Neoklassische Feldforschung: Die mikroskopische Untersuchung

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Neoklassische Feldforschung:
Die mikroskopische Untersuchung sozialer Ereignisse
als ethnographische Methode
Christian Meyer
Fakultät für Soziologie, Universität Bielefeld, Postfach 10 01 31, D-33501 Bielefeld
Nikolaus Schareika
Institut für Ethnologie und Afrikastudien, Johannes Gutenberg-Universität Mainz,
Forum Universitatis 6, D-55099 Mainz
Neoclassical fieldwork: the microscopic analysis of social events as ethnographic method
Abstract. The article addresses the question of how to methodologically operationalize a practice theoretical approach to culture and society. The principles of the classical Malinowskian fieldwork provide
appropriate means to start with: long-term stay in the field, the acquisition of language skills, participant observation, and a microscopic perspective. However, in order to fit a non-idealist approach, these
principles have to be reconfigured and, especially, freed from the Platonic legacy that is partly inherent
in Malinowski’s notion of scientific data. This notion implies at some points a dualism between reality
and its representation and therefore conceives ethnographically described “culture” as a conceptual
model for social reality. As we advance, with its method of ethnographic fieldwork social anthropology
disposes of a powerful tool to precisely reverse this perspective. For it is the particular strength of ethnographic fieldwork to observe and witness social and cultural life in the very moments of its realization as
social events. Current technologies make it much easier to record and subsequently analyze social events
not only by ex post facto reconstruction (e. g. through interviews), but by following the immediate
courses they have taken in situ and in real time. This potential of ethnographic research, in our regard,
has not yet been sufficiently taken into account and exploited.
[methodology, participant observation, social event, language, social theory]
Einleitung1
Wenn es um das Sammeln empirischer Daten aus der Welt des sozialen Lebens geht, verlassen sich Ethnologen routinemäßig auf den Typ von wissenschaftlicher Unternehmung,
den Bronislaw Malinowski in den Jahren 1915 bis 1918 entworfen und in seinem ein1
Der vorliegende Aufsatz basiert auf den Überlegungen, die wir im Workshop „Neoklassische Feldforschung: Mikroskopische Ethnographie als Grundlage ethnologischer Wissensbildung“ auf der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde, Halle (Saale), 1. – 4. Oktober 2007, zur Diskussion gestellt haben. Wir danken den Teilnehmern dieses Workshops für wertvolle Anregungen. Ferner
danken wir Julia Pauli für kritische Kommentare zu einer früheren Version dieses Textes.
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leitenden Kapitel zu Argonauten des westlichen Pazifik erörtert hat: die inzwischen als
„klassisch“ zu bezeichnende ethnologische Feldforschung (vgl. Dammann 1991:107;
Kuper 1985:12; Stocking 1983; Urry 1984). Heute, über neunzig Jahre nach Malinowskis Arbeit auf Kiriwina, erstaunt, dass einige Elemente dieses Forschungsmodells geradezu als methodische Realisierung späterer theoretischer Entwicklungen in den Sozialwissenschaften gelten können:2 der sozialkonstruktivistischer, strukturierungs- und
praxistheoretischer sowie transaktionalistischer Auffassungen (ein Überblick bei Joas/
Knöbl 2004), die in der Ethnologie auch unter der allgemeinen Bezeichnung „processual
anthropology“ (Turner 1985, Moore 1987, Vincent 1990:335 ff.) firmieren.
Ethnologen haben allerdings sehr häufig gerade nicht die für eine solche praxistheoretisch angeleitete, nicht-idealistische Forschung (s. Ortner 1984) nützlichen Elemente aus Malinowskis Konzept der Feldforschung aufgegriffen und weiterentwickelt,
sondern vielmehr diejenigen, die einen platonistischen Dualismus zwischen Ideen- und
Erfahrungswelt bedienen. Der Forschungsgegenstand wird dabei nicht prozessual-interaktionistisch, sondern reifikativ und idealistisch aufgefasst (zur generellen wissenschaftstheoretischen Kritik an einer solchen Herangehensweise Rorty 1981). Nach diesem epistemologischen Modell bezieht eine Einzelbeobachtung ihre Bedeutung nicht
aus ihrem Ereigniskontext (d. h. einer Interaktion wie z. B. einem Gespräch zwischen
zwei Kellnerinnen; vgl. Spradley/Mann 1975), sondern aus einem transzendentalen
Paralleluniversum (d. h. einem Symbolsystem wie z. B. einer abgefragten Klassifikation
der möglichen Gäste in einer Bar; ebd.). Mit anderen Worten: es wird die Existenz
einer nicht als Bestandteil des sozialen Prozesses dokumentierten Struktur vorausgesetzt (das erwähnte Symbolsystem), die abgefragt werden kann. So scheint es, als hätten Ethnologen häufig den viel geschmähten Lehnstuhl lediglich gegen einen Klappstuhl eingetauscht und seien bloß von der Schreibstube in die Lehmhütte
umgezogen, um sich dort von Einheimischen in mal mehr, mal weniger partnerschaftlich-dialogischer Form deren Kultur und Gesellschaft im Interview erklären zu lassen.3
2
Auch wenn es nicht auf methodologischem Kalkül, sondern auf simplen Einsichten in forschungstechnische Notwendigkeiten basiert: Denn sein Hauptmotiv war, dass es keinen anderen Zugang zu
Gesellschaften ohne schriftliche Kulturzeugnisse (die damals als Gegenstand der Ethnologie galten)
gibt, als sich in ihre Mitte zu begeben, bei und mit ihnen zu leben und die für eine wissenschaftliche
Analyse benötigten Informationen direkt vor Ort zu ermitteln (1922:3 – 4). Malinowski gehörte dementsprechend zu der ersten Generation von akademisch gebildeten Ethnologen, die, anders als zuvor
etwa James Frazer, bereit waren, emotionale und körperliche Risiken auf sich zu nehmen, um die ethnologische Arbeit nicht länger auf Berichte von Abenteurern und Amateuren aufbauen zu müssen.
Die Heroisierung dieser Leistung, die Malinowski mit dem ihm eigenen Selbstbewusstsein betrieb,
wird inzwischen in Frage gestellt: Neben und vor Malinowski hatte es andere Langzeitfeldforscher
(z. B. Franz Boas) gegeben (Urry 1984), und die Tagebücher (Malinowski 1967) haben Zweifel am
Postulat einer konsequenten Integration des Forschers in die untersuchte Gruppe aufkommen lassen.
3
Wir verzichten darauf, dies mittels Beispielen aus aktuellen Ethnographien aufzuzeigen. Dies würde
eine ausführliche inhaltliche Darstellung solcher ethnographischer Arbeiten erfordern, für die hier
kein Platz ist.
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Auf diese Weise wird, wie wir finden, sozialwissenschaftliche Forschung auf die ex
post facto (Re-) Konstruktion von Sinn durch Interviewer und Interviewte reduziert.
Dieser Sinn wird dann entweder als Erklärung dessen verwendet, aus dem heraus er
abstrahiert wurde, oder als erbauliches Moment kunstvollen Verstehens anderer kultureller Welten präsentiert. Aus dieser methodologischen Perspektive betrachtet erscheinen positivistische und interpretative Forschungsstile, die beide aus ganz unterschiedlichen Gründen das Interview (also das Sprechen von Ethnologen mit Informanten
über soziale Realität) zu ihrem Hauptinstrument empirischer Forschung gemacht haben, gar nicht so grundverschieden. Beide sind methodologische Spielarten einer idealistischen Wirklichkeitsauffassung, die das soziale Leben erklärt oder versteht, indem
sie eine Abstraktion desselben als ihm vorausgehenden Verursacher konstruiert. Dieser
Verursacher können Prinzipien, Regeln, Verhaltensmuster, Zwänge, Anschauungen
oder Einstellungen sein.
Mit dem Modell der neoklassischen Feldforschung wollen wir dagegen einen Weg
vorschlagen, diese Formen von Platonismus, die positivistische und interpretative Ethnologie gleichermaßen kennzeichnen, zu überwinden. Grundlage dafür ist die bereits
vielfach formulierte (z. B. Barth 1966; Collins 1987; Giddens 1979), aber unseres
Erachtens bislang noch zu wenig in konkrete ethnologische Forschungsarbeit umgesetzte Forderung, zur Erfassung sozialer Wirklichkeit methodologisch nicht bei sozialen Strukturen oder kulturellen Sinnwelten anzusetzen (und damit letztlich deduktiv
vorzugehen), sondern bereits bei den sie konstituierenden konkret beobachtbaren
Prozessen sozialer Interaktion (und damit konsequent induktiv bzw. abduktiv zu arbeiten).
