Ist Deutschland noch ein christliches Land?

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Ist Deutschland noch ein christliches Land?
Anmerkungen zu einer politischen Selbstreflexion
RB Michael Grabow am 30.01.2016 /CSU-Empfang Augsburg-Hochzoll
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
wer die Worte „Deutschland ein christliches Land“ in eine Suchmaschine im Internet eingibt,
bekommt in 0,48 Sekunden rund 223.000 Einträge: von Webblocks über Veranstaltungsberichte
bis hin zu ausführlichen Artikeln von Journalisten, Politologen und Politikern. Das zeigt, dass
diese Frage, und zwar schon seit längerem, ganz offensichtlich die Gemüter bewegt – und dass
sie bis heute noch nicht zu einer abschließenden Antwort gefunden hat.
Vielleicht am weitesten auseinander in ihrer Einschätzung liegen die Artikel von Markus Günther1, der die Kirchen in Deutschland vor einem „ideellen Bankrott“ sieht und Volker Kauder2,
der zu dem Ergebnis kommt: „Deutschland braucht das Christentum“.
Besondere Brisanz gewinnt die Frage natürlich durch die Pegida-Behauptung von einer angeblichen „Islamisierung des Abendlandes“ und durch die Veränderungen, die wir in den letzten Monaten wahrnehmen.
Nun möchte ich nicht Anmerkungen machen zu einzelnen Positionen, schon gar nicht zu
223.000. Das wäre bald ermüdend. Erlauben Sie mir daher, dass ich mich an der mir gegebenen
Überschrift orientiere und ihn fragend und kommentierend durchbuchstabiere. Dabei wird es
nicht ganz ohne Rückblicke in die Geschichte abgehen. Denn wer Verantwortung für die Leitung
eines Gemeinwesens trägt, ist auf fundierte Kenntnis der Geschichte angewiesen (Schleiermacher).
1.
Ist Deutschland noch ein christliches Land?
Wenn wir heute diese Frage stellen, dann haben wir wahrscheinlich die wohlgefüllten Kirchen
der frühen Nachkriegszeit in Erinnerung. Nach 1945 waren die Menschen, jedenfalls im Westen
Deutschlands, tief desillusioniert von den Folgen der menschenverachtenden Ideologie des Nationalsozialismus. Sie mißtrauten allen politischen Systemen und Ideologien. Sie waren hungrig
nach Werten und Institutionen, die diese Leere auffüllen könnten und fanden sie eben in den
großen Kirchen, die das „Dritte Reich“ zwar auch nicht unbeschadet überstanden hatten, sich
aber ihrem teilweisen Versagen und ihrer Mitschuld sehr früh gestellt hatten und diese Schuld
auch öffentlich bekannten, wie z.B. die EKD im Stuttgarter Schuldbekenntnis vom 19. September 1945, und die auch politisch und moralisch integre Männer an ihrer Spitze hatten wie bei der
EKD Hanns Lilje, Gustav Heinemann, Otto Dibelius oder Martin Niemöller, der selbst im KZ
gesessen hatte.
Aber diese Nachkriegszeit zeigt nur ein teilweise richtiges Bild. Es beschreibt eine kurze Unterbrechung des Säkularisierungsprozesses, der infolge der Aufklärung bereits zwei Jahrhunderte
andauerte und bis heute nicht Halt macht.
Wer in die Geschichte zurückblickt, der kann außerdem feststellen, dass fast jede Zeit über mangelnde Zustände in Glaube und Kirche geklagt hat.
1
2
„FAZ“ vom 29.12.2014
„Welt“ vom 7.6.2014
Die erste Phase der Christianisierung Mitteleuropas überzog die germanische, römische und slawische Bevölkerung nur mit einer dünnen christlich-religiösen Schicht. Die alten Kulte existierten oft noch lange weiter. Und auch die gesellschaftlichen Werte jener Zeit wären heute kaum
mehrheitsfähig: Leibeigenschaft, Ketzerverfolgung, Todesstrafe, Folter, eine weitgehend undurchlässige Ständegesellschaft mit großen sozialen Unterschieden waren damals allgemein akzeptiert.
