen
Mitglieds einer solchen Behörde und zum (Amts-)Titel, eine mit dem Begriff "Gott" geteilte Qualifikation. Nur in dieser letzten
Bedeutung ist gegenwärtig auch der Plural üblich.(15)
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Der Begriff "Gott", obwohl ebenfalls Auszeichnung und Ehrenbezeugung, lässt sich gegenwärtig sprachlich sicherlich nicht in
dieser Weise verwenden. Dennoch sind wir der Meinung, dass sachlich eine ausgezeichnete Korrespondenz zwischen den
Exekutivorganen der Confoederatio Helvetica, der baden-württembergischen Städte und Gemeinden sowie der
Evangelischen Landeskirche in Baden einerseits und der Struktur der Heiligen Dreieinigkeit andererseits besteht. Zum Ersten
kann sich der einzelne Bürger an einen einzelnen Bundes-, Stadt-, Gemeinde- oder Oberkirchenrat wenden, genauso wie er
eine Person der Trinität anrufen und verehren kann. Zweitens werden jedoch die maßgeblichen Beschlüsse nicht durch
einen einzelnen Rat, sondern durch die Behörde selbst, durch die Versammlung, gefällt, genauso wie mutatis mutandis die
Heilige Dreieinigkeit gewissermaßen im Ensemble die Entscheidung trifft.(16) Zum Dritten ist das System in beiden Fällen
auf Übereinstimmung, Harmonie und Konsens angelegt, die als oberste Prinzipien die Beratung und Beschlussfassung leiten
sollen. In vielen deutschen Reichsstädten wurde daher bis zur Französischen Revolution an der Fiktion festgehalten, dass
der Rat in allen Fragen seine Entscheidung einhellig und einstimmig getroffen habe.(17) Gleicherweise gilt in vielen
Rechtssystemen, dass Meinungsverschiedenheiten unter den Mitgliedern eines Gerichts geheim bleiben müssen. Die nach
außen demonstrierte Einheitlichkeit der Entscheidung soll dafür sorgen, dass die Autorität des Kollegiums erhalten bleibt.(18)
In dieser Perspektive ist das trinitarische Bekenntnis der christlichen Kirche damit keine sinnlose, unverständliche und
irrationale Konstruktion, sondern - "auf höherer Ebene" - eine Illustration der gemeinsamen, gemeinschaftlichen,
einheitlichen Willensbildung in einem demokratischen Verfassungsstaat. Darüber hinaus ist die Vermutung nicht unberechtigt,
dass die Koordination politischer Entscheidungen in den Republiken und parlamentarischen Monarchien des Abendlands
nach dem in der christlichen Theologie verankerten Koordinationsprinzip der Trinitätslehre gebildet wurde.
Nach der durch Sprachanalyse ermöglichten Auflösung des trinitarischen Problems bleibt am Schluss nur die Hoffnung, dass
die Christenheit sich künftig mutiger und freudiger zu ihrem Gott bekennt, dem Gott des christlichen Glaubens, dem Vater,
dem Sohn und dem Heiligen Geist.
Anmerkungen:
1 Vgl. Christoph Levin, Dein Name werde geheiligt, Universitätsgottesdienst, St. Markus München, Sommersemester 2012,
3. - Die Vorstellung, "Gott" sei ein Ersatz-Eigenname, ist zu abwegig, als dass sie in einer ernsthaften Diskussion erörtert
werden müsste.
2 Zu einer knappen Analyse vgl. Gunter Zimmermann, Der Begriff "Gott". Ein Beitrag zur Auflösung des Atheismus-Problems,
Hamburg 2010.
3 Im Hinblick auf dieses seit dem ersten Ökumenischen Konzil unumstrittene Bekenntnis erscheint die Behauptung, dass
Juden, Muslime und Christen denselben bzw. den gleichen Gott anbeten, mehr als merkwürdig. In früheren Zeiten wäre sie
umstandslos als häretisch gebrandmarkt worden.
4 Vgl. Gerhard Ebeling, Dogmatik des christlichen Glaubens, Bd. 3: Der Glaube an Gott, den Vollender der Welt, 3.,
durchges. Aufl., Tübingen 1993, 534.
