DER SIA UND DIE WERBUNG

Werbung
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TEC21 19 / 2012
DER SIA UND DIE WERBUNG
Hatte der SIA in seinen Anfangszeiten noch keine Berührungsängste
mit dem Thema Werbung, rief er seine
Mitglieder erstmals während der Rezession der 1930er-Jahre zur Zurückhaltung auf. Ein absolutes Werbeverbot existierte – entgegen eines
hartnäckigen Gerüchts – allerdings
nie und seit 2002 gibt es auch keine
Werbeordnung mehr.
über viele Jahre war Werbung im SIA kein
Thema mehr. Anlass zur Diskussion gab sie
wieder an der Präsidentenkonferenz vom
März 1954, wegen einer von einem St. GallerVerlag herausgegebenen «Baumappe», die
durch Inserate von Ingenieuren und Architekten finanziert worden war. Das C.C. reagierte rasch und veröffentlichte vier Monate
später «Richtlinien über Fragen der Reklame». «Die als freierwerbende Ingenieure und
Architekten tätigen Mitglieder des S.I.A. le-
Auch wenn schon in den Ruinen von Pompeij
gen sich in Fragen der Reklame Zurückhal-
Werbetafeln gefunden wurden, ist kommer-
tung auf. Eine persönliche Reklame steht im
zielle Werbung im heutigen Sinne doch ein
Kind des Liberalismus; Industrialisierung und
Widerspruch zu Artikel 6. der Statuten und ist
weder im Interesse des Standes noch demje-
Massenproduktion, Gewerbe- und Presse-
nigen der Mitglieder», lautete der vorange-
freiheit waren ein guter Nährboden. Berüh-
stellte Grundsatz. Ergänzt wurde dieser
rungsängste damit hatte der SIA damals
durch konkrete Beispiele verbotener Rekla-
nicht: In der Festschrift zur Jahresversamm-
me: Persönliche Inserate, persönliche Rekla-
lung von 1877 in Zürich empfiehlt sich ein
metafeln auf einer Baustelle oder die Be-
Architekt in einer Annonce für die Anferti-
teiligung
gung von Bauplänen und zur Übernahme
finanzierten Publikation zu einem Bauwerk.
an
einer
durch
Unternehmer
von Bauten gegen Pauschalsummen, nebst
dem Verkauf von Parkett, Beschlägen, Gusssäulen und Sparherden (vgl. Abb. 1).
KEINE UNKOLLEGIALE
UND EXZESSIVE WERBUNG
In den Jahren der Hochkonjunktur und mit
01 Inserat aus der Festschrift zur
Jahresversammlung des SIA von 1877
(Reproduktion: Archiv SIA)
GLEICHE ZURÜCKHALTUNG
WIE ÄRZTE ODER ANWÄLTE
dem Auftreten neuer Konkurrenten auf dem
Markt – vermehrt machten Generalunterneh-
grosses Architekturbüro im Hinblick auf sei-
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts unternahm
mer mit lauter Werbung auf sich aufmerksam
nen Börsengang – ein bis dahin bei Pla-
der Verein erstmals verstärkt Anstrengungen,
– wurde im Verein der Ruf nach einer Über-
nungsbüros kaum bekannter Vorgang – eine
das SIA-Label zu einem Qualitätssymbol zu
prüfung der Reklameregelungen laut. Eine
Werbekampagne in der Tagespresse. Die
machen: Die Festschreibung berufsethischer
neu eingesetzte Kommission für Werbung
Vereinsleitung wurde im Voraus darüber ori-
Grundsätze für die SIA-Mitglieder, sowie die
überarbeitete die Richtlinien und wertete sie
entiert und war der Ansicht, dass dies zuläs-
Beschränkung der Mitgliedschaft auf akade-
zu einer «Ordnung über die Werbung» (SIA
sig sei; die Basis des Vereins jedoch reagier-
misch gebildete Ingenieure und Architekten
154) auf, die im Juni 1973 von den Delegier-
te empört. Die Sektionen Genf und Waadt
in den 1911 revidierten Statuten weisen in
ten genehmigt wurde. Verboten war danach
gaben ihrem Unmut mit schriftlichen Einga-
diese Richtung. Diese Bestrebungen be-
«standesunwürdige» Werbung, wie irrefüh-
ben an das C.C. Ausdruck, die Fachgruppe
dingten für gewisse Aspekte des berufs-
rende Angaben oder die Zusicherung von
für Architektur mit einer von ihrer Generalver-
ethischen Verhaltens Regelungen, so mit der
Rabatten und dergleichen, «unkollegiale»
sammlung verabschiedeten Resolution, die
Zeit auch für die Werbung. Mit dem Rück-
Werbung, wie das Versprechen von Vorteilen
den Ausschluss der Verantwortlichen aus
gang des Bauvolumens in den ausgehenden
gegenüber Berufskollegen, sowie «exzes-
dem SIA forderte. Dass ein Teilhaber des Bü-
1930er und den beginnenden Kriegsjahren
sive» Werbung, die markschreierisch oder in
ros Mitglied des C.C. gewesen war und 1984
wurde das Werben um «Kunden» offenbar zu
anderer übertriebener Art erfolgt. Verboten
aufgrund seiner Verdienste zum Ehrenmit-
einem Problem. In Beantwortung einer Anfra-
wurde auch Werbung in Radio oder Fernse-
glied ernannt wurde, machte die Sache nicht
ge der Sektionen Genf und Waadt gab das
hen, sowie Werbung die im Zusammenhang
einfacher.
