Dreigroschenoper - A Edelmann

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Premiere „Die Dreigroschenoper“
Theaterkritik Angelika Edelmann
Vom Hochzeitsfressen
Hochzeitsfressen zum
zum Galgenschmaus
Wer bekommt das grösste Kuchenstück? Eine Frage, die die Gaunerwelt der Londoner Vorstädte in
Brechts „Dreigroschenoper“ von Anfang bis Schluss begleitet. – Denn bekanntlich kommt zuerst das
Fressen, und dann erst die Moral.
Das Bettlerpublikum
Zur Eröffnung der „Dreigroschenoper“ im Theater St.Gallen wurde den Gästen bewusst gemacht, dass dies in erster
Linie eine Oper für, - und nicht über Bettler ist. Schliesslich sollte das Stück ursprünglich so prunkvoll wie möglich, für
Bettler jedoch erschwinglich sein.
Die Lizenz zum
zum Betteln
Die „Dreigroschenoper“ führt in die Londoner Gaunermilieus, in denen Gewalt und Armut längst zum Alltag gehören. Platz für Gutmütigkeit und Freundschaft existiert nur in Rarität. Schliesslich sind die Umstände schlichtweg zu
schlecht um ein guter Mensch zu sein. Eine Rechtfertigung die zum Motto führt: „Der Mensch lebt allein von Missetaten“. Mit dieser Einstellung lebt auch der etwas andere Geschäftsmann „Peachum“ (Hans Rudolf Spühler), der sich
selbst zum König der Bettler ernannte. Ungeniert stattet er in seinem „Büro“ Kunden mit den „fünf Grundtypen des
Elends“ aus. Was bedeutet, dass er sie in Bettlerkleidung steckt und strategisch in die Londoner Gassen verteilt – ein
Prozentanteil des Gewinnes wird selbstverständlich ihm zugesprochen. Sein kapitalistisches Bettlergeschäft zeigt
die Sehnsucht nach Wohlstand, den nicht nur Peachum um jeden Preis erreichen will. Mackie Messer (Bruno Riedl),
der Anführer einer Diebesbande, legt ihm jedoch diesbezüglich Steine in den Weg. Denn ausgerechnet dieser heiratet Peachum’s Tochter Polly (Andrea Haller), was gleichzeitig das Drama ins Rollen bringt. Die endlose Katz- und
Mausjagd beginnt…
Und der Haifisch,
Haifisch, der hat Zähne
Sinnbildlich für das egoistische Verhalten der bürgerlich kapitalistischen Gesellschaft dreht im Hintergrund der
Bühne (Rudolf Rischer) ein Haifisch seine Kreise. Er untermalt das Bild des Menschen als Einzelkämpfer und sein
unersättliches Verlangen nach Macht und Respekt. Selbst die junge Polly stellt sich beim Hochzeitsdinner auf den
Tisch und schlüpft in die Rolle einer Piratenbraut, die von ihrem Gefolge eiskalt gefragt wird: „Wen sollen wir töten?“. Der Kampf nach Ruhm und Wohlstand erfordert scharfe Zähne und Kampfgeist, und dies ohne Rücksicht auf
die kleinen Fische.
Polly’s Hochzeitsshow (Andrea Haller)
Foto: Tine Edel
Premiere „Die Dreigroschenoper“
Theaterkritik Angelika Edelmann
Mackie Messer
Dem Haifisch gleich dreht Mackie Messer seine Runden, anstelle der Zähne trägt er sein Messer. Trotzdem ist er
nicht als allgemeiner Bösewicht anzusehen. So ist er gleichermassen verhasst und verehrt: Der Gauner mit dem der
Zuschauer trotz allem mitfiebert. Der Bösewicht mit Charme ist jedoch längst keine Einzelerscheinung mehr. Auch in
Filmen wird immer wieder mit Verbrechern sympathisiert, sei es der legendäre Jesse James oder ein Ben Wade aus
„3:10 to Yuma“. Dieses Phänomen schafft in der „Dreigroschenoper“ Platz für vielseitige und menschliche Charakteren, mit denen sich der Zuschauer auch in der heutigen Zeit identifizieren kann.
Im Sinne Brechts
Die St.Galler Interpretation der „Dreigroschenoper“ legt viel Wert auf Brechts Kerngedanken. Er selbst glaubte nach
der deutschen Uraufführung des Stücks, dass der Erfolg nur auf den romantischen Szenen und Kurt Weill’s Musik
beruht. Ihm war jedoch stets wichtig, die Gesellschaftskritik in den Vordergrund zu stellen. Diese Idee wird in der
St.Galler Inszenierung (Kurt Josef Schildknecht) umgesetzt: Die Liebesgeschichte wird überspitzt eintönig dargestellt.
Auch wird mit absichtlichen Räuspern und Husten die Kraft der Musik (Leitung: Martin Gantenbein) abgeschwächt.
Allgemein erinnert das Stück an eine Amateuraufführung, was auch in Brechts Sinne ist. Ihm war stets von Bedeutung, das Theater als etwas Gemachtes darzustellen. Der Zuschauer sollte nie das Gefühl erhalten in einem echten
Geschehen zu sein. So wird die Bühne offensichtlich durch die Schauspieler umgebaut und die Szenenübergänge
werden mit humorvollen Ansagen überbrückt. Inwiefern sich das Publikum dessen bewusst war bleibt fraglich. Doch
fehlende Standingovations hin oder her, Brecht wäre auf jeden Fall begeistert gewesen.
Vorstellungstermine: www.theatersg.ch
04. Oktober 2010
Angelika Edelmann – ehemals Kanti Trogen
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