Vorwort Intelligente Klimakonzepte für den Betrieb von Gebäuden stellen heute für den Bauherrn sowohl aus ökologischen wie auch ökonomischen Gründen ein Muss des Entwurfs dar. Besonders bei repräsentativen Gebäuden und Gebäudeteilen aus Glas sind solche Konzepte erforderlich. Das vorliegende Buch über die Bauklimatik weckt das Verständnis für Zusammenhänge zwischen moderner Glasarchitektur und den resultierenden Klimaverhältnissen. Damit unterstützt es Architekten und Fachplaner in dem Bestreben, in einem Gebäude bereits durch seine Konstruktion einen möglichst guten Schutz gegen äußere Einflüsse – vor allem gegen sommerliche Überhitzung – zu erreichen. Insofern konzentriert es sich auf die passiven Maßnahmen wie Fassade, natürliche Lüftung, Speichermassen, etc. Dieser bauklimatische Ansatz beim architektonischen Entwurf berücksichtigt die Energieeinsparung, Gebäudetechnik und Behaglichkeit bis hin zur Wirtschaftlichkeitseinschätzung. Die Darstellung dieser Zusammenhänge und Wechselwirkungen soll Bauherren, Architekten und Fachplaner verbinden und unterstützt eine frühzeitige integrale Planung. Mein Dank gilt im besonderen Maße meiner Frau Martina sowie meinen beiden Söhnen Roland und Martin für die große Geduld, die mir von meiner Familie beim Verfassen des vorliegenden Buches entgegengebracht wurde. München im Juli 2002 Gunter Pültz INHALT 1 Seite Einführung 1 1.1 Mensch und Klima 1 1.2 Ökologische Klimakonzepte 3 1.3 Energiesparen durch aktive und passive Maßnahmen am Baukörper 4 1.4 Energieeinsparpotentiale 6 2 Bauklimatik 7 3 Fassade 8 3.1 Grundlagen 8 3.1.1 Funktionen und Anforderungen 3.1.2 Fassadentypen 10 3.1.3 Energierelevante Themen und korrespondierende Kennwerte 12 3.1.4 Strahlungsphysikalische Eigenschaften von Verglasungen 16 3.1.5 Strahlungsphysikalische Eigenschaften von Sonnenschutzsystemen 19 3.2 Verglasungen 8 22 3.2.1 Verglasungstypen 22 3.2.2 Energetische Kennwerte 23 3.2.3 Solarer Wärmeeintrag und Tageslicht 24 3.3 Sonnenschutzsysteme 28 3.3.1 Überblick 28 3.3.2 Verschattungssituation 28 3.3.3 Innensonnenschutz 30 3.3.4 Außensonnenschutz 36 3.3.5 Integrierter Sonnenschutz 50 3.3.6 Adaptive Verglasungen 63 4 Natürliche Lüftung 4.1 65 Grundlagen 65 4.1.1 Thermik 66 4.1.2 Wind 68 4.1.3 Grenzen der Fensterlüftung 70 4.2 Fensterlüftung bei Büroräumen 72 4.2.1 Einfluss der Fenster 73 4.2.2 Zulufttemperaturerwärmung 74 4.2.3 Rauminnenströmung 77 4.2.4 Querlüftung 78 4.3 Natürliche Lüftung von Glashallen 86 4.3.1 Einfluss der Lüftungsöffnungen 87 4.3.2 Überlagerung von Wind und Thermik 88 4.4 5 Vertikale Gebäudedurchlüftung Speichermassen 90 92 5.1 Speichermassen im Gebäude 92 5.2 Erdreich als Speichermasse 94 6 Erreichbare Klimaverhältnisse 6.1 Behaglichkeit 96 97 6.1.1 Thermische Behaglichkeit 6.1.2 Visuelle Behaglichkeit 102 6.1.3 Hygienische Behaglichkeit 102 6.1.4 Akustische Behaglichkeit 102 6.1.5 Elektromagnetische Umweltverträgllichkeit 103 6.2 6.2.1 98 Sommerlicher Wärmeschutz 104 Planungsprozess nach HOAI 105 6.2.2 Planungsleistung Bauklimatik 106 6.2.3 Klimakonzepte für Büroräume 107 6.2.4 Klimakonzepte für Glashallen 115 6.2.5 Thermische Schichtung 121 6.3 Winter 123 6.3.1 Büroräume 123 6.3.2 Glashallen 124 7 Wirtschaftlichkeit 127 7.1 Grundlagen 127 7.2 Klimakonzepte für Büroräume 129 7.3 Fassadenvergleich 132 1. Einführung 1.1 Mensch und Klima In der Geschichte des Lebens sind immer schon Naturkatastrophen teilweise apokalyptischen Ausmaßes, z.B. das Aussterben der Dinosaurier vor ca. 65 Mio. Jahren, aufgetreten. Bei differenzierterer Betrachtungsweise ist jedoch zu erkennen, dass in den letzten Jahrzehnten ein markanter Unterschied zu den früheren Jahrzehnten und Jahrhunderten festzustellen ist. Die Schadensstatistiken offenbaren nämlich einen eindeutigen Trend: Die Häufigkeit und Intensität brutaler Naturkatastrophen hat in den letzten Jahrzehnten immer mehr zugenommen und dieser Trend setzt sich ungebrochen fort. So wurde nach Angaben der Münchener Rückversicherungs AG, der weltweit führenden Rückversicherung, im Jahr 2000 ein neuer absoluter Rekord bei der Anzahl der Schadensereignisse erreicht: Weltweit wurden 850 Katastrophen registriert, was eine Steigerung von 100 Elementarschadensereignissen gegenüber dem bisherigen Rekordjahr 1999 bedeutet. Die zunehmende Häufigkeit der Naturkatastrophen äußert sich auch darin, dass deren Anzahl im Jahr 2000 um 200 oberhalb des Durchschnitt der 90er Jahre liegt 1) . Um einen ungefähren Eindruck davon zu bekommen, was passiert, wenn die entfesselten Naturgewalten die Menschheit heimsuchen, sind nachfolgend einige der heftigsten der in den letzten Jahrzehnten registrierten Naturkatastrophen aufgelistet 2) : • 1965 – 1967 sterben in Indien 1.500.000 Einwohner aufgrund einer mörderischen Dürre • 1970 fordert ein Zyklon 3) in Bangladesch 300.000 Menschenleben • 1972 – 1975 fallen in der Sahelzone/Äthiopien 250.000 Menschen einer Dürre zum Opfer • 1976 bebt in China die Erde und es sind 242.000 Tote zu beklagen • 1984/85 verlieren im Sudan/Tschad/Äthiopien mehr als 500.000 Menschen ihr Leben wegen einer Dürre • 1991 führt ein Zyklon in Bangladesch zu einer fürchterlichen Sturmflut, die 140.000 Opfer fordert • 1992 sterben in Somalia über 100.000 Menschen an den Folgen von Dürre und Krieg • 1997 wird Nordkorea erst von einer Überschwemmung und anschließend von einer Dürre heimgesucht, wodurch über 100.000 Einwohner ihr Leben lassen • 1999 fallen in der Türkei 20.000 Menschen heftigen Erdbeben zum Opfer 1) Quelle: Münchner Rückversicherung Quelle: Deutsches Komitee für Katastrophenvorsorge e.V. 3) Sehr starker Wirbelsturm 2) • 1999 werden in Venezuela 50.000 Menschen von einer Überschwemmung getötet Neben den aufgeführten Katastrophen mit sehr vielen Opfern sind auch eine Vielzahl von weiteren • Stürmen • Überschwemmungen • Hitzewellen • Dürren • Erdbeben • Feuersbrünste • Erdrutsche mit weniger Toten zu benennen, die jedoch z.T. erhebliche wirtschaftliche Schäden angerichtet haben. Einige davon haben erst in der jüngsten Vergangenheit stattgefunden und sind uns daher noch in guter (oder eher schlechten) Errinnerung: • 1999: Wintersturm Lothar in Mitteleuropa mit 9,1 Mrd. US $ Schaden • 13./20.10.2000: Erdrutsch in den schweizer und italienischen Alpen mit 8,5 Mrd. Schaden • Oktober/November 2000: Überschwemmungen in Großbritannien mit 1,5 Mrd. US $ Schaden 3) Im Anblick dieser Naturkatastrophen stellt sich die Frage, warum ausgerechnet in der Gegenwart diese Urgewalten der Natur so häufig so vernichtend zuschlagen. Diese äußerst heikle Frage lässt sich derzeit nicht mit letzter Sicherheit beantworten, jedoch sehen viele Wissenschaftler dieser Welt einen ursächlichen Zusammenhang dieser Naturkatastrophen mit dem sich verändernden Weltklima. So wird mittlerweile kaum mehr in Zweifel gezogen, dass die intensive Freisetzung von anthropogenem Kohlendioxid 4) in den letzten Jahrzehnten wesentlich zur Erwärmung der Erde beigetragen hat. Dieser komplexe Vorgang in der Troposphäre 5) ist bekannt unter der Bezeichnung „Treibhauseffekt“ und viele Klimaforscher sehen eine enge Verbindung zwischen der weltweiten Erwärmung und der zunehmenden Häufigkeit der Naturkatastrophen. Dies steht auch im Einklang mit der Tatsache, dass das abgelaufene Jahr 2000 das wärmste Jahr des Jahrhunderts war 6) . Neben dem Treibhauseffekt existieren jedoch noch eine Reihe weiterer Klimaphänomene, z.B. das „Ozon-Loch“, „El Nino“, usw., deren Entstehung und andauerndes Wachstum wahrscheinlich mit der vermehrten weltweiten Freisetzung von Treibhausgasen 7) zusammenhängt und die an der Entstehung der 4) Vom Menschen künstlich erzeugtes Kohlendioxid (z.B. durch Verbrennung von Öl, Kohle, Gas, Holz) 5) Die Luftschicht, die die Erde unmittelbar (bis in ca. 10 – 15 km Höhe) umgibt 6) Quelle: Münchner Rückversicherung 7) Neben Kohlendioxid: Methan, Distickstoffoxid, Schwefelhexafluorid, perfluorierte Kohlenwasserstoffe, u.v.m. 1 genannten Naturkatastrophen zumindest mit beteiligt sind. Erfreulicherweise hat sich die Einsicht, dass viele Naturkatastrophen von der Menschheit selbst verursacht werden, in jüngerer Vergangenheit bis in das Bewusstsein vieler verantwortlicher Politiker verbreitet. Diese Einsicht führte auf der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung (UNCED) im Jahre 1992 in Rio de Janeiro, an der 178 Staaten teilnahmen, zu der gemeinsamen Erkenntnis, dass ein dringender Handlungsbedarf zur Rettung der Erde gegeben ist, welcher in die Verabschiedung der Agenda 21 mündete. Die Agenda 21 manifestiert das Schutzbedürfnis der Natur und fordert die Menschheit weltweit zu einer nachhaltigen („sustainable“) Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen auf. Vereinfacht ausgedrückt kann man darunter folgende Zielvorgaben für die weitere Entwicklung der Weltgemeinschaft verstehen: • Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen, • Ermöglichung von wirtschaftlichem Wohlstand und • Erzielen von sozialer Gerechtigkeit. Dabei ist die Agenda 21 als ein Prozess zu verstehen, der sich allmählich in allen Gesellschaften von innen heraus durchsetzen soll. Dies äußert sich darin, dass die Agenda 21 in europäischen, nationalen, regionalen und sogar kommunalen Aktionsprogrammen zur Umsetzung o.g. Zielsetzungen münden soll, wobei natürlich die örtlichen Besonderheiten und lokale Gegebenheiten mit einfließen sollen. Eine weitere Auswirkung der überfälligen Einsicht in den derzeitigen Raubbau an der Natur ist in den seit 1995 stattfindenden Weltklimakonferenzen zu sehen, welche sicherlich auch von der Agenda 21 mit initiiert wurden. Erstaunlicherweise konnten sich die Teilnahmeländer auf dem Weltklimagipfel 1997 im japanischen Kyoto nach heftigen Auseinandersetzungen auf die Verabschiedung eines Klimaschutzprotokolls einigen, welches die wichtigsten Industrieländer der Welt erstmals rechtsverbindlich verpflichtete, die Freisetzung bestimmter Treibhausgase national und weltweit zu reduzieren. Im Rahmen dieser Vereinbarung verpflichtete sich die Bundesrepublik Deutschland, die CO 2 -Emissionen 8) bis zum Jahre 2005 um 25 % (bezogen auf das Referenzjahr 1990) zu reduzieren. Um dieses hochgesteckte Ziel zu erreichen, sind in allen relevanten Bereichen intensive Anstrengungen zur Reduzierung des Schadstoffausstosses erforderlich. Geht man davon aus, dass sich die jährlichen CO 2 Emissionen in Deutschland in etwa zu je 1/3 auf Verkehr, Industrie und Gebäude verteilen, so sind folgende Entwicklungen als logische Konsequenz zu betrachten: • Autos, die nur noch 3 Liter Treibstoff pro 100 km verbrauchen • Hocheffiziente Energiegewinnung mit sehr hohem Wirkungsgrad (Kraft-WärmeKopplung) und/oder Nutzung regenerativer Energien (Wasser, Wind, Biomasse, Sonne, etc.) • Optimierte Bauweise und ökologische Klimakonzepte, die einen energiesparenden Betrieb ermöglichen Die Umsetzung dieses national formulierten Zieles zur Reduzierung der CO 2 -Emissionen – welches ausdrücklich von Bundeskanzler Schröder am 13. November 2000 auf der sechsten Klimaschutzkonferenz in Den Haag bekräftigt wurde - äußert sich unter anderem auch in der Verschärfung der ehemals gültigen Wärmeschutzverordnung vom 16. August 1994 und der gleichzeitigen Verschmelzung mit der Heizungsanlagen-Verordnung vom 4. Mai 1998 zur Energieeinsparverordnung (EnEV). Sie macht die Zusammenarbeit zwischen Ingenieuren und Architekten im Sinne einer integralen Planung durch entsprechend verschärfte Anforderungen an den Energieverbrauch von Gebäuden unerlässlich. Die EnEV ist am 1. Februar 2002 in Kraft getreten und ersetzt die alte Wärmeschutz- und Heizungsanlagen-Verordnung. Die aufgeführten Beispiele belegen, dass sich die von der Agenda 21 mit angestoßene Entwicklung hin zum nachhaltigen Wirtschaften und zum schonenden Umgang mit den natürlichen Ressourcen immer weiter verbreitet. Aus diesem Bewusstsein und der Verantwortung gegenüber kommenden Generationen heraus hat sich in jüngerer Vergangenheit auch in der Bundesrepublik Deutschland ein gesellschaftlicher Konsens bezüglich der Sinnhaftigkeit und der dringenden Erfordernis zum Energiesparen herausgebildet. Dies äußert sich hierzulande - und zunehmend auch in den europäischen Nachbarländern - in der permanent steigenden Nachfrage nach ökologischen und intelligenten Klimakonzepten für den Betrieb von Gebäuden. 8) Freisetzung von anthropogenem Kohlendioxid (CO 2 ) in die Atmosphäre 2 1.2 Ökologische Klimakonzepte Der Begriff „ökologisches Klimakonzept“ wird im Rahmen des Planungsprozesses von Gebäuden leider für sehr unterschiedliche Inhalte benutzt; im vorliegenden Buch ist ein „ökologisches Klimakonzept“ dadurch charakterisiert, dass ein Gebäude bereits durch seine optimierte Bauweise in Kombination mit einer intelligenten Nutzung des Umweltangebots (Sonne, Licht, Luft, Speichermassen, thermische Pufferzonen, etc.) nur einen geringen – und im besten Fall gar keinen – Bedarf an technischen Anlagen für den Betrieb des Gebäudes aufweist und dennoch zufriedenstellende Klimaverhältnisse im Sommer und Winter anbietet. Der ökologische Aspekt manifestiert sich daher in der Minimierung des für den Betrieb des Gebäudes erforderlichen Technikeinsatzes; denn die beste Energieeinsparung ist in derjenigen Energie zu sehen, die gar nicht erst verbraucht wird. Allerdings lassen sich ökologische Klimakonzepte (im folgenden auch kurz Öko-Konzepte genannt) aufgrund der vielfältigen Wechselwirkungen nur in enger Zusammenarbeit zwischen den Planungsbeteiligten entwickeln, was sich in der vielfach verwendeten Begrifflichkeit „Integrales Planen“ widerspiegelt. Die Sinnhaftigkeit eines ökologischen Klimakonzepts ergibt sich neben der eingangs ausführlich erläuterten gesellschaftlichen Verantwortung gegenüber zukünftigen Generationen auch ganz banal durch ökonomische Aspekte; denn mit Hilfe von Öko-Konzepten lassen sich durch intelligente Nutzung der o.g. Umweltressourcen erhebliche Einsparungen sowohl bei den Investitions- (kleinere gebäudetechnische Anlagen) wie auch bei den Betriebskosten (kürzere Laufzeiten der Lüftung, weniger Heizung, weniger Kühlung, etc.) eines Gebäudes erzielen. Allerdings darf dabei die Wechselwirkung von Ökonomie und Ökologie nicht außer Acht gelassen, sondern es sollte ein Gleichgewicht angestrebt werden. Denn singuläre Extrema sind möglich, aber wenig sinnvoll. So ist es mit den heute verfügbaren Materialien und Techniken durchaus möglich, ein Null-Energiehaus zu errichten. Dieses ist jedoch aufgrund der sehr hohen Investitionskosten derzeit als ganz normales Gebäude noch viel zu teuer. Das Optimum liegt – wie immer – in der goldenen Mitte (z.B. Niedrigenergiehaus). 3 1.3 Energiesparen durch aktive und passive Maßnahmen am Baukörper Die Historie der Wärmeschutzverordnung, deren Ursprung auf den Ölpreisschock 1974 zurückzuführen ist, zeigt recht deutlich die Entwicklung des „Energiesparens“ an sich. So wurde zu Beginn dieser Entwicklung in weiten Kreisen der Gesellschaft unter Energiesparen das Sparen von Ölerzeugnissen wie Heizöl und Benzin verstanden. Leider ist dieses Verständnis von Energiesparen teilweise heute noch anzutreffen, obwohl Energiesparen im eigentlichen Sinne noch wesentlich weiter zu fassen ist. Der Blick sollte daher auf alle Bereiche des täglichen Lebens gerichtet sein, die einen merklichen Anteil zum gesamten Energieverbrauch beitragen (z.B. Verkehr, industrielle Produktion, Bau und Betrieb von Gebäuden, etc.). Allen Bereichen ist gemeinsam, daß eine erhebliche Energieeinsparung durch die Reduzierung des Energiebedarfs bzw. des Energieverbrauchs erzielt werden kann. Somit stellt sich die Bedarfs- bzw. Verbrauchsminimierung als eine wesentliche Energiequelle der Zukunft dar. Diese Tatsache wurde bereits in den 70er Jahren erkannt, als unter dem Aspekt der Treibstoffeinsparung autofreie Sonntage veranstaltet wurden. Im Bauwesen manifestiert sich dieser Grundgedanke darin, daß ein Gebäude durch eine optimierte Bauweise und intelligente Betriebsweise seinen für den Betrieb erforderlichen Energiebedarf minimiert und im besten Fall sogar auf Technik ganz verzichtet werden kann. In diesem Zusammenhang sind bei Energieeinsparungen am Baukörper prinzipiell zwischen aktiven und passiven Maßnahmen zu unterscheiden. Wie in Abbildung 1 dargestellt, sind unter „aktiven Maßnahmen“ dabei alle Maßnahmen zu verstehen, die sich auf technische Anlagen beziehen und somit ihren Schwerpunkt bei der Energieversorgung bzw. bei der Optimierung der Energiebereitstellung aufweisen. So kann der Energieverbrauch der verschiedenen technischen Anlagen z.B. durch höhere Wirkungsgrade, geringere Luftmengen, Nutzung der Verdunstungswärme, zonale Beleuchtung, Kraft-WärmeKopplung, Einsatz alternativer Energieträger, etc. minimiert werden. Allen aufgeführten Beispielen von aktiven Maßnahmen ist gemeinsam, daß ein durch das Gebäude vorgegebener Energiebedarf gedeckt werden muß. Der primäre Ansatz zum Energiesparen sollte daher zuallererst in der Minimierung des Energiebedarfs selbst liegen und somit der optimalen Deckung des Energiebedarfs vorgeschaltet sein. Folglich sind alle Maßnahmen, die der Reduzierung des Energiebedarfs dienen, als „passive Maßnahmen“ zu verstehen (siehe Abbildung 1). Diese sich auf die Ausbildung des Baukörpers selbst beziehenden Maßnahmen sind das zentrale Arbeitsgebiet der „Bauklimatik“. Das relativ junge Arbeitsgebiet, dass seine Ursprünge in der Schweiz hat, befasst sich detailliert mit den Rückwirkungen der einzelnen Gebäudeelemente (z.B. Fassade, Struktur, Orientierung, Speichermassen, Fensterlüftung, etc.) auf die Klimaverhältnisse im Gebäudeinneren. 4 Die Bauklimatik ist eng mit der Architektur verbunden, da die Architektur bereits mit der Gebäudestruktur festlegt, ob und wieviel Speichermassen zur Dämpfung der sommerlichen Temperaturentwicklung in den jeweiligen Räumen zur Verfügung steht. Darüber hinaus hängt es von der Gebäudestruktur ab, ob thermische Pufferzonen (z.B. Wintergärten, Glashallen, doppelschalige Fassaden, etc.) ausgebildet werden können und in welchen Gebäudebereichen Fensterlüftung möglich ist. Der Gebäudehülle als Grenze zwischen Innen- und Außenraum kommt eine enorme Bedeutung im Hinblick auf eine Reduzierung des Energiebedarfs zu. Denn die Fassade definiert letztlich, inwieweit das natürliche Umweltangebot (Außenraum mit Sonne, Licht, Luft, Wasser, Bäumen und Pflanzen, etc.) zur Nutzung herangezogen werden kann. Darüber hinaus hängen auch die winterlichen Wärmeverluste und somit der Heizenergieverbrauch ganz wesentlich von der Qualität der Fassade ab. Da ein Gebäude üblicherweise nicht als Selbstzweck, sondern für eine bestimmte Funktion errichtet wird, weist die Nutzung des Gebäudes und die daraus abzuleitenden Anforderungen an die Klimaverhältnisse in den Räumen ebenfalls einen ganz wesentlichen Einfluß auf den Energieverbrauch auf. So weist z.B. ein Raum, dessen Temperaturen sich in gewissen Grenzen mit der Außenlufttemperatur mit verändern darf (in vielen europäischen Ländern durchaus üblich), einen wesentlich niedrigeren Energieverbrauch auf als ein Raum, dessen Innentemperaturen immer auf demselben Niveau gehalten wird (in den USA und Japan üblich). Darüber hinaus wirken sich oftmals auch finanzielle Aspekte (z.B. Begrenzung der Investitionskosten) auf die energetische Qualität des Gebäudes und somit auf den Energieverbrauch aus. 5 1.4 Energieeinsparpotentiale Zu Beginn der Entwicklung eines energiesparenden Konzepts sollte sinnvollerweise eine Analyse der Energieverbräuche durchgeführt werden, um die optimalen Ansatzpunkte zu finden. Denn aus historischen Gründen wird auch heute noch häufig die Meinung vertreten, daß Energiesparen gleichzusetzen ist mit einem reduzierten Heizwärmeverbrauch. Wie in Kap. 1.3 erläutert, ist diese Meinung größtenteils auf den Ölpreisschock in den 70er Jahren und die daraus hervorgegangene Wärmeschutzverordnung zurückzuführen. Die ersten Fassungen der Wärmeschutzverordnung konzentrierten sich daher auf die Reduzierung der winterlichen Wärmeverluste durch eine Verbesserung der Wärmedämmeigenschaften von Neubauten. Dies hatte in den letzten Jahrzehnten zur Folge, daß der Einsatz von hochdämmenden Fassaden selbstverständlich wurde. Ungefähr zeitgleich brachte der Beginn des „Informationszeitalters“ einen intensiven Einsatz von elektronischen Geräten (Computer, Drucker, Telekommunikation, Multimedia, etc.) mit sich. Bekanntermaßen geben alle elektronischen Geräte im Betrieb Wärme ab, was in einer erhöhten Wärmefreisetzung in den Räumen resultiert. Diese beiden parallel ablaufenden Entwicklungen führten dazu, daß heutzutage aufgrund der hochdämmenden Fassaden und der erhöhten inneren Wärmeabgaben durch EDV in manchen gewerblichen Neubauten nur noch sehr wenig - z.T. sogar gar keine - Heizenergie in der kalten Jahreszeit benötigt wird. Die größeren Potentiale zum Energieeinsparen sind daher - zumindest in Gewerbebauten – häufig eben nicht mehr in der Minimierung des Heizenergiebedarfs zu sehen. Denn die Analyse des Energieverbrauchs von modernen Gebäuden zeigt, daß nur noch ein geringer Anteil für das winterliche Heizen aufgewendet wird. Die wesentlichen Energieeinsparpotentiale liegen statt dessen in der sommerlichen Kühlung, der Lüftung der Räume und der Belichtung der Räume. Dieser Zusammenhang wird im folgenden exemplarisch für ein Atrium mit Glasdach, welches angrenzende Büroräume aufweist, im Detail erläutert. Hierzu ist in Abb. 2 zunächst das exemplarisch untersuchte Atrium dargestellt. Das Atrium und die angrenzenden Büros werden ganzjährig genutzt und daher mechanisch gelüftet, beheizt und gekühlt. In Abbildung 3 ist hierzu der für den Betrieb des Atriums und der Büros erforderliche spezifische, jährliche Energieverbrauch (auf Basis einer konventionellen Energieerzeugung) dargestellt. Wie darin zu erkennen ist, wird jeweils etwa doppelt so viel Primärenergie für das Kühlen und die mechanische Lüftung (Strom für die Ventilatoren) aufgewendet als für die Beheizung des Atriums. Darüber hinaus wird ca. ¼ der gesamten Energie für die künstliche Beleuchtung – insbesonders der an die Glashalle angrenzenden Büroräume – ver40% 30% 30% 30% 25% 20% 15% 10% 0% Wärme/Heizung Abb. 3: Kälte/Kühlung Strom/Ventilatoren Strom/Beleuchtung Spezifischer jährlicher Energieverbrauch des Atriums und der angrenzenden Büroräume braucht. Abb. 3 ist unschwer zu entnehmen, daß die größten Energieeinsparungen zum einen durch die Begrenzung der erforderlichen Kühlung im Sommer (Optimierung des Glasdachs im Hinblick auf eine Minimierung des solaren Wärmeeintrags und Einsatz von Speichermassen zur Dämpfung der sommerlichen Temperaturentwicklung) und zum anderen mittels Fensterlüftung (ausgeschaltete mechanische Lüftungsanlage) zu erreichen sind. Darüber hinaus ist eine gute Tagesbelichtung insbesonders der angrenzenden Büros von großer Bedeutung für den Stromverbrauch des Gebäudes. Dieses exemplarische Ergebnis kann durchaus als Trend für moderne Glasarchitektur interpretiert werden, so daß der primäre Ansatz für Energieeinsparungen sinnvollerweise der sommerliche Kühlfall, die Lüftung und Tageslicht sein sollten. 6 In diesem Zusammenhang sei nochmals auf die seit dem 1. Februar 2002 gültige Energieeinsparverordnung (EnEV) verwiesen. Denn diese fordert zwar eine Begrenzung des Jahresprimärenergiebedarfs für Gebäude. Allerdings wird bei der Ermittlung des Primärenergieverbrauchs nur die Heizung und die mechanische Lüftung des Gebäudes berücksichtigt. Unverständlicherweise wird die äußerst energieintensive Kühlung von Gebäude bisher nicht berücksichtigt. Dieser fundamentale Kritikpunkt an der – eigentlich in die richtige Richtung gehenden EnEV ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass die vorhergehenden Wärmeschutzverordnungen ursprünglich im wesentlichen auf Wohngebäude zielten. Darüber hinaus muss wohl davon ausgegangen werden, dass in diesem Zusammenhang mächtige industrielle Interessen berührt werden. Es bleibt nur zu hoffen, dass dieses Manko bei der nächsten Novellierung der EnEV vom Gesetzgeber beseitigt wird. 2. Bauklimatik Die Bauklimatik ist ein junges, innovatives Arbeitsgebiet, dessen Ursprung in die Schweiz Ende der 50er Jahre zurückzuführen ist. Es konzentriert sich auf die Bestrebungen, ein Gebäude derart auszubilden, dass es allein durch seine Konstruktion einen ausreichenden Schutz gegen äußere Einflüsse bietet – besonders gegen die sommerliche Überhitzung bei modernen, großflächig verglasten Bauten. Da somit das Gebäude selbst den zentralen Schwerpunkt der Bauklimatik darstellt, kann man diese mit anderen Worten auch als energetische Seite der Architektur auffassen. Es liegt auf der Hand, dass damit die passiven Maßnahmen am Baukörper (z.B. Fassade, Speichermassen, Fensterlüftung, etc., vgl. Kap. 1.3) die wichtigsten Bestandteile des Arbeitsgebiets Bauklimatik bilden. Wie bereits in Kap. 1.3 angedeutet, dienen die passiven Maßnahmen generell dazu, den Energiebedarf eines Gebäudes durch eine intelligente Bauund Betriebsweise zu minimieren und somit die Umweltressourcen zu schonen. Im Hinblick auf die Agenda 21, die ein nachhaltiges Bauen fordert, sollten daher bei jeder Baumaßnahme zunächst die passiven Maßnahmen optimiert werden. Diese mit Hilfe der Bauklimatik durchzuführende Optimierung des Baukörpers selbst ist nicht nur im Sinne von Energieeinsparung zielführend, wie in Kapitel 1.4 für hochwertige und großflächig verglaste Innenräume, die mechanisch gelüftet und gekühlt werden, exemplarisch aufgezeigt wurde. Sie ist auch sehr empfehlenswert für Bauvorhaben mit einem strikten Kostenrahmen, bei denen aus finanziellen Gründen (Investitionskosten) auf jeglichen Technikeinsatz verzichtet wird. Denn bei derartigen Bauvorhaben (oftmals Bauvorhaben der öffentlichen Hand) muss im Hinblick auf sommerliche Überhitzungserscheinungen sehr auf ein vernünftiges Klimakonzept geachtet werden. Dabei kommt wiederum den passiven Maßnahmen als einzig verfügbare Bausteine des Klimakonzepts eine zentrale Bedeutung zu. Diese sollten in Zusammenarbeit mit dem Spezialisten der Bauklimatik optimal kombiniert werden, um trotz des Verzichts auf Technik akzeptable sommerliche Klimaverhältnisse zu erreichen. Wie die Ausführungen in Kapitel 1.4. zeigen, bieten derzeit in der Regel die Fassadenausbildung und die Nutzung der Fensterlüftung die Ansatzpunkte mit den größten Energieeinsparpotentialen. Dies sollte jedoch für jedes Bauvorhaben – insbesondere im Kontext mit der vorgesehen Nutzung – spezifisch geprüft werden. Denn gelegentlich führen besondere Umstände zu abweichenden Ergebnissen; so kann z.B. die Fensterlüftung nicht immer eingesetzt werden (z.B. bei einem Atrium ohne Verbindung nach außen oder bei sehr hohen Ansprüchen an das Raumklima, wie z.B. Museen, Archive, etc., welche einen genau definierten Raumzustand (Lufttemperatur, relative Luftfeuchte, etc.) für die beschädigungsfreie Aufbewahrung des historischen Ausstellungsguts erfordern). Insofern können gelegentlich andere passive Maßnahmen sinnvoller sein. Da bei der Mehrzahl der Bauvorhaben die Fassade – und hierbei speziell der transparente Bereich – und die Fensterlüftung im Vordergrund stehen, wird in den nachfolgenden beiden Kapiteln ausführlich auf diese beiden dominierenden passiven Maßnahmen eingegangen. Anschließend werden auch die Speichermassen als wichtige passive Maßnahme kurz behandelt. Abschließend wird als wesentliches Entscheidungskriterium bezüglich der Ökokonzepte dargestellt, wie die mit Hilfe passiver Maßnahmen zu erreichenden sommerlichen Klimaverhältnisse anhand der thermischen Behaglichkeit bewertet werden können. Im engen Zusammenhang damit werden auch die Grenzen der passiven Maßnahmen aufgezeigt. Danach wird im letzten Kapitel kurz auf wirtschaftliche Aspekte im Zusammenhang mit Klimakonzepten eingegangen. 