Standard Palliativ-Care DGP (Stand 10/2000)

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Pflegeleitlinie Mundpflege in der letzten Lebensphase
Mundpflege in der letzen Lebensphase
Vorbemerkungen, begleitende Gedanken
Der Mund ist ein zentrales Sinnesorgan des Menschen. Er ermöglicht uns die
Kommunikation über Sprache, die Kommunikation über Berührung (z.B. Küssen), er dient
zur Nahrungsaufnahme und steigert dadurch wesentlich unser tägliches Wohlbefinden und
unsere Lebensqualität. Der Mund gehört zu den wahrnehmungsstärksten Zonen unseres
Körpers. Im Vergleich zum Rücken findet man im Mund-Nasendreieck mehr als die 100fache Anzahl von Tastkörperchen.
Leitgedanken im Umgang mit der Mundpflege in der letzten Lebensphase
Der Patient
Viele Patienten haben im Verlauf ihrer Erkrankung unterschiedliche Erfahrungen mit der
Wahrung bzw. „Nicht-Wahrung“ von persönlicher Intimität gemacht. Sie haben erlebt, dass
therapeutische oder pflegerische Maßnahmen in Intimzonen ausschließlich unter dem
Aspekt der Notwendigkeit verrichtet wurden oder werden mussten.
In Chemotherapiephasen ist oftmals die Mundschleimhaut durch Soor oder andere
Begleiterkrankungen schmerzhaft verändert und mit nicht wohlschmeckenden Arzneimitteln
behandelt worden. Dies sind für den Patienten meist negativ prägende Erfahrungen, die
Einfluss auf sein Verhalten haben. Mit zunehmender Schwäche oder anderen Problemen,
insbesondere in der Sterbephase, wird der Patient abhängiger und immer mehr auf Hilfe und
Unterstützung von außen angewiesen. Er ist nun zunehmend darauf angewiesen, seine
Bedürfnisse non-verbal verständlich machen zu können. Auch „Mundpflege, die an ihm
geschieht“ kann dann nur noch durch das Gefühl, das sie auslöst, wahrgenommen und
verarbeitet werden. Gerade im sensiblen Mundbereich wird dies bedeutsam. Die bereits
gemachten Erfahrungen mit Mundpflege oder ungewollter intimer Berührung sind oft
ursächlich mitverantwortlich für Unsicherheiten und Ängste, die im Ergebnis möglicherweise
zur Verweigerung von Mundpflege führen. Gleichzeitig tritt z.B. durch vermehrte
Mundatmung und andere Faktoren Mundtrockenheit auf, die quälend sein kann. Sensibilität,
Einfühlungsvermögen, gute Beobachtung und Biographiearbeit mit Hilfe der Angehörigen
sind nun Parameter, auf die der Patient angewiesen ist und durch die er im Rahmen der
Mundpflege Sicherheit erfahren kann.
Die Angehörigen
Für Angehörige wird die Mundpflege in der Sterbephase zu einer besonderen
Herausforderung. Sie können dem Patienten damit „Gutes tun“ und aktiv sein. Sie haben die
Möglichkeit, durch das Wissen um die persönlichen Vorlieben und zusätzlich erworbenen
Kenntnisse zu seinem Wohlbefinden beizutragen. Andererseits gibt es bei Angehörigen die
Unsicherheit und Scheu, in die Intimsphäre ihres geliebten Menschen einzudringen und die
Angst, etwas falsch zu machen. Manchmal möchten sie dies lieber „Profis“ überlassen. Auf
keinen Fall möchten sie dem Patienten zusätzliche Schmerzen, Beschwerden oder
Unannehmlichkeiten zufügen, die aber im Rahmen der Mundpflege gelegentlich auftreten
können. Mit der Übernahme oder Hilfestellung bei der Mundpflege vollziehen und erleben
viele Angehörige auch einen deutlichen Rollenwechsel in der Beziehung. Die Hilflosigkeit
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Pflegeleitlinie Mundpflege in der letzten Lebensphase
des Partners verändert ihre eigene Position. Sie pflegen nun den Menschen, zu dem sie
früher eine partnerschaftliche Beziehung hatten. Oft wird ihnen durch das Durchführen der
Mundpflege die maximale Abhängigkeit klar, in der sich der Sterbende befindet, andererseits
auch die damit verbundene große Verantwortung.
Die Pflegenden
Mundpflege ist ein zentrales Thema. Die saubere und feuchte Mundschleimhaut wird oft als
Pflegeziel mit hoher Pflegequalität gewertet. In der Komplexität der Erkrankung und der
Präsenz weiterer belastender Symptome ist dieses Ziel meist nicht für den Patienten
erreichbar. Mit primärer Sicht auf die Behandlung pflegerelevanter Symptome im Mund wird
aber häufig vergessen, dass er zu den Intimzonen des Menschen gehört und insbesondere
bei Verweigerung ein behutsames und einfühlendes Vorgehen notwendig ist. Erschwerend
kommt hinzu, dass die Anwendung von Mundpflegemitteln häufig mehr durch persönliche
Erfahrungen und Vorlieben als durch Kenntnisse über Wirkmechanismen der
Mundpflegemittel bestimmt ist. Um eine bedürfnisorientierte Pflege durchführen zu können,
ist es notwendig, zwischen pflegerisch indiziertem Vorgehen und Wahrung der individuellen
Bedürfnisse ein Ziel für den Patienten zu definieren.
