Über sozialen und gesellschaftlichen Wandel

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Über sozialen und gesellschaftlichen Wandel
- Ein (fiktiver) wissenschaftlicher Disput Erarbeitet und in Szene gesetzt von Normann Weber (Bonn) im Rahmen des
Präsenzseminars von Prof. Dr. Wieland Jäger zum Thema „Sozialer Wandel –
Theorien zur Dynamik von Gesellschaft” (Leverkusen, 06./07. Dezember 2002)
Disputanten:
Katrin Aschenbrenner, Johannes Berger, Karl Martin Bolte, Ralf Dahrendorf,
Paul Feyerabend, Friedrich Fürstenberg, Anthony Giddens, Maureen T.
Hallinan, Stefan Hradil, Rene´ König, Wieland Jäger, Renate Mayntz, William
F. Ogburn, Talcott Parsons, Darcy Ribeiro, F. Spier, Friedrich H. Tenbruck,
Max Weber, Wolfgang Zapf
Schlußwort:
Der Allmächtige Gott der Herr
Moderation:
Normann Weber
Redaktion:
Wieland Jäger
Abstract
Eine Anregung von Prof. Jäger aufgreifend, werden verschiedene theoretische Ansätze zum
Thema ”Sozialer Wandel” in Form eines Dialogs dargestellt.
Der Dialog findet im Rahmen eines Kongresses statt, allerdings fernab von dieser Welt, nämlich
im Himmel. Das gibt dem Autor die Möglichkeit, das Verfahren des Diskurses – sozusagen von
”höchster Stelle” sanktioniert - abzubrechen, wann immer es ihm geboten erscheint. Einige
wenige Theorien kommen etwas ausführlicher zur Sprache immer dann, wenn sich die
Forschergemeinschaft in Seminarräume zurückziehen darf. Die Auswahl dieser Theorien
enthält keine Wertung, sie wurde in erster Linie durch den begrenzten Umfang einer
Seminararbeit bestimmt.
Vorspann
Der Herrgott lässt zu seinem Zeitvertreib wissenschaftliche Tagungen austragen. Das Thema
gibt er vor, nachdem er sich hierüber mit seinen beiden anderen Teilen der Dreieinigkeit
abgestimmt hat. Geladen sind dabei je nach Themenstellung Wissenschaftler(seelen) aus
verschiedenen Disziplinen und verschiedenen (Erd)Zeiten. Auch der Autor darf als Mittler
zwischen Himmel und Erde mitmachen und einleitende oder verbindende oder resümierende
Worte sprechen. Die Auswahl der geladenen Gelehrten und die Organisation obliegt
gewissen Engel(bürokrate)n. Diese wachen auch über die Redezeit sowie Anstand und Ehre
der Diskussionsführung (obwohl die Positivauslese – wer kommt schon aus
Wissenschaftlerkreisen in den Himmel?- erfahrungsgemäß dafür sorgt, dass hierbei nicht
2
allzu viel an Sanktionshandlungen nötig ist). Der protokollführende Engel wird angewiesen,
die Diskussion zu beenden, wenn er circa zwanzig Seiten vollgeschrieben hat.
Das Thema dieses Tages lautet “sozialer Wandel”. Gott ist an diesem Topos interessiert, weil
er sich immer wieder überlegt, ob er das Experiment Menschheit auf der Erde beenden soll
oder nicht (aber das verrät er den Disputierenden natürlich nicht).
Die Tragödie besteht nun in vielerlei, wovon lediglich erwähnt sei: Zum einen, Gott überlegt
generell, ob er das Experiment Schöpfung mittels eines künstlichen Endes abbrechen soll und
zum anderen, die hienieden auf Erden vielgerühmte Wissenschaft ist offensichtlich eine
Diskussion ohne natürliches Ende, sozusagen eine never ending story. Endlichkeit und
Unendlichkeit begegnen sich hier auf so überraschende Weise: Gott entschließt sich für
Endliches, Menschen für Unendliches!
Der Tragödie erster Teil, worin alle Akteure erst einmal
vorgestellt we rden
Autor: Es sei mir gestattet, einleitend auf die Bedeutung dieses Themas hinzuweisen. Aus
systematischen Gründen schreiben wir ja dem “Sozialen”, was immer das heißen mag, eine gewisse
Struktur einerseits und ein gewisses Verhalten andererseits zu. Die Struktur oder der Aufbau des
Sozialen ist dabei über gewisse Zeitspannen relativ statisch. Seine Eigenart, d.h. das Wie des Aufbaus,
fließt notwendig in das mit ein, was als Verhalten oder Bewegung oder Prozess am Sozialen
beobachtbar wird, also etwas Dynamisches. Umgekehrt wird sich im Bereich des Sozialen nichts
bewegen, was nicht eine gewisse Struktur oder gar einen Strukturreichtum aufweist. Was also wandelt
sich: die Struktur des Sozialen oder das Verhalten des Sozialen?
Paul Feyerabend1 : Sehr hölzern, junger Herr Kollege, aber Sie laufen sich ja gerade erst warm!
Denken Sie an den antiken griechischen Philosophen Heraklit, der da verkündete: alles fließt! Der
Wandel, das Fließen als Normalfall.
Wieland Jäger: Ein wenig zu unspezifisch, halt typisch philosophisch! Wir - die Soziologen - haben
schon eher die “Strukturen” im Blick, wenn wir von sozialem Wandel sprechen und wir bemühen uns,
relativ stabile Zustände dieser Sozialstrukturen zu beschreiben und zwar vor und nach ihrer
Veränderung...2
Wolfgang Zapf: zustimmend nickend 3
Wieland Jäger: ... Wir haben natürlich bei den Sozialstrukturen noch zu differenzieren in Mikro- und
Makrostrukturen, d.h. wir betrachten Prozesse des Wandels einerseits in Gruppen, Subkulturen u.dgl.,
aber andererseits auch in ganzen Gesellschaften.4
Talcott Parsons: Ich möchte darauf hinweisen, dass zur theoretischen Beschreibung dessen, was Sie
“sozialen Wandel” und ich “institutionellen Wandel” nenne, noch eine ganze Menge an theoretischem
Rüstzeug fehlt. So wäre zu diesem Zweck im Rahmen meiner “strukturell-funktionalen Soziologie” 1.
die Synthese all meiner Teiltheorien zu liefern und 2. wären die Gesetze [an dieser Stelle zieht
1
Paul Feyerabend vertritt als Philosoph und Abtrünniger Karl Raimund Poppers eine liberale
Wissenschaftsphilosophie, die unter das Motto “anything goes” gestellt wurde. Vgl. L1
2
vgl. L2, S.16, zitiert nach dem Seminar-Reader: ”Sozialer Wandel” (=L3), S.3
3
vgl. L2, S.15, zitiert nach Reader L3, S.2
4
vgl. L2, S.17, zitiert nach Reader L3, S.3
3
Wieland Jäger eine bedenkliche Miene] zu erforschen, die die Prozesse innerhalb des sich wandelnden
sozialen Systems bestimmen. 5
Ralf Dahrendorf: In der Tat beides Dinge, deren Ausarbeitung Sie uns noch schuldig sind! 6
Friedrich H. Tenbruck: Nicht nur das schulden Sie uns, Kollege Parsons! Auch die Beachtung des
Geschichtsproblems vermisse ich. Die großen soziologischen Systeme eines Comte, Marx, Spencer
etc. waren eigentlich immer auch Geschichts- und Sozialphilosophien. Geschichte wurde dabei meist
als Entwicklung und Entwicklung wiederum als Fortschritt interpretiert. Dies blieb auch nach Darwin
so. Im Sinne eines so verstandenen Evolutionismus sollten alle Völker sich stufenweise von niederen
zu höheren sozialen, politischen, religiösen, technischen, moralischen Zuständen entfalten. Natürlich
sind wir als heutige Soziologen weit von solchen Ansichten entfernt...7
Alle: Sic! Sic!
Friedrich H. Tenbruck: ...Dennoch beeinflusst der soziologische Wandel – man muss nach Kollege
Parsons wohl exogenen von endogenem Wandel unterscheiden, je nachdem ob der Auslöser des
Wandels innergesellschaftlich zu suchen ist oder von außen auf die Gesellschaft einwirkt – den Lauf
der Geschichte, auch wenn letztere noch darüber hinaus zufällige Elemente enthält. Die Soziologie
sucht Gesetze des sozialen Wandels von unterschiedlicher Determinationskraft.8
[an dieser Stelle zieht Wieland Jäger erneut eine bedenkliche Miene]
Wieland Jäger: Gesetze sind out! 9
Paul Feyerabend [strahlend]: Ah! Auch Sie sind Anarchist?! Nieder mit den Gesetzen! Freiheit für
alle!
Wieland Jäger: Nein, ich meinte jetzt eigentlich Gesetze im Sinne von nomothetischen Aussagen...
Paul Feyerabend: Prima! Sag ich doch: Nieder mit den nomothetischen Aussagen! Erzählen und Lösen
Sie Ihre Probleme doch in Form von Geschichten (stories)!
[Betretene Pause in der Runde]
Wieland Jäger: Detektivgeschichten?
Paul Feyerabend: Warum nicht? Wir sind doch alle Meister im Spurensuchen! Und im Rätsellösen!
Das ist doch der Spaß in und an der Wissenschaft! Kühne Hypothesen wagen, wie Altmeister Popper
lehrt.
Max Weber: Bei allem Spaß sollte doch die Exaktheit nicht zu kurz kommen. Eine geregelte
Begrifflichkeit und Methode hilft allemal weiter. Auch Ihre – ich möchte fast sagen: lapidaren –
Detektivgeschichten und Rätsel entbehren nicht einer eigenen Methode und Regelhaftigkeit, wie sonst
sollte man von einem eigenen Literaturgenre in diesem Detektivbereich sprechen können? Kurzum:
ich verweise also an dieser Stelle auf meine Konzeption der “Idealtypen”. Schon Kollege Tönnies
verwendete die Idealtypen Gemeinschaft und Gesellschaft und sah etwa die soziale Veränderung von
Industriegesellschaften als Übergang vom erstgenannten Idealtypus zum zweiten aufgrund
unterschiedlicher Gestaltung der zwischenmenschlichen Beziehungen – übrigens ist letzteres eine
genuin soziologische Kategorie, die mir in der bisherigen Diskussion etwas zu kurz kam. Oder
nehmen Sie Kollege Durkheims Gesellschaftstypen mit mechanischer Solidarität in den alten
Gesellschaftsformen und organischer Solidarität in den modernen Gesellschaftsformen. Ich will jetzt
5
vgl. Ralf Dahrendorf, L4, S.233 ff.
vgl. den Artikel ”Struktur” von Rene´ König in: ders., L5, S.322
7
vgl. den Aufsatz von Friedrich H. Tenbruck “Über den gesellschaftlichen Wandel” , L6, S.321
8
vgl. L6, S.324 ff.