7 3. Fassade 3.1 Grundlagen 3.1.1 Funktionen und Anforderungen Die Fassade stellt als Bindeglied zwischen dem Gebäude und der Außenwelt zunächst einen ganz wesentlichen Einflussparameter auf die Gestaltung dar. Darüber hinaus ist sie jedoch auch im Hinblick auf die Energieströme und sonstiger Wechselwirkungen zwischen innen und außen von maßgeblicher Bedeutung. Im folgenden werden sich die Betrachtungen im Hinblick auf das Thema des Buches auf solche Beurteilungskriterien konzentrieren, die im engen Zusammenhang mit Energieeinsparungen bzw. Gebäudetechnik eine bedeutende Rolle spielen. Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass Anforderungen an die Fassade aus verschiedenen technischen Funktionen (z.B. Statik, Akustik, Brandschutz, Feuchte, Radartechnik, etc.) resultieren und berücksichtigt werden müssen; insbesondere die Wechselwirkungen sind von höchster Bedeutung (z.B. Schallschutz und Fensterlüftung, siehe Abb. 4) und erfordern daher zwingend eine integrale Betrachtungsweise. Um einen ersten Eindruck dieses komplexen Spannungsfeldes bei der Fassadengestaltung zu erhalten, sind in Abbildung 4 am Beispiel einer doppelschaligen Fassade einige wesentliche Einflussfaktoren bzw. Funktionen aufgezeigt. Neben den gestalterischen Anforderungen – die Fassade definiert das äußere Erscheinungsbild des Gebäudes – sind es vor allem die technischen Anforderungen, denen sie Genüge leisten muß. Sie soll derart ausgebildet sein, dass • im Sommer eine Überhitzung der Räume vermieden wird, 8 • • • • • • • über öffenbare Fenster natürlich gelüftet wird, der Sonnenschutz vor Wind und Wetter geschützt ist, ausreichend Tageslicht in den Raum einfällt, im Winter möglichst viel Sonne eingefangen wird, ein ausreichender Schutz gegen Außenlärm erreicht wird, Brandüberschlag vermieden wird und auch ökonomischen Aspekten Rechnung getragen wird. Darüber hinaus wird die optimale Fassadengestaltung erschwert, indem einige der aufgeführten Zielsetzungen starke Wechselwirkungen aufweisen und sich sogar entgegenwirken. So ist der Schutz gegen Außenlärm schwierig zu erreichen, wenn große Fensterflächen zu Lüftungszwecken offenstehen; ebenso wenn großflächige Verglasungen im Winter hohe solare Wärmegewinne ermöglichen, im Sommer aber zu einer starken Überhitzung führen; oder wenn für die Begrenzung des solaren Wärmeeintrags ein möglichst dichter Sonnenschutz gewählt wird, der jedoch so wenig Tageslicht in die Räume hineinlässt, dass darin die künstliche Beleuchtung eingeschaltet werden muss. Diese Beispiele (und es gibt noch viele weitere davon) zeigen bereits, dass eine optimale Fassadenausbildung eine Vielzahl von sich zum Teil widersprechenden Anforderungen unter einen Hut bringen muss, und somit immer einen bestmöglichen Kompromiss zwischen den einzelnen Bereichen bedeutet. Der hierzu zwingend erforderliche integrale Ansatz, der nur in einem wirklich konstruktiv zusammenarbeitenden Team verwirklicht werden kann, ist daher für die Qualität der Planung von herausragender Bedeutung. Die Zeit der Einzelkämpfer, die ausschließlich ihre eigenen Interessen verfolgen, sollte damit endgültig abgelaufen sein. 9 3.1.2 Fassadentypen Um den an die Fassade gestellten Anforderungen gerecht zu werden, ist die Wahl des richtigen Fassadentyps aus einer Vielzahl von Möglichkeiten ein entscheidender Planungsschritt. Einen Überblick über die üblichen Fassadentypen gibt - ohne Anspruch auf Vollständigkeit – Abbildung 5. Demgegenüber bietet eine doppelschalige Fassade einige andere Vorteile: • Im Hinblick auf den winterlichen Wärmeschutz kommen im Falle der Fensterlüftung die solaren Wärmegewinne im Fassadenzwischenraum (FZR), welche zu einer Dabei liegt die wesentliche Entscheidung bei der Wahl der Fassade darin, ob sie einschalig oder doppelschalig (sog. „Klimafassade“) ausgeführt wird. Die standardmäßige einschalige Fassade weist in der Regel folgende Vorteile auf: • wirtschaftlich günstig realisierbar, • in Kombination mit einem geeigneten außenliegenden Sonnenschutz kann ein sehr guter sommerlicher Wärmeschutz erzielt werden, • die Fenster können direkt nach außen geöffnet werden (nutzerfreundlich, da keine zusätzliche Glasscheibe vor dem geöffneten Fenster angeordnet ist). • Vorwärmung der Luft führen, zum Tragen. Diese Lufterwärmung ist jedoch auch im Sommer zu erwarten – insbesondere bei direkter Besonnung und geschlossenem Sonnenschutz – was bei Fensterlüftung zu unangenehm hohen Zulufttemperaturen führen kann. Die doppelschalige Fassade weist eine deutlich bessere Schutzwirkung sowohl in akustischer Hinsicht (besserer Schutz gegen Außenlärm) wie auch im Hinblick auf äußere Einflüsse (Witterung, Wind, etc.) auf. Denn der Fassadenzwischenraum bietet die Möglichkeit, einen hocheffizienten Sonnenschutz anzuordnen, der vor Wind und Wetter geschützt ist und ggfs. auch tageslichtlenkende Eigenschaften besitzt 10 • • (besonders vorteilhaft für Gebäude, die einem intensiven Windangriff ausgesetzt sind, z.B. Hochhäuser). Der gute Witterungsschutz durch die äußere Verglasung ermöglicht auch einen Nachtlüftungsbetrieb zur nächtlichen Entwärmung der Speichermassen, der über offene Fenster der Innenschale recht einfach zu realisieren ist. Im Fassadenzwischenraum einer doppelschaligen Fassade ist auch der Einsatz von Sonnenschutz- bzw. Tageslichtlenk-Elementen mit hochreflektierenden Oberflächen möglich. Darüber hinaus eignet sich eine doppelschalige Fassade in der Regel auch gut für die Sanierung alter Fassaden, denen eine zweite Haut vorgestellt wird. Beide Fassadentypen weisen Vor- und Nachteile auf, so dass eine Entscheidung nur im Zusammenhang mit den jeweiligen, für das Bauvorhaben spezifischen, Anforderungen getroffen werden kann. Folgerichtig kann auch der optimale Sonnenschutz nur im engen Zusammenhang mit dem jeweiligen Fassadentyp und den objektspezifischen Möglichkeiten gewählt werden. 11 3.1.3 Energierelevante Themen und korrespondierende Kennwerte Für die Beurteilung unterschiedlicher technischer Fassadenqualitäten im Hinblick auf den Energieverbrauch ist die Kenntnis der korrespondierenden Kennwerte unerläßlich. Je nach Fragestellung sind dabei unterschiedliche physikalische Kennwerte der verglasten Fassadenbereiche maßgeblich, die im Folgenden näher betrachtet werden. Winterliche Heizwärmeverluste Die winterlichen Heizwärmeverluste (auch „Wärmedämmqualität“) werden durch folgenden energetischen Kennwert gekennzeichnet: Wärmedurchgangskoeffizient u in [W/m²K]. Dieser setzt sich gemäß /1/ aus den Wärmeübergangskoeffizienten α, jeweils außen und innen, sowie dem Wärmedurchlasskoeffizienten Λ zusammen (siehe Abb. 6). Die Wärmedämmeigenschaften einer Fassade werden somit durch den Wärmedurchgangskoeffizienten (u-Wert) bzw. dem als Wärmedurchlasswiderstand R bezeichneten reziproken Wert 9) von u repräsentiert. Die inneren und äußeren Wärmeübergangskoeffizienten α i und α a hängen im wesentlichen von der Temperaturdifferenz zwischen Oberfläche und angrenzender Luft und von der Luftgeschwindigkeit in der Nähe der Oberflächen (z.B. Wind) ab, so dass dieser Anteil des Wärmedurchgangskoeffizienten u kaum durch die Verglasungsart beeinflusst werden kann. Der Anteil des Wärmedurchgangskoeffizienten u, der durch den Wärmedurchlaßkoeffizient Λ welcher letztlich den thermischen Widerstand des Isolierglasverbunds repräsentiert – gegeben ist, lässt sich demgegenüber sehr wohl durch die Ausbildung der Verglasung beeinflussen. So wird der konvektive Wärmetransport zwischen den beiden Glasscheiben durch die Füllung des Scheibenzwischenraums mit Edelgasen minimiert (Gasfüllung, siehe in Abb. 7 mit dem typischen Aufbau einer Wärmeschutzisolierverglasung 10) ). Der thermische Strahlungsaustausch zwischen den beiden Glasscheiben wird mit Hilfe einer speziellen Beschichtung mit geringer Emissivität ε (low-e coating) auf einer der beiden Glasoberflächen zum Scheibenzwischenraum reduziert (Wärmefunktionsschicht, siehe in Abb. 7). 9) Reziprok-Wert = Kehrwert Quelle: Bildarchiv der Fa. INTERPANE, Plattling 10) 12 Mit Hilfe der in den letzten Jahrzehnten stets weiterentwickelten Dämmeigenschaften hat sich der erreichbare u-Wert von Verglasungen enorm verbessert, wie in Abb. 8 zu erkennen ist. Die heute üblichen Wärmeschutzisolierverglasungen liegen mit ihren u-Werten in einem Bereich von ca. 1,0...1,3 W/m²K. Dabei wird eine erhöhte Wärmedämmung (d.h. ein niedrigerer u-Wert) mittels low-e-Beschichtungen und Gasfüllungen (in der Regel Argon-Gas) im Scheibenzwischenraum der beiden Glasscheiben erzielt (vgl. dazu Abb. 7). Mit Dreifachverglasungen, teureren Gasen (z.B. Krypton, Xenon, etc.) und/oder mehreren Beschichtungen lassen sich noch bessere Werte (derzeit bis zu u = 0,5 W/m²K) erreichen (siehe Abb. 8). In naher Zukunft wird mit Hilfe von VakuumVerglasungen 11) , die derzeit bereits in den Entwicklungslabors der Glashersteller existieren, eine weitere Verbesserung der Dämmeigenschaften von Verglasungen erreicht werden können. 11) Isolierglasverbund, der zwischen den beiden Glasscheiben ein Vakuum aufweist 13 Sommerlicher Überhitzungsschutz Der sommerliche Überhitzungsschutz (auch „Sonnenschutzqualität“) wird durch folgenden energetischen Kennwert gekennzeichnet: Gesamtenergiedurchlaßgrad g in [%]. Der Gesamtenergiedurchlaßgrad g gibt an, welcher Anteil der auf die Fassade auftreffenden Globalstrahlung im angrenzenden Raum als Wärme wirksam wird; dabei unterteilt er sich in die Strahlungstransmission τe, welche die in Form von solarer Strahlung in den Raum eindringende Wärme repräsentiert, und die sekundäre Wärmeabgabe qi, welche die konvektiv an der aufgrund Absorption erwärmten Innenscheibe in den Raum abgegebene Wärme darstellt (vgl. Abbildung 9). Eine standardmäßige Wärmeschutzisolierverglasung weist z.B. einen g-Wert von ca. 62% auf. ben eine wichtige Rolle (gefärbtes Glas weist z.B. eine deutlich erhöhte Absorption auf; bei Verbundsicherheitsglas bewirkt die Folie zwischen den beiden Scheiben eine erhöhte Absorption). Der Gesamtenergiedurchlaßgrad g darf nicht mit dem Durchlaßfaktor b nach VDI 2078 /2/ verwechselt werden, welcher üblicherweise der Dimensionierung von Kühlanlagen zugrunde gelegt wird. Denn der b-Wert bezieht sich aus historischen Gründen auf den Gesamtenergiedurchlaßgrad einer unbeschichteten Isolierverglasung. Zwischen dem Gesamtenergiedurchlaßgrad (g-Wert) und dem Durchlaßfaktor (b-Wert) einer Fassade besteht nach VDI 2078 folgender Zusammenhang: b = g/0,80 Der g-Wert von Verglasungen wird beeinflusst von: • der Art der Beschichtung (low-e-Beschichtung bei Wärmeschutzverglasungen; spezielle Sonnenschutzbeschichtungen bei Sonnenschutzisolierverglasungen). • der Lage der Beschichtung (üblicherweise Position 3: Außenseite der Innenscheibe, vgl. Abb. 7). Darüber hinaus spielt auch die Oberflächenreflexion und das Absorptionsverhalten der Glasschei14 Tageslichtverhältnisse Die Tageslichtverhältnisse (auch „Tageslichtqualität“) werden mittels folgendem energetischen Kennwert gekennzeichnet: Tageslichttransmission τL in [%]. Die Lichttransmission τL gibt ähnlich wie der g-Wert den Anteil des auf die Fassade auftreffenden Tageslichts an, der in den angrenzenden Raum eindringt. Dabei ist zu beachten, daß sich die Lichttransmission τL ausschließlich auf den Wellenlängenbereich des sichtbaren Lichts (ca. 380...780 nm) bezieht, wohingegen sich die Strahlungstransmission τE (Strahlungsanteil des Gesamtenergiedurchlaßgrades) auf die sogenannte „kurzwellige Strahlung“ im Wellenlängenbereich der solaren Strahlung (ca. 280...2500 nm) bezieht (vgl. Abbildungen 11 und 12). Die Lichttransmission τL der Verglasungen wird im wesentlichen von der Stärke der Glasscheiben und von der Art der Beschichtung beeinflusst. Eine heute übliche Wärmeschutzisolierverglasung weist eine Lichttransmission von ca. 74..78% auf. Bei geschlossenem Sonnenschutz sind hinsichtlich der Lichttransmission folgende dominante Einflüsse zu nennen: • Art des Sonnenschutzes (Lamellen oder Gewebe), • Geometrie des Sonnenschutzes (z.B. Neigungswinkel der Lamelle, Abstand der Lamellen relativ zueinander, etc.) und • Oberflächeneigenschaften des Sonnenschutzes (z.B. Farbe, matt oder spiegelnd, etc.). Um helle freundliche Räume mit guten Tageslichtverhältnissen zu erreichen, sollte eine möglichst hohe Lichttransmission der Verglasungen angestrebt werden; allerdings muß dabei darauf geachtet werden, daß Blenderscheinungen vermieden werden. Darüber hinaus sollte auch bei geschlossenem Sonnenschutz noch ausreichend Tageslicht in den Raum einfallen, um nicht das Einschalten des Kunstlichts erforderlich zu machen. 15 3.1.4 Strahlungsphysikalische Eigenschaften von Glasfassaden Die Betrachtung konzentriert sich hier im Zusammenhang mit energiesparenden Konzepten insbesondere auf den Gesamtenergiedurchlaßgrad (gWert) von Fassaden, da durch gute Sonnenschutzeigenschaften der solare Wärmeeintrag in den angrenzenden Raum im Sommer sinnvoll begrenzt und somit eine zusätzliche Kühlung vermieden bzw. minimiert werden kann. Die Ermittlung des Gesamtenergiedurchlaßgrades g einer Fassade basiert auf der spektralen Verteilung von Transmission, Reflexion und Absorption der einzelnen Oberflächen (Glasscheiben mit/ohne Beschichtung und/oder Oberfläche der Sonnenschutzelemente). Zur Veranschaulichung ist hierzu in Abb. 11 exemplarisch die Spektralverteilung einer unbeschichteten Glasscheibe (Floatglas 6 mm) dargestellt. Darin ist zu erkennen, daß das normale Glas im Wellenlängenbereich des sichtbaren Lichtes (ca. 380...780 nm) in etwa die selben Werte von Transmission, Absorption und Reflexion aufweist wie im längwelligen infraroten Bereich. Anhand dieser typischen Spektralverteilung ist die generelle Problematik von Verglasungen zu erkennen: Auf der einen Seite soll möglichst viel Tageslicht in den Raum eindringen, was eine hohe Transmission im Spektralbereich des sichtbaren Lichtes erfordert. Andererseits soll der solare Wärmeeintrag im Sommer möglichst gut begrenzt werden, um das Erfordernis einer Kühlanlage zu vermeiden. Hierfür sind möglichst niedrige Transmissions- und Absorptionswerte im gesamten Wellenlängenbereich der solaren Strahlung (ca. 300...2500 nm) notwendig. Im Winter hingegen sind solare Wärmegewinne wiederum erwünscht. Es wird klar, dass die gleichzeitige Erfüllung der sich widersprechenden Anforderungen prinzipiell nicht komplett zu erfüllen ist, da das Tageslicht ein Teilbereich der solaren Strahlung ist. Dennoch gibt es neue Entwicklungen in der Glasindustrie, die diese „Quadratur des Kreises“ zumindest teilweise ermöglichen. 16 Beschichtete Glasscheiben Eine mittlerweile hochentwickelte und im Markt eingeführte Technik ist die Beschichtung von Glasscheiben mit einer oder mehreren metallischen Schichten übereinander. Wie enorm die spektrale Verteilung von Transmission, Reflexion und Absorption mittels einer hochwertigen Beschichtung verändert werden kann, zeigt eindrucksvoll die Spektralverteilung der speziell beschichteten Glasscheibe einer neutralen (d.h. nicht spiegelnden und nicht eingefärbten), hochselektiven Sonnenschutzverglasung (Abb. 11). Hierbei handelt es sich um die hochselektive Sonnenschutzverglasung ipasol natura 66/34 der Fa. INTERPANE 12) . Mit Hilfe der Beschichtung soll eine möglichst niedrige Absorption a (damit sich die Glasscheibe nicht zu stark erwärmt) und Strahlungstransmission τE (damit wenig Solarstrahlung in den Raum gelangt) erreicht werden. Letzteres gilt jedoch nicht für den gesamten Wellenlängenbereich der Solarstrahlung, denn im Wellenlängenteilbereich des sichtbaren Lichts soll 12) Näheres zur Fa. INTERPANE AG, Plattling, ist im Internet zu finden unter www.interpane.net gleichzeitig eine hohe Lichttransmission τL erzielt werden, um viel Tageslicht in den Raum einfallen zu lassen. Wie in der Abb. 11 zu sehen ist, führen die genannten Anforderungen zu einem ausgeprägten „Buckel“ der Transmission im Wellenlängenbereich der sichtbaren Lichts (ca. 380...780 nm). Auf der Basis derartiger Spektralverteilungen werden die Werte für den Gesamtenergiedurchlaßgrad g und die Lichttransmission τL mittels einer gewichteten Integration über alle Wellenlängenbereiche der solaren Strahlung nach dem Verfahren der EN 410 /3/ (ehemals DIN 67507 /4/) ermittelt. Dabei repräsentieren die Gewichtungsfaktoren der einzelnen Wellenlängenbereiche die ungleichmäßige Spektralverteilung der Solarstrahlung, wie sie auf der Erdoberfläche normalerweise auftrifft. Das Bestreben, gleichzeitig viel Tageslicht und wenig Solarstrahlung in den Raum zu lassen, wird durch die Kenngröße Selektivität s repräsentiert. Die Selektivität s gibt das Verhältnis von Lichttransmission τL und Strahlungstransmission τE an, es gilt: s = τ L /τ E 17 Dies bedeutet, daß eine Verglasung mit einer Selektivität s > 1,0 mehr Tageslicht als solare Strahlung hindurchläßt. Mit neuartigen Beschichtungen, die immer mehr einzelne Schichten unterschiedlicher Zusammensetzung aufweisen, wird versucht, eine möglichst hohe Selektivität zu erreichen; derzeit weisen die besten Produkte am Markt eine Selektivität bis zu ca. s = 2,0 auf (z.B. das Produkt ipasol neutral 68/34 der Fa. Interpane, welches erst seit 2001 auf dem Markt ist). 18 3.1.5 Strahlungsphysikalische Eigenschaften von Sonnenschutzsystemen Im Gegensatz zu den Verglasungen, für die in der Regel die Hersteller Angaben über die energetischen Kennwerte machen, stellt sich die Ermittlung des für die sommerlichen Kühllasten maßgeblichen Gesamtenergiedurchlaßgrades der gesamten Fassade - also der Kombination der Verglasungen und des gewählten Sonnenschutzsystems - deutlich schwieriger dar. Um den Sonnenschutz für den Gesamtenergiedurchlaßgrad der Fassade zu berücksichtigen, wird im Allgemeinen der Abminderungsgrad z des jeweiligen Sonnenschutzes angegeben. Dieser Wert gibt an, um wieviel der Gesamtenergiedurchlaßgrad der Verglasung durch den Sonnenschutz reduziert wird, d.h. es gilt g F = g V ⋅z S Der Gesamtenergiedurchlaßgrad der Fassade g F ergibt sich somit aus dem Produkt des Gesamtenergiedurchlaßgrades der Verglasung g V und dem Abminderungsgrad z S des Sonnenschutzes. schutzhersteller bescheinigen ihren Produkten ebenfalls Richtwerte), die bei Kühllastrechnungen für die Dimensionierung der Kühlanlage zum Einsatz kommen. Diese Werte repräsentieren jedoch nur einen Mittelwert für viele Anwendungsfälle und mit entsprechender Bandbreite. Dabei werden folgende Detail-Einflüsse aufgrund der erforderlichen Allgemeingültigkeit außer Acht gelassen: • Die Spektralverteilungen von Absorption, Reflexion und Transmission der einzelnen Scheiben und der Sonnenschutzoberflächen. Im günstigen Fall ergänzen sich die Spektralverteilungen von Verglasung (vgl. Abb. 10 und 11) und Sonnenschutz (siehe Abb. 12); im ungünstigen Fall erreicht der Sonnenschutz nicht die gewünschte Effizienz, was insbesondere bei Oberflächen mit großer Selektivität eintreten kann. Das Problem stellt sich nun in der korrekten Ermittlung des Abminderungsgrades z des Sonnenschutzes. Zwar gibt die VDI 2078 /2/ hierfür allgemeine, grobe Orientierungswerte an (und einige Sonnen19 • Die Hinterlüftung der Fassade ist bei geeigneter Ausbildung durchaus in der Lage, einen erheblichen Anteil der konvektiven Wärmeabgabe von Verglasung und Sonnenschutz abzutransportieren und somit die solare Belastung des angrenzenden Raumes zu begrenzen. • 20 • Die Abhängigkeit des Gesamtenergiedurchlaßgrades der Fassade g F vom Winkel der auftreffenden Sonnenstrahlen wird ebenfalls vernachlässigt. Dabei spielt dies insbesondere bei Sonnenschutzsystemen in Form von Lamellen eine erhebliche Rolle, wie Abb. 14 mit den winkelabhängigen g-Werten 13) T zu entnehmen ist. Darin ist gut zu erkennen, daß bei der häufig voreingestellten Lamellenstellung von 45° im Falle von sehr flacher Sonne (0..10°) der Außensonnenschutz nur einen Abminderungsgrad von ca. z S = 0,20..0,35 erreicht. Bei normalen Sonnenhöhen von ca. 30..60° kann damit hingegen ein Abminderungsgrad von ca. z S = 0,1 erzielt werden. Falls keine automatische Nachführung der Sonnenschutzlamellen zum Einsatz kommt, ist somit der Ansatz eines konstanten Abminderungsgrades (z S -Wert) nur sehr bedingt repräsentativ. Auf Basis der oben genannten groben Anhaltswerte ist zwar eine Systementscheidung möglich (z.B. Innen- oder Außensonnenschutz), eine detaillierte Optimierung der Fassadenbauteile hinsichtlich Farbgebung, Geometrie, Hinterlüftung etc. ist jedoch nicht durchführbar. Hinter den o.g. Einflussfaktoren verbirgt sich oftmals ein erhebliches Optimierungspotential (vgl. dazu Kap. 3.3) im Hinblick auf eine bestmögliche Begrenzung des solaren Wärmeeintrags, welche zur Vermeidung einer zusätzlichen Kühlung der Räume meist erforderlich ist. Allerdings ermöglicht erst die Quantifizierung der Fassadenverbesserung im Zusammenhang mit dem finanziellen Aufwand eine ausgewogene Entscheidungsfindung. Window Information System (WIS) /5/) zur Verfügung, mit deren Hilfe sich der Gesamtenergiedurchlaßgrad g sowie die Lichttransmission τL für die jeweilige Kombination von Verglasung und Sonnenschutz berechnen lassen. In den folgenden Kapiteln 3.2 und 3.3 wird ein Überblick über die derzeitig auf dem Markt erhältlichen Verglasungen und Sonnenschutzsysteme ohne Anspruch auf Vollständigkeit - gegeben, wobei auch wesentliche Einflussparameter auf die Sonnenschutzqualität von Fassaden exemplarisch aufgezeigt werden. Für die Optimierung der Sonnenschutzqualität einer Fassade (Verglasung und Sonnenschutz) sind daher detaillierte strahlungsphysikalische Berechnungen erforderlich, die auf der spektralen Verteilung von Transmission, Reflexion und Absorption der einzelnen Bauteile (Glasscheiben und Sonnenschutzelemente) basieren und die wesentlichen Energietransportmechanismen • Transmission der Solarstrahlung durch die einzelnen Fassadenelemente, • Erwärmung der Bauteile durch Absorption der Solarstrahlung, • konvektive Wärmeabgabe der Bauteile an die jeweiligen Luftschichten und teilweiser Abtransport der Wärme durch Luftströme, • Strahlungsaustausch der Wärme zwischen den einzelnen Oberflächen der Bauteile berücksichtigen. Heutzutage stehen für diese komplexen Berechnungen Computerprogramme (z.B. 13) Die dargestellten Werte wurden mit der Software WIS /5/ berechnet 21 3.2 Verglasungen 3.2.1 Verglasungstypen Die transparenten Bereiche einer Fassade werden meist in Form von Verglasungen realisiert. Hinsichtlich des Aufbaus der Verglasungen ist zunächst zwischen Isolierverglasung - d.h. zwei Glasscheiben im Isolierglasverbund, die über den Randverbund zusammengehalten werden - und Einfachverglasungen (nur eine einzelne Glasscheibe) zu unterscheiden (siehe Abb. 15). Einfachverglasungen kommen aufgrund ihrer relativ niedrigen Wärmedämmung bei normalen Gebäudefassaden heutzutage nicht mehr zum Einsatz. Als Witterungsschutz eines Innenhofs hingegen oder als vorgehängter Schutz für das Sonnenschutzsystem wird auch heute noch häufig eine Einfachverglasung verwendet. Die aktuellen marktüblichen Isolierverglasungen lassen sich herstellerunabhängig in folgende drei Kategorien einteilen: • Unbeschichtete Isolierverglasungen mit Luft im Scheibenzwischenraum, • Wärmeschutzisolierverglasungen mit einer low-e-Beschichtung auf einer der beiden Innenseiten und Gasfüllung (i.d.R. Argon) im Scheibenzwischenraum, • Sonnenschutzisolierverglasungen mit speziellen, mehrlagigen Beschichtungen auf einer oder beiden Innenseiten und Gasfüllung im Scheibenzwischenraum. Im Gegensatz zu unseren europäischen Nachbarländern kommen unbeschichtete Isolierverglasungen innerhalb der Bundesrepublik Deutschland seit ca. 10...15 Jahren nicht mehr zum Einsatz, da sie den Anforderungen der Wärmeschutzverordnung hinsichtlich der Wärmedämmqualität nicht gerecht werden. Insofern sind Wärmeschutzisolierverglasungen mit einem Wärmedurchgangskoeffizienten der Verglasung von k V = 1,1...1,3 W/m²K heutzutage in der BRD durchaus üblich. 22 3.2.2. Energetische Kennwerte In Abbildung 16 ist Gesamtenergiedurchlaßgrad g (vgl. Abschnitt 3.1.3) für die meisten Verglasungsarten dargestellt. Wie darin zu erkennen ist, weist die unbeschichtete Einfachverglasung aus normalem Floatglas, die häufig aus Sicherheitsgründen als Verbundsicherheitsglas 14) ausgeführt wird, einen Gesamtenergiedurchlassgrad g von ca. 80% und eine Lichttransmission τ L von ca. 90% auf. Der Isolierglasverbund aus zwei unbeschichteten Floatglasscheiben zeigt nur geringfügig bessere Werte, nämlich einen Gesamtenergiedurchlassgrad g von ca. 75% und eine Lichttransmission τ L von ca. 80%. Einen deutlich besseren Gesamtenergiedurchlaßgrad zeigen hingegen die beschichteten Wärmeschutzverglasungen mit g-Werten im Bereich von ca. 50..65%. Diese Verglasungen erreichen auch eine recht gute Tageslichttransmission von ca. τ L = 70...75%. Es ist zu erkennen, daß es erst mit Hilfe von Beschichtungen auf den inneren, geschützten Oberflächen der Glasscheiben gelingt, selektive Verglasungen zu erhalten. Denn die Wärmeschutz14) Verbundsicherheitsglas: Zwei Glasscheiben, die durch eine reißfeste, durchsichtige Folie zwischen den Scheiben verbunden sind verglasungen zeigen bereits eine gewisse Selektivität von s = 1,1...1,5, d.h. bei diesen Verglasungen fällt ca. eineinhalb mal so viel Tageslicht in den Raum wie solare Wärme eindringt. Falls bei großflächig verglasten Gebäuden ein effizienter Außensonnenschutz nicht möglich ist, kommen häufig die hochentwickelten Sonnenschutzverglasungen zum Einsatz, um den solaren Wärmeeintrag dennoch einigermaßen begrenzen zu können. Die in früheren Jahrzehnten häufig verwendeten sehr starken Sonnenschutzverglasungen zeigen zwar sehr gute g-Werte von ca. 23...30%; da deren Sonnenschutzwirkung jedoch entweder auf einer starken Reflexion („Spiegelgläser“) oder hohen Absorption (eingefärbte Gläser) beruhen, haben diese älteren Verglasungen häufig unzureichende Tageslichtverhältnisse in den angrenzenden Räumen zur Folge. Da die Spiegelung oder die Einfärbung auch sehr starke Auswirkungen auf das äußere Erscheinungsbild des Gebäudes haben, kommen heutzutage meist neutrale hochselektive Sonnenschutzgläser zum Einsatz. Diese weisen hauptsächlich im nicht-sichtbaren UV- oder Infrarot-Wellenlängenbereich eine hohe Reflexion auf, so daß sie im sichtbaren Bereich nicht spiegelnd und verfärbt erscheinen (vgl. Abb. 11). Trotz ihres Erscheinungsbildes, daß nahezu dem der Wärmeschutzverglasungen gleichkommt, weisen sie hervorragende Gesamtenergiedurchlaßgrade von ca. g = 29...40% und relativ gute Tageslichttransmissionen von ca . τ L = 50...70% auf. 23 3.2.3 Solarer Wärmeeintrag und Tageslicht Bei vielen Bauvorhaben ist ein effizienter außenliegender Sonnenschutz nicht gewünscht und/oder nicht realisierbar. Um dennoch eine möglichst gute Begrenzung des solaren Wärmeeintrags zu erreichen und somit auf Kühlung weitgehend verzichten zu können, wird in diesen Fällen recht häufig eine sehr starke Sonnenschutzverglasung gewählt. Besonders bei Innenhöfen oder Atrien mit Glasdächern wird häufig aus Gründen der Transparenz auf einen Sonnenschutz verzichtet. Die Wahl einer sehr starken Sonnenschutzverglasung ist auch durchaus sinnvoll, solange keine Büroräume oder andere tagesbelichtete Räume direkt an den Innenhof angrenzen. Denn wie in Abschnitt 3.2.2 aufgezeigt, läßt sich die solare Belastung eines Raumes mit Hilfe dieser hochentwickelten Sonnenschutzverglasungen auf ca. 20...30% begrenzen. Allerdings ist mit diesen guten Werten für den Gesamtenergiedurchlaßgrad auch eine relativ geringe Tageslichttransmission verbunden (ca. 40...50%). Dies bedeutet, daß die Tageslichtverhältnisse in Innenhöfen mit Glasdach und gebäudehoch verglasten Fassaden in der Regel durchaus ausreichende Beleuchtungsstärken erreichen. Deutlich anders stellt sich die Situation jedoch dar, wenn tagesbelichtete Büroräume direkt an den Innenhof mit Glasdach angrenzen. Werden in diesem Fall ebenfalls sehr starke Sonnenschutzverglasungen mit entsprechend niedriger Tageslichttransmission gewählt, so kann mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, daß die kritischen angrenzenden Büroräume nicht mehr genügend Tageslichteinfall aufweisen. Dies bedeutet, daß bei der Wahl der Sonnenschutzverglasung z.B. für ein Glasdach nicht nur die erreichbare Sonnenschutzqualität, sondern zwingend auch die erwartbaren Tageslichtverhältnisse berücksichtigt werden müssen. Da neben der Tageslichttransmission der Verglasungen auch die jeweils spezifische Geometrie des Innenhofs einen starken Einfluß auf die Tageslichtverhältnisse in den angrenzenden Büroräumen aufweist, können hierzu keine allgemeinen Richtlinien abgeleitet werden und es sollte für jedes Bauvorhaben eine entsprechend detaillierte Untersuchung durchgeführt werden. Eine sehr gute Möglichkeit für zuverlässige Ergebnisse derartiger Prüfungen sind in tageslichttechnischen Simulationen zu sehen, die auf physikalischen Grundlagen die Verteilung des Tageslichts im Atrium und den angrenzenden Büroräumen berechnen können. Die hierfür erforderlichen Computerprogramme sind heutzutage problemlos auf dem Markt erhältlich (z.B. RADIANCE /6/). 