In der Natur gibt es kein zweites Wunderwerk wie das menschliche Gehirn. Es enthält so viele Nervenzellen, wie die Milchstraße Sterne hat: 100 Milliarden. Jede einzelne Nervenzelle kennt nur zwei Zustände: Ruhe oder Aktion. Aber in ihrem unendlich komplizierten Zusammenspiel sind diese Zellen für alles verantwortlich, was unser Leben ausmacht: Bewusstsein, Sprache, Gefühle, Gedanken, Bewegungen, Erinnerungen, Bilder, Töne, Gerüche, Geschmäcke. Außerdem steuert das Gehirn viele Lebensprozesse, die wir erst bemerken, wenn sie nicht mehr richtig funktionieren – so wie bei MS. Natürlich bleibt auch ein Gehirn mit MS ein extrem leistungsfähiges Wunderwerk. Aber eines mit bestimmten Be- 02 sonderheiten. Kapitel MS – Was ist das? Wunderwerk mit Besonderheiten 19 02 KaPitEl 02 unSEr gEhirn Warum zuckt ein Regenwurm zusammen, wenn man ihn berührt? Weil er eine Ansammlung von Nervenzellen hat, die mit Sinnes- und Muskelzellen in Verbindung stehen. Eine Vorform von Gehirn also! Nervensysteme zählen zu den erstaunlichsten Erfindungen der Evolution. Sie ermöglichen es Organismen, besser auf ihre Umwelt einzugehen. Organismen ohne Nervensysteme sind ihrer Umgebung ausgeliefert: wie der Schwamm, der am Meeresgrund festsitzt und darauf angewiesen ist, dass das durchströmende Wasser genügend Nahrung heranträgt. Ganz anders ist es bei Tieren, die bereits über einfache Nervengeflechte verfügen – etwa die Quallen oder Seeanemonen. Sie sind in der Lage, ihre Beute aktiv einzufangen. Das ginge nicht ohne gewisse Wahrnehmungen und ohne die Fähigkeit, sich gezielt zu bewegen. Das ist die Leistung ihrer Nervensysteme. Wenn die Natur einmal etwas Gutes erfunden hat, behält sie es bei. Daher unterscheiden sich unsere Nervenzellen im Prinzip nicht von denen einer Qualle. Nur dass sich die Nervengeflechte oder -systeme im Laufe der Jahrmillionen immer weiterentwickelt haben, immer Es gibt viele gute Bücher, die verständlich über das komplizierter und leistungsfähiger wurden. Der Gehirn und den Stand der vorläufige Gipfel dieser Entwicklung ist unser Gehirn. MS – Was ist das? Hirnforschung berichten. Sie zu lesen, ist spannender als der beste Krimi! 20 Vergleicht man das menschliche Gehirn mit denen anderer Lebewesen, dann fällt vor allem eines auf: das ausgeprägte Großhirn mit seiner stark gefalteten Oberfläche, der Großhirnrinde. Sie ist so dick wie eine Orangenschale. Würde man sie auseinander falten, wäre sie so groß wie vier nebeneinander gelegte DIN-A4-Blätter. Die Großhirnrinde unseres nächsten Verwandten, des Schimpansen, hätte auf einem Blatt Platz, das einer Ratte auf einer Briefmarke. KaPitEl 01 DIN A4 DIN A4 DIN A4 KaPitEl 02 DIN A4 DIN A4 Briefmarke Abbildung 01: Erstaunlich, wie groß unsere Großhirnrinde im Vergleich ist! KaPitEl 03 Alle Teile des Gehirns haben wichtige Funktionen. Erst ihr Zusammenspiel ermöglicht das menschliche Leben. KaPitEl 04 Unsere Sonderstellung auf der Erde verdanken wir unserem Großhirn. Es vollbringt alle unsere geistigen Leistungen wie Sprechen, Rechnen, Schreiben oder Musizieren, übernimmt aber auch einen Großteil der Wahrnehmungs- und Bewegungssteuerung. Es erlaubt uns, die Welt nach unserem Willen zu gestalten. KaPitEl 05 Das heißt natürlich nicht, dass die übrigen Hirnteile – Zwischenhirn, Mittelhirn, Nachhirn, Klein- oder Hinterhirn – weniger wichtig wären. Ohne Mittelhirn und Nachhirn zum Beispiel, den sogenannten „Hirnstamm“, könnten wir nicht überleben. Er entscheidet auch über unsere momentane Bewusstseinslage, beispielsweise ob wir beim Anblick eines Tieres Angst empfinden oder nicht. Mo 01 08 15 23 30 di 02 09 16 24 31 Mi 03 10 17 25 do 04 11 18 26 fr 05 12 19 27 Sa 06 13 20 28 So 07 04 21 29 21 lEXiKon MS – Was ist das? oKtobEr Als wir letztes Jahr in Bio das Gehirn hatten, habe ich die meiste Zeit abgeschaltet. Was für ein langweiliges Zeug, hab ich damals gedacht. Letzten Sonntag habe ich die ganzen Klamotten wieder rausgeholt. Darf man eigentlich keinem erzählen, ich hab sogar in unserem Bio-Buch geschmökert. Ich wollte alles wissen. Jetzt müssten wir die Klassenarbeit darüber schreiben! Wenn man sich das wirklich mal vorstellt, was da bei uns im Kopf los ist, dann kann man nur noch staunen, ich zumindest. Das ist absolut unglaublich. Als ich Tanja und Ole davon erzählt habe, haben die sich an die Stirn getippt, und ich hab gesagt: Ja, genau! Da drin wohnt das Wunder. Auch bei euch. Irgendwann werden die das auch noch begreifen. KaPitEl 06 Pa ulaS tagEbuch Paulas Tagebuch Reine Nervensache! Stellen wir uns vor: Peters Freund Timo kommt eines Mittags von der Schule heim. Nichts Besonderes! Eine halbe Stunde Leben mit ganz normalen Tätigkeiten. Stellen wir uns aber weiterhin vor, wir könnten Timos Gehirn dabei zuschauen, wie es alle diese Tätigkeiten ermöglicht. Dann wird die halbe Stunde zu einem kleinen Abenteuer. Wetten? Also los! Das Rückenmark im geschützten Innern der Wirbelsäule besteht wie das Gehirn aus grauen Nervenzellen und weißen Nervenfasern. Das Rückenmark hat nichts mit dem „Mark“ im Innern der Knochen zu tun, das eine wichtige Rolle für die Blutbildung spielt. Timo steigt die Treppe hinauf. Ohne groß darüber nachzudenken, setzt er ein Bein vor das andere. Die Hand umgreift locker das Geländer. Alle Finger seiner Hand, aber auch seine Beine haben Muskeln zum Strecken und zum Beugen. Das Kleinhirn im unteren Teil von Timos Hinterkopf sorgt dafür, dass diese Muskeln sich gegenseitig nicht behindern, sondern runde, geschmeidige Bewegungen ausführen. Das Kleinhirn ist gewissermaßen Timos „Autopilot“. Die eigentlichen Bewegungsbefehle stammen von der Großhirnrinde. Für Timos linke Hand – die am Geländer – ist die rechte Großhirnhälfte zuständig. Sie steuert die gesamte linke Körperhälfte. Die Muskeln der rechten Körperhälfte hören auf Befehle von „links oben“. Das geht also über Kreuz. Um die Treppen zu steigen, arbeiten beide Hirnhälften zusammen. Die Signale laufen durch einen dicken „Kabelstrang“ im Innern des Gehirns, den Balken, hin und her. MS – Was ist das? Weitere Nervenfasern, die Timos Gehirn durchziehen, halten die Verbindung zum Kleinhirn, dem „Autopiloten“. Wieder andere Fasern leiten die Bewegungsimpulse durch das Rückenmark im Innern der Wirbelsäule hinab. An einer Stelle in Schulterhöhe übergeben sie die Reize an Nervenbahnen, die den Arm hinab zur Hand laufen. In Hüfthöhe treten die Nerven für die Beine aus. Alle Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark bilden das „periphere“ (= äußere) Nervensystem. 