Aus dem Modell der klassischen Feldforschung erscheinen uns besonders die teilnehmende Beobachtung, das intensive Studium der Sprache und der mikroskopische
Zuschnitt des Untersuchungsgegenstandes geeignet, soziale Wirklichkeit in konkreter
interaktiver Handlung zwischen Menschen zu erfassen. Nicht Ethnologen, sondern
Soziologen haben – ganz entgegen dem Stereotyp, das sie als die Leute mit den Fragebögen darstellt – damit begonnen, die besonderen Stärken der ethnologischen Feldforschung zu ergründen und Methoden der mikroskopischen Untersuchung sozialer Praxis zu entwickeln. Nun gilt es, diesen methodologischen Fortschritt der Feldforschung
durch die Soziologie in die Ethnologie zu re-importieren. Aus diesem Grund sprechen
wir von der neoklassischen Feldforschung.
Wir streben dabei keinesfalls an, ein abgeschlossenes Konzept vorzulegen, sondern
möchten dazu anregen, die Beziehung zwischen Theorie und Methodologie ethnologischer Forschung erneut zu diskutieren und die theoretischen Folgen, die aus der Wahl
bestimmter Erhebungsverfahren resultieren, aufmerksam zu prüfen. Unser zentrales
Anliegen ist es, die Diskussion einer Methodologie anzustoßen, die sich explizit dem
Problem des Idealismus, d. h. der sozialwissenschaftlichen Konstruktion transzendentaler Ideenwelten – seien es Malinowskis native point of view, Webers gemeinter Sinn,
Geertz’ web of meaning oder Radcliffe-Browns social structure – annimmt und Vorschläge zur empirischen Erfassung sozialen Lebens als Praxis und Handlung unterbrei-
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tet. Denn wir glauben, dass sich der Ethnologie mit ihrer spezifischen Zugangsweise zu
sozialer Praxis durch teilnehmende Beobachtung besondere Chancen auf diesem Feld
eröffnen.
Der technologische Stand heutiger Ton- und Filmaufnahmegeräte und -analyseverfahren erlaubt es, soziale Praxis in Form einer Vielzahl kommunikativer gesellschaftlicher Ereignisse in großer Komplexität aufzunehmen und einer detaillierten mikroskopischen Analyse zugänglich zu machen. Wir betrachten Ethnographie somit nicht in
erster Linie als Sprechen des Ethnologen mit Informanten über soziale Wirklichkeit,
sondern zunächst als die registrierende Erfassung tatsächlicher, insbesondere auch verbaler Interaktion zwischen gesellschaftlichen Akteuren. Da Sprechen immer soziale
Handlung und Bedeutungsübermittlung zugleich ist, bietet die Aufnahme verbaler Interaktion unseres Erachtens einen privilegierten Zugang zu sozialer Wirklichkeit. Sie
erlaubt es überdies, ethnologische Aussagen auf eine solide Datenbasis zu stellen und
für die wissenschaftliche Gemeinschaft nachvollziehbar zu machen.
Im Folgenden wollen wir zunächst das malinowskische Modell der Feldforschung,
das wir als klassisches Modell bezeichnen, zusammenfassend darstellen. Im Anschluss
daran werden wir Vorschläge machen, wie dieses Modell in Entsprechung zu den
neueren sozialtheoretischen Entwicklungen fruchtbar gemacht werden kann. Dieses
Modell bezeichnen wir als neoklassische Feldforschung.
Malinowskis klassische Feldforschung
Heutzutage steht das Modell der malinowskischen Feldforschung vor allem für vier
Elemente der empirischen Forschung: Erstens ist es für die methodische Praxis der teilnehmenden Beobachtung4 bekannt geworden, die den Forscher durch den engen Kontakt zu den Einheimischen dazu befähigen solle, einen native’s point of view, d. h. eine
Innensicht auf die erforschte Kultur zu gewinnen. Zu einer solchen Praxis gehört zweitens ein Langzeitaufenthalt, der bevorzugt unter Bedingungen der „Isolation“ erfolgen
solle, damit der Forscher nicht durch die innere Rückkehr in das Eigene abgelenkt
werde. Drittens gehört zur malinowskischen Feldforschung der Erwerb gründlicher
Sprachkenntnisse, die es dem Forscher erlaubten, die Wortwechsel zwischen den Einheimischen und so deren Sicht der Dinge zu verstehen. Viertens ist ein Grundprinzip
der malinowskischen Feldforschung der ethnographische Holismus, d. h. das Bestreben, soziale Realität nicht vermeintlich empirisch abgrenzbaren Teilgebieten (wie
Wirtschaft, Politik, Religion) zuordnen zu wollen. Vielmehr soll jedes einzelne kultu4
Dies obwohl weder die Erfindung des Begriffs noch der Praxis unumstritten ihm zugesprochen werden kann (vgl. Spittler 2001:2 – 3). Bereits im 19. Jahrhundert entstanden ethnographische Berichte,
welche den methodischen Prinzipien der malinowskischen Feldforschung entsprachen (vgl. z. B. Petermann 2004: 897; Probst 1983:51 – 52).
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relle Phänomen in seinem aktuellen, durch die Praxis konstituierten Zusammenhang
mit allen möglichen anderen Phänomenen untersucht werden.
Auf zwei weitere Aspekte der malinowskischen Ansatzes möchten wir aufmerksam
machen: Mit dem Begriff der „phatic communion“ hat Malinowski (1923) als einer
der ersten Ethnologen darauf aufmerksam gemacht, dass Sprechen eine soziale Aktivität ist, die nicht allein oder sogar überhaupt nicht der Informationsübertragung, sondern vor allem der Modulierung sozialer Beziehungen dient.
Der zweite Aspekt ist folgender: Malinowski hat mit seiner Kritik an der viktorianischen Voreingenommenheit gegenüber dem kulturell Fremden die argumentative
Konfrontation unterschiedlicher kultureller Standpunkte als Mittel der Forschung
nicht ausgeschlossen:
“[A]s a means of testing the firmness of their belief [about the nature of the spiritchild, or pre-incarnated baby, C. M. & N. Sch.] I sometimes made myself definitely and aggressively an advocate of the truer physiological doctrine of procreation.”
(Malinowski 1929:185)
Malinowski nutzt hier also eine dialogische, quasi-experimentelle Methode des „Ausder-Reserve-Lockens“, um im Alltagshandeln unhinterfragtes Wissen in der Konfrontation mit seiner Negation herauszuarbeiten. Dabei kommt ihm offensichtlich zugute,
dass die Trobriander ihm als Fremden eine gewisse „Narrenfreiheit“ einräumen,5 die
das bewusste und zielgerichtete Negieren sozialer Konventionen als Mittel ihrer Erforschung möglich macht.
Empirische Daten in der klassischen Feldforschung
Die Grundelemente des malinowskischen Modells der Feldforschung können unseres
Erachtens für eine der aktuellen sozialtheoretischen Debatte adäquate Methodologie
fruchtbar gemacht werden. Zuvor wollen wir aber deutlich machen, dass Malinowski
es aufgrund seiner sozialtheoretische Orientierung verpasst, diese Möglichkeiten seines
Feldforschungsansatzes auszuschöpfen. Malinowskis Auffassung von empirischen Daten ist, wie es für jeden Ethnologen der Fall ist, von seinem Verständnis des Gegenstands, der sozialen Welt, geprägt. Für Malinowski ist diese Welt zweigeteilt: Sie besteht aus einer den Sinnen direkt zugänglichen Aktualität des Lebens auf der einen
und kulturellen Prinzipien, die dieses Leben ordnen, auf der anderen Seite. Das Leben
einer fremden Gesellschaft erscheint dem Laien chaotisch und bizarr, weil er es mit
Hilfe der falschen Ordnungsprinzipien – denen seiner eigenen Gesellschaft – zu ordnen versucht. Dem professionellen Ethnologen dagegen, so Malinowski, kann es gelin5
Siehe allerdings auch Aussagen von Trobriandern über Malinowskis Forschungsstil (Young 1979 zitiert von Kuper 1985).
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gen, aus dem unmittelbar miterlebten sozialen Geschehen die Prinzipien herauszulesen, die dieses Geschehen anleiten.
“Ethnology has introduced law and order into what seemed chaotic and freakish. It
has transformed for us the sensational, wild and unaccountable world of “savages”
into a number of well ordered communities, governed by law, behaving and thinking according to consistent principles. The word “savage,” whatever association it
might have had originally connotes ideas of boundless liberty, of irregularity, of something extremely and extraordinarily quaint.” (Malinowski 1922:9 – 10)
In dem Anliegen, die abstrakten kulturellen Prinzipien anstelle des sozialen Lebens
selbst zum Gegenstand der Feldforschung zu machen, zeigt sich eine idealistische
Grundannahme der malinowskischen Wissenschaftstheorie: Sie verwendet dasjenige,
das der Wissenschaftler aus der Empirie abstrahiert, zu ihrer deduktiven Erklärung.
Das malinowskische Programm der Feldforschung besteht dabei aus drei Zugangswegen zur Erfassung gesellschaftlicher Realität, die diese Ebenen nicht immer strikt voneinander trennen.