24 Zur Veranschaulichung ist nachfolgend beispielhaft die Optimierung der Verglasung eines Glasdachs dargestellt: Für das Glasdach eines Innenhofes standen die in Abb. 17 dargestellten Verglasungsvarianten zur Diskussion. Wie Abb. 17 zu entnehmen ist, wurde dabei für alle Verglasungsvarianten bereits die im Hinblick auf den Gesamtenergiedurchlaßgrad g günstigere Position 2 für die jeweilige Beschichtung angesetzt. Neben der Beschichtungsart (low-e Beschichtung für eine Wärmeschutzverglasung, spezielle Sonnenschutzbeschichtung für eine Sonnenschutzverglasung) wurde auch das Basisglas (normales Floatglas oder speziell behandeltes Weißglas(= eisenoxidarmes Glas)) variiert. Bei allen betrachteten Varianten war als untere Glasscheibe eine Verbundsicherheitsscheibe erforderlich, da es sich bei der Dachverglasung um eine Überkopfverglasung handelt, die besonderen sicherheitstechnischen Anforderungen Genüge leisten muß. Aufgrund des Einsatzes von Silikon für die Fugenabdichtung in der Glasdachkonstruktion wäre eine Gasdichtheit der Verglasungen nur mit größerem Aufwand - zusätzliche Blenden zum Schutz der Silikon-Fugen vor UV-Strahlung – zu erreichen gewesen; alle Verglasungsvarianten wiesen daher nur eine Luftfüllung des Scheibenzwischenraums auf. Bei der Wahl der Verglasung sollte zum einen der solare Wärmeeintrag in den glasüberdachten Innenhof möglichst gut begrenzt werden; insofern sollte die Verglasung einen möglichst niedrigen Gesamtenergiedurchlaßgrad aufweisen. Zum anderen mußte jedoch gewährleistet sein, daß die Dachverglasung nicht zuviel Tageslicht abhält, sondern in allen angrenzenden Büroräumen noch ein ausreichender Tageslichteinfall erzielt wird. Für die erforderlichen tageslichttechnischen und bauklimatischen Simulationen war zunächst die Ermittlung der energetischen Kennwerte auf Basis der Spektralverteilungen erforderlich (vgl. dazu Abschnitt 3.1.4). Die Ergebnisse dieser strahlungsphysikalischen Berechnungen für die einzelnen Verglasungsvarianten sind in Abb. 18 dargestellt. Dem Diagramm ist zu entnehmen, daß die beste Sonnenschutzwirkung durch die Sonnenschutzverglasung auf Floatglasbasis erzielt werden kann (ca. g = 35%); diese Variante weist jedoch auch die stärkste Tageslichtbegrenzung (ca. τL = 65%) auf. Der intensivste Tageslichteintrag kann hingegen mit der Wärmeschutzverglasung auf Weißglasbasis erreicht werden (ca. τL = 79%); allerdings weist diese Variante eine eher geringe Sonnenschutzwirkung auf (ca. g = 60%), so daß sie im Hinblick auf eine gute Begrenzung des solaren Wärmeeintrags ebenfalls kaum zielführend ist. Einen guten Kompromiss zwischen ausreichendem Tageslichteintrag (ca. τL = 76%) und guter Sonnenschutzwirkung (ca. g = 40%) bildet daher eine Sonnenschutzverglasung auf Weißglasbasis. Inwieweit die mit einer derartigen Verglasung erreichbaren energetischen Kennwerte für das jeweilige Projekt ausreichen, kann jedoch nur mittels projektbezogener tageslichttechnischer und bauklimatischer Simulationen beurteilt werden, wie nachfolgend exemplarisch aufgezeigt. 25 In Abb. 19a-d sind die für die jeweilige Dachverglasung zu erwartenden Tageslichtquotienten in einem kritischen Eck-Büro vergleichend gegenübergestellt. Fall eine Dachverglasung auf Weißglasbasis eingesetzt werden. In der DIN 5034 /7/ sind folgende Anforderungen an tagesbelichtete Räume festgelegt: • Die beiden Referenzpunkte D1 und D2 sind in einer Höhe von 0,85 m über dem Boden, in halber Raumtiefe und jeweils 1 m von der Seitenwand entfernt angeordnet. • Der Mittelwert der Tageslichtquotienten an den beiden Referenzpunkten D1 und D2 muß mindestens 0,9% betragen. • Der Tageslichtquotient am ungünstigsten Referenzpunkt darf den Wert von 0,7% nicht unterschreiten. Dieses Beispiel zeigt sehr anschaulich, welche wichtige Rolle bei glasüberdachten Atrien mit angrenzenden Büroräumen die Wahl der Dachverglasung spielt. Wie Abb. 19a und 19b zu entnehmen ist, können die geforderten Mindestwerte in dem betrachteten Büro bei den Dachverglasungen auf Floatglasbasis nicht erreicht werden. Nur die beiden Verglasungen auf Weißglasbasis sind in der Lage, den genannten Mindestanforderungen gerecht zu werden. Aus tageslichttechnischen Gründen muß bei der vorgegebenen Gebäudegeomtrie somit in jedem 26 Neben den Tageslichtverhältnissen kommt den im glasüberdachten Atrium zu erwartenden sommerlichen Klimaverhältnissen ein entscheidender Einfluß zu, da das Erfordernis einer energieintensiven Kühlung vermieden werden soll. In diesem Zusammenhang ergeben sich in Abhängigkeit der Dachverglasung folgende sommerliche Maximaltemperaturen im Innenhof: a) Wärmeschutzverglasung auf Floatglasbasis (vgl. Abb. 17a): T max = +34°C b) Wärmeschutzverglasung auf Weißglasbasis (vgl. Abb. 17b): T max = +36°C c) Sonnenschutzverglasung auf Floatglasbasis (vgl. Abb. 17c): T max = +32°C d) Sonnenschutzverglasung auf Weißglasbasis (vgl. Abb. 17d): T max = +31°C Es wird deutlich, dass die Dachverglasungen, die als Wärmeschutzverglasung ausgeführt sind, zu sehr hohen sommerlichen Maximaltemperaturen von ca. 34...36°C führen. Aufgrund ihrer deutlich besseren Sonnenschutzqualität sind die Sonnenschutzverglasungen in der Lage, die Temperaturen im Atrium auf ca. 31...32°C zu begrenzen. Im Hinblick auf die Begrenzung des solaren Wärmeeintrags in das Atrium empfiehlt sich bei dem betrachteten Beispiel eine Sonnenschutzverglasung. Unter Berücksichtigung der betrachteten Tageslichtverhältnisse und der sommerlichen Klimaverhältnisse empfiehlt sich im Beispiel eine Sonnenschutzverglasung auf Weißglasbasis. Dieses Beispiel zeigt sehr schön, wie eine integrale Betrachtungsweise bei der Wahl der Verglasung unter ökologischen Gesichtspunkten zielführend sein kann. 27 3.3 Sonnenschutzsysteme 3.3.1 Überblick ungehindert auf die Verglasungen der NW-Fassade auf. Eine im Hinblick auf Energieeinsparung und nachhaltiges Bauen intelligente Fassade verfügt über die Fähigkeit, auf die mit den Jahreszeiten wechselnden Anforderungen in adäquater Weise reagieren zu können. Im Hinblick auf den solaren Wärmeeintrag stehen sich die Anforderungen an die Fassade im Winter und Sommer diametral gegenüber. Denn im Winter sind solare Wärmegewinne erwünscht, welche einen möglichst hohen Gesamtenergiedurchlaßgrad der Fassade erfordern. Im Sommer hingegen soll eine Überhitzung der Räume bei Besonnung vermieden werden, was neben anderen passiven Maßnahmen zuvorderst einen entsprechenden niedrigen Gesamtenergiedurchlaßgrad der Fassade bedingt. Diese gegensätzlichen Anforderungen können nur von einer Fassade erfüllt werden, die ihre Durchlässigkeit für solare Energie ändern kann. Die beschriebene Variabilität der Fassadeneigenschaft wird in der Regel mit Hilfe eines beweglichen Sonnenschutzes erreicht. Im folgenden werden zunächst die beiden wesentlichen Realisierungsmöglichkeiten eines beweglichen Sonnenschutzes – nämlich innenliegend oder außen angeordnet – ausführlich diskutiert. Anschließend wird auf einige Sonderformen von Sonnenschutzsystemen eingegangen. 3.3.2 Verschattungssituation Vor der Diskussion eines möglichen Sonnenschutzsystems empfiehlt es sich, zunächst das Erfordernis eines Sonnenschutzes abzuklären. Denn bei manchen Bauvorhaben – gerade in städtischen Ballungsräumen mit vielen Hochhäusern – ist mit einer starken Verschattung der Fassaden durch umliegende Gebäude zu rechnen. Am Beginn jeder Diskussion über einen Sonnenschutz sollte immer eine Analyse der spezifischen Verschattungssituation stehen, um die solare Belastung der Fassade zu ermitteln. Hierzu ist in Abb. 20 beispielhaft die spezifische Verschattungssituation im Verlauf eines sonnigen Sommertags für eine großflächig verglaste Halle dargestellt. Darin ist zu erkennen, dass die Halle trotz vieler Gebäude in der näheren Umgebung einer intensiven solaren Belastung ausgesetzt ist. Die Verschattung durch Nachbargebäude endet an der SO-Fassade ab ca. 9 Uhr in der Frühe, so daß die Verglasungen nach SO nahezu den ganzen Vormittag und auch während der Mittagsstunden direkt von der Sonne beschienen werden. Ab ca. 15 Uhr nachmittags treffen die Sonnenstrahlen bis ca. 18 Uhr abends 28 In den beiden Diagrammen in Abb. 22 ist die mit den Verschattungsbildern korrespondierende spezifische Intensität der auf die beiden Fassaden auftreffenden Globalstrahlung 15) T für den sonnigen Sommertag aufgetragen. Den Diagrammen ist zu entnehmen, daß die großflächig verglaste Halle vormittags sehr stark über Verglasungen der SO-Fassade solar belastet wird; nachmittags hingegen ist eine starke solare Belastung durch die Verglasungen der NW-Fassade zu erwarten. Die Spitzen der solaren Belastungen treten – wie anhand der Verschattungbilder bereits vermutet – vormittags und am späten Nachmittag auf. Anhand dieser Verschattungsanalyse ist für die exemplarisch betrachtete Halle festzustellen, dass die Verschattungswirkung der Umgebungsbebauung unerwartet gering ist und sich aufgrund der hohen solaren Strahlungsbelastung im Sommer die Erfordernis einer guten Sonnenschutzqualität der Glasfassaden ergibt. 15) Globalstrahlung = Summe aus direkter Sonneneinstrahlung und diffuser Himmelsstrahlung 29 3.3.3 Innensonnenschutz Der innenliegende Sonnenschutz kommt häufig dann zum Einsatz, wenn aus konstruktiven oder gestalterischen Gründen ein Außensonnenschutz nicht möglich ist. In der Regel weist der innenliegende Sonnenschutz jedoch eine deutlich geringere Sonnenschutzwirkung als der Außensonnenschutz auf. Dies äußert sich in einem Abminderungsgrad von ca. z = 0,5...0,7 für die meisten Innensonnenschutzsysteme gegenüber deutlich besseren Abminderungsgraden für Außensonnenschutzsysteme von ca. z = 0,1...0,3. Innensonnenschutz als Gewebe Ein innenliegender Sonnenschutz läßt sich generell entweder in Form eines Gewebes oder als Lamellen realisieren. Abb. 22 zeigt einen aufrollbaren Screen der Fa. artprofil Lichtschutz GmbH 16) , Stuhr, als typisches Beispiel für den Innensonnenschutz als Gewebe. Es ist sehr gut zu erkennen, wie der Innensonnenschutz den schrägen Fassadenabschlüssen der Halle sehr gut angepaßt werden kann. 16) Näheres zur Firma artprofil Lichtschutz GmbH ist im Internet zu finden unter www.artprofil.com 30 Bei vertikalen Glasfassaden nutzt man für den Innensonnenschutz häufig die Schwerkraft für das Ausfahren und Spannen des Screengewebes, indem ein Gewicht an das untere Ende des Gewebes angehängt wird. Abb. 23 zeigt eine typische Konstruktion für einen Innensonnenschutz in Form eines aufrollbaren Screens (Rollo) mit einigen typischen Abmessungen. 31 Innensonnenschutz als Jalousie Der innenliegende Sonnenschutz kann alternativ auch in Form eines Raffstores bzw. einer Jalousie mit vielen verfahrbaren und drehbaren Lamellen ausgeführt werden. Dabei können die Lamellen entweder horizontal (siehe Abb. 24) Für den Innenbereich kommen alle möglichen Farben der Jalousien in Betracht, was neben gestalterischen Effekten auch Einfluß auf das energetische Verhalten des Innensonnenschutzes nimmt. oder vertikal angeordnet sein. In Abb. 25 ist für das letztgenannte ein Beispiele der Firma Krülland GmbH & Co KG 17) , Kaarst, dargestellt. 17) Näheres zur Fa. Krülland GmbH & Co KG, Kaarst, ist im Internet zu finden unter www.kruelland.de 32 Sonnenschutzwirkung Das größte Manko des innenliegenden Sonnenschutzes ist generell in der eher begrenzten Sonnenschutzwirkung zu sehen. Im Hinblick auf den solaren Wärmeeintrag ist es energetisch ungünstig, wenn die Solarstrahlung erst hinter der Fassadenverglasung, also im Rauminneren, aufgehalten wird. Die mit einem innenliegenden Sonnenschutz erreichbare Sonnenschutzqualität hängt im Detail von der Ausbildung (Gewebe oder Jalousie), den Oberflächeneigenschaften (Reflexion, Absorption und Transmission, entspricht im wesentlichen der Farbgebung) und der Hinterlüftung ab. Bei Jalousien kommt außerdem der Winkelstellung der Lamellen eine große Bedeutung zu. Ein grober Überblick über die erreichbaren Abminderungsgrade und die maßgeblichen Einflüsse ist Abb. 26 zu entnehmen. Es wird deutlich, dass bei der Ausbildung des Innensonnenschutzes als Screengewebe im wesentlichen die Farbe (hell/dunkel), die Dichtheit des Gewebes und die Hinterlüftung den erreichbaren Abminderungsgrad (z-Wert, vgl. Kap. 3.1.5) beeinflussen. Dabei bedingen die Farbe die Reflexionseigenschaften des Gewebes, die Dichtheit des Gewebes (Lochanteil) die Transmission und die Abluftabsaugung den Abtransport der sekundären Wärmeabgabe. Dem Diagramm ist zu entnehmen, daß mit Hilfe eines innenliegenden Screens im Mittel ein Abminderungsgrad von ca. z = 0,7 zu erreichen ist, der im Falle einer Absaugung der sich am Gewebe erwärmenden Luft auf ca. z = 0,5 verbessert werden kann. Falls der Innensonnenschutz in Form einer Jalousie mit Lamellen ausgeführt wird, kommt neben den Oberflächeneigenschaften (Farbe bzw. Reflexion) der jeweiligen Geometrie (Breite der Lamelle und Abstand der Lamellen zueinander) und insbesonders dem Neigungswinkel eine große Bedeutung zu. Dabei ist nicht nur der Neigungswinkel der Lamellen relativ zur Horizontalen, sondern auch der Sonnenhöhenwinkel entscheidend. Insofern ist es äußerst schwierig, einen festen Abminderungsgrad für einen Lamellensonnenschutz anzugeben, da dieser sich permanent mit der Sonnenhöhe verändert (manchmal wird die Neigung der Lamellen dem jeweiligen Sonnenstand mit einer elektroni- schen Steuerung angepaßt). Die Werte in Abb. 26 sind für eine recht niedrige Sonnenhöhe (Elevation der Sonne ca. 0°, d.h. normal auftreffende Solarstrahlung) berechnet worden und ergeben für den Lamellensonnenschutz relativ ungünstige Werte von ca. z = 0,6...0,8. Bei höherer Sonne (Elevation ca. 40...60°) sind etwas bessere Werte zu erwarten (vgl. dazu Abschnitt 3.1.5). Für eine optimale Ausbildung in Form von spiegelnden Lamellen (evtl. auch spiegelnde Folien) können die Werte sogar noch weiter bis auf ca. z = 0,3 reduziert werden. 33 Tageslichtverhältnisse Vor dem Einsatz eines innenliegenden Sonnenschutzes sollten in ähnlicher Weise wie bei den Verglasungen immer auch Rückwirkungen auf die Tageslichtverhältnisse beachtet werden. Der kritische Fall ist jedoch nicht wie bei den Verglasungen der bedeckte Tag, da zu dieser Zeit der Sonnenschutz nicht ausgefahren ist. Vielmehr wird der sonnige Tag mit direkter Besonnung der Fassade und geschlossenem Sonnenschutz betrachtet, denn es sollte unbedingt vermieden werden, daß durch das Schließen des Sonnenschutzes der Tageslichteintrag so stark abgemindert wird, daß die Beleuchtung eingeschaltet werden muß. Für diese Anforderung ist die Verwendung eines Screengewebes ungeeignet. Zwar ist durch die detaillierte Ausbildung des Gewebes, z.B. den Lochabstand bzw. die Gewebedichte, eine genügend hohe Tageslichttransmission erreichbar. Da die Sonnenstrahlen beim Durchgang durch das Gewebe aufgrund der sehr kleinen „Löcher“ jedoch in Streulicht (Umwandlung von direkter (=gerichteter) Strahlung in diffuse (=ungerichtete) Strahlung) umgewandelt werden, werden die Gewebe sehr hell und verursachen häufig Blendungserscheinungen. Exemplarische Messungen bei innenliegenden Screens mit hoher Transmission haben ergeben, dass die Leuchtdichte an kritischen Stellen bis auf ca. 700...1000 cd/m² ansteigt. Diese Werte liegen weit oberhalb der für einen Bildschirmarbeitsplatz zulässigen Werte von ca. 250..300 cd/m² (typische Leuchtdichte bei heute üblichen Bildschirmen: ca. 80...100 cd/m²). Die Messungen für den exemplarisch betrachteten weißen Innensonnenschutz mit hoher Tageslichttransmission zeigen auf, daß bei direkter Besonnung mit erheblichen Blendungserscheinungen für die Bildschirmarbeitsplätze zu rechnen wäre und in diesem Fall ein derartiger Innensonnenschutz nicht zielführend sein kann. Es liegt zunächst nahe, zur Vermeidung von Blendungserscheinungen ein dichteres Gewebe mit entsprechend niedrigerer Lichtdurchläßigkeit zu wählen. Aufgrund der geringen Lichtdurchläßigkeit ist nun jedoch davon auszugehen, daß nicht mehr genügend Tageslicht in den Raum eindringt und somit das Einschalten des Kunstlichts erforderlich wird. Somit stellt sich auch ein dichtes Gewebe mit geringer Tageslichttransmission als nicht zielführend dar. Die Realisierung eines Innensonnenschutzes in Form eines Screengewebes stellt sich für normale Büroräume insgesamt als tageslichttechnisch ungeeignet dar. Demgegenüber bietet die Ausführung als Jalousie mit drehbaren Lamellen tageslichttechnisch deutliche Vorteile, die ausführlich in Kap. 3.3.3 und 3.3.4 diskutiert werden. 34 Innensonnenschutz für ein Glasdach Bei geringer Neigung oder spezieller Form eines Glasdachs (z.B. Tonnenform) ist bei Glasdächern häufig ein Außensonnenschutz nicht möglich, so daß der Sonnenschutz innenliegend realisiert werden muß. Um den solaren Wärmeeintrag zu begrenzen, sollte die Ausbildung eines Warmluftpolsters direkt unterhalb des Glasdachs vermieden werden, denn bei gewölbter oder spitzer Form des Glasdachs besteht die Gefahr, daß sich die aufsteigende Warmluft bei ungünstigen Lüftungssituationen direkt unterhalb des Glasdachs aufstaut (siehe Prinzipskizzen in Abb. 27). Eine ungünstige Lüftungssituation im Hinblick auf ein Warmluftstau ist immer dann gegeben, wenn der Luftstrom der Lüftung unterhalb des Innensonnenschutzes seitlich abgeführt wird, wie in Abb. 27 im Prinzip dargestellt. Darin ist zu erkennen, daß bei einer entsprechenden Hinterlüftung des innenliegenden Sonnenschutzes die Ausbildung eines Warmluftstaus weitgehend vermieden werden kann. Dies setzt jedoch öffenbare Fenster am höchstenPunkt des Glasdachs voraus, was sich aus konstruktiven Gründen schwierig darstellen kann. Eine im Hinblick auf die Öffnunsgelemente einfachere Lösung ist in Abb. 29 dargestellt. Hier sind die Fenster an der seitlichen Fassade angeordnet und die schräge Dachform lässt ein seitliches Abströmen der Warmluft zu. Dieser Warmluftstau kann zu hohen Oberflächentemperaturen des Innensonnenschutzes führen, welcher dann wie ein Heizstrahler wirkt und seine Wärme direkt auf die Köpfe der anwesenden Personen strahlt. Es ist leicht vorstellbar, daß dies zu thermisch unbehaglichen Zuständen führen kann. Für die Vermeidung derartiger Warmluftstaus unterhalb des Glasdachs empfiehlt sich entweder eine andere Luftführung oder alternativ eine andere Dachform, wie dies exemplarisch in Abb. 28 aufgezeigt ist. Allerdings bedeutet die Änderung der Dachform einen massiven Eingriff in die architektonische Gestaltung einer Glashalle und sollte daher soweit als möglich vermieden werden. 35 3.3.4 Außensonnenschutz Der außenliegende Sonnenschutz weist von allen Sonnenschutzsystemen die beste Wirkung auf, da er die solare Wärme gar nicht erst in den Raum hineinläßt, sondern sie außerhalb der Verglasung bereits abfängt. Lamellensonnenschutz In Analogie zum Innensonnenschutz kann auch der Außensonnenschutz entweder als aufrollbares Screengewebe, welches eventuell als Markise ausstellbar ist (siehe Abb. 30), oder als Raffstore bzw. Jalousie mit horizontalen, drehbaren Lamellen (siehe Abb. 31) ausgebildet werden. Aufgrund der tageslichttechnischen Nachteile, die mit einem Screengewebe verbunden sind (vgl. Kap. 3.3.3), kommt sehr häufig der Lamellensonnenschutz zum Einsatz. Der Außensonnenschutz weist einen sehr starken Einfluß auf das Erscheinungsbild des Gebäudes auf. Insofern sollte der Außensonnenschutz auch als gestalterisches Mittel begriffen und in die Gebäudekonzeption eingebunden werden. 36 Sonnenschutzwirkung Die hohe Effizienz des Außensonnenschutzes spiegelt sich in einem entsprechend guten energetischen wieder. In Abb. 32 sind die erreichbaren Werte des Gesamtenergiedurchlaßgrades für einige außenliegende Lamellensonnenschutzsysteme aufgetragen. Außenliegende Screengewebe sind zwar ebenfalls auf dem Markt erhältlich (z.B. ausstellbare Markisen, Außenrollos, etc.), kommen jedoch aufgrund der Tageslichtproblematik (vgl. dazu Kap. 3.3.4) nur noch selten zum Einsatz. Um die energetische Überlegenheit des Außensonnenschutzes im Hinblick auf die Begrenzung des solaren Wärmeeintrags zu verdeutlichen, enthält das Diagramm in Abb. 32 zu Vergleichszwecken einen standardmäßigen Innensonnenschutz. Es wird deutlich, dass mit einem außenliegenden Lamellensonnenschutz Abminderungsgrade von ca. z = 0,1...0,2 erreichbar sind. Die Sonnenschutzqualität hängt im wesentlichen vom Reflexionsvermögen der Lamellenoberseite und dem Absorptionsverhalten der Lamellenunterseite ab. Beides wird durch die Farbgebung bzw. Oberflächenbehandlung bestimmt. Das energetische Optimum ist bei ausschließlicher Betrachtung des erreichbaren Gesamtenergiedurchlaßgrades in einer Lamelle mit spiegelnder Oberseite (hochglanzpoliertes Aluminium) und schwarzer Unterseite zu sehen. Da die spiegelnde Lamellenoberseite beim Außensonnenschutz jedoch starken Witterungseinflüssen ausgesetzt wäre, die recht schnell zum „Erblinden“ der spiegelnden Oberfläche führen würde, kommen häufig weiße Oberseiten mit hoher Reflexion zum Einsatz. Eine schwarze Lamellenunterseite würde erhebliche tageslichttechnische Probleme verursachen, so daß in der Regel eher graue Lamellenunterseiten verwendet werden (vgl. dazu nachfolgenden Abschnitt). Generell empfiehlt es sich, für einen Außensonnenschutz eine windfeste Konstruktion zu wählen (z.B. durch seitliche Führungen), damit bei Besonnung und gleichzeitigem Windangriff der Sonnenschutz nicht aus Sicherheitsgründen hochgefahren werden muß und die Sonne ungehindert den Raum aufheizen kann. Mit entsprechend stabilen Konstruktionen können heutige Außensonnenschutzsysteme durchaus Windgeschwindigkeiten bis zu ca. 12 m/s unbeschadet überstehen. Die Ausführungen zur Sonnenschutzwirkung des außenliegenden Sonnenschutz haben deutlich gemacht, daß bei einer ökologischen Zielsetzung – also im Sinne von Kühlenergieeinsparung - im Falle großflächig verglaster Fassadenbereiche einzig der Außensonnenschutz als zielführend bezeichnet werden kann. 37 Tageslichtverhältnisse Ein Außensonnenschutz bietet zwar die bestmögliche Sonnenschutzwirkung; dennoch müssen auch die bei geschlossenem Sonnenschutz zu erwartenden Tageslichtverhältnisse genau analysiert werden, um ein zufriedenstellendes Gesamtergebnis für die Fassade zu erreichen. Hierzu eignen sich tageslichttechnische Berechnungen (z.B. mittels RADIANCE /5/), die als Ergebnisse die bei direkter Besonnung und geschlossenem Sonnenschutz zu erwartenden inneren Leuchtdichten liefern. Auch tageslichttechnische Messungen können in diesem Zusammenhang zielführend sein. Derartige tageslichttechnische Simulationen zeigen klar auf, dass bei der früher häufig zum Einsatz gekommen beidseitig silber- oder alufarbenen Standardlamelle bei ungünstigen Sonnenwinkeln mit erheblichen Blendungserscheinungen zu rechnen ist, wie dies aus der Praxis leider auch häufig bestätigt wird. Da diese Blendungserscheinungen der Standardlamelle z.T. auch auf einen gewissen Anteil an direkter Reflexion zurückzuführen sind, empfiehlt sich für die Lamellenunterseite eine rein diffus reflektierende, dunkle Unterseite. Sowohl entsprechende tageslichttechnische Berechnungen wie auch Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass Blendungserscheinungen bei einer weißen Lamellenoberseite sowohl mit einer grauen wie auch einer schwarzen Lamellenunterseite weitgehend vermieden werden können. seite bewirkt ein starke Abschwächung des Tageslichteintrags durch die geneigten Lamellen. Tageslichttechnische Untersuchungen zeigen, dass dies zu Beleuchtungsstärken auf dem Schreibtisch führt, die im Mittel bei ca. 200...300 Lux liegen und im hinteren Bereich sogar deutlich unter 200 Lux absinken. Das bedeutet, daß bei einer normalen Bürotätigkeit, z.B. dem Schreiben mit der Hand, das Kunstlicht eingeschaltet werden muß. Es ist somit evident, daß bei einer schwarzen Lamellenunterseite zu wenig Tageslicht in den Raum einfällt und somit aus tageslichttechnischen Gründen eine schwarze Lamellenunterseite vermieden werden sollte. Ein weiterer Nachteil der schwarzen Lamellenunterseite ist darin zu sehen, dass der gesamte Raum als duster empfunden wird. Die Lamelle mit weißer Oberseite und grauer Unterseite stellt somit derzeit wohl den besten Kompromiss zwischen solarem Energieeintrag und Tageslichteinfall für den normalen (ungeteilten) Außensonnenschutz dar. Neben den Blendungserscheinungen muß bei der Wahl der Lamellenoberflächen jedoch die gesamte Tageslichtsituation im Raum im Auge behalten werden. Ein Vergleich zwischen Standardlamelle und Lamellen mit diffus reflektierender Unterseite zeigt, dass bei der beidseitig silberfarbenen Standardlamelle erwartungsgemäß am meisten Tageslicht in den Raum einfällt, was jedoch – wie bereits diskutiert – mit erheblichen Blendungserscheinungen verbunden ist. Im Falle der Lamelle mit weißer Oberseite und grauer Unterseite zeigen Untersuchungen für ein exemplarisch betrachtetes Büro, dass der fassadennahe Arbeitsplatz trotz dunkler Lamellenoberfläche mit entsprechender Tageslichtabsorption recht gut ausgeleuchtet wird. Denn der gesamte Schreibtisch erreicht eine Beleuchtungsstärke von ca. 500...700 Lux, was als sehr gut einzustufen ist. Eine sehr dunkle Lamellenunterseite, z.B. schwarz, in Kombination mit einer hochreflektierenden Lamellenoberseite (spiegelnd oder weiß) stellt zwar im Hinblick auf den solaren Wärmeeintrag das theoretische Optimum dar. Die hohe Absorption von Tageslicht an der schwarzen Lamellenunter38 Systeme zur Tageslichtlenkung Bei tieferen Räumen (Raumtiefen über ca. 5 m) – insbesondere mit zusätzlichen Arbeitsplätzen in Raumtiefe – reicht der mit einem normalen Lamellensonnenschutz erreichbare Tageslichteintrag trotz optimierter Lamellenoberflächen gelegentlich nicht aus. In diesen Fällen kommen die Systeme zur Lenkung des Tageslichts in die Raumtiefe zum Einsatz. Mit Hilfe von Tageslichtlenksystemen lassen sich nach Herstellerangaben zwar bis zu ca. 70% des Kunstlicht-Stromverbrauchs einsparen und generell eine höhere visuelle Behaglichkeit (helle, freundliche Räume) erreichen. Dem stehen jedoch immer die hohen Investitionskosten für diese aufwendigen Tageslichtlenksysteme gegenüber, so daß bei einer reinen Wirtschaftlichkeitsprüfung in der Regel gegen ein Tageslichtlenksystem entschieden wird. Manche finanziell potente Bauherren legen jedoch großen Wert auf die höhere Leistungsfähigkeit und -bereitschaft der Nutzer, die mittels gesteigerter visueller Behaglichkeit nachweislich erreicht werden kann. Es ist jedoch sofort eine Schwachstelle des starren Okasolarsystems zu erkennen: bei flach auftreffenden Sonnenstrahlen werden diese z.T unerwünschterweise in den Raum hinein gelenkt, was zu erheblichen Problemen (Blendungserscheinungen) führen kann. Im folgenden sind einige Tageslichtlenksysteme exemplarisch aufgeführt und kommentiert; ein Gesamt-Überblick über Tageslichtlenksysteme ist in /8/ zu finden. (1) Okasolar-System der Fa. OKALUX Kapillarglas GmbH, Marktheidenfeld Als eines der ersten auf dem Markt erhältlichen Tageslichtlenksysteme ist das Okasolar-System der Fa. OKALUX Kapillarglas GmbH zu nennen. Dieses wurde in den 1990er Jahren bei Neubauten häufiger eingesetzt. Vermutlich aufgrund der dabei aufgetretenen Schwierigkeiten wird es in letzter Zeit nur noch selten als Möglichkeit zur Tageslichtlenkung diskutiert. Bei dem Okasolarsystem werden hochreflektierende, speziell geformte Elemente in den Scheibenzwischenraum (SZR) der Isolierverglasung im Oberlichtbereich integriert. Der detaillierte Aufbau und das Funktionsprinzip sind Abb.33 zu entnehmen, in dem exemplarisch eine Fassade mit dem Okasolarsystem im Oberlichtbereich dargestellt ist. Als Besonderheit ist bei diesem Beispiel das Okasolarsystem mit einer Tageslichtergänzungsbeleuchtung kombiniert, die eine ausreichende und gleichmäßige Versorgung des Raums mit Licht gewährleisten soll. Der Detaildarstellung in Abb. 33 ist zu entnehmen, daß die Okasolar-Spiegelelemente im SZR hoch auftreffende Sonnenstrahlen nach außen zurückreflektiert und flacher einfallendes diffuses Himmelslicht in den Raum hinein lenken soll. 39 (2) Speziell geformte Tageslichtlenklamelle Vor kurzem ist eine neue Tageslichtlenklamelle auf dem Markt erschienen, die von Herrn Dr.Ing. Helmut Köster entwickelt wurde, und unter der Produktbezeichnung „RETROLux“ von der Fa. RETROSolar, Gesellschaft für Tageslichtsysteme mbH, Kirn, vertrieben wird. Ähnlich wie bei dem Okasolarsystem soll diese Lamelle auch im Oberlichtbereich einer vertikalen Fassade zum Einsatz kommen. und Transparenz • RETROLuxTherm und RETROFlexTherm Verkleinerte Aluminiumlamellen mit derselben Geometrie und Funktionsweise wie RETROLux und RETROFlex, die jedoch im Scheibenzwischenraum einer Isolierverglasung angeordnet sind. In Abb. 34 ist zu erkennen, dass sich diese Lamelle mit ihrer sehr speziellen Formgebung in zwei Funktionsbereiche aufteilt: Der vordere gezahnte Bereich dient der Reflexion der Sonnenstrahlen („RETROReflexion“) und der hintere flache Bereich („Lightshelf“) dient der Tageslichtlenkung. Diese Lamelle wird auch als Komponente des Produkts „PRO-day Die Lichtfassade“ auf dem Markt angeboten, welches auf der Fachmesse Light + Building 2002 in Frankfurt mit dem Innovationspreis Architektur und Technik („Besondere Anerkennung“) ausgezeichnet wurde. Neben der dargestellten Tageslichtlenklamelle RETROLux werden von der Fa. RETROSolar noch weitere Produkte zur Tageslichtlenkung angeboten, die allesamt von Herrn Dr.