22 Timo hat mittlerweile die Tür aufgeschlossen – dank einer gemeinsamen Meisterleistung von Groß- und Kleinhirn, Rückenmark und Fingermuskeln. Und natürlich waren auch seine Augen daran beteiligt. Schließlich muss Timo im Dämmerlicht des Treppenabsatzes an der Tür das KaPitEl 01 Schlüsselloch finden. Die beiden Sehzentren liegen am hinteren, unteren Teil seiner Großhirnrinde. Zwei dicke Sehnerven führen von Timos Augen dorthin. KaPitEl 03 Weil niemand zuhause ist, kocht Timo sich Spaghetti. Wieder eine Vielzahl von eingespielten Bewegungen, die sein Gehirn befehligt, wieder eine Vielzahl von Wahrnehmungen, die von seinem Gehirn verrechnet werden – unter anderem der leckere Geruch nach Tomatensauce. Da packt Timo aus Versehen die heiße Kelle an, die aus dem Kochtopf ragt. Aua! KaPitEl 02 Jedes Auge hat ein rechtes und ein linkes Sehfeld. Die beiden rechten und die beiden linken Sehfelder werden in den dicken Sehnerven jeweils zusammengeführt und gemeinsam verarbeitet – die linken in der linken, die rechten in der rechten Hirnhälfte. Schließlich werden die Informationen beider Sehzentren miteinander verrechnet. Die mehrfach übereinander gelegten Informationen aus beiden Augen erhöhen die Sehschärfe: Timo erkennt trotz des Dämmerlichts das Schlüsselloch. KaPitEl 04 Schmerzen – wie alle anderen Sinneseindrücke KaPitEl 05 Die Reize werden von Timos Fingerhaut (hier hat die Haut auch – entstehen im Kopf. ganz besonders viele Nervenenden!) aufgenommen und flitWas natürlich nicht heißt, zen den Arm entlang zum Rückenmark. Bewegungsimpulse dass wir sie uns nur fahren direkt von dort zurück in die Armmuskeln, die Hand einbilden … zuckt zurück – ein „Reflex“, der ohne das Gehirn auskommt. Das hat Zeit gespart! Sonst hätte Timo bestimmt eine dicke Brandblase bekommen. Natürlich kommt der Reiz auch oben in der Großhirnrinde an, wo er die Wahrnehmung „Schmerz“ Großhirn (Vorderhirn) erzeugt. Timo sagt „Aua!“ – und geht zum Wasserhahn, um die brennenden Finger zu kühlen. KaPitEl 06 Hirnstamm Kleinhirn (Hinterhirn) 23 lEXiKon MS – Was ist das? Abbildung 02: Die verschiedenen Teile unseres Gehirns allES iSt KoMMuniKation Im Normalfall bemerken wir die Wahrnehmungs- und Steuerungsarbeit des Gehirns gar nicht. Sie fällt erst auf, wenn das Gehirn durch Fieber, Krankheit, Alkohol oder Drogen beeinträchtigt ist. Dann geraten nämlich unsere Wahrnehmungen und Bewegungen aus dem Lot. Timos kleine Geschichte hat uns gezeigt: Ohne die Verrechnungsleistungen des Gehirns und des Rückenmarks hätten wir keine Eindrücke von der Welt. Eine noch so dicke Brandblase am Finger würden wir noch nicht einmal bemerken. Mit schlimmen Folgen für unseren Körper! Dendriten Außerdem könnte sich Timo ohne sein Gehirn und Rückenmark nicht frei in der Welt hin und her bewegen. Auch viele innere Bewegungen – zum Beispiel die Verdauungstätigkeit des Darms und die Tätigkeit der Schließmuskel – werden von bestimmten Gehirnteilen gesteuert, zum Teil ganz ohne unser Zutun. Zellkörper mit Zellkern Die verschiedenen Teile des zentralen Nervensystems haben verschiedene Funktionen – viel zu viele, um sie hier alle aufzuzählen. Das heißt aber nicht, dass jede Körperfunktion von nur einer Stelle im Gehirn gesteuert wird. In Wahrheit müssen immer viele