„Armutszeugnis der Sozialpolitik“ Wissenschaftler kritisieren massiv

Werbung
„Armutszeugnis der Sozialpolitik“
Wissenschaftler kritisieren massiv das Tafel-Prinzip
Von Christoph Strack (KNA)
Berlin (KNA) „Schwacher Sozialstaat - starke Bürgergesellschaft“ - unter diesem Motto steht
am Samstag der dritte „Deutsche Tafeltag“. Der Bundesverband der mehr als 840 Tafeln lädt
Freunde und Förderer zum Austausch in Berlin ein.
Doch dem Loblied auf diese soziale Bewegung setzen Wissenschaftler jetzt ganz andere
Töne entgegen. „Der erste, meist lobende Blick auf Lebensmitteltafeln hat aus soziologischer
Sicht nicht lange Bestand“, so beginnt ein jetzt erschienenes Buch „Tafeln in Deutschland“.
Die rund 300 Seiten sind wissenschaftlich gehalten - und wirken wie ein Alarmruf. Es geht bei allem Respekt vor den Helfern vor Ort - um „das Ende der Unschuld dieser sozialen
Bewegung“. Dabei wirkt die 1993 entstandene Tafelbewegung wie eine einzige
Erfolgsgeschichte. Rund eine Million Menschen in Deutschland nutzen mittlerweile die
tägliche Hilfe. Hunderte Kleintransporter, Tausende ehrenamtliche und längst auch eine
Reihe bezahlter Helfer bewegen Tag für Tag zig Tonnen an Nahrungsmitteln und anderen
Gaben. Zugleich melden sich quer durch die Parteien Politiker bei Tafel-Terminen lobend zu
Wort. Doch gerade deren Handeln - Sozialabbau und Deregulierung - sehen die Experten als
Mitursachen des Tafelprinzips. Die Tafeln seien „Armutszeugnis der Sozialpolitik“.
Stefan Selke, Karlsruher Soziologe und Herausgeber des Buchs, spricht von einem
geradezu unheimlichen Erfolg. Inzwischen gehörten Tafeln zur Normalausstattung des
erodierten Wohlfahrtsstaats. „Die Gewöhnung an Tafeln ... bedeutet auch die Gewöhnung an
das Fehlen nachhaltiger Armutsbekämpfung in der Gesellschaft.“
Der Marburger Armutsforscher Eckhard Rohrmann wird noch deutlicher: „An die Stelle
gesetzlich garantierter sozialstaatlicher Armutsbekämpfung traten (solange der Vorrat reicht)
private Hilfen, welche die Folgen von Armut etwas abmilderten.“ Die Politikwissenschaftlerin
Luise Molling sieht die Tafeln als „Teil der neuen Regierung des Sozialen im neoliberalen
Zeitalter“. Denn „im Gegensatz zum sozialstaatlichen Prinzip“ füge sich das Tafelprinzip
„reibungslos in den wirtschaftlichen Kreislauf ein“.
Die Kritik gilt auch den Partnern, Ketten wie Lidl oder Aldi, Konzernen wie Continental oder
Daimler-Chrysler. „Wenn die Supermarktketten immer weniger feste Arbeitsverhältnisse
bieten oder nur noch Jobs auf 400-Euro-Basis, dann werden dort genau diejenigen prekären
Arbeitsverhältnisse geschaffen, die andernorts Anlass zur Existenz der Tafeln geben“,
meinte Selke.
Der Münsteraner Ernährungswissenschaftler Konstantin von Normann meint, die Akzeptanz
der Tafeln in der Wirtschaft sei auch deshalb so hoch, weil den Unternehmen kostenfrei
bedeutender Zusatznutzen entstehe: Eine Zusammenarbeit wirke sich „äußerst positiv auf
das Image“ aus. Und auch der Frankfurter Sozialwissenschaftler Jens Becker spricht von
„willkommenen Objekten des 'social sponsoring', das Unternehmen betreiben, um ihr Image
aufzupolieren“.
Rohrmann blickt auf die Unternehmensberatung McKinsey, die die Tafelbewegung ab 1995
förderte. Mit „extrem neoliberalen Positionen“ und als Verfechter strikter Deregulierung habe
McKinsey maßgeblich „zur gesellschaftlichen Produktion von Arbeitslosigkeit und Armut“
beigetragen - und stelle dann hauptamtliche Kräfte frei, um die Tafelbewegung zu
unterstützen. So wurde aus einer lokalen Initiative ein „straff organisiertes, effizientes
bundesweites Netzwerk“.
Langfristig sehen die Experten die Tafeln als Beitrag zur Verfestigung von Armut. Das passt
zum US-Vorbild. Denn wie so vieles kam die Idee aus den USA, einem Land ohne allzu viel
Sozialstaat. Dagegen drängt Becker, wie diverse andere Autoren. auf eine Politik der
Armutsvermeidung und gesellschaftlichen Teilhabe.
Als vorläufiges Fazit mag ein Statement von Sabine Werth stehen, die 1993 in Berlin die
erste Tafel gründete. Sie bezeichnet es als Fehler, so viele Tafeln in Deutschland
zugelassen zu haben. „Heute frage ich mich, was sind das für Geister, die ich da rief.“ (KNA ktktnk-BD-1226.54IE-1)
Hinweis: Stefan Selke (Hrsg.), „Tafeln in Deutschland. Aspekte einer sozialen Bewegung
zwischen Nahrungsmittelumverteilung und Armutsintervention“, Verlag für
Sozialwissenschaften Wiesbaden 2009, 300 S., 24,90 Euro.
Hinweis: Fotos abrufbereit in der KNA-Bild-Datenbank auf www.kna-bild.de oder direkt mit
folgendem Link: http://bilddb.kna-bild.de/marsKna/open.jsp?action=job&id=402182
Herunterladen