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Perrez & Baumann, Klinische Psychologie
Tina Larsen, [email protected]
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15. Sozialpsychologische Aspekte (S. 246)
1. Einführung (S. 246)
Sinn des Kap. ist es, Modelle der Sozialpsychologie darzustellen, die in direktem Bezug zu
psychischen und psychosomatischen Störungen stehen.
Viele Gebiete der Psychologie (z.B. Gesundheitspsycho) bauen auf sozialpsychologischen
Modellen auf. Die Sozialpsychologie hat aber ein grosses Problem: Ihre Modelle sind sehr
attraktiv und werden auf alle möglichen klinischen und gesundheitspsycholgischen Fragen
angewendet aufgrund der hohen Plausibilität u. klinischen Evidenz. - die Beziehungen
zwischen sozialpsycholgischen Faktoren und körperlichen bzw. seelischen Störungen sind
jedoch nicht in eindeutiger Weise nachweisbar. Bei klinischen Störungen wirken so viele
verschieden Faktoren fördernd oder hemmend, dass es oft schwierig ist, einzelne Faktoren zu
isolieren, da sie ihre Wirksamkeit häufig erst mit anderen Faktoren voll entfalten. Betrachtet
man sozialpsychologische Modelle genauer, so haben sie oft grosse Mängel.
Trotzdem ist die Vielzahl der Ansätze für weitere Forschung wichtig und wünschenswert.
Als sozialpsychologische Wirkfaktoren kommen die im folgenden aufgeführten Mechanismen
in Betracht:
1) Soziales Verhalten
a) Interaktion und Kommunikation
b) Ausdruck von Emotionen
c) Sozialer Kompetenz
d) Bindung und Unterstützung
2) Soziale Kognition
a) Sozialer Wahrnehmung
b) Einstellungen
c) Attributionen
d) Erwartungen
3) Soziale Bedingungen mit
a) Rollen
b) Status
c) Lebensbedingungen
d) Kulturellen Einflüssen
Die obenstehenden Wirkfaktoren stehen beim Individuum mit dessen psychischen und
körperlichen Ressourcen (Vulnerabilität) in Wechselwirkung.
Weiter lassen sich unterscheiden:
• Ebenen der Einwirkung auf psychische und körperliche Störungen bzw. Erkrankungen
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a) direkte Einwirkung eines sozialpsychologischen Faktors Bsp.: Einfluß sozialer Isolation
auf Verhalten (z.B. fehlende Zuwendung auf kindliches Verhalten nach Spitz 1946)
b) Indirekte Einwirkung z.B. durch Stress, der wiederum Symptome erzeugt. Bsp.:
Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf die Entwicklung von Depression und Suizidalität
c) Als Moderator-Variablen treten z.B. zwischen Stimulus und Reaktion in aktuellen S-R.
Modellen "Organismus - Variablen". Unter O - Variablen versteht man auch Einstellungen,
Werthaltungen und Zielvorstellungen
d) Zusatzbedingungen - Also z.B. wenn jemand schon Vulnerabilität für eine Störung hat,
dann kann die familiäre Kommunikation einen Rückfall in eine Störung auslösen.
e) Aufrechterhaltende Bedingungen Bsp.: Mangelnde soziale Kompetenz hält bei
Depressiven Depression aufrecht.
f) Wechselwirkungen zwischen organischen und psychologischen Defiziten führen zu
Manifestation der Störung/Krankheit
Ebenfalls werden intra- und interpersonelle Ebene unterschieden. In Sozialpsychologie ist die
Interpersonelle Ebene allerdings wichtiger. Intrapersonelle Ebene aber auch, z.B. für
Attributionsforschung und ihre Bedeutung für Interventionen.
• Ursache -Wirkung
Fragen nach Ursache und Wirkung sind immer kritisch zu betrachten! Aus korrelativen
Beziehungen können keine Aussagen über Ursache und Wirkung gemacht werden! Dazu sind
aufwendige prospektive Langzeitstudien erforderlich.
• Spezifische und allgemeine Wirksamkeit
Meist können aus den sozialpsych. Theorien keine spezifischen Wirkmechanismen abgeleitet
werden. Es gibt eher allgemeine Modelle, so wie die Attributionstheorien
 Modelle können nicht eindeutig auf bestimmte Störung bezogen werden und sind meist
auch nicht alleine dafür verantwortlich
2. Soziales Verhalten und Interaktion (S. 248)
Psychische Erkrankungen sind für andere zuerst am veränderten Sozialverhalten erkennbar.