Teile zusammenwirken, damit wir einen Baum sehen, über die Straße gehen oder mit einer Freundin telefonieren können. Unser Nervensystem funktioniert nach dem Prinzip „Teamarbeit“! Diese Teamarbeit reicht bis hinunter auf die Ebene der einzelnen Nervenzellen. Unsere „grauen Zellen“ sind mit ihren vielen Fortsätzen wahre Verbindungs- und MS – Was ist das? < ca. 30 km > Reiskorn 24 Abbildung 03: 30 Kilometer Nervenfasern sind in einem einzigen Körnchen Gehirnmasse verknäult. Das Gehirn organisiert sich so, dass die Nervenzellen unzählige Verbindungen mit anderen Nervenzellen eingehen. Einen zentralen Prozessor, wie ihn jeder PC hat, gibt es nicht. KaPitEl 02 KaPitEl 03 Das Reiskorn Gehirnmasse enthält freilich nicht nur Nervenzellen, sondern fast zehnmal so viele Gliazellen. Sie stützen, isolieren und ernähren die Nervenzellen. Gliazellen können selbst keine Reize weiterleiten. Der Organismus kann auch im hohen Alter noch Gliazellen bilden, Nervenzellen hingegen nicht. Schon nach wenigen Lebenswochen hat der Mensch seine „grauen Zellen“ komplett beisammen. Zerstörte Nervenzellen können nicht ersetzt werden. KaPitEl 01 Kommunikationskünstler – und das auf kleinstem Raum. Ein Stück Gehirn von der Größe eines Reiskorns enthält eine Million Nervenzellen mit zehn Milliarden Kontaktstellen. Die Nervenfasern in diesem winzigen Klümpchen sind zusammengenommen 30 Kilometer lang. KaPitEl 04 Um einzelne Nervenzellen sichtbar zu machen, braucht man Mikroskope mit vieltausendfacher Vergrößerung. Was man sieht, wirkt wie ein Wurzelgeflecht mit Verdickungen. Diese Wo viele Zellkörper beieinander Verdickungen sind die Zellkörper mit ihren Zellkernen. Der liegen, hat die Gehirnsubstanz Zellkern enthält die Erbinformation der Nervenzellen. Von eine graue Farbe (die berühmten den Zellkörpern gehen Äste ab, die sich weiter verzweigen: „grauen Zellen“), wo die Nervendie Dendriten, bis zu tausend pro Zelle. Das sind die fasern verlaufen, erscheint die Antennen der Nervenzellen, Substanz weiß, infolge der hellen die Informationen samMarkscheiden. meln. Außerdem zweigen sehr lange Fortsätze von Nervenfaser oder Axon ihnen ab, die Nervenfasern (wir kennen sie bereits). In der Fachsprache heißen sie „Axone“. Jede Nervenzelle besitzt genau eine Nervenfaser. Auch sie verzweigt sich und endet in zahlreichen kleinen Verdickungen, die an die Dendriten anderer Nervenzellen andocken – aber so, dass dazwischen ein winziger Spalt bleibt. KaPitEl 05 KaPitEl 06 25 lEXiKon MS – Was ist das? Abbildung 04 Beim Menschen sind die längsten Nervenfasern einen Meter lang. rallyE Mit hindErniSSEn Die Nervenzellen mit ihren Fortsätzen und Verzweigungen sind Kommunikationskünstler, haben wir gehört. Aber was haben sie sich denn eigentlich mitzuteilen? Die Antwort ist verblüffend. Eine Nervenzelle kennt nur zwei Zustände: Ruhe oder Aktion, „aus“ oder „an“. Man kann sie mit einer winzigen Batterie vergleichen, die auf Kommando einen winzigen elektrischen Impuls aussendet, um sofort wieder in den Ruhezustand zurückzufallen. Diese Aktion dauert nur den Bruchteil einer Sekunde. Danach sammelt die Zelle wieder Kraft für den nächsten Impuls. Nervenzellen sind Impulsgeber, Antennen und Leitungssystem in einem. Das entscheidende Kommando bekommt die