5 Vgl. a.a.O., 535.
6 Am bekanntesten in diesem Rahmen ist wohl das Kirchenlied "Komm, Heiliger Geist", das aus dem im 11. Jh. kreierten
Gebet "Veni Sancte Spiritus" entwickelt wurde.
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7 Vgl. Bernd Joachim Hilberath, Der dreieinige Gott und die Gemeinschaft der Menschen. Orientierungen zur christlichen
Rede von Gott, Mainz 1990, 33.
8 Vgl. Ram Adhar Mall, Der Hinduismus. Seine Stellung in der Vielfalt der Religionen, Darmstadt 1997, 62-66.
9 Zu diesen beiden, von der christlichen Kirche stets abgelehnten Konzeptionen der Trinitätslehre vgl. HDTG 1, 132f u.ö.,
sowie Gunter Zimmermann, Drei Götter - ein Gott. Das christliche Bekenntnis zur Dreieinigkeit, Hamburg 2011, 116-119.
10 Z.B. wird an Weihnachten unaufhörlich wiederholt, dass Gott in diesem Kind "zur Welt gekommen" bzw. "erschienen" sei.
Was heißt das eigentlich?
11 Diese Formel hat ihr Vorbild im staatspolitischen Denken, in der Beschreibung des Bundesstaats in formelhaften
Wendungen, z.B. der Bundesrepublik Deutschland in dem Ausdruck "sechzehn Staaten - ein Staat". In der Staatslehre wird
es nicht als Problem angesehen, sowohl dem Land Baden-Württemberg als auch der übergeordneten Bundesrepublik den
Titel "Staat" zuzuerkennen, dem Kanton Zürich und der Schweizerischen Eidgenossenschaft, dem Staat New York und den
Vereinigten Staaten von Amerika usw. Diese alltägliche Praxis kann ein erster Hinweis darauf sein, dass es logisch
ebensowenig ausgeschlossen ist, sowohl dem himmlischen Vater, dem einzigen Sohn und dem heiligen Geist jeweils für sich
als auch der Dreieinigkeit insgesamt den Titel "Gott" zu verleihen.
12 Vgl. Peter Frederick Strawson, Individuals. An Essay in Descriptive Metaphysics (1959) 1964, 168.
13 Zu diesem Begriff vgl. a.a.O., 168.
14 Vgl. Gottlob Frege, Die Grundlagen der Arithmetik. Eine logisch mathematische Untersuchung über den Begriff der Zahl.
Auf der Grundlage der Centenarausgabe hg. v. Christian Thiel, Hamburg 1988, §52.
15 Vgl. Hermann Paul, Deutsches Wörterbuch, bearb. v. Werner Betz, 6. Aufl., unv. Studienausgabe nach der 5., völlig neu
bearb. und erw. Aufl., Tübingen 1966, 500 (Rat).
16 Im Anschluss an Gedanken Augustins lautet die dogmatische Formel dafür: "Opera trinitatis ad extra sunt indivisa."
17 Über die deutsche Stadt im Spätmittelalter schreibt Eberhard Isenmann: "Der Rat fasste seine Beschlüsse mit Mehrheit
und im Namen des ganzen Rates; die Unterwerfung unter den Mehrheitswillen war Eidespflicht. Nach außen wahrte er
Geschlossenheit und ließ seine Beschlüsse vielerorts auch dann als einhellig (unanimiter) gefasst erscheinen, wenn in
internen Meinungskämpfen nur eine knappe Mehrheit zustande gekommen war. In anderen Städten wurden
Mehrheitsentscheidungen ausgewiesen. Streng geahndet wurde Beratungsverrat, der den einzelnen Ratsherrn mit seinem
Votum bloßstellen konnte, und Geheimnisverrat" (Eberhard Isenmann, Die deutsche Stadt im Spätmittelalter, 1250-1550.
Stadtgestalt, Recht, Stadtregiment, Kirche, Gesellschaft, Wirtschaft, Stuttgart 1988, 138).
18 Vgl. Albert Menne, Folgerichtig denken. Logische Untersuchungen zu philosophischen Problemen und Begriffen, 2., unv.
Aufl., Darmstadt 1997, 90.
Deutsches Pfarrerblatt, ISSN 0939 - 9771
Herausgeber:
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Langgasse 54
67105 Schifferstadt
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