01-2010 Artikel CD Travels: Guitar acoustic

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workshop
jens müller-herrou
jens
müller-herrou
Jens Müller-Herrou gilt als Koryphäe auf der
Konzertgitarre: Auf seiner aktuellen CD ‘Travels –
5 Kontinente auf 6 Saiten’ präsentiert er filigrane
Gitarrenkunst, die keine stilistischen Grenzen
kennt. Im Workshop für guitar acoustic stellt er
verschiedene Stationen dieser Reise vor und
beschreibt seine Ideen zum Improvisationsteil
des Pat-Metheny-Klassikers „Have You Heard“.
Track
EineGitarrenreise
Eine Gitarrenreise
überfünf
Kontinente
Über fÜnf Kontinente
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43 – 48
jens müller-herrou
M
eine kürzlich erschienene CD habe ich
‘Travels – 5 Kontinente auf 6 Saiten’
genannt, inspiriert vom Gedanken des
„Global Village“, in dem auch die Gitarrenwelt
immer näher zusammenrückt. Nachdem ich die
Idee für die Platte hatte, begann ich mit der faszinierenden Suche nach Musik aus allen Kontinenten: Europa ist mit dem Franzosen Roland
Dyens vertreten, in Südamerika hatte ich die
Qual der Wahl aus dem riesigen Fundus hervorragender Gitarrenmusik: Agustín Barrios Mangoré und Dilermando Reis machten das Rennen.
Jazz und Fingerstyle sind mit dem Amerikaner
Pat Metheny (Titelstück: „Travels“) und dem
australischen Saitenhexer Tommy Emmanuel
vertreten. Schließlich fand ich für meine musikalische Weltreise auch noch „Variationen über
ein anatolisches Volkslied“, das groovige „Mama
Afrika“ sowie als kleines „Schmankerl“ den alten Big-Band-Klassiker „Chattanouga ChooChoo“. Die Platte ist bei dem Kölner Label KSGExaudio erschienen. Auf der beiliegenden CD
hört ihr verschiedene Ausschnitte, die ich hier
kurz erkläre (Bsp. 1 bis 5), und zum Abschluss
gibt es einen transkribierten Workshop zu einem
Pat-Metheny-Stück (Bsp. 6). Voilà:
an den Interpreten. Eine Djembé ist eine kelchförmige, afrikanische Trommel, und so beginnt
das Stück auch gleich mit einem vertrackten
Percussionspart. Es folgt ein Lauf in höchste
Regionen des Griffbretts, der in ein für Dyens
typisches Groove-Pattern überleitet.
Danach das jazzige Hauptthema des Stücks,
das mich immer an den Miles Davis’ Klassiker
„So What“ erinnert. Taktweise wechseln hier
coole, jazzige Phrasen mit modalen Akkordfolgen in einem faszinierenden „Call-and-response“-Modus. Eine ungemein facettenreiche
Komposition, leider höllisch schwer.
workshop
Carlo Domeniconi – „Variationen über
ein anatolisches Volkslied“
Hier nun ein Ausschnitt aus den „Variationen
über ein anatolisches Volkslied“ (Bsp. 3, Track
45) des italienischen Komponisten Carlo Domeniconi, der längere Zeit in Istanbul lebte
und sich dort intensiv mit türkisch-arabischen
Musikformen und Tonsystemen beschäftigte.
Merkmale dieses ausgeprägten Personalstils
wie orientalische Tonleitern, reiche Ornamentik und „exotische“ Taktwechsel finden sich
auch in diesem Stück: Häufig „changiert“ die
zweite (es/e) und sechste (h/b) Tonleiterstufe,
track 48
Agustín Barrios Mangoré – „Las Abejas“
Der Paraguayaner Agustín Barrios Mangoré
erkundete die Folklore des lateinamerikanischen Kontinents auf zahlreichen Konzertreisen und adaptierte typische Tänze, Rhythmen und Themen. Er galt auch als außerordentlicher Virtuose, wurde in Konzerten als
„Paganini der Gitarre aus dem Dschungel Pa-
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d e r
Bienen
surrender Bienen
raguays“ gefeiert und stellte in Werken wie
„Las Abejas“ (Bsp. 1, Track 43) bis dahin ungeahnte Anforderungen an die Spieltechnik.
In diesem Stück setzt er geschickt „Hammer-ons“ und „Pull-offs“ sowie Glissandoeffekte ein, um die rechte Hand zu entlasten
und somit ein möglichst hohes Tempo zu erzielen. So soll der klangliche Effekt surrender Bienen erzeugt werden, die dem Stück ja auch seinen Namen gaben (übersetzt: „Die Bienen“).
