Krankmacher Lärm

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I n f o r m a t i o n s m a t e r i a l
v o m
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Krankmacher Lärm
Lärm geht uns auf die Nerven und auf die Ohren. Zu viel Lautstärke führt zu Schwerhörigkeit und Tinnitus. Doch auch Schall, der nicht das Gehör schädigt, kann uns gefährlich werden. Wer zum Beispiel Tag und Nacht Verkehrslärm ausgesetzt ist, hat ein höheres Risiko für Bluthochdruck und Herzinfarkt.
Lärm: Was ist das eigentlich?
Kurz gesagt: Lärm ist Schall, den wir als
störend empfinden. Diese Formulierung
deutet schon an – die Meinungen darüber,
was im konkreten Fall als „Lärm“ zu bezeichnen ist, gehen auseinander. Während
ein Motorradfahrer den satten Sound seiner
Maschine genießt, wird sich ein Anwohner
am heftigen Knattern des Auspuffs stören.
Ähnlich sieht es bei lauter Musik aus. Sicher
ist jedoch: Ob wir Schall nun als angenehm
oder unangenehm wahrnehmen – ab einer
bestimmten Lautstärke wird es gefährlich.
Keine Ruhe für die Ohren
Unser Ohr, sagt der Leipziger Mediziner
Prof. Dr. Michael Fuchs, ist eigentlich für die
Stille gemacht. „Wir können damit über
weite Entfernungen hören. Für unsere Vorfahren war das überlebenswichtig. Wer den
anschleichenden Säbelzahntiger hörte, hatte
einfach bessere Überlebenschancen.“ Heute
ist unser Gehör mit einer Welt konfrontiert,
in der es nahezu ständig Geräusche gibt.
Verkehrslärm ist allgegenwärtig, in vielen
Einkaufspassagen läuft unablässig Musik.
Unser Gehör wird pausenlos beansprucht.
Und wir gönnen ihm kaum noch Erholung.
Je lauter und langanhaltender, desto
schädlicher ist Lärm
Die magische Grenze für Lärm, der dem Ohr
schadet, liegt bei 85 Dezibel. Wer dieser
Lautstärke, zum Beispiel an seinem Arbeitsplatz, täglich ausgesetzt ist, wird sehr wahrscheinlich eine Lärmschwerhörigkeit entwickeln. Das Risiko anderer Gesundheitsschäden beginnt aber schon viel früher – bei
etwa 60 Dezibel. Wer in der Nähe einer
Hauptverkehrsstraße oder eines Flughafens
wohnt, ist so einer Lärmbelastung auch
nachts ausgesetzt. Und das erhöht das Risiko
für
Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
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Wie laut ist was?
10 bis 20 Dezibel
Ticken
einer
Armbanduhr,
leises
Blätterrauschen,
Atmen
beim
Schlafen.
20 bis 30 Dezibel
Flüstern, Ticken eines Weckers
30 bis 40 Dezibel
Leises Gespräch, Geräuschpegel in einem ruhigen Wohngebiet.
40 bis 50 Dezibel
In diesem Bereich liegt die berühmte „Zimmerlautstärke“.
50 bis 60 Dezibel
Regen, Meeresrauschen. Normales Gespräch.
60 bis 70 Dezibel
Staubsauger aus einem Meter Entfernung. Wasserfall. Achtung: ab etwa 60 Dezibel kann Dauerlärm langfristig zu Stress und psychischer Belastung führen, außerdem steigt die Gefahr von
Bluthochdruck und Herzinfarkten.
70 bis 80 Dezibel
Straßenlärm. Benzin-Rasenmäher. Flaschen werden in Altglascontainer geworfen (Zehn Meter
Abstand).
80 bis 90 Dezibel
Dieselmotor aus zehn Metern Entfernung. Wer so einem Geräuschpegel anhaltend ausgesetzt
ist, schadet seinem Hörvermögen.
90 bis 110 Dezibel
Motorrad aus nächster Nähe. Sinfonieorchester bei voller Lautstärke. Presslufthammer. Motorsäge. Rockkonzert.
120 Dezibel
Schmerzschwelle. Düsenflugzeug, 100 Meter entfernt. Wenn 150 Dezibel überschritten werden,
zum Beispiel durch einen in nächster Nähe gezündeten Silvesterknaller, können irreparable
Schäden entstehen.
Was geschieht bei Lärm im Ohr?
Die etwa 15.000 Sinneszellen in unserem
Innenohr wandeln Schall in elektrische Impulse um. Diese Impulse gelangen über den
Hörnerv ins Gehirn, wo der eigentliche Höreindruck entsteht. Für ihre Arbeit brauchen
die Sinneszellen Sauerstoff. Je lauter es
wird, desto mehr davon. Prof. Fuchs: „Die
Sinneszellen arbeiten dann auf Hochtouren.