9
vgl. L2, zitiert nach L3, S.9
6
4
nicht auch noch auf Auguste Comte und sein Dreistadiengesetz verweisen oder auf die bei Karl Marx
erwähnten Gesellschaftsformen. Es gilt also zu beschreiben wie die Übergänge zwischen diesen
Gesellschaften erfolgen. 10
Paul Feyerabend: Mensch, da fällt mir wieder mal mein oller Lehrer ein: Karl Raimund Popper, nein
sorry, Sir Karl! Der sprach immer gerne von “offenen” und “geschlossenen” Gesellschaften, wobei
erstere sich aus letzteren entwickeln, es dabei aber auch Rückschläge gibt. 11
Anthony Giddens : [den Nichtsoziologenkram übergehend] Die von Ihnen, verehrter Max Weber
[Ehrfurcht vor dem Titanen], zitierten Kollegen versuchen zwar - auch die von mir angestrebte Geschichtlichkeit als Dimension ihrer Theorie zu erlangen, aber das gelingt ihnen nur über
Entwicklungsstufen oder Entwicklungsstadien und zugeordneter Übergangsgesetze. Kollege Spencer
hat dies schon vorher über biologische bzw. evolutionstheoretische Gesetze lösen wollen. Ich verwerfe
dies und entscheide mich für einen ganz anderen Weg: für den kulturtheoretischen und
hermeneutischen Ansatz. So hat es für mich wenig Sinn, nach übergreifenden Theorien sozialen
Wandels Ausschau zu halten. Mir sind die Variationsbreiten von Gesellschaftstypen und den
Bedingungen ihrer sozialen Reproduktion viel zu weit, als dass ich mir zutrauen würde, hierüber
generelle Aussagen treffen zu können. Ich bestimme lieber selbst Zeitausschnitte oder Episoden ihrer
Existenz und identifiziere hierin Institutionen und ihren Wandel oder ihre Transformationen. Dieser
Wandel ist episodenspezifisch und verlangt also nach einer historischen Strukturanalyse von
Institutionen ...12
[der diskussionsleitende Engel räuspert sich. Giddens verstummt]
Paul Feyerabend: Wieder ein alternativer Ansatz. Theorien begrenzter Reichweite. Quasigesetze statt
genereller Gesetze 13 . Sehr schön. Wirklich: sehr verworren, aber sehr schön. Ich sehe zwar noch nicht
die Ursachen einer Gesellschaftsdynamik respektive die Motoren des sozialen Wandels, aber eine der
Hermeneutik verpflichtete Sozialtheorie darf sich ja durchaus wie eine Diva mit etwas Dunklem
umhüllen. Wenn Sie nur den Schleier etwas lüften würden, damit sichtbar wird, was die
Gesellschaftsdynamik denn nun so an- und umtreibt.
Anthony Giddens : In der gebotenen Kürze [ängstlicher Blick zum diskussionsleitenden Engel]: die
Trennung von Raum und Zeit, die Entbettung und die institutionelle Reflexivität.14
Paul Feyerabend: Aha!
William F. Ogburn: Wenn Kollege Giddens das einen kulturtheoretischen Ansatz nennt, dann sehe ich
darin vorderhand keinen Zusammenhang zwischen Wandel und Kultur! Ich habe seinerzeit auf zwei
Hauptsektoren der Kultur hingewiesen: auf den materiellen Teil, die Technik, und den immateriellen
Teil, die Organisation oder Elite, die den materiellen Teil kontrolliert und in Gebrauch nimmt.
Vielleicht ist ersteres - die Technik - ja ein Mittel zur Trennung von Raum und Zeit in der
Terminologie von Kollege Giddens und mein letzter Punkt – die Organisation - entspricht der
institutionellen Reflexivität. Beide von mir angeführten Teilbereiche jedenfalls sind nicht völlig
aneinander angepasst: der immaterielle Teil hinkt dem materiellen hinterher. So ist die Technik zwar
der Motor des sozialen Wandels, aber das dem immateriellen Teil zugrunde liegende Wertesystem
verzögert den Gleichlauf, es entstehen “kulturelle Lücken”.15
Max Weber: Herr Kollege, ich denke, ich habe in meinen religionssoziologischen Aufsätzen zur
Genüge dargetan, dass der Motor zum sozialen Wandel gerade nicht im - von Ihnen so genannten -
10
vgl. Friedrich Fürstenberg, L7, S.130
vgl. Popper, K.R.: Die offene Gesellschaft...,L10
12
vgl. L3, S. 157
13
ein im Kritischen Rationalismus immer wieder gern genommener Ausdruck, vgl. Hans Albert, L14
14
vgl. L3, S.159
15
vgl. L7, S.135
11
5
materiellen Teil, sondern im immateriellen Teil der Gesellschaft zu finden ist. Also speziell etwa in
der protestantischen Ethik des seinerzeit aufkeimenden Kapitalismus.16
Karl Martin Bolte/Katrin Aschenbrenner: [unisono] Es geht beim Thema sozialer Wandel in der Tat
schließlich um Symbole, Ideen und Werte und nicht so sehr um Sachzwänge.17
Paul Feyerabend: Meine Herren Kollegen! Auch wenn ich als Anarchist in Methodendingen gelte, so
heißt das doch nicht, dass ich kein Freund von Systematisierungen wäre. Könnte man einmal zu
solchen Zusammenfassungen gelangen?
Der Tragödie zweiter Teil, worin einige Akteure einmal ein Fazit
zu ziehen sich anheischig machen
Friedrich H. Tenbruck: Ich fang mal an, ja? Sozialer Wandel ist das Ergebnis einer
Konstellation verschiedenster Bedingungen und löst andererseits auch wieder eine ganze
Kette von Veränderungen aus. Es ist die Interdependenz der Teile einer Gesellschaft, also
Gruppen, Institutionen einerseits, aber andererseits auch der Normen sowie Ideen, die eine
monokausale Erklärung des Wandels so schwierig macht. So wird sich technischökonomischer Wandel nur insoweit realisieren lassen wie Arbeitsverhältnisse,
Lebensgewohnheiten, Normen der Moral und des Rechts, politische Interessen und soziale
Organisationen das zulassen. Umgekehrt: Änderungen in einem gesellschaftlichen Teilbereich
führen zu Anpassungen - also ebenfalls Änderungen - in einem oder mehreren anderen
Bereichen. So hat die Wandlung zur industriellen Produktionsweise die Institution der Familie
verändert - von der umfassenden Großfamilie zur Zwei-Generationen-Kleinfamilie - und
diese Änderung erzwang wiederum eine Änderung der rechtlichen Normen, der Erziehung
und der Religion. Man kann hier von Innovationen sprechen, von neuen
Anpassungsleistungen. 18
Friedrich Fürstenberg: Ich schließe mich meinem Vorredner an. Allerdings: eine umfassende Theorie
sozialen Wandels sehe ich nicht, nur Theorien mittlerer Reichweite, die auf Teilgebiete dieses
Phänomens abheben, also in etwa: Wandel der Bevölkerungsstruktur, des Industrialisierungs- und
Bürokratisierungsprozesses, Beobachtung des Rationalisierungsprozesses im Sinne Max Webers, des
Demokratisierungsprozesses und des Prozesses der Verstädterung. Hier können Veränderungen
einerseits in den materiellen Daseinsgrundlagen verfolgt werden und andererseits in den Bereichen
sozialer Organisationen. Wichtig ist dabei, auch die sozialen Innovationen in ihrer Entwicklung
innerhalb des sozialen Wandlungsprozesses zu analysieren. Ausgangspunkt des Wandels ist ja
offensichtlich ein Mangel in der Situationsbewältigung von Personen oder Gruppen. Es kommt zu
kognitiven Dissonanzen - im Sinne der Theorie von Leon Festinger - die nach Auflösung verlangen
und durch einen erfolgreichen Wandlungsprozess auch aufgelöst werden. Am Ende steht eine
Verhaltensänderung von Personen oder Gruppen aufgrund eines sozialen Lernprozesses.19
Paul Feyerabend: Ich will ja jetzt nicht wieder die alte Frage aufrollen, wer da lernt, Einzelne oder die
Gruppe oder die Gesellschaft in toto...
16
vgl. Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, in: L8, S.333 ff.
vgl. Bolte, K.M./Aschenbrenner, K.: Die gesellschaftliche Situation der Gegenwart, in L9, S.21 ff.
18
vgl. L6, S.326
19
vgl. L7, S. 136 ff.
17
6
Friedrich Fürstenberg: ...es handelt sich schon um ein gesellschaftliches Totalphänomen, welches
nicht auf einen Teilbereich beschränkt bleiben kann. Die Häufung von Interaktionen bedingt ein
vollständig anderes Verhalten der Einzelnen. Eine neue Qualität entsteht.20
Renate Mayntz: Ich möchte – was diesen Zusammenhang betrifft - an die Bedeutung der sozialen
Organisationen erinnern: Gesellschaften in toto - oder Teilsysteme hiervon - bedienen sich zur
Erreichung ihrer Ziele der Organisationen. D.h. zumindest der geplante Wandel ist
organisationsgetrieben. Andererseits wirkt der soziale Wandel auch auf die Organisationen zurück in
Form von technischen, gesetzlichen, strukturellen und individuellen Faktoren. Es sind funktionelle
Differenzierung und Formalisierung, die sich in jedem Falle im Laufe der Lebensdauer einer
Organisation in dieser ausbreiten - unabhängig von dem gesellschaftlichen Wandel in der Umgebung
dieser Organisation - und diese Phänomene können wiederum einem sozialen Wandel der Gesellschaft
im Wege stehen.21
Paul Feyerabend: Ja kruzzifix, wie soll denn da überhaupt noch eine Änderung der gesellschaftlichen
Verhältnisse vonstatten gehen, wenn sich Gesellschaft über Organisationen derart stabilisiert? Wohl
nur über Revolutionen, oder? [wieder etwas abgekühlter] Das erinnert mich an meinen Kollegen aus
der Wissenschaftsphilosophie, Thomas Kuhn, der ähnlich verkrustete Strukturen in der Wissenschaft
vermutete. In diesem Zusammenhang sprach er von der “normalen Wissenschaft”, wenn es um den
linearen kumulativen Erkenntnisfortschritt innerhalb von Schulen der Wissenschaftlergemeinschaft
ging. Die erstickt schließlich an den auftretenden Anomalien und häutet sich durch eine
wissenschaftliche Revolution, d.h. durch das Aufnehmen eines neuen Paradigmas in den Kreis der
althergebrachten Theorien. 22
René König : Ähnliches hat doch auch Karl Marx in seiner geschichtlichen Katastrophentheorie zum
Ausdruck gebracht. Dort “erscheint” das Prinzip des gesamtgesellschaftlichen sozialen Wandels als
“revolutionäre Umgestaltung der ganzen Gesellschaft” und führt dann zur “Enthüllung” des Konflikts
(Klassenkampf) bzw. der Revolution als Naturgesetz der gesellschaftlichen Βewegung. Leider hat
diese Theorie durch Friedrich Engels – fußend auf Lewis B. Morgan - dann einen unilinearen
darwinistisch-evolutionistischen und darüber hinaus durch Hegelsches Gedankengut sogar einen
teleologischen Touch bekommen. 23
Paul Feyerabend: Offensichtlich alles Eigenschaften, über die bestimmte Soziologen die Nase
rümpfen!?