„Djembé“ (Bsp. 2, Track 44) des französischen
Komponisten Roland Dyens ist gewissermaßen
eine Hommage an seine tunesischen Wurzeln,
gleichwohl in Harmonik und Melodik stark
vom Jazz beeinflusst und stellt mit seiner
komplexen Rhythmik höchste Anforderungen
C Getty Images
Roland Dyens – „Djembé“
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workshop
jens müller-herrou
Gitarristischer Weltenbummler:
Jens Müller-Herrou
sodass sich ein sehr reizvoller Schwebeklang
zwischen den modalen Tonleitern Phrygisch,
Äolisch und Dorisch ergibt. Zum Ende werden
die Formteile jedoch immer mit einem kernigen „Dropped-D“-Quintklang abgeschlossen.
Die vielen kleinen und schnellen Triller, Vibrato-Spielanweisungen, der Bordunklang und
die Resonanzen der tiefen D-Saite tragen zum
orientalischen Flair dieses Stückes bei.
Uli Kringler – „Mama Afrika“
Der Hamburger Gitarrist und Komponist Uli
Kringler schreibt wunderschöne Stücke, die
stilistisch zwischen Folk, Jazz und Worldmusic
angesiedelt sind, wie auch „Mama Afrika“
(Bsp. 4, Track 46), das von der Musik südafrikanischer Townships inspiriert ist. Es beginnt
mit einer Pizzicato-Bassfigur, wobei der Handballen der rechten Hand locker auf dem Steg
liegt und so ein Sound ähnlich eines gezupften
Kontrabasses entsteht. E-Gitarristen nennen
das „Palm-Mute“ (p.m.). Zusätzlich gibt es kurze, perkussive „dead notes“ (oder auch „ghost
notes“ genannt), d. h. der rechte Daumen zupft,
während die linke Hand keine richtigen Töne
greift, sondern lediglich auf der Saite liegt. Zusammen mit den Pizzicato-Bässen gibt das ein
grooviges, sehr nach Afrika klingendes Intro.
Nun hören wir das Hauptthema, in Sexten
auf den drei hohen Saiten vorgestellt: Dieses
Intervall (Sexte) ist sehr klangvoll, liegt auf der
Gitarre „gut in der Hand“ und ist quer durch
alle Stile beliebt, wenn es um die klangliche
Anreicherung von Melodien geht. Dieses Thema erinnert mich an afrikanische Frauenchöre.
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Auch rhythmisch hat das Stück einiges zu bieten: In Intro und Thema wechseln ständig 4erund 3er-Takt, später kommen Passagen im
6/8-Takt, Synkopen, „dead notes“ hinzu. An
Finessen wird nicht gespart, aber schließlich
geht es ja auch um Afrika.
Tommy Emmanuel – „Timberlake Road“
„Timberlake Road“ (Bsp. 5, Track 47) ist eine
Hommage an den amerikanischen FingerstyleVirtuosen Chet Atkins, einen Mentor und Förderer Tommy Emmanuels. Es beginnt mit einer
spektakulären Kaskade von Läufen und ty-
jens müller-herrou
workshop
pischen Bluegrass-Fills, bevor das Thema im
„Boom-Chick-Style“ kommt: Hier spielt der
Daumen immer in Vierteln, und zwar auf 1 und
3 auf den tiefen Bässen (Boom) und bei 2 und 4
auf d-und g-Saite (Chick) – ein einfacher, treibender Rhythmus, wie Bassdrum und Snare.
Darüber zaubern die Finger der rechten Hand
kleine Melodien, die stark an die Fiddle-Tunes
der amerikanischen Folkmusik erinnern und mit
Hammer-ons, Synkopen, aber leider auch mit
fiesen Barré-Griffen gespickt sind. Tommy Emmanuel benutzt auch gerne den linken Daumen,
um Basstöne auf der E-Saite zu greifen – „not
my cup of tea“, aber bei ihm klingt’s super.
Pat Metheny – „Have You Heard“
Der Amerikaner Pat Metheny zählt zu den
populärsten zeitgenössischen Jazzgitarristen;
durch seine zahlreichen Auszeichnungen (17
Grammys!) und Kooperationen mit internationalen Musikgrößen hat er dazu beigetragen,
die Gitarre als vollwertiges Soloinstrument im
Jazz zu etablieren.
Für den transkribierten Workshop habe ich
den Improvisationsteil des rhythmisch sehr
reizvollen „Have You Heard“ (Bsp. 6, Track
48) ausgesucht. Ich spiele ohne Plek, also mit
Vieleschicke
JViele
a zschicke
zharmonien
Jazzharmonien
„klassischer Rechte-Hand-Technik“, gelegentlich auch „Fingerstyle“ genannt, auf einer
Konzertgitarre von Andres D. Marvi. Das Thema ist voller kniffliger Taktwechsel und hat
viele schicke Jazzharmonien zu bieten.
