als Kopie - Tierisch

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Tages-Anzeiger – Mittwoch, 16. November 2011
Wissen
Sterben die Delfinarien aus?
Der Tod zweier Delfine im Conny-Land hat die Diskussion über die Zoohaltung der intelligenten Tiere
neu lanciert. Forscher glauben schon länger, dass Gefangenschaft für die Tiere schädlich ist.
Von Barbara Reye
Seit Jahren kämpfen Tierschützer für die
Schliessung von Delfinarien. Mit Erfolg:
In Grossbritannien gibt es keine Delfinshows mehr und in Deutschland derzeit
nur noch drei Standorte, an denen
­dressierte Tümmler zu sehen sind. Ende
nächsten Jahres sind es nur noch zwei,
wenn auch die vier Delfine aus dem
­Allwetterzoo Münster im Rahmen des
Europäischen
Erhaltungszuchtprogramms abgegeben werden. Denn in
Münster fehlen die Investitionsmittel für
eine Modernisierung der über 37 Jahre
alten Anlage. Künftig sollen dort See­
löwen das Delfin-Programm ersetzen.
Im Kreuzfeuer der Kritik steht auch
der Schweizer Bodensee-Freizeitpark
Conny-Land. Nach dem Tod des 8-jäh­
rigen Delfins Shadow, der aus eigener
Zucht stammte, ist innerhalb von einer
Woche nun auch der etwa 30-jährige
Chelmers gestorben, der ein Wildfang
war und 1987 aus Florida importiert
wurde. «Wir wissen noch nicht, ob die
zwei Fälle einen Zusammenhang haben
oder zufällig kurz hintereinander passiert sind», sagt der Kantonstierarzt Paul
Witzig. Man müsse jetzt erst einmal
­abwarten, was die histologischen und
­weitergehenden Untersuchungen der
Kadaver ergeben würden. Doch dies sei
recht aufwendig und brauche Zeit.
Delfinarien in Europa
Schliessungen in den 90er-Jahren
Gemäss einem kürzlich erschienenen Report
der englischen Walschutzorganisation WDCS
(nicht zu verwechseln mit der deutschen
Organisation WDSF) gibt es in der EU noch
34 Delfinarien. In 13 der 27 Mitgliedsstaaten
werden keine Delfine in Gefangenschaft
gehalten, so in Österreich und Ungarn. In
Zypern und Slowenien ist die Haltung von
Walen zu kommerziellen Zwecken gänzlich
verboten. Speziell ist die Situation in Grossbritannien, wo bis Ende der 80er-Jahre rund
drei Dutzend Delfinarien um die Gunst des
Publikums buhlten. Nach einer Verschärfung
der Bewilligungsstandards schlossen alle
Delfinarien ihre Türen. In Deutschland haben
seit 1991 sechs Delfinarien aufgegeben. Heute
gibt es noch Delfinzoos in Duisburg, Nürnberg
und Münster, das jedoch 2012 auch geschlossen werden soll. Neue Delfinarien sind seit
2000 vor allem in Feriendestinationen Südund Osteuropas, vor allem auch in der Türkei,
entstanden. (mma)
Hamburger Forscherin herausgefunden, dass der Guyana-Delfin, der flache
Küstenregionen und Flussdeltas Südamerikas bewohnt, einen sechsten Sinn
hat. «Er hat an seiner Schnauze Elektrorezeptoren, die sich aus den Follikeln
von Barthaaren entwickelt haben», sagt
Nicole Czech-Damal. Damit könne er
auch noch im Sand vergrabene Beutetiere am Meeresgrund aufspüren und
die durch Bewegung erzeugten elek­
trischen Felder wahrnehmen. Dies sei
erstaunlich, da man bisher immer an­
genommen habe, dass Delfine nur
­mithilfe der Echo-Ortung ihre Beute
­finden würden.
Für Artenschutz sensibilisieren
Sind Delfinarien ein Auslaufmodell?
Nicht mehr zeitgemäss? «Es kommt immer ganz darauf an, wie die Delfine gehalten werden und wo sie ursprünglich
herkommen», sagt die Delfinforscherin
Nicole Czech-Damal von der Universität
Hamburg. Ob sie also bereits in Gefangenschaft geboren seien oder es sich um
Wildfänge handle. Sie könne deshalb immer beide Seiten verstehen und sei nicht
so radikal wie manche Tierschützer, erklärt die Hamburger Zoologin. Denn
Delfinarien könnten die Besucher auch
für das Thema sensibilisieren, sodass
letztlich mehr für die Arterhaltung und
auch gegen die Massenabschlachtungen
von Delfinen wie etwa in Japan getan
werden könne.