Friedrich H. Tenbruck: Nicht wieder im Kreise drehen! Wir hatten festgehalten, dass sich die
Soziologie von den großen historischen evolutionstheoretischen Ansätzen verabschiedet hat, nicht
zuletzt weil Entwicklung mit Fortschritt gleichgesetzt wurde. Und Fortschritt hin zu einem (höher
bewerteten) Zustand beobachten wir keineswegs. So gibt es auch heute noch Stammesgesellschaften
und andere eher traditionalistische, geschlossene Formen. Nicht zuletzt haben wir gelernt, dass
scheinbar fortgeschrittene Gesellschaften der Regression unterliegen und in Entwicklungsstufen
zurückfallen. Die Frage nach historischen Entwicklungsgesetzen ist in der Soziologie verschwunden
und fristet ihr trauriges Dasein höchstens noch in der Geschichts- oder Kulturphilosophie. Die
Soziologie backt kleine Brötchen. Sie untersucht die Gesetze [erneuter entsetzter Blick von Wieland
Jäger] der Veränderung einzelner Teile der Gesellschaft, d.h. wir untersuchen die vielen einzelnen
Teile eines sozialen Wandels.
Darcy Ribeiro: Sie werden verzeihen, wenn ich erst jetzt den Mut finde, der mir vorhin zu einer
Wortmeldung fehlte. Aber Sie zeigten mir alle eine erschreckende Einigkeit in der Ablehnung
evolutionstheoretischer Ansätze. Sie mögen ja Recht haben, wenn es um die von Ihnen kritisierten
unilinearen Ansätze geht, die Sie zuerst bei Friedrich Engels respektive Lewis B. Morgan verankerten.
Ich vermisse aber die Auswertung von anthropologischen und archäologischen Arbeiten eines
20
vgl. L7, S.140
vgl. Mayntz, R.: Soziologie der Organisation, L11, S.19 ff., S.108 ff.
22
vgl. Kuhn, T.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, L12
23
vgl.L5, S.292
21
7
V.Gordon Childe, Leslie White, Julian Steward, Karl Wittfogel etc.pp. Und bei aller Bescheidenheit:
ich vermisse die Diskussion meines eigenen Ansatzes.24
Maureen T. Hallinan: Ich bin untröstlich, dass ich Sie offensichtlich in meiner zusammenfassenden
Darstellung 25 unterschlagen habe. Dürfen wir um eine kurze Charakteristik bitten?
Darcy Ribeiro: Die Geschichte der menschlichen Gesellschaften in den letzten zehntausend Jahren
kann als Folge von technologischen Revolutionen und zivilisatorischen Prozessen erklärt werden.
Ausgangspunkt war das Jäger- und Sammlerdasein und von da entwickelten sich verschiedene
Stränge, das gesellschaftliche Leben zu organisieren, ich spreche von “Lebensweisen”. Diese
wiederum unterliegen drei Grundbedingungen26 . Ich darf mich der Einfachheit halber wörtlich
zitieren: “Diese drei Grundbedingungen – technologische, gesellschaftliche und ideologische - und der
Charakter ihrer Beziehung bewirken, dass eine Klassifizierung evolutiver Phasen auf der Grundlage
der Technologie die Versorgung der Muster gesellschaftlicher Organisation und der ideologischen
Gehalte möglich macht. So kann eine allgemeine evolutive Typologie erarbeitet werden, die für die
drei Bereiche gültig, allerdings im ersten – dem technologischen - begründet ist.”27 [Der
diskussionsleitende Engel räuspert sich erneut] Sofort, Euer Ehren, nur noch diesen einen Satz:
“Damit können die menschlichen Gesellschaften auf eine begrenzte Zahl struktureller Modelle
reduziert werden, die sich innerhalb größerer Entwicklungsphasen seriell anordnen lassen.”28
F. Spier: Sie sprechen mir aus der Seele. Auch ich vertrete einen Ansatz, der vor den großen
Systematisierungen nicht zurückschreckt.29
Autor: Vielleicht kommen wir ja noch darauf zurück. Aber wollten wir nicht eine zusammenfassende
Systematisierung versuchen?
Wieland Jäger: [ängstlich zum diskussionsleitenden Engel blickend] Ich hab’ da etwas vorbereitet, es
ist aber umfangreicher. Der Autor hat schriftlich niedergelegt und wir könnten das paper in
Arbeitsgruppen lesen und diskutieren.
[Der diskussionsleitende Engel nickt das Procedere ab und die Teilnehmer lesen nach der
Kaffeepause im gemütlicheren Seminarraum das Jägersche Pamphlet, formuliert,
interpretiert, gesiebt, verfälscht... vom Autor, der alle Schuld möglicher Missverständnisse
auf sich nehmen muss]
Es kursiert also das folgende Jägersche Pamphlet, woherinnen eine zusammenfassende
Systematisierung der Theorien sozialen Wandels versucht wird.
(Einschub Wieland Jäger:
Normann Weber bezieht sich im folgenden auf meine Buchpublikation aus dem Jahr 1981,
nicht auf die neuere Arbeit von Jäger/Meyer 20003. Im Interesse der Authentizität der
spezifischen Dialog-Dramaturgie von Normann Weber bleibt der nachfolgende Text
unverändert, auch wenn ich mich mehr als 20 Jahre später veranlasst sehe, einige der
folgenden Überlegungen in Teilen zu überdenken.)
24
vgl. L, S.17 ff.
vgl. L3, S.161 ff.
26
vgl. L18, S.20ff.
27
L18, S.21
28
daselbst
29
vgl. L19
25
8
I. Folgende Fragen werden systematisierend und klassifizierend an die existierenden Theorien sozialen
Wandels gestellt:
1.
2.
3.
4.
Strukturverständnis und Bedeutung: Was für ein soziales Phänomen wandelt sich?
Reichweite der Theorie: Welcher Art ist das eingenommene Abstraktionsniveau?
Determinanten des Wandels: Was wird als Ursache des Wandels angenommen?
Prozesscharakteristik des Wandels: Was wird als die Verlaufsform, die Richtung und das Ausmaß
des Wandlungsprozesses unterstellt?
zu 1 (sich wandelndes soziales Phänomen):
Einigkeit besteht i.a. darüber, dass Prozesse im Bereich der sozialen Struktur als sich wandelnd
untersucht werden. Was aber “soziale Struktur” ist, ist letztlich theorie-imprägniert, d.h.
standpunktgebunden.
zu 2 (Abstraktionsniveau):
Werden makrosoziologische (gesamtgesellschaftliche Systemstrukturen bzw. Herrschaftsverbände)
oder mikrosoziologische (Rollen, Rollenverständnis bzw. Beziehungen) Phänomene bzgl. sozialen
Wandels untersucht?
zu 3 (Art von Ursachen des sozialen Wandels):
Werden endogene (innergesellschaftliche) oder exogene (von außen auf die Gesellschaft einwirkende)
Ursachen untersucht?
zu 4 (Verlaufsform, Richtung, Ausmaß):
Es geht um die Frage des evtl. linear oder gar sprunghaft aufwärts sich entwickelnden
Wandlungsprozesses oder aber gegenteilig: um eine Abwärtsbewegung. Es geht ferner um seine
Schnelligkeit und die Breite und Tiefe seiner Auswirkung.
II. Diesen Fragen stellen sich gem. Brandt (1972, S.5) 30 folgende Theorietypen:
A.
B.
C.
D.
Theorien gesellschaftlicher Entwicklung
Theorien der Industrialisierung
Theorien der Modernisierung
makrosoziologische Theorien.
zu A (gesellschaftliche Entwicklung):
1. Gegenstand der Betrachtung: der ökonomisch/technische Wandel, der Wandel im Wertesystem, in
der Sozialstruktur allgemein, im Bildungssystem und in der Politik.
2. Ort der Betrachtung: Industriegesellschaften und Gesellschaften der Dritten Welt.
3. Beispiele:
- Strukturfunktionalismus (Parsons), Neoevolutionismus (Parsons, Eisenstadt)
- Ansätze des Systemwandels (Zollschan/Hirsch, Smelser)
- Konflikt- und Herrschaftsansatz (Dahrendorf, Lockwood)
-
Kybernetik (Cadwalladar)
historisch vergleichende Analysen (Aron, Bendix) .
zu B (Industrialisierung):
1. Gegenstand: ökonomisch/technischer Wandel und andere.
2. Ort: vor allem Dritte Welt.
3. Beispiele:
- nationalökonomische Wachstumstheorie (Robinson, Rostow)
- soziologische Theorie des Tausches (Clausen)
- historisch orientierte Modernisierungstheorie (Bendix, Hoselitz etc.)
30
zitiert nach L3, S.5 ff., es konnte leider wg. des dort fehlenden Literaturverzeichnisses keine Literatur explizit
angegeben werden
9
zu C (Modernisierung):
1. Gegenstand: politischer Wandel, Wandel in Bildungssystemen und Wertesystemen, Wandel in der
Sozialstruktur.
2. Ort: Dritte Welt.
3. Beispiele:
- Wandel der Sozialstrukturen (Levy)
- politischer Wandel (Almond, Rokkan etc.)
- soziale Mobilisierung (Deutsch, Hagen etc.)
- Rolle des Militärs (Aron).
zu D (Makrosoziologie):
1. Gegenstand: gesamtgesellschaftlicher Wandel.
2. Ort: überall
3. Beispiel:
- makrosoziologische Theorie (Etzioni).
(interdisziplinäre Zusammenfassung von Kybernetik, Konflikttheorie, Strukturfunktionalismus mit
dem praktischen Ziel der geplanten gesamtgesellschaftlichen Wandlung).
