Die Juden und das Römische Reich Baltrusch, Ernst - H-Soz-Kult

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E. Baltrusch: Die Juden und das Römische Reich
Baltrusch, Ernst: Die Juden und das Römische Reich. Geschichte einer konfliktreichen Beziehung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2002. ISBN: 3-534-15585-8; 223 S.
Rezensiert von: Wilfried Nippel, Institut
für Geschichtswissenschaften, HumboldtUniversität zu Berlin
Nirgendwo ist die römische Herrschaftstechnik, durch die Einbindung indigener Eliten
den eigenen Aufwand an Machtressourcen
gering zu halten, so an ihre Grenzen gestoßen wie gegenüber den Juden in Palästina.
Seit der Einbeziehung in den römischen Herrschaftsbereich durch Pompeius 63 v.Chr. wurde mit verschiedenen Organisationsformen
experimentiert; auch die Einrichtung der Provinz Judäa 6 n.Chr. und ihre Neukonstituierung im Jahre 44 (nunmehr beinahe in den
Grenzen des alten Herodes-Reiches) hat nicht
zu einer dauerhaften Befriedung aus Sicht der
Römer geführt, wie sich im Jüdischen Krieg
der Jahre 66 bis 70 (bzw. 73/74) und im BarKochba-Aufstand von 132 bis 135 in dramatischer Weise zeigen sollte.
Beide Aufstände endeten für die Juden in
der Katastrophe. Auch wegen der bis heute nachwirkenden Folgen1 sind die Ursachen
für diese Erhebungen immer wieder untersucht worden. Für Ernst Baltrusch greifen die
vorliegenden Erklärungen sämtlich zu kurz;
sie konzentrierten sich jeweils auf die unmittelbare Vorgeschichte der Aufstände, machten das Versagen der römischen Statthalter und/oder die Radikalisierung jüdischer
Gruppen verantwortlich, kämen somit kaum
über die von Josephus gebotene Deutung voraus; das alles offenbare ein „zutiefst historisches Manko“ (S. 12). Ob dies dem Stand der
Forschung gerecht wird, kann man bezweifeln.2
Für sich beansprucht Baltrusch, dass er sich
„ein im Kern historisches Ziel gesetzt“ habe
(S. 12). Die eigentliche Ursache des römischjüdischen Konfliktes müsse darin gesehen
werden, dass sich die römischen und jüdischen Vorstellungen von „Autonomie“ nicht
miteinander vereinbaren ließen, wobei auf
beiden Seiten lange historische Prägungen
nachwirkten, die im Falle der Juden bis auf
die Erfahrungen mit Assyrern, Babyloniern
und Persern zurückgingen. Da sich die Unlösbarkeit des Konfliktes bereits angesichts
der von Pompeius getroffenen Regelungen
und ihrer Weiterentwicklung durch Gabinius,
Statthalter in Syrien (57-54 v.Chr.), gezeigt habe, könne seine Darstellung „wohlüberlegt“
mit diesem „Beginn der römischen Herrschaft
über Palästina“ schließen (S. 19). Am Ende
heißt es, die darauf folgende Zeit sei „zum
Teil ohnehin schon gut erforscht“ (S. 157),
was angesichts der pauschalen Literaturschelte in der Einleitung überrascht. Das Buch handelt also „von der politischen Existenz jüdischer Gemeinwesen unter Fremdherrschaften
im Zeitraum von 727-55 v. Chr.” (S. 19) - nicht
gerade der Gegenstand, den der Titel erwarten lässt.3
Die Darstellung beginnt mit den Reformen
im Südreich unter den Königen Hiskija und
Josija, die mit der ausschließlichen Bindung
der Juden an den Jahwekult den Charakter
der Religion als Medium der Selbstbehauptung entscheidend geprägt hatten, wie sich
dann auch im babylonischen Exil zeigen sollte. Fraglich scheint, ob man die Unterschiede
der Funktion - Sicherung der äußeren Selbständigkeit einerseits, Bewahrung der kulturellen Identität im Exil andererseits - , so herunterspielen sollte, wie es Baltrusch mit seiner
Betonung der Kontinuität tut.
Für die jüdischen Vorstellungen von Selbstverwaltung im Rahmen eines Großreichs seien die Erfahrungen nach der Rückkehr ins Vaterland und der Neuorganisation unter Nehemia und Esra prägend geworden. Der Auftrag
von Artaxerxes I. an Esra, „das Gesetz deines Gottes und das Gesetz des Königs“ gleichermaßen zu beachten (Esra 7, 26), bringe
(selbst wenn die Authentizität des Edikts be1 Wie
sich dabei je nach den aktuellen Konfliktlagen im
19. und 20. Jahrhundert die Geschichtsbilder veränderten, zeigt jetzt eindrücklich Bernard Wasserstein, Jerusalem. Der Kampf um die Heilige Stadt, München 2002.