In diesem Spannungsfeld das angemessene Maß von Handeln und Unterlassen zu finden,
ist eine immer wieder neu und kritisch zu reflektierende Herausforderung.
Ziele in Bezug auf Mundpflege
Der Patient
• fühlt sich sicher und lässt die Mundpflege freiwillig durchführen
• verbindet mit der Mundpflege ein angenehmes Gefühl
• fühlt sich mit seinen Problemen bzgl. Mundpflege wahr- und ernst genommen
• behält die autonome Entscheidungsfreiheit über den Intimbereich Mund
Die Angehörigen
• lernen, die Mundpflege durchzuführen, wenn dies von ihnen und dem Patienten
gewünscht ist.
• werden in ihren Möglichkeiten unterstützt und ermutigt, ihre Grenzen auszudrücken und
ihre eigenen Gefühle zu reflektieren
• lernen, sich mit der veränderten Rolle auseinander zusetzen
• erkennen den Wert, den sie durch ihr Handeln zur Lebensqualität des Patienten beitragen
Die Pflegenden
• erkennen, dass sowohl eine unreine Mundschleimhaut als auch das Symptom der
Mundtrockenheit die Lebensqualität des Betroffenen deutlich reduzieren können
• formulieren in der Pflegeplanung deutlich und individuell die Ziele, Ressourcen und
Maßnahmen bei der Mundpflege
• kennen die möglichen Ursachen der Mundtrockenheit
• kennen die Folgen von Mundtrockenheit
• kennen Behandlungsmöglichkeiten von Mundtrockenheit
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Pflegeleitlinie Mundpflege in der letzten Lebensphase
• integrieren die Bedürfnisse und Wünsche des Patienten, und versuchen, die Angehörigen
anzuleiten
• erspüren die Sensibilität und Vielfältigkeit des Organes Mund
• wissen, dass der Mund zu den Intimzonen des Menschen gehört und somit ein
einfühlsamer Umgang bei der Durchführung der Mundpflege wichtig ist
• reflektieren eigene Gefühle (z.B. Ekel) im Zusammenhang mit der Mundpflege
• wissen, dass aus dem Wert der Mundpflege im pflegerischen Selbstverständnis und den
Bedürfnissen des Patienten Spannungen im Pflegeteam entstehen können. Sie
kommunizieren die Pflegeplanung für die Mundpflege ausreichend im Team.
Erkrankungen des Mund und Rachenraumes
1.
2.
3.
4.
5.
Mundtrockenheit
Mundgeruch
Schmerzhafter Mund
Soorinfektionen
Borkenbildung und Aphten
Allgemeine Anamnese
1. Erfragen der persönlichen Gewohnheiten bei der Mundhygiene
2. Erfragen von Abneigungen gegen Mundpflegemittel (herkömmliche, sowie auch Tees)
3. Inspektion der Mundhöhle
y Gaumen, Wangen, Zunge, Lippen
y Erkennen bereits bestehender Defekte
1. Maßnahmen zur Mundtrockenheit
Ursachen von Mundtrockenheit
• verminderte Sekretion von Speichel
• Mundschleimhauterkrankungen
• Starke Verdunstung von Speichel
• Tumorbedingt
• Medikamente (Opioide, Antidepressiva, Anticholinergika etc.)
• Dehydratation
Auswahl pflegerischer Maßnahmen
Anregung des Speichelflusses
• Zitronenöl über eine Aromalampe
• Saure Drops/Zitronendrops
• Gefrorene Ananas in den Mund geben
• saure Tees z.B. Hagebutte, Malve
Regelmäßige Mundbefeuchtung
• Mundspülen oder Auswischen des Mundes mit Hagebuttentee, Wasser oder
Mineralwasser
• Sprühen von Flüssigkeiten mit Hilfe eines Zerstäubers z.B. kalte Getränke (Orangensaft,
Apfelsaft, Cola, Bier, Sekt), je nach Vorlieben
• Befeuchten der Raumluft
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2. Maßnahmen zu Mundgeruch
Ursachen von Mundgeruch
• Tumorzerfall im Mundrachenraum
• Absonderung von Tumorsekret
• Infektionen(bakterielle und fungizide)
• Blutungen
• Soorinfektion
• Erbrechen
• Mangelnde Mundhygiene
Auswahl medizinisch-pflegerischer Maßnahmen:
• Regelmäßige Zahnhygiene
• Mundspülungen mit Tees (s. Anhang)
• Mundspülung mit Palliativ-Mundpflegelösung:
⇒ Zusammensetzung der Lösung:
Propylenglycol.......... 15,0ml
Bepanthen Lösung ... 20,0ml
Salviathymol............... 4,0ml
Eukamillat .................. 2,0ml
Aqua dest. ad. ........ 100,0ml
• Mundspülungen mit Antibiotika Lösung z.B. Metronidazol (Clont)
• Chlorophyll Dragees
• Medikamentöse Behandlung von Soor (vgl. Soor)
3. Maßnahmen zu Schmerzhaftem Mund
Ursachen von Schmerzhaftem Mund
• Entzündliche Prozesse (z.B. Candida albicans)
• Tumorwachstum im Mund – Rachenbereich
• Bläschen und Aphtenbildung
• Mukositis
Auswahl medizinisch- pflegerischer Maßnahmen
• Applikation von Lokalanästhetika (z.B. Mundisal Gel)
• Anästhesierende Lutschtabletten
> Xylocain Gel→ und Spray
> Dynexan Gel (enthält keinen Alkohol)
> Subcutin Lsg.