Die kirchlichen Reformbewegungen des 11. und 12. Jahrhunderts erfassten im Wesentlichen die
Klöster, eher selten die Priester in den Gemeinden und nur ausnahmsweise die Fürstbischöfe, die
sich ihre Titel oft erkauften, nicht selten keinerlei theologische Ausbildung vorweisen konnten
und ihr Amt eher als Reichsfürsten denn als Bischöfe ausübten.3
Wobei ich auch darauf hinweisen möchte, dass es natürlich Phasen einer tief innerlichen Frömmigkeit gab, die auch breitere Schichten des Volkes erfasste.
Die aus dem Volkschristentum entstehenden Reformbewegungen (Katharer, Waldenser, Hussiten) wurden blutig verfolgt und lebten nur im Untergrund weiter. Die Reformation traf auf eine
Situation erschreckender geistlicher Leere und Not. Luther schrieb deshalb den Kleinen Katechismus als Lehrbuch der Gemeinde und den Großen Katechismus als Lehrbuch gegen die teilweise erschreckende theologische Unwissenheit der Pfarrer. Und Philipp Melanchthon, der auch
„Lehrer Deutschlands“ genannt wurde, verfasste seine „Schule der Visitatoren“, um durch Gemeindebesuche und Visitationen ein geregeltes geistliches Leben in den Gemeinden wiederherzustellen.
Dass in der Folge der Aufklärung die Kritik an Kirche und Religion zunächst die Gebildeten
erfasste und zu einer grundlegenden Veränderung auch der christlichen Theologie führte, die bis
heute anhält, muss ich nicht weiter ausführen. Bereits im Jahr 1799 schrieb der evang. Theologe
Friedrich Daniel Schleiermacher sein epochales Werk „Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern“.4 Dieses Buch hat den Protestantismus des 19. und 20. Jahrhunderts
nachhaltig geprägt.
Insofern lautet meine erste These: West- und Mitteleuropa und insofern auch der Bereich, den
wir heute Deutschland nennen, haben im Lauf der christlichen Geschichte immer um ihr christliches Profil und ihren Glauben gerungen.
Es gab immer wieder Zeiten eines massiven Verfalls christlicher Werte und geistlichen Lebens.
Die Frage nach den zentralen Werten für den Einzelnen und die Gesellschaft haben sich dabei im
Lauf dieser Geschichte massiv verändert.
2.
Ist Deutschland noch ein christliches Land?
Wenn wir von Deutschland reden, worüber reden wir da eigentlich? „Deutschland? Aber wo
liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden.“ So schrieben Goethe und Schiller noch im Jahr
1796.5
Erst 1871 wurde durch die Gründung des deutschen Reiches der Flickenteppich der Kleinstaaterei beendet. Natürlich hatte es auch vorher schon ein Gefühl gegeben, zur gleichen Familie zu
gehören.
3
Albrecht von Brandenburg ließ sich mit 23 Jahrebn zum Priester und im selben Jahr zum Bischof von Magdeburg
und Halberstadt wählen, ein Jahr später wurde er als Erzbischof von Mainz Reichskanzler, Stellvertreter des Kaisers
und Primas der kath. Kirche
4
Dieses Buch gilt als das religionsphilosophische Werk der Frühromantik, Schleiermacher erklärt darin
seine Sicht darüber, was Religion ihrem Kern nach ist: Gefühl und Anschauung des Universums. Sie besteht unabhängig von Moral und Metaphysik.
5
Zitiert nach: Neil McGregor: Deutschland, Erinnerungen einer Nation, C.H.Beck 2015, S. 43
Und natürlich gab es auch ein gemeinsames Bewusstsein darüber, was Deutsche getan, erlebt
und an Kultur geschaffen hatten. Aber das Gefühl der Zusammengehörigkeit war bis 1871 doch
eher diffus. Und die konfessionelle Landkarte förderte ein Zusammenwachsen nicht.
