s. ausführliche mythologische Belege

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Anhang 2: aus: Karl Kerényi, Die Mythologie der Griechen Bd. I:
Die Götter- und Menschheitsgeschichten, Kap. 1: Vom Anfang der Dinge
(dtv 1345; mehrere Auflagen seit 1966)
Es gibt in der griechischen Mythologie mehrere umfange und fester und ewiger Sitz sei den seliErzählungen vom Anfang der Dinge:
gen Göttern. Sie gebar die großen Gebirge, in
deren Tälern so gerne Göttinnen wohnen: die
1. Die älteste war vielleicht jene, auf die unser Nymphen.
ältester Dichter, Homer, anspielt, wenn er Okeanos den »Ursprung der Götter« und den In den griechischen mythologischen Erzählun»Ursprung von allem« nennt. Okeanos war ein gen vom Anfang der Dinge spielen also drei
Flussgott. Die Flüsse, Quellen [Nymphen!] und große Göttinnen die Rolle der Weltenmutter:
Brunnen, ja das ganze Meer, alle entspringen die Meeresgöttin Tethys, die Göttin Nacht
fortwährend seinem breiten, starken Strom. Mit und Gaia, die Mutter Erde.
Okeanos war die Meergöttin Tethys verbunden,
die mit Recht als »Mutter« bezeichnet wird. Mit Man begegnet in den Mythen auf Schritt und
wem hätte Okeanos der »Ursprung von allem« Tritt drei Göttinnen, die eine wirkliche Dreiheit
sein können, wenn nur ein männlicher Urstrom bilden, die also jeweils fast nur eine einzige dreidagewesen wäre und keine empfangende Ur- faltige Göttin sind. Der Mondmonat war für die
Griechen damals dreigeteilt, der Mond hatte
Wassergöttin mit ihm?
gleichsam drei Gesichter: als zunehmendes, vol2. Eine andere Erzählung vom Anfang der Dinge les und abnehmendes Zeichen einer göttlichen
war lange in heiligen Schriften überliefert: Am Gegenwart am Himmel. Das alles lief darauf
Anfang war die Nacht - so begann diese Ge- hinaus, dass die große dreigestaltige Göttin
schichte. In der griechischen Sprache hieß die nichts anderes war als die Nachtgöttin, der
Nacht Nyx, eine der größten Göttinnen auch für Mond. Auch Nyx, die Nacht, war eine dreifaltiHomer, vor der selbst Zeus eine heilige Furcht ge Göttin.
empfand. Nach dieser Erzählung war sie ein Vogel mit schwarzen Flügeln. Befruchtet vom Wind Zu den Kindern der Nacht gehörten die
legte die Urnacht ihr silbernes Ei in den Riesen- Schicksalsgöttinnen, die Moiren. Sie wohnten
schoß der Dunkelheit. Aus dem Ei trat der Sohn in einer Höhle des Himmels an einem Teich,
des wehenden Windes, ein Gott mit goldenen dessen weißes Wasser durch eben diese Höhle
Flügeln, hervor. Er wird Eros, der Liebesgott, hervorbricht: ein deutliches Bild des Mondlichtes.
genannt. Die alte Erzählung ging so weiter, dass Sonst waren uns die Moiren Spinnerinnen,
sich ursprünglich Okeanos unten im Ei befand, „Klothes”, von denen die erste auch Klotho
doch nicht allein, sondern mit der späteren heißt. Die zweite heißt Lachesis, die »ZuteileMeergöttin Tethys, und sie empfanden als erste rin«, die dritte Atropos, die »Unabwendbare«.
die Wirkung des Eros. Die gemeinsame Mutter Homer spricht meist nur von einer Moira, von eiaber war jene, die das silberne Ei gelegt hatte: ner einzigen »starken«, »schwer zu ertragenden«, »vernichtenden«, spinnenden Göttin. Was
die Nacht.
die Moiren spinnen, sind unsere Lebenstage,
3. Die dritte Erzählung vom Anfang der Dinge von denen einer unentrinnbar zum Todestage
stammt von Hesiod. Das Chaos, das er zuerst wird. Welche Länge des Fadens sie einem
nennt, war für ihn keine Gottheit, sondern nur Sterblichen zuteilen, hängt nur von ihnen ab,
ein leeres »Gähnen«. So erzählt er: Zuerst ent- nicht einmal Zeus kann daran etwas ändern. Er
stand das Chaos. Danach entstand Gaia [Ge, kann höchstens seine goldene Waage nehmen,
die Erde; vgl. Geo-logie] mit breiten Brüsten, der am besten in der Mittagsstunde, und daran erfeste und ewige Sitz von allen Gottheiten, die messen, wessen Tag völlig untergehen wird,
hoch oben, auf dem Berg Olymp wohnen, oder beispielsweise, wenn zwei Gegner sich im
in ihr selbst, in der Erde, und der Liebesgott E- Kampfe gegenüberstehen.
ros , der schönste unter den unsterblichen Göttern, der die Glieder löst und den Geist aller Göt- Es seien noch kurz einige andere Kinder der
ter und Menschen beherrscht. Vom Chaos Nacht aufgezählt: Der Tod ist unter drei Namen
stammt das Erebos her, die lichtlose Dunkelheit dabei: als Moros, Ker und Thanatos; mit ihm
der Tiefen, und Nyx, die Nacht. Nyx gebar den sein Bruder, Hypnos, der Schlaf, und das ganze
Aither, das Himmelslicht, und Hemera, den Volk der Träume.
Tag, sich mit dem Erebos in Liebe vermischend.
Gaia aber gebar vor allem, als ihr gleichen, den
gestirnten Himmel, Uranos, damit er sie völlig
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