Delfine sind ein Publikumsmagnet,
da sie aufgrund ihrer angehobenen
Mundwinkel scheinbar immer lächeln.
«Auch noch wenn sie leiden oder sterben», sagt Michael Krützen von der
­Universität Zürich, der Delfine in der
Shark Bay, 900 Kilometer nördlich von
Australien, in freier Wildnis erforscht.
Deshalb würden viele Besucher in
­Del­
finarien irrtümlicherweise meinen,
dass es den Tieren in den engen Becken
gut gehe. Was ein Trugschluss sei.
Säugetiere mit grossem Hirn
Erst im vergangenen Jahr hat die Ver­
haltensbiologin Lori Marino von der
Emory University in Atlanta an der Jahrestagung der amerikanischen Wissen-
Kämpfe unter Artgenossen
Delfine sind Publikumsmagnete, weil sie scheinbar immer lächeln. Foto: Aurora, Keystone
Delfine haben ähnlich
wie Menschen sehr
komplexe soziale
Netzwerke. Aber sie
bleiben Raubtiere.
schaften (AAAS) in San Diego betont,
dass es für Tiere mit so hohen ­kognitiven
Fähigkeiten vermutlich gesundheitsschädlich sei, wenn sie in ­Gefangenschaft
gehalten werden. Gemessen an ihrer
Körpergrösse haben Delfine etwas weniger Hirnmasse als der Mensch. Dafür ist
das Gehirn aber stärker gefaltet und hat
eine grössere Oberfläche. Das Hirn der
Delfine ist fünfmal grösser, als es im Vergleich zu ihrer ­Körpergrösse zu erwarten wäre. Beim Menschen ist es siebenmal grösser.
«Die Tiere dürften deshalb auch nicht
einfach in Tiershows vermarktet und zu
diesen Zwecken gefangen werden», sagt
Michael Krützen. Denn sie seien nicht
nur äusserst clever, sondern haben auch
Kultur. Zusammen mit australischen
Kollegen habe er beobachtet, wie einige
Delfine für die Futtersuche Werkzeuge
verwenden.
Dazu lösen sie Schwämme vom Meeresboden ab und stülpen diese über
ihre Schnauze. Die Schwämme dienen
ihnen als eine Art Handschuh, um ihre
Schnauze bei der Futtersuche im Boden gut zu schützen. Interessant ist,
dass dies ein von der Delfinmutter erlerntes Verhalten ist. Die Kälber eignen
es sich erst im Alter von ungefähr drei
Jahren an.
Doch Delfine, von denen es ins­
gesamt 40 Arten gibt, haben offenbar
noch mehr Tricks parat. So hat die
Delfine verblüffen die Forscher immer
wieder. Denn sie haben ähnlich wie
Menschen sehr komplexe soziale Netzwerke. «Sie erkennen ihre Freunde,
kümmern sich um diese sowie auch um
ihre Familienangehörigen», sagt Michael
Krützen. Dennoch seien es weiterhin
Raubtiere, und sie bekämpften sich auch
untereinander. «Sie können sich beissen, unter Wasser drücken und verscheuchen», sagt der Zürcher Forscher.
Deshalb sei es auch nicht art­gerecht, in
einem Delfinarium wildfremde Tiere in
einem Becken zusammenzupferchen
und auf die Sozialstruktur keine Rücksicht zu nehmen. Denn Delfine könnten
sich dort nicht mehr auf natürliche Art
und Weise aus dem Weg gehen.
Weitere Berichte zum Delfinarium
im Conny-Land auf Seite 3
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Materie aus den ersten Minuten nach dem Urknall entdeckt
Bei der Analyse von Licht
aus dem Weltall bestätigen
Forscher die Urknalltheorie.
Von Till Mundzeck (DPA)
Erstmals haben Astronomen unberührte
Urmaterie aus den ersten Minuten des
Urknalls aufgespürt. Die fernen kosmischen Gaswolken besitzen noch die ursprüngliche Zusammensetzung aus Wasserstoff und Helium ohne schwerere
chemische Elemente. Die Gruppe um
Michele Fumagalli von der Universität
von Kalifornien in Santa Cruz stellt ihre
Entdeckung im US-Fachblatt «Science»
vor. «Das ist der erste Beleg, der voll mit
der Zusammensetzung des ursprünglichen Gases übereinstimmt, wie sie von
der Urknalltheorie vorhergesagt wird»,
erklärt Fumagalli.