Die erkrankte Person selbst verhält sich anders (z.B. Rückzug oder Vermeidung) aber die
Personen im Umfeld verändern ihr Verhalten gegenüber der Person (z.B. Ablehnung).
Dadurch kommt es zu komplexen Wechselwirkungen (z.B. Ablehnung der anderen Leute auf
einen Depressiven verstärkt Depression- die verstärkte Depression ist nonverbal noch besser
zu erkennen und führt zu stärkerer Ablehnung)
Störungen der Kommunikation spielen in unterschiedlicher Weise für klinisch relevante
Symptome oder Syndrome eine Rolle:
• Sie treten als Symptom an sich oder Teil eines Syndroms auf
• Sie sind Ursache für andere Symptome
• Sie sind Begleiterscheinungen, Ausdruck oder Folge andere Störungen
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2.1 Instrumentalität des Verhaltens
Definition:
Von einer instrumentellen Funktion des Verhaltens in der sozialen Interaktion spricht man,
wenn mit dem Verhalten einer Person ganz bestimmte Verhaltensweisen anderer Personen
bewirkt werden. Solch eine Wirkung muss nicht notwendigerweise intendiert sein, ja kann
sogar für die Person unerwünscht sein.
Bsp.: Depressives Verhalten:
Enthält nach Linden 1976 gleichzeitig Appellation, Hostilität und Deprivation. Es entstehen
asymmetrische Abläufe in der Interaktion: Beim Patienten stehen die eignen Bedürfnisse im
Vordergrund, während das Verhalten der anderen Personen keine Einfluss ausübt. Die
fehlende Reziprozität erklärt nach Coyne (1976) wieso depressive Menschen langfristig
vermieden werden.
Weitere Beispiele sind:
• Die "gestützte Kommunikation" bei autistischen Kindern
• Das rechnende Pferd (der "Kluge Hans") entlarvt von Otto Pfungst 1907
• Der Versuchsleitereffekt von Rosenthal 1967
2.2 Ökonomische Modelle der Interaktion
Thibaut, Kelley und Homans entwickelten in den 60ern die Austauschtheorien.
Die Austauschtheorien gehen davon aus, dass eine Person immer versucht im sozialen
Verhalten den eigenen Nutzen zu maximieren, d.h. möglichst viel Belohnung bei möglichst
geringem Aufwand zu erhalten. " Ich gebe dir etwas, wenn und damit du mir etwas gibst."
Vor allem Störungen im Partnerbereich lassen sich gut auf Theorien dieser Art anwenden. Ein
zentrales Konzept stellt hier die Reziprozität dar. Das langfristige Geben und Nehmen wird in
der Beziehung wird nach dem Anteil positiver und negativer Elemente "bilanziert".
Tendenziell werden negative Reaktionen sofort erwidert (sozusagen bestraft). Zufriedene
Paare geben nur selten sämtliche negative Reaktionen zurück.
Weitere Anwendungsbeispiele:
Depression: Depressive Person gibt wenig Feedback und erhält dadurch auch weniger
Feedback
 Störungen sind nicht ein isoliertes Ereignis oder ein stabiler Zustand, sondern sie
entwickeln sich und sind in die soziale Interaktion eingebettet.
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2.3 Soziale Kompetenz
Modelle der sozialen Kompetenz beziehen sich auf angemessenes und effektives
Sozialverhalten. Sie sind anwendungsorientiert und bedienen sich daher verschiedener
sozialpsychologischer Theorien. Soziale Kompetenz umfasst sämtliche psychische
Funktionen, d.h. Wahrnehmung, Denken und Handeln, einschliesslich des verbalen und
nonverbalen Verhaltens bezogen auf soziale Situationen.
Verwandte Begriffe sind:
• soziale Geschicklichkeit
• Selbstbehauptung
• Selbstsicherheit vs. Schüchternheit
• diagnostische Kategorie im DSM - IV ist die Soziale Phobie (300.23)
Modell Sozialer Fertigkeiten von Argyle & Kendon 1967
Hier lassen sich die verschieden Komponenten sozial kompetenten Handelns
veranschaulichen.
