Coburger Tageblatt, 26. Oktober 2015

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Wie kann man heute Paul Abrahams Operette „Ball im Savoy“ noch überzeugend auf die Bühne bringen? Am Landestheater Coburg
unternimmt Gastregisseur Tobias Materna den Brückenschlag zwischen Nostalgie und zeitloser Aktualität.
PREMIERE
VON UNSEREM REDAKTIONSMITGLIED
JOCHEN BERGER
Coburg — Der Tanz auf dem Vulkan ist ein Vergnügen mit melancholischem Unterton. Je näher das drohende Unglück, desto lauter spielt die Musik. Als
Paul Abrahams Operette „Ball
im Savoy“ 1932 einen Tag vor
Weihnachten ihre Uraufführung
in Berlin feierte, war die Machtergreifung Hitlers und damit
Deutschlands Sturz in die Diktatur näher, als viele das damals
wahr haben wollten.
Darf man sich ungeniert amüsieren in Zeiten von dumpfen
Pegida-Parolen und Flüchtlings-Not? Oder ist die Auseinandersetzung mit dieser Operette keineswegs zwangsläufig ein
Fall von versuchter Weltflucht?
Dass man sich auch heute noch
mit Paul Abrahams Musik und
der Geschichte seiner Librettisten Alfred Grünwald und Fritz
Löhner-Beda amüsieren und
dennoch manchen Fragen nicht
entkommen kann, beweist die
Neuinszenierung am Landestheater Coburg.
Coburger Lokalkolorit
Gastregisseur Tobias Materna
gelingt das heikle Kunststück,
„Ball im Savoy“ auch ohne plakative Modernisierung spannend auf die Bühne zu bringen.
Denn Materna verweigert dem
Stück die Flucht in ein vermeintliches Happyend, sondern
lässt das Ende bewusst offen.
Die Geschichte um den frisch
verheirateten Marquis Aristide
de Faublas (Dirk Mestmacher)
und seine Frau Madeleine (Anna
Gütter), um den ebenso heiratswie scheidungsfreudigen Mustapha Bei (Niklaus Scheibli) und
seine neue große Liebe Daisy
Parker (Carolin Soyka) – diese
Geschichte ist im Grunde die
ganz klassische Operetten-Geschichte mit gescheiterten Intrigen, entlarvenden Verwechslun-
„Ball im Savoy“: Anna Gütter als Madeleine und Dirk Mestmacher als Marquis Aristide de Faublas in der Neuinszenierung am Landestheater Coburg.
gen und betrogenen (vermeintlichen) Liebesbetrügern.
Tobias Maternas Regie spielt
genüsslich mit nostalgischem
Flair, ohne freilich altmodisch zu
wirken. Mit präzis dosierter Ironie bricht Materna vielmehr immer wieder den drohenden
Kitsch. Ein wenig Lokalkolorit
hat Materna ins Textbuch hinein
getragen. Eine Anspielung auf
einen Coburger Unternehmer,
„nach dem bestimmt mal eine
Straße benannt wird“, wirkt
zwar etwas bemüht, beschert
der Aufführung aber eine kleine
Extra-Portion an Lachern.
Von der ersten Szene an spielt
die Regie ebenso genüsslich wie
geschmackvoll und stilsicher mit
der Künstlichkeit des Genres.
Passend dazu haben Lorena Diaz
Stephens und Jan Hendrik Neidert eine Ausstattung geschaffen, die mühelos und in sich
stimmig das Flair der 30er Jahre
mit Akzenten der 60er und 70er
Jahre kombiniert.
Ausdauernder Beifall
eine Inszenierung, die in den genau durchgestalteten Massenszenen ebenso überzeugt wie
durch die präzise Personenführung der Hauptrollen.
Überaus spielfreudig: der von
Lorenzo da Rio bestens einstudierte Chor des Landestheaters.
Agil und stilsicher das Ballett in
der Choreografie von Tara Yipp.
Fast durchweg bestens besetzt
Die Kostüme: ein Fest in Pastellfarben im ersten Teil, eine ParaBildergalerie und Infos
de pointierter Karikaturen im
Viele weitere Fotos und die Besetzweiten Teil. Die Frisuren: herrzungsliste finden Sie bei uns online
lich übertrieben mit riesigen
Tollen und mächtigen Lockenbergen. Damit wird die Ausstatcoburg.inFranken.de
tung zum perfekten Rahmen für
die Haupt- sowie die zahlreichen
Nebenrollen. Anna Gütter und
Dirk Mestmacher rangieren in
der Applaus-Rangliste des applausfreudig gestimmten Premierenpublikums im Landestheater noch knapp vor Carolin
Soyka und Niklaus Scheibli.
Nicht zu vergessen: die fein differenzierte
Lichtgestaltung
(André Fischer).
Foto: Henning Rosenbusch
Paul Abrahams Partitur ist bei
Kapellmeister Roland Fister in
versierten Händen. Unter seiner
Leitung findet das Philharmonische Orchester rasch die rechte
Mischung zwischen melodischem Schmelz und pulsierenden Rhythmen.
Das
Premieren-Publikum
zeigt sich begeistert und spendet
ausdauernden Beifall.
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Die nächsten Termine
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lt für: Landestheater Coburg (1059919)
Eleganter Tanz am Abgrund
Coburger Tageblatt, 26. Oktober 2015
Theater-Tipp 28. Oktober, 4.,
5., 12., 13., 22. November, 1., 4.,
12., 26. Dezember, 19.30 Uhr,
31. Dezember, 15 und 19.30
Uhr, 15., 29. Januar, 19.30 Uhr,
31. Januar, 15 Uhr, 28. Februar,
15 Uhr, 12. März, 19.30 Uhr
Landestheater Coburg
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