Der gängigen Vorstellung zufolge sind
im Urknall vor 13,7 Milliarden Jahren nur
die beiden leichtesten chemischen Elemente Wasserstoff und Helium entstanden sowie Spuren von Lithium und Bor.
Alle schwereren Elemente mussten erst
im Laufe der Zeit durch das Kernfusionsfeuer und die Supernova-Explosionen
von Sternen geschaffen werden. Dabei
wurden die leichten Atomkerne nach
und nach zu immer schwereren verschmolzen. Auch sämtliche Kohlenstoff-,
Kalzium- und Eisenatome, aus denen
Menschen, Pflanzen und Tiere bestehen,
sind irgendwann in längst verloschenen
Sonnen gebacken worden. Am Anfang
gab es nur Wasserstoff und Helium.
Unberührte Urmaterie
Die Forscher nutzten das Licht ferner
Quasare für ihre Entdeckung. Quasare
sind hell strahlende aktive Galaxien, die
wegen ihrer enormen Entfernung punktförmig wie Sterne erscheinen (quasistellare Objekte). Sie gehören zu den
hellsten Objekten im Universum. Im
Licht der Quasare stiessen die Astronomen auf die unverfälschte Urmaterie.
Die Quasare durchleuchten dabei von
hinten die urtümlichen Gaswolken, die
rund zwölf Milliarden Lichtjahre von der
Erde entfernt sind. Wegen dieser gigantischen Distanz erscheinen die Wolken
so, wie sie etwa zwei Milliarden Jahre
nach dem Urknall ausgesehen haben –
das Licht war von ihnen zu uns rund
zwölf Milliarden Jahre unterwegs.
Jedes chemische Element verschluckt
Strahlung bestimmter Wellenlängen und
hinterlässt so einen charakteristischen
«Fingerabdruck». «Wir sehen Absorptionslinien im Spektrum dort, wo das
Licht vom Gas verschluckt wurde, und
das erlaubt uns, die chemische Zusammensetzung des Gases zu messen», erläutert Fumagalli. «Das Fehlen von Metallen sagt uns, dass dieses Gas ursprünglich ist», erläutert sie.
Die Entdeckung belegt damit nicht
nur die Theorie von der Entstehung der
Elemente, sondern zeigt, dass es zwei
Milliarden Jahre nach dem Urknall noch
völlig unberührte Urmaterie gab.
Ein anderes Astronomenteam entdeckte dagegen bei der Analyse eines
starken Gammablitzes in zwei jungen
Galaxien aus derselben Epoche erstaunlich viele schwere Elemente. Der Gammablitz durchleuchtete die beiden Galaxien, die auch rund zwölf Milliarden
Lichtjahre entfernt sind, und zeigt deren
chemische Zusammensetzung daher
ebenfalls zu einer Zeit, als der Kosmos
erst knapp zwei Milliarden Jahre alt war.
Demnach besassen die beiden neu entdeckten Welteninseln bereits damals
einen höheren Anteil schwerer Elemente
als unsere Sonne heute, wie die Forscher um Sandra Savaglio vom Max-
Planck-Institut für Extraterrestrische
Physik in Garching bei München im britischen Fachblatt «Monthly Notices of
the Royal Astronomical Society»
(MNRAS) berichten.
Zwei metallhaltige Galaxien
Die Astronomen untersuchten einen
Gammastrahlenausbruch (GRB), den
das Weltraumteleskop «Fermi» der Nasa
im März 2009 aufgezeichnet hatte. Mit
dem «Very Large Telescope» (VLT) der
Europäischen Südsternwarte ESO beobachteten die Forscher das Nachleuchten
dieses Blitzes. «Diese Galaxien enthielten mehr schwere Elemente, als je zuvor
in einer Galaxie in einer so frühen Phase
des Universums beobachtet wurden»,
berichten die Forscher. Möglicherweise
seien die jungen Galaxien gerade im Begriff gewesen zu verschmelzen, vermuten die Forscher. Bei der Verschmelzung
von Galaxien wird regelmässig die Neubildung von Sternen angekurbelt.
«Mich fasziniert, dass die Metallizität
zu dieser Zeit um den Faktor von einer
Million schwankte», sagt Fumagalli. «Es
gab Orte, wo reichlich Metalle vorkamen, und es gab Orte, wo das Gas seit
Anbeginn der Zeit unverändert war.»
Atomausstieg
wäre finanzierbar
Eine ETH-Studie zeigt:
Die Schweiz könnte den
Atomausstieg verkraften.