-Ing. Helmut Köster entwickelt wurden: • RETROFlex Aluminium-Lamelle mit eingewalzter Mikrostruktur für RETRO-Reflexion 40 (3) LIF-Acryllamellen Als weiteres relativ neues Beispiel für ein Tageslichtlenksystem im Oberlichtbereich seien die im Scheibenzwischenraum angeordneten Acryllamellen aufgeführt. Dieses System macht sich die optischen Eigenschaften von transparenten Stoffen (in diesem fall Acryl) zunutze, indem es die Totalreflexion an den Innenseiten der Acryllamellen zu Zwecken der Tageslichtlenkung nutzt. Das Funktionsprinzip der LIF-Acryllamellen ist in Abb. 35 exemplarisch dargestellt. Die Sonnenstrahlen werden zunächst in den Acryllamellen aufgefangen und in Richtung der Raumdecke umgelenkt, wobei sie durch die Vielfachreflexionen in diffuses Licht umgewandelt werden. Dieses System eignet sich besonders für steil einfallendes Tageslicht, wie es z.B. oftmals in Häuserschluchten oder eng beieinander angeordneten hohen Gebäuden der Fall ist. 41 (4) Hochreflektierende Tageslichtlenklamelle Die bisher aufgeführten Beispiele für Tageslichtlenksysteme sind alle mehr oder weniger starre Systeme, die nicht oder kaum bewegt werden müssen, um ihre TageslichtlenkFunktion zu erreichen. Eine höhere Effizienz sowohl bei der Tageslichtlenkung wie auch bei der Sonnenschutzwirkung kann natürlich erreicht werden, wenn ein System eingesetzt wird, das sich dem jeweiligen Sonnenstand anpaßt. Als Beispiel sei die hochreflektierende Lamelle der Fa. WAREMA aufgeführt (ein ähnliches Produkt wird auch von der Fa. hüppe form vertrieben). Diese auf der Lamellenoberseite spiegelnde Lamelle weist eine besondere konkave Form auf, die dem Umlenken des einfallenden Tageslichts dient (Abb. 36). Wie bei den Tageslichtlenksystemen (1) bis (3) basiert auch die Tageslichtlenkung via Spiegellamelle auf einer funktionell geteilten Fassade, wobei der Oberlichtbereich der Tageslichtlenkung dient. Diese Trennung macht auch eine getrennte Ansteuerung der Lamellen erforderlich, damit im unteren Fensterbereich eine ausreichende Sonnenschutzwirkung erzielt werden kann. Damit kann eine große Flexibilität bezüglich der Lamellenstellung erreicht werden (Abb. 37). 42 Neben den aufgeführten Tageslichtlenksystemen existiert noch eine Vielzahl weiterer Systeme, die hier nicht alle ausführlich beschrieben werden können, jedoch stichpunktartig benannt seien: Holographisch-optische Elemente Anidolische System Prismenplatten Sonnenschutzspiegelraster Laser Cut Panels (LCP) Lichtschwert (Lightshelf) Drehbare Spiegellamellen Lichtlenkglas mit Weißlichthologrammen Heliostaten Lichtrohr (Lightpipes) Lichtwellenleiter Verglasung mit Spiegelprofilen Lichtstreuendes Glas Transparente Wärmedämmung All diese Tageslichtlenksysteme sind detailliert in /8/ aufgeführt. Darüber hinaus wird voraussichtlich Ende 2002/ Anfang 2003 die neue VDI-Richtlinie 6011 „Optimierung von Tageslichtnutzung und künstlicher Beleuchtung – Grundlagen“ verabschiedet (bisher nur als Entwurf vom Februar 2001, siehe /9/). Diese VDI-Richtlinie erläutert zum einen sehr fundiert die physikalischen Grundlagen der Tageslichtlenkung und sie gibt auch einen sehr guten und umfassenden Überblick über die derzeit auf dem Markt erhältlichen Tageslichtlenksysteme. Dabei kann sich die ebenfalls enthaltene Bewertung der einzelnen Systeme als sehr hilfreich für den Planungsprozess erweisen. 43 Außensonnenschutz für ein flaches Glasdach Ein außen angeordneter Sonnenschutz an einem horizontalen oder gewölbtem Glasdach läßt sich konstruktiv in der Regel nur recht schwierig und aufwendig realisieren, da im Gegensatz zur vertikalen Fassade die Schwerkraft nicht unterstützend und stabilisierend wirkt. Nachfolgend sind einige Beispiele für den außenliegenden Sonnenschutz bei einem horizontalen Glasdach aufgeführt. Der energetisch günstige Außensonnenschutz kann z.B. mittels Alu-Großlamellen (ca. 30...50 cm breit) über der Dachverglasung realisiert werden, wobei diese Lamellen entweder starr (und damit deutlich kostengünstiger) oder drehbar, aber nicht horizontal verfahrbar (zumindest nicht ohne exorbitanten Kostenaufwand) ausgeführt werden können. Die Auswirkungen auf die Tageslichtverhältnisse werden unten diskutiert. Alternativ könnten diese Großlamellen auch als Glaslamellen, als Glaspaneele mit holographischoptischen Elementen oder als Prsimenplatten ausgeführt werden. Wie in Abb. 38 zu sehen ist, zeigen die starren Großlamellen bei günstigen Sonneneinfallswinkeln brauchbare Abminderungsgrade von ca. z = 0,15...0,20. Bei ungünstigen Sonneneinfallswinkeln hingegen weisen die starren Großlamellen eine geringe Sonnenschutzwirkung auf, so daß ihr Abminderungsgrad lediglich bei ca. z = 0,80...0,95 liegt. Die Kombination der starren Großlamellen mit einer hochselektiven Sonnenschutzverglasung ergibt je nach dem Sonneneinfallswinkel einen Gesamtenergiedurchlaßgrad g von 8...32%. 44 Die drehbaren Großlamellen hingegen werden der Sonne permanent nachgeführt, was jedoch einen entsprechenden Antriebsmechanismus und eine geeignete Steuerung der Lamellenneigung erfordert. Die Nachführung der Lamellen bewirkt eine fortwährend günstige Winkelstellung bzgl. der einfallenden Sonnenstrahlung, und entsprechend einen sehr guten Abminderungsgrad von ca. z = 0,10...0,20. In Kombination mit einer hochselektiven Sonnenschutzverglasung lassen sich damit in etwa Werte für den Gesamtenergiedurchlaßgrad von ca. 6...12% erzielen (Abb. 39). Da die Lamellen drehbar sind, können diese während der Zeit, in der kein Sonnenschutz erforderlich ist, in eine senkrechte Position gedreht werden, um möglichst viel Tageslicht hindurchzulassen. 45 Als Alternative mit einer in etwa gleichwertigen Sonnenschutzwirkung bietet sich zu den konstruktiv aufwendigen Lamellensystemen eine elektrochrome Verglasung an (näheres hierzu siehe Abschnitt 3.3.6). Eine derartige Verglasung ist durch eine spezielle Schicht innerhalb der Verglasung in der Lage, ihre Kennwerte durch das Anlegen einer elektrischen Spannung zu verändern; der Sonnenschutz ist quasi in der Verglasung enthalten (vgl. dazu Abb. 40). Die elektrochrome Verglasung erreicht im abgedunkelten Zustand einen Gesamtenergiedurchlaßgrad g von ca. 12%, welcher in etwa dem einer Verglasung in Kombination mit einem außenliegenden Sonnenschutz entspricht. 46 Neben den erreichbaren Sonnenschutzqualitäten sind bei der Gestaltung des Glasdachs auch die resultierenden Tageslichtverhältnisse zu beachten. Falls an die Glashalle Büroräume angrenzen, so empfiehlt sich neben der Analyse der erreichbaren Gesamtenergiedurchlaßgrade des Glasdachs auch eine detaillierte Untersuchung der in den angrenzenden Räumen resultierenden Tageslichtverhältnisse. Diese ist erforderlich, um den optimalen Kompromiß zwischen solarem Wärmeeintrag und Tageslichteinfall herauszufinden. Grenzkurve, die einen TQ-Wert von 0,9% anzeigt und die in ca. 1 m Abstand vom Fenster verläuft, noch verdeutlicht. Dies bedeutet, daß der Außensonnenschutzes in Form von starren Lamellen mit 45° Neigung im exemplarisch betrachteten Fall zu wenig Tageslicht durchläßt, um die an das Atrium angrenzende Büros noch vernünftig mit Tageslicht versorgen zu können. Bei einer derartigen Konstellation ist aus tageslichttechnischen Gründen dringend von den starren Lamellen abzuraten. In den Abb. 41 – 43 ist exemplarisch eine Analyse der Tageslichtverhältnisse für die zuvor dargestellten drei Varianten des außenliegenden Sonnenschutzes an einem flachen Glasdach dargestellt. Dabei wurde die jeweilige Verteilung der Tageslichtquotienten in einem an das Atrium angrenzenden tageslichttechnisch kritischen Büro berechnet und dargestellt. Die leichte Asymmetrie der Werte rührt dabei aus einem trapezförmigen Grundriß des exemplarisch betrachteten Atriums. In Abb. 41 sind zunächst die Auswirkungen der starren, um 45° geneigten Lamellen auf die Tageslichtverhältnisse in einem kritischen Büro aufgetragen. Deutlich erkennbar ist, dass der gemäß DIN 5034 /7/ für tagesbelichtete Räume an den beiden Referenzpunkten D1 und D2 (Punkte in halber Raumtiefe jeweils 1 m von der Wand entfernt) geforderte Mittelwert des Tageslichtquotienten von 0,9% deutlich unterschritten wird. Dies wird durch die 47 In Abb. 42 ist die Verteilung der Tageslichtquotienten im selben kritischen Büro wie zuvor dargestellt, wobei in diesem Fall der Außensonnenschutz am Glasdach als drehbare Großlamellen (nicht verfahrbar) ausgeführt ist und die Lamellen in senkrechter Position stehen. Um die Tageslichtabminderung an den Lamellen möglichst gering zu halten, weisen die Oberflächen einen hohen Reflexionsgrad auf (z.B. hellweiß). Es zeigt sich, dass die in diesem Fall zu erwartenden Tageslichtquotienten an den Referenzpunkten D1 und D2 die Forderungen der DIN 5034 knapp erfüllen (bei strenger Auslegung wären sie nicht erfüllt). Dies bedeutet, daß bei dem exemplarisch betrachteten Atrium der Außensonnenschutz am Glasdach zwar in Form drehbarer Großlamellen mit weißen Oberflächen tageslichttechnisch gerade noch zulässig wäre, in den angrenzenden Büros jedoch ein eher dunkles Tageslichtmilieu zu erwarten wäre. Es stellt sich daher die Frage, ob die enormen, für die drehbaren Lamellen erforderlichen konstruktiven Anstrengungen gerechtfertigt oder Alternativen vorzuziehen sind. 48 In Abb. 43 schließlich ist die entsprechende Verteilung der Tageslichtquotienten in dem kritischen Büro für eine elektrochrome Verglasung aufgetragen. Diese Variante weißt deutlich höhere Werte des Tageslichtquotienten auf, was vor allem auf die nicht erforderliche Haltekonstruktion und die Lamellen selbst zurückzuführen ist, so daß im aufgehellten Zustand der elektrochromen Verglasung deutlich mehr Tageslicht in das Atrium und die angrenzenden Büros einfallen kann als bei den zuvor betrachteten außenliegenden Großlamellen. Die integrale Betrachtung von solarem Wärmeeintrag und Tageslichteinfall im vorliegenden Beispiel zeigt, dass die optimale Lösung überraschenderweise nicht die Großlamellen, sondern die elektrochrome Verglasung bildet. 49 3.3.5 Integrierter Sonnenschutz Neben den in Kap. 3.3.3 und Kap. 3.3.4 betrachteten grundsätzlichen Sonnenschutztypen gibt es noch viele weitere Möglichkeiten, einen Sonnenschutz zu realisieren. Einige besonders interessante Sonderformen des Sonnenschutzes werden im Rahmen dieses Abschnitts näher betrachtet. in Abb. 44 beispielhaft das System LITESTAR der Fa. Eckelt Glas GmbH 20) , dargestellt ist. Anstelle der Folie kann der im Scheibenzwischenraum angeordnete Sonnenschutz auch in Form von schmalen Lamellen realisiert werden (Abb. 45). Der integrierte Sonnenschutz ist je nach Ausbildung mehr dem Innen- oder Außensonnenschutz zuzuordnen. Dabei kann er entweder im Scheibenzwischenraum der Isolierverglasung oder im Zwischenraum einer doppelschaligen Fassade angeordnet sein. Sonnenschutz im Zwischenraum einer Isolierverglasung Der bewegliche Sonnenschutz, der zwischen den beiden Glasscheiben einer Isolierverglasung angeordnet ist, kann entweder in Form von teiltransparenten Folien oder Lamellen ausgebildet sein. Derartige Systeme werden von verschiedenen Herstellern angeboten (z.B. ECLIPSE von der Fa. Eckelt Glas GmbH, Iso Flex der Fa. SYGLAS GmbH, Isolette von Glas Schuler GmbH 21) ). Das Funktionsprinzip einer im Scheibenzwischenraum angeordneten verfahrbaren Folie ist in Abb. 44 dargestellt. Derartige Systeme werden von etlichen Herstellern angeboten (z.B. First-Roll der Fa. AGERO 18) , Iso Fol der Fa. SYGLAS 19) ), wobei 18) Näheres zur Fa. AGERO AG, Schlattingen, Schweiz, ist im Internet zu finden unter www.agero-ag.com 19) Näheres zur Fa. SYGLAS GmbH, Rosenheim, ist im Internet zu finden unter www.syglas.de 20) Näheres zur Fa. Eckelt Glas GmbH, Steyr, Austria, ist im Internet zu finden unter www.eckelt.at 21) Näheres zur Fa. Glas Schuler GmbH, Rednitzhembach, ist im Internet zu finden unter www.isolette.de 50 In Abb. 46 ist beispielhaft ein integrierter Sonnenschutz in Form einer Folie im Scheibenzwischenraum im eingebauten Zustand dargestellt. Das dargestellte Sytem weist die Besonderheit auf, daß die Folie im Scheibenzwischenraum einer nahezu horizontalen Dachverglasung angeordnet ist. Als Anwendungsbeispiel eines integrierten Sonnenschutzes in Form von Lamellen im Scheibenzwischenraum ist in Abb. 47 das System Iso Flex der Fa. SYGLAS GmbH im eingebauten Zustand dargestellt. 51 Der im Scheibenzwischenraum angeordnete Sonnenschutz weist das grundsätzliche Problem auf, daß sich der Sonnenschutz bei intensiver Besonnung aufgrund der Oberflächenabsorption stark erhitzt. Diese Hitze gibt der Sonnenschutz sowohl via thermischer Strahlung als auch via Konvektion im Scheibenzwischenraum teilweise an die innere Scheibe der Isolierverglasung ab, welche diese Wärme als sekundäre Wärmeabgabe in dem angrenzenden Raum freisetzt. Bei ungünstiger Farbgestaltung (z.B. bei dunklen Oberflächen mit hoher Absorption) kann die sekundäre Wärmeabgabe an den Raum derart ansteigen, daß die Sonnenschutzwirkung deutlich abgeschwächt wird. Diesem Problem kann durch eine hohe Reflexion (und damit niedrigere Absorption) der sonnenzugewandten Oberfläche des Sonnenschutzes entgegengewirkt werden. Aus diesem Grund lassen sich beim Sonnenschutz im Scheibenzwischenraum die besten Werte für den Gesamtenergiedurchlaßgrad bzw. Abminderungsfaktor mittels spiegelnder Sonnenschutzelemente erzielen. In Abb. 48 sind die g-Werte für einige Systeme mit einem im SZR integrierten Sonnenschutz aufgeführt; dabei ist zu beachten, daß alle angegebenen Werte Herstellerangaben sind. Da die Folien bzw. Lamellen jedoch in unterschiedliche Verglasungen eingebaut werden, sind die Werte nur bedingt vergleichbar und führen auch zu unterschiedlichen Abminderungsgraden (z-Werten). Darüber hinaus gelten die etwas niedrigeren g-Werte der integrierten Folien für komplett geschlossene Folien, wohingegen die Lamellen einen gewissen Neigungswinkel aufweisen und somit einen erhöhten Strahlungsdurchgang bedingen. Wie in Abschnitt 3.3.4 bereits ausführlich diskutiert, weisen die Lamellen jedoch tageslichttechnische Vorteile gegenüber den Folien (Screens) auf. Trotz allem kann Abb. 48 entnommen werden, daß mit Hilfe eines im Scheibenzwischenraum integrierten wartungsfreien Sonnenschutzes in etwa ein Abminderungsgrad z = 0,1...0,3 (je nach Ausführung) realisiert werden kann, der den sehr guten Werten von Außensonnenschutz nahekommt. Dies bedeutet, daß ein im Scheibenzwischenraum der Isolierverglasung angeordneter Sonnenschutz im Hinblick auf den solaren Wärmeeintrag in etwa dieselbe hervorragende Qualität wie ein Außensonnenschutz aufweist. Neben den beschriebenen Realisierungsmöglichkeiten existieren eine Reihe weiterer Ansätze, z.B. integrierte Tageslichtraster, integrierte Sonnenschutzprismen, integrierte Micro-Sonnenschutzraster, u.v.m. 52 Sonnenschutz im Zwischenraum einer doppelschaligen Fassade Der integrierte Sonnenschutz kann wird häufig auch im Zwischenraum einer doppelschaligen Fassade plaziert. Die Sonnenschutzwirkung, die sich mit einem im Fassadenzwischenraum (FZR) integrierten Sonnenschutz erzielen läßt, hängt in analoger Weise wie bei den diskutierten Lamellensonnenschutzsystemen von den Oberflächeneigenschaften der Lamellen, der Art der Verglasungen und der Durchlüftung ab. Zur Verdeutlichung dieser Einflüsse wird im folgenden die Optimierung einer doppelschaligen Fassade mit integriertem Sonnenschutz im Hinblick auf den solaren Wärmeeintrag beispielhaft vorgeführt. In Abb. 49 ist die exemplarisch betrachtete, doppelschalige Fassade dargestellt. Bei dem Bauvorhaben handelt es sich um die Sanierung eines bestehenden Gebäudes mit einer komplett neuen Fassade mit großflächigen Verglasungen. 53 Die Auswirkungen der einzelnen Optimierungsschritte auf den Gesamtenergiedurchlaßgrad der doppelschaligen Fassade sind in Abb. 50 aufgetragen. Es wird deutlich, dass mit einer standardmäßigen Ausführung der doppelschaligen Fassade (vgl. dazu Abb. 53) bereits ein Gesamtenergiedurchlaßgrad von ca. 10...12% erreicht werden kann. Die Substitution der handelsüblichen Wärmeschutzverglasung mit Beschichtung auf Position 3 (WSV, Pos. 3) durch eine Sonnenschutzverglasung (SSV) reduziert den g-Wert der Fassade auf ca. 7%. transmittieren sehr viele Sonnenstrahlen die äußere Schale somit zweimal. Da bei jedem Strahlendurchgang ein gewisser Anteil im Glas absorbiert wird, weist das Glas mit geringerer Absorption (Weißglas oder Klarglas) also einen energetischen Vorteil auf. Mit einer Außenschale aus Weißglas läßt sich somit der g-Wert der doppelschaligen Fassade nochmals um ca. 0,5% verringern. Abb. 50 ist zu entnehmen, daß sich der für die solaren Wärmelasten maßgebliche Gesamtenergiedurchlaßgrad einer doppelschaligen Fassade durch das Ausschöpfen der aufgezeigten Optimierungspotentiale ungefähr halbieren läßt. Falls anstelle der üblichen, beidseitig silberfarbenen Lamelle eine Lamelle mit spiegelnder Oberseite und grauer Unterseite vorgesehen wird, kann der gWert der Fassade nochmals deutlich auf ca. 4...5% abgesenkt werden (vgl. dazu Kap. 3.3.3 und 3.3.4). Im Gegensatz zum Außensonnenschutz, der aufgrund der Witterungseinflüsse eine spiegelnde Lamellenoberfläche nicht zuläßt, schützt die doppelschalige Fassade durch ihre äußere Schale die Sonnenschutzlamellen sehr gut. Insofern bietet sich der Einsatz von spiegelnden Lamellen im Fassadenzwischenraum der doppelschaligen Fassade geradezu an. Diese können neben dem Schutz vor solarem Wärmeeintrag auch zur Tageslichtlenkung eingesetzt werden (siehe Abschnitt 3.3.4, (4)). Eine weitere Verbesserung der Sonnenschutzwirkung spiegelnder Lamellen kann durch die Verwendung von Weißglas als äußere Scheibe erreicht werden. Der größere Anteil der Sonnenstrahlen dringt zunächst durch die äußere Schale in den Fassadenzwischenraum, wo er von den spiegelnden Lamellen größtenteils reflektiert wird und dann wieder durch die Außenschale austritt. Insgesamt 54 Einen besonderen Einflüssen auf den g-Wert einer doppelschaligen Fassade spielt die Durchlüftung des Fassadenzwischenraums. Häufig wird der Fassadenzwischenraum über offene Schlitze unten und oben in der geschoßweise geschotteten doppelschaligen Fassade natürlich gelüftet. Dabei ist zu beachten, daß sich für die Vermeidung eines Strömungskurzschlusses bzw. von Rezirkulation (warme Luft aus dem Fassadenzwischenraum des unteren Geschosses strömt über die oberen Schlitze nach außen ab, wo sie über den Zuluftschlitz des darüber angeordneten Geschosses sofort wieder in den Fassadenzwischenraum hinein strömt) eine versetzte Anordnung der Zu- und Abluftschlitze empfiehlt. Diese als „Diagonallüftung“ bezeichnete Anordnung von Zu- und Abluftschlitzen einer doppelschaligen Fassade ist als Prinzip in Abb. 51 dargestellt. Dabei weist die in Abb. 51 exemplarisch dargestellte Diagonallüftung als Besonderheit flächenmäßig optimierte Zu- und Abluftschlitze auf. Denn es ist zu erkennen, daß sich die Öffnungsfläche des jeweiligen Schlitzes über die gesamte Höhe des Geschoßumschlags ausdehnt, um möglichst große Schlitze für eine gute Durchlüftung des Fassadenzwischenraums zu erzielen. Diese aerodynamisch günstige Lösung erfordert jedoch eine achsweise Trennung von Zu- und Abluft, welche in der Regel mittels Lüftungskästen realisiert wird, die abwechselnd nach oben und nach unten geöffnet sind. Neben den verfügbaren Öffnungsflächen wird die Durchlüftung des Fassadenzwischenraums auch von der detaillierten Ausbildung der Öffnungen bzw. Schlitze selbst definiert. Oftmals wird ein z-Profil als Wetterschutzgitter in der Lüftungsöffnungen plaziert, was zu einer deutlichen Erhöhung des Strömungswiderstandes in den Öffnungen führt. Dieser höhere Widerstand bremst dann die Hinterlüftung des Fassadenzwischenraums z.T. recht stark ab. Im Sinne einer möglichst guten Durchlüftung des Fassadenzwischenraums empfehlen sich daher strömungstechnisch optimierte Lüftungsöffnungen mit geringem Widerstand. 55 In Abb. 52 ist die Rückwirkung der Durchlüftung des Fassadenzwischenraums auf den Gesamtenergiedurchlaßgrad der doppelschaligen Fassade exemplarisch aufgetragen. Eine mangelhafte Durchlüftung des Fassadenzwischenraums wirkt sich negativ auf den g-Wert der Fassade aus. Daher sollte bei einer doppelschaligen Fassade im Hinblick auf eine möglichst gute Begrenzung des solaren Wärmeeintrags auf eine ausreichende Durchlüftung des Fassadenzwischenraums geachtet werden. 56 In den beiden folgenden Abbildungen sind die Auswirkungen der aufgezeigten Optimierung der doppelschaligen Fassade auf die resultierenden Temperaturverhältnisse innerhalb der doppelschaligen Fassade aufgeführt. In Abb. 53 sind zunächst die bei intensiver Besonnung für die standardmäßig ausgebildete doppelschalige Fassade zu erwartenden Temperaturen aufgetragen. Zum einem ist erkennbar, dass mit einer hinterlüfteten, doppelschaligen Fassade Werte für den Gesamtenergiedurchlaßgrad zu erreichen sind, die nahezu einem Außensonnenschutz entsprechen. Zum anderen ist jedoch zu erkennen, daß sich die Luft im Fassadenzwischenraum sehr stark erwärmt, was hauptsächlich auf die Wärmeabgabe des integrierten Sonnenschutzes zurückzuführen ist. Die Übertemperaturen der Luft im FZR können bei intensiver Besonnung durchaus auf ca. 10...12 K ansteigen. Abb. 54 zeigt, wie diese Übertemperaturen im FZR durch eine optimierte Ausbildung der doppelschaligen Fassade im Hinblick auf Verglasungen, Lamellenoberflächen und der Hinterlüftung in etwa auf die Hälfte reduziert werden können. Dieser Begrenzung der Übertemperaturen im FZR kommt im Falle einer Fensterlüftung der angrenzenden Räume eine besondere Bedeutung zu, wie nachfolgend zu erläutern ist. Darüber hinaus läßt sich auch der solare Wärmeeintrag durch eine optimierte Bauweise in etwa auf die Hälfte reduzieren, was sich in Werten für den Gesamtenergiedurchlaßgrad von bis zu ca. 6 % niederschlägt. 57 Der Lufttemperatur im Fassadenzwischenraum der doppelschaligen Fassade kommt im Falle von Fensterlüftung der angrenzenden Räume eine besondere Bedeutung zu. Denn bei geöffneten Fenstern strömt eben nicht Außenluft in die Räume ein, sondern es strömt die Luft aus dem Fassadenzwischenraum in die angrenzenden Räume, wie in Abb. 55 schematisch dargestellt. Dies bedeutet jedoch, daß bei einer intensiven Überhöhung der Lufttemperaturen im Fassadenzwischenraum (bis über 10 °C) gegenüber der Außenluft sehr warme Luft in den angrenzenden Raum einströmt. Das führt dann zu erheblichen Überhitzungserscheinungen im Raum, wie in einigen Gebäuden bereits leidvoll erfahren werden mußte. In dem Buch über Doppelfassaden /9/ sind zu der Überhitzung der Luft im FZR sogar Messwerte aufgeführt. Gerade im Hinblick auf die Fensterlüftung muss daher die Erwärmung der Luft im Fassadenzwischenraum möglichst begrenzt werden. 58 Die Hinterlüftung des Fassadenzwischenraums einer doppelschaligen Fassade steht weiterhin in einer starken Wechselwirkung mit dem erreichbaren Schallschutz. So ist bei entsprechend hohem Außenlärmpegel von ca. 70...80 dB(A) darauf zu im Raum nicht zu hoch ansteigt und somit die Fensterlüftung unmöglich macht. Hierzu ist exemplarisch in Abb. 56a – d die schalltechnische Optimierung einer doppelschaligen Fassade aufgezeigt, um eine Vorstellung des mit Hilfe einer doppelschaligen Fassade realisierbaren Schallschutzes zu geben. 