Kann man zu einer Synthese dieser unterschiedlichen Ansätze gelangen? Gemäß Tjaden (1972) 31
offensichtlich nicht, wenn man handlungs- und verhaltenstheoretische funktionalistische Ansätze
sowie soziologische Konzeptionen des Systemwandels und Theorien des Wandels organisatorischer
Systeme heranzieht.
Fazit: Somit “...bestehen erhebliche Zweifel an der soziologischen Praxis, gesellschaftliche
Veränderungen im Rahmen eines eigenständigen Bereichs zu untersuchen, der das Beharren auf einer
speziellen Soziologie des sozialen Wandels rechtfertigen könnte”.32
Hier endigt das besagte Pamphlet und sorgt im Seminarraum ob dieses Tatbestands für helle
Aufregung bei Wieland Jäger, denn:
Paul Feyerabend: [das enfant terrible der Szene der “Herren Callgirls”33 tönt lauthals auf wienerisch]
No prima bittscheen, kemmers jo Schluss mochn! Das alte Lied: Bereichsabgrenzungsstreitigkeiten
oder wie mein alter Karl, pardon: Sir Karl, sagen würde: Abgrenzungsprobleme 34 . Wie ätzend!
Wieland Jäger: Nein, Moment! Das Lehrstück ist ein anderes: Korrekt zitiert zwar, aber einfach zu
früh aufgehört, sozusagen der Abbruch des Verfahrens gemäss Münchhausen-Trilemma!35 Gleich im
nächsten Satz geht’s doch weiter mit “demgegenüber”! [vorwurfsvoller Blick zum Autor, der wimmelt
- virtuell gestikulierend, man ist ja schließlich ohne Körper - ab und reicht hocherrötet die
Schuldfrage weiter...]
Autor: ... der Kopierer...
Paul Feyerabend: [lauthals wienernd zu Wieland Jäger] Bei mia neet! Kein zweites Blatt des papers
vorhanden. Neemer’s noch aan Koffee!
Wieland Jäger: Nein, bitte, ich möchte das jetzt zu Ende diskutieren. Auf dem zweiten Blatt meines
papers stand: “Demgegenüber gibt es gute Gründe, zumal unter Hinweis auf die jüngste
entwicklungstheoretische Debatte zwischen Luhmanns evolutionistischer Theorie und Habermas‘
31
zitiert nach L3, S.7
vgl. L3, S. 7
33
mit diesem Ausdruck belegte Arthur Koestler den erlauchten Kreis der um den Globus von Kongress zu
Kongress jettenden Berufswissenschaftler, vgl. L13
34
die Abgrenzungsproblematik befasst sich nach Karl R. Popper mit der Frage nach der Abgrenzung des
Untersuchungsgegenstandes und der Vereinnahmung dieses Gegenstandes für die betreffende in Diskussion
stehende Wissenschaft, vgl. L16, 2.Anhang
35
so bezeichnet ein weiterer Popper-Schüler, Hans Albert, die Problematik aller Begründungsphilosophien, vgl.
L14
32
10
kritischer Theorie der Gesellschaft...über erfahrungswissenschaftliche und systemtheoretische
Auffassung hinaus interpersonelle soziale Aktivitäten mit Veränderungswirkungen als Faktoren eines
Gesamtzusammenhangs zu betrachten, der wiederum die historisch entstandenen und damit auch sich
verändernden Verhältnisse einer Gesellschaft bezeichnet...”36
Paul Feyerabend: Puuh! Ganz schön verzwickt der Satz.
Wieland Jäger: Nicht der Satz, Herr Kollege, sondern der Untersuchungsgegenstand Gesellschaft!
Letztere wurde vielfach – für die, die es einfach lieben - verzerrt und entstellt, indem soziale
Veränderungsprozesse auf zwischenmenschliche Aktionen reduziert wurden oder an vorgegebene
Binnenstrukturen und Umweltbedingungen gebunden wurden. Was not tut, ist demgegenüber ein
Gesellschaftsverständnis, das – wie ich einmal formulierte- “...die vorgefundenen natürlichen
Gegebenheiten ebenso einschließt wie die Bedingungen der materiellen Produktion und wesentliche
Elemente wie Normensystem, Wertekomplexe, zwischenmenschliche Beziehungen.”37
Paul Feyerabend: Und wie geht’s weiter, wenn der Grundbegriff ”Gesellschaft”, der ja offensichtlich
ein Vorverständnis für alle soziologischen Probleme nach sich zieht, definiert ist? Was bedeutet dies
für ”sozialen Wandel”?
Wieland Jäger: Nichtmarxistische Soziologen sehen in der Theorie des sozialen Wandels eine
spezielle Soziologie, für marxistische Soziologen ist sie Hauptgegenstand ihrer Erkenntnisarbeit. Für
die ersteren ist ausgemacht, dass mit “Gesellschaft” die kapitalistische Gesellschaft gemeint ist, die in
ihrer Grundstruktur gut geheißen wird und in der es keinen Grundkonflikt zwischen Kapital und
Arbeit gibt, während letztere die kapitalistische Produktionsweise ablehnt, eben wegen dieses
Grundkonfliktes. Im übrigen hat die letzte Gruppierung ein handfestes ideologisches Interesse an
gesellschaftlicher Veränderung. Man ist in dieser Gruppe also aktiv für sozialen Wandel eingespannt. 38
Ralf Dahrendorf: In der Tat ist es einmal Mode gewesen, zwischen Soziologen der Beharrung und
Soziologen des Wandels zu unterscheiden oder m.a.W. zwischen statischer und dynamischer,
ahistorischer und historischer Sozialanalyse.39
Paul Feyerabend: Ja, na und?!
Ralf Dahrendorf: Ich brauche ein wenig Beistand von Ihnen als Philosophen: Kollege Leon Bramson40
hat gesagt, dass in gewissem Sinne alle Soziologie konservativ sei, weil die Wirklichkeit des sozialen
Wandels sich der soziologischen Analyse gänzlich entziehe. Die Übersetzung der Wirklichkeit in
Sprache beraubt die Wirklichkeit ihrer dynamischen Qualität und ersetzt Bewegung durch Metapher.
Die Beschreibung der Bewegung überhaupt unterliegt leicht Paradoxien, man erinnere sich an Zenons
“Achilles-und-die-Schildkröte-Paradoxon” oder man erinnere sich an die Philosophen Hegel und
Nachfolger...
Paul Feyerabend: Wer ist hier der Philosoph? Im übrigen: lassen Sie mal die Sprache in Ruhe und
Frieden, sie ist in der Tat das einzige, was wir als Erkenntniswerkzeug zur Verfügung haben...
Autor: [bescheiden und kleinlaut wie sich das für einen Newcomer geziemt] Und die Mathematik?
Paul Feyerabend: Was war das denn jetzt wieder für eine hinterfotzige Bemerkung? Ich spreche von
Sprache, von natürlicher wie von formaler Sprache.
36
W. Jäger in L2, zitiert nach: L3, S.7
daselbst
38
vgl. L3, S.9 u.10
39
vgl. L4, S.277
40
vgl. Bramson, L.: The Political Context of Sociology, Princeton, 1961, zitiert nach L4, S.279
37
11
Autor: [Oberwasser gewinnend] Aber vielleicht hat die Sprache in den Realwissenschaften, etwa der
Soziologie, erkenntnistheoretisch gesehen Abbildungsfunktion oder Darstellungscharakter41 und in
den Formalwissenschaften, etwa der Mathematik, hat sie das nicht; in den letzteren ist sie
unmittelbarer Ausdruck von idealen Gebilden, von Strukturen.
Paul Feyerabend: Na gut, ich werde drüber nachdenken lassen. Zurück zu Ihnen, Kollege Dahrendorf!
Wenn Sie meinen, die Untersuchung sozialen Wandels entziehe sich der zu verwendenden Sprache
wegen der Analyse gänzlich, dann können wir das Projekt Erfahrungswissenschaften einpacken und
treiben nur noch Mathematik und formale Logik...
Gott, der Herr: [leicht ungehalten] Beschwert man sich jetzt niederen Ortes auch noch darüber, dass
ich am Anfang das Wort sein ließ und es dann dem Menschen in Form der Sprache weiterreichte?!
Alle: Nein! Nein! [allgemeines Singen von ‚Hosianna in der Höhe‘]
Ralf Dahrendorf: Kollege Feyerabend, ich denke –und hier zitiere ich mich wörtlich- “die Übersetzung
der Wirklichkeit in Sprache beraubt die Wirklichkeit unweigerlich ihrer dynamischen Qualität und
ersetzt Bewegung durch Metapher.”42 Als Realwissenschaft hat es die Soziologie zu tun mit
Vorhersagbarkeit von gesellschaftlichen Phänomenen oder Prozessen, genauer von sozialem Verhalten
oder von Verhaltenserwartungen. Diese können gelernt oder vermittelt sein und müssen ein
Mindestmaß von Stabilität aufweisen, damit sie als solche überhaupt erkannt werden können. Es
verlangt einen Prozess der Abstraktion, mittels dessen der Fluss der Entwicklung aufgehalten werden
muss, damit die begriffliche Analyse greifen kann. 43 Das mag auch der Grund sein, warum all unsere
Theorien des sozialen Wandels etwas mechanisch anmuten. 44 Ich habe ja ebenfalls - wie schon
Kollege Giddens - darauf verwiesen, dass unsere Theorien des Wandels bescheidener sein sollten als
die historisch-materialistischen Ansätze von Marx und seinen Epigonen. Ich schlug seinerzeit schon
vor, nicht den sozialen Wandel erklären zu wollen, sondern sein Fernbleiben in einer konkreten
Gesellschaft.45
[Der diskussionsleitende Engel bittet um Rückkehr zu soziologischen Themen, man wolle
nach dem Werturteilsstreit der neunzehnhundertsechziger Jahre doch wohl nicht einen
weiteren Methodenstreit vom Zaune brechen. Paul Feyerabend meinte hinzufügen zu müssen,
was denn von der allgemeinen Soziologie noch übrig bliebe, wenn man sie ihrer
Methodendiskussionen beraube. Diese lästerhafte Bemerkung fand nun überhaupt keinen
Zuspruch.]
Karl Martin Bolte/Katrin Aschenbrenner: Das gibt uns Gelegenheit, in Erinnerung zu rufen, dass zur
Soziologie auch eine empirische Sozialforschung –sozusagen als Zwillingsschwester- gehört. So
haben wir etwa in unserem Werk der neunzehnhundertsechziger Jahre 46 konkrete Gebilde auf sozialen
Wandel hin untersucht: Bevölkerung, Gemeinde, soziale Schichtung etc. Um das tun zu können, haben
wir uns – entgegen der Empfehlung von Kollege Dahrendorf - der Beschreibung zweier Idealtypen
bedient: einmal des vorindustrielle Wirtschafts- und Sozialsystems und zum anderen des industriellen
Wirtschafts- und Sozialsystems. Den Übergang zwischen beiden Systemen haben wir dann mittels
“Auflockerung” und “Verfall” bzw. “Auflösung” von Ordnung beschrieben47 . Wir haben im Ihnen
ausgeteilten paper einmal zusammengestellt, was das vorindustrielle Gesellschaftssystem, welches
immerhin über fünfhundert Jahre währte – nämlich vom 12. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts -,
41
vgl. Karl Bühler: Sprachtheorie..., L17
L4, S.279
43
daselbst
44
vgl. L4, S.280
45
vgl. L4, S.291 ff.