Konkrete Daten
Der erste Weg besteht darin, „konkrete Daten mit Beweiskraft“ zu suchen (“collecting
concrete data of evidence, and drawing the general inferences for himself ”, Malinowski
1922:12). Daten als Beweise in einem induktiven Forschungsverfahren zu verstehen,
demonstriert Malinowskis Vorstellung einer Welt von a priori-Prinzipien, die anstelle
der empirischen Welt selbst der Gegenstand von Forschung sein solle. Konkretes Verhalten verweist für Malinowski auf ewig festgelegte Regeln und Regelmäßigkeiten des
„tribalen“ Lebens, die die „Anatomie der Kultur“ bilden. Das Problem sei einfach, dass
die Einheimischen diesen Regeln zwar folgten, dass sie sie aber nicht formulieren
könnten; deshalb müsse der Ethnograph in ihrem sichtbaren Verhalten die Belege für
diese Ordnung suchen (Malinowski 1922:11 – 12).
Problematisch ist auch Malinowskis Begriff der „konkreten Daten“, denn hier vermischt er Beobachtungsdaten mit rekonstruierenden Daten. Zwar spricht er von Fällen (cases), doch seine Daten bestehen in den evaluativen Aussagen der Einheimischen
zu erfundenen oder tatsächlichen Fallgeschichten. Sie enthüllen für Malinowski einen
jeweiligen „sozialen Mechanismus“. Zur Untersuchung von Verwandtschaftsbeziehungen verwendet er als Daten Aussagen über Beziehungen, die per definitionem bereits
Abstrahierungen von konkreten Vorkommnissen in der Welt sind. Andere Daten, die
er vorschlägt, wie z. B. direkte Aufnahmen von Transaktionen sind zwar tatsächlich
konkret, aber auch sie stellt er auf abstrahiert-systematische und nicht fallbezogene
Weise in zusammenfassenden Diagrammen und Tabellen dar (z. B. alle üblichen Gaben, die in einer Gesellschaft gemacht werden, statt die Analyse einer bestimmten
Transaktion, Malinowski 1922:14). Malinowskis „konkrete“ Daten sind also bereits
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erheblich abstrakt, da er mit „konkret“ meist nicht die soziale Praxis meint, sondern
abstrakte Regeln und Ordnungsprinzipien, die die Untersuchten benennen oder die
sich aus beobachtbaren Regelmäßigkeiten in der Erfahrungswelt direkt ableiten lassen.
Der Begriff „konkret“ ist somit in Zusammenhang mit Malinowskis Vorstellung von
Regeln, die das „Skelett“ der Gesellschaft bilden, zu verstehen. Diese Regeln operieren
in Individuen, aber auf einer unbewussten, nicht reflektierbaren Ebene und erzeugen
in konkreten Konstellationen der äußeren Welt eindeutig festgelegte Verhaltensformen. Weil der einzelne diese Regeln nicht in abstracto benennen kann, muss der Ethnologe die Meinungen verschiedener Informanten zur reinen Regel verdichten.6
Imponderabilien des unmittelbaren Lebens
Einen zweiten möglichen Zugangsweg zur sozialen Realität bilden für Malinowski die
“imponderabilia of actual life” (Malinowski 1922:18). Mit diesem Begriff spricht er
Phänomene an, die nicht abgefragt oder synoptisch zusammengefasst werden können,
sondern in ihrer schieren Aktualität beobachtet werden müssen (“have to be observed
in their full actuality”, 1922:18). Malinowski gibt als Beispiele für diese Art von Phänomenen die Tätigkeiten eines Arbeitstages oder die Nahrungszubereitung und -aufnahme an (ebd.) – Phänomene also, die den Charakter empirischer Ereignisse haben.
Allerdings nennt Malinowski auch Beispiele, die bereits eine Interpretationsstufe höher
angesiedelt sind: die Stimmung des sozialen Lebens, die Existenz von Freundschaft,
Ehrgeiz im Verhalten von Individuen (ebd.). Sie erwecken den Eindruck, dass Malinowski das beobachtbare Handeln von Menschen nicht als Tatsachen mit potenziellen
Effekten in der natürlichen und sozialen Welt begreift, sondern lediglich als Ausdruck
einer sie verursachenden Qualität von Beziehungen, die es zu erfassen gilt. So sagt er,
man solle nicht einfach das Geschehen erfassen, sondern zur geistigen Haltung, die
darin zum Ausdruck komme, vordringen (“penetrating the mental attitude expressed
in them”, 1922:19). Es gelte, den „Ton“ der sozialen Interaktion zu erfassen. Diese
Art von Daten soll, so Malinowski, der Veranschaulichung des ethnographischen Befundes für den Leser, also gar nicht in erster Linie der ethnologischen Analyse dienen.
Mit der Thematisierung der „Imponderabilien des tatsächlichen Lebens“ weist Malinowski unseres Erachtens auf die besondere Stärke der Feldforschung hin – auf den
ethnographischen Zugang zu sozialer Realität durch die miterlebende und registrierende Teilnahme an sozialen Ereignissen. Bei der Bewertung der theoretischen Bedeutung
von konkret beobachtetem sozialem Handeln ist Malinowski jedoch einer idealisti6
In diesem Punkt unterscheidet sich Malinowskis also kaum von Radcliffe-Browns strukturfunktionalistischem Empirieverständnis. Letzterer hatte unter Ethnographie einen Bericht über die „Form
der Struktur“ verstanden und konkret beobachtbare Vorgänge als bloße Illustrationen abgetan (Radcliffe-Brown 1940:4).
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schen Wissenschaftstheorie verhaftet: Die beobachtbaren Ereignisse sieht er nicht als –
materielle oder symbolische – Handlungen mit Wirkungen auf die soziale Welt, sondern als Ausdruck bereits bestehender externer Prinzipien. Malinowski will mit seinen
Imponderabilien nicht eine von der sozialen Praxis ausgehende ethnologische Analyse
vorbereiten, er will sie vielmehr zu den für eine Kultur charakteristischen Formen des
Handelns synthetisieren (“certain small incidents, characteristic forms of taking food,
of conversing, of doing work”, 1922:20).
Methodologisch interessant an Malinowskis Imponderabilien des tatsächlichen Lebens ist unserer Ansicht nach aber gerade der privilegierte Zugang des Forschers zu den
existenziellen Dramen des sozialen Lebens, der durch ausgedehnte teilnehmende Beobachtung geschaffen wird. Neben dem Beobachten (observe) betont Malinowski dabei
ausdrücklich das Zuhören (listen) von Unterhaltungen. In seiner ethnographischen Arbeit wird deutlich, wie ihm diese Technik einen besonders engen Zugang zur Akteursperspektive der Trobriander ermöglicht hat. In The Sexual Life of the Savages berichtet
er z. B. über die Umstände, die ihm einen tieferen Einblick in die Heiratsbeziehungen
der Trobriander ermöglichte:
“On my second visit to Omarakana two years later, the girl came to the village once
more and took up her abode in the house of Isupwana, the adoptive mother of Ulo
Kadala, a stone’s throw from my tent. This second attempt at marriage lasted, I think,
for a day or two, while To’uluwa was making some not very energetic efforts towards
reconciliation. One afternoon the parents arrived from the neighbouring village,
and laid hold of the girl and unceremoniously carried her away. The procession
passed in front of my tent, the wailing girl led by her father and followed by vociferous partisans, who hurled abuse at each other. The girl’s people said quite explicitly what they thought of Ulo Kadala, of his laziness, his incapacity for doing
anything properly, and his well-known greed. ‘We do not want you, we shall not give
her any food.’ This argument clinched the refusal, and that was the last attempt
which the two young people made.” (Malinowski 1929: 87; Hervorhebungen
C. M. & N. Sch.)7
Adam Kuper hat Malinowsis ethnographische Berücksichtigung der beobachteten sozialen Praxis gegenüber abgefragten Informantenaussagen würdigend angesprochen (Kuper
1985:23); allerdings markiert erst der Aufsatz „Social Organization and Social Change“
7
Allerdings scheint es, als habe sich Malinowski bisweilen den Realitäten, die sich ihm und seinen
Aufnahmewerkzeugen geradezu aufdrängten, nicht ganz gewachsen gefühlt: “Two married people in
Oburaku frequently indulged in lengthy quarrels, to such a degree that the matter became a serious
nuisance to me and disturbed my field-work. As their hut was next door to my tent, I could hear all their
domestic differences – it almost made me forget that I was among savages and imagine myself back
among civilized people. Morovato, a reliable informant and friend of mine, was ordered about by his
wife and badly henpecked, and I could cite perhaps one more really unfortunate marriage in Sinaketa”
(Malinowski 1929:114; Hervorhebungen C. M. & N. Sch.).
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von Malinowskis Schüler Raymond Firth (1954) die Wende zu handlungs- und prozessorientierten Ansätzen, mit denen solche empirischen Daten nicht länger als Ausdruck
und damit Beleg von Kultur oder Sozialstruktur verstanden werden müssen.