Central-Comité (C.C., heutige Direktion des
mit fremden Produkten stand. Diese Bestim-
Der Fall wurde an der Delegiertenversamm-
SIA) im Oktober 1941 an der Delegiertenver-
mungen wurden restriktiv interpretiert und
lung vom Juni 1986 unter «Mitteilungen» an-
sammlung die offizielle Haltung des Vereins
über
gesprochen und führte zu einer engagierten
zur Werbung bekannt: «Das C.C. ist der An-
verstanden.
Jahre
faktisch
als
Werbeverbot
sicht, dass die Mitglieder des SIA sich grund-
Diskussion; eine klare Mehrheit der Delegierten verurteilte die Inserateaktion. Gestützt auf
die Beurteilung durch die Kommission für
rückhaltung auferlegen müssen, wie im
WERBUNG
GRUNDSÄTZLICH ERLAUBT
Allgemeinen der Arzt oder Anwalt.» Diese
Doch das wirtschaftliche Umfeld veränderte
gen die Ordnung SIA 154, ohne aber weitere
Antwort wurde diskussionslos akzeptiert und
sich. Im Frühsommer 1986 lancierte ein
Sanktionen zu ergreifen. Der Fall zeigte, dass
sätzlich im Reklamewesen die gleiche Zu-
Werbung, rügte das C.C. den Verstoss ge-
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die Regelungen zur Werbung erneut über-
gereichte Klage musste von der Werbekom-
munikation, Öffentlichkeitsarbeit und Wer-
prüft werden sollten, wobei zunächst offen
mission gestützt werden. Sie beantragte,
bung» durch Mitglieder des SIA, im Folgejahr
war, in welche Richtung eine Revision gehen
dem eingeklagten Büro einen Verweis zu
ergänzt durch Kurse von FORM, in denen die
sollte. Doch schon bei der Formulierung des
Revisionsauftrags an die Werbekommission
erteilen, jedoch ohne Publikation in den
Anwendung von Werbung als Form des Mar-
Vereinszeitschriften – eine für «besonders
ketings von Planungsbüros vermittelt wurde.
wurde im C. C. die Frage gestellt, ob eine
standesunwürdiges» Verhalten eher milde
Klaus Fischli, 1983 bis 2006 Mitarbeiter des
Revision «in einer restriktiven Richtung einen
Generalsekretariats, klaus.fischli@bluewin.ch
Sinn hat, wenn ohnehin zahlreiche Büros sich
Sanktion. In der Werbekommission liess dieser Fall das Bewusstsein reifen, «aus der gu-
nicht verpflichtet fühlen, die Werbeordnung
ten alten Zeit» zu stammen und ein «Fossil
einzuhalten.» Die Kommission SIA 154 ver-
ohne Aufgabe und Wirkung» zu sein. Im Jah-
neinte einen Revisionsbedarf für die Ord-
resbericht 2000 ergänzte sie dazu: «Die Li-
nung und hielt fest, dass die Ordnung Wer-
beralisierung […] erzeugt einen Wettbewerb,
bung grundsätzlich erlaube.
in dem alle tauglichen Mittel eingesetzt werden […]. Man mag dies bedauern oder be-
SERIE ZUM SIA-JUBILÄUM
Anlässlich des 175-Jahr-Jubiläums des SIA beleuchten unterschiedliche Autoren und Autorinnen in loser Folge ausgewählte Ereignisse
der Vereinsgeschichte.
Bereits erschienen: «Zur Geschichte des SIASekretariats» (TEC21 11/2012).
RÜCKZUG DER WERBEORDNUNG
grüssen, beseitigen kann man diesen Wett-
Ihren letzten Fall hatte die Werbekommission
bewerb kaum mehr», und stellte in Aussicht,
1998 zu bearbeiten – in einer Zeit, als die
ihre eigene Auflösung zu beantragen.