46
gemeint ist L9
47
vgl. L9, S.26 u. 28
42
12
ausgezeichnet hat.48 Wir möchten ausdrücklich betonen, dass die hier genannten Erkenntnisse von den
Größen unseres Faches in der einen oder anderen Form schon hervorgehoben worden sind.
[das nachstehende hand-out wird verteilt – alles virtuell wie erwähn t- und enthält prompt wieder
Interpretationen des Autors]
I. Charakteristik des vorindustriellen Zeitalters:
1. soziale Stellung des Individuums
ist vorbestimmt durch die Geburt, d.h. durch die Einordnung in Verbände (Zünfte, Familie etc.)
2. Form des familiaren Zusammenlebens
Mehrgenerationen-Großfamilie in einem Gehöft
3. Verfassung der Arbeit
Erwerbstätigkeit innerhalb bestimmter Verbände (Familie, Meisterfamilie)
4. Bereich des sozialen Lebens
überschaubar (Dorf, Stadt)
5. Wirtschaftstyp
ca. 90% der Bevölkerung leben von der Landwirtschaft in relativ autarken Wirtschaftsräumen
6. Mobilität
gering, z.T. wegen starrer Standesgrenzen oder wegen des Schollenzwangs der Bauern
7. Charakteristik der Herrschaftsbeziehung
persönliche Bindung zwischen Herrscher und Beherrschtem (Treuebindung in Grundherrschaft und
Lehnswesen)
8. politisch-rechtliche Gliederung der Herrschenden
Ständeorganisation (Adel, Geistlichkeit, städtisches Bürgertum)
9. System sozialer Sicherung
durch Familie und Nachbarschaft bzw. Genossenschaft
10. Bevölkerungsstruktur
Abstimmung zwischen Vermehrung und Nahrungsspielraum.
II. Faktoren des Wandels hin zum industriellen Zeitalter:
resultieren aus dem Zusammenspiel geistiger, politischer und wirtschaftlicher Kräfte und umfassen
etwa
1. die Aufklärung, den Liberalismus und den Sozialismus
2. Durchsetzung der Gewerbe- und Handelsfreiheit sowie die Bauernbefreiung
3. technisch-wissenschaftlicher Fortschritt incl. neuer Produktionsmethoden
4. Ausbau der Handelswege
5. Bevölkerungswachstum
III. sich bereits jetzt abzeichnende dauerhafte Strukturen nach dem Wandel:
1. Stellung des Individuums
bestimmt durch den individuellen Erfolg im Arbeitsleben
2. familiäres Zusammenleben
Ablösung der Mehrgenerationen-Großfamilie durch die Zweigenerationen-Kleinfamilie in getrennten
und entfernt liegenden Wohnungen
3. Verfassung der Arbeit
Erwerbstätigkeit in getrennt vom Heim liegenden Betrieben, Trennung von Arbeitszeit und Freizeit
4. Bereich des sozialen Lebens
unüberschaubar, global statt lokal, lockere Bindung (im Gegensatz zur familiaren Bindung),
Rollenvielfalt, formelle Regelungen
5. Wirtschaftstyp
Zunahme der Dienstleistungsberufe (tertiärer Sektor), verzahnte Wirtschaftsräume
6. Mobilität
48
vgl. L9, S.27
13
hohe Mobilität, Wanderung zu wirtschaftlichen Ballungsräumen
7. Charakteristik der Herrschaftsbeziehung
anonyme, regulierte Herrschaft Einzelner oder zumindest Weniger über Massengesellschaften
8. politisch-rechtliche Gliederung der Herrschenden
demokratische oder totalitäre (mit allen Zwischenstufungen) irgendwie legitimierte
Herrschaftssysteme
9. System sozialer Sicherung
Sicherung durch öffentliche oder private Versicherung (als bürokratische Institution)
10. Bevölkerungsstruktur
niedrige Sterblichkeit, niedrige Geburtenrate in westlichen Gesellschaften, gegenteilige Tendenz in
Ländern der Dritten Welt.
Hier endigt das Pamphlet der Gemeinschaftsanstrengung von Karl Martin Bolte/Katrin
Aschenbrenner.
[nachdem sich das Blätterrascheln gelegt hat und man sich diese Zusammenfassung geistig einverleibt
hat, ist einmal mehr Paul Feyerabend, der sich unermüdlich zu Wort meldet]
Paul Feyerabend: Danke, HerrFRAU KollegIN [auch diese bahnbrechende Errungenschaft des
Miteinanderumgehens aufgrund feministischer Bestrebungen der siebziger/achtziger Jahre des
zwanzigsten Jahrhunderts hat man sich im Himmelreich zu eigen gemacht, obwohl natürlich
männliche und weibliche Seelen keine geschlechtsspezifischen Merkmale mehr aufweisen], jetzt wird’s
ja mal ein bisschen konkreter und daher angreifbarer – wie immer, wenn Begriffsanalyse durch
Empirie angereichert wird. Und der Beweggrund für den Wandel von Zustand Nummer eins zu
Nummer zwei ist – wie Sie sagten - Auflockerung, Verfall, Auflösung von Ordnung. Ist das alles,
was Sie hierzu anführen können?
Karl Martin Bolte/Katrin Aschenbrenner: Nein, wir haben als Grund für die innere Dynamik von
Gesellschaften schon Beispiele gebracht: etwa Aufstiegsbestrebungen Einzelner innerhalb ihrer
beruflichen Strukturen und verbunden damit die Möglichkeiten zu diesem Aufstieg, die die Strukturen
den Einzelnen bieten; die Verlagerung von Berufsinteressen zu dominanten Freizeitinteressen; die
Änderung des Konsumverhaltens aufgrund des Wandels von der Befriedigung existenznotwendiger
Bedürfnisse hin zu Wahlbedürfnissen einer Überflussgesellschaft; das Aufeinanderprallen
verschiedener Kulturen; die Erweiterung der Wissens- und Informationsbereiche aufgrund von
Nachrichten aus zweiter Hand (Medien)...49
Paul Feyerabend: O.K., O.K., aber das alles sind doch keine Ursachen – oder Determinanten wie
manche Soziologen lieber sagen würden - sondern nur weitere Charakteristika des sozialen Wandels.
Wo ist das erklärende Moment? Sie wollen doch wohl keine Hypothese der Form: immer dann, wenn
sich die Interessen vom Berufsleben in das Freizeitleben verlagern, tritt sozialer Wandel ein. Oder:
immer dann, wenn sich die Befriedigung von existenznotwendigen Bedürfnissen zu Wahlbedürfnissen
vollzieht, tritt sozialer Wandel ein. Oder wollen Sie sagen: wenn alle oben genannten
Zustandsbeschreibungen zutreffen, dann tritt sozialer Wandel ein –respektive, dann ist die den
sozialen Wandel konstatierende Aussage wahr. Oder wollen Sie sagen: wenn mindestens eine dieser
Zustandsbeschreibungen zutrifft, dann ist die den sozialen Wandel konstatierende Aussage wahr. Oder
Naturwissenschaften! Aber wir sollen ja keine Methodendiskussion mehr führen.
wollen Sie umgekehrt sagen: wenn sozialer Wandel konstatiert werden kann, dann hat mindestens eine
der oben angeführten Bedingungen, d.h. von Ihnen genannten Beispiele vorgelegen.
Wieland Jäger: Ja, ja, das kümmt davon, wenn man die Soziologie aufzuziehen sucht wie die
Naturwissenschaften! Aber wir sollen ja keine Methodendiskussion mehr führen.
49
vgl. L9, S.30 ff.
14
Martin Bolte/Katrin Aschenbrenner: Wir denken in der Tat, vorwiegend die Symptome in der sozial
gewandelten heutigen Welt beschrieben zu haben. Wir haben dies in Abhebung von der
vorindustriellen Welt getan. 50 Mea culpa!...
Max Weber: Es ist schön zu sehen, wie meine Konzeption der Idealtypen fröhliche Urständ feiert...
Karl Martin Bolte/Katrin Aschenbrenner: ...Wir sind aber der Meinung, dass aus unserer Abhandlung,
wenn man sie einmal nur unter diesem Interpretationsstandpunkt liest, die Bestimmungsgründe des
sozialen Wandels extrahierbar sind. 51
Darcy Ribeiro: Ich würde mich nur ungerne nach vorne drängen, [Paul Feyerabend grinst ob des
südamerikanischen “understatements”] um Ihnen mein Konzept der Bestimmungsgründe des
zivilisatorischen Prozesses einmal anhand eines Papers vorzustellen. Sie müssen nur gutwillig mit mir
interpretieren, dass sozialer Wandel und soziokultureller Wandel dasselbe ist. 52 Unser Autor hat
dankenswerterweise...Aber das kennen Sie ja schon. Folgen Sie mir also zum Kaffee in die
gemütlicheren Seminarräume.
[Paul Feyerabend allen in Richtung Kaffee voranhinkend, wild gestikulierend im Gespräch
mit Ribeiro, manchmal sogar mit seinem Gehstock aufgebracht drohend.]
Der Tragödie dritter und vorletzter Teil, woherinnen man einmal
eine Einzeltheorie etwas genauer unter die Lupe nimmt, nämlich
die des Darcy Ribeiro
[Einmal mehr hat der Autor ein Exzerpt erstellen müssen/dürfen. Die Risiken sind bekannt... Diesmal
handelt das Paper von Ribeiro, D.: “Der zivilisatorische Prozess”. Aus anderen Gruppen ist zu hören,
dass man Sozialanthropologie nicht mit Soziologie verwechseln solle. Als dies Feyerabend zu Ohren
kommt, wettert er wieder gegen die demarcation problems, die Abgrenzungspolemiken der
Wissenschaftler untereinander. Wir wollen seine Schimpfworte hier nicht wiederholen, schließlich
befinden wir uns in himmlischen Gefielden.]