59 Die lüftungstechnisch optimale Ausführung einer doppelschaligen Fassade in Abb. 56a stellt sich bei entsprechend hohem Außenlärmpegel aufgrund ihrer großen Durchlässigkeit schalltechnisch problematisch dar. So sind z.B. bei einem Außenlärmpegel von 80 dB(A) bei gekipptem Fenster im Raum bis zu 60...65 dB(A) zu erwarten. Derart hohe Schallpegel sind für Räume mit Arbeitsplätzen unakzeptabel. • • Eine erste Reduzierung des Innenschallpegels kann mittels kleinerer Schlitze erreicht werden, die jedoch auch die Hinterlüftung reduzieren (vgl. dazu die Ausführungen weiter oben). Mit kleineren Schlitzen von z.B. 5 cm Höhe läßt sich der Schallpegel in etwa um 5 dB verringern (vgl. Abb. 56b). Falls die Räume ausschließlich natürlich gelüftet werden, muß dabei beachtet werden, daß die Mindestöffnungsflächen gemäß Arbeitsstättenrichtlinie 5 nicht unterschritten werden. schenraum der doppelschaligen Fassade erreicht werden, so daß die windinduzierte Querlüftung bei offen stehenden Fenstern abgemildert werden kann. Im Winter sind solare Wärmegewinne möglich, die sich besonders bei Fensterlüftung positiv auswirken, in dem sich die in den Raum einströmende Luft im Fassadenzwischenraum etwas erwärmt hat. In der kalten Jahreszeit bedingt die doppelschalige Fassade auch eine erhöhte Wärmedämmung nach außen, so daß die Wärmeverluste aufgrund Transmission minimiert werden können (die doppelschalige Fassade bedingt einen niedrigeren Wärmedurchgangskoeffizienten). Eine weitere Verbesserung kann durch schallabsorbierende Elemente im Fassadenzwischenraum erreicht werden. Wie in Abb. 56c dargestellt, kann die gesamte Schalldämmung der doppelschaligen Fassade damit um weitere ca. 5 dB gesteigert werden. Die optimal erreichbare Schalldämmung läßt sich durch zusätzliche Schallabsorber im fensternahen Bereich im Raum selbst erzielen, wie in Abb. 56d aufgezeigt wird. Insgesamt läßt sich mit einer schalltechnisch optimierten doppelschaligen Fassade ein Schalldämmaß von immerhin ca. 27...32 dB realisieren. Setzt man einen Schallpegel von ca. 50 dB(A) als akzeptabel voraus (entspricht in etwa der Sprachverständlichkeit beim Telefonieren), so kann mit Hilfe einer doppelschaligen Fassade ein in den meisten Fällen ausreichender Schallschutz erreicht werden. Neben den bereits aufgezeigten Potentialen der doppelschaligen Fassade im Hinblick auf die erreichbare Sonnenschutzqualität und den Schallschutz sei noch auf folgende weitere Vorteile hingewiesen: • • • Der integrierte Sonnenschutz ist vor Witterungseinflüssen geschützt. Diese Schutzwirkung ermöglicht den Einsatz hocheffizienter spiegelnder Lamellen. Aufgrund der vorgelagerten Schale ist eine natürliche Nachtlüftung über offen stehende Fenster sehr gut realisierbar; diese nächtliche Entwärmung der Speichermassen ist im Hinblick auf eine möglichst effiziente Dämpfung der sommerlichen Temperaturentwicklung wichtig. Bei Windangriff am Gebäude kann ein gewisser Druckausgleich über den Fassadenzwi60 Integrierter Sonnenschutz durch Bedrucken der Verglasung Eine weitere Möglichkeit, einen integrierten Sonnenschutz zu realisieren, ist das Bedrucken der Verglasung. Dabei stehen dem grundsätzlichen Nachteil, das die Bedruckung nicht geändert werden kann, eine Reihe von Vorteilen gegenüber: • Eine aufwendige Konstruktion für die Befestigung des Sonnenschutzes entfällt; dies macht sich insbesondere bei runden oder anderweitig schwierigen Fassadengeometrien positiv bemerkbar. • Der Sonnenschutz wird ohne bewegliche Teile realisiert, so daß die Wartung und Instandhaltung der Mechanik entfällt; die Störanfälligkeit ist quasi auf Null abgesenkt. • Das Erscheinungsbild der Fassade wird weit weniger beeinflußt als z.B. durch einen Außensonnenschutz. So bleibt bei einer Glasfassade der Charakter einer glatten Haut weitgehend erhalten. Die bedruckte Verglasung stellt im Gegensatz zu den bisher betrachteten Sonnenschutzsystemen ein starres System dar, so daß auch an bedeckten bzw. bewölkten Tagen der Tageslichteintrag stark abgemindert wird. Insofern eignet sich eine bedruckte Verglasung besonders für Räume mit großflächigen Verglasungen, z.B. Glashallen; dies gilt allerdings nur, solange keine tagesbelichteten Räume an die Glashalle angrenzen, da die Bedruckung ansonsten zuwenig Tageslicht in die angrenzenden Räume läßt. In Abb. 57 ist exemplarisch ein Gebäude mit bedruckter Verglasung dargestellt. Wie zuvor erläutert, weist dieses Gebäude einen sehr hohen Verglasungsanteil auf, so daß die Abminderung des Tageslichteinfalls durch die Bedruckung von untergeordneter Bedeutung ist. Darin ist auch gut zu erkennen, welche gestalterischen Möglichkeiten bedruckte Verglasungen bieten. 61 Welche Sonnenschutzqualität und welcher Gesamtenergiedurchlaßgrad erreicht werden, hängt von mehreren Parametern ab, z.B.: • Gesamtenergiedurchlaßgrad der Verglasung, • Bedruckungsgrad (Flächenanteil), • Farbe der Bedruckung, • Position der Bedruckung. Es liegt auf der Hand, daß bei höherwertigen Verglasungen, z.B. einer Sonnenschutzverglasung, mit der Bedruckung bessere g-Werte zu erreichen sind als bei Standardverglasungen. Ein Vergleich der erreichbaren g-Werte in Abhängigkeit des Bedruckungsgrades ist in Abb. 58 dargestellt, wobei den dargestellten g-Werten jeweils eine graue Bedruckung auf Position 2 (= Innenseite der Außenscheibe) zugrunde liegt. Es wird deutlich, daß bei 50% bedruckter Glasfläche mit der standardmäßigen Wärmeschutzverglasung ein g-Wert von ca. 30 % erreicht wird. Demgegenüber kann mit derselben Bedruckung auf einer hochwertigen Sonnenschutzverglasung ein gWert von ca. 17 % erreicht werden. Es sei an dieser Stelle jedoch darauf hingewiesen, daß die Sonnenschutzverglasung ihre Beschichtung ebenfalls auf Position 2 aufweist, so daß auf der Innenseite der Außenscheibe sowohl die Sonnenschutzbeschichtung wie auch die Bedruckung aufgebracht wird. Es ist leicht vorstellbar, daß dies produktionstechnisch äußerst schwierig ist; es gibt daher auch nur sehr wenige spezialisierte Firmen, die ein entsprechendes Know-How besitzen. Als Beispiel sei hier die Firma Eckelt GmbH aufgeführt, die derartig bedruckte Sonnenschutzverglasungen anbietet. 62 3.3.6 Adaptive Verglasungen Die neueste Entwicklung im Hinblick auf die Realisierung eines Sonnenschutzes ist in den adaptiven Verglasungen zu sehen. Der Grundgedanke dieser Verglasungen ist, dass sie aufgrund ihrer speziellen Ausbildung in der Lage sind, ihre energetischen Kennwerte (Gesamtenergiedurchlassgrad g und Tageslichttransmission τ L ) zu verändern. Dies ermöglicht es, dass sie sich dem jeweiligen Außenzustand (bedeckt oder sonnig) im Hinblick auf den jeweils erforderlichen Sonnenschutz (lichtdurchlässig oder Sonneneinstrahlung blockierend) anpassen können. Die adaptiven (d.h. sich anpassenden) Verglasungen stellen somit eine vollwertige Alternative zu einer Fassade mit beweglichem Sonnenschutz dar. Es macht daher keinen Sinn, die adaptiven Verglasungen kostenmäßig mit einer normalen Verglasung zu vergleichen; vielmehr müssen die adaptiven Verglasungen mit einer gleichwertigen Kombination aus Verglasung und Sonnenschutz verglichen werden, um Aussagen über die Wirtschaftlichkeit dieser neuartigen Verglasungen ableiten zu können. Denn es ist leicht einzusehen, dass für derartige Anpassungsfähigkeiten besondere Vorkehrungen erforderlich sind, welche sich in den Produktionskosten niederschlagen. • Die Veränderung der physikalischen Eigenschaften der Verglasung kann dabei auf unterschiedliche Art und Weise erfolgen. Derzeit sind folgende Arten von adaptiven Verglasungen bekannt bzw. werden auf dem Markt angeboten (Die nachfolgende Auflistung ist in etwa zeitlich chronologisch und spiegelt somit die Entwicklung der adaptiven Verglasungen wider): • 22) Elektrooptische Verglasung Die seit vielen Jahren bereits auf dem Markt erhältliche elektrooptische Verglasung (z.B. das Produkt Priva-Lite der Fa. Saint-Gobain Glass Deutschland GmbH 22) , Aachen) basiert auf Flüssigkristallen, die als winzige Tröpfchen in einem Polymernetzwerk eingebunden sind. Durch das Anlegen einer elektrischen Spannung werden die Flüssigkristalle durch das Magnetfeld ausgerichtet und die Verglasung wird transparent (klar). Ohne elektrische Spannung sind die Flüssigkristalle in alle möglichen Richtungen orientiert, so dass die Verglasung transluzent (milchig) wird. Bemerkenswerterweise unterscheiden sich die beiden Zustände transparent und trans- Näheres zur Fa. Saint-Gobain Glass Deutschland GmbH, Aachen, ist im Internet zu finden unter www.saint-gobain.com luzent zwar im Hinblick auf die Lichtstreuung sehr stark (transparent: das Licht wird direkt durchgelassen; transluzent: das Licht wird gestreut, d.h. direkte Strahlung wird in diffuse Strahlung umgewandelt), die gesamte Tageslichttransmission (Summe aus direkter und diffuser Transmission) der Verglasung ändert sich jedoch kaum durch den Schaltvorgang (eine detaillierte Beschreibung ist in /10/ zu finden). Insofern wird deutlich, dass eine derartige Verglasung nicht als Substitution für einen Sonnenschutz sinnvoll ist. Die elektrooptischen Verglasungen werden daher nur im Innenbereich zu Zwecken des variablen Sichtschutzes eingesetzt. . Elektrochrome Verglasung Die erste auf dem Markt erhältliche adaptive Verglasung, die in der Lage ist, einen Sonnenschutz komplett zu ersetzen, ist in dem Produkt „e-control“ der Fa. FLABEG GmbH 23) , Fürth, zu sehen. Diese elektrochrome Verglasung ändert ihre physikalischen Eigenschaften durch das Anlegen einer elektrischen Spannung. Die Basis hierfür sind transparente, leitfähige, oxidische Beschichtungen, die in der Lage sind, Ionen und Elektronen aufzunehmen bzw. abzugeben. Den Kern des Glasaufbaues bildet eine leitfähige Polymerfolie. Sie fungiert als Elektrolyt- bzw. Ionen-Leiter: Denn sie verfügt über eine hohe Durchlässigkeit für Ionen und ist undurchlässig für Elektronen. Wird eine Spannung an die beiden transparenten Leiter angelegt, fließen Ionen – je nach Stromrichtung – von der einen in die andere Schicht (galvanische Zelle). Durch das Einbringen der Ionen entsteht ein ladungsausgleichender Elektronenrückfluß. Dieser fließt über den externen Stromkreis und führt zu einer Änderung der Elektronendichte, die in der elektrochromen Schicht zu einer Veränderung ihrer optischen Eigenschaften führt (Transmissionsmodulation). In Abhängigkeit von der Wahl des elektrochromen Oxids ruft diese Elektronen-Injektion eine Herabsetzung oder Erhöhung der Transparenz hervor. Wolframoxid (WO 3 ) lässt sich reversibel von einem transparenten in einen dunkelblauen Zustand mit geringer Transmission schalten. Aufgrund der vernachlässigbaren Elektronenleitfähigkeit des Ionen-Leiters bleibt der jeweilige Zustand auch nach Abschalten der externen Spannung stabil (open circuit memory). 23) Näheres zur Fa. FLABEG GmbH & Co KG, Fürth, ist im Internet zu finden unter www.flabeg.com 63 Um einen visuellen Eindruck der Verwandlungs-Fähigkeiten dieser elektrochromen Verglasung zu vermitteln, ist in Abb. 59 das Glasdach der Ostseesparkasse in Rostock dargestellt. Dabei ist dem bei intensiver Besonnung verdunkelten Glasdach das am bedeckten Tag aufgehellte Glasdach gegenübergestellt. Lauenförde, angeboten). Bei gasochromen Verglasungen dissoziiert ein Katalysator wie Platin Wasserstoff, der mit einer Wolframoxidschicht reagiert. Dabei färbt sich die WO 3 -Schicht blau ein und reduziert die solare Transmission von 72% auf unter 5%. Die Entfärbung wird durch Sauerstoff erreicht (eine detaillierte Beschreibung ist in /11/ zu finden). Die gasochrome Verglasung weist gegenüber einer elektrochromen Verglasung einen einfachen Schichtaufbau und eine Tageslichttransmission im entfärbten Zustand auf. • Thermotrope Verglasung Die neueste und noch in der Forschungsphase befindliche Entwicklung der adaptiven Verglasungen ist in den thermotropen Verglasungen zu sehen. Im Gegensatz zu den vor genannten adaptiven Verglasungen sind die thermotropen Verglasungen selbstregulierend. Dieser aus dem Bereich der Sonnenbrillen bekannte Mechanismus bewirkt eine temperaturabhängige Transmission (d.h. die Verglasung verdunkelt sich bei intensiver Besonnung und hellt ohne Sonne wieder auf. Eine detaillierte Beschreibung ist in /12/ zu finden). Die Einsatzmöglichkeiten thermotroper Verglasungen beschränkt sich dabei nicht nur auf die transparenten Fassadenbereiche; ein vielversprechender Ansatz ist auch in der Kombination mit einer transparenten Wärmedämmung zu sehen. Neben der beeindruckenden Wandlungsfähigkeit wird jedoch eine Eigenschaft der elektrochromen Verglasung deutlich, die bei bestimmten Anwendungen problematisch sein kann: Denn in Abb. 59 ist zu erkennen, dass die Verglasung im abgedunkelten Zustand einen starken Blaustich zeigt, was auf die Wolframoxidschicht zurückzuführen ist. Bei direkter Besonnung muss daher eine begrenzte Farbechtheit der Verglasung in Kauf genommen werden. • Gasochrome Verglasung Eine weitere adaptive Verglasung, die einen Sonnenschutz ersetzen kann und mittlerweile ebenfalls auf dem Markt erhältlich, ist die gasochrome Verglasung (wird z.B. von der Fa. Interpane AG, 64 4. Natürliche Lüftung Wie in Kapitel 2 bereits diskutiert, weist neben der Fassadenkonstruktion auch die natürliche Lüftung über öffenbare Fenster ein bedeutendes ökonomisches und ökologisches Potential an Energieeinsparungen (Betriebskosten) und Einsparungen von Investitionskosten (mechanische Lüftungsanlage) auf. Um eine ungefähre Vorstellung davon zu vermitteln, sind in Abb. 60 die kumulierten Betriebsstunden dargestellt, während derer sich die Fensterlüftung bezüglich der Außenlufttemperatur als unproblematisch erweist. Als Basis für diese exemplarische Auswertung wurde das Testreferenzjahr 24) , Region 3 25) , herangezogen. Unter der Annahme, daß die einströmende Außenluft zwischen 5 und 22°C liegen kann, um Beeinträchtigungen der thermischen Behaglichkeit zu vermeiden, ist der Abbildung zu entnehmen, daß während ca. 75% der Betriebszeit Fensterlüftung möglich ist. Da während dieser Zeit die mechanische Lüftung abgeschaltet werden kann, bedeutet dies eine enorme Einsparung an Betriebskosten. Die natürliche Lüftung über öffenbare Fenster wird im Anschluss näher betrachtet; sie ist allerdings mit einer deutlich schwierigeren Planbarkeit verbunden. 4.1 Grundlagen Eine Luftbewegung stellt sich immer dann ein, wenn als treibende Kraft eine Luftdruckdifferenz zwischen dem Innenraum und außen herrscht. Als alltägliches Beispiel sei an die Wetterbildung verwiesen: Die heftigsten Winde sind in der Regel zwischen den Hochdruckgebieten und den Tiefs zu erwarten, da die Luft immer bestrebt ist, die Druckunterschiede auszugleichen. dabei kann es vorkommen, das Wind und Thermik gegeneinander wirken, so daß sie die Intensität der natürlichen Lüftung reduzieren. Beide Antriebsmechanismen der natürlichen Lüftung werden nachfolgend kurz erläutert; eine wesentlich ausführlichere Abhandlung der Fensterlüftung mit allen theoretischen Grundlagen und praktischen Messungen ist in /9/ zu finden. Im Bereich der natürlichen Gebäudelüftung können sich solche die Luftströmung antreibende Druckdifferenzen zwischen innen und außen entweder aufgrund von Lufttemperaturdifferenzen zwischen innen und außen (= Thermik) ausbilden oder sie wird bei Windangriff an der Gebäudehaut von den Windkräften induziert. Während der meisten Zeit des Jahres treten bei größeren Gebäuden Thermik und Wind simultan auf, so daß sich beide Antriebskräfte überlagern; 24) Testreferenzjahr = vom Deutschen Wetterdienst erzeugte Wetterdaten eines durchschnittlichen Jahres, welches eine bestimmte Region von Deutschland repräsentiert. 25) Das Testreferenzjahr der Region 3 steht für das Ruhrgebiet und weitere Ballungsgebiete des Flachlandes 65 4.1.1 Thermik Im Falle der ausschließlich thermisch angetriebenen natürlichen Lüftung (d.h. ohne Windeinfluß) baut sich aufgrund von Lufttemperaturunterschieden zwischen innen und außen ein vertikaler Druckgradient auf, wie in Abb. 61a für einen Einzelraum mit einseitiger Fensterlüftung (d.h. alle sonstigen Öffnungen, z.B. Türen, Oberlichter, etc. sind geschlossen und es gibt keine mechanische Lüftungsanlage) und vollständig geöffnetem Drehflügel exemplarisch dargestellt ist. Generell werden bei Luftströmungen Druckunterschiede durch Dichteunterschiede hervorgerufen, welche unterschiedliche Ursachen (Temperaturunterschiede, Feuchtedifferenzen, Konzentrationsgradienten, etc.) haben können. Im Falle der einseitigen Fensterlüftung werden die Druckdifferenzen jedoch im wesentlichen durch die unterschiedlichen Lufttemperaturen innen und außen verursacht, so daß die restlichen Einflüsse in guter Näherung vernachlässigt werden können und die Druckgradienten direkt auf die Temperaturdifferenzen zurückgeführt werden können. In Abb. 61a ist zu erkennen, daß sich aufgrund der höheren Lufttemperatur im Raum im oberen Fensterbereich ein Überdruck gegenüber außen aufbaut; demgegenüber bildet sich im unteren Bereich der Fensteröffnung ein Unterdruck gegenüber außen auf. Beide Bereiche werden durch die sogenannte „neutrale Zone“ getrennt, in der Druckgleichheit zwischen innen und außen herrscht. Diese Druckverhältnisse führen zu einer Luftströmung in der Fensteröffnung, wie sie in Abb. 61b idealisiert dargestellt ist. Der Unterdruck im unteren Fensterbereich bedingt ein Einströmen von außen und der Überdruck im oberen Fensterbereich führt zu einem Abströmen der Raumluft. Da in der dargestellten Strömungssituation ein jeweils gleichgroßes Luftvolumen in den Raum hinein wie auch aus dem Raum heraus strömt, wird dieser Vorgang auch „Luftaustausch“ genannt und speziell bezüglich der Strömungsrichtung als „bidirektional“ bezeichnet. Die Komplexität dieser Luftströmung äußert sich darin, daß sowohl die Lage der neutralen Zone wie auch die Intensität der Luftströmungen von einer Vielzahl von Parametern abhängt, die z.T. sogar zeitlich variieren. Zum Beispiel sind dies: Temperaturdifferenz, detaillierte Ausbildung der Fensteröffnung bzw. deren Strömungswiderstand: bei einem gekippten Fenster nimmt der Strömungswiderstand nach oben hin ab, so daß die neutrale Zone nicht in halber Höhe liegt, Fensterhöhe. Insofern entbehrt der Ansatz einer natürlichen Lüftung mit konstantem Luftwechsel (wie für eine mechanische Lüftung üblich) jeder Realität und es 66 empfiehlt sich, bei der Planung bzw. Dimensionierung der Fensterlüftung entsprechende bauklimatische Experten zu Rate zu ziehen. Ein weiterer wichtiger Einfluß ist in einem überlagerten Überströmen zu sehen. Eine derartige Situation ist z.B. gegeben, wenn simultan zur natürlichen Lüftung über eine Öffnung die mechanische Lüftungsanlage läuft und dabei die Abluft abgeschaltet oder nicht vorhanden ist (Überdruckbetrieb). Typischerweise ist eine derartige Situation in Einkaufsgalerien anzutreffen, wenn gleichzeitig die Türen der Geschäfte geöffnet sind und die Lüftungsanlagen nur Zuluft in die Geschäfte einbringen. In diesem Fall wird dem bidirektionalen Luftaustausch zwischen den Geschäften und Galerie eine unidirektionale Luftströmung (aus den Geschäften in die Galerie hinein) überlagert, was zu einem Strömungsprofil führt, wie es in Abb. 62 dargestellt ist. Darin ist zu erkennen, daß die kühlere Luft aus den Geschäften im unteren Bereich der offenen Türen in die Galerie strömt und im oberen Bereich der Türen ein entsprechender bidirektionaler Luftaustausch zwischen der Galerie und den Geschäften stattfindet. Dies bedeutet zum Einen, daß die Galerie mit Hilfe der Abluft aus den Geschäften und dem Luftaustausch mit den Geschäften gekühlt wird; zum Anderen darf der Warmlufteintrag aus der Galerie in die Geschäfte bei der Dimensionierung der Kühlung der Geschäfte nicht vernachlässigt werden, da ansonsten die Auslegungstemperatur nicht mehr eingehalten werden kann. Diese komplexen Strömungsverhältnisse werden noch komplizierter, da der Anteil des bidirektionalen Luftaustausches mit zunehmender Überströmung abnimmt. Abb. 63 zeigt exemplarisch die Luftströme zwischen einer Einkaufsgalerie und den angrenzenden Geschäften für unterschiedliches Überströmen. Die Beachtung dieser komplexen Strömungsvorgänge bei verbundenen Lufträumen (z.B. Einkaufsgalerien, Glashallen mit offenen Verbindungsfluren, etc.) erfordern eine sorgfältige bauklimatische Überprüfung der gesamten Lüftungsplanung dieser Bereiche. 67 4.1.2 Wind Die natürliche Durchlüftung eines Raumes oder eines Gebäudes kann neben der Thermik (siehe Abschnitt 4.1.1) auch durch windinduzierte Kräfte angetrieben werden; diese resultieren von den sich bei Windanströmung ausbildenden Druck- und Sogkräften auf der Gebäudehaut, die sich im Gebäudeinneren ausgleichen und somit zu einer windinduzierten Durchlüftung des Gebäudeinneren führen. Der Ursprung dieser Kräfte ist dabei im Wind selbst zu sehen; der Wind wird mit zunehmender Höhe stärker (atmosphärische Grenzschicht) und die Form des Windprofils hängt im wesentlichen von der Rauhigkeit der überströmten Oberfläche ab (siehe Abb. 64). Gebäude) auf. Die Standorte der meteorologischen Meßstationen sind häufig in wenig bebautem Gelände (Stadtrandlage, siehe auch Abb. 64) angesiedelt. Je nach Gebäudehöhe können daher deutliche Unterschiede zwischen realem Standort des Bauvorhabens im Stadtkern und den gemessenen Windgeschwindigkeiten der Testreferenzjahre der Wetterstationen auftreten. Diese Unterschiede sollten bei Simulationen der windbedingten Gebäudedurchlüftung unbedingt berücksichtigt werden. Da die Windgeschwindigkeit mit zunehmender Höhe ansteigt, sind insbesondere bei hohen Gebäuden in den oberen Gebäudebereichen häufig hohe Windgeschwindigkeiten zu beobachten, die entsprechende Windkräfte an der Gebäudehaut induzieren. Dies hat bei Hochhäusern zur Folge, daß zum Einen ein außenliegender Sonnenschutz kaum realisierbar und zum anderen bei geöffneten Fenstern und höheren Windgeschwindigkeiten ohne entsprechende Gegenmaßnahmen eine recht heftige Fensterlüftung zu erwarten ist. Die atmosphärische Grenzschicht weist außerhalb der Stadtkerne einen anderen Profilexponenten als im Stadtkern mit vielen Bodenunebenheiten (= 68 Der Wind aus einer bestimmten Richtung erzeugt eine gebäudespezifische Winddruckverteilung auf der Gebäudehaut. In Abb. 65 sind hierzu einige Beispiele für einfache Gebäudeformen (Zylinder, Quader) aufgetragen. Generell kann man davon ausgehen, daß sich auf der windzugewandten Seite (LUV) aufgrund des anströmenden Windes ein Staudruckgebiet ausbildet; im Windschatten (LEE) und Gebieten mit Strömungsablösung stellt sich in der Regel leichter bis mittlerer Sog ein; der stärkste Sog bildet sich dort aus, wo die Strömung maximal beschleunigt wird, wobei die Lage der maximalen Beschleunigung sehr eng mit der Formgebung des Gebäudes verknüpft ist und daher nicht verallgemeinert werden kann. Bei komplexeren Gebäudekubaturen, wie sie sehr häufig bei Gebäudeensembles mit integrierten Glashallen und Wintergärten auftreten, und im Falle von hohen Nachbargebäuden (oder sonstigen Strömungshindernissen), die das anströmende Windfeld maßgeblich beeinflussen, läßt sich die Winddruckverteilung auf der Gebäudehaut nicht abschätzen oder berechnen. Falls bei derartigen, komplexen Gebäudeformen die Winddruckbeiwerte ermittelt werden müssen (z.B. als Eingabedaten für Simulationen der windinduzierten Gebäudedurchlüftung), sind hierzu Messungen im Windkanalversuch unumgänglich. Die Messung der Winddruckverteilungen für unterschiedliche Windrichtungen muss darüber hinaus in einem Grenzschichtwindkanal durchgeführt werden, um Ähnlichkeitsdefekte zu vermeiden 26) T. Generell weist ein Gebäude bei Windanströmung Fassaden mit Staudruckbeanspruchung und Fassaden mit Sogbeanspruchung auf. Dies führt bei geöffneten Fenstern dazu, daß sich der Druckunterschied, der an den Fassaden anliegt, innerhalb des Gebäudes durch Luftströmung im Gebäude selbst von LUV nach LEE ausgleicht (Querlüftung im Gebäude); bei großen Druckdifferenzen bzw. hohen Windgeschwindigkeiten kann die windinduzierte Durchströmung des Gebäudes recht heftig werden, so daß die Fenster geschlossen werden müssen. Insbesondere bei scheibenförmigen Gebäuden oder Großraumbüros mit gegenüberliegenden Fassaden ist die Gefahr einer zu intensiven Querlüftung aufgrund der fehlenden Türen nicht zu unterschätzen. Außenlufttemperatur) und im folgenden Abschnitt näher erläutert werden. Im Gegensatz zur mechanischen Lüftung weist die natürliche Lüftung über geöffnete Fenster somit Grenzen auf, die von äußeren Bedingungen abhängen (z.B. Windgeschwindigkeit und -richtung, 26) Detailinformationen zu einem Grenzschichtwindkanal sind z.B. direkt bei der Gesellschaft für Aerodynamik, Zürich, oder deren Internetauftritt Hwww.gfa.deH zu finden. 69 4.1.3 Grenzen der Fensterlüftung Die natürliche Querlüftung bzw. Fensterlüftung weist somit Grenzen auf, so daß zeitweise – d.h. bei ungünstigen Außenverhältnissen – die Fenster geschlossen werden müssen (vgl. hierzu auch /9/, Kap. 3.2). Im Hinblick auf diese Grenzen müssen generell folgende Situationen unterschieden werden (siehe auch Abb. 66): a) sowohl die Fenster wie auch die Türen der Räume sind geöffnet; b) die Türen der Räume sind bei offenen Fenstern geschlossen. Lüftung dar. Auf Basis von Meßwerten der Winddruckverteilungen auf der Gebäudehaut können die erwartbaren Strömungsverhältnisse im Gebäudeinneren heutzutage mit modernen Simulationsprogrammen zuverlässig vorhergesagt und gegebenenfalls optimiert werden. Im Fall a) kann sich bei entsprechenden Windkräften eine intensive Raumdurchströmung einstellen, die zu recht heftigen Zugerscheinungen führt und z.B. Blätter von Schreibtischen herunter geweht werden. Derartige Zugerscheinungen am Arbeitsplatz müssen selbstverständlich vermieden werden, so daß die Fenster ab einer gewissen Grenzgeschwindigkeit des Windes, die für jedes Gebäude und jeden Raum unterschiedlich sein kann, geschlossen werden müssen. Eine zu intensive Raumdurchströmung kann auch durch das Schließen der Tür erreicht werden (Fall b)). Es muss dann damit gerechnet werden, daß sich der außen an der Fassade anliegende Winddruck über das offene Fenster im Raum fortpflanzt und sich der geschlossenen Tür aufprägt, so dass diese nur noch sehr schwer oder gegebenenfalls gar nicht mehr geöffnet werden kann (vgl. Abb. 66b). Situationen mit nicht mehr öffenbaren Türen sind absolut unzulässig, so daß die Fenster bei entsprechend hohen Windgeschwindigkeiten geschlossen werden müssen. Von einem entsprechenden Nutzerverhalten kann man bei der Planung ausgehen, da Zugerscheinungen i.A. als recht unangenehm empfunden werden. Die Kenntnis dieser „Betriebseinschränkungen“ der natürlichen Lüftung – insbesondere der für das Bauvorhaben spezifischen Häufigkeiten – stellt eine wesentliche Grundlage bei der Entscheidung für oder gegen eine mechanische 70 Im Unterschied zu Büroräumen sind für Glashallen, die meist keine dauernden Arbeitsplätze aufweisen, in der Regel nicht so hohe Ansprüche an Zugfreiheit anzusetzen, so daß sich gerade Glashallen oftmals sehr gut für eine natürliche Lüftung eignen. Bei Glashallen steht im Hinblick auf die natürliche Lüftung meist eine ausreichende Entwärmung im Sommer im Mittelpunkt des Interesses. Da die Glashallen meist keine zusätzliche mechanische Lüftung aufweisen, müssen die Öffnungen bzw. Fenster ausreichend dimensioniert werden. Da die Planung der Gebäudetechnik nicht die Lage und Größe der Fenster für die natürliche Lüftung der Glashalle vorsieht (die natürliche Lüftung ist ja auch keine technische Anlage im ursprünglichen Sinn, so daß der TGA-Planer nach HOAI 27) T auch nicht dafür zuständig ist), fällt diese Aufgabe mangels Alternative dem Architekten zu. Allerdings ist es von einem Architekten wohl zuviel verlangt, die äußerst komplexen Strömungsvorgänge der natürlichen Lüftung bis ins Detail zu kennen und diese auch berechnen bzw. dimensionieren zu können. Insofern empfiehlt sich in solchen Fällen, entsprechende Spezialisten für bauklimatische Simulationen zur Ermittelung der Strömungs- und Temperaturverhältnisse in der Glashalle heranzuziehen. Im Unterschied zu kleineren Einzelräumen ist bei der natürlichen Lüftung von großen Lufträumen mit Öffnungen an mehreren Fassaden und am Dach (z.B. Glashallen oder Atrium mit Glasdach) zu beachten, daß die beiden Antriebskräfte der Fensterlüftung – Thermik und Wind – nicht zwangsläufig in dieselbe Richtung wirken. In ungünstigen Fällen kann es nämlich durchaus vorkommen, daß der Wind der Thermik entgegen wirkt, so daß es trotz Lufttemperaturdifferenzen und mittlerem Wind zu einem Stillstand der natürlichen Lüftung kommt. In diesem Fall drückt der Wind auf die Öffnung im oberen Hallenbereich, aus der die Luft aufgrund Thermik aus der Halle abströmen soll. Derart ungünstige Situationen können durch geeignete Gegenmaßnahmen vermieden werden (vgl. dazu Abschnitt 4.3). Wie diese Ausführungen zeigen, bietet die natürliche Lüftung ein enormes Einsparpotential (z.B. Verzicht auf eine mechanische Lüftung); allerdings ist dieses Einsparpotential mit einem erhöhten Planungsaufwand bzw. Beratungsaufwand verbunden, denn für eine zuverlässige Planung der Fensterlüftung sollte immer ein Bauklimatiker hinzugezogen werden. Dieser erhöhte Aufwand in der frühen Planungsphase wird in aller Regel während des Betriebes mehrfach durch entsprechende Einsparungen kompensiert und kann insofern nur dringend empfohlen werden. 27) Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (= HOAI) 71 4.2 Fensterlüftung bei Büroräumen Im folgenden wird die Fensterlüftung von Büroräumen (Einzelräumen) näher betrachtet; dabei wird generell von geschlossenen Türen und sonstiger Öffnungen ausgegangen, so daß der Luftaustausch nur über das geöffnete Fenster stattfindet (einseitige freie Lüftung). Da die Winddruckdifferenzen auf dem/den Fenster(n) eines Raumes in der Regel nicht sehr groß sind (Ausnahme: Eckbüros oder Räume mit Fenstern in mehreren Fassaden), kann der Windeinfluß auf die einseitige Fensterlüftung kleinerer Räume in der Regel vernachlässigt werden. Als treibende Antriebskraft für die natürliche Lüftung über offene Fenster verbleibt somit nur noch die Thermik, welche sich auf die unterschiedlichen Lufttemperaturen im Raum und außen zurückführen läßt (vgl.Abschnitt 4.1.1). Die Intensität der Fensterlüftung ist von der Temperaturdifferenz zwischen innen und außen abhängig ist; bei größeren Temperaturdifferenzen ist somit ein intensiverer Luftaustausch zu erwarten als bei niedrigeren Unterschieden. Diese Tatsache ist jedem aus eigener Erfahrung bekannt: Die vollständige Öffnung des Fenster im Winter führt zu einem intensiven Kaltlufteintrag von außen, während im Sommer über längere Zeit keine Luftströmung von außen wahrgenommen wird. Unter der Annahme, daß sich die Dichteunterschiede der Luft und damit die treibenden Druckgradienten im wesentlichen auf die Lufttemperaturdifferenzen und den thermischen Ausdehnungskoeffizienten β zurückführen lassen (BoussinesqApproximation), kann der Lüftungsvolumenstrom der natürlichen Lüftung bei einseitiger Fensterlüftung näherungsweise nach Dietze /14/ wie folgt angesetzt werden (vereinfachend werden dabei auch die turbulenten Windfluktuationen vernachlässigt, vgl. dazu /9/): V = 1/3⋅A⋅c V ⋅ (g⋅β⋅ΔT⋅H)1/2 mit V A cV g β ΔT H Volumenstrom [m³/s] Fensterfläche [m²] Durchflußkoeffizient [-] Erdbeschleinigung [m/s²] thermischer Ausdehnungskoeffizient [1/K] Temperaturdifferenz [K] Höhe der Fensterfläche [m]. Die Lufttemperaturunterschiede stellen also den wesentlichen Antrieb der einseitigen Fensterlüftung dar. In den folgenden Abschnitten sind noch weitere wichtige Einflüsse auf die Fensterlüftung dargestellt. 72 4.2.1 Einfluss der Fenster Größe und Detailausbildung der Fensteröffnung spielen bei der Bestimmung der Fensterlüftung eine große Rolle, da Größe und Form der Öffnungsfläche den Strömungswiderstand der Öffnung repräsentieren. In der Aerophysik wird hierfür der Begriff aerodynamisch wirksame Fläche A ae benutzt; diese ist definiert als das Produkt aus der geometrisch freien Fläche A f und dem Durchflußbeiwert c V : sich physikalisch betrachtet auf die unterschiedlichen Durchflußbeiwerte der beiden Fensterstellungen zurückführen. Darüber hinaus zeigt sich, dass das Verhalten des Nutzers erheblichen Einfluss auf die natürliche Lüftung hat. Eine genaue Vorhersage der Lüftungsintensität bei Fensterlüftung ist daher nahezu unmöglich. A ae = A f ⋅ c V Dabei werden über den Durchflußbeiwert c V Strömungseffekte wie Einschnürung, Ablösung, Umlenkung etc. repräsentiert. Dieser Zusammenhang sei exemplarisch für die Fensterlüftung erläutert: In Abb. 67 sind in Abhängigkeit der Lufttemperaturdifferenz zwischen innen und außen die für verschiedene Fensterstellungen zu erwartenden Intensitäten der Fensterlüftung aufgetragen, wobei von einem handelsüblichen Dreh-/Kippflügelfenster ausgegangen wird. Darin ist sehr gut zu erkennen, daß sich bei voll geöffnetem Fenster (Drehflügel in 90°Stellung) eine wesentlich intensivere Fensterlüftung einstellt als bei einem gekippten Fenster. Dieser Zusammenhang ist allgemein bekannt und er läßt 1200 Volumenstrom in [m³/h] 1000 800 600 voll geöffnetes Fenster (Drehflügel) 400 gekipptes Fenster (Kippflügel) 200 0 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Temperaturdifferenz innen/außen in [K] Abb. 67: Intensität der einseitigen Fensterlüftung für unterschiedliche Stellungen des Fensterflügels 73 4.2.2 Zulufttemperaturerwärmung Einschalige Fassade Bei der natürlichen Lüftung über öffenbare Fenster sollte im Hinblick auf die sommerlichen Raumtemperaturen die Erwärmung der Außenluft außen an der Fassade (einschalige Fassade mit Außensonnenschutz, siehe Abb. 68) beachtet werden. Generell wird bei besonnten Fassaden davon ausgegangen, dass die auftreffende Solarstrahlung zum Teil absorbiert wird und sich die äußere Fassadenoberfläche – insbesondere die außenliegenden Sonnenschutzlamellen - je nach Speicherfähigkeit mehr oder weniger erwärmt. Dabei weisen dunkle Fassaden eine höhere Absorption als hellere Fassaden auf, so dass die letztgenannten eine etwas geringere Oberflächenerwärmung zeigen. Die Außenluft, die an dieser äußeren Fassadenoberfläche anliegt, nimmt konvektiv Wärme von der Oberfläche auf, erwärmt sich und steigt aufgrund thermischer Kräfte an der Fassade empor. Es bildet sich eine Grenzschicht an der besonnten Fassade (siehe Prinzipdarstellung in Abb. 68). Dieser Vorgang ist bei höheren Gebäuden besonders ausgeprägt, da sich die aufsteigende Warmluft immer mehr erwärmt. In Abb. 69 a und b sind hierzu exemplarisch die Lufttemperaturen unmittelbar vor dem Fenster für verschiedene Fassadenorientierungen aufgetragen, wobei die Angaben der VDI-Richtlinie 2078 /2/, Auslegungstag Juli, als meteorologische Basisdaten zugrunde gelegt sind. 39 37 Auslegungstag Juli nach VDI 2078, Kühllastzone 3 35 Temperatur in [°C] 33 31 29 27 Ostfassade (ohne Wind) Südfassade (ohne Wind) Westfassade (ohne Wind) Außenluft 25 23 21 19 17 15 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 Tageszeit (MESZ) Abb. 69a: Maximalwerte der fassadennahen Lufttemperaturen für unterschiedliche Fassadenorientierungen und bei geringem Wind (Calmen) 74 Die Linien in Abb. 69a entsprechen der Situation bei Calmen in München, wie sie an besonders heißen Sommertagen („Hundstagen“) durchaus üblich sind; insofern entspricht diese Situation dem worst case. In Abb. 69a ist zu erkennen, daß die maximale Lufterwärmung erwartungsgemäß mit dem Tageslauf der Sonne einhergeht. So weisen die Ostfassade vormittags, die Südfassade mittags und die Westfassade nachmittags die höchste Außenlufterwärmung auf. An heißen sonnigen Tagen ohne Wind kann diese je nach Oberflächenbeschaffenheit durchaus Werte von 5..7 K erreichen. Etwas weniger kritisch stellt sich die Situation dar, wenn der Wind die fassadennahe Grenzschicht zum Teil wegbläst. Wie in Abb. 69b zu sehen ist, führt mittlerer Wind durchaus zu einer Halbierung der Zulufttemperaturerwärmungen. Generell hängt die Wirkung des Windes von der vorherrschenden Windgeschwindigkeit und dem gebäudenahen Strömungsfeld ab. Die Erfahrung zeigt jedoch, daß an sehr heißen Tagen oftmals der Wind nahezu zum Erliegen kommt. Insofern stellt die Zulufttemperaturerwärmung bei Fensterlüftung ein ernsthaftes Problem bezüglich der sommerlichen Maximaltemperaturen dar, welches nicht vernachlässigt werden darf. 39 37 Auslegungstag Juli nach VDI 2078, Kühllastzone 3 35 Temperatur in [°C] 33 31 29 27 Ostfassade (mit Wind) Südfassade (mit Wind) Westfassade (mit Wind) Außenluft 25 23 21 19 17 15 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 Tageszeit (MESZ) Abb. 69b: Maximalwerte der fassadennahen Lufttemperaturen für unterschiedliche Fassadenorientierungen und bei mittlerem Wind 75 grenzenden Räume daher über eine mechanische Lüftung oder Kühlung verfügen, um erträgliche Raumtemperaturen auch an heißen Sommertagen halten zu können. In Abb. 70 ist außerdem zu erkennen, daß das Öffnungsverhalten der Nutzer einen gewissen Einfluß auf die Lufttemperaturen aufweist. Denn bei voll geöffneten Fenstern (Drehflügelstellung 90°) kann der Raum während der Nacht besser entwärmt werden als bei gekippten Fenstern, was natürlich auf die reduzierte Intensität der Fensterlüftung zurückzuführen ist (vgl. Abschnitt 4.2.1). Doppelschalige Fassade Im Zusammenhang mit der Fensterlüftung bei doppelschaligen Fassaden kommt der Zulufterwärmung eine ganz besonders wichtige Bedeutung zu. Denn die von außen in den Fassadenzwischenraum einströmende Luft erwärmt sich an den integrierten Sonnenschutzlamellen recht stark, da zum einen der Wind die Warmluft nicht wegblasen kann und zum anderen auch der Luftaustausch mit der fassadennahen Außenluft durch die Außenschale verhindert wird. Dies führt dazu, daß die Luft, die aus dem Fassadenzwischenraum der doppelschaligen Fassade in den angrenzenden Raum fließt, erheblich wärmer als die Außenluft ist (vgl.Abschnitt 3.3.4, Abb. 55). Die doppelschalige Fassade weist bei reiner Fensterlüftung gegenüber einer einschaligen Fassade somit einerseits den Nachteil einer deutlich erhöhten Zulufterwärmung auf; andererseits bietet sie den Vorteil einer einfachen Möglichkeit für einen natürlichen Nachtlüftungsbetrieb zur Entwärmung der Speichermassen (denn die Außenschale bietet einen guten Witterungsschutz). Je nach Ausbildung der Sonnenschutzlamellen kann die Aufwärmung der Fassadenluft bei intensiver Besonnung durchaus 10...15 K erreichen. Es ist leicht ersichtlich, daß dies bei offenen Fenstern zu sehr hohen Raumtemperaturen führen kann. Es sei noch darauf hingewiesen, daß bei mehrgeschossigen Gebäuden im Hinblick auf die Zulufterwärmung innerhalb einer doppelschaligen Fassade ein durchgehender Fassadenzwischenraum (Vorhangfassade) unbedingt vermieden werden sollte. Denn es ist leicht verständlich, daß sich bei einem Fassadenzwischenraum, der sich über mehrere Geschosse erstreckt, die Erwärmung mit der Höhe stark zunimmt und somit die Fassadenlufttemperaturen im oberen Bereich des Fassadenzwischenraums exorbitant hohe Werte erreichen können, welche eine Fensterlüftung an heißen Sommertagen schlichtweg nicht mehr zulassen. In Abb. 70 ist hierzu exemplarisch der Tagesgang der Lufttemperaturen für ein nach SW orientiertes Büro mit einer doppelschaligen Fassade dargestellt. Wie darin zu erkennen ist, erreicht die Übertemperatur der Luft im Fassadenzwischenraum gegenüber der Außenluft am Nachmittag, wenn sowohl die Außenluft wie auch die auftreffende Solarstrahlung ihr Maximum erreichen, ihre höchsten Werte von ca. 10...12 K, was sich in recht hohen Raumlufttemperaturen von bis zu ca. 40°C niederschlägt. Im Falle doppelschaliger Fassaden, die einer intensiven Besonnung ausgesetzt sind, sollten die an45 Außenluft Auslegungstag Juli nach VDI 2078, Kühllastzone 3 Fassadenluft (Fenster voll geöffnet) 40 Temperatur in [°C] Fassadenluft (Fenster gekippt) Raumluft (Fenster voll geöffnet) 35 Raumluft (Fenster gekippt) 30 25 20 15 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 Tageszeit (MESZ) Abb. 70: Lufttemperaturen bei einer doppelschaligen Fassade in Abhängigkeit des Öffnungsverhaltens der Nutzer 76 24 4.2.3 Rauminnenströmung Bei einseitiger Fensterlüftung sollte immer darauf geachtet werden, daß durch Anzahl, Anordnung, Ausbildung und Größe der Fenster eine Frischluftzufuhr erreicht wird, die für den gesamten Raum ausreichend ist; aerophysikalisch ausgedrückt sollte eine raumerfüllende Strömung erreicht werden. Inwieweit die durch das offene Fenster einströmende Außenluft in den Raum hinein strömt, hängt von einer Vielzahl von Einflüssen ab. Der Tatsache des begrenzten Eindringens von Frischluft durch das Fenster in den Raum hinein trägt auch die Arbeitsstättenrichtlinie Nr. 5 /15/ Rechnung, indem sie für einseitige Fensterlüftung eine maximale Raumtiefe von 2,5-facher Raumhöhe zuläßt. Einen wesentlicher Faktor für die raumerfüllende Strömung stellt die Fensteröffnung selbst dar, denn je nach lokalen Strömungsverhältnissen in der Fensteröffnung dringt die Frischluft mehr oder weniger weit in den Raum ein. Für eine Beurteilung der raumerfüllenden Strömung ist die genaue Kenntnis der Strömungsverhältnisse im gesamten Raum erforderlich. Diese kann nicht direkt aus der Lüftungsintensität abgeleitet werden, so daß für die Ermittlung der örtlichen Luftgeschwindigkeiten hochauflösende CFD-Simulationen 28) erforderlich sind. In den Abb. 71a und 71b sind die Ergebnisse derartiger aufwendiger und hochkomplexer CFDSimulationen exemplarisch für eine mechanische Lüftung dargestellt. Auch für eine mechanischen Lüftung gilt, dass eine ausreichende Raumdurchspülung erreicht und gleichzeitig Zugerscheinungen vermieden werden sollen. Wie in Abb. 71a mit den lokalen Luftgeschwindigkeiten zu erkennen ist, kann trotz seitlicher Lufteinbringung (Zuluftband direkt an 3 Seitenwänden im Boden) eine raumerfüllende Strömung erreicht werden. Andererseits sollen die Fensteröffnungen auch nicht zu groß werden, da bei geöffneten Fenstern so intensive Luftströme auftreten, die zu Zugerscheinungen führen. Bei einseitiger Fensterlüftung sind Zugerscheinungen eher selten zu erwarten; höchstens im tiefen Winter kann es vorkommen, dass die einströmende Kaltluft zu Zugerscheinungen führt. Dem ist mittels eines stufenlos einstellbaren Fensters recht wirkungsvoll zu begegnen. Für die Beurteilung von Zugerscheinungen sind neben der Luftgeschwindigkeit auch die Lufttemperaturen von Bedeutung, wie sie exemplarisch in Abb. 71b dargestellt sind. 28) Im Gegensatz zur einseitigen Fensterlüftung können bei der windinduzierten Querlüftung recht schnell Zugerscheinungen auftreten, wie im folgenden Abschnitt näher erläutert wird. CFD = Computational Fluid Dynamics 77 4.2.4 Querlüftung Im Gegensatz zur einseitigen Fensterlüftung, die hauptsächlich von der Thermik angetrieben wird, stellt sich eine Querlüftung in Gebäuden in der Regel nur dann ein, wenn der Wind dem Gebäude eine entsprechende Winddruckverteilung aufprägt (vgl. Abschnitt 4.1.2). Das bedeutet, daß es sich bei der Querlüftung hauptsächlich um eine horizontale Luftströmung handelt, die von der Fassade mit Staudruck (LUV) durch das Gebäude in Richtung der Fassade mit Sog (LEE) fließt. Je nach Windgeschwindigkeit kann die Querlüftung recht schnell problematisch werden, indem sie zu Zugerscheinungen oder hohen Türöffnungskräften führt. Somit ist die Querlüftung bei exponierten Lagen, die dem Wind besonders ausgesetzt sind, kritisch zu überprüfen. Aufgrund des mit der Höhe zunehmenden Windes (siehe atmosphärisches Grenzschichtprofil, Abschnitt 4.1.2) sind Hochhäuser im Hinblick auf Querlüftung besonders kritisch zu betrachten. Im folgenden wird hierzu exemplarisch vorgeführt, wie sich die windbedingten Betriebseinschränkungen der Fensterlüftung in einem Hochhaus mit bereichsweise doppelschaliger Fassade abschätzen und optimieren lassen. Als Beispiel dient ein ca. 100 m hohes Gebäude mit trapezähnlichem Grundriss und ca. 500 m² Grundfläche, welches nach Süden hin eine geschwungene doppelschalige Fassade aufweist. Die Grundlage bildet die im Windkanal am Modell 1:200 gemessene Winddruckverteilung auf der Gebäudehaut, wie sie exemplarisch für die Hauptwindrichtung in Abb. 72 dargestellt ist. Es ist zu erkennen, dass die Sogspitzen im Bereich der doppelschaligen Fassade nach Süden auftreten; somit ist bei Windanströmung aus der Hauptwindrichtung SW und geöffneten Fenstern eine Querlüftung von der Nordseite zur Südseite hin zu erwarten. Die Stirnseiten weisen keine Fenster auf und weisen daher keinen Einfluss auf die Querlüftung auf. 78 Die geschwungene Südfassade weist eine doppelschalige Fassade auf, der im Hinblick auf die Fensterlüftung eine wichtige Funktion zugedacht ist: Über den Fassadenzwischenraum der doppelschaligen Fassade sollen die zwischen den Fassaden herrschenden Winddruckdifferenzen teilweise abgebaut werden, so dass auch bei stärkeren Winden noch über die Fenster gelüftet werden kann und somit auf eine mechanische Lüftung verzichtet werden kann. Aerophysikalisch beschrieben bedeutet dies, daß durch eine Luftströmung vom Staudruckgebiet zu den Sogspitzen an der Südfassade hin ein gewisser Winddruckausgleich angestrebt wird (siehe dazu Abb. 73). Die Bauweise der doppelschaligen Fassade ohne seitliche Schottungen (vertikal ist die doppelschalige Fassade geschoßweise horizontal geschottet, vgl. Abschnitt 4.2.2) bedingt allerdings akustische Probleme, da bei offenen Fenstern die Schallübertragung von zwei nebeneinander angeordneten Räumen über den Zwischenraum der doppelschaligen Fassade kaum zu verhindern ist. Diesem Nachteil steht die Möglichkeit zur Einsparung der mechanischen Lüftungsanlage gegenüber, so daß es sich oftmals lohnt, die unterschiedlichen Bauweisen im Detail zu vergleichen. Hierzu sind strömungstechnische Untersuchungen erforderlich, die in der Regel nur von bauklimatischen Experten durchgeführt werden können. Zur Veranschaulichung sind im folgenden die wichtigsten Ergebnisse einer derartigen Untersuchung für das vorliegende Beispiel aufgeführt. 79 Zunächst wird die Querlüftung für die in Frage kommenden Fassadenvarianten im kritischen Geschoß bei mittlerem Wind aus der Hauptwindrichtung analysiert; dabei stellt sich das kritische Geschoß als dasjenige Geschoß dar, welches in der Horizontalen (also zwischen Staudruck und Sog) die maximalen Differenzen der Winddruckbeiwerte aufweist. Im ersten Schritt wird davon ausgegangen, dass im Geschoß alle Bürotüren offen und alle Fenster in gekippter Stellung sind. In Abb. 74 sind die für die beiden Varianten der doppelschaligen Fassade (ohne bzw. mit seitlichen Schottungen) in den einzelnen Büros zu erwartenden Fensterlüftungsintensitäten dargestellt. Die Luftströme bewegen sich erwartungsgemäß von der Fassade mit Staudruck und eher schwachem Sog zur Südfassade mit den Sogspitzen hin. Abb. 74 zeigt darüber hinaus, dass sich der teilweise Winddruckabbau über den Zwischenraum der doppelschaligen Fassade in einer deutlichen Reduzierung der Lüftungsvolumenströme niederschlägt, denn die maximale Luftwechselrate beträgt bei der umlaufenden doppelschaligen Fassade ca. 50 bis 55 Luftwechsel pro Stunde (LW), wohingegen bei der raumweise geschotteten doppelschaligen Fassade Lüftungsintensitäten von ca. 85 bis 95 LW auftreten. Der Grund hierfür liegt darin, dass der Winddruck bei Variante b) ausschließlich über die Büroräume ausglichen werden kann und somit zu entsprechend intensiven Luftströmen führt. Generell zeigen die Werte, daß bei mittlerem Wind zwar teilweise bereits recht intensive Luftströme zu erwarten sind, aber die Fenster noch nicht unbedingt geschlossen werden müssen. 80 Da im Hinblick auf Betriebseinschränkungen der Fensterlüftung die Kenntnis der Windgeschwindigkeit, bei der die Fenster geschlossen werden müssen, sehr wichtig ist, wird im zweiten Schritt eine Extremwertbetrachtung durchgeführt. In Abb. 75 sind hierzu die Luftwechselraten in den kritischen Büros in Abhängigkeit der Windgeschwindigkeit – wiederum für die beiden Fassadenvarianten – gegenübergestellt. Darin ist zu erkennen, daß die als zulässiges Maximum erachtete Luftwechselrate von 200 LW (entspricht einer Luftgeschwindigkeit von ca. 1,5 m/s im Türquerschnitt, vgl. Abschnitt 4.1.3) bei der geschotteten doppelschaligen Fassade bereits bei einer Windgeschwindigkeit von ca. 11 bis 12 m/s auftritt. Im Falle der umlaufenden doppelschaligen Fassade ist diese hohe Lüftungsintensität erst bei einer Windgeschwindigkeit von über 20 m/s zu erwarten. Hier liegt also im Hinblick auf Betriebseinschränkungen der Fensterlüftung ein erheblicher Vorteil der umlaufenden doppelschaligen Fassade gegenüber der raumweise geschotteten doppelschaligen Fassade. Lüftungsintensität in [LW] 300 250 200 150 100 50 0 0 5 10 15 20 25 Windgeschwindigkeit in [m/s] raumweise geschottete doppelschalige Fassade umlaufende doppelschalige Fassade Abb. 75: Intensität der Querlüftung über offene Fenster/Türen für unterschiedliche Windgeschwindigkeiten aus der Hauptwindrichtung SW 81 Für den Betrieb des Gebäudes zumindest ebensowichtig wie die Werte der Lüftungsintensität sind die bei Fensterlüftung zu erwartenden Werte des Türdrucks, da diese eventuell dazu führen, daß einzelne Türen von den anwesenden Personen nicht mehr geöffnet werden können. Aus diesem Grund wird im dritten Schritt die Fensterlüftung bei geschlossenen Bürotüren analysiert. In Abb. 76 sind die bei mittlerem Wind aus der Hauptwindrichtung zu erwartenden Werte des Türdrucks für die beiden Fassadenvarianten gegenübergestellt. Darin ist zu erkennen, daß die umlaufende doppelschalige Fassade in Analogie zur Lüftungsintensität auch Vorteile im Hinblick auf den zu erwartenden Türdruck aufweist. Generell liegen diese Werte für die mittlere Windgeschwindigkeit im unkritischen Bereich. 82 Wie bei der Betrachtung der Lüftungsintensität ist auch bei der Analyse des Türdrucks die Kenntnis der Windgeschwindigkeit, bei der die Fenster geschlossen werden müssen, sehr wichtig für die Betriebseinschränkungen der Fensterlüftung. Im vierten Schritt wird daher wiederum eine entsprechende Extremwertbetrachtung durchgeführt. In Abb. 77 sind die für die beiden Fassadenvarianten in Abhängigkeit von der Windgeschwindigkeit erforderlichen Türöffnungskräfte im kritischen Büro aufgetragen. Es ist zu erkennen, dass im Fall der raumweise geschotteten doppelschalige Fassade die kritische Grenze von 100 N wiederum bei ca. 12 bis 13 m/s erreicht wird, wohingegen diese bei der umlaufenden doppelschaligen Fassade erst bei einer Windgeschwindigkeit von ca. 21 bis 22 m/s auftritt. Dieses Ergebnis verdeutlich noch einmal, wie stark sich der Winddruckabbau über den Fassadenzwischenraum der doppelschaligen Fassade auf die Grenzen der Fensterlüftung auswirkt. Türöffnungskraft in [N] 120 100 80 60 40 20 0 0 5 10 15 20 25 Windgeschwindigkeit in [m/s] raumweise geschottete doppelschalige Fassade umlaufende doppelschalige Fassade Abb. 77: Türöffnungskräfte bei Fensterlüftung für unterschiedliche Windgeschwindigkeiten aus der Hauptwindrichtung SW 83 Eine Auswertung für alle Windrichtungen, die auf den statistischen Winddaten des Standorts basiert, ergibt eine abschließende Beurteilung der für die jeweilige Fassadenvariante zu erwartenden Betriebseinschränkungen der Fensterlüftung. Die Ergebnisse dieser umfangreichen Berechnungen sind für die beiden Fassadenvarianten in den Abb. 78 und 79 dargestellt. Während der meisten Zeit des Jahres (91%) liegt die Querlüftung im Falle der umlaufenden doppelschaligen Fassade in einem unproblematischen Bereich (vgl. Abb. 78). Geht man davon aus, daß die während einiger Stunden im Jahr zu erwartenden Zugerscheinungen (8%) durch das Schließen der Bürotüren auf einfache Weise zu vermeiden sind, so kann die Fensterlüftung in diesem Fall während 99% der Betriebszeit ohne größere Probleme stattfinden. Nur während ca. 1% der Betriebszeit muss mit ernsthaften Betriebseinschränkungen aufgrund von zu starkem Wind gerechnet werden. Fenster noch öffenbar, aber sehr ausgeprägte Zug-erscheinungen (F < 100 N und LW > 200 1/h) Fenster wegen zu großer Türöffnungskräfte nicht mehr öffenbar (F > 100 N) 1% 8% Fenster noch öffenbar, aber Zugerscheinungen (F < 100 N und LW < 200 1/h) 0% 91% Fensterlüftung im Komfortbereich (F < 40 N und LW < 10 1/h) Abb. 78: Häufigkeit der Betriebseinschränkungen der Fensterlüftung für die umlaufende doppelschalige Fassade ohne raumweise seitliche Schottungen 84 Demgegenüber ergibt sich für die raumweise geschottete doppelschalige Fassade die Möglichkeit der Fensterlüftung im Komfortbereich nur während ca. 74% der Betriebszeit, wie in Abb. 79 dargestellt ist. Während immerhin 20% der Betriebszeit sind Zugerscheinungen zu erwarten und mit ernsthaften Betriebseinschränkungen muß während ca. 6% der Betriebszeit gerechnet werden; dabei wird das Öffnen der Türen während ca. 1% der Betriebszeit problematisch. Ein Vergleich der beiden Fassadenvarianten zeigt somit, daß nur die umlaufende doppelschalige Fassade ohne seitliche Schottungen das Potential aufweist, auf eine mechanische Lüftungsanlage verzichten zu können. . Fenster noch öffenbar, aber sehr ausgeprägte Zug-erscheinungen (F < 100 N und LW > 200 1/h) Fenster wegen zu großer Türöffnungskräfte nicht mehr öffenbar (F > 100 N) 1% 5% Fenster noch öffenbar, aber Zugerscheinungen (F < 100 N und LW < 200 1/h) 20% 74% Fensterlüftung im Komfortbereich (F < 40 N und LW < 10 1/h) Abb. 79: Häufigkeiten der Betriebseinschränkungen der Fensterlüftung für die raumweise geschottete doppelschalige Fassade 85 4.3 Fensterlüftung in Glashallen Im Gegensatz zur einseitigen Fensterlüftung, bei der sowohl die von außen einströmende Luft wie auch die aus dem Raum abströmende Luft über dieselbe Fensteröffnung fließt, ist bei der natürlichen Lüftung von großen Räumen (z.B. Verkaufsräume, Glashallen, Eingangsbereiche, Innenhöfe, etc.) in der Regel davon auszugehen, daß Zuluft und Abluft nicht über dieselbe Öffnung strömen. Bei großen Hallen gibt es daher in der Regel Zuluftöffnungen (meist im unteren Hallenbereich) und Abluftöffnungen (möglichst am höchsten Punkt des Innenraums, um Warmluftstaus zu vermeiden, siehe Abschnitt 4.3.1 und Abb. 80. Diese Strömungsform bedingt eine etwas andere Berechnung als die einseitige Fensterlüftung. Geht man von der Annahme aus, daß sich die Dichteunterschiede der Luft und damit die treibenden Druckgradienten im wesentlichen auf die Lufttemperaturdifferenzen und den thermischen Ausdehnungskoeffizienten β zurückführen lassen (Boussinesq-Approximation), so kann der Lüftungsvolumenstrom der natürlichen Lüftung von großen Räumen mit Zu- und Abluftöffnungen nach Dietze /14/ unter Vernachlässigung der turbulenten Windfluktuationen näherungsweise wie folgt angesetzt werden: V = A⋅c V ⋅ (g⋅β⋅ΔT⋅ΔH)1/2 mit V A cV g β ΔT ΔH Volumenstrom [m³/s] Öffnungsfläche [m²] Durchflußkoeffizient [-] Erdbeschleinigung [m/s²] thermischer Ausdehnungskoeffizient [1/K] Temperaturdifferenz [K] Höhendifferenz der Zu- und Abluftöffnung [m]. In Analogie zur einseitigen Fensterlüftung stellen die Lufttemperaturunterschiede zwischen innen und außen einen wesentlichen Antrieb der natürlichen Lüftung aufgrund von Thermik dar. Im Gegensatz zur einseitigen Fensterlüftung kann bei der Hallenlüftung jedoch auch der Wind einen großen Einfluß haben, wie in Abschnitt 4.3.2 noch näher erläutert wird. 86 4.3.1 Einfluss der Lüftungsöffnungen In Analogie zur einseitigen Fensterlüftung sind die Größe und die genaue Ausbildung der Lüftungsöffnung, also die aerophysikalisch wirksame Fläche (vgl. Kap 4.2.1), auch bei der Hallenlüftung Einflussfaktoren, denn sie stellen die dominierenden Strömungswiderstände für die natürliche rliche Lüftung dar. Im Gegensatz zur einseitigen Fensterlüftung kommt bei der Hallenlüftung auch der Lage der Lüftungsöffnungen eine große Bedeutung zu. Je nach Lage kann sich aufgrund der aufsteigenden warmen Luft direkt unterhalb des Dachs ein Warmluftpolster ausbilden (siehe Abschnitt 3.3.3, Abb. 27 bis 29). Es empfiehlt sich, die Abluftöffnung in den höchsten Punkt im Hallenraum zu legen, so daß warme Luft nach außen abfließen kann. Die Ausbildung eines Warmluftstaus ist insbesondere durch Anordnung eines innenliegenden Sonnenschutzes unter dem Glasdach zu vermeiden. Für eine ausreichende Sonnenschutzwirkung empfiehlt sich dringend eine gute Hinterlüftung des Innensonnenschutzes, da dieser sich andernfalls bei intensiver Besonnung sehr stark erwärmt und wie ein „Heizstrahler“ auf die Personen im Aufenthaltsbereich der Glashalle einwirkt. Wie sich die Größe und Anzahl der Lüftungsöffnungen auf die Lüftungsintensität auswirken, zeigt exemplarisch Abb. 81 für die natürliche Lüftung einer Glashalle. Darin ist zu erkennen, daß im Falle der thermisch angetrieben Hallenlüftung mit zunehmender Fenstergröße erwartungsgemäß auch die Intensität der natürlichen Lüftung zunimmt. Einen entsprechenden Einfluß weist die Fenstergröße auch bei der windinduzierten natürlichen Lüftung auf. Die Frage nach der erforderlichen Größe der Lüftungsöffnungen stellt sich in der Regel im Zusammenhang mit den angestrebten sommerlichen Temperaturen in der Glashalle, wobei im Falle angrenzender Büros mit Fensterlüftung auf eine ausreichende Frischluftzufuhr geachtet werden muß. Näheres hierzu wird in Abschnitt 6.1.3 ausgeführt. 