Dazu kommen vier große Traumata, die die gemeinsame Geschichte Deutschlands bis heute geprägt haben:
- Der dreißigjährige Krieg: Deutschland, ein Schlachtfeld vieler Nationen, unter dem Deckmantel von Religion
- Die Besetzung durch die französische Revolutionsarmee ab 1792 und die Folgen (Reichsdeputationshauptschluss etc.)
- Das Dritte Reich: seine Verbrechen und der Verfall aller Werte
- Die Besetzung Deutschlands 1945 und die Teilung in zwei Staaten und zwei ideologische
Blöcke
All das muss man im Kopf haben, wenn man heute von Deutschland redet. Es geht dabei nicht
nur um die Grenzen, die sich immer wieder verschoben haben, auch nicht nur um die Erfahrung,
über längere Phasen Spielball fremder Mächte gewesen zu sein.
Es geht positiv um die intensive Beschäftigung mit den kollektiven Traumata Deutschlands. Es geht
darum, dass sich Historiker und Politiker der auf sich geladenen Schuld Deutschlands stellten und
ihre nachhaltige Aufarbeitung vorantrieben, die eine neue und anerkannte Stellung Deutschlands im
Gefüge der Weltgemeinschaft erst ermöglicht hat.
Wobei man feststellen muss, dass dieser Prozess immer noch andauert und in manchen Bereichen der weiteren Bearbeitung bedarf; auch, dass dieser Prozess in Westdeutschland sehr viel
intensiver und nachhaltiger war als in der DDR, die sich nie in der Rechtsnachfolge des Dritten
Reiches sah und deshalb auch keine Notwendigkeit sahen, sich dieser Vergangenheit zu stellen.
Bei der Aufarbeitung der Vergangenheit haben die Kirchen eine wesentliche Rolle gespielt: Sie
haben sich selbst zu ihrer Mitschuld bekannt und damit erste Türen geöffnet hin zu Kirchenvertretern und Politikern anderer Staaten. Sie haben die Hand zu einer Versöhnungsarbeit mit dem
Judentum und in der Folge mit Israel gereicht bekommen und diese Chance aus ehrlichem Herzen genutzt und weitergegeben.
Sie haben ihre spezifisch christlichen Instrumente von Schuld, Umkehr und Vergebung eingebracht und so staatliche Versöhnungsprozesse begleitet. Ich erinnere nur an die Ostdenkschrift
der EKD vom 1.10.1965, die als Wegbereiterin der Entspannungspolitik gilt und Auswirkungen
bis hin zur Wiedervereinigung hatte. Oder an die Demokratiedenkschrift von 1985.
Daraus ergibt sich für mich These 2: Gerade das historisch bedingte gebrochene Verhältnis der
Deutschen zu ihrer Nation hat zu einer intensiven Aufarbeitung der Vergangenheit und zu einer
Öffnung hin zu Europa und der Weltgemeinschaft geführt. Dabei haben die Kirchen eine wesentliche Rolle in der Wertvermittlung, aber auch in der konkreten Versöhnungsarbeit gespielt. Für
die evangelische Kirche stehen dabei drei Daten im Mittelpunkt: 1945 Stuttgarter Schuldbekenntnis, 1965 Ostdenkschrift, 1985 Demokratiedenkschrift.
3. Ist Deutschland noch ein christliches Land?
In ihrer Demokratiedenkschrift hat die EKD sich grundlegend zur Demokratie als einer Staatsform bekannt, die mit evangelischem Staatsverständnis kompatibel sei. „Als evangelische Christen stimmen wir der Demokratie als einer Verfassungsform zu, die die unantastbare Würde der
Person als Grundlage anerkennt und achtet.“ Die evangelische Theologie kenne keine allgemeine
Staatslehre, und die Demokratie berufe sich auf kein bestimmtes religiöses Bekenntnis, sei also
keine dezidiert „christliche Staatsform“.