I. Die Voraussetzungen und Ziele des Ansatzes von Ribeiro
Generalziel: Erklärung der Entstehung, der Reproduktion und des Wachstum menschlicher
Gesellschaften53 und zwar unter sozialistisch-marxistischem Blickwinkel. 54
Ziel: es ist ein globales Evolutionsschema zu formulieren (etwa: Sklavenhaltergesellschaften,
Feudalismus, Kapitalismus, Sozialismus), um das Verständnis zu gewinnen für sowohl den großen
Strom der soziokulturellen Evolution als auch der stürmischen Schritte von Fortschritt einerseits und
Regression in der Geschichte andererseits.55 Oder ausführlich zitiert:
“Die vorliegende Analyse versucht zu zeigen, 1. dass die Entwicklung der Gesellschaften und der
Kulturen sich nach einem orientierenden Prinzip richtet, das sich auf die akkumulative Entwicklung
der produktiven und militärischen Technologie stützt; 2. dass gewissen Fortschritten in dieser
progressiven Linie qualitative radikale Veränderungen entsprechen, die sie als Phasen der
50
vgl.die Wendung: ”in einer Zeit des Wandels...” geschieht dies und jenes, L9, S.41 oder S.43
man könnte insbesondere an Kap.7a) u. b) anknüpfen, vgl. L9, S.56 ff.
52
mit vertretbarer Überdehnung der Terminologie von Ribeiro kann man dies aus L18, S.43 entnehmen. Von
”sozialen Wandlungsprozessen” ist explizit auf S.46 in L18 die Rede.
53
vgl. L18, S.50
54
der Autor steht dem Marxismus wohlwollend gegenüber, vgl. L18, etwa S.12 u. 206
55
vgl. L18, S.30
51
15
soziokulturellen Entwicklung zu unterscheiden erlauben; und 3. dass diesen Etappen technologischen
Fortschritts notwendige und damit uniforme Abwandlungen in jenen Organisationsformen der
Gesellschaft und damit der Gestaltung der Kultur entsprechen, welche ich unter dem Begriff
‚soziokulturelle Formationen‘ zusammenfasse.”56 Soziokulturelle Formationen sind die kulturellen
Antworten auf technologische Revolutionen. 57
konkrete Utopie : Überwindung des Hungers, der Armut, der Ungleichheit. Dies verleiht den
revolutionären Kämpfern für dieses Programm im Gegenzug Sinn und menschliche Würde.58
Die zu verwirklichende konkret utopische Gesellschaft ist eine solche, in der neue menschliche
Beziehungen geschaffen werden: brüderliche und nicht-ausbeuterische, gleiche und nichtdiskriminierende; kurz: ein menschliches Leben, das für alle anregend und angenehm ist.59
II. Randbedingungen und Probleme, ideale Lösung
Randbedingungen: evolutive Beschleunigung und nicht: historische Eingliederung, oder synonym:
Aktualisierung, soll der Weg in eine neue Zivilisation sein. 60
Schwierigkeit: 1. Auswahl der differenzierenden Aspekte bzgl. des Variationsbereiches der kulturellen
Güter, die als Diagnoseinstrumente dienen, um konkrete Gesellschaften in der evolutiven Sequenz zu
verorten. 61 2. Zeitliche Koexistenz von Gesellschaften verschiedener Entwicklungsstufen (z.B.
Stammesgesellschaften und Hochindustrialisierte) führt bei Kontakten dieser beiden Formationen zu
zweideutigen Zuständen (z.B. Stammesgesellschaften verwenden Radios).62 3. Die Phasen des
Übergangs von einer soziokulturellen Formation in eine andere machen selbst Phasen durch (z.B.
erstes Auftauchen neuer Verhaltensweisen, dann Blütezeit des Neuen, dann ggfs. Verfall.) 63
ideale Lösung: Identifikation einer Einheit aus homogenen diagnostischen Merkmalen des adaptiven,
assoziativen und ideologischen Systems innerhalb der soziokulturellen Formationen. 64
reale Lösung: Beschreibung folgender Elemente einer soziokulturellen Formation: 1. produktive
Aktivitäten (Landwirtschaft, Handwerk, Industriearbeit etc.), 2. soziale Schichtung (merkantil,
kapitalistisch, sozialistisch etc.), 3. politische Gliederung (Stamm, Stadt, Reich etc.), 4. ideologisches
Profil (Wissen, Normen, Religion etc.), 5. spezielle Eigenschaften (theokratisch, despotisch,
modernistisch etc.).65
III. Methode
Abstraktionsgrad und Anspruchsniveau: Es gibt Analysen kurzer, mittlerer und langer Reichweite.
1. Theorien mit langer Reichweite sind z.B. die sozialanthropologischen Ansätze eines Morgan,
Marx, Engels, Childe, White, Steward, Wittfogel etc.66 und letztlich auch Ribeira.
Kulturhistorische Ansätze eines Toynbee, Spengler etc. bleiben hier außen vor. Im Bereich der
Theorien langer Reichweite ist es vornehmlich die Technologie (einschließlich technologischer
Innovationen und Revolutionen), die als Determinante des Wandels (im Sinne einer Anpassung an
die Natur, s.u. Pkt.2.) fungiert.67
2. Theorien mittlerer Reichweite (Merton) untersuchen konkrete historische Einheiten, die
miteinander in jedem historischen Zeitabschnitt wechselwirken. Diese Einheiten operieren auf drei
Ebenen: a) auf der Ebene der Anpassung an die Natur, um ihr die für das Überleben wichtigen
Dinge abzuringen, b) auf der Ebene der Ordnung der gesellschaftlichen Verhältnisse zum Zwecke
der Produktion und Reproduktion der Gattung, c) auf der Ebene der ideologischen Reflexion jener
56
a.a.O. S.26 ff.
a.a.O. S.29
58
a.a.O. S.285 ff.
59
a.a.O. S.286
60
daselbst
61
a.a.O. S.32 ff.
62
a.a.O. S.34
63
a.a.O. S. 34 ff.
64
a.a.O. S.33
65
daselbst
66
a.a.O. S.15 ff.
67
a.a.O. S.279
57
16
adaptiven und organisativen Elemente mittels Religion, Philosophie etc.68 Theorien mittlerer
Reichweite greifen zur Bestimmung der den Wandel determinierenden Kräfte vornehmlich auf
die zweite Ebene, die der Ordnungskräfte, zurück. Diese Kräfte können in dem Zusammenhang
sogar die Kräfte der ersten Ebene (Technologie) maßgeblich beeinflussen
3. Theorien kurzer Reichweite müssen auf die Interaktion der unter 2. genannten Ebenen
zurückgreifen, wobei die Determinanten der dritte Ebene kausal vorherrschen.69
Unentbehrlichkeit einer allgemeinen Theorie soziokultureller Entwicklung: Eine allg. Theorie ist nicht
nur nützlich, sondern unentbehrlich, “...um wissenschaftlichen Verallgemeinerungen, die aus der
Analyse synchronischer oder funktioneller Bezüge resultieren, einen größeren Rahmen zu geben.”70
IV. Die Theorie zivilisatorischer Prozesse von Ribeira im einzelnen
Evolution: Ribeira vertritt einen speziellen evolutionistischen Ansatz, und zwar einen multilinearen
nicht-dogmatischen Ansatz in der Art eines Hobsbawn, Godelier, Cheneaux, del Barco.71 Ribeiro
expliziert den Evolutionsbegriff dabei wie folgt: “Evolution ist die Bewegung, innerhalb derer die
menschlichen Gesellschaften immer größere Potenzen der Beherrschung der Natur verwirklichen, die
es ihnen erlaubt, immer größere Bevölkerungen zu erhalten, immer komplexere Formen der
gesellschaftlichen Organisation zu entwickeln, immer klarere Ansichten von der Welt sich zu
verschaffen, z.B. ein immer einheitlicheres konzeptuelles System der wissenschaftlichen Sprache
aufzubauen.”72
Wandel: Der soziokulturelle Wandel kann als Folge technologischer Revolutionen und
zivilisatorischer Prozesse erklärt werden.73 Oder etwas ausführlicher zitiert: Wandel ist “1. eine
Sequenz evolutiver Phasen, zum Ausdruck gebracht von einer Reihe soziokultureller Formationen, die
durch aufeinanderfolgende technologische Revolutionen und daraus resultierende zivilisatorische
Prozesse entstanden sind, und 2. eine dialektische Bewegung von Fortschritten und Regressionen,
geschichtlichen Eingliederungen und evolutiven Beschleunigungen.”74
Allgemeine evolutive Typologie der gesellschaftlichen Formationen: Sammler- und Jäger,
Agrarrevolution, Urbanrevolution, Bewässerungsrevolution, Metallurgierevolution, Hirtenrevolution,
Merkantilrevolution, Industierevolution, Thermonuklearrevolution. 75
Grundbedingungen soziokulturellen Wandels : 1. technologische Grundbedingung: der technologische
Fortschritt hat akkumulativen Charakter und vollzieht sich in unumkehrbarer Folge von einfacheren zu
komplexeren Formen; 2. gesellschaftliche Grundbedingung: es bestehen wechselseitige
Abhängigkeiten zwischen der technologischen Ausrüstung einer Gesellschaft und der Größe ihrer
Bevölkerung bzw. der inneren Organisationsform und dem Verhältnis nach außen zu anderen
Gesellschaften; 3. ideologische (kulturelle) Grundbedingung: Gesamtheit der symbolischen,
standardisierten Denk-, Produktions- und Erkenntnisweisen, welche sich manifestieren in: materiellen
Werken und Gütern, sozialen Verhaltensweisen und symbolischen Kommunikationsformen wie
Wissenschaft, Religion, Wertsystemen.76 Die Grundbedingungen sind derart hierarchisiert, dass der
Einfluss der ersteren (der Technologie) über die beiden anderen (das Soziale und das Ideologische)
gegeben ist. 77
Kultur einer Gesellschaft: Die Struktur einer Gesellschaft umfasst folgende Systeme, die sich
an o.a. Grundbedingungen anlehnen: 1. das adaptive System als Verbund der Aktionsweisen,
welche für die Produktion bzw. Reproduktion der materiellen Existenzbedingungen einer
Gesellschaft notwendig sind; 2. das assoziative System als Gesamtheit der standardisierten
Regelungsmodi der Menschen untereinander, welche die Subsistenz und die biologische
68
daselbst
daselbst
70
a.a.O. S.22
71
a.a.O. S.18
72
a.a.O. S.267 ff.
73
a.a.O. S.20
74
a.a.O. S.53
75
a.a.O. S.39 ff.
76
a.a.O. S.20 ff.