Zelle aus ihren Dendriten, über die sie mit den Nachbarzellen in Kontakt steht. Wenn an diesen „Antennen“ entsprechende Signale ankommen, sendet die Zelle einen Impuls aus. Damit leitet sie das Signal an die Nachbarzellen am anderen Ende ihrer Nervenfaser weiter. Und wie gelangt der Impuls von einer Zelle in die andere? Sämtliche Körperzellen sind von einer Außenhülle umgeben, der Membran. Die Nervenzellen machen da keine Ausnahme. Wo zwei Nervenzellen aneinander stoßen, liegen _peters account OKTOBER Mo 01 08 15 22 29 Di 02 09 16 23 30 Mi 03 10 17 24 31 Do 04 11 18 25 Fr 05 12 19 26 Sa 06 13 20 27 MS – Was ist das? So 07 14 21 28 26 ° Ä » ° é Ä » hi timo, glaub nicht dass das spaß macht – ich hab mich heute zwei mal langgelegt. wir hatten freistunde, da haben wir ein bisschen gekickt, ich mit dabei. der dok hat vor zwei wochen gesagt, ich wär jetzt so weit wieder okay, ich sollts nicht übertreiben mit sport, und die linke hand, na ja. als ich das erste mal hingeflogen bin dachte ich noch, mir hätte von hinten einer reingetreten. beim zweiten mal war keiner in der nähe. die andern haben geguckt, als wär ich behindert. die haben sorgen! mann, ich hab angst, dass es wieder losgeht, krankenhaus und der ganze mist. zuhause habe ich korrekt meinen chefsessel gegen die wand getreten. ich will nicht der einzige kaputte in meinem zimmer sein :-I p. Kapitel 01 sich also zwei Membranen gegenüber. Dazwischen bleibt ein winziger Spalt. An dieser Stelle übernehmen besondere Moleküle, die „Neurotransmitter“ (Neuro = Nerv, Transmitter = Überträger), den Weitertransport der Botschaft. Kapitel 02 Die Reizübertragung im Nervensystem können wir uns wie eine Hindernis-Rallye vorstellen. Der elektrische Impuls einer Nervenzelle ist wie ein Rennwagen, der mit bis zu 400 km/h seine Bahn entlang rast, bis er an einen Graben kommt. Hier geht es für ihn nicht weiter. Dafür steht ein durchtrainierter Schwimmer bereit. Der krault sofort ans andere Ufer hinüber und sagt dem dort bereitstehenden Fahrer, dass er losfahren oder noch eine Weile warten soll. Kapitel 03 Abbildung 05: Ein elektrischer Impuls (der linke Rennwagen) kann den Graben zwischen zwei Nervenzellen nicht überwinden. Ein chemischer Stoff (der Schwimmer) bringt die Botschaft hinüber. Träger von Botschaften: elektrische Impulse und Botenstoffe. Beide müssen „Hand in Hand“ arbeiten, damit alles gut funktionieren kann. Kapitel 06 27 LEXIKON MS – Was ist das? 400 km/h – das ist tatsächlich die Spitzengeschwindigkeit, die ein elektrischer Impuls auf seinem Weg durch eine gesunde Nervenfaser erreicht. MS bremst diese Bewegung sehr stark ab. Wenn fehlgeleitete Zellen des Immunsystems ein Stück der weißen Substanz irgendwo im Gehirn oder Rückenmark geschädigt haben, wird aus dem „Rennwagen“ ein langsamer „Fußgänger“: Die Impulse bewegen sich nur noch mit etwa 4 km/h fort. Aus der Rallye in unserem Gehirn und Rückenmark wird eine Rallye mit Hindernissen. Im Nervensystem gibt es zwei Kapitel 05 Die Stärke der elektrischen Impulse innerhalb der Zelle ist übrigens immer gleich. Trotzdem gibt es eine Möglichkeit, ein stärkeres Signal auszusenden: indem die Zellen mehr Impulse pro Zeiteinheit freisetzen. Das ist eine viel klarere Botschaft, als wenn die Aktionspotenziale