100000 Fensterfläche 5 m² Fensterfläche 10 m² Fensterfläche 20 m² 90000 Volumenstrom in [m³/h] 80000 70000 60000 50000 40000 30000 20000 10000 0 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Temperaturdifferenz in [K] Abb. 81: Lüftungsintensität für unterschiedliche Fenstergrößen einer Glashalle 87 4.3.2 Überlagerung von Wind und Thermik Große Hallenräume weisen häufig großflächige seitliche Verglasungen und Glasdächer auf. Diese Glasfassaden sind in der Regel dem Windangriff ausgesetzt. Im Gegensatz zur einseitigen Fensterlüftung von Büros wird die natürliche Lüftung von Glashallen über mehrere Lüftungselemente realisiert, die oftmals in unterschiedlich orientierten Fassaden und am Glasdach angeordnet sind. Diese unterschiedliche Lage der Fenster führt bei Windanströmung des Gebäudes dazu, daß sich den einzelnen Lüftungsöffnungen auch unterschiedliche Winddruckwerte aufprägen. Diese windinduzierten Druckunterschiede gleichen sich im Innenraum der Glashalle aus und führen auf diese Weise zu Luftströmungen im Halleninnenraum. Im Gegensatz zur thermisch angetriebenen natürlichen Lüftung, die eine vertikale Luftströmung hervorruft, kann die windbedingte natürliche Lüftung alle möglichen Strömungsbilder induzieren. Denn die Winddruckwerte auf der Außenhaut variieren nicht nur in horizontaler (LUV und LEE, die eine Querlüftung hervorrufen), sondern auch in vertikaler Richtung. Oftmals wird die Windanströmung durch Nachbargebäude bzw. Strömungshindernisse im nahen Umfeld beeinflußt. In Abb. 82 ist hierzu exemplarisch die Winddruckverteilung und die isotherme Durchlüftung einer Glashalle dargestellt, wie sie aufgrund einer seitlichen Windanströmung zu erwarten ist. Darin ist zu erkennen, daß im oberen Bereich der angeströmten Glasfassade (LUV) aufgrund von Gebäudeeinwirkungen (in diesem Fall ist die Glasfassade mit den Öffnungselementen etwas nach innen versetzt) leichter Sog herrscht. Im Gegensatz zur thermisch bedingten Hallenlüftung strömt in diesem Beispiel die Luft auch im unteren Bereich der windabgewandten Seite (LEE) aus der Halle ab. Es zeigt sich, daß die windinduzierte Hallenlüftung in manchen Bereichen die Lüftung aufgrund Thermik unterstützt (dieselbe Wirkrichtung). In einigen Bereichen, die je nach Windrichtung unterschiedlich liegen können, muß jedoch davon ausgegangen werden, daß die Windkräfte dem thermischen Antrieb entgegenwirken (entgegengesetzte Wirkrichtung). Da während der meisten Zeit des Jahres sowohl Lufttemperaturdifferenzen zwischen innen und außen wie auch Wind vorherrschen, empfiehlt sich eine genaue Analyse der Strömungsverhältnisse bei natürlicher Lüftung. 88 Da sich die Temperaturen in einer Glashalle mit dem Sonnengang permanent ändern, empfiehlt sich die Analyse eines ganzen Sommertages, nicht nur eines einzelnen diskreten Zustandes. In Abb. 83 sind exemplarisch die Ergebnisse einer derartigen Untersuchung dargestellt, wobei neben allen Windrichtungen auch der reine Thermikfall, d.h. Luftbewegung ohne Windeinfluß, mit enthalten ist. Darin ist zu erkennen, daß sich bei südwestlichen Winden Wind und Thermik recht gut unterstützen. Bei südöstlichen Winden ist der Einfluß des Windes eher gering. Bei Winden aus nördlichen Richtungen wirken Wind und Thermik gegeneinander; bei Wind direkt aus Nord (0°) und NNW (330°) führt dies sogar zu einer nahezu ganztägigen Strömungsumkehr in der Glashalle. Da in diesem Fall die Luft oben am Glasdach einströmt und im unteren Bereich abströmt, muß mit erhöhten Temperaturen im Aufenthaltsbereich der Glashalle gerechnet werden. Im Zusammenhang mit den sommerlichen Temperaturen in der Glashalle sollten daher derart ungünstige Strömungsverhältnisse vermieden werden. Detaillierte Simulationen der zu erwartenden Strömungsverhältnisse in der Glashalle können hierfür wertvolle Hinweise und Lösungsansätze liefern. 89 4.4 Vertikale Gebäudedurchlüftung Wie in den vorangehenden Abschnitten beschrieben, wird die natürliche Lüftung in Büros und Glashallen von thermischen Kräften, die auf Lufttemperaturdifferenzen zwischen innen und außen zurückzuführen sind, angetrieben. Oftmals wird dabei übersehen, daß die größten Temperaturdifferenzen im Winter, bei tiefen Außentemperaturen, auftreten. Diese großen Temperaturdifferenzen, die durchaus 30 bis 40 K erreichen können, führen insbesondere bei hohen Gebäuden zu enormen Druckdifferenzen. In Abb. 84 ist hierzu prinzipiell der vertikale Druckgradient für ein hohes Gebäude dargestellt. Im oberen Gebäudebereich herrscht ein starker Überdruck gegenüber außen und im Fußbereich des Gebäudes herrscht ein starker Unterdruck gegenüber außen. 90 Derartige Druckverhältnisse führen dazu, daß eine Fensterlüftung im Winter oftmals nicht mehr möglich ist, da es bei offenen Fenstern zu einer sehr intensiven vertikalen Gebäudedurchlüftung kommen würde, die sich auch in sehr hohen Türöffnungskräften niederschlagen würde. Trotz geschlossener Fenster bergen die aufgezeigten Druckverhältnisse noch weitere Risiken: • Das größte Problem ist vermutlich im Eingangsbereich zu sehen. In dem Moment, in dem sich die Eingangstüren öffnen, muß – ohne weitere Gegenmaßnahmen – mit einem recht heftigen Kaltlufteintrag gerechnet werden, welcher weit in die Eingangshalle hinein einwirken kann und sich u.U. äußerst negativ auswirken kann. Dem kann durch Karusseltüren und/oder zusätzliche Luftschleusen entgegengewirkt werden. • In den obersten und untersten Geschossen prägt sich der thermische Druck den Türen auf, so daß die zum Öffnen der Türen erforderlichen Kräfte stark ansteigen. Dem kann durch eine stärkere Raumgliederung (bei mehreren hintereinanderliegenden Türen verteilt sich der Druck auf die einzelnen Türen, Glastrennwände, etc.) und/oder auch durch automatische Türöffner entgegengewirkt werden. • Bei großflächigen Verglasungen im unteren Gebäudebereich (z.B. Eingangshalle) muß trotz geschlossener Fenster mit einem entsprechenden Kaltlufteintrag gerechnet werden, da auch eine feststehende Verglasung nicht absolut luftdicht ist. Je nach Dichtheit der Glasfassade fällt der Kaltlufteintrag mehr oder weniger intensiv aus. • Falls in den Untergeschossen des Gebäudes eine Tiefgarage vorhanden ist, muß zum einen darauf geachtet werden, daß die Verbindung zwischen Tiefgarage und Liftschächten mit ordnungsgemäßen Schleusen versehen ist. Zum anderen sollten die nach außen führenden Tore der Tiefgarage möglichst geschlossen sein, um ein intensives Nachströmen von kalter Außenluft zu vermeiden. Luftvolumen als Netzwerk von Knoten, die miteinander über einen Widerstand verbunden sind, abbilden. Diese Methode liefert für vorgegebene Lufttemperaturen quasi-stationäre Luftvolumenströme als Ergebnisse. Die Anwendung solcher Simulationen ist immer dann sinnvoll, wenn die angesprochenen Probleme nicht ausgeschlossen werden können. Eine detaillierte Analyse der vertikalen Gebäudedurchlüftung ist aufgrund der Vielzahl von möglichen Strömungspfaden (Schächte, Treppenhäuser, Innenhöfe, etc.) und Strömungshindernissen (Türen, Einschnürungen, Umlenkungen, etc.), die jeweils einen gewissen Druckabbau bedingen, mit einfachen Abschätzungen nicht durchführbar. Hierfür sind aerophysikalische Simulationen erforderlich, welche die Strömungspfade und die 91 5. Speichermassen Eine weitere gewichtige passive Maßnahme zur Reduzierung des Energiebedarfs ist in der Nutzung von Speichermassen zu sehen. Dabei unterscheidet man zwischen Speichermassen, die im Gebäude selbst vorhanden sind, und Speichermassen, die außerhalb des Gebäudes genutzt werden können. 5.1 Speichermassen im Gebäude Unter Speichermasse im Gebäude versteht man die gut speichernden Bauteile, z.B. Wände, Decken, Böden, etc. Es ist schon seit langem bekannt, daß eine schwere Bauweise grundsätzliche energetische Vorteile bietet, dennoch ist die Wirksamkeit von Speichermassen oftmals sehr stark eingegrenzt, wie im folgenden aufgezeigt wird: Akustikpaneel, etc.) werden heute oftmals als Sichtinstallation an der Decke ausgeführt. Die Nutzung der Decke als Speichermasse zur Dämpfung der sommerlichen Raumtemperaturen kann mit unterschiedlicher Intensität betrieben werden. Die einfachste Stufe ist die passive Nutzung der Decke, indem tagsüber die Aufnahme von Wärme zu einer Dämpfung der sommerlichen Raumtemperaturen führt. Dabei ist zu beachten, dass für eine entsprechende Effizienz die Decke an den heißen Tagen des Jahres während der Nacht wieder entwärmt werden muss, um am nächsten Tag wiederum als Wärmesenke zur Verfügung zu stehen. Dies kann z.B. mittels Nachtlüftungsbetrieb über geöffnete Fenster realisiert werden (siehe Abb. 85). Boden Heutzutage wird in modernen Bürogebäuden gern ein Hohlraum- oder Doppelboden eingesetzt, um Installationen einfach unterbringen zu können (siehe Abb. 85). In diesem Fall wird die Speichermasse des Bodens nahezu vollständig vom Raum abgeschirmt. Innenwände Leider bestehen die meisten Bauherren auf einer hohen Raumflexibilität, so daß die Seitenwände der Räume fast immer in Leichtbauweise (üblicherweise Gipskarton-Ständerwände) ausgeführt werden. Eine derartige Trennwand weist praktisch fast keine nutzbare Speichermasse auf. In den letzten Jahren wird außerdem häufig die Rückwand großflächig verglast, so daß auch dieses Bauteil keinen merklichen Beitrag zur Speicherfähigkeit des Raumes beitragen kann. Außenwände Der Trend in der Architektur zu immer mehr Transparenz führt für Bürobauten häufig zu Fassaden mit einem hohen Verglasungsanteil; manchmal sind die Außenwände sogar vollflächig verglast, so daß sie praktisch keine Speicherfähigkeit mehr aufweisen (siehe Abb. 85). Decke Die Decke der Räume wurde früher aus gestalterischen Gründen häufig als abgehängte Decke ausgeführt; im Zwischenraum der abgehängten Decke wurden Installationsleitungen geführt. Dies führte dazu, daß die Decke praktisch vom Raum isoliert war und keinen Beitrag zur Speicherfähigkeit leisten konnte. In den letzten Jahren hat sich bezüglich der abgehängten Decke ein Umdenkungsprozess vollzogen, indem immer mehr Wert auf energiesparende Maßnahmen und somit auf die Speicherfähigkeit des Raumes gelegt wird. Die nach wie vor erforderlichen Installationsleitungen (z.B. Beleuchtung, Allerdings können mit einem derartigen Nachtlüftungsbetrieb Probleme verbunden sein, von denen einige sind: • Sicherheit (Einbruch, Diebstahl, etc.), • Witterungsschutz (z.B. nächtliches Gewitter), • Lüftungsintensität (eventuell nicht ausreichend bei gekipptem Fenster), • Zuverlässigkeit bei manueller Bedienung. Gleichwohl ist der dargestellte Lüftungsbetrieb am weitesten verbreitet und aus dem Alltag am besten bekannt. 92 Luft weist eine relativ geringe Wärmekapazität auf, so daß mittels Nachtlüftung nur eine begrenzte Wärmemenge aus den Speichermassen des Raumes abgeführt werden kann. Zudem steigt die Lufttemperatur an sonnigen Sommertagen so hoch an, dass mittels Lüftung nicht mehr gekühlt werden kann. Bei sehr hohen Außenlufttemperaturen wird der Raum durch die Fensterlüftung sogar noch zusätzlich erwärmt. Betonkernkühlung Diesen Nachteilen kann durch eine Aktivierung der Speichermassen mittels Wasserrohren in der Sichtbetondecke begegnet werden (siehe Prinzipdarstellung in Abb. 86). Dabei wird die in die Decke eingespeicherte Wärme über das hochkapazitive Wasser in kleinen Rohren, die in die Betondecke eingebettet sind, abtransportiert („Betonkernkühlung“). Neben einem deutlich erhöhten Wärmeabfluß bietet ein derartiges System den Vorteil, daß tagsüber bei hohen Außenlufttemperaturen Wasser durch die Decke fließen kann und somit ein relativ angenehmes Klima auch an heißen Sommertagen erreicht wird. Ein weiterer Vorteil dieses Systems besteht in der Grundtemperierung des Gebäudes im Winter. Der Nachteil solcher Systeme liegt in ihrer Trägheit, die sich ungünstig auf die Regelbarkeit auswirkt. Insofern empfiehlt sich die Betonkernkühlung eher für große oder viele ähnliche Räume. Ein weiteres Problem ergibt sich manchmal im Zusammenhang mit raumakustischen Maßnahmen, denn die Betonkernkühlung basiert auf thermischer Strahlung (die kühle Oberfläche der Decke strahlt in den Raum ähnlich wie eine Kühldecke, siehe Abb. 87), die durch großflächig abgehängte Akustikpaneele stark behindert werden kann. Gleichwohl stellt die Betonkernkühlung ein kostengünstiges und effizientes System dar, welches sich beispielsweise mit Erdkälte/-wärmesystemen kombinieren lässt (z.B. Gebäudebodenplatte oder Bodenpfähle als Wärmetauscher). 93 5.2 Erdreich als Speichermasse Neben den Speichermassen im Gebäude selbst kann auch die enorme Speichermasse des Erdreichs zu Temperierungszwecken genutzt werden. Als Transportmedium können dabei sowohl Wasser als auch Luft genutzt werden. Im Rahmen eines Wassersystems können dabei die Bodenplatte des Gebäudes oder die Pfähle einer Pfahlgründung als Wärmetauscher mit dem Erdreich ausgebildet werden, wie es sich insbesondere im Zusammenhang mit wasserführenden Kühlsystemen (z.B. Kühldecken, Betonkernkühlung, etc.) anbietet. Trotz geringerer Effizienz sind luftbasierte Systeme derzeit deutlich populärer. Wie in Abb. 88 mit den beiden Alternativen Thermokanal bzw. Erdregister dargestellt, wird dabei das Erdreich dazu genutzt, die von außen einströmende Zuluft im Sommer vorzukühlen und im Winter vorzuwärmen. Ein ganzjähriger Betrieb des Erdregisters bzw. Thermokanals bietet den Vorteil, daß die Jahresbilanz bezüglich der im Sommer in das Erdreich eingespeicherten und im Winter dem Erdreich entzogenen Wärme einigermaßen ausgeglichen ausfällt, was aus ökologischer Sicht wünschenswert ist. Im Hinblick auf die Leistungsfähigkeit der luftbasierten Systeme sei angemerkt, daß diese sehr häufig maßlos überschätzt wird. 94 Lufttemperatur am Ende des Thermokanals in [°C] Darüber hinaus ist Abb. 89 zu entnehmen, dass eine merkliche Vorkühlung der Zuluft für ein Gebäude mit einem Raumvolumen von ca. 5.000 m³ einen relativ langen Thermokanal erfordert (z.B. 400 bis 500 m). Meist stehen jedoch nur sehr viel kürze Lauflängen zur Verfügung, die mit geringem Aufwand genutzt werden können. Große Lauflängen bedeuten fast immer einen erheblichen zusätzlichen Aufwand, der aus wirtschaftlichen Gründen meist abgelehnt wird. Andererseits muß den Planenden klar sein, daß sehr kurze Lauflängen, z.B. 20 bis 50 m, nur eine vernachlässigbare Vorkühlung leisten. Darüber hinaus bedingen große Lauflängen auch einen erhöhten Strömungswiderstand des Thermokanals, so dass die Luft mittels eines Ventilators durch den Thermokanal „gedrückt“ bzw. „gezogen“ werden muß. Eine rein natürliche Durchströmung eines langen Thermokanals würde zum Erliegen kommen. 33 32 Außenlufttemperatur 32°C 31 30 29 28 27 26 25 24 23 0 100 200 300 400 500 600 Länge des Thermokanals in [m] Abb. 89: Erreichbare Vorkühlung in Abhängigkeit der Thermokanallänge (Luftvolumenstrom ca. 10.000 m³/h) Lufttemperatur am Ende des Thermokanals in [°C] Die mit Hilfe eines Thermokanals bzw. Erdregisters erreichbare Vorkühlung der Außenluft hängt im wesentlichen von der Lauflänge bzw. der Geometrie und dem durchströmenden Luftvolumenstrom ab (siehe Abb. 89 und 90). 33 Außenlufttemperatur 32°C 32 31 30 29 28 27 26 25 24 23 In Abb. 96 ist abzulesen, daß die Erhö0 hung des Luftvolumenstroms trotz einer Länge des Thermokanals von 500 m recht schnell zu einer Reduzierung der erreichbaren Vorkühlung führt. Dies bedeutet, daß die für größere Gebäude mit einem Raumvolumen von ca. 40.000 m³ erforderlichen Luftmengen von ca. 80.000 bis 100.000 m³/h kaum über einen Thermokanal sinnvoll vorzukühlen bzw. vorzuwärmen sind, da die erforderlichen Flächen schlichtweg nicht zur Verfügung stehen. 10000 20000 30000 durchströmender Luftstrom in [m³/h] 40000 Abb. 90: Erreichbare Vorkühlung in Abhängigkeit des Luftstromes (Länge des Thermokanals ca. 500 m) Bei kleineren Gebäuden kann ein Thermokanal bzw. ein Erdregister jedoch durchaus seinen Zweck erfüllen. Dies wäre dann der Fall, wenn auf eine weitere Kühlung verzichtet würde. Zum Beispiel wird ein Altenheim in Linz, Österreich, mit Hilfe eines der größten derzeit in Betrieb befindlichen Erdregister Europas mit vorgekühlter Zuluft versorgt, was nach Angabe des Betreibers zufriedenstellend funktioniert. Eventuell wird auch das neue Bürgerhaus einer Gemeinde in Ostbayern ein Erdregister zur Vorkühlung der Zuluft einsetzen, da als ökologisch motivierte Planungsvorgabe, die ihren Ursprung in der Agenda 21 hat, der Verzicht auf eine Kühlung des Gebäudes vorgegeben war. 95 50000 6 Erreichbare Klimaverhältnisse In den vorangehenden Kapiteln wurde eine Vielzahl passiver Maßnahmen der Energieeinsparung aufgezeigt. Selbstverständlich wird nicht jede Maßnahme bei jedem Bauvorhaben umgesetzt werden, so dass es sich empfiehlt, für jedes Bauvorhaben unter fachkundiger Beratung die am besten geeigneten Maßnahmen herauszufiltern. Eine Frage muss in diesem Zusammenhang beantwortet werden: Welche Klimaverhältnisse lassen sich in dem geplanten Gebäude mit Hilfe der ausgewählten passiven Maßnahmen erreichen ? Oder anders formuliert: Reichen diese Maßnahmen aus oder ist zusätzliche Technik erforderlich ? Die Bedeutung dieser Fragestellung bestimmt sich aus den außerordentlich hohen Kosten für zusätzlich zu installierende Technik. In diesem Zusammenhang offenbart sich eine große Schwäche der derzeit gültigen HOAI: Für die Auswirkungen von passiven Maßnahmen wie Fassadenausbildung, Fensterlüftung, Speichermassen, etc. auf die Temperaturen im Gebäude ist gemäß HOAI die TGA-Planung nicht zuständig und oftmals zu fundierten Aussagen auch nicht in der Lage. Darüber hinaus steht der TGA-Planer vor einem Gewissenskonflikt, denn: Sein Honorar wird anteilig an den Kosten der technischen Anlagen (wozu die passiven Maßnahmen nicht gehören !) berechnet, so daß sich eine Minimierung der erforderlichen technischen Anlagen durch optimale passive Maßnahmen in einer Minimierung seines Honorars niederschlägt. Jeder vernünftige Mensch wird erkennen, daß daher von Seiten der TGA-Planung nicht das allergrößte Engagement bezüglich passiver Maßnahmen zu erwarten ist. Oftmals werden im Rahmen von Wettbewerben die passiven Maßnahmen zu Akquisezwecken zwar hervorgehoben; nach Auftragserteilung ist im Rahmen der tatsächlichen TGA-Planung davon sehr häufig nicht mehr viel übrig. Aufgrund des aufgezeigten Interessenkonflikts und des typischen Akquiseverhaltens sollte die Entwicklung eines ökologischen Klimakonzepts – oder zumindest der passiven Komponenten – nicht in der Hand des TGA-Planers liegen. Die Klimaverhältnisse im Gebäude sind das Resultat einer Vielzahl komplexer und sich gegenseitig beeinflussender Wärmetransportvorgänge, so dass es auf der Hand liegt, dass der Architekt mit der Beurteilung dieser komplizierten physikalischer Vorgänge überfordert ist. Da auch das HOAI-Leistungsbild des Bauphysikers die Ermittlung der klimarelevanten Temperaturen nicht beinhaltet, offenbart sich die offenkundige Schwäche der derzeit gültigen HOAI: Letztlich ist niemand für die Entwicklung und Beurteilung der passiven Maßnahmen zuständig und dementsprechend wird bei vielen Bauvorhaben diesbezüglich dilettiert. Für einen verantwortungsbewußten Bauherrn bzw. Bauherrnvertreter, der Wert auf Planungssicherheit legt, empfiehlt sich daher das Einschalten entsprechender Spezialisten aus dem Bereich Bauklimatik. Dieser zunächst mit zusätzlichen Kosten verbundene Mehraufwand bei der Planung des Bauvorhabens macht sich in der Regel durch Planungssicherheit und Einsparungen sowohl bei den Investitionsals auch bei den Betriebskosten mehrfach bezahlt. Dieser Zusammenhang ist mittlerweile auch von dem „Arbeitskreis Maschinen- und Elektrotechnik staatlicher und kommunaler Verwaltungen“ (AMEV) erkannt worden. Denn der AMEV gibt in seinen „Hinweisen zur Planung und Ausführung von raumlufttechnischen Anlagen für öffentliche Gebäude“ /16/ als Zielvorgabe an, auf Raumlufttechnik zu verzichten oder sie zumindest zu minimieren. Diese energiesparende und umweltschonende Zielsetzung soll durch frühzeitige und enge Zusammenarbeit von Gebäudenutzer - Architekt – Fachingenieur erreicht werden, wobei ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass sich bei größeren und komplexeren Bauaufgaben das Hinzuziehen eines Bauklimatikers mit entsprechenden Computersimulationen als Entscheidungshilfe sehr gut eignet (siehe AMEV-Hinweise /16/, Abschnitt 1.3). Die Aufgabe des Bauklimatikers besteht generell darin, für das jeweilige Bauvorhaben - unter Berücksichtigung der projektspezifischen Randbedingungen - die geeigneten passiven Maßnahmen herauszufiltern, mit den Beteiligten abzustimmen bzw. anzupassen und zu bewerten. 96 6.1 Behaglichkeit Die Bewertung von Klimaverhältnissen in Gebäuden wird üblicherweise mit Hilfe der thermischen Behaglichkeit vorgenommen. Daneben existiert jedoch eine Vielzahl von weiteren Einflüssen auf die Behaglichkeit in Räumen, von denen die wichtigsten im folgenden aufgezählt sind: • hygienische Behaglichkeit, • akustische Behaglichkeit, • visuelle Behaglichkeit, • elektromagnetische Verträglichkeit, • Einfluß von Farben, • Einfluß von Oberflächen und Materialien, • Vermeidung von Schad- und Geruchsstoffen. Der Vielfältigkeit der zu berücksichtigenden Aspekte kann nur durch eine integrale Betrachtungsweise über die Grenzen der einzelnen Fachgebiete bzw. Fachplaner hinaus Genüge geleistet werden. Die Bewertung von Behaglichkeit stellt sich generell als äußerst schwierig dar, da es sich um eine subjektive Empfindung handelt, die mit objektiven Maßstäben kaum zu erfassen ist. Insofern kann es sich bei Angaben zu „Behaglichkeitsbereichen“ von Temperatur, Luftgeschwindigkeit, Helligkeit, etc. immer nur um Richtwerte handeln, die von der Mehrzahl der Menschen so empfunden werden. Es kann jedoch nie ausgeschlossen werden, das einzelne Personen anders empfinden. Dennoch werden für die meßbaren Größen Temperatur, Helligkeit, Luftgeschwindigkeit etc. in den jeweiligen DIN-Normen empfohlene Bereiche angegeben. Für nichtmeßbare Größen, z.B. eine angenehme Farbgestaltung für visuelle Behaglichkeit, bleibt diese Aufgabe dem Architekten - eventuell unterstützt von einem Lichtplaner - überlassen. 97 6.1.1 Thermische Behaglichkeit Da eine im Raum anwesende Person nicht nur konvektiv im Wärmeaustausch mit der umgebenden Raumluft steht, sondern sich auch im Strahlungsaustausch mit den sichtbaren Raumumschließungsflächen befindet (siehe Prinzipdarstellung in Abb. 97), müssen beide Wärmetransportmechanismen Eingang in die thermische Behaglichkeit finden. Aus diesem Grund wird zur Beurteilung der thermischen Behaglichkeit die „empfundene Temperatur” (auch „Raumtemperatur” oder „operative Temperatur”) herangezogen. Diese definiert sich näherungsweise als arithmetischer Mittelwert aus Raumlufttemperatur und mittlerer Strahlungstemperatur der Raumumschließungsflächen zu T empfunden = 0,5⋅T Luft + 0,5⋅T Strahlung Von zentraler Bedeutung ist die Festlegung, in welchem Bereich sich die empfundene Temperatur in Gebäuden bewegen soll. Hierzu gibt es viele unterschiedliche Ansätze, von denen einige im folgenden erläutert werden. Raumtemperaturen nach ASR 6 Die für Arbeitsplätze geltende Arbeitsstättenrichtlinie ASR 6 /17/ gibt an, daß die Raumtemperatur in Arbeitsräumen +26 °C nicht überschreiten soll. Die Angabe dieses Maximalwertes bezieht sich gemäß Anmerkung aber nicht auf extreme Sommertage. Im allgemeinen wird daher der Standpunkt vertreten, daß bei natürlicher Fensterlüftung eine Temperatur von +26 °C ohnehin nicht eingehalten werden kann und die Richtlinie daher für natürlich gelüftete Büros nicht von bestimmender Bedeutung sei. 98 Raumtemperaturen nach DIN 1946/2 Bei sitzender Tätigkeit und leichter Kleidung soll bei Außenlufttemperaturen bis +26°C die empfundene Temperatur zwischen +22°C und +25°C liegen. Für Außenlufttemperaturen zwischen +26°C und +32°C wird ein Gleiten der empfundenen Temperaturen bis zu +27°C zugelassen, wie Abb. 92 mit dem Behaglichkeitsfeld nach DIN 1946, Teil 2 /18/ zu entnehmen ist. Darüber hinaus ist auch das Gleiten der angestrebten Raumtemperatur mit der Außenlufttemperatur in der Abb. 92 zu erkennen. empfundene Temperatur in [°C] 28 27 26 zulässig bei kurzfristig auftretenden inneren Lasten 25 24 empfohlene Raumtemperatur für thermische Behaglichkeit 23 22 zulässig bei Quelllüftung 21 20 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 Außenlufttemperatur in [°C] Abb. 92: Kennfeld für thermische Behaglichkeit nach DIN 1946, Teil 2 99 PPD nach DIN EN ISO 7730 DIN ISO 7730 /19/ macht Angaben zur thermischen Behaglichkeit in Form eines vorausgesagten Prozentsatzes Unzufriedener. Für leichte Sommerkleidung wird das Minimum an Unzufriedenen bei einer Raumtemperatur von +25°C erreicht. Bei einer empfundenen Temperatur von etwa +30°C liegt der Anteil der Unzufriedenen bereits bei 50% (vgl. Abb. 93). Schwerere Arbeitskleidung wirkt sich dahingehend aus, daß etwas niedrigere Temperaturen als behaglich empfunden werden. Wie in Abb. 93 zu erkennen ist, liegt das Minimum an Unzufriedenheit in diesem Fall bereits bei 23 bis 24°C empfundener Temperatur. Vorausgesagter Prozentsatz Unzufriedener 100 90 80 leichte Sommerbekleidung Arbeitskleidung 70 60 50 40 30 20 10 0 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 Empfundene Temperatur in [°C] Abb. 93: Bewertung der thermischen Behaglichkeit nach DIN ISO 7730 100 36 Aus Abb. 94 ist weiterhin zu entnehmen, dass die zulässigen Grenzwerte auch vom Turbulenzgrad der Luftströmung im Raum abhängen. Neben den bereits aufgeführten Luft- und Strahlungstemperaturen, die sich in der empfundenen Temperatur widerspiegeln, wird die thermische Behaglichkeit auch von der Luftfeuchte beeinflußt. Der Mensch entwärmt sich auch durch Wasserdampfabgabe („schwitzen“), was insbesondere in Räumen mit feuchtheißem Klima von großer Bedeutung ist. Gemäß DIN 1946, Teil 2, soll die relative Luftfeuchte etwa zwischen 30% und 65% liegen. Dabei ist als relative Luftfeuchte die Menge an Wasserdampf in der Luft definiert, die dem Anteil am maximal möglichen Wasserdampfgehalt entspricht. Als weitere wichtige Einflußgröße auf die thermische Behaglichkeit sei abschließend die örtliche Luftgeschwindigkeit genannt. Allgemein bekannt ist das Phänomen zu hoher örtlicher Luftgeschwindigkeit als „Zug“, der insbesondere im Winter sehr unangenehm sein kann. Die Grenzen der zulässigen Luftgeschwindigkeit werden in Abhängigkeit der Lufttemperatur angegeben (siehe Abb. 94). Erkennbar ist, dass mit steigenden Temperaturen höhere Luftgeschwindigkeiten akzeptiert werden. Nach dem Volksmund wird an heißen Sommertagen die „frische Brise“ geschätzt. 