77
a.a.O. S.21
69
17
Reproduktion ermöglichen; 3. das ideologische System als Gesamtheit des Wissens, der
Normen, der Sprache, der Werte. In einer historisch konkreten Gesellschaft machen diese drei
Systeme ihre Kultur aus. 78
Arten von Wandlungsprozessen: Menschliche Gesellschaften machen über hinreichend lange
Perioden zwei Arten von Selbstverwandlungsprozessen durch: 1. für die Diversifizierung von
Kulturen ist verantwortlich: ein Prozeß der Vervielfachung der Bevölkerungen, der
Erweiterung der ethnischen Einheiten und der Auffächerung kultureller Muster; 2. für die
Homogenisierung von Kulturen ist verantwortlich: ein Prozeß der Verschmelzung von
ethnischen Einheiten in immer größeren Gesamtheiten, so daß sich ihre kulturellen Muster
gemäß parallelen Linien entwickeln. 79
Charakteristik der soziokulturellen Entwicklung: 1. globale Determination technologischer Natur, die
sich als kontinuierliche Entwicklungslinie im allg. zivilisatorischen Prozess manifestiert und durch
Analysen großer Reichweite aufgewiesen werden kann. 2. besondere Determinationen sozialer oder
kultureller Natur, die durch Analysen mittlerer Reichweite aufgewiesen werden können und die auf
den technologischen Prozess rückwirken können, indem sie ihn beschleunigen oder verlangsamen. 80
Richtung des soziokulturellen Entwicklungsprozesses: “Die soziokulturelle Evolution, als Sequenz
allg. zivilisatorischer Prozesse, hat fortschreitenden Charakter, der sich im Aufstieg des Menschen von
der Stammessituation bis zu den modernen nationalen Groß-Gesellschaften manifestiert. Die allg.
zivilisatorischen Prozesse sind auch evolutive Bewegungen, die neue soziokulturelle Formationen
schaffen. Die besonderen zivilisatorischen Prozesse dagegen sind konkrete historische
Expansionsbewegungen, die weite Gebiete erfassen und sich in verschiedenen Zivilisationen
kristallisieren; jede erlebt zyklisch ihre geschichtliche Erfahrung, erreicht einen Höhepunkt und
verfällt in langen Perioden der Rückständigkeit. Die Zivilisationen folgen so aufeinander, fallen in
Regressionsperioden oder ‚dunkle Zeiten‘ und rekonstruieren sich wieder auf den gleichen
Grundlagen, bis sich ein neuer allg. zivilisatorischer Prozess entfaltet und besondere zivilisatorische
Prozesse hervorbringt, die neue Zivilisationen schaffen.”81 Bei der Analyse der allg.zivilisatorischen
Prozesse werden hauptsächlich die Veränderungen im adaptiven, assoziativen und ideologischen
System sichtbar, die wiederum von technologischen Revolutionen herrühren. Bei der Analyse
besonderer zivilisatorischer Prozesse wird die mit ökonomischen und politischen
Herrschaftsbewegungen verbundene kulturelle Expansion im Vordergrund stehen. 82
Rolle der Interessen in sozialen Wandlungsprozessen: 1. Historische Eingliederung (Aktualisierung)
bezeichnet den Prozess, durch den rückständige Völker in technologisch entwickeltere Systeme
gezwungen werden und ihre Autonomie verlieren oder gar als ethnische Einheit zerstört werden.83 2.
Evolutive Beschleunigung bezeichnet den direkten (absichtlichen oder unabsichtlichen) Fortschritt
einer Gesellschaft unter Wahrung ihrer Autonomie und ethnischen Identität.84
Hier endigt das Pamphlet des Herrn Kollegen Ribeiro.
[Virtuell gesehen: die Köpfe der Herren Callgirls rauchen schon, der Kaffee tut seine
Wirkung auch schon nicht mehr, aber man darf nicht schlapp machen, die 20 Seiten sind ja
noch nicht voll.]
Maureen T. Hallinan: Welch ein Rückfall hinter unter unseren Diskussionsstand von vorhin! Es mag
ja sein, dass zu Ihrer Zeit die emanzipatorischen Bewegungen der Völker der Dritten Welt im
Vordergrund gestanden haben. Aber hier geht es doch nicht um Ideologie, sondern um Wissenschaft,
um Erklärung...
78
a.a.O. S.32
a.a.O. S.22
80
a.a.O. S.27 ff.
81
a.a.O. S.44 ff.
82
a.a.O. S.46
83
a.a.O. S.47
84
a.a.O. S.48
79
18
Darcy Ribeiro: ...Fehlt noch, dass Sie sagen: um interesseloses Wohlgefallen à la Kant...
Autor: ...Ja, warum nicht! Nach dem Zusammenbruch des realen Marxismus dürfen wir doch endlich
auch so etwas wieder sagen, ohne in Verdacht zu geraten, wir würden in Wahrheit nur den militärischpolitisch-industriellen Komplex verteidigen wollen...
[der diskussionsleitende Engel gibt dem Autor Handzeichen, den Mund zu halten, er befürchtet
wahrscheinlich einen Verlust von Niveau.]
Maureen T. Hallinan: Ich gebe ja gerne zu, dass mein Hauptvorwurf auf Sie nicht in allem zutrifft.
Dieser Vorwurf gegen die Theorien großer Reichweite besagte, es gehe in diesen Theorien
hauptsächlich um linearen und kontinuierlichen Wandel im Sinne eines Fortschritts wohin auch immer
und es ging darum, dass einschneidende Ereignisse – etwa Katastrophen - und die Reaktion darauf so
gut wie keine Berücksichtigung finden würden.85 So heben Sie ja selbst mindestens die Kontinuität des
technologischen Fortschritts hervor (siehe den Punkt Ihres Pamphlets mit der Überschrift
Charakteristik der soziokulturellen Entwicklung). Dennoch gilt, und hier darf ich mich selbst zitieren,
dass sich die neuen Theorien sozialen Wandels “...dem sozialen Wandel in einer Zeit der
beschleunigten Veränderung, der globalen Vernetzung, der Instantkommunikation und des
technologisch hohen Entwicklungsstandes stellen” 86 müssen. Wir müssen die Annahmen von
Kontinuität, Linearität und stabilem Gleichgewicht in Frage stellen.
Autor: [jetzt aber mal so richtig auf den Putz hauend] Das erinnert an die Kritik innerhalb der
positiven Ökonomik. Auch hier gab es eine Methodendiskussion, im Rahmen derer der Neoklassik
vorgeworfen wurde, ihre mathematischen Modelle im Rahmen der Dynamik würden bestenfalls
Differentialgleichungen erster Ordnung verwenden und deren Lösungen würden immer nur als
vorübergehende stabile Gleichgewichte betrachtet. Schon die Lösungen solcher Gleichungen, die auf
nicht harmonische Schwingungen – “Chaos” wie wir sie heute vielfach nennen - abzielen, wurden
einfach ignoriert und ausgeblendet.
Maureen T. Hallinan: Ja, ich habe ja in meinem Aufsatz eine Reihe neuerer Analysen erwähnt, die mit
dieser Tradition brechen, etwa Smelser oder Wallerstein. 87 Auch die Theorien großer Reichweite, in
deren Feld Sie - Herr Kollege Ribeiro - sich bewegen haben, zu erweiterten Ansätzen geführt. Ich
denke an die Ansätze der Kollegen Tilly, Moore und Skocpol. 88
Darcy Ribeiro: Ich würde doch nie leugnen, dass die Forschung weitergeht und sich stets verbessert!
Ich habe seinerzeit in der Wissenschaft mein Bestes gegeben zudem in der teilweisen Isolation
südamerikanischer Forschergemeinschaften. Vielleicht ist ja auch der sozialanthropologische Ansatz
ein ganz anderer als der rein soziologische.
Maureen T. Hallinan: Ich möchte um Gottes willen nicht die Bedeutung Ihrer Arbeiten
herabwürdigen, Herr Kollege. Vielleicht lässt sich – und das greife ich gerne von Ihnen auf - der
sozialanthropologische Ansatz oder auch der ethnologische Ansatz nicht direkt mit dem
soziologischen korrelieren...
Paul Feyerabend: ...Abgrenzungsproblematik?...
Maureen T. Hallinan: ...aber ein Schwachpunkt der rein soziologischen Ansätze zum Thema “sozialer
Wandel” ist in der Tat die Spezifizierung der Beziehung zwischen Mikro- und Makroprozessen. 89 Auf
der Mikroebene stünden dabei die Handelnden und ihre Handlungen, auf der Makroebene die
gesamten sozialen Systeme. Globalen und spezifischen Theorien des sozialen Wandels gelingt
gleichermaßen nicht die Verbindung von solchen Makro- und Mikroprozessen und beiden gelingt
85
vgl. L3, S.161
a.a.O. S.162
87
a.a.O. S.163
88
a.a.O. S.163 ff.
89
a.a.O. S.164
86
19
ebenfalls nicht die Konzeption derjenigen Faktoren, die den nichtkontinuierlichen Wandel
determinieren. 90 Die Natur macht eben doch Sprünge, insbesondere die soziale Natur und die
Kontinuität auch in Darwins Evolutionstheorie ist ein falsches Bild. Wir benötigen zur
Weiterentwicklung der Sozialtheorie mathematische Modelle der Chaos- und Katastrophentheorie.91
Autor: Ähnliche Debatten gibt es in der mathematischen Ökonomie. Auch hier gibt es Vertreter, die da
meinen, die Beschreibungsinstrumente zur Erfassung von best. Realitätsausschnitten lägen schon
längst in Form mathematischer Theorien vor und harrten “bloß” ihrer Anwendung auf reale
Phänomene. Der wissenschaftstheoretische Strukturalismus eines Wolfgang Stegmüller, der die
Ergebnisse von Sneed weiterverarbeitete, zielt in diese Richtung. Ob aber hier nicht wieder der
Modellplatonismus-Vorwurf von Hans Albert zieht? Man vermisst genuin soziologische
Grundbegriffe und Hypothesen...
Paul Feyerabend: Der olle Albert! Bei diesem Kritischen Rationalisten ist das Prädikat “kritisch” doch
schon längst zur Orthodoxie erstarrt!
Stefan Hradil: Was der Kollege Autor [jetzt iss er aber stolz, der Autor, iss er aber] da sagt, greife ich
gerne auf! Ich denke auch, dass man in der empirischen Sozialforschung von einzelnen soziologischen
Hypothesen und Grundbegriffen ausgehen sollte statt von abstrakten mathematischen Modellen. So
habe ich in meinem Aufsatz auf die Renaissance der alten Grundbegriffe Milieu, Subkultur und
Lebensstil hingewiesen. 92 Mittels dieser Begriffe wurden empirische Hypothesen erarbeitet, die den
soziokulturellen Wandel von der Moderne zur Postmoderne beschreiben bzw. erklären...