mal stärker, mal schwächer ausfallen würden. Kapitel 04 Ganz schön kompliziert! Aber auch ganz schön schlau. Denn so ist die Arbeit der Informationsübermittlung auf viele Schultern verteilt. In den Pausen kann die einzelne Zelle immer wieder Kraft für die nächste Aktion sammeln. Außerdem gibt es kein mechanisches Überspringen von Zelle zu Zelle. Mit den Neurotransmittern hat das Gehirn eine sehr vielseitige Möglichkeit, in die Reizweiterleitung einzugreifen. MS unter der Lupe Was aber geschieht genau im Gehirn und Rückenmark von Menschen mit MS? Die Magnet-Resonanz-Tomografie (MRT) ist ein Verfahren, das Querschnittbilder vom Gehirn und Rückenmark liefert. Diese Bilder zeigen je nach Aufnahmetechnik – die Fachsprache nennt das „Wichtung“ – bei MS helle oder dunkle Flecken. Frische Entzündungsherde sieht man, wenn in die Vene Kontrastmittel gespritzt wird und dieses Kontrastmittel in die MS-Herde gelangt. Das ist besonders im akuten Schub der Fall. Ist der Schub vorbei, kommt auch kein Kontrastmittel mehr in die Herde. Abbildung 06: Schichtbilder des Gehirns zeigen, wo MS-Herde sind. Rechts ein MS-Herd unter dem Mikroskop. Was genau bei MS im Nervengewebe passiert, kann man auf diesen Bildern allerdings nicht erkennen. Immun- und Nervenzellen sind ja nur wenige tausendstel Millimeter groß. Um so winzige Vorgänge sichtbar zu machen, müssen wir einige der „Flecken“ auf den MRT-Bildern unter das Mikroskop legen. MS – Was ist das? Abbildung 06 zeigt im rechten Bild einen MS-Entzündungsherd in etwa 400-facher Vergrößerung. Die blauen Punkte sind Immunzellen, die in das Gehirn einwandern. Sie verhalten sich irrtümlich so, als wären die Markscheiden ein körperfremder Stoff, der vernichtet werden muss. Der Angriff schädigt häufig auch die Zellen, von denen die Markscheiden gebildet werden, die „Oligodendrozyten“. 28 Es gibt drei Möglichkeiten, wie es nach einem Angriff weitergeht: Zerstörte Markscheiden können durch Gliazellen ersetzt werden (Vernarbung). Sie können sich in bestimmtem Umfang neu bilden (Remyelinisierung). Es kann aber auch sein, dass die Nervenfaser selbst zerstört wird. KaPitEl 01 Blau: Gesunde Nervenfasern Frischer MS-Herd KaPitEl 02 Neu gebildete Markscheiden Abbildung 07: Neubildung von Markscheiden in einem MS-Herd. KaPitEl 03 Wenn die Entzündung gestoppt ist, können sich neue Markscheiden bilden. Aber sie erreichen nicht ganz die Qualität der alten. KaPitEl 04 Auf diesen beiden Bildern kann man sehen, wie sich neue Markscheiden bilden. Die Markscheiden sind blau angefärbt, daher erscheint der MS-Herd hell. Circa 40 Prozent aller MSHerde zeigen eine Neubildung (Remyelinisierung). Man erkennt sie an der zurückkehrenden Blaufärbung im rechten Bild. Die Oligodendrozyten schaffen es allerdings nicht, nach einer MS-Attacke den alten Zustand wiederherzustellen. Die neuen Markscheiden sind dünner, ihre einzelnen Abschnitte kürzer als normal. KaPitEl 05 Unter den Folgen der MS leiden auch die Nervenfasern (Axone). Viele von ihnen gehen zugrunde. Das beginnt schon recht früh im Krankheitsverlauf. Die folgenden Bilder zeigen den Unterschied zwischen dem Nervengewebe eines Gesunden und dem eines MS-Kranken im chronischen Stadium. Auf dem einen Bild gibt es ein dichtes Geflecht aus