Der Improteil, also das Thema dieses Workshops, basiert auf einem einfachen Mollblues;
hier die Akkordfolge:
|| Em7 | Em69 | Em7 | Em69 | Am6 | Am6 |
Em7 | Em69 | C7 | H 7#9 | Em7 | Em69 :||
In den ersten zwölf Takten spielt ein „Vamp“
über Em7 und Em69 die Hauptrolle, sehr
grooveorientiert im 3-3-2er Rhythmus. In den
anderen Takten kommen Arpeggien mit „Leersaiten-Akkorden“ zum Einsatz, deren sphärischer Klang einen schönen Kontrast zum
„Groove-Vamp“ schafft. Zum Abschluss des
Teils wird „geslappt“ (Takt 10): Den Ton e (auf
der d-Saite) lasse ich gegen das Griffbrett knallen, und das tiefe E spiele ich mit „Slapdaumen“ – also seitlich mit dem Daumen auf die
Saite „hauen“ und danach sofort wegfedern.
Klingt schwer funky, probiert es mal aus.
Im zweiten Mollblues (Takt 13 – 24) benutze ich zunächst Dreiklangfiguren in E-Dorisch (Skalentöne: E, Fis, G, A, H, Cis, D, E). Ich
nenne das auch „Latin-Moll“, weil es die
„Lieblingsskala“ von Carlos Santana ist. In
den Takten 17/18 verschiebe ich Quinten ab-
3 x 12 Takte, die es in sich haben: der Workshop
zu Pat Methenys „Have You Heard“
wärts über das gesamte Griffbrett; auch Joe
Satriani benutzt diesen Trick häufig. Aufwärts
geht es danach wieder mit einer Cello-artigen
Melodie auf der d-Saite, bevor der Part mit
aparten Jazzakkorden abschließt.
Der dritte Teil (Takt 25 – 38) beginnt mit
einem Em7-Arpeggio, gefolgt von einem
Blueslick, das die „blue note“ b5 umspielt. In
den Takten 29/30 spiele ich die Skala C-Lydisch (C, D, E, Fis, G, A, H, C) im „Three-notesper-String“-Modus; das verwende ich gerne,
wenn es mal richtig virtuos klingen soll. In der
rechten Hand benutze ich dabei die Finger-abfolge Ringfinger/Mittelfinger/Zeigefinger –
oder „ami“ für die „Klassikfraktion“ –, aber
auch mit Plek geht das gut. Viele moderne
Rock- und Jazz-Gitarristen setzen diese Art,
Skalen zu spielen, ein, aber das wäre ein neuer
Workshop. Zum Abschluss kommen wieder
schicke, vierstimmige Jazzakkorde zum Einsatz, diesmal aber mit neuen Voicings – ziemliche Fingerbrecher, aber „no risk, no fun“ ...
Zum Schluss des Solos kommt wieder der
Einleitungsvamp, danach geht es über die
Bridge wieder zum Hauptthema.
Ich gebe zu, diese 3 x 12 Takte hatten es
ganz schön in sich, aber ich hoffe, der Workshop gibt ein paar Anregungen für eure eigenen Improvisationen.
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Jens Müller-Herrou
Fingernägel
Fingernägel
Ohne Fingernägel geht bei der Konzertgitarre leider gar
nichts: 99,9% aller ernstzunehmenden Kollegen spielen
mit Nägeln an der rechten Hand, um einen schönen Ton zu
erhalten. Links müssen sie natürlich kurz gehalten werden. Das Geheimniss ist dabei oft, zuerst mit der Kuppe
anzuschlagen und danach mit dem Nagel; so hat man den
weichen Ansatz der Kuppe, aber auch die klare Definition
des Nagels. Letzterer sollte etwa zwei bis vier Millimeter
„überstehen“, wenn man ihn von der Handinnenfläche aus
betrachtet, und dabei etwa die Rundung der Kuppe nachbilden. Wichtig ist natürlich auch gutes Werkzeug. Für die
erste Formgebung tut es eine normale Nagelfeile – so etwas hat eure Freundin bestimmt in der Handtasche. Danach wird es kniffliger: Ich benutzte Polierpapier in 500er
Körnung, schneide es in zwei bis drei Zentimeter breite
Streifen, knicke solch einen Streifen um die hohe e-Saite
und spiele quasi ganz normal auf diesem Streifen einige
Male. Dort, wo es am Nagel Abrieb (schwarze Stellen)
gibt, muss noch nachgefeilt werden. Zum Abschluss poliere ich noch mit speziellen Tüchern der Firma Micromesh (1200er), damit der Nagel wirklich glatt ist. Die ganze
Prozedur ist schon aufwendig, aber es lohnt sich.
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