Dr. A. Abdallah, Marienhospital

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Dr. Abdallah Abdallah
Leitender Arzt
Senologische Abteilung (Brustklinik)
Begrüßungsrede auf der Einweihungsfeier der PATH-Tumorbank und des
Beratungszentrums „Knotenpunkt“ am 3. Mai 2006
Sehr geehrte Damen und Herren,
die Behandlung eines Krebsleidens erfordert Spezialisten
mit Weitblick. Denn ihr Erfolg hängt davon ab, ob es
gelingt, aus der Fülle moderner Therapieverfahren die für
jeden Patienten geeignete Behandlung auszuwählen. Das
ist leichter gesagt als getan. Sollen die Patienten effektiv
behandelt werden, müssen die jeweiligen Experten eng
zusammenarbeiten. Gerade in dieser Hinsicht bestehen
hierzulande gravierende Mängel in der Versorgung von Krebspatienten. Das zeigen
Untersuchungen über die Qualität der Krebstherapie.
Die Deutsche Krebsgesellschaft sieht die Lösung in der Einrichtung von Organzentren,
um die Therapie zu optimieren. Der Wunsch der Patienten, Ärzte sollten eng kooperieren,
rangiert weit vor der Erwartung, bestimmte Serviceleistungen im Krankenhaus, wie z. B.
komfortable Zimmer, in Anspruch nehmen zu können. Die Patienten seien bereit, um der
Qualität willen, auch eine weitere Entfernung vom Wohnort in Kauf zu nehmen.
Nach Ansicht von Herrn Prof. Wallwiener, des Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft
für Senologie, ist diese Art der Qualitätssicherung in einem Brustzentrum vorhanden.
Allein die Versorgung in einem Brustkrebszentrum habe die Sterblichkeit der Patientinnen
um 18 % gesenkt. Das bedeutet für die Patientinnen, dass durch die enge
Zusammenarbeit und die Tumorkonferenz eine Sicherheit hinsichtlich der Therapie
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gegeben ist. Es reicht aber nicht aus, die Patientinnen sehr diszipliniert nur allein durch
Tumorkonferenzen zu therapieren, sondern man muss die Patientinnen, die eine
besonders schlechte Prognose haben, für die Zukunft vorbereiten. Wie geht das?
Die Entwicklung neuer Antikrebsmittel kann schon lange nicht mehr mit der Geschwindigkeit der Sequenzierroboter in den Genomforschungsfabriken Schritthalten. Die
Arzneiforschung geht ihre eigenen Wege und sie hat ihren eigenen Rhythmus. Und
dennoch hinterlassen Genom- und Proteomforschung zusammen mit der Bioinformatik,
die die Informationslawine aus den molekularbiologischen Labors sammelt und integriert,
immer tiefere Spuren in der Krebsmedizin.
Auf dem Krebskongress in Berlin zeichnete sich in vielen Veranstaltungen und an immer
neuen Beispielen ab, dass die s. g. individualisierte, die molekularmassgeschneiderte
Therapie an vielen Fronten konkrete Formen annimmt, wenn auch noch längst nicht im
Klinikalltag.
Der Gentest wird also künftig zu einer der ersten Routinemaßnahmen für den Krebspatienten werden und er könnte für den einen oder anderen mit den ersten bitteren
Enttäuschungen in der Behandlungsodyssee enden.
Der Mammachip, den der Genetiker Peter Lichter vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg zum ersten Mal in Berlin präsentierte, ermittelt noch vor jedem
chirurgischen Eingriff zur Entfernung eines Brustkrebsknotens jene 25 - 30 % der
Patientinnen, die von der modernsten Behandlung einer Kombinationstherapie, bestehend aus Gemcitabine, Doxetaxel und Doxorubicin, überhaupt profitieren. Während
diese Minderheit nicht selten vollständig geheilt werden kann, wenn die drei
Kombinationstherapien vor der Entfernung des Tumors angewendet werden, hat sie bei
der Mehrheit eben nicht diese Wirkung. Im Gegenteil: statt zu entlasten, belastet sie den
Körper und schwächt die Patientin.
Lichter hat nun zusammen mit einer Gruppe von Andreas Schneeweiß (Universitätsfrauenklinik Heidelberg) an bisher 100 metastasenfreien Patientinnen einen Genchip
getestet, der Sonden von mehr als 20.000 und inzwischen von nahezu allen bekannten
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30.000 Gensequenzen des Menschen enthält. Der Chip ermittelt, sobald er mit dem
Biopsiematerial aus dem Brustknoten in Kontakt gebracht wird, welche Gene in dem
verdächtigen Gewebe, wie stark aktiviert sind.
Durch den Vergleich der Frauen, die auf die Dreifachtherapie ansprechen, mit solchen,
bei denen später kein Therapiefortschritt festgestellt wurde, haben die Wissenschaftler
inzwischen aus der im Computer ermittelten Kombination von etwa 500 Genen eine
Signatur erhalten, die Auskunft über die Erfolgsaussichten der Chemotherapie gibt, und
zwar nicht nur darüber, ob die Patientin auf die Arzneimittel anspricht, sondern ob
tatsächlich Aussicht auf eine vollständige Rückbildung der Geschwulst besteht.
Das Ziel ist zurzeit eine mehr als 90%ige Sicherheit bei der Zuordnung der Patientin zu
erhalten, bevor ihre Therapie beginnt.
Für uns sind zwei wichtige Aufgaben für die Zukunft notwendig. Die erste Aufgabe ist die
Etablierung von Genchips für unsere Patientinnen und die zweite Aufgabe ist die
Einfrierung von Tumorgewebe mit dem Ziel, dass ein Teil der Patientinnen, falls sich
Metastasen entwickeln, dass wir auf ihren ursprünglichen Tumor zurückgreifen und von
dort molekularbiologische Untersuchungen und Gentestungen durchführen können. D. h.
auch in 8 oder 10 Jahren haben die Patientinnen die Möglichkeit, auf ihren Tumor
zurückzugreifen. Damit haben die Betroffenen schon jetzt ein Stück Sicherheit und
Hoffnung, dass sie von zukünftigen, modernen Therapien profitieren können.
Herne, den 3. Mai 2006
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