Aber die positive Beziehung von Christen zum demokratischen Staat des Grundgesetzes „ist
mehr als äußerlicher Natur; sie hat zu tun mit den theologischen und ethischen Überzeugungen
des christlichen Glaubens.“6
Erst wenn man bedenkt, wie stark und wie lange gerade in der evangelischen Kirche obrigkeitsstaatliches Denken verwurzelt war, kann man den Quantensprung ermessen, den diese Denkschrift darstellt. Allerdings geht sie noch von der Vorstellung aus, der deutschen Gesellschaft
liege noch ein moderat säkularisierter christlicher Grundkonsens zugrunde. Aber diese Annahme
entsprach schon vor 30 Jahren nicht mehr dem Stand der politischen Theorie.
Auch der Gottesbezug im deutschen Grundgesetz muss von diesem Missverständnis befreit werden. Historisch gesehen ist dieser Gottesbezug neu. Weder die Paulskirchenverfassung von 1848
noch die Weimarer Verfassung von 1919 enthielten einen Gottesbezug.
Ist die Bundesrepublik also „christlicher“ als Weimar? Im parlamentarischen Rat, der das
Grundgesetz inhaltlich vorbereitete, gab es Bestrebungen, den neuen Bonner Staat sogar ausdrücklich als „christlich“ zu definieren. Das wurde, wie man in Carlo Schmids Erinnerungen
nachlesen kann, durch massiven Einsatz von Zitaten aus den Kirchenvätern, also theologisch
begründet verhindert. Der Gottesbezug ist also weltanschaulich neutral zu verstehen, genau wie
das Grundgesetz insgesamt ausdrücklich die religiös-weltanschauliche Neutralität des Staates
und die Trennung von Kirche und Staat festhält.
Historisch gesehen sollte die Einführung des Gottesbezuges den Unterschied zum totalen, totalitären weltanschaulichen Anspruch des NS-Staates markieren. Er sollte deutlich machen, dass
Rechtssetzung sich nicht aus sich selbst heraus legitimieren kann.
Gott wird dann zu einem offenen Symbol für die dem Staat vorausliegende „letzte sittliche
Kraft“7 verstanden, die nicht einer bestimmten Religion zugeschrieben werden kann.
In einem neueren, eher kritischen Kommentar von Horst Dreier, wird der Gottesbezug als eine
Art von „Demutsformel“ bezeichnet; es handle sich hierbei „um die Betonung der Weltlichkeit
und vor allem „der Endlichkeit und … Fehlbarkeit auch einer demokratischen Verfassung“8.
Übrigens spannend finde ich, dass noch 1994 sich das Land Niedersachsen eine neue Verfassung
gab, in der der Gottesbezug wörtlich aus der Präambel des Grundgesetzes übernommen wurde.
Die Initiative dazu war von christlichen Gruppen und der jüdischen Gemeinde in Niedersachsen
gekommen. Auch Sachsen-Anhalt und Thüringen hatten kurz davor den Gottesbezug in ihre Verfassungen aufgenommen.
So komme ich zur zusammenfassenden These drei: Auch wenn der Staat sich heute als weltanschaulich neutral verstehen muss, um der gesellschaftlichen Wirklichkeit einer pluralen Gesellschaft und Weltanschauungslandschaft gerecht werden zu können, so kann er sich doch auf Gott
als ein außerhalb seiner Verfügbarkeit befindliches Symbol für die Begründung von Sittlichkeit
und Menschenwürde als unverfügbare Menschenrechte beziehen. Und ich füge hinzu: er muss es
sogar, um nicht menschlicher Hybris, menschlicher Selbstüberschätzung zu verfallen.
6
Zitiert nach „Zeitzeichen, evangelische Kommentares zu Religion und Gesellschaft, Oktober 2015, S. 20 f.
So der CDU-Abgeordnete Adolf Süsterhenn, der erstmals 1948 diesen Gottesbezug in die Debatte um die Präambel einbrachte.
8
Zitiert nach Dr. W. Lagler, Uni Tübingen: Gott im Grundgesetz? Zur Bedeutung des Gottesbezugs in der Verfassung und zum christlichen Hintergrund der Grund- und Menschenrechte
7
4.
Ist Deutschland noch ein christliches Land?
Ein konstitutives Element des klassischen westlichen Denkens war das aufgeklärte Christentum.
Wie ist es heute um diese Säule unserer Gesellschaft bestellt?