Abbildung 1 einsscannen S. 251
Dieses Modell macht klar, dass sowohl kognitive als auch Verhaltens-Komponenten bei den
sozialen Fertigkeiten beteiligt sind. Die Wechselwirkungen zwischen Motivation, Verhalten,
Reaktionen der Umwelt und der Wahrnehmung dieser Vorgänge erscheint plausibel.
Allerdings sind die einzelnen Komponenten und die Ursache Wirkungszusammenhänge
bisher kaum hinreichend bestimmt.
Psychische Störungen, bei denen soziale Situationen häufig defizitär sind:
Da bei der Bewältigung sozialer Situationen verschiedene Fertigkeiten erforderlich sind, (
Kontakt herstellen, Zuhören, Rückmeldung geben,...) haben besonders Patienten mit
Depressionen, Schizophrenie und Personen mit verschieden neurotischen Störungen Defizite
in diesem Bereich.
Defizite sozialer Kompetenz können sich auch sekundär bei körperlichen Behinderungen
einstellen( also wenn sich Person zurückzieht, weil sie sich schämt, und dadurch immer
depressiver wird).
2.4 Kommunikation von Emotionen
Emotionen sind zu einem grossen Teil soziale Ereignisse. Bei etwa 80% erinnerter
emotionaler Situationen spielen weitgehend kulturabhängig, soziale Ereignisse wie
Beziehungen, Geburt, Tod, Interaktion mit Freunden oder Bekannten eine Rolle.
Verschiedene Autoren gehen davon aus, dass eine begrenzte Zahl primärer Emotionen
Existiert, Dazu gehören meist
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Freude
Ärger
Furcht
Überraschung
Trauer
Abscheu
Interesse
Scham
Aus sozialpsychologischer Sicht sind besonders die unterschiedlichen kommunikativen
Funktionen von Bedeutung:
1) Kontrolle emotionalen Ausdrucks: Emotionales Erleben, mimischer Ausdruck und
spezifische Aktivierung des autonomen Nervensystems scheinen miteinander gekoppelt zu
sein. Beispiel: Personen, die weniger stark Emotionen ausdrücken (weniger Mimik die Stress
oder Ärger zeigt, haben stärkere physiologische Reaktionen als Personen, mit deutlicherem
nonverbalen Ausdruck.
2)Wirkung von emotionaler Kommunikation: Besonders in Familien mit psychisch
erkrankten Mitgliedern hat man sich gefragt, welche Rolle bestimmte emotionale
Mitteilungen auf den Erkrankten haben. In diesem Zusammenhang werden 2 Ansätze
unterschieden.
a)Doppel-Bindungs-Ansatz (Double bind Theory)
Der Ansatz wurde vor allem im Zusammenhang mit Schizophrenie untersucht. Nach Bateson,
Jackson, Haley und Weakland treten in Familien mit Schizophrenen häufig Situationen auf, in
denen auf zwei Ebenen, der inhaltlichen und der Beziehungsebene inkonsistente Botschaften
gesendet werden.
Dieser Ansatz ist heute nicht mehr vertreten da er nicht nachweisen konnte, dass eine
bestimmte Art der Kommunikation zu Schizophrenie führt
b)Ansätze wie das Konzept der Expressed Emotions(EE) möchten nicht die Entstehung von
Schizophrenie erklären, sondern einen Rückfall vorhersagen. Dieser Ansatz ist heute sehr
wichtig. Expressed emotion bedeutet, dass der Angehörige sich negativ über den Patienten
äussert.
Im Camberwell Family Interview wird festgehalten, wie häufig ein Angehöriger über den
Patienten "kritische Kommentare", "feindselige Äusserungen" und "emotionale
Überbeteiligung" äussert. Um Angehörige als "High EE" oder " Low EE" zu klassifizieren,
wird die Anzahl kritischer Äusserungen ermittelt. Ein hohes Mass an "Expressed emotions"
bei den Angehörigen von Schizophrenen lässt mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Rückfall
erwarten, wenn zusätzlich die Medikation nicht eingehalten wurde.
Man vermutet generell, dass eine Vulnerabilität beim Patienten auch nach der Erkrankung
fortbesteht. Kommen zusätzlich Stress-Faktoren, auch durch die Art des Zusammenlebens
und die Form der Kommunikation in der Familie hinzu, so erhöht sich das Risiko für einen
Rückfall. Kausalität bestünde insofern, als die negative Kommunikation dann einen Rückfall
fördert, wenn zugleich ungünstige dispositionelle Faktoren gegeben sind.