Irgendwann reicht der Sauerstoff nicht mehr
aus.“ In so einem Fall stellen die Zellen zunächst ihre Arbeit ein. Nach einer Nacht der
Ruhe haben sie sich aber in der Regel wieder erholt. Werden Sinneszellen jedoch
dauerhaft überfordert, können sie absterben. Das ist fatal, denn Sinneszellen wachsen nicht nach.
Der Fall: Hyperakusis und Tinnitus
Knalltrauma durch einen zu früh gezündeten Silvesterböller – Mario W. ist seitdem
doppelt geschädigt. Der Leipziger wird zum
Einen von pfeifenden Tönen im Ohr geplagt, von Tinnitus. Gleichzeitig nimmt er
Geräusche aus seiner Umwelt wie Klirren
und Scheppern jedoch überlaut wahr. Mediziner nennen dieses Problem „Hyperakusis“. Tinnitus und Hyperakusis gehen nicht
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selten Hand in Hand. Man schätzt, dass von
100 Patienten mit Tinnitus etwa 15 Prozent
zugleich auch Hyperakusis haben. Mario W.
empfindet das als Teufelskreis. Wenn er
versucht, vor den überlaut wahrgenommenen Geräuschen in die Stille zu flüchten,
meldet sich umso stärker der Tinnitus. Die
Ärzte versuchen, ihm unter anderem mit
einem auf seine Bedürfnisse eingestellten
Hörsystem zu helfen. Es schützt ihn vor
Lärm und vor jenen Tonfrequenzen, die er
als besonders unangenehm wahrnimmt.
Verkehrslärm – nervend und gefährlich
Als gefährlichste umweltbedingte Gesundheitsbedrohung gelten Luftschadstoffe.
Gleich danach jedoch kommt der Verkehrslärm. Die Weltgesundheitsorganisation
(WHO) schätzt, dass in Westeuropa durch Umweltlärm jährlich mindestens eine Million
gesunder Lebensjahre verloren geht. Allein für den Osten Deutschlands werden pro
Jahr 30.000 zusätzliche Krankheitsfälle vorhergesagt, 12.000 zusätzliche Todesfälle, 1,8
Milliarden Euro Gesundheitskosten.
Was geschieht bei dauerndem Verkehrslärm im Körper?
Lärm bedeutet Stress. Unser Körper wird
dadurch in einen Alarmzustand versetzt. Er
schüttet verstärkt Hormone wie Adrenalin,
Noradrenalin und Cortisol aus. Das jagt den
Blutdruck hoch, beschleunigt den Puls und
aktiviert die Blutgerinnung – eine Reaktion
wie bei unseren steinzeitlichen Vorfahren,
die einem gefährlichen Raubtier gegenüberstanden. Das Tückische ist – diese gefährliche Kaskade kommt auch in Gang, wenn
wir den Lärm gar nicht bewusst wahrnehmen, also auch im Schlaf. Forschungen zeigen, dass Dauerlärm bei Kindern die Gehirnfunktion beeinträchtigt und bei Erwachsenen vermehrt zu Problemen wie Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall oder Diabetes führt. Letzteres ist vermutlich dadurch
bedingt, dass Lärm den Tiefschlaf stört und
damit zugleich den Insulin-Stoffwechsel.
Die Mainzer Fluglärmstudie
Der genaue Mechanismus, wie Lärm HerzKreislauf-Leiden auslöst, war bislang größ.
tenteils ungeklärt. Mainzer Forscher haben
nun einen wichtigen Mosaikstein für die
Erklärung geliefert. Das Team um den Kardiologen Prof. Dr. Thomas Münzel veröffentlichte die Ergebnisse einer aufsehenerregenden Studie. Dafür wurden Patienten
gewonnen, die bereits an einer Herzerkrankung leiden, aber in einer sehr ruhigen Umgebung wohnen, bisher also nicht von Verkehrslärm geplagt sind. Diese Patienten
wurden nachts mit simuliertem Fluglärm
beschallt. Die Frage war: Wie wirkt sich der
zusätzliche Lärm auf die bereits geschädigten Blutgefäße aus? Die Ergebnisse waren
so drastisch, dass die Studie abgebrochen
werden musste. Die Wissenschaftler stellten
fest, dass der Lärm eine wichtige Funktion
der Blutgefäße stört. Ihre Fähigkeit, sich zu
erweitern, verschlechterte sich deutlich. Und
das sorgte für eine schlechtere Durchblutung. Auch für gesunde Menschen konnten
die Forscher nachweisen, dass Lärm die Erweiterungsfähigkeit der Arterien schädigt
Was tun gegen Schäden durch Lärm?
Wenn uns ein Anblick stört, können wir die Augen schließen. Gegen Lärm jedoch lässt
sich meist nur schwer etwas tun – wir können uns weder den ganzen Tag die Ohren
zuhalten noch einfach weglaufen. Gibt es dennoch Möglichkeiten, sich davor zu schützen, durch Lärm ernsthaft krank zu werden?