Wenn wir eine Antwort nur aus den vorliegenden Veränderungen bei den Mitgliedszahlen oder
den aktuellen inhaltlichen Umfragen heraus beantworten wollten, kämen wir meines Erachtens
zu unvollständigen Antworten.
Natürlich sind die Austrittszahlen besorgniserregend. Und natürlich müssen wir uns mit der Erkenntnis der letzten EKD-Umfrage auseinandersetzen, die von einer Erosion der kirchlichen
Verbundenheit aus der Mitte der Gemeindemitglieder heraus spricht. Die Zahl der mit der Kirche
hochverbundenen Mitglieder steigt, die der wenig verbundenen ebenfalls, die der mittel verbundenen Mitglieder sinkt. Das stimmt wohl so. Das muss uns beschäftigen. Aber das ist auch, wieder einmal, nur die halbe Wahrheit.
Kirche, so die bemerkenswerte These des Philosophen Charles Taylor, hat Konkurrenz bekommen, nicht nur von anderen Religionen oder Atheisten, sondern vom Staat. Taylor geht davon
aus, dass vieles aus der christlichen Substanz inzwischen politisch säkularisiert / vereinnahmt
worden sei. Das mache die Kirchen entbehrlich.
Verkürzt könnte man sagen: aus Nächstenliebe wird Sozialstaat, aus Luthers Zwei-RegimentenLehre kann man die Gewaltenteilung des modernen Staates ableiten, aus dem Priestertum aller
Gläubigen erwächst säkular die Verantwortung des Einzelnen für das öffentliche Leben, aus der
Selbstverantwortung des einzelnen Christen für seinen Glauben die moderne Gewissensfreiheit.
Und die Vorstellung der Gottesbildlichkeit des Menschen begründet seine unverlierbare Würde,
ein Ur-Satz der Menschenrechte.
Oft schreibt man die Entstehung des „Subsidiaritätsprinzips“ der kath. Soziallehre zu. Es ist aber
bereits im Alten Testament angelegt. 2. Mose 18, 13 heißt es: „Nur wenn es eine große Sache ist,
sollen sie diese vor Dich bringen. Alle geringeren Sachen aber sollen sie selbst verrichten“.
Diese Idee nahm der calvinistische Rechtsgelehrte und Staatstheoretiker Johannes Althusius im
16. Jahrhundert auf und machte das Subsidiaritätsprinzip zu einer wesentlichen Grundlage für
die Entwicklung eines föderalistischen Gesellschaftsmodells. So kann man das Subsidiaritätsprinzip als eine Folge der Reformation entdecken.
Daraus folgt meine vierte These: Die Grundlagen des modernen Staates sind entscheidend von
christlichen Modellen her geprägt. Selbst wenn man diese Vorstellungen von christlichem Glauben trennen wollte, wären sie immer noch zutiefst christlich. Daraus folgt: Deutschland ist ein
christlich geprägtes Land – und es wird auch so bleiben, solange wir diese und weitere Grundlagen, auf die ich noch zu sprechen komme, als wehrhafte Demokratie weiterentwickeln und gegen
alle totalitären Anfeindungen bewahren.
Ich möchte aber noch weitergehen, indem ich von erstaunlichen Aufbrüchen im Nordosten
Deutschlands berichte, die ich anlässlich eines Treffens mit der Kirchenleitung in Mecklenburg
entdecken konnte. Nur ein paar Beispiele, aus denen ich dann vorsichtige Schlussfolgerungen
ziehen möchte.
Im ländlichsten, überaltertsten und am meisten entkirchlichten Bereich Mecklenburgs bei
Neustrelitz haben wir Landgemeinden besucht und uns dort von den Erfahrungen erzählen lassen.
Da steht eine schöne, alte und renovierte Kirche leer. Nur an Weihnachten ist sie noch gut gefüllt. Ein Berliner Künstler, der im Sommer dort wohnt, wendet sich an die junge Pfarrerin mit
der Idee, die Erinnerungen der Dorfbewohner zu sammeln und ihnen in der Kirche einen dauern-
den Ort der Erinnerung zu verschaffen. Der Künstler ist nicht religiös, aber Kirche ist für ihn ein
besonderer und wertvoller Ort. Er setzt unbewusst um, was der Theologe Fulbert Steffensky in
seinem Buch beschrieben hat: Kirche als „Haus, das die Träume verwaltet“.