> Benzocain
> Alternativ: Solcoseryl Paste
• Rezept Reisschleim zur Behandlung schmerzhafter Prozesse in Rachen und Speiseröhre
> 30 ml Xylocain 4 % (Lokalanesthetikum)
> 8 mg Fortecortin (Cortison)
> 300 ml Reisschleim (aus Milch und Reisflocken)
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4. Maßnahmen zur Soorinfektion
Ursachen einer Soorinfektion
• Störung des Immunsystems
• Tumorerkrankung oder andere systemische Erkrankungen
• Antibiotika, Kortikoid-, oder Zytostatikatherapie
• Lokale Radiatio
• Eingeschränkte Mundhygiene
Auswahl medizinisch-pflegerischer Maßnahmen
• Nystatin oder Ampho Moronal in die Mundhöhle über einen Zeitraum von einer
Woche applizieren.
• Mundspülung mit Betaisodona Lsg.
• Mundspülung mit Salbeitee
Bei systemischem Befall
Fluconazol (Dilfucan), Ketoconazol (Nizoral)
5. Maßnahmen zu Borken und Belägen:
Ursachen von Borkenbildung
• fehlende Kautätigkeit, kein Abrieb
• eingeschränkte Mundhygiene
• Mundtrockenheit
• Mundatmung (offener Mund)
Auswahl pflegerischer Maßnahmen
• Sahne auf die Zunge legen und mit Mundpflegetupfer vorsichtig abreiben
• Bepanthen Lösung
• Mandelöl
• mit Brausepulver Zunge, Wangentaschen und Gaumen benetzen
Literatur
• BAUSEWEIN C et al: Leitfaden Palliativmedizin. 2. Aufl., München, Jena 2004
• BIENSTEIN C, FRÖHLICH A: Basale Stimulation in der Pflege. Düsseldorf 1991
• KELLNHAUSER E et al. (Hrsg.): Pflege. 9.völlig neu bearbeitete Aufl., Stuttgart 2000
• KERN M, NAUCK F: Patientenzentrierte Pflege und Aufgaben der Symptombehandlung.
In: Aulbert E, Zech D (Hrsg.): Lehrbuch der Palliativmedizin. Stuttgart 1997
• KERN M: Palliativpflege – Richtlinien und Standards. Bonn 2000
• HUSEBØ S, KLASCHIK E: Palliativmedizin. 3. Aufl., Berlin 2003
• TWYCROSS R: Symptom Management in advanced cancer. Oxford, New York 1995
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Pflegeleitlinie Mundpflege in der letzten Lebensphase
Anhang
Auswahl von Tees zur therapeutischen Mundpflege
Kamille
1-2 Teelöffel mit 150 ml heißem Wasser übergießen, 10 Minuten ziehen lassen und
absieben.
Wirkt entzündungshemmend, antibakteriell, beruhigend und schmerzlindernd.
Anwendung: bei Entzündungen des Zahnfleisches und der Schleimhaut im Mund- und
Rachenraum.
Salbei
1½ Teelöffel geschnittene Blätter mit 150 ml kochendem Wasser übergießen, 3 Minuten
ziehen lassen und absieben.
Wirkt antibakteriell, fungistatisch, virostatisch, adstringierend, austrocknend durch
Gerbstoffe.
Anwendung: bei Entzündungen im Mund- und Rachenraum, bei Stomatitis und Gingivitis, bei
Tumorwachstum oder Tumorzerfall im Mund- und Rachenraum.
Thymian
1-1½ Teelöffel Thymian mit kochendem Wasser übergießen, 10 Minuten ziehen lassen und
absieben.
Wirkt durchblutungsfördernd, antibakteriell, fungizid, desodorierend.
Anwendung: bei Entzündung des Mund- und Rachenraumes, Prophylaxe und unterstützende
Behandlung bei Soor und Mundgeruch.
Ringelblumentee
1 Teelöffel Blüten auf 150 ml Wasser, Aufguß 5- 10 Minuten ziehen lassen und absieben.
Wirkt desinfiziered, adstringierend, abwehrsteigernd.
Anwendung: bei Entzündungen des Mund- und Rachenraumes.
Malventee
2-3 Beutel auf 250 ml Wasser.
Anwendung: bei Entzündungen des Mund- und Rachenraumes.
Diese Mundpflegemittel sind nach therapeutischen Wirkungen aufgeführt und sollten immer
nach sorgfältiger Indikationsstellung angewendet werden.
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