Einen positiven Einfluss auf verschiedene Bereiche körperlicher Gesundheit hat nach
Penbaker (1993) die Mitteilung von belastenden Ereignissen. Diese positiven Einflüsse
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manifestieren sich in geringeren Arztbesuche, verbesserten Immun-Funktionen und anderen
Merkmalen. Die Mitteilungen müssen nicht direkt sein, ein Tagebucheintrag reicht.
3. Soziale Kognition (S. 255)
Definition:
Mit dem Begriff "soziale Kognition" sind die Denkinhalte gemeint, die sich auf soziale
Gegebenheiten beziehen bzw. durch soziale Einflüsse verändert werden. In der
Sozialpsychologie werden darunter Phänomene wie soziale Wahrnehmung, Einstellung
Werthaltungen und Attribution subsumiert.
Wesentliche Kennzeichen der sozialen Wahrnehmung sind die Selektion, d.h. die Auswahl der
uns umgebenden Sinnesreize und die Inferenz, d.h. die Schlussfolgerungen, die wir aufgrund
von beobachtetem Verhalten treffen und die über die eigentliche Wahrnehmung hinausgehen.
3.1 Labeling-Etikettierung
Eine grundsätzliche Frage ist , ob die Selektivität unserer Wahrnehmung verantwortlich dafür
ist, dass wir Verhalten als abweichend, gestört oder krank ansehen.
Die Labeling Theoire geht davon aus, dass ein grosser Teil abweichenden und auffälligen
Verhaltens darauf zurückgeführt werden kann, dass die Gesellschaft das Individuum mit
einem Etikett versieht. Die Stigmatisierung führt nach der Labeling Theorie zur Verfestigung
der Abweichung bzw. ist sogar für den grössten Teil auffälligen Verhaltens verantwortlich
(Szasz, 1960). Durch diese Theorie wurde klar, dass sich Normen für angemessenes Verhalten
als psychosoziale und ethische Phänomene entwickeln. Psychische Störungen sind danach
weniger als Krankheiten, sondern vielmehr als Lebensproblem zu betrachten und
Abnormalität ist im wesentliche fehlgeleitetes Anpassungsverhalten an die Gesellschaft.
Labeling Theoretiker unterscheiden zwischen primärer und sekundärer Devianz.(primäre
Devianz ist das, was dazu führt, dass die Gesellschaft eine Person mit einem Ettiket versieht,
die sekundäre Devianz entwickelt sich aufgrund der devianten Rolle, die das Individuum nach
Sicht der Gesellschaft zu spielen hat).
Untersuchungen liefern keine schlüssigen Nachweis für die Wirksamkeit der Etikettierung.
Auch konnten Untersuchungen den starken kausalen Effekt bei der Entstehung von Devianz
nicht überzeugend belegen (solche Effekte habe sich nach Gove (1980) weder bei
Alkoholikern, noch bei Delinquenz noch bei psychiatrischen Erkrankungen gezeigt). Nach
Gove spielen Zugehörigkeit zur Unterschicht und ähnliches zwar eine Untergeordnete Rolle
bei Bewertungen, in der Regel führt aber die Bewertung durch Institutionen (Etikettierung)
eher zu eine Besserung der Gesamtsituation. Ausserdem sind abweichende Verhaltensmuster
und vermindertes Selbstwertgefühl häufig lange vor einer offiziellen Etikettierung vorhanden.
Im Wiederspruch dazu steht das Phänomen der "Selbsterfüllenden Prophezeiung. Danach
verändern positive und negative Erwartungshaltungen das eigene Verhalten dem anderen
gegenüber. Vorurteile und Stereotype können in der Tat das Verhalten der Person verändern,
gegenüber der die Vorurteile bestehen. Die Person verhält sich schliesslcih tatsächlich so, wie
"prophezeit" wurde.
Labeling Theorie ist heute vor allem wichtig, um die Bedeutung der sozialen Wahrnehmung
bei deviantem Verhalten zu verdeutlichen. Zumindest in der Diagnostik spielen diese
Prozesse sicher eine Rolle. Ein wesentlicher Beitrag dieser Theorien besteht zweifellos auch
darin, dass sie das Problem der sozialen Bewertung von psychopathologischen Phänomenen
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und diagnostischen Kategorien aufgezeigt haben. Eine Etikettierung alleine reicht jedoch
nicht, um entsprechende Verhaltensänderungen zu bewirken.