Ansichten, Meinungen und Äußerungen
Einen dritten Typus von Datenerhebung kann man von dem eben dargestellten zweiten nur unterscheiden, wenn man Malinowskis Ontologie akzeptiert. Diese Daten sind
die natives’ views and opinions and utterances, die zusammen den spirit einer Kultur bilden (1922:22). Mit dieser Reihung, die Elemente unterschiedlicher Interpretationsebenen – Äußerungen (utterances) gegenüber Ansichten und Meinungen (views and
opinions) – in eine gemeinsame Kategorie fasst, zeigt sich einmal mehr, dass Malinowskis Empirieverständnis nicht strikt genug zwischen Konkretion und Abstraktion/Interpretation oder, anders gesagt, zwischen registrierten und rekonstruierenden Daten, unterscheidet. Seine Idee aber, die einheimische Kommentierung des sozialen Geschehens
– die, wenn nicht an den Ethnographen gerichtet, selbst Teil der sozialen Praxis ist –
verbatim und in Originalsprache aufzuzeichnen (“quote verbatim statements of crucial
importance”, 1922:23), ist ein wichtiges und zu wenig beachtetes Element im methodologischen Programm der Feldforschung. Insbesondere der Gedanke, dass registriertes Datenmaterial die wissenschaftliche Qualität eines authentischen „Fundstücks“ hat
und späteren Forschergenerationen alternative Interpretations- und Analysewege eröffnet, ist in der ethnographischen Praxis weitgehend verlorengegangen:
“This corpus inscriptionum Kiriwiniensium can be utilised, not only by myself, but
by all those who, through their better penetration and ability of interpreting them,
may find points which escape my attention, very much as the other corpora form
the basis for the various interpretations of ancient and prehistoric cultures; only,
these ethnographic inscriptions are all decipherable and clear, have been almost all
translated fully and unambiguously, and have been provided with native cross-commentaries or scholia obtained from living sources.” (Malinowski 1922:24)
Malinowski wollte mit seinem Entwurf der Feldforschung somit einen objektivistischen, an den Naturwissenschaften orientierten Standard der Datenerhebung in der
Ethnologie etablieren. Die Techniken des Beobachtens und Zuhörens waren für ihn
der Schlüssel dazu, und er insistierte, dass das Registrieren von sozialer Wirklichkeit
strikt von ihrer Interpretation zu trennen sei:
“I consider that only such ethnographic sources are of unquestionable scientific value, in which we can clearly draw the line between, on the one hand, the results of
direct observation and of native statements and interpretations, and on the other,
the inferences of the author, based on his common sense and psychological insight.” (Malinowski 1922:3).
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Von der klassischen zur neoklassischen Feldforschung8
Unsere Darstellung hat gezeigt, dass Malinowskis Feldforschungsprogramm diese Forderung in der Praxis nicht vollständig erfüllt hat.9 Die wissenschaftliche Debatte um
das Comtesche positivistische Modell sozialwissenschaftlicher Forschung hat gezeigt,
dass dies auch generell gar nicht möglich ist (hierzu Halfpenny 1982). Denn erstens
geschieht die Wahrnehmung der empirischen Welt grundsätzlich vermittels bestimmter nichtuniversaler Kategorien, die Teil eines Wissenssystems sind; aus diesem Grund
impliziert die Feststellung eines „Datums“ immer eine dem in der Welt „beobachteten“ Gegenstand nicht zugehörige, sondern ihm zugeschriebene Größe. Zweitens beschränkt sich eine sozialwissenschaftliche Analyse nicht auf die Beschreibung bloßer
Vorkommnisse in der Welt (z. B. einhundertsieben parallel und in gleichen Abständen
in den Boden geschlagene Holzpflöcke), sondern erhält ihren Wert erst durch eine Beschreibung mit den ihnen von den Akteuren zugeschriebenen Bedeutungen (z. B. ein
„Zaun“). Wenn Bedeutungen als Teile sozialer Prozesse ethnographisch berücksichtigt
und erfasst werden müssen, heißt das aber nicht, dass sie von den konkreten Situationen und Umständen ihres Gelebt-Werdens durch die Akteure abgelöst und als eigenständiger Korpus erhoben werden können.
Die meisten ethnologischen Theorien gehen aber davon aus, dass Bedeutungen ein
unabhängiges „Netz“, eine „Welt“, ein „System“, eine „Struktur“, einen „Text“, ein
„Modell“, ein „Wissen“ oder einen „Fundus“ bilden. Die Gesamtheit der Bedeutungen
einer Gesellschaft ist für sie gleichbedeutend mit ihrer Kultur und bildet damit den
8
So wie die neoklassizistische Kunst zahlreiche Anleihen bei der klassischen Kunst genommen hat,
nimmt das Konzept der neoklassischen Feldforschung Anleihen bei der klassischen Feldforschung, ohne jedoch deren Wissenschaftsauffassung zu übernehmen. Der Begriff ist intertextuell gemeint: als der
Versuch durch Zitierung Verweis- und Experimentierräume zu schaffen, ohne sich wissenschaftstheoretisch zu verpflichten. Die Wissenschaftstheorie der neoklassischen Feldforschung ist am (im philosophischen Sinne) pragmatischen Ansatz orientiert. Sie ist als eine Theorie (im Sinne Lyotards) gemeint,
die sich der Suche nach Wahrheit verpflichtet, ohne dabei vollends darauf zu vertrauen, dass ihr Finden auch möglich ist (vgl. zur Diskussion aus Sicht der Ethnologie Tyler 1987). Der hier dargestellte
Ansatz dient somit auch als Vorschlag, wie mit der „Krise der ethnographischen Repräsentation“
(Berg/Fuchs 1993) produktiv umgegangen werden kann. Während die Vorsilbe neo- in den Begriffen
„neoklassische Theorie“ und „neoklassische Soziologie“ (vgl. Burawoy 2001) die Hinwendung zu einem methodologischen Individualismus markiert, nutzen wir die Abgrenzung zum methodologischen
Kollektivismus, der als Holismus auch die klassische Feldforschung kennzeichnete, um für einen methodologischen Situationalismus zu plädieren.
9
Die malinowskische Feldforschung ist mittlerweile auch aus anderen Gründen in vielen Punkten zu
Recht kritisiert worden. Hier möchten wir nur sehr kurz die zwei wichtigsten Kritikpunkte ansprechen: Erstens wurde dem malinowskischen Funktionalismus eine ahistorische Herangehensweise und
damit verbundene Vernachlässigung historischen Wandels vorgeworfen. Zweitens und daraus abgeleitet wurde die Vorstellung der Homogenität und Autochthonie der untersuchten Gemeinschaft kritisiert. Beide Kritikpunkte sind mittlerweile durch neuere Forschungsmodelle, etwa der „multi-sited
ethnography“ von Marcus (zuletzt 2006), überwunden.
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Gegenstand – im ontologischen wie epistemologischen Sinne – der ethnologischen
Forschung. Der Fokus liegt damit auf einer ideellen Realität, die theoretisch entweder
als Anleitung zum beobachtbaren Tun (Kluckhohn/Kelly 1945; Goodenough 1956)
oder als Ausdruck einer beobachtbaren Handlung oder Gegebenheit (Geertz’ [1973]
Ethos) begriffen wird. Je nach dem, welchen Kulturbegriff der Forscher verwendet,
versucht er, die Sinnwelt einer Kultur abzufragen oder interpretierend aus beobachtbaren Vorkommnissen abzulesen.
Die mikroskopische Ethnographie sozialer Ereignisse als ethnologische Methode
Eine Alternative bieten die auf Schütz’ phänomenologischer Soziologie aufbauenden
Theorien der Ethnomethodologie und des Sozialkonstruktivismus, aber auch der Interaktionssoziologie und Konversationsanalyse (dazu Eberle 2000). In der Ethnologie finden sich verwandte Ansätze bei Vertretern der linguistischen Ethnologie (z. B. Duranti
1997), die mit dem Begriff einer dialogischen und pragmatischen Erzeugung sozialer
Wirklichkeit operieren, sowie, wenn auch aus anderen Motiven, bei den Vertretern der
Manchester-Schule und ihrer extended case study (vgl. dazu Evens/Handelman 2006). Im
Kern lautet ihre Antwort, dass der soziale Sinn nicht bereits irgendwo als Kultur vorhanden ist und nun in die soziale Interaktion eingespeist oder durch sie zum Ausdruck gebracht wird, sondern dass der Sinn erst in einer sozialen Situation und in Abhängigkeit
von deren Dynamiken durch Akteurshandlungen erzeugt wird. Die Akteure schaffen
Sinn, indem sie in der konkreten Interaktion bestimmte Dinge tun und sagen. Und sie
tun dies nicht um des Sinnes an sich willen, sondern um mit seiner Hilfe einen bestimmten Effekt in der sozialen Welt zu erzielen. Wenn beispielsweise ein Mann oder
eine Frau sagt: „Bauern dürfen keine Pferde besitzen“, dann bildet dieser Satz keine kulturelle Realität ab – im Sinne der so genannten Korrespondenztheorie von Wahrheit –
(da es auch überhaupt keine transzendentale Vorlage gibt, die abgebildet werden könnte), sondern dann ist dieser Satz vielmehr Teil einer sozialen Praxis, die darauf abzielt,
Bauern von Pferden oder dem Besitz von ihnen fern zu halten. Bedeutungen werden
demnach also in Situationen sozialer Interaktion erzeugt und von den Akteuren zur Gestaltung dieser Situationen benutzt. Symbole sind vieldeutig, bzw., besser gesagt, werden
von Akteuren je nach Intention und Umstand dazu benutzt, unterschiedliche und häufig
auch schwer festlegbare Bedeutungen zu kommunizieren (vgl. Strecker 1988). Nach einem solchen pragmatischen Verständnis von Bedeutung wäre es absurd, Bedeutungen
losgelöst von den konkreten Situationen und Umständen ihrer sozialen Instrumentalisierung festhalten und untersuchen zu wollen. Die methodische Konsequenz daraus lautet,
dass der Fokus der ethnologischen Untersuchung auf beobachtbare Vorkommnisse in
der Welt gerichtet sein muss, also auf Fälle und Situationen sozialer Interaktion, in denen durch kommunikative Aktion zugleich sozial gehandelt wird (z. B. Bauern vom Besitz von Pferden ausgeschlossen werden) und Bedeutungen geschaffen werden (z. B. Regeln und Symbolisierungen).