[Der diskussionsleitende Engel fragt ängstlich nach, ob jetzt auch dieser Ansatz in epischer
Breite vorgestellt werden würde. Dann erwähnt er, dass er schon 18 Seiten seines Protokolls
vollgeschrieben habe. Jeder – außer Stefan Hradil - versteht diese Andeutung.]
Autor: Welchen Honig können wir denn für unsere Zwecke aus Ihrer Studie saugen?
Stefan Hradil: Methodisch oder inhaltlich?
Paul Feyerabend: [lospolternd] Das ist der Grund warum ich seinerzeit gesagt habe,
Wissenschaftstheorie sei eine bisher unbekannte Form des Irrsinns! Da sitzen gestandene Soziologen
beisammen und diskutieren über ein genuin soziologisches Thema. Und was fragt der Soziologe? Er
fragt nach der Methode! Herr Kollege, lassen Sie doch das letzte Spielfeld der Philosophen frei für
eben diese Philosophen. Wir legen eine Decke drüber und lassen die dort unbeobachtet spielen.
Stefan Hradil: Keine schlechte Idee! Kümmern wir uns also um die Inhalte! Wir unterscheiden drei
Kulturmuster: das industrielle, das postindustrielle und das postmoderne.93 Die Tendenzen des
postindustriellen Musters erstrecken sich auch in das postmoderne Kulturmuster hinein. Die
Charakteristiken der industriellen Modernisierung sind: Materialismus, Utilitarismus und
Produktionsorientiertheit. Die Charakteristiken der postindustriellen Modernisierung sind:
Postmaterialismus, Lebensweltorientierung und Kommunikationsorientiertheit. Alle drei Kulturmuster
koexistieren in der Gegenwart. Es dominiert das industrielle Kulturmuster; die anderen Muster
diffundieren in das industrielle Kulturmuster hinein. Wie und ob und wann sich dies in sozialem
Wandel niederschlägt, kann mittels dieser Theorie nicht vorhergesagt werden. Vielfach gehen diese
drei Muster widersprüchliche Synthesen ein. 94
Wolfgang Zapf: Herr Kollege, seien wir ehrlich! Sie beschreiben Strukturen, den status quo von
Strukturen. Dann sprechen Sie von der Dominanz bestimmter Strukturen und von
Diffusionsprozessen, die vielleicht zur Auflösung der dominanten Struktur führen. Aber das Wie der
90
a.a.O. S.166
a.a.O. S.168
92
vgl. Hradil, S.: Postmoderne Sozialstruktur? in L3, S.103 ff.
93
a.a.O. S.111
94
daselbst
91
20
Entwicklung, die Entwicklungspfade, beschreiben Sie nicht. Hier wird die Schere zwischen globalen
und speziellen Theorien sozialen Wandels einmal mehr deutlich. Wir erfahren sehr viel über
Rollenerwartungen und Verhaltensdispositionen in den einzelnen Stadien, aber wenig über die
Übergangsprozesse...
Johannes Berger: ...Dem kann ich nur zustimmen...95
Wolfgang Zapf: In Anlehnung an die Diffusions- und Aufholtheorie von Reinhard Bendix kann man
sagen, dass die englische Industrielle Revolution und die französische Politische Revolution - von
Pioniergesellschaften ausgehend - in andere Gesellschaften diffundierten. Wer nicht schnell genug
diesen Wandel vollzieht, der muss eine Aufholjagd starten. 96 Was man allerdings nicht unterschätzen
darf, sind die Regressionsmöglichkeiten: man kann hinter das Erreichte zurückfallen, wenn man etwa
die Widerstände gegen den Wandel unterschätzt oder andere Fehler begeht.97 Die Frage ist natürlich
weiterhin virulent, wohin sich Gesellschaften sozial und kulturell entwickeln. Die Entwicklungspfade
werden durch eine Reihe von Theorien abzuschätzen versucht: Sonderwegstheorien,
Scheidewegtheorien, Theorie der unterschiedlichen Entwicklungspfade, Suboptimalitätstheorien. 98 Ich
möchte das hier nicht alles wiederholen. Die Frage ist auch, ob alle Völker wirklich die
Gesellschaftszustände der OECD-Länder erreichen wollen oder ob es Sonderwege – etwa den
asiatischen Sonderweg - geben soll und kann. Insofern habe ich die schon etwas älteren Ausführungen
von Darcy Ribeiro wohlwollend zur Kenntnis genommen.
Johannes Berger: Wenn man den Wandel, z.B. den Modernisierungsprozess, charakterisiert als
revolutionär, komplex, kohärent, global, irreversibel und progressiv 99 , dann sollte man nicht die Ziele
eines solchen Prozesses vergessen, um dessen willen er in Gang gesetzt wurde. Daniel Lerner etwa
nennt: Wirtschaftswachstum, Repräsentativsystem in der Politik, Ausbreitung säkular-rationaler
Normen in der Kultur, höheres Niveau räumlicher und sozialer Mobilität sowie Leistungsorientierung
und Empathie (Einfühlungsvermögen) der modernen Persönlichkeit. 100 Interessanterweise sind Ziele
und Entwicklungsrichtungen des Wandels bekannt, aber nicht dessen Ursachen. Ich habe das
mit Bezug auf das unbekannte Wesen “Wirtschaftswachstum” erläutert. Hier hat Moses
Abramovitz 1956 gezeigt, dass mal gerade 10% des Pro-Kopf-Wachstums des USSozialprodukts sich durch die ökonomische Produktionstheorie mit den Faktoren Kapital und
Arbeit erklären lassen. 101
Paul Feyerabend : Und was schließen wir daraus?
Johannes Berger: Ich darf mich selbst zitieren: “Wenn sich schon die mit ganz anderen
Ressourcen ausgestattete empirische Wachstumsforschung ihre Unkenntnis eingestehen muss,
sollte sich die Modernisierungstheorie von ihrer eigenen Unkenntnis nicht allzu sehr
niederdrücken lassen, sondern Mut schöpfen, ein Forschungsprogramm zu verfolgen....” 102
Paul Feyerabend : [vor Zorn rot, virtuell natürlich, und laut brüllend, schließlich mit der
virtuellen Krücke nach Johannes Berger werfend] Wissen Sie eigentlich, wer Sie bezahlt!?
Sie haben dem mündigen Bürger gegenüber eine Verantwortung! Diese Bürger sind weder
Stimmvieh noch Zahlvieh! Sie wollen ihm doch wohl nicht wieder ein Forschungsprogramm
aus dem Portemonnaie ziehen!...
95
Berger, J.: Was behauptet die Modernisierungstheorie wirklich? vgl. L3, S.126
vgl. L3, S.125
97
daselbst
98
a.a.O. S.127 ff.
99
vgl. L3, S.125
100
daselbst, insbes. die dort aufgeführte Tabelle: Merkmale der Modernisierung
101
vgl. L3, S.137
102
daselbst
96
21
Der Tragödie letzter Teil, woherinnen Gott das Machtwort
spricht
[Gott der Herr war schon längst ob der typisch wissenschaftlichen, langweiligen Disputationen
eingeschlafen –man munkelt in gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen, er habe vorher Paul
Feyerabend listig zugezwinkert- und murrte nur als der diskussionsleitende Engel ihn weckte und um
das Schlusswort bat. Nach einer wohltemperierten Pause bemerkte er:]
Der Allmächtige: “Meine Herren! Sie haben recht nett die argumentativen Klingen gekreuzt. Aber das
Thema “Herrschaft und Gewalt”... [“...sozialer Wandel...”, raunte ihm der diskussionsleitende Engel
zu] “Pardon! ...sozialer Wandel, also: das Thema “sozialer Wandel” wird im wesentlichen noch genau
so diskutiert wie vor circa dreitausend Jahren bei den Nubiern...oder waren es die Phönizier...nein, die
Ägypter...oder war es im Zweistromland?”
[Dienstbeflissene Engelchen rücken hurtig dem alten Mann das Kopfkissen zurecht und bald
ist ein seeliges Schnarchen zu vernehmen. Die Herren Callgirls aber weist man höflich an,
sich zurückzuziehen. Paul Feyerabend nimmt im Vorbeigehen noch einen Kaffee mit – es
muss höheren Orts wohl ausgezeichneten Kaffee geben, dem der Wiener nicht widerstehen
kann- und schwadroniert mit seinen Disputanten, dabei wild mit seiner Krücke
gestikulierend.]
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Literatur
L15: Albert, H.: Der Gesetzesbegriff im ökonomischen Denken, in: Schriften des Vereins für
Socialpolitik Bd. 74/I, 1973
L14: Albert, H.: Traktat über kritische Vernunft, Tübingen, 1975
L9: Bolte, K.M.: Deutsche Gesellschaft im Wandel, Opladen, 1966
L17: Bühler, K.: Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache, Stuttgart, 1965
L4: Dahrendorf, R.: Pfade aus Utopia. Arbeiten zur Theorie und Methode der Soziologie,
München, 1968
L1: Feyerabend, P.: Wider den Mehodenzwang, Frankurt, 1976
L7: Fürstenberg, F.: Soziologie, Berlin/New York 1971
L2: Jäger, W.: Gesellschaft und Entwicklung, Weinheim, 1981
L3: Jäger, W.: Reader: Sozialer Wandel. Theorien zur Dynamik von Gesellschaft, FernUniversität
Hagen/ Institut f. Soziologie, Bereich Arbeit und Gesellschaft, 2002
L5: König, R.(Hrsg.): Soziologie. Das Fischer Lexikon, 1967
L13: Koestler, A.: Die Herren Callgirls, Frankfurt, 1985
L12: Kuhn, T.S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt, 1973
L11: Mayntz, R.: Soziologie der Organisation, Hamburg, 1963
L16: Popper, K.R.: Logik der Forschung, Tübingen, 1971
L10: Popper, K.R.: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, 2 Bde., München, 1977
L18: Ribeiro, D.: Der zivilisatorische Prozeß, Frankfurt, 1971
L19: Spier, F.: Big History. Was die Geschichte im Innersten zusammenhält, Darmstadt, 1998
L6: Tenbruck, F.H.: Über den gesellschaftlichen Wandel, in: Kadelbach, G. (Hrsg.):
Wissenschaft und Gesellschaft, Fischer Bücherei-Funk Kolleg, Frankfurt, 1967
L8: Weber, M.: Schriften zur Soziologie, Stuttgart, 1995
Weiterführende Überlegungen enthält das Buch
Wieland Jäger / Hanns-Joachim Meyer: Sozialer Wandel in neueren soziologischen
Theorien (Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2003)
Dort werden die Theoriekonzeptionen von Bourdieu, Giddens, Coleman, Münch und
Habermas daraufhin untersucht, was sie unter dem Blickwinkel des sozialen und
gesellschaftlichen Wandels zu dessen Analyse beitragen können.
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