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Stichwort Verkehrslärm
Dem Lärm durch Autos, Bahnen oder Flugzeuge sind wir oft über lange Zeit ausgesetzt. Bei neuen Verkehrsprojekten ist Lärmschutz gesetzlich vorgeschrieben, bei bestehender Infrastruktur nicht. Und bis die ersehnte Umgebungsstraße gebaut wird, vergehen mitunter Jahrzehnte. Wegziehen ist
für die meisten keine Lösung. Wer allerdings
einen Umzug oder einen Hausbau plant,
sollte sich unbedingt vorab über die Lärmsituation am neuen Wohnort informieren. Für
viele Ortschaften findet man im Internet
inzwischen Lärmkarten, an denen sich ablesen lässt, welche Wohngebiete ruhig sind
und wo man mit verstärkter Lärmbelastung
rechnen muss.
Gefahr ernst nehmen!
Lärm ist, genau wie Rauchen, Bewegungsmangel oder falsche Ernährung, ein wichtiger Risikofaktor vor allem für Herz-KreislaufErkrankungen. Viele Mediziner haben aber
den Lärm als zusätzliche Krankheitsursache
noch nicht präsent. Wer betroffen ist, sollte
seinen Arzt im Gespräch darauf hinweisen
und angebotene Vorsorgeuntersuchungen
nutzen. Empfehlenswert ist zudem, regel-
mäßig den Blutdruck zu kontrollieren und
andere Risikofaktoren auszuschalten.
Das Gehör schützen
Wer einmal schwerhörig ist, dem gibt selbst
das beste Hörgerät nicht die ursprüngliche
Hörfähigkeit zurück. Wichtig also, seinen
Ohren Schutz und Erholung zu gönnen.
Unser Studiogast Prof. Michael Fuchs rät:
Wer zum Beispiel an seiner Arbeitsstelle
regelmäßig einem Schallpegel von über 85
Dezibel ausgesetzt ist, sollte unbedingt Gehörschutz tragen. Der Arbeitgeber ist gesetzlich dazu verpflichtet, seinem Angestellten entsprechende Mittel zur Verfügung zu
stellen. Doch auch in der Freizeit können wir
unser Gehör schonen. Musikgeräte sollten
nur Zimmerlautstärke erreichen, sodass sie
also im Nebenzimmer nicht mehr zu hören
sind. Die Ohrhörer von MP3-Playern sind
bereits zu laut, wenn andere mithören können. Bei Besuchen von Live-Konzerten in
geschlossenen Räumen können Ohrstöpsel
helfen. Bei der Anschaffung von Gartenoder Hausgeräten sollte die Lautstärke mit
in die Kaufentscheidung einfließen. Ähnliches gilt für Kinderspielzeug. Und – den
Ohren immer mal eine Pause verschaffen,
Stille genießen.
Dr. Carsten Lekutat empfiehlt: Entspannungsübungen gegen Lärmstress
Achtsamkeitsübung
Diese Übung hilft dabei, sich aus der ständigen Geräuschbelastung auszuklinken, herunterzukommen, Stille wieder wahrzunehmen. Sie brauchen dazu eine Klangschale oder einen kleinen
Gong. Leicht anschlagen und konzentriert auf das Geräusch lauschen, bis es verklungen ist und
Sie
es
nicht
mehr
wahrnehmen
können.
Progressive Muskelrelaxation
Bei dieser Übung geht es darum, über die bewusste Anspannung zur Entspannung zu kommen.
Spannen Sie dazu mit aller Kraft die Muskeln im Gesicht an, sozusagen mit 100 Prozent. Jetzt
entspannen Sie die Muskeln langsam wieder und zählen dabei still den verbleibenden Grad der
Anspannung mit. Also 90 Prozent, 80 Prozent, 70 Prozent – bis Sie bei null Prozent angekommen sind. Dieses bewusste Herunterzählen sorgt dafür, dass Sie eine tiefere Entspannung erreichen. Damit touren Sie den Körper insgesamt herunter, schalten den Stress durch den Lärm ab
und schützen so auch Herz und Kreislauf.
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Links ins Internet
Informationen über Lärm und Lärmschutz:
Arbeitsring Lärm der Deutschen Gesellschaft für Akustik: http://www.ald-laerm.de/
Umweltbundesamt, Informationen über Lärm:
http://www.umweltbundesamt.de/themen/verkehr-laerm
Buchtipp
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Gäste im Studio
Prof. Dr. Michael Fuchs, Leiter der Sektion Phoniatrie und Audiologie in der Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde im Universitätsklinikum Leipzig
Anschrift
MDR FERNSEHEN, Redaktion Wirtschaft und Ratgeber „Hauptsache Gesund“
Internet: www.mdr.de/hauptsache-gesund;
E-Mail: [email protected]
Thema der Sendung am 24. September 2015: “Bier“
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