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Auch wenn die Vertreter der Manchester-Schule das sozialtheoretische Potenzial ihres Ansatzes noch nicht voll ausgeschöpft haben, so haben sie mit dem Begriff der Fallund Situationsanalyse die Untersuchungseinheit ethnologischer Forschung in einer
Weise neubestimmt, dass ein völlig anderer Blick auf das soziale Leben möglich wurde
(vgl. van Velsen 1967). In der Fallanalyse bezieht jede Einzelbeobachtung ihren Sinn
aus drei Ressourcen:
1. dem, was innerhalb des Ereignisses (E) vor und nach der Einzelbeobachtung (e)
beobachtet werden konnte (also a – d und f – i);
2. den Ereignissen, die dem untersuchten Ereignis (E) voran- (A – D) und nachgingen
(F – I);
3. dem allgemeinen Kontext, in dem das Ereignis stattfand (der streng genommen
identisch mit der Gesamtheit der dem Ereignis E historisch vorangegangenen
Ereignisse ist, da er in diesen erzeugt und reproduziert wurde).
Die ethnologische Untersuchung von Streitverhandlungen (etwa von Gulliver 1963
oder Nader 1969) als in Realzeit mitverfolgten Prozessen Normen manipulierender sozialer Interaktion ist der für diese Richtung paradigmatische Fall.
Unser Vorschlag ist es also, ebenso wie die Manchester-Schule methodologisch
nicht von einer transzendentalen sozialen Struktur oder einem Bedeutungssystem,
sondern von dem in Realzeit erfahrbaren sozialen Ereignis auszugehen. Der zentrale
Vorteil der Situations- und Fallanalyse ist, dass sie es erlaubt, in der empirischen Forschung Gesellschaft und Kultur als Prozess zu operationalisieren, und nicht mehr als
gegebene Einheit aufzufassen (wie es die Manchester-Schule allerdings noch getan
hat). D. h. die Untersuchung richtet sich nun nicht mehr auf scheinbar positive Tatsachen, in Wahrheit aber imaginierte Einheiten wie „eine Kultur“, „ein Dorf“, „eine
Ethnie“, „ein Bedeutungssystem“, sondern auf konkrete Ereignisse sozialer Interaktion im Rahmen von spezifischen Situationen, Fällen, Fallsequenzen.10 Sie bilden
die empirisch registrierbare Datenbasis, anhand derer sich soziale Prozesse studieren
lassen.
Bei der Erforschung von Ereignissen sollen soziologische Tatbestände nicht wie in
Durkheims (1961:115) berühmter Diktion, als objektive, den Menschen externe „Tatsachen“, sondern als in Interaktionen fortwährend hervorgebrachte Erzeugnisse, als
prozessuale Praxis gefasst werden. Diese Hervorbringung von Gesellschaftlichkeit in
der Interaktion gilt es mikroskopisch zu untersuchen, wie bereits Simmel ([1908]
1992:33) vor einhundert Jahren gefordert hat:
10
Auch wenn in der Literatur „Situation“ häufig gleichbedeutend verwendet wird, bevorzugen wir
den Begriff „Ereignis“. Als Situation gilt uns der durch Relationen gekennzeichnete Rahmen des
Ereignisses. Das Ereignis ist demgegenüber von Kausalitäten gekennzeichnet und daher im Gegensatz
zur Situation emergent.
Christian Meyer und Nikolaus Schareika: Neoklassische Feldforschung
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„[F]ortwährend knüpft sich und löst sich und knüpft sich von neuem die Vergesellschaftung unter den Menschen, ein ewiges Fließen und Pulsieren, das die Individuen verkettet, auch wo es nicht zu eigentlichen Organisationen aufsteigt. Hier
handelt es sich gleichsam um die mikroskopisch-molekularen Vorgänge innerhalb
des Menschenmaterials, die aber doch das wirkliche Geschehen sind, das sich zu
jenen makroskopischen, festen Einheiten erst zusammenkettet und hypostasiert.“
(zit. auch in Bergmann 2007:42; Hervorh. im Orig.)
Und weiter:
„Die großen Organe, in denen diese fundamentalen Lebensträger und ihre Wechselwirkungen sich zu makroskopisch wahrnehmbaren Sondergebilden und Leistungen zusammengefunden haben, würden den Zusammenhang des Lebens niemals
begreiflich gemacht haben, wenn nicht jene unzähligen, zwischen den kleinsten
Einheiten sich abspielenden Vorgänge, die von den makroskopischen gleichsam
erst zusammengefasst werden, sich als das eigentliche, fundamentale Leben enthüllt
hätten.“ (Simmel ([1908] 1992:34))
Gesellschaft entsteht aus den vielen molekularen interaktionalen Handlungen der
Menschen, so dass Formen, Muster und Regelhaftigkeiten der „Vergesellschaftung“
nur über eine mikroskopische Betrachtung dieser Vorgänge entdeckt werden können.
Soziales Leben in seiner kontingenten Serialität und nicht als Ausdruck von Kultur
Mit Ereignissen sind abgrenzbare, über Ursachen und Wirkungen definierte temporale
Einheiten gemeint, die stets kontingente Momente in sich bergen und daher als singulär aufzufassen sind. Das bedeutet, dass sie nicht grundsätzlich vorhersehbar, sondern
aus der konkreten Interaktionssituation heraus bedingt sind. Davidson (1985) sagt daher, Ereignisse sollten als Individualitäten (und damit nicht als Repräsentanten einer
transzendentalen Kategorienwelt) behandelt werden. Ihre Ursachen und Wirkungen
sind ihnen spezifisch und in ihrer Kombination nicht wiederholbar. Sie können aber
als historisch bedingte Momente sehr gut erforscht werden.
Ein Ereignis ist damit nicht ein Datum, das auf andere, ihm selbst äußerliche Realitäten (etwa generelle Machtsstrukturen einer Gesellschaft) verweist. Es ist vielmehr die
als Datum zu erfassende Realität, d. h. das Ereignis verkörpert, um ein Beispiel zu geben, Hierarchien in einer Gesellschaft, vielmehr, als sie zu repräsentieren. Dies bedeutet, dass ein Ereignis nicht eine indexikalische Spur, ein Epiphänomen von etwas tiefer,
darunter liegendem, der Struktur, dem Statischen, der Ideenwelt ist.
Mit dem Ereignisansatz sind die Ereignisse, an denen der Ethnograph in der Feldforschung teilnimmt, nicht mehr Vehikel zum Zugriff auf etwas drittes, Transzendentales (wie Kultur oder Sozialstruktur), sondern der Gegenstand der Forschung. Mit
Sally Falk Moore (1987) sind wir damit der Meinung, dass soziale Ereignisse als Aus-
92
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gangspunkte für das Verständnis sozialer Prozesse und der situativen Erschaffung und
Verwendung kultureller Bedingungen in einer Gesellschaft hervorragend geeignet sind.
Solche „diagnostic events“, wie Moore sie genannt hat, ermöglichen den empirischen
Zugriff auf eine nunmehr nur noch als Prozess verstandene Kultur und Gesellschaft
durch den Ethnologen. Gesellschaft wird allein als das sich tatsächliche (konkrete
und damit empirisch zugängliche) Vollziehen von Interaktion und sozialer Handlung
operationalisiert.
Wenn das beobachtbare soziale Leben nicht mehr als Ausdruck einer ihm zugrundeliegenden Struktur verstanden wird, muss es als durch ihm vorangegangene Ereignisse bedingt und ihm folgende Ereignisse bedingend gefasst werden. Empirisch sind
Strukturen nur in Form von sich wiederholenden Ereignissen zugänglich. Dies fassen
wir mit dem Begriff der Ereigniskette.