In einem Dorf mit 60 Einwohnern, davon 12 Kirchenmitglieder, steht der ungetaufte Bürgermeister vor der Tür des Pfarrers: „Wir können doch die Kirche nicht zusammenfallen lassen“.
Der neugegründete Bauverein, die Vorsitzenden und die Mehrzahl der Engagierten nicht Kirchenmitglieder, organisieren 250.000 € und renovieren die Kirche. Danach fragt der Bgm. den
Pfr.: dürfen wir den Kirchbauverein jetzt zum Dorfbauverein umbenennen?
So stößt die renovierte Kirche eine ganze Renovierungswelle an und führt zu neuem Leben im
Dorf. Seit zwei Jahren gibt es ein Dorffest, natürlich rund um die Kirche. Allein dieser Pfarrer
hat inzwischen sechs seiner Dorfkirchen renoviert und neu belebt. Alles unter dem Motto: Die
Kirche muss doch im Dorf bleiben.
Ein drittes Beispiel: Im Advent steht eine Frau vor der Tür der Pfarrerin: Wir sind 50 Leute und
würden gern in die Kirche zum Adventsliedersingen. Die Pfarrerin kennt die Frau nicht, auch
niemand aus der Gruppe, keiner gehört zu ihrer Gemeinde. Sie zögert: Wer ist das? Vielleicht
gar so eine Pegida-ähnliche Bewegung? Sie lässt die Gruppe dann doch in die Kirche, man singt
(überwiegend kirchliche) Adventslieder und es entsteht eine neue und lebendige Begegnung mit
Kirche.
Es gibt unzählige solcher Aufbrüche, oft zaghaft und mit Berührungsängsten, aber sehr hoffnungsvoll – und das in jenem Bereich Deutschlands, der am meisten entkirchlicht ist.
Kirchenverantwortliche dort sagen: „Der Konfessionslose in Mecklenburg ist nicht ohne Überzeugung, sondern gewissermaßen im weltanschaulichen Graubereich. Er ist zwar nicht Mitglied
der Kirche, oft aber mit einer eigenen Überzeugung bei Kirche engagiert. Konfessionslose arbeiten mit, sie erhalten und schmücken Kirchen, sie sind in Gruppen aktiv, die Kirche und Gesellschaft, Kirche und Kunst, Kirche und Dorf zusammenbringen.
Mehr als 50 % der Mitarbeiter in Diakonie (und übrigens auch Caritas) dort im Norden sind zwar
nicht Kirchenmitglieder, aber sie arbeiten aus Überzeugung bei Kirche“.
Übrigens finden es mehr als die Hälfte aller Konfessionslosen in Mecklenburg-Vorpommern
„klasse“, dass man in der Kirche nicht perfekt sein muss.
Man könnte sagen: auch wenn das kirchliche Mitgliedschaftsrecht sich damit schwertut, ist Kirche längst Kirche mit anderen. So haben zwei Altbischöfe in einem Thesenpapier zur Kirchenreform unter anderem formuliert: „Die Kirchen müssen ihr Dasein in der Gesellschaft neu bestimmen und dürfen dabei nicht übersehen, dass bei allen Traditionsabbrüchen die Saat des Christentums in weltlichen Lebensformen und unter Konfessionslosen ebenso keimt, wie in … Kirchenbänken. Faktisch leben viele Menschen wie Christen, aber die Kirche erreicht sie nicht. Das hat
seinen Grund unter anderem darin, dass die Kirche nicht auf das Wirken des Geistes außerhalb
ihrer Mauern neugierig ist.“9
Was hier zu entdecken ist, beschreibt Paul Tillich mit der „Dimension der Tiefe“ in jedem Menschen, das, was ihn „unbedingt angeht. Dietrich Bonhoeffer beschreibt dasselbe Phänomen als
„Religionsloses Christentum“.
