Strategie zwischen Führung und Autonomie - IfB-HSG

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Strategie zwischen Führung und Autonomie
St. Galler Forum für Unternehmensführung
09. September 2011
Prof. Dr. Michael Mirow
Strategische Unternehmensführung
Prof. Dr. Michael Mirow
St. Gallen 09.09.2011
Strategisches
Management
Macht und ihre Grenzen
• Die Theorie:
•
Der Vorstand/Geschäftsführung hat die Macht der Exekutive. Er ist verantwortlich
für die Strategie des Unternehmens und ihre Durchsetzung.
Ein Teil der Macht wird über ein hierarchisches System an untergeordnete
Einheiten (Divisionen, Bereiche, Abteilungen) delegiert, Ziele werden vereinbart.
Die Untereinheiten sind gegenüber ihrer jeweils übergeordneten Einheit
verantwortlich für das Erreichen der Ziele – im Rahmen der verabredeten
Strategien.
•
•
• Die tägliche Praxis...
•
•
•
Kaum verabredet werden Strategien der Unternehmensleitung infrage gestellt,
erneut diskutiert und – zerredet.
Handlungsanweisungen (sofern nicht „hoheitlich“) werden eher als unverbindliche
Meinungsäußerungen angesehen oder gar als „Störung“ abgewehrt..
Delegation, Autonomie oder Dezentralisierung bestimmen das Verhalten
erfolgreicher Unternehmen.
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Strategisches
Management
Einige Fragen...:
• Wie viel Macht (der Exekutive) verträgt ein Unternehmen?
• Wo liegt die Grenze zwischen Unführbarkeit und gesunder
Selbstorganisation?
• Was kann/muss eine Unternehmensleitung tun, um die
Umsetzung beschlossener Strategien sicherzustellen?
• Was bedeutet Macht in komplexen
Unternehmensnetzwerken und wie können dort Strategien
umgesetzt werden?
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Strategisches
Management
Die Sicht der Systemtheorie/Kybernetik
Macht im Unternehmen:
• Fähigkeit, die Ziele der Unternehmensleitung und die erforderlichen
Maßnahmen auf allen Ebenen durchzusetzen.
Systemtheorie (Kybernetik):
• Wie kann eine Organisation als zielgerichtetes System ihre Ziele in
einer hochkomplexen und ständigen Änderungen unterworfenen
Umwelt verfolgen und erreichen?
• Es geht letztlich um den Umgang mit Komplexität.
(Norbert Wiener 1948: Cybernetics: Communication and Control in the Animal
and the Machine)
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Strategisches
Management
Mehrere Einflussfaktoren treiben die Komplexität
Technischer
Fortschritt
Globalisierung
Wettberbsdruck
Globale Information
Komplexität
Weltweite
Arbeitsteilung
Soziopolitische
Entwicklung
Differenzierung der
Kundenwünsche
Aufbrechen von
Wertschöpfungsketten
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Strategisches
Management
Ein wenig Theorie... :
• Komplexität:
•
Umweltkomplexität (extern): Wachstum, Größenwettbewerb,
Globalisierung, Innovation, Zeitwettbewerb,...
•
Systemkomplexität (intern): getrieben durch Umwelt, Größe,
Ausdifferenzierung, Globalisierung, beschleunigte
Innovationszyklen, Realisierung von Synergien,...
• Abwehr durch Abschirmung:
•
•
•
Schildkröten, Festungen, Finanzpolster, Patente, Kartelle oder
auch – mentale Sperren.
Normen, Gesetze, Richtlinien, Tarifverträge.
Das Problem: Trägheit, Blockade von Innovation und Anpassung.
Komplexität muss aktiv bewältigt werden
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Strategisches
Management
Das Gesetz der Schwerkraft der Systemtheorie:
Ashby‘s „Law of Requisite Variety“
Only Variety can destroy Variety“
(W. Ross Ashby 1956):
Die Vielfalt der möglichen
Verhaltensweisen einer Organisation
muss mindestens der Vielfalt der auf sie
einwirkenden Störungen (von innen oder
außen) entsprechen.