Von Martin Läubli
Die ETH Zürich hat ein ambivalentes
Verhältnis zum Ausstieg aus der Kernkraft. Es ist keine Woche her, seit ETHStudenten harsch die Schulleitung kritisierten: Die ETH Zürich bezieht seit Anfang Jahr aus ökonomischen Gründen
keinen Ökostrom mehr, sondern zieht
Atomstrom vor. Im Mittelpunkt stand
ETH-Präsident Ralph Eichler, Atomphysiker und Skeptiker der Energiewende.
Ohne Getöse hingegen wurde nun auf
der Website des Energy Science Center
(ESC) der ETH eine Studie veröffentlicht, die mithilfe von Modellrechnungen aufzeigt, dass der Umbau der Schweizer Energieversorgung auch ohne Kernkraft technologisch bis zum Jahr 2050
möglich und volkswirtschaftlich verkraftbar ist – ohne dabei das Klimaziel
einer maximalen Erwärmung der Erde
von 2 Grad aufzugeben. Dieser Befund
ist zwar keineswegs neu. Trotzdem ist
die Studie bemerkenswert, weil die Autoren, Professoren verschiedener Disziplinen, anhand von Sensitivitätsrechnungen die Kernaussagen als robust und
verlässlich einschätzen. Zumal, wie die
Autoren ausführen, «technologische»
Abschätzungen und Wirtschaftlichkeitsrechnungen für solch lange Zeitperioden mit grösseren Unsicherheiten behaftet seien.
Vorteil Wasserkraft
Nimmt man die neue ETH-Studie als Zukunftsmodell, dann beträgt die Stromnachfrage in 40 Jahren bei einem durchschnittlichen Bevölkerungsanstieg und
einem moderaten Zuwachs des Einkommens pro Kopf jährlich etwa 79 Terawattstunden – heute verbrauchen wir
63 Terawattstunden. Dieser Anstieg
wird, so die Schätzungen, unter anderem durch die notwendige Elektrifizierung der Energie wie etwa den Ersatz
der Öl- und Gasheizungen durch Wärmepumpen und den Zuwachs von Elektroautos im Verkehr entstehen. Denn orientiert sich die Schweiz am globalen Klimaziel, der Erderwärmung von maximal
2 Grad, so muss der jährliche CO2-Ausstoss von 40 Millionen Tonnen auf
14 Millionen reduziert werden.
Die Autoren der Studie stellen sich
«realistisch» folgendes Stromangebot in
der Schweiz im Jahr 2050 vor: knapp 50
Prozent Wasserkraft, 15 bis 20 Prozent
Fotovoltaik, 6 bis 10 Prozent Biomasse,
0 bis 10 Prozent Geothermie, 3 bis 5 Prozent Windkraft sowie 0 bis 20 Prozent
Gaskraftwerke mit CO2-Abtrennung oder
Stromimporte. Die Schweiz habe den
Vorteil, in Zukunft über genügend Speicherseen und Pumpspeicherkraftwerke
zu verfügen. Das erleichtere die Integration von schwankenden Energiequellen
wie Sonne und Wind ins Gesamtenergiesystem. Die Autoren gehen zudem davon aus, dass die Stromproduktion künftig durch intelligente Steuerungen effizient geregelt wird. Die Gestehungskosten
in diesem Szenario würden im Vergleich
zum heutigen Mix maximal um 30 Prozent ansteigen. Nicht auf die Äste hinauslassen wollen sich die Autoren beim
Netzausbau; hier seien Kostenschätzungen schwierig.
Mehr Energieforschung
Diese Zahlen lesen sich vielversprechend. Ohne eine grosse konzentrierte
gesellschaftliche Anstrengung sei die
Energiewende allerdings nicht zu erreichen. ETH-Präsident Ralph Eichler
spricht in seinem eben erschienenen
«Newsletter des ETH-Präsidenten» davon, dass der «Teufel im Detail» stecke.
Wir wüssten heute noch nicht konkret,
«welche Arten der Energieumwandlung,
verknüpft mit welchen gesellschaftlichen Verhaltensänderungen, die Lücke
der Kernenergie ersetzen werden». So
will Eichler lieber vorläufig auf Atomstrom setzen und das gesparte Geld der
Erforschung alternativer Energien zur
Verfügung stellen.
Ein Aufbruchsignal an die Gesellschaft war das zwar nicht. Zumindest
hat die ETH in den letzten Jahren zusätzliche Professuren in der Energieforschung eingesetzt. Weitere sind geplant:
zwei Lehrstühle für Geothermie sowie
sechs Professuren für nachhaltiges
Bauen, die teilweise ihre Arbeit schon
aufgenommen haben.
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