“[O]rdinary life is an endless succession of situations that have to be acted out to be
defined as social realities, and that constrain both actor and audience to take part in
the work of keeping up the impression of reality.” (Collins 2004:21)
Sicherlich sind nicht alle sozialen Ereignisse gleichermaßen interessant für die ethnologische Analyse. Welche Ereignisse in der Forschung als interessant gelten, wird in der
sozialwissenschaftlichen Theoriebildung unterschiedlich bewertet. Auf der einen Seite
studiert die ethnomethodologische Tradition auf der Basis alltäglicher sozialer Interaktionssituationen, wie mit großem interaktionalem Aufwand soziale Realität in ihrer
Normalität hergestellt wird. Auf der anderen Seite betonen die in der Tradition der
Manchester-Schule stehenden Arbeiten besonders den Konflikt und das soziale Drama
als privilegierte Objekte der Forschung.
Registrierende und rekonstruierende Verfahren
Die Anwesenheit des Forschers in der Untersuchungsgruppe als teilnehmender Beobachter kann als Teil zweier unterschiedlicher Methodologien angesehen werden: des registrierenden und des rekonstruierenden Verfahrens (vgl. dazu Bergmann 2007).
Datengrundlage rekonstruierender Verfahren sind Erklärungen von Informanten in
Interviews, der Inhalt von Dokumenten und die reflexive Aufzeichnung von Beobachtungen durch den Forscher in seinem Feldtagebuch. Diesen Daten ist gemeinsam, dass
sie den Forschungsgegenstand in bereits vorinterpretierter Form als Datum aufzeichnen, sei die Interpretation nun vom Forscher oder vom Einheimischen vorgenommen.
Allgemeiner gesagt impliziert dieses Verfahren darüber hinaus die Prämisse, dass es
überhaupt etwas gibt, das rekonstruiert werden kann, etwa Kultur oder Gesellschaft,
und den Gegenstand der Forschung bildet. Die Mitarbeit der Untersuchten als „Informanten“ oder „Forschungspartner“ wird von positivistischen und postmodernen
Ethnologen unterschiedlich bewertet, aber beide sind der Überzeugung, dass etwas
existiert, das sie mit Hilfe eines Dialogs zwischen Forscher und Erforschten rekonstruieren können.
Christian Meyer und Nikolaus Schareika: Neoklassische Feldforschung
93
Die zweite Methodologie, für die wir plädieren, sieht zuerst einmal ein die Daten
registrierendes Verfahren vor. Die Prämisse dieses Verfahrens lautet, es gibt das, was der
Forscher registrieren kann, also konkret beobachtbare Individuen in Zeit und Raum
und das, was sie tun und sagen (vgl. Collins 1987:195). Dies bildet den Gegenstand
der Forschung. Die Idee des Registrierens impliziert eine Idee der Zeugenschaft. Das
Ziel der Teilnahme während der Feldforschung ist es damit nicht primär, Gelegenheiten zum Dialog zwischen Forscher und Erforschten (etwa in Form des ethnographischen Interviews) zu schaffen, sondern den Forscher zum Zeugen sozialer Ereignisse
vor Ort werden zu lassen. Sie bilden die Datengrundlage der Forschung, die streng
von den Interpretationen des Ethnologen getrennt gehalten werden muss.11 Diese Methodologie privilegiert die Beobachtung und das Zuhören – wie bereits bei Malinowski
angedacht –, also das passive (heute allerdings technisch gestützte) Registrieren sinnlich wahrnehmbarer Realität, gegenüber der Rekonstruktion ideeller und struktureller
Realität durch den Dialog zwischen Forscher und Erforschten.
Ein registrierendes Verfahren zu befürworten bedeutet nicht, einem naiven Realismus das Wort zu reden. Erstens wird nicht der Anspruch erhoben, dass registrierte Daten die Realität sind oder uneingeschränkt abbilden. Daten werden mit Hilfe von Aufzeichnungsgeräten wie Audiorekorder, Foto- oder Filmkamera erfasst und dadurch
selektiert, reduziert und in eine spezielle Form gebracht. Aber die Selektionsprozesse
sind die Aufnahmeeigenschaften dieser Aufzeichnungsgeräte und lassen sich in entsprechenden Dokumentationen nachlesen und mit den aufgezeichneten Daten in Beziehung setzen. Dies verbessert die intersubjektive Überprüfbarkeit der Daten. Noch
wichtiger ist, dass registrierende Verfahren – wenn sie sich nicht auf die Beobachtung
des visuell sichtbaren Geschehens beschränken – einen sehr viel präziseren, besser
überprüfbaren und der Beschaffenheit des Untersuchungsgegenstandes adäquateren
Zugang zur Produktion von Sinn im sozialen Leben eröffnen als rekonstruierende Verfahren. Denn Bedeutungen werden nicht als Elemente des transzendentalen Paralleluniversums Kultur aufgenommen, sondern als in einen sozialen Prozess eingebettete
Instrumente des Handelns. Die Bedeutung einer Handlung (z. B. das Aussprechen
des Satzes: „Bauern dürfen keine Pferde besitzen“) kann mit ihr aus der Analyse des
Ereignisses, in dem diese Handlung stattfindet, heraus erschlossen werden.
Dass die Handlung aus dem Kontext genommen kein sozialwissenschaftlich verwertbares Datum ist, ist aber nicht nur eine Beschränkung, sondern vor allem eine
Chance: Das Ereignis bildet eine sequentielle Struktur aus aufeinander bezogenen
Handlungen. Jede einzelne dieser Handlungen lässt sich daher im Rahmen ihrer Bezie-
11
Registrierende, audio- oder videogestützte Verfahren sollen also der Erhebung einer wissenschaftlich nachvollziehbaren Datengrundlage dienen, während Interviews und der partizipatorische Aspekt
der teilnehmenden Beobachtung besonders der Herstellung einer der Akteursperspektive nahe kommenden Deutungskompetenz des Ethnologen (d. h. dem Erwerb von „Orientierungswissen“) dient (vgl.
dazu Elwert 2003).
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hung zu den anderen Handlungen interpretieren, die als das Ereignis ein gemeinsames
Ganzes bilden. Diese Interpretation haftet aber an der detaillierten registrierenden Aufnahme des Ereignisses und läßt sich – auch und vor allem von anderen Forschern –
zum Zwecke der Überprüfung immer wieder auf diese zurückbeziehen. Warum also
sollte der Ethnologe das Ereignis als Datum entwerten, indem er es in der Interviewsituation selbst herstellt, statt an den zahlreichen ohnehin vorhandenen Ereignissen vor
Ort registrierend teilzunehmen?12
Mit anderen Worten: Wir plädieren hier weder für einen methodologischen Individualismus, der die subjektiven Sinnwelten und Handlungsmotive von Individuen als
Ausgangspunkt gesellschaftlicher Prozesse wählt, noch für einen methodologischen
Kollektivismus, der das soziale Ganze an den Ursprung von individuellem Verhalten
setzt und für nicht aus diesem erklärbar hält. Vielmehr möchten wir dem beide integrierenden von Knorr-Cetina (1981:2, 7 – 15) so genannten „methodologischen Situationalismus“ folgen: Soziale Realität wird hier weder auf die (angenommenen) Intentionen handelnder Individuen, noch auf eine präsupponierte gesellschaftliche Struktur
zurückgeführt, sondern als emergentes und kontingentes, aus der „Situationslogik“ erwachsendes und von spezifischen einschränkenden Bedingungen gekennzeichnetes
Phänomen betrachtet (vgl. Heintz 2004). Collins (2004) plädiert daher dafür, nicht
das Individuum (und schon gar nicht das Kollektiv) als kleinste Untersuchungseinheit
der Sozialwissenschaft zu bestimmen, sondern die soziale Situation zu betrachten:
“A situation is not merely the result of the individual who comes into it, nor even
of a combination of individuals (. . .). Situations have laws and properties of their
own.” (Collins 2004:5)
12
Wir möchten in diesem Zusammenhang den problematischen Status von Interviewdaten herausstellen. Das Interview basiert weitgehend auf der Repräsentationstheorie von Sprache. Der Ethnologe
geht davon aus, dass der Informant im Verlauf des Interviews etwas über die für seine Kultur spezifische Ideenwelt preisgeben und damit zum Vermittler zwischen dieser Ideenwelt und den sich vermeintlich aus ihr entfaltenden empirischen Tatsachen werden kann. Damit ergeben sich gleich zwei
Probleme. Erstens bildet die Interviewsituation eine vom Ethnologen künstlich hergestellte Situation,
in der Ideen und Vorstellungen in einer für die untersuchte Gesellschaft nicht direkt relevanten Form
geäußert werden. Zweitens ist die Interviewsituation selbst eine Form sozialer Interaktion, in welcher
der Informant seine Rede gebraucht, um beim Ethnologen eine beabsichtigte Wirkung zu erzielen
(z. B. ihn zufriedenstellen, ihn loswerden, ihn überzeugen, ihm etwas erklären, ihn hinters Licht führen) (vgl. Briggs 1986, 2007). Das Interview ermittelt dadurch, wie wir an anderer Stelle gesagt haben,
zuviel und zuwenig Information zugleich (Meyer/Schareika 2009). Ein Zitat von Malinowski (1929:
176) verdeutlicht, dass die Informationen, die der Ethnograph im Interview erhält, als Sprechakt häufig direkt auf ihn zugeschnitten sind: “In answer to a direct question [über die ‚Geisterkinder‘ der Trobriander], the majority of informants said that they did not know what it was or what it looked like.