3.2 Einstellungen
Inwieweit bestimmt Einstellungen oder Einstellungsprozesse als Ursache für Störungen oder
Erkrankungen in Frage kommen, kann bisher nur vermutet werden.
Copingstrategien zu Bewältigung von Problemen werden z.B. gelernt. Gelernte Einstellungen
(z.B. Problembewältigung durch Drogen, die bei Eltern beobachtet wurde) tragen zur
Ausformung von dysfunkionalem Verhalten bei. In der Verhaltensanalyse sind diese
Einstellungen und Werthaltungen auch als ein Teil der Organismus-Variablen berücksichtigt
(SORKC- Modell). Einstellungen dürfen aber nie isoliert betrachtet werden, ihr Einfluss
manifestiert sich nur im Zusammenwirken mit anderen Faktoren.
Insbesondere die Reaktanz, also die wahrgenommene Einschränkung von individueller
Freiheit und die Tendenz des Klienten diese Freiheit wieder herzustellen spielt bei direktiven
Therapieformen eine bedeutende Rolle, indem sie den Bemühungen des Therapeuten
entgegenwirkt. Die Reaktanz trägt zur Aufrechterhaltung der Störung bei!
3.3 Attriburtions-Theorie-Ursachenzuschreibung
Definition
Als Attribution oder Kausal-Attribution bezeichnet man den Vorgang, mit dem man dem
eigenen und fremden Handeln bestimmte Ursachen oder Gründe zuschreibt (attribuiert).
Gegenstand dieser Theorien ist dabei nicht die tatsächliche Ursache einer Handlung, sondern
die Vermutungen, Annahmen der Hypothesen, die Individuen über die möglichen Ursachen
entwickeln.
Verschiedene Autoren gehen davon aus, dass negative oder irrationale Gedanken ursächlich
für negative emotionale Zustände und dysfunktionale Verhaltensweisen verantwortlich sind.
Falsche Attributionen tragen als zur Entstehung von Störungen bei. Diese Art der UrsachenZuschreibung für ein beobachtbares Verhalten -Motivation, Fähigkeit, Schwierigkeit der
Situation bzw. Aufgabe oder Zufall -hat durchaus soziale und praktische Implikationen.
Man unterscheidet zwischen externaler und internaler Attribution.
In der Behandlung von psychischen Störungen unterscheiden sich danach die Erwartungen,
die man an die Behandlungsmassnahmen stellt.
Bei external attribuierten Ursachen erwartet man, dass nur veränderte Bedingungen oder
günstigere äussere Umstände eine Besserung bringen können. Bei internaler Attribution
hingegen sollte die Person sich selbst verändern. Insofern beeinflussen Attributionen nicht nur
Krankheitsmodelle, sonder auch die Art der Therapeutischen Massnahmen.
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Bsp. für ein Modell, dass stark die Attriblutionstheorien einbezieht ist die Theorie der
Erlernten Hilflosigkeit von Seligman (Depressionsmodell)
 Gelernte Hilflosigkeit besteht danach in motivationalen, emotionalen und kognitiven LernDefiziten, die aufgrund negativer Erfahrungen in unkontrollierbaren Situationen entstehen.
Unkontrollierbarkeit bedeutet, dass eine Kontingenz zwischen eigenem Verhalten und dem
Ergebnis einer Situation fehlt bzw. als fehlend wahrgenommen wird. Zwischen der
Erfahrung, dass eine Situation nicht kontrollierbar ist und dem Erwartungen hinsichtlich
zukünftiger Kontingenzen wirken Attributionen als Mediatoren. Nach diesem Modell
werden die für die Depression charakteristischen motivationalen, emotionalen und
kognitiven Defizite bereits erzeugt, wenn man jemandem mit einer momentanen
Unkontrollierbarkeit konfroniert. Individuen müssen lediglich vermuten, dass auch
zukünfige Ergebnisse unkontrollierbar sind, um bei ihnen Hilflosigkeit entstehen zu lassen.
Ob die Hilflosigkeits-Symptome generalisieren bzw. sich chronifizieren, hängt von der Art
der Kausal-Attribution ab. Depressive tendieren dazu, negative Ergebnisse oder eigene
Misserfolge auf internale Faktoren, globale Faktoren und stabile Faktoren zurückzuführen.