2 Vgl. nur Martin D. Goodman, The Ruling Class of Judaea. The Origins of the Jewish Revolt against Rome
AD 66-70, Cambridge 1987; Emilio Gabba, The Social,
Economic and Political History of Palestine 63 BCE - 70
BCE, in: William Horbury u.a. (Hgg.), The Cambridge
History of Judaism III: The Early Roman Period, Cambridge 1999, S. 94-165.
3 Auf dem Buchrücken heißt es gar, „die Eskalation der
Konflikte zwischen Juden und Römern bis zu den großen Aufständen zwischen 66 und 132 n. Chr.” stehe im
„Zentrum der Darstellung“.
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zweifelt werde) die Sichtweise der Juden auf
die ihnen konzedierte Autonomie in dem Sinne zum Ausdruck, dass die Loyalität zu den
Persern mit der strikten Verpflichtung auf das
eigene Religionsgesetz verknüpft wurde; damit waren zugleich eine Sonderstellung der
Juden im persischen Reich und zunehmende
Spannungen mit der nichtjüdischen Umwelt
gegeben (S. 32ff.).
Während die Perser diesen Status der Juden als in ihrem eigenen Herrschaftsinteresse liegend erkannt hätten, hätten die Seleukiden nicht mehr die „jüdische Religion“ in ihrer „Funktion als Ordnungsfaktor im Staate“
akzeptiert (S. 49). Versicherungen, dass die Juden nach ihrer eigenen Regeln leben könnten, waren jederzeit revozierbare Wohltaten
der Herrscher, wie am Kontrast zwischen der
Verleihung von Privilegien durch Antiochos
III. einerseits und den Verfolgungsmaßnahmen unter Antiochos IV. andererseits deutlich
werde (S. 43ff.).
Mit dem Makkabäeraufstand begannen die
Vertragsbeziehungen zwischen dem sich neu
etablierenden jüdischen Staat und Rom; Baltrusch geht von der Echtheit der aus der Zeit
zwischen 161 und 104 v.Chr. überlieferten Verträge aus, die ausführlich vorgestellt werden
(S. 90-113). Die Römer hatten zwar keinerlei
konkrete Verpflichtungen übernommen, doch
bestand für die Juden die Bedeutung dieser
diplomatischen Beziehungen darin, dass mit
ihnen von Anfang an die sozusagen völkerrechtliche Anerkennung der Selbständigkeit
des jüdischen Staates durch die Römer verbunden gewesen war.
Als Schlüsseldokument für die jüdische
Sicht gilt Baltrusch die Darstellung von römischer Außenpolitik und Verfassung im 8.
Kapitel des 1. Makkabäerbuches: Roms Herrschaftsstreben wird nicht beschönigt, aber in
dem Sinne verstanden, dass die Römer zwar
auf Tributzahlungen, nicht jedoch auf unmittelbare territoriale Eroberungen Wert legten.4 Das Senatsregime bot zudem eine Garantie für rationale Politik im Vergleich zu
den Willkürakten, die von Monarchen auszugehen pflegten (S. 88f.). Dieser Text belege
„den Kern des Mißverständnisses zwischen
Juden und Römern hinsichtlich des Zusammenlebens unter einem römischen Dach ...,
das die Beziehungen zwischen beiden Sei-
ten letzten Endes in die Katastrophe von 66
n. Chr. führen sollte“ (S. 90).5 Wenn danach
diese Beziehungen nicht mehr erneuert worden sind, hänge dies zumal mit der Expansionspolitik des Hasmonäerstaates zusammen,
der dadurch in den Augen der Römer zu einem „Gefahrenherd wie andere aufstrebende
hellenistische Reiche“ geworden sei (S. 113),
vergleichbar dem pontischen Reich unter Mithridates VI. (S. 111). - Die Annahme einer
solchen Bedrohungsanalyse bei den Römern
gründet auf allgemeinen Überlegungen, nicht
auf Quellenbelegen.
Auf jüdischer Seite habe allerdings weiterhin die Vorstellung geherrscht, dass die Römer in ihrer Region „keine Herrschaftsabsichten“ verfolgten (S. 113); diese Fehleinschätzung habe den Avancen der diversen jüdischen Delegationen zugrunde gelegen, die
sich seit dem Winter 64/63 v.Chr. angesichts
der Thronstreitigkeiten im Hasmonäerreich
um die Intervention des Pompeius bemühten
(S. 130ff.).