Nervenfasern, auf dem anderen ist es stark ausgedünnt. Im Laufe von Jahren und Jahrzehnten mit MS ist hier mehr als die Hälfte aller Nervenfasern verloren gegangen. KaPitEl 06 29 lEXiKon MS – Was ist das? Abbildung 08: Der Verlust von Nervenfasern durch MS. Falsch programmiert Niemand weiß bis heute, warum die Immunzellen mancher Menschen sich gegen den eigenen Körper richten. Klar ist nur, dass einige von ihnen, die T-Zellen, „falsch programmiert“ sind: auf Markscheiden. Klar ist auch, dass diese falsch programmierten T-Zellen es fertigbringen, die Wände der Blutgefäße im zentralen Nervensystem zu durchdringen. Normalerweise kommt dort keine Zelle hindurch. Wie sie es trotzdem schaffen, ist noch nicht vollständig erforscht. Die T-Zellen sind das „Gedächtnis“ des Immunsystem. Dass bestimmte Immunzellen überhaupt „programmiert“ werden können, ist ein genialer Trick des Organismus zur Abwehr von Eindringlingen. T-Zellen werden bei der ersten Infektion mit einem Erreger darauf „programmiert“, genau diesen Typ von Erregern später wiederzuerkennen. So baut der Körper nach und nach eine „spezifische“, das heißt zielgerichtete Immunität gegen die häufigsten Krankheitserreger auf. Wenn irgendwelche Erreger in den Körper gelangen, werden sie zunächst von den „Polizisten“ des unspezifischen Immunsystems entdeckt. Die patrouillieren ständig durch das Gefäßsystem. Auf die Eindringlinge stoßen sie eher zufällig. Fresszellen fallen über die gefundenen Erreger her, fressen und „verdauen“ sie. An der Oberfläche der Fresszellen tauchen genetische Informationen des verdauten Erregers auf. Diese sind wie ein Schloss, in das nur ein bestimmter Schlüssel passt. MS – Was ist das? Wer wissen will, wie das Immunsystem Eindringlinge – und manchmal auch Markscheiden – bekämpft, der findet unter www.dmsg.de/ms-verstehen verständliche, spannend gemachte Animationsfilme. 30 T-Zellen, die im nächsten Lymphknoten auf ihren Einsatz warten, haben bei früheren Infektionen solche Schlüssel gebildet – sie sind ja „programmiert“. Wenn eine T-Zelle tatsächlich den richtigen Schlüssel hat, dann beginnt sie sich sofort zu teilen. Ihre „Klone“ können die Erreger jetzt überall aufspüren. Sobald sie fündig geworden sind, rufen sie die anderen Teile des Immunsystems herbei. So gelingt es dem Organismus, die Krankheit niederzukämpfen. Ein Supersystem! Es birgt aber eine Gefahr: dass T-Zellen auch auf körpereigene Zellen „anspringen“. Deshalb wer- KaPitEl 01 Normalerweise lässt der KaPitEl 02 den im Thymus, einem kleinen Organ in unserer Brusthöhle, T-Zellen getestet. Solche Zellen, die tatsächlich auf Körperzellen ansprechen, werden automatisch vernichtet. Bei MS versagt dieser Schutzmechanismus. Dem Thymus schlüpfen T-Zellen durch, die auf die Markscheiden im zentralen Nervensystem programmiert sind. Körper Immunzellen sterben, die auf körpereigenes Gewebe ansprechen. Dieser Schutzmechanismus hat bei MS versagt. KaPitEl 03 Haben diese T-Zellen ihren vermeintlichen „Feind“ endlich gefunden, rufen sie über Botenstoffe weitere „Agenten“ des Immunsystems herbei (B-Zellen, Antikörper, Fresszellen und das Komplementsystem). Gemeinsam attackieren sie die Markscheiden. Außerdem teilen sich die T-Zellen und verursachen im Gewebe ringsum weitere