One or two, however, who, through their superior intelligence, had worked out their beliefs in greater
detail and with more consistency, said that it was like the foetus.”
Christian Meyer und Nikolaus Schareika: Neoklassische Feldforschung
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Das kontingente Ereignis erinnert freilich zum einen an die malinowskischen Imponderabilien des tatsächlichen Lebens, zum anderen auch an den Turnerschen Ansatz des sozialen Dramas (1974): Gesellschaftliche Prozesse zeichnen sich stets durch ein gewisses
Risiko aus, und soziale Ordnung ist etwas Fragiles, das unter großen interaktionalen
Mühen permanent moduliert und aufrechterhalten werden muss. Das soziale Ereignis
kann daher auf besonders vielversprechende Weise zum empirischen Ausgangspunkt
der ethnologischen Erforschung von gesellschaftlichen Strukturierungsprozessen gemacht werden.
Der kommunikative Charakter des sozialen Ereignisses
Wir haben bislang gesagt, dass wir der Beobachtung von ergebnisoffenen und im Verlauf nicht vorherbestimmten sozialen Ereignissen methodischen Vorrang gegenüber
der klassischen Vorgehensweise – d. h. der Zuordnung von Einzeldaten zu einem ordnenden ideellen System – einräumen. Ein wesentliches Merkmal von sozialen Ereignissen ist, dass sie, auch in Entsprechung zu den meisten aktuellen Sozialtheorien, in erster Linie kommunikativ sind. Wenn wir dies sagen, dann müssen wir zwei möglichen
Missverständnissen vorbeugen:
Erstens heißt dies nicht, dass sie nicht materiell sind. Ganz im Gegenteil: a) Kommunikation ist selbst ein materieller Vorgang (z. B. Erzeugen von Schall); b) kommunikative Vorgänge begleiten fast immer materielle Vorgänge (z. B. Überreichen eines
Gegenstandes) und geben ihnen dadurch Sinn; c) materielle Vorgänge werden in kommunikativen Handlungen dargestellt und dadurch mit weiterem Sinn ausgestattet.
Zweitens ist Kommunikation vor allem soziale Handlung und nicht etwa die Übermittlung von Information (ein erster Überblick bei Stemmer 1996). Seit dem linguistic
turn zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat die Sprachphilosophie festgestellt, dass Äußerungen nur kontextuell zu verstehen sind (ein häufig zitiertes auf Grice 1975 zurückgehendes Beispiel ist die Aussage: „es ist kalt hier“, die im einen Fall Beschreibung eines
Sachverhalts, im andern eine Aufforderung, Bitte oder ein Befehl sein kann, ein Fenster
zu schließen). Darüber hinaus stellen Äußerungen meistens, wenn nicht immer, Handlungen dar (Austin 1962; Beispiele sind der Schuldspruch eines Gerichts oder die
Eheschließung durch einen Priesterspruch). In neuerer Zeit richtet sich daher die wissenschaftliche Aufmerksamkeit darauf, wie Sprache verwendet wird, um soziale Wirkungen zu erzielen, d. h. wie die Kommunikation die Brücke zwischen dem individuellen
Akteur und seinen Intentionen und der Gesellschaft und deren einschränkenden Bedingungen bildet. Bourdieu (1990) z. B. hat vehement darauf hingewiesen, dass der Kommunikationsakt prinzipiell ein sozialer Akt ist, der Macht erzeugt und erhält (oder untergräbt). Denn das Vermögen, durch die Verwendung von Sprache soziale Effekte (z. B.
Distinktionsgewinne) zu erzielen, ist gesellschaftlich unterschiedlich verteilt.
Der Sprache oder, besser gesagt, dem Sprechen kommt somit bei einem wie dem
oben dargestellten, auf das Registrieren sozialer Ereignisse fokussierten Ansatz eine
96
Zeitschrift für Ethnologie 134 (2009)
ganz entscheidende Bedeutung zu. Denn das Besondere von im Ereigniskontext (d. h.
ohne Einwirkung des Forschers, passiv erhobenen) sprachlichen Daten ist, dass sie
Sinn nicht abbilden (wie im Interview), sondern ihn als soziale Handlung erzeugen.
Durch ihr Sprechen erzeugen und kommunizieren die Akteure die Bedeutungen, die
durch ihre serielle Verkettung das für sie relevante Ereignis ausmachen. An dieser Stelle bietet sich für den Ethnologen somit die einzigartige Möglichkeit, sozialen Sinn
und soziale Handlung zugleich im prozessualen Kontext zu erfassen. Die sprachliche
Äußerung, die ein Akteur A an Akteur B (und nicht, wie im Interview, an den Ethnologen) richtet, kann als Datum registriert und dann der Analyse und Interpretation
zugeführt werden. Der Interpretationskontext besteht aus dem Ereigniszusammenhang, in den die Äußerung unmittelbar eingebettet ist. Die Interpretation des Ethnologen muss sich also vor allem an dem messen lassen, was einer jeweiligen Äußerung
sequentiell vorausgeht und was ihr folgt. Nur vergangene Ereignisse bilden empirisch
gesehen den Kontext eines Ereignisses. Da Forschungskapazitäten jedoch beschränkt
sind, sehen wir derzeit keine andere Möglichkeit, als ihn unter Umständen mit den
Methoden interpretativer Sozialforschung zu ermitteln13 und heuristisch zwischen
den im Fokus der Untersuchung stehenden Ereignissen und Kontextfaktoren, die
selbst nicht in ihrer Ereignisform untersucht werden können, zu unterscheiden.14 Es
kann jedoch auch innerhalb der Ereignisse beobachtet werden, wie die Akteure in ihren Handlungen den Kontext deutlich machen, den sie für situativ relevant halten. In
der neo-klassischen Feldforschung wird Kontext (oder, anders gesagt, Makrovariablen) nicht als eine externe Umgebung der Interaktion, als deren externe Bedingungen
gefasst, sondern als etwas, das, sofern es akteursrelevant ist, von den Akteuren ständig
(re)konstruiert wird (vgl. Duranti/Goodwin 1992, darin besonders die Einleitung der
Herausgeber).
Die neoklassische Feldforschung versteht soziale Ereignisse somit grundsätzlich als
Interaktion zwischen empirisch beobachtbaren Akteuren und soziale Interaktion als zu
einem sehr großen Teil als kommunikative (und daher zu einem Gutteil sprachliche)
Praxis. Entsprechend schlagen wir vor, Moores (1987) oben zitierten Begriff des
13
Hierzu zählt an dieser Stelle selbstverständlich auch, dass z. B. im Interview erfragt wird, wie die
Akteure selbst ihre Handlungen (bzw. dessen Sinn) rekonstruieren. Da dies ebenso registriert wird wie
die Äußerung selbst, haben sowohl der Ethnologe als auch die wissenschaftliche Gemeinschaft eine
handfeste Grundlage zur Überprüfung einer jeweiligen Analyse. Das registrierte primäre Datenmaterial (und nicht nur das rekonstruktive) liegt vor und kann der wissenschaftlichen Gemeinschaft zur
kritischen Prüfung der eigenen Deutungshypothesen vorgelegt werden.
14
Eine ähnliche Taktik schlägt Burawoy (1998:15) vor: “We therefore move beyond social processes
to delineate the social forces that impress themselves on the ethnographic locale. These social forces
are the effects of other social processes that for the most part lie outside the realm of investigation.
Viewed as external to the observer these social forces can be studied with positive methods that
become the handmaidens of reflexive science.”
Christian Meyer und Nikolaus Schareika: Neoklassische Feldforschung
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„diagnostic event“ mit Hymes’ (1972:56) „speech event“15 zum „diagnostic speech
event“ zu verbinden. Soziale Ereignisse können als „diagnostische Sprechereignisse“ somit in besonders fruchtbarer Weise als empirische Datenbasis für ethnographische
Forschungen dienen. Der Ansatz, wie wir ihn hier vorschlagen, bezieht sich damit auf
Traditionen, welche über die Analyse von Sprechen in Interaktion zu Aussagen über
soziale Prozesse und ihre, um es mit Berger/Luckmann (1966) zu sagen, kulturellen
„Objektivationen“ kommen möchten. Dazu zählen v. a. die ethnomethodologische
Konversationsanalyse und einige Ansätze der amerikanischen Linguistic Anthropology,
eines in Deutschland unterrepräsentierten Faches, das zumeist etwas unglücklich Ethnolinguistik genannt wird. Sie haben ein detailliertes und elaboriertes Instrumentarium entwickelt, das es erlaubt, unterschiedlichste Aspekte von Kommunikation zu beschreiben und zu analysieren.