Keep it simple and stupid?
(„KISS“)
Keep it simple but Intelligent!
(„KISI“)
Komplexität kann man nur mit Komplexität begegnen
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Strategisches
Management
Komplexe Organisationen brauchen ein hierarchisches
Systeme von Regelkreisen und koordinierende Stäbe
Organisationen müssen als Regelkreissysteme konzipiert werden
(Zielvorgabe, Kontrolle, Nachregelung)
Die Regelungskapazität eines Regelkreises muss „Ashby‘s Law “ genügen
Ein hierarchisches System von Regelkreisen kann ein hohes Maß an
Komplexität bewältigen
Stäbe übernehmen die Koordination der Geschäftseinheiten, übergreifende
Dienstleistungen werden angeboten und ein zentrales Regelwerk sichert
den Zusammenhalt
Es gibt keine „hierarchiefreien Räume“ in komplexen Unternehmen
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Strategisches
Management
Führungssysteme müssen Regeln setzen, aber auch
Freiheit/Autonomie zu lassen
Es wird immer ein
Komplexitätsgefälle zwischen
Umwelt und Unternehmen geben
Auf Unvorhergesehenes muss
unvorhersehbar reagiert werden –
Unternehmen brauchen
Handlungsfreiheit auf allen Ebenen
Handlungsfreiheit zu geben,
bedeutet Autonomie zu verleihen
Autonomie führt zwangsläufig auch
zu einer eigenen Deutung der
„Welt“ und damit
zu „Eigensinn“
Zentrale Führung wird als „Störung“
empfunden und systemspezifisch
abgewehrt
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Die Balance zwischen Freiheit und
Chaos, zwischen Regelung und
Bürokratie muss immer wieder neu
gefunden werden.
Strategisches
Management
Die Führung komplexer Systeme als Balanceakt
Wie viel Freiheit verträgt eine
Organisation?
„Zuviel“
destabilisiert
„Zuwenig“
Schränkt
nach innen
Spielraum ein
zerstört Identität Unternehmen
nach außen.
erstarren
Chaos
Immobilität
Aufgaben der
Unternehmensleitung
Das Selbstverständnis autonomer
Einheiten durch Führung und
Machtausübung in geordnete
Bahnen lenken
Gemeinsamen Verständnis für
Leitenden Gedanken und Strategie
Anreize schaffen, die den Eigennutz
des Einzelnen für das Wohl des
Ganzen nutzen
Freiheit muss gegeben und gleichzeitig gebändigt werden
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Strategisches
Management
Leitender Gedanke des Unternehmens
Der leitende Gedanke beantwortet die Kernfrage:
• Was hält das Unternehmen zusammen?
• Wie und womit schafft es am meisten Kundennutzen?
• Worauf kann verzichtet werden – oder: was können
andere besser?
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Strategisches
-Management
11 -
Leitender Gedanke: Beispiel Siemens
Das Geschäftsportfolio muss erlauben,
viel Geld zu verdienen und Wert zu schaffen
Elektrotechnik und Elektronik
Attraktive Branchen
Weltklasse-Kompetenz
Globale Geschäfte
Marktführer
Risikoausgleich
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Strategisches
Management
Was ist Unternehmensstrategie?
• Wie komme ich von A nach B? - und das besser als der
Wettbewerb
•
Was ist A? – wo stehen wir heute im Wettbewerb?
•
Was ist B? – wo wollen wir hin und bis wann?
•
Welches ist der optimale Weg?
• Einfache Fragen, viele Antworten...
•
Aus der jeweiligen Deutung der Welt/Umwelt
•
Aus der Einschätzung der eigenen Position
•
Aus persönlichen Interessen der Verantwortlichen
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Strategisches
Management
Das Geheimnis der Umsetzung
• Kommunikation – Kommunikation – Kommunikation
• Methodendisziplin – die vier Säulen der Strategie
•
Segmentierung – Was ist das Geschäft?