Daraus meine fünfte These: Wir müssen als Kirche und Gesellschaft dieses „Religionslose
Christentum“ wahrnehmen, wertschätzen und es als Chance sehen für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft und für die sich zeigenden Veränderungen in der Wertegemeinschaft nicht nur
unseres Landes.
9
Berger, Demke: Das Wunder des Geistes riskieren, Thesen zur Kirchenreform in Ostdeutschland, 2001
5.
Ist Deutschland noch ein christliches Land?
Daraus ergeben sich Fragen zur Definition von „Christlich“. Wenn ich Bonhoeffers „Religionsloses Christentum“ ernstnehme, dann ist dieses auf den Kern reduzierte Christentum eine zweite
Form christlicher Existenz neben der religiös ausgeprägten, die sich im christlichen Kultus verwirklicht.
Und als solcher nicht religiöser Glaube ist er Aufklärung, Herrschafts- und Autoritätskritik, Kritik an einem vergöttlichten Kapitalismus und auch Kritik an den Götzen Reichtum, Karriere,
Schönheit oder Fitness.
Christentum braucht Beides. Es braucht den Ritus als Glaubensvollzug und als Blick auf Existenz im Diesseits und Jenseits. Und es braucht das systemkritische Element eines Glaubens, der
um die Relativität aller menschlichen Satzungen weiß und gleichzeitig auf dieses Hier und jetzt
schaut mit der Frage: was ist das gute Leben für die ganze Schöpfung, und was muss getan werden, um die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen.
Insofern ist Deutschland in der Tat ein christliches Land, stärker christlich geprägt als Mitgliederschwund und Umfragen vermuten ließen. Es sieht aber deutlich anders aus, als viele implizieren, wenn sie unreflektiert vom christlichen Abendland reden.10
Die großen Kirchen haben sich in den letzten 50 Jahren massiv verändert. Die kleinen Freikirchen treten immer stärker auch in der Öffentlichkeit auf. Und die aus anderen Ländern und Erdteilen zu uns gekommenen Christen verändern auch unsere Formen und Inhalte des gelebten
Glaubens.
Ab 1850 kamen Polen nach Deutschland, nach 1945 Deutsche aus ganz Osteuropa, dann die Siebenbürger und schließlich die Russlanddeutschen. Alle brachten ihre eigenen Traditionen mit.
Jetzt kommen Christen, nicht nur Flüchtlinge, aus der ganzen Welt. Wir bieten in unseren Kirchen zunehmend Raum für Gottesdienste aus Afrika und Asien in deren Traditionen.
Das Christentum war von Anfang an multikulturell geprägt: Jesus war Jude und sprach aramäisch. Das Neue Testament ist griechisch geschrieben, also in einer völlig anderen Denkweise.
Die Kirchenväter kamen aus der Türkei, Nordafrika und Rom. Unser Weihnachtsfest ist römisch-germanisch beeinflusst, und viele Wallfahrtsorte sind auf heidnische Kultstätten gesetzt.
So war das Christentum immer und ist auch heute in sich multikulturell geprägt
Darüber hinaus ist Deutschland schon lange nicht mehr ein ausschließlich christlich geprägtes
Land: andere Religionen wie Judentum, Islam und zunehmend Buddhismus prägen Deutschland
ebenfalls, auch wenn sie zahlenmäßig sehr viel kleiner sind als die christlichen Kirchen. Es ist
insofern müßig, zu diskutieren, ob der Islam zu Deutschland gehört. Er ist seit langem Fakt.
Und natürlich prägt auch der reflektierte und wahrscheinlich noch stärker der unreflektierte faktische Verhaltensatheismus unser Land und seine Wertebildung.
Daraus ergibt sich für mich These sechs: Deutschland ist in seiner offenen und latenten christlichen Prägung ebenso wie in seiner Multireligiosität von verschiedenen Kulturen geprägt. Diese
verschiedenen Kulturen sind keine Bedrohung, sondern Bereicherung unseres Zusammenlebens,
insofern sie unsere Leitlinien des Zusammenlebens akzeptieren: Grundrechte, Demokratie,
Rechtsstaatlichkeit.