Erfolge hingegen werden von ihnen als external, spezifisch und instabil attribuiert.
Die Kognitive Depressionstheorie von Beck, Rush, Shaw und Emery (1981) hat einen
ähnlichen Ansatz. Die Autoren gehen davon aus, dass sich Depressive durch eine negative
Triade, d.h. negative Sicht von sich selbst, der Umwelt und der Zukunft auszeichnen.
Kognitive Schemata und kognitive Störungen sind nach dieser Theorie verantwortlich für die
Entstehung einer Depression.
Kognitive Modelle haben vor allem Schwächen, was die Ursache-Wirkungs Beziehungen
angeht. Es ist auch unklar, ob bestimmte Phänomene kognitiver Störungen spezifisch für die
Depression sind. Ein ätiologisches Modell müsste auch Phänomene der Spontanremission
erklären(die meisten Depressiven berichten nach höchstens 6 Monaten von einer signifikanten
Besserung!) Gemäss der kognitiven Theorien müssten dagegen die dysfunktionalen
kognitiven oder Attributionsstile zu einer Chronifizierung des Zustands führen und eine
Spontanremission verhindern.
3.4 Sozial-kognitive Lerntheorie
Selbstwahrnehmung und Erwartung hinsichtlich möglicher zukünftiger Ergebnisse des
eigenen Handelns sind wesentliche Bestandteile sozial-kognitiver Lerntheorien. Mit diesem
Modell lassen sich vor allem Vermeidungs-Verhalten, phobische Reaktionen, sozialer
Rückzug und Verhaltensdefizite Analysieren. Das Modell liefert auch
Erklärungsmöglichkeiten für die Entstehung zumindest der Aufrechterhaltung von
Verhaltensdefiziten.
Bandura (1982) entwickelte das Konzept der Selbstwirksamkeitserwartung und das der
Ergebniserwartung. Die Ergebniserwartung bezeichnet ein Wissen, dass ein bestimmtes
Verhalten den gewünschten Effekt haben wird. Die Wirksamkeitserwartung meint den Grad
der Gewissheit mit der man sich imstande sieht ein Verhalten selbst durchzuführen. Beide
Erwartungen müssen hinreichend hoch sein, damit ein Verhalten oder eine Handlung gezeigt
wird.
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Wirksamkeitserwartung
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Ergebnis-Erwartung
+
+ Sicheres angemessenes
Handeln
- Selbst-Abwertung
Verzweiflung
Sozialer Aktivismus
Protest
Beschwerde
Milieu-Änderung
Resignation
Apathie
Abbildung: Effekte selbst wahrgenommener Ergebnis -und Wiksamkeitserwartung
Nur bei hinreichend hoher Ergebnis- und Wirksamkeitserwartung wird angemessenes
Verhalten gezeigt. Eine Veränderung der Ergebnis-Erwartung lässt sich durch Modellernen
Instruktionen usw. ereichen, d.h. es findet ein Wissenserwerb statt. Die WirksameitsErwartung lässt sich nur durch eigenes, gegebenenfalls von aussen unterstütztes Handeln
verändern.
Modell von Bandura ist ganz gut, für Praktische Problemstellungen, wie die Analyse von
sozialer Unsicherheit und Vermeidungsverhalten. Das Konzept ist leicht handhabbar und ist
auch gut um Klienten die Entstehung und Aufrechterhaltung von Störungen zu erklären.
4 Folgerungen zur Wirkweise sozialpsychologischer Faktoren
Sozialpsychologische Faktoren wirken in seltenen Fällen direkt und als Hauptursache auf eine
Störung ein. Meist aber wirken sie im Zusammenspiel mit andern Faktoren indirekt
moderierend oder zusätzlich aufrechterhaltend.
Es ist besonders schwierig, mit diesen eher einfachen Modellen Erklärungen für komplexe
Störungen zu finden. Es ist eine Überforderung von Modellen, die auf allgemeine
sozialpsycholgogische Gesetzmässigkeiten im Verhalten und Erleben abzielen.
Trotzdem kann man eindeutig sagen, dass Sozialpsychologische Prozesse zur
Aufrechterhaltung von Störungen und zum positiven oder negativen Verlauf der
Erkrankungen erheblich beitragen
Besonders der heuristische Wert der dargestellten Modelle ist hervorzuheben.
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