Schluss
Unser zentrales Anliegen ist es, ein nicht-idealistisches Verständnis von Kultur und Gesellschaft methodologisch zu operationalisieren. Denn eine der großen Herausforderungen für die derzeitige Ethnologie ebenso wie für alle anderen Sozial- und Kulturwissenschaften ist es, sich ein Jahrhundert nach dem „linguistic turn“ ebenfalls vom
Erbe des Platonismus zu lösen, der einen Dualismus zwischen Realität und Repräsentation derselben impliziert. Ethnographisch beschriebene „Kultur“ als Modell einer
sich aus ihr ableitenden sozialen Realität (Strukturen, Prinzipien, Muster, Ordnungen,
einheimische Bilder, Narrative) zu fassen, erscheint nach der „microsociological revolution“ (Alexander u. a. 1987) nicht mehr zeitgemäß. Im Gegenteil: Der Ethnologie eröffnet sich durch die Feldforschung eine privilegierte Gelegenheit, eine solche, bislang
fehlende Methodologie auszuarbeiten, weil sie dem teilnehmenden Beobachter das Soziale und das Kulturelle im Augenblick ihrer Realisierung offenbart.
Wenn die Dichotomie zwischen Realität und Repräsentation derselben aufgelöst
werden soll – etwa mit dem Ereignis als primärem ethnologischen Untersuchungsgegenstand – heißt das keineswegs, dass Symbole und Symbolisierungen keinen Platz in
der ethnologischen Theorie mehr erhalten sollen. Ganz im Gegenteil: Symbole und
Bedeutungen sollen als Teil des untersuchten sozialen Geschehens selbst, gar als dessen
definitorisches Merkmal angesehen werden; nicht aber als dessen kultureller Plan. In
der neoklassischen Feldforschung wird die Wirklichkeit erzeugende und verändernde
15
Der „speech event“-Ansatz ist, wie Duranti (1994:171) feststellt, besonders gut dafür geeignet, die
“mutually constitutive relationship between language and context” zu erfassen. Duranti ruft geradezu
dazu auf, in detaillierter Weise zu erforschen, wie Kontext sprachliche Handlung bedingt und Handlung wiederum Kontext erzeugt. Als Methode schlägt er (1994:167) die Nutzung von “audiotapes,
ethnographic fieldnotes, and video recordings of spontaneously occurring events” vor.
98
Zeitschrift für Ethnologie 134 (2009)
Kraft von Symbolen untersucht. Sie zeigt die Symbole da, wo sie ihre (soziale) Arbeit
tun. Mit anderen Worten: Neoklassische Feldforschung ist ein methodologischer Ansatz, der Untersuchungsverfahren privilegiert, die den Prozess der Verwendung von
Symbolen zur Erzeugung und Veränderung sozialer Wirklichkeit durch konkret beobachtete Akteure erfassen und der Analyse zugänglich machen. Vermieden werden
sollen Methoden, welche die bereits abstrahierten Repräsentationen dieser Wirklichkeit einfach nur abfragen.
Um Symbolisierungsprozesse nicht als Repräsentationen (d. h. als ex post facto
Akteursexegesen), sondern im Kontext von Akteurshandlung in der sozialen Arena zu
erfassen, wendet sich die neoklassische Feldforschung konkreten Ereignissen sozialer
Interaktion zu. Bei ihrer Erforschung kommt der teilnehmenden Beobachtung eine
zentrale Bedeutung zu. In der Literatur über diese wichtigste ethnographische Methode wurde ein Element allerdings bislang völlig übersehen, nämlich, dass der Ethnograph, um der Gefahr der Projektion von Sinn zu entgehen, nicht nur beobachten,
sondern vor allem und primär zuhören sollte. Hierzu ist die Aufnahme von natürlichem Diskurs zentral.16 Die im Rahmen der ethnologischen Feldforschung hauptsächlich verfolgten Methoden der Datenerhebung (wie z. B. Interview, Survey, Beobachtung) schöpfen das Erkenntnispotenzial, das sich dem Forscher durch die
Besonderheiten der Feldforschungssituation bietet, nicht aus. Um die in der ethnographischen Feldforschung vorhandenen methodologischen Stärken voll auszuspielen, erscheint uns eine erneute Orientierung der Ethnologie an der soziologischen Methodendiskussion sinnvoll. Eine solche ist deswegen wichtig, weil die (im Grunde genuin
ethnologischen) Methoden der Feldforschung und Ethnographie in der Soziologie vor
dem Hintergrund einer im weitesten Sinne prozessualen Sozialtheorie (hier insbesondere und am nachhaltigsten Garfinkels Ethnomethodologie) reflektiert und weiterentwickelt wurden. Die Ethnologie hat sich demgegenüber jedoch in den 1970er Jahren
methodologisch stark „soziologisiert“, indem sie in der Forschungspraxis als Methode
vor allen Dingen das Interview privilegiert hat. Wir möchten mit diesem Aufsatz den
Vorschlag dazu unterbreiten, wie Ethnologen durch den Re-Import ihrer ureigenen,
nun aber verfeinerten und auf eine neue epistemologische Ebene gehobenen Methoden
aus der Soziologie Kultur nicht mehr als Text, sondern als Praxis studieren können.
16
Dies haben wir an anderer Stelle komplementär zu Participant Observation als Participant Audition bezeichnet (Meyer/Schareika 2009). Dem methodischen Ansatz der Aufnahme von verbalen Interaktionen wird häufig vorgehalten, dass es prinzipiell gar nicht möglich sei, ein Ereignis in seiner natürlichen Verlaufsform zu beobachten, weil die Anwesenheit des Forschers genau diesen Verlauf
bereits beeinflusse und verändere. Unsere Erfahrung und die vieler weiterer linguistisch arbeitender
Ethnologen zeigen allerdings, daß man dieses als „Hawthorne-Effekt“ (Jones 1992) oder „Observer’s
Paradox“ (Cukor-Avila 2000) bekannte Problem auch nicht überwerten und schon gar nicht als Argument gegen die Aufnahme von Ereignissen verwenden sollte. Denn wenn bereits die bare Präsenz des
Forschers die Situation verzerrt, wie ist dies dann erst, wenn er Fragen stellt, an Interaktionen teilnimmt oder durch Beobachtungen Intentionalitäten für soziales Handeln rekonstruiert?
Christian Meyer und Nikolaus Schareika: Neoklassische Feldforschung
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Wir wählen bewusst keine soziologischen Metaphern zur Benennung dieser methodologischen Neuorientierung (wie etwa „qualitative Sozialforschung“), sondern den
Begriff der „neoklassischen Feldforschung“, weil wir dazu anregen möchten, die besonderen Möglichkeiten der klassischen ethnologischen Forschungsstrategie, der Feldforschung, für ein spezifisch ethnologisches Forschungsprogramm vor dem Hintergrund
aktueller Sozialtheorien erneut zu diskutieren.
Wir betrachten Ethnographie somit nicht als Sprechen des Ethnologen mit Informanten über soziale Wirklichkeit, sondern als die registrierende Erfassung tatsächlicher, insbesondere auch verbaler Interaktion zwischen gesellschaftlichen Akteuren. Da
Sprechen immer Handlung und Bedeutungsübermittlung zugleich ist, bietet die Aufnahme verbaler Interaktion unseres Erachtens einen privilegierten Zugang zu sozialer
Wirklichkeit. Sie erlaubt es, ethnologische Aussagen auf eine solide Datenbasis zu
stellen und für die wissenschaftliche Gemeinschaft nachvollziehbar zu machen. Dies
bedeutet nicht, dass auf andere Methoden vollständig verzichtet werden soll. Im Gegenteil: Wir plädieren ausdrücklich für eine umfassende, gegenstandsangemessene Anwendung des kompletten sozialwissenschaftlichen Methodenspektrums.
Während die holistische und emische Perspektive nach wie vor als besondere Tugenden der Feldforschung gelten, wird ihre Verortung in Raum und Zeit und die Frage ihrer Aussagekraft angesichts mangelnd abgesicherter Generalisierbarkeit häufig als
ihr Hauptmakel angesehen. Wir dagegen halten die Raum-Zeit-Gebundenheit des
mikroskopischen ethnographischen Berichts für die ganz besondere Chance und Stärke
der Ethnologie (vgl. Burawoy 1998). Die Feldforschung malinowskischer Prägung bietet grundsätzlich die Möglichkeit, soziales Leben als sich in seiner Komplexität vor den
Augen des Beobachters abspielendes realzeitliches Ereignis, als konkrete Interaktion
zwischen Akteuren, zu betrachten.
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