Entzündungen. KaPitEl 04 B-Zelle Fresszelle T-Zelle KaPitEl 05 Abbildung 09: Angriff des Immunsystems auf eine Nervenfaser. KaPitEl 06 lEXiKon MS – Was ist das? 31 waruM ich? Grippe wird durch ein Virus verursacht, eine Mandelentzündung durch bestimmte Bakterien. MS ist keine Krankheit, die man so einfach auf eine Ursache zurückführen kann. Man weiß nicht, warum das Immunsystem bei einigen Menschen fehl gesteuert wird. Aber man kann Faktoren benennen, die für das Zustandekommen von MS eine Rolle spielen. So lassen sich einige Rückschlüsse aus der Verbreitung der Krankheit ziehen. Wer Eltern oder Geschwister hat, die an MS leiden, hat selbst ein erhöhtes Risiko, an MS zu erkranken. Erbliche Faktoren scheinen also eine Rolle zu spielen. 1:200 1:40 1:17 1:3 (e in be tro K ffe ind ne rE lte rn Be te tro il) zw ffe eie ne iig s G er es Zw chw ill is in te (b g r/ eid eE lte K rn ind te ile be tro ffe n) ein B e eii tro ge ff r Z en wi er lli ng pä ro eu rd No Abbildung 10: Je näher jemand mit einem MS-Kranken verwandt ist, desto größer die Wahrscheinlichkeit, selbst MS zu bekommen. er 1:600 Viele Faktoren spielen für das Zustandekommen von MS eine Rolle. Bei manchen gibt MS – Was ist das? es nur Vermutungen, andere 32 sind gut belegt. Auch Alter, Geschlecht und ethnische Zugehörigkeit der Menschen fallen ins Gewicht. Erwachsene zwischen 20 und 40 erkranken viel häufiger als Kinder und Jugendliche, Frauen häufiger als Männer, Weiße häufiger als Farbige und Asiaten. Selbst der Ort, an dem man aufwächst, scheint einen Einfluss auf das MS-Risiko zu haben. Menschen, die weit entfernt vom Äquator – zum Beispiel in Nordeuropa, Nordamerika oder Australien – groß geworden sind, bekommen häufiger MS als Menschen, die nahe dem Äquator aufwachsen. KaPitEl 01 Pa ulaS tagEbuch Paulas Tagebuch oKtobEr Ich musste heute noch mal zu Dr. F. Obwohl ich finde, dass sie eine supernette Ärztin ist, hatte ich den ganzen Morgen in der Schule Bauchschmerzen, und gestern auch schon. Hab auch schlecht geschlafen. Im Wartezimmer ist mir heute fast schlecht geworden. Aber es war dann nichts, sie hat mir nur noch mal erzählt, worauf ich zukünftig achten muss, ein bisschen was über Symptome. Ich hab sie am Ende gefragt, warum ausgerechnet ich MS bekommen habe? Ob ich irgendwie schuld daran bin? Sie hat gelacht und gesagt, das wäre völliger Unsinn, daran ist niemand schuld, ich nicht und die Eltern nicht, und auch sonst niemand. Eigentlich kann es mir ja auch völlig egal sein, woher die Krankheit kommt. Ich kann eh nichts daran ändern. KaPitEl 02 Mo 01 08 15 23 30 di 02 09 16 24 31 Mi 03 10 17 25 do 04 11 18 26 fr 05 12 19 27 Sa 06 13 20 28 So 07 04 21 29 KaPitEl 03 Daraus ziehen manche den Schluss, dass man sich in der Kindheit oder Jugend mit einem bestimmten, nur regional verbreiteten Erreger infiziert haben muss, um MS zu bekommen. Bislang konnte jedoch noch kein MS-Erreger entdeckt werden. KaPitEl 04 Möglich ist auch, dass das Klima oder die Lebensweise einen Einfluss auf die MS-Häufigkeit haben. Wahrscheinlich müssen mehrere von diesen Faktoren zusammenkommen, damit tatsächlich eine MS entsteht. KaPitEl 05 KaPitEl 06 Abbildung 11: Faktoren, die für das Auftreten von MS mitverantwortlich sind. lEXiKon MS – Was ist das? 33