Die von Pompeius getroffene Lösung habe
sich an jüdischen Traditionen orientiert; seine
Neuordnung sei grundsätzlich „dazu angetan [gewesen], die Juden zur Bewahrung ihrer
Identität und zur Ausübung ihrer Religion zu
ermutigen“; aber die Römer hätten „unter der
Gewährung von Religionsfreiheit etwas anderes als die Schaffung einer herrschaftsfreien
Zone“ verstanden (S. 139). (Rätselhaft ist die
gleich folgende Feststellung, die Römer hätten Religion als „zentrales Element der Integration von Regionen in das Reich“ verstanden). Dass Pompeius nach der Einnahme von
Jerusalem das Allerheiligste des Tempels betrat, erkläre sich damit, dass er sich einerseits
im Interesse der geplanten Neuordnung Gewißheit über die Arcana dieser Religion habe verschaffen, andererseits bewußt ein „Zeichen römischer Allmacht“ habe setzen wollen
(S. 141).6 Was er damit angerichtet hatte, begriff er ebensowenig wie die römischen Autoren, die allein hervorhoben, dass Pompeius
4 Fraglich
ist, ob dies einem Text gerecht wird, in dem
auch von der Eroberung Spaniens und Griechenlands
(gemeint ist wohl der Krieg gegen den Achäischen
Bund) die Rede ist.
5 Im Text steht versehentlich „66 v. Chr.”.
6 Es handelt sich letztlich um eine Paraphrase von Tacitus, Historien 5, 9, 1.
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E. Baltrusch: Die Juden und das Römische Reich
den Tempelschatz unangetastet gelassen hatte.
Für Baltrusch steht damit fest, dass die römische Herrschaft von Anfang an mit dem jüdischen Selbstverständnis kollidierte, das sich
am Modell der Autonomie unter den Persern
orientierte (S. 156). Der Weg in die Katastrophe sei unausweichlich gewesen, die römischen Bürgerkriege einerseits, die Herrschaft
des Herodes andererseits seien nur „retardierende Momente“ gewesen (S. 147). Den jüdischen Eliten ist in der Folgezeit demnach
verborgen geblieben, dass es überhaupt keine
Chance für einen modus vivendi mit den Römern geben konnte, sie gaben sich einer „Illusion“ hin (S. 140).
In bewusster Anlehnung an Thukydides
meint Baltrusch, damit die wahre „Ursache“
der „großen Kriege der Juden gegen Rom im
1. und zu Beginn des 2. Jahrhunderts ... hinreichend dargelegt“ zu haben, die ganze weitere Geschichte bis zum Ausbruch des Jüdischen Kriegs - mehr als 120 Jahre - zu den
„Anlässen“ rechnen zu können (S. 156), die
man offenbar getrost denjenigen Historikern
überlassen soll, die bei der Aufgabe, „eine
historisch argumentierende Erforschung des
jüdisch-römischen Verhältnisses“ (S. 14) zu
leisten, bisher so kläglich versagt haben.
Die Frage nach den Auswirkungen kulturell geprägter Wahrnehmungsmuster ist gewiss zentral für eine Analyse der jüdischrömischen Beziehungen, nur dass Baltrusch
durchweg die Unterschiede von Positionen
innerhalb des Judentums als letztlich unerheblich abtut.7 Man kann aus seiner auf großer Gelehrsamkeit gründenden Darstellung8
im Einzelnen viel lernen - seine deterministische Konzeption, die Veränderungen von
Perzeptionen auf Grund von Erfahrungen
ausschließt, keinen Raum für Entscheidungen von Akteuren lässt und den kontingenten Ausgang von Handlungsketten ignoriert,
kann aber nicht überzeugen.
Wilfried Nippel über Baltrusch, Ernst: Die Juden und das Römische Reich. Geschichte einer
konfliktreichen Beziehung. Darmstadt 2002, in:
H-Soz-Kult 18.10.2002.
7 So
wird z. B. die auf Bickerman zurückgehende These, der Konflikt mit Antiochos IV. sei auf innerjüdische
Gegensätze zurückzuführen, erwähnt, aber zusammen
mit anderen Erklärungsversuchen als zu kurzschlüssig
abgetan (S. 46).
8 Der kleingedruckte Apparat (Endnoten) umfaßt 40 Seiten.
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