(Schwerpunkt der Wertschöpfung, gewolltes Kompetenzprofil,
Wettbewerb)
• Stärke im Wettbewerb – Wer ist der Schönste im ganzen Land?
• Attraktive Märkte (Porter 5 forces),
• Operative Effizienz.
• Prozessdisziplin
•
Wer berichtet was an wen? (Planungskalender, Formate, Gremien)
• Konsequenz
•
•
•
Persönliche Verantwortung
Wer macht was und bis wann?
Klare und schnelle Konsequenzen – das Management ist gefordert
• Incentivesysteme und Personalauswahl
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Strategisches
Management
Methodendisziplin – Beispiel Strategische Visitenkarte
• Alle wichtigen Informationen zur Strategie auf einer Seite
• Einheitlicher Aufbau für alle Bereiche, Divisionen
• Planungshorizont max. 3 Jahre
• Arbeitspapier auch auf Arbeitsebene anwendbar
• Ergänzt um ein Zahlenblatt und selektive
Erläuterungsblätter
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Strategisches
Management
Strategische Visitenkarte Geschäftsfeld xy
1
Segmentierung
3
Verteilung der Wertschöpfung (% v. T)
• Eingangslogistik
• Fertigung
BEISPIELE
• Ausgangslogistik
• Marketing/Vertrieb
• Service
• …
Wichtigste Kundengruppen (% v. U)
• Einzelhandel
• Großhandel
• Industrie
• …
Attraktivität
--
6
-
0
+
++
Wachstum
Zyklizität
Innovationsdynamik
Kapitalintensität
•
•
•
•
•
Strategische Stoßrichtungen
Weltmarktführerschaft
BEISPIELE
Marktführer Region A
Ergebnis auf Benchmark steigern
Technologieführung
…
Wettbewerbsintensität
…
4
7
Kosten-/Wertlücke zum
Wettbewerb
Aktuell Plan Benchmark
Wichtigste Erfolgsfaktoren
Wert
2
Wettbewerbsstärke
Marktanteile
MA
(%)
Wachstum Marge
(% p.a.)
(%)
Nr. 1
Nr. 2
Nr. 3
Aggressivster Wettbew.
--
BEISPIELE
Design-Wins
Qualität
Umsatz/m2
Liefertreue
Wert/Umsatz
Wert/Gewinn
Wachstum (% p.a.)
…
8
5
Eigen
Kompetenzprof
il Technologie
•
•
•
•
-
Produktion
0
Wichtigste Ereignisse des
vergangenen Geschäftsjahres
Prof.
Dr. Michael Mirow
…
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BEISPIELE
Wert
(EUR)
Benchmark
+
++
Größte
Erfolge
• …
• …
Größte
Misserfolge
• …
• …
Vertrieb
Marke
Ziele, Maßnahmen
Termin
(M/J)
Einführung Produkt x
Kostensenkungsprogr.