Tendenzen zur Liberalisierung der Wirtschaft
Auch in der Vereinsleitung hatte sich nun die
CHRONIK DES SIA: 1837– 2011
deutlich wurden und die SIA-Tarife unter Be-
Meinung durchgesetzt, dass die Gesetzge-
schuss der Eidgenössischen Kartellkommis-
bung zum unlauteren Wettbewerb zur Rege-
sion gerieten. In einem Inserat mit der Ankün-
lung der Werbung genüge und die Werbe-
digung des Zusammenschlusses von zwei
ordnung zurückzuziehen sei. «In Anbetracht
Büros zu einer neuen, im SIA-Verzeichnis
der bestehenden Realitäten», so der Wort-
eingetragenen Firma,
war ein Rabatt auf
laut des Antrags an die Delegiertenver-
SIA-Honorare angeboten worden. Die Ge-
sammlung, wurde die SIA-Werbeordnung am
währung von Rabatten jedoch wurde in der
15. Juni 2002 ausser Kraft gesetzt und die
SIA-Werbeordnung explizit als «besonders
Kommission SIA 154 aufgelöst. Als Ersatz für
standesunwürdig» bezeichnet, und die ge-
die Werbeordnung erschien Ende 2002 die
gen die verantwortlichen SIA-Mitglieder ein-
Publikation «Qualität kommunizieren – Kom-
Eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Vereinsgeschichte bietet die neue Chronik des SIA
1837 – 2011, die von Klaus Fischli zusammengestellt und ergänzt wurde. Die rund 80 Seiten
umfassende Publikation bietet eine Übersicht
über die Meilensteine der ersten 150 Jahre des
SIA wie die Entstehung des Normenwerks, die
Arbeitsbeschaffung während der Kriegsjahre
oder die ersten Konflikte mit der Preiskontrolle,
und enthält eine kompakte Aufarbeitung ausgewählter Themen der letzten 25 Jahre. Die Chronik kann für 25 Fr. per E-Mail bestellt werden
bei: Verena Fischer, Generalsekretariat SIA,
verena.fischer@sia.ch.
ANDRÉ RIVOIRE (1916 – 2011)
Anlässlich der Feierlichkeiten und Rückblicke
sen Genfer Gemeinde (Le Grand Saconnex)
Zusammenarbeit mit seiner Frau. Sein Ver-
rund um das 175-jährige Bestehen des SIA
zögerte er nicht, sich als Verwaltungsrat der
antwortungsbewusstsein war derart, dass er
ist es angebracht, einer aussergewöhnlichen
Seatu-Verlags AG von 1973 bis 1990 gleich-
nie, aber auch gar nie, ein Budget oder einen
Persönlichkeit zu gedenken. André Rivoire
zeitig für die technischen Publikationen des
Kostenvoranschlag eines seiner Projekte um
stand unserem Verein von 1961 bis 1971 vor,
SIA einzusetzen.
das Geringste überschritten hätte.
war während über vierzig Jahren Ehrenmit-
André Rivoire blieb aber in erster Linie Archi-
Bis zuletzt war André Rivoire äusserst stolz
glied und starb Ende 2011 in Genf.
tekt. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg
auf seine Familie, seine drei Kinder, seine
1916 geboren, hat Rivoire, pflichtbewusst und
half er von 1946 bis 1948 beim Wiederaufbau
sechs Grosskinder und vor allem auf seine
ein Mann von Wort, dem SIA in verschiedener
des bombardierten Oslo. Zu Norwegen, dem
zahlreichen Urgrosskinder.
Hinsicht mit Hingabe gedient. Während sei-
Land, aus dem seine Ehefrau, ebenfalls Ar-
Prof. Dr. Jean-Claude Badoux, Präsident des SIA
ner langen Präsidentschaft baute er die
chitektin, stammte, hegte er eine grosse
1986–91, Ehrenmitglied des SIA und Präsident
Struktur unseres Vereins um, sodass sich die-
Verbundenheit.
der Schweizerischen Standeskommission,
ser besser für die Berufsehre und die Interes-
1949 aus Norwegen zurückgekehrt, baute er
jean-claude.badoux@epfl.ch
sen der Planer einsetzen konnte, aber auch,
sein eigenes Haus in «nordischem Stil». Ge-
um unseren Aufgaben und Verantwortlich-
meinsam mit Edmond Fatio gründete er ein
keiten der Gemeinschaft und Allgemeinheit
Architekturbüro, das er nach dessen Tod um
gegenüber Priorität geben zu können. Trotz
1960 als grosser Patron alleine weiter führte.
der Arbeitslast als Stadtpräsident einer gros-
Er realisierte zahlreiche Bauten, teilweise in
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