10
Gar ein Reden von einem „christlich-jüdischen“ Erbe vernachlässigt, dass es eine solche Verbindung erst seit ca.
60 Jahren gibt. Noch im 19. Jahrhundert stand das jüdische Rabbinat unter dem Verdacht, genuin fremd zu sein
und unsere christliche Kultur zu unterminieren, also dass zu tun, was man heute dem Islam vorwirft. Ganz zu
schweigen von der Vernichtung jüdischen Lebens und jüdischer Kultur im NS-Regime.
Man kann diese Leitlinien auch Leitkultur nennen. Unsere Leitkultur kann nur eine gesamteuropäische, ja eine den westlichen Werten insgesamt verbundene sein: ihre Leitlinien sind wie gesagt Grundrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Sie bedeutet für mich als Christ Achtung
der Gottesbildlichkeit des Menschen mit all ihren Konsequenzen.
Wir merken heute, dass das nicht einfach ist. Diese demokratische Leitkultur fordert viel. Sie
fordert Toleranz von allen Seiten: von denen, die schon lange hier wohnen und von denen, die
neu zu uns kommen. Diese Toleranz führt zur Integration, nicht zur Assimilation.
Integration ist ein anspruchsvoller Prozess. Denn Toleranz bedeutet ja nicht, dass jeder machen
kann, was er will. Toleranz heißt nicht Beliebigkeit, und nicht, dass man für alles Verständnis
haben soll.
Toleranz ist ein Lernprozess. Toleranz ist nichts Schrankenloses. Sie kann nur innerhalb klar
definierter Grenzen existieren. Diese Grenzen müssen gesetzt und ihre Einhaltung muss bewacht
werden.
Und ich bitte, nicht falsch verstanden zu werden: das ist kein Plädoyer für Obergrenzen beim
Asyl oder für eine Aussetzung von Schengen. Das wäre ein eigenes Thema. Es geht um die
Grenzen der Toleranz.
Innerhalb dieser Grenzen gibt es natürlich Multikulturalität – und wer sagt, dass Multikulturalität, Demokratie und Rechtsstaat sich nicht miteinander vertrügen, der verzichtet auf eine neue
Quelle des Reichtums dieser Gesellschaft.
Aber, und das hat Köln gezeigt, Toleranz hat dort ihre Grenzen, wo das Recht auf körperliche
Selbstbestimmung und Unversehrtheit, wo die Grundwerte unserer Demokratie verletzt werden.
Dazu braucht es keine gesetzgeberischen Schnellschüsse, sondern eine Instandsetzung der ausführenden Organe, die vorhandenen Regelungen auch durchzusetzen.
6.
Ist Deutschland noch ein christliches Land?
Ist Deutschland noch ein christliches Land? Ja, das ist es. Und das wird nach meiner festen
Überzeugung auch auf absehbare Zeit so bleiben – allen Unkenrufen zum Trotz.
Aber dazu müssen wir auch das Unsere tun. Es reicht nicht, von christlichen Werten zu reden. Es
reicht auch nicht, um sie im demokratischen Diskurs zu streiten. Dieser Wertediskurs ist richtig
und wichtig. Und ich beteilige mich gern und leidenschaftlich daran.
Aber Christentum ist mehr als Werte. Christentum will gelebt werden. Glaube will gelebt werden, sonst werden die Werte eines Tages schal, beliebig und verlieren ihre Begründung.
Dieses Leben des Christentums will entdeckt und gefördert sein: im Kultus der Kirche ebenso
wie im religionslosen Christentum vieler Konfessionsloser. „Nur leere Kirchen machen Angst
vor vollen Moscheen“, hat Margot Käßmann kürzlich gesagt. Es liegt an uns allen, dass sie wieder voller werden.
Und das Christentum will Konsequenzen haben für das Zusammenleben aller Menschen in Würde und Achtung als Ebenbilder Gottes, egal, ob sie schon lange hier leben, oder jetzt zu uns
kommen, aus welcher Not auch immer. Egal, ob Christen, Juden, Muslime. Aber auch das wäre
ein eigenes Thema.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
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