Erschließung Region …
Neues Werk in …
Konsequenzen
…
Strategisches
Management
Beispiel: Geschäftstreiber-Scorecards
s
Scorecards setzen bei den Ursachen für
Ergebnisverbesserungen an
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- 17 -
Strategisches
Management
Prozessdisziplin
• Ein gut strukturierter Prozess ist Voraussetzung für die
Umsetzung – und „Kanalisierung der Autonomie“
•
Formate und Berichtseinheiten
•
Gremien
•
Planungskalender
• Dennoch: Es bleibt eine Gratwanderung zwischen
Bürokratie und Chaos
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- 18 -
Strategisches
Management
Prozessdisziplin
Beispiel Siemens AG
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- 19 -
Strategisches
Management
Siemens AG: Führungs- und Berichtsebenen
Unternehmensstrategie
Siemens
3 Sectors
16 Divisions
Geschäftsstrategie
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ca. 60 Business Units
Strategisches
Management
Die Grundregel
• Dezentralisierung des Geschäftes
• Rezentralisierung der Strategie
Strategische Unternehmensführung
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Strategisches
Management
Wichtigste Elemente des Planungs- und Führungsprozesses
(1)
Plandurchsprachen
(2)
Geschäftspolitische Durchsprachen
(Geschäftsgebiete, Regionen, Querthemen)
(3)
Genehmigung von Investionsvorhaben
(Aquisitionen, Desinvestitionen, Sondervorhaben)
(4)
Quartalsgespräche
(5)
Siemens Business Conference
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Strategisches
Management
Siemens AG: Planungskalender
neues Geschäftsjahr
Mai
Sep
Okt
Nov
Dez
Jan
Feb
Mrz
Apr
Geschäftsplanung und Budgetierung
• Plandurchsprachen
15 Geschäftspläne
Divisions)
ZV
ZV V
Beschlüsse zu Zielen,
Strategie und Budget
Siemens und Bereiche
56 Geschäftspläne
Divisions)
mit allen Bereichen
Bei Problemen, größeren Veränderungen,
neuen Chancen
• Geschäftspolitische Durchsprachen im Zentralvorstand (ausgewählte Themen)
Qu III
• Quartalsgespräche
Qu IV
Qu I
Qu II
• Siemens International
Conference
• Regionendurchsprachen - Budgetdurchsprachen wichtiger RGs im Zentralvorstand
• Genehmigung von Investitions-Sondervorhaben durch Zentralvorstand
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Strategisches
Management
Incentivesysteme und Personalauswahl
• Marktmechanismus für das Management:
Incentivesysteme
• Wichtigste Treiber für den Erfolg – einfach und
nachvollziehbar, z.B.
• Wertschaffung
• Umsatz./Marktanteilsziele
• Entwicklungsziele
• Kostenziele
• Ein wichtiger Schlüssel: Personalauswahl
• Mannschaft muss „eines Sinnes“ sein (keine ja-Sager!)
• „Querdenken“ nicht nur erlaubt sondern gefordert
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Strategisches
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Vernetzte Unternehmenswelten
Markt statt Macht
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Strategisches
Management
Wertschöpfungsketten brechen auf – das
ökonomische Puzzle wird neu geordnet
Unternehmen A
Wettbewerber
• Klare UnternehmensBranchengrenzen
• Aufbrechen der
Wertschöpfungsketten
• Ähnlich konfigurierte
Wettbewerber
• Fragmentierung und
Ausdifferenzierung
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• Fokussierte Einheiten
• Vernetzt
• „Cell“ Management
Strategisches
Management
Vernetzte Unternehmenswelten – Markt statt Macht
Selbstorganisation im Netz ersetzt
Führung durch Hierarchie
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Strategisches
Management
Vernetzte Unternehmenswelten – Markt statt Macht
• Asymmetrische Führung durch Hierarchie entfällt
• Marktmechanismen führen zu langfristigen
symbiotischen Partnerschaften
• Ziel ist die gemeinsame Wertschaffung im Netz
Ähnliche Mechanismen gibt es in
komplexen diversifizierten Konzernen
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Strategisches
Management
Strategie zwischen Führung und Autonomie – Fazit eines
Balanceaktes
① Handlungsfreiheit und ihre Kinder „Autonomie“ und „Eigensinn“ sind
unabdingbare und auch notwendige Bestandteile komplexer
Großunternehmen
② Sie ermöglichen einerseits das Überleben, andererseits erschweren
sie die Umsetzung von Strategien aus Sicht der Unternehmensleitung
③ „Macht bricht Eigensinn“ darf nur als ultima Ratio in extremen
Krisensituationen gelten
④ Marktkräfte – auch Unternehmensintern können schärfere Waffen
sein als der Einsatz von Macht
⑤ „Corporate Alignment“ erfordert
•
•
•
•
Offene und häufige Kommunikation über alle Ebenen
Methodendisziplin
Prozessdisziplin
Personalauswahl und Incentivesysteme
Prof. Dr. Michael Mirow
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Strategisches
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