0,5 0,45 5% 0,4 20% Luftgeschwindigkeit in [m/s] 40% 0,35 0,3 0,25 0,2 0,15 0,1 0,05 0 20 21 22 23 24 25 26 27 Lufttemperatur in [°C] Abb. 94: Zulässige Luftgeschwindigkeiten nach DIN 1946, Teil 2, für unterschiedliche Turbulenzgrade 101 6.1.2 Visuelle Behaglichkeit Visuelle Behaglichkeit ist gegeben, wenn der Mensch seine visuelle Wahrnehmung (den „Anblick“ eines Raumes) als angenehm empfindet. Die Wahrnehmungen der Augen werden dabei an das menschliche Gehirn geleitet und dort zu einem Bild zusammengesetzt. Der Ablauf dieses Prozesses sollte möglichst ungehindert und ohne größere Anstrengungen ablaufen. Blendungen, zu starke Kontraste, ungenügend Licht, Farbverfälschungen, ungünstige Raumgestaltung, usw. stören den Wahrnehmungprozess und beeinträchtigen somit die visuelle Behaglichkeit. Ein typisches Beispiel hierfür ist die Situation an einem heißen, sonnigen Sommertag: Die Sonne scheint auf die Fassade und der Sonnenschutz ist folgerichtig geschlossen. Falls der Sonnenschutz nicht genügend Tageslicht in den Raum durchlässt (er soll ja möglichst viel solare Strahlung abhalten), entsteht ein dusterer Raumeindruck, der als unbehaglich empfunden wird. Dieses Unbehagen wird verstärkt durch das Bewußtsein, daß außerhalb des Gebäudes gerade die Sonne scheint. Dieses Beispiel zeigt sehr deutlich, daß die Fixierung auf die thermische Behaglichkeit allein zu unsinnigen Ergebnissen führen kann. Darüber hinaus existiert noch eine Vielzahl weiterer Einflußparameter auf die visuelle Behaglichkeit, welche zu nennen in ihrer Gesamtheit den Rahmen dieses Buches sprengen würde. Detaillierte Ausführungen zu Themen wie z.B. Beleuchtungsniveau, Leuchtdichteverteilung, Reflexions- und Glanzgrade sind in DIN 5034 /7/, in VDI 6011 /13/ oder auch im Leitfaden für die Gestaltung von Bildschirm- und Büroarbeitsplätzen /30/ zu finden. 6.1.3 Hygienische Behaglichkeit Im Zusammenhang mit dem bekannten „SickBuilding-Syndrom“ (SBS) spielt die hygienische Behaglichkeit eine große Rolle. Die Qualität der Raumluft wird neben vielen anderen Faktoren durch die Qualität der Zuluft (Außenluft) einerseits und durch nutzungs- und raumbedingte Verunreinigungen andererseits bestimmt. Als Beispiele seien hier angeführt: • Staub, • Gase und Dämpfe, • Geruchsstoffe, • Aerosole, • Viren, • Bakterien, • Pilze und Pilzsporen. Die für behagliche Raumzustände maximal zulässigen Konzentrationen der meisten Verunreinigungen sind in der MAK-Liste 29) der deutschen Forschungsgemeinschaft zu finden. Um diese Grenzwerte dauerhaft zu unterschreiten, ist auf eine ausreichende Lüftung der Räume zu achten. 6.1.4 Akustische Behaglichkeit Die akustische Behaglichkeit in Räumen wird durch • von außen übertragene Geräusche, • von innerhalb des Gebäudes übertragenen Geräuschen, sowie • von der eigenen Geräuschproduktion bzw. der Raumantwort beeinflusst. Hauptsächliche Geräusche von außen stellen Verkehrsgeräusche (Straße, Bahn) dar. Im Inneren des Gebäudes übertragene Geräusche sind in der Regel Sprache und Musik, Gehgeräusche sowie Geräusche aus der Wasserinstallation und sonstigen gebäudetechnischen Anlagen. Die Raumantwort auf die eigene Geräuschproduktion hängt im wesentlichen von der raumakustischen Ausstattung ab. Andererseits wird die Empfindung auch von der nutzungsabhängigen Erwartungshaltung und der Beziehung zur Geräuschquelle beeinflusst. Zur schalltechnischen Beurteilung von Räumen werden messbare physikalische Größen, wie der Schalldruckpegel, das Schalldämm-Maß, der Trittschallpegel und die Nachhallzeit benutzt. Akustisch Behagliche Räume zeichnen sich durch • eine Nachhallzeit, die der Nutzung entspricht, • geeignete schalldämmende Eigenschaften der raumbildenden Baustruktur und • eine angepasste Geräuschabstrahlung von internen Schallquellen (Schallleistung, Frequenzzusammensetzung, Zeitstruktur) aus. Akustische Anforderungen beziehungsweise Empfehlungen werden z.B. in der DIN 4109 „Schallschutz im Hochbau“ /20/ dargestellt. Die aufgezeigten Werte stellen in der Regel jedoch lediglich einen Schutz vor unzumutbaren Belästigungen dar. Im Hinblick auf akustische Behaglichkeit ist das Hinzuziehen eines Sonderfachmanns zur Beurteilung der Maßnahmen und zur Abgrenzung des technisch Machbaren zu empfehlen. Die akustischen Anforderungen stehen oftmals im Widerspruch zu thermischen Zielsetzungen. Aus raumakustischer Sicht wird bereits für Einzelbüros eine absorbierende Maßnahme, wie z. B. Akustiksegel im Deckenbereich oberhalb des Arbeitsplatzes empfohlen. Für die Betonkernkühlung 29) Maximale Arbeitsplatz-Konzentration gesundheitsgefährdender Stoffe 102 (wasserführende Rohre in der Rohbetondecke, vgl. Abschnitt 5.1) wird dagegen eine „offene“ Decke angestrebt, um die bestmögliche Effizienz hinsichtlich der sommerlichen Kühlung zu erreichen. Durch die Verdeckung von Teilbereichen der gekühlten Betondecke wird der Kühleffekt, welcher im wesentlichen auf thermischer Strahlung basiert, negativ beeinflusst. Ebenso konträr ist der oftmals aus bautechnischer Sicht angestrebte „leichte“ Innenausbau mit Trockenbauwänden, d. h. geringen Speichermassen, zu beurteilen. Im Bereich der Fassadenausbildung konkurrieren der Schallschutz gegen Außenlärm und die Möglichkeit der Lüftung der Räume über die Außenfassade. Der beste Schallschutz wird bei geschlossenen Fenstern erzielt. Für die Fensterlüftung ist in der Regel jedoch eine möglichst große öffenbare Fläche erforderlich (vgl. dazu Abschnitt 3.3.4). 6.1.5 Elektromagnetische Umweltverträglichkeit Können elektromagnetische Felder gefühlt werden? Oder können sie indirekte Wirkungen haben, die im Zusammenhang mit Behaglichkeit stehen? Oder können Sie ein gesundheitliches Risiko bedeuten, was sie in gewissem Sinne natürlich auch „unbehaglich“ macht? Zur Frage der direkten Wahrnehmung: Elektromagnetische Felder können nicht direkt wahrgenommen, also nicht gefühlt werden. Der Mensch besitzt nach derzeitigem Wissen keine Sinnesorgane zur Wahrnehmung elektrischer oder magnetischer Felder – auch wenn einige Wissenschaftler die Wahrnehmbarkeit von Magnetfeldern durch kleine ferromagnetische Partikel im Gehirn des Menschen nicht ausschließen. Allerdings können elektromagnetische Felder indirekt wahrgenommen werden. Bei statischen und niederfrequenten elektrischen Feldern geschieht dies zunächst dadurch, dass die Kopf- oder Körperbehaarung sich aufstellt bzw. in Wechselfeldern zu vibrieren beginnt, magnetische Wechselfelder können dadurch wahrgenommen werden, dass die im Körpergewebe induzierten Wirbelströme Nervenzellen reizen, was dann im Falle des Sehnerves zu einer optischen Wahrnehmung kleiner Lichtblitze führt. Bei stärkeren elektrischen wie magnetische Feldern werden Ströme im Körper influenziert bzw. induziert, die zu Muskelzuckungen und Muskelverkrampfungen führen und in lebensgefährlich starken Feldern zu Herzkammerflimmern und damit zum Tode führen können. Magnetische Gleichfelder hingegen können nicht wahrgenommen werden, da die Wahrnehmung stets über durch Wirbelströme ausgelöste Effekte führt, und Gleichfelder keine Wirbelströme induzieren. (Das extrem starke Magnetfeld eines modernen Kernspintomographen ist deshalb auch nicht spürbar, solange nicht metallische Körperim- plantate oder ähnliches beeinflusst werden). Hochfrequente Felder können aufgrund ihrer Wärmewirkung indirekt wahrgenommen werden, die Feldenergie wird hier im Körpergewebe (wiederum aufgrund influenzierten und induzierten Körperströme) absorbiert und führt zu einer Erwärmung des Körpergewebes, die wahrgenommen werden kann, sobald sie die auf der Haut befindlichen Temperatursensoren erreicht. Allerdings: Alle beschriebenen Wahrnehmungen erfolgen bei sehr hohen Feldstärken, wie sie an einigen industriellen Arbeitsplätzen, bei Hochspannungsanlagen oder unmittelbar vor einem Blitzeinschlag, aber nie in einem normalen Wohn- oder Büroumfeld, auch nicht in zugänglichen Bereichen von Hochspannungsleitungen oder Transformatoren auftreten. Die Existenz einer sog. „Elektrosensibilität“, d.h. der Wahrnehmung von Feldstärken, wie sie in normalen Wohn- oder Büroumgebungen vorkommen, mit einer bis zu allergischen Reaktionen reichenden Symptomatik, ist umstritten. Alle Versuche, diese Sensibilität im Versuch nachzuweisen, sind bislang fehlgeschlagen. Die Definition der Elektrosensiblen als die Gruppe von Personen, deren Empfindlichkeit gegenüber Körperstromdichten deutlich geringer als der Durchschnitt ist, erscheint wenig sinnvoll, da sich diese Empfindlichkeit im Versuch als normal verteilt herausgestellt hat und es somit selbstredend auch eine Gruppe von Personen gibt, die eine bestimmte induzierte Körperstromdichte früher als der Durchschnitt der Bevölkerung wahrnimmt. Die einzige Wahrnehmung, die im Zusammenhang mit elektromagnetischen Feldern in üblicher Wohnoder Büroumgebung relevant sein kann, ist die indirekte Wahrnehmung elektrostatischer Aufladungen durch einen in der Regel kleinen, aber nichts desto trotz oft unangenehmen Funkenüberschlag von der aufgeladenen Person auf ein geerdetes Bauteil oder umgekehrt. Dieses Problem verdient im Zusammenhang mit dem Thema Behaglichkeit durchaus Beachtung. Obwohl elektrostatische Aufladungen bei jedem Kontakt hochisolierender Materialien untereinander auftreten können, sind sie in Gebäuden praktisch nur im Zusammenhang mit Fußbodenbelägen relevant. Hier ist aber in der Tat darauf zu achten, dass diese eine gewisse Mindestableitfähigkeit besitzen, was in der Regel durch den Begriff „antistatisch“ gekennzeichnet wird. Die Frage eines gesundheitlichen Risikos bei langfristigem, d.h. viele Jahre währendem Aufenthalt in schwachen, nicht gefühlten elektromagnetischen Feldern ist trotz einer über 20-jährigen Forschungstätigkeit auf diesem Gebiet nicht abschließend zu beantworten, und zwar weder für den Nieder- noch für den Hochfrequenzbereich. Für den Niederfrequenzbereich ist immer wieder eine Korrelation zwischen dem Aufenthalt in schwa103 chen Magnetfeldern und einem erhöhtem Krebsrisiko gefunden worden; speziell bei Kindern und im Zusammenhang mit Leukämierkrankungen kann diese Korrelation als nachgewiesen gelten. Der Beweis für einen ursächlichen Zusammenhang ist aber bislang nicht gelungen, insbesondere deshalb nicht, weil der Mechanismus der Wachstumsförderung von Krebszellen durch Magnetfelder nach wie vor unbekannt ist. Der Zusammenhang des Aufenthalts in niederfrequenten Feldern mit anderen Krankheiten ist noch wenig erforscht, obwohl es auch hier zahlreiche Vermutungen gab und gibt. Insgesamt erscheint eine gewisse Vorsorge in diesem Bereich angebracht zu sein, die sich darin ausdrücken könnte, eine Dauerbelastung mit stärkeren niederfrequenten Magnetfeldern zu vermeiden, z.B. Daueraufenthaltsplätze in unmittelbarer Nachbarschaft zu leistungsstarken Transformatoren oder unter Hochspannungsleitungen. Für den Hochfrequenzbereich, der insbesondere wegen dem seit einigen Jahren intensiv vorangetriebenen Aufbau von Mobilfunknetzen in der Diskussion um gesundheitliche Risiken steht, ist die Datenlage von wissenschaftlicher Seite her dürftig. Belastbare Forschungsergebnisse, die auch nur den Verdacht auf ein gesundheitliches Risiko stützen, liegen für Feldstärken, wie sie beispielsweise in der Nähe von Mobilfunksendeanlagen auftreten, nicht vor. Die Forschungsaktivitäten konzentrieren sich derzeit auf die wesentlich höhere Belastung durch die Mobiltelefone selbst, aber auch hier liegen derzeit noch keine ernstzunehmenden Verdachtsmomente vor. Anzumerken bleibt, dass es keine Langzeiterfahrung mit der gesundheitlichen Relevanz der Strahlungsintensität, wie sie von Mobiltelefonen ausgeht, gibt. ren Fällen auch zum Leerstand ganzer Gebäudekomplexe führen kann. 6.2 Sommerlicher Wärmeschutz Im Zusammenhang mit der Zielsetzung zur Energieeinsparung und Kostenbegrenzung stellt sich für jedes Bauvorhaben die zentrale Frage, welche sommerlichen Klimaverhältnisse allein mit den passiven Maßnahmen – die für jedes Bauvorhaben spezifisch sind - erreichbar sind. Denn je nachdem, wie gut oder schlecht damit die Anforderungen des Bauherrn erfüllt werden können, sind zusätzliche Maßnahmen in Form von aktiver Gebäudetechnik (z.B. Betonkernkühlung, Kühldecken, mechanische Lüftung, etc.) erforderlich oder- im besseren Fall - nicht. Für die Bewertung der erreichbaren sommerlichen Klimaverhältnisse wird üblicherweise die thermische Behaglichkeit herangezogen, die maßgeblich mit der Kenngröße der Raumtemperatur beschrieben wird (vgl. Abschnitt 6.1.1). Elektromagnetische Felder und der Wert einer Immobilie: Trotz aller Unsicherheiten über einen Zusammenhang zwischen elektromagnetischen Feldern und einem gesundheitlichen Risiko kann der Wert einer Immobilie durch die Einwirkung elektromagnetischer Felder reduziert sein. Der Wert insbesondere eines Wohngebäudes mit einer Mobilfunkantenne auf dem Dach kann merklich niedriger sein als der des gleichen Gebäudes ohne Antenne. Ähnliches gilt, wenn sich in unmittelbarer Nachbarschaft einer Immobilie eine Hochfrequenz-Sendestation (z.B. Mobilfunk-Basisstation, Rundfunksender etc.) befindet. Die Angst vor einer gesundheitlichen Belastung kann hier zur einer sehr handfesten Wertminderung einer Immobilie führen. Ähnliches kann für Gebäude gelten, in denen niederfrequente Magnetfelder wirken, weil sie sich beispielsweise in der Nähe einer elektrifizierten Bahnstrecke oder einer Hochspannungsleitung befinden. Abgesehen von dem hier zu erwartenden Problem flackernder (Kathodenstrahl-) Bildschirme, das sich durch die Anschaffung von Flachbildschirmen lösen lässt, bleibt nicht selten auch der Verdacht einer gesundheitlichen Beeinflussung bestehen, was in besonde104 6.2 Sommerlicher Wärmeschutz Im Zusammenhang mit der Zielsetzung zur Energieeinsparung und Kostenbegrenzung stellt sich für jedes Bauvorhaben die zentrale Frage, welche sommerlichen Klimaverhältnisse allein mit den passiven Maßnahmen – die für jedes Bauvorhaben spezifisch sind - erreichbar sind. Denn je nachdem, wie gut oder schlecht damit die Anforderungen des Bauherrn erfüllt werden können, sind zusätzliche Maßnahmen in Form von aktiver Gebäudetechnik (z.B. Betonkernkühlung, Kühldecken, mechanische Lüftung, etc.) erforderlich oder- im besseren Fall - nicht. Für die Bewertung der erreichbaren sommerlichen Klimaverhältnisse wird üblicherweise die thermische Behaglichkeit herangezogen, die maßgeblich mit der Kenngröße der Raumtemperatur beschrieben wird (vgl. Abschnitt 6.1.1). 104 6.2.1 Planungsprozeß nach HOAI Im Rahmen der Beurteilung der mit den passiven Maßnahmen erreichbaren sommerlichen Klimaverhältnisse taucht im Planungsprozess meist die Frage auf, wer von den Planungsbeteiligten für die Ermittlung dieser Temperaturen zuständig bzw. in der Lage dazu ist, verläßliche Angaben darüber zu machen. An diesem Punkt offenbart sich die große Schwachstelle der HOAI: Der TGA-Planer ist gemäß HOAI-Leistungsbild nur für die technischen Anlagen zuständig. Da die passiven Maßnahmen aber gerade keine technischen Anlagen sind (sie dienen ja gerade dazu, die erforderlichen technischen Maßnahmen zu minimieren), kann der TGA-Planer im Einklang mit der HOAI die Zuständigkeit ablehnen. Darüber hinaus würden optimierte passive Maßnahmen sein Honorar schmälern, so daß das geringe Engagement der TGA-Planer im Hinblick auf passive Maßnahmen durchaus verständlich erscheint. Der Architekt hingegen ist mit der Evaluierung der komplexen und in Wechselwirkung miteinander stehenden Wärmetransportvorgänge in einem Gebäude offensichtlich überfordert. Dem Bauphysiker obliegt gemäß HOAI-Leistungsbild im Rahmen des winterlichen und sommerlichen Wärmeschutzes nach Energieeinsparverordnung zwar die Angabe von energetischen Kenngrößen (Gesamtenergiedurchlaßgrad g und Wärmedurchgangskoeffizient u, vgl. Abschnitt 3.1.3); gemäß HOAI ist er jedoch nicht zur Angabe bzw. zur Ermittlung der projektspezifischen sommerlichen Klimaverhältnisse verpflichtet. hat. Dies ist häufig auf die Trennung zwischen Investor und Nutzer zurückzuführen. Denn der Investor will unbedingt die Baukosten niedrig halten und zeigt demzufolge nur sehr geringes Interesse an den Betriebskosten. Der Nutzer hingegen hat oftmals große Probleme mit den hohen Betriebskosten, die aufgrund ungenügend abgestimmter Klimakonzepte anfallen. Diese Zusammenhänge wurden in den letzten Jahren teilweise erkannt, so dass mittlerweile Vertragsmodelle existieren, die den Investor auch zum Betreiber eines Gebäudes machen. Es überrascht nur wenig, daß in diesen Fällen der Investor, der nun auch für die Betriebskosten zuständig ist, plötzlich ein großes Interesse an der optimalen Nutzung der passiven Energiesparmaßnahmen zeigt. Diese Ausführungen zeigen, daß die Ermittlung der sommerlichen Klimaverhältnisse, die allein mit passiven Maßnahmen am Baukörper zu erreichen sind, bisher in der HOAI nicht als Standardleistung vorgesehen ist. Dies bedeutet wiederum, daß ein verantwortungsbewußter Bauherr, der energiesparend und damit nachhaltig („sustainable“) bauen möchte, zusätzliche Finanzmittel für die Einschaltung eines Bauklimatikers aufbringen muß. Denn nur ein bauklimatischer Experte kann der Planungsrunde auf Basis umfangreicher Computersimulationen Angaben darüber liefern, welche passiven Maßnahmen für das Bauvorhaben am besten geeignet sind und welche sommerlichen Klimaverhältnisse damit erreicht werden können. Darüber hinaus liefert der Bauklimatiker verläßliche Entscheidungshilfen für den Bauherrn, ob und gegebenenfalls welche flankierenden technischen Anlagen erforderlich sind, um den Ansprüchen des Bauherrn Genüge leisten zu können. Leider zeigt die Erfahrung, daß bei vielen großen Bauvorhaben die Begrenzung der Planungskosten Vorrang gegenüber einer optimalen Planung unter Einbeziehung der Potentiale des Gebäudes selbst 105 6.2.2 Planungsleistung Bauklimatik Dem Bauklimatiker obliegt es, in Abstimmung mit der Planungsrunde die für das Bauvorhaben möglichen passiven Maßnahmen herauszufiltern und im Hinblick auf deren Effizienz zu beurteilen. Neben der notwendigen Erfahrung nutzt der Bauklimatiker hierzu als wesentliches Arbeitsmittel die dynamische Gebäudesimulation, die das thermische Verhalten der Räume und alle wesentlichen Energietransportvorgänge abbildet. Im Rahmen einer Gebäudesimulation wird in der Regel zunächst ein Modell der zu untersuchenden Räume kreiert (meist konzentrieren sich diese Untersuchungen auf einige wenige, repräsentative Räume, um den erforderlichen Aufwand in Grenzen zu halten), anschließend werden einige Rechenläufe für die ausgewählten Konzeptalternativen durchgeführt, um den Einfluß einzelner Maßnahmen aufzeigen und hinsichtlich ihrer Effizienz bewerten zu können. Meist konzentrieren sich die Simulationen auf die mit passiven Maßnahmen erreichbaren sommerlichen Klimaverhältnisse bzw. es wird mit Hilfe der Simulationen aufgezeigt, welche Maßnahmen erforderlich sind, um akzeptable sommerliche Raumtemperaturen zu erreichen. Für die Durchführung dieser aufwendigen Computersimulationen sind heutzutage auf dem Markt eine Vielzahl von kommerziellen Software-Paketen erhältlich. Als Beispiele – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – seien hier angeführt 30) : • TRNSYS /21/ • TASS /22/ • Energy Plus /23/ • ESP-r /24/ • Apache /25/ Mit solchen Programmen lassen sich die in den Räumen zu erwartenden sommerlichen Klimaverhältnisse mehr oder weniger aussagekräftig ermitteln. Für den Laien sind die Unterschiede der o.g. Codes nicht nachvollziehbar, so daß häufig nach den Simulationskosten entschieden wird, wer mit der Durchführung beauftragt wird. Es sei an dieser Stelle jedem potentiellen Auftraggeber eindringlich geraten, sich auch inhaltlich – gegebenenfalls durch das Einschalten eines fachkundigen Unbeteiligten – mit den unterschiedlichen Leistungsbildern der Anbieter von Simulationen auseinanderzusetzen. Es klingt zwar lapidar, aber der Auftraggeber sollte vor Beauftragung prüfen, ob alle offenen Fragen mit Hilfe des beauftragten Leistungsbildes ausreichend beantwortet werden können. Die Auftragsvergabe durch bautechnisch wenig versierten Kaufleuten mit Blick auf die Kosten ist häufig die Ursache von Unstimmigkeiten in der Planungsrunde, wenn unrealistische Einschätzungen bzw. überzogene Ansprüche der Auftraggeber auf die Grenzen des verwendeten Simulationsmodells treffen, während im Alltag der Zusammenhang von Qualität und Preis durchaus bekannt und akzeptiert ist (üblicherweise erwartet man nicht, für den Preis eines Volkswagens einen Mercedes geliefert zu bekommen). Die Ermittlung der sommerlichen Raumtemperaturen erfolgt sinnvollerweise sowohl für einen sehr warmen Tag im Hochsommer wie auch für ein ganzes Jahr. Dabei basieren die Simulationen für den Tagesgang auf dem sommerlichen Auslegungstag gemäß VDI 2078, welche üblicherweise zur Dimensionierung von Kühlanlagen herangezogen wird. Darin bedeutet die Bezeichnung „ausgeprägte Schönwetterperiode“, das sich der Raum thermisch gesehen in einem eingeschwungenen Zustand befindet. Die Simulation der ausgeprägten Schönwetterperiode dient im Sinne einer worst-case-Betrachtung dazu, die für das jeweilige Klimakonzept in etwa zu erwartenden maximalen sommerlichen Raumtemperaturen zu ermitteln. Natürlich kann niemand garantieren, daß diese Raumtemperaturen niemals überschritten werden, da die zugrundeliegenden meteorologischen Daten an heißen Sommertagen auch überschritten werden können. In der Praxis haben sich diese Maximalwerte jedoch als Orientierungshilfe recht gut bewährt. Die immer wieder auftauchende Forderung nach vertraglichen Temperaturgarantien ist jedoch als töricht zu bezeichnen, denn kein seriöser Auftragnehmer ist in der Lage, Garantien für die zukünftige Entwicklung unseres Wetters abzugeben. Neben den sommerlichen Maximaltemperaturen sollten jedoch immer auch die Häufigkeiten erhöhter sommerlicher Raumtemperaturen im Verlauf eines ganzen Jahres betrachtet werden, um die worst-case-Betrachtung der sommerlichen Schönwetterperiode zu relativieren. Als meteorologische Grundlage für die Simulation eines durchschnittlichen Jahres dienen die Testreferenzjahre, welche auf langjährigen Messwerten des Deutschen Wetterdienstes basieren. Darüber hinaus können für den Standort des Bauvorhabens auch Messjahre vom deutschen Wetterdienst erworben werden, welche zwar nicht alle für die Region typischen Wetterperioden, dafür aber zuverlässigere Winddaten enthält. Weiterhin wird seit einigen Jahren die aus der Schweiz stammende Software METEONORM /26/ auch für Deutschland angeboten, mit der man für bestimmte Orte meteorologische Daten für ein ganzes Jahr erzeugen kann. 30) Ein sehr guter Überblick der aktuell angebotenen Simulationsprogramme ist im Internet zu finden unter www.eren.doe.gov/buildings/tools_directory 106 6.2.3 Klimakonzepte für Büros 46 44 42 40 Temperatur in [°C] Büroräume stellen in der Regel einen hochwertigen Innenraum mit hohen Ansprüchen an die thermische Behaglichkeit dar. Dies erklärt sich unter anderem allein dadurch, daß die Mieter an einer optimalen Leistungsfähigkeit der in den Büros arbeitenden Personen interessiert sind. Darüber hinaus sind die Vermieter an einem möglichst hohen Mietzins interessiert, welcher im Einklang mit dem angebotenen Raumklima stehen muß. Insofern genügen die allein mit Hilfe passiver Maßnahmen erreichbaren sommerlichen Klimaverhältnisse häufig nicht. Um einen ungefähren Eindruck hiervon zu vermitteln, sind in Abb. 95 die während einer ausgeprägten sommerlichen Schönwetterperiode in einem exemplarisch betrachteten durchschnittlichen Büroraum mit hohem Fensterflächenanteil zu erwartenden Raumtemperaturen im Tagesgang aufgetragen. 38 36 34 32 30 28 26 24 22 20 0:00 Da die Temperaturentwicklung in Büroräumen von mehreren Parametern beeinflusst wird (z.B. Fassadenausbildung, Orientierung, Betriebsweise, Speichermassen, etc.) sei davor gewarnt, die dargestellten Temperaturkurven als allgemeingültig zu erachten. Sie können somit nicht auf beliebige Bauvorhaben übertragen werden, so daß die sommerlichen Temperaturen für jedes Bauvorhaben unter Berücksichtigung der jeweiligen Randbedingungen projektspezifisch ermittelt werden müssen. Den in Abb. 95 dargestellten Temperaturverläufen ist insgesamt zu entnehmen, daß im Hinblick auf die maximalen, sommerlichen Raumtemperaturen unter Voraussetzung einer sinnvollen Fassadenausbildung (Wärmeschutzisolierverglasung mit außenliegendem Sonnenschutz, vgl. dazu Abschnitt 3) folgende Einflüsse ein besonderes Gewicht haben: • • • • Art der Lüftung (natürlich oder mechanisch), Nachtlüftung zur Entwärmung der Speichermassen, Kühlung der Zuluft, die je nach System eine niedrigere oder höhere Zulufttemperatur aufweisen kann, Intensität der mechanischen Lüftung. Es wird deutlich, dass die Fensterlüftung auch bei nachts geöffneten Fenstern im Hinblick auf die maximalen sommerlichen Raumtemperaturen Grenzen hat. Diese liegen sogar deutlich oberhalb der Grenzwerte für thermische Behaglichkeit nach DIN 1946-2 (vgl. Abschnitt 6.1.1). Die dargestellten Temperaturverläufe zeigen eindeutig, daß die mit reiner Fensterlüftung zu erreichenden sommer- 2:00 4:00 6:00 8:00 10:00 12:00 14:00 16:00 18:00 20:00 22:00 0:00 Tageszeit Außenluft Fensterlüftung (nachts zu) Fensterlüftung (nachts offen) Mechanische Lüftung ohne Kühlung (LW = 2; Tzu = TAL) ohne Nachtlüftung Mechanische Lüftung ohne Kühlung (LW = 2; Tzu = TAL) mit Nachtlüftung Mechanische Lüftung mit Kühlung (LW = 2; Tzu = +20°C) mit Nachtlüftung Mechanische Lüftung mit Kühlung (LW = 2; Tzu = +16°C) mit Nachtlüftung Mechanische Lüftung mit Kühlung (LW = 2...6; Tzu = +16°C) mit Nachtlüftung Abb. 95: Hochsommerliche Spitzentemperaturen in einem Büro für unterschiedliche Lüftungskonzepte lichen Klimaverhältnisse denen mit gekühlter Zuluft nicht gleichwertig sind. Weiterhin geht aus Abb. 95 hervor, dass die Fensterlüftung einer mechanischen Lüftung ohne Kühlung der Zuluft im Hinblick auf die sommerlichen Raumtemperaturen überlegen ist. Neben diesen eher allgemeinen Aussagen werden an den Temperaturverläufen von Abb. 95 typische Effekte für die einzelnen Konzepte deutlich: • Fensterlüftung (nachts zu) Die im Tagesverlauf eingespeicherte Wärme kann nachts kaum entweichen, daher sinkt die Raumtemperatur in der Nacht kaum ab. • Fensterlüftung (nachts offen) Wenn die Fenster nachts geöffnet bleiben, wird der Raum über natürliche Lüftung entwärmt. Dabei setzt eine effiziente Abkühlung erst nach Mitternacht ein, da vorher die Außenlufttemperaturen für eine effektive Entwärmung noch zu hoch sind. Tagsüber steigen bei Fensterlüftung die Raumtemperaturen - nahezu unabhängig von der Nachtlüftung - mit der Außenluft rasch an. 107 • Mechanische Lüftung ohne Kühlung Bei einer mechanischen Lüftung ohne Kühlung der Zuluft strömt nicht Außenluft, sondern eine um 1 bis 2 K wärmere Luft in den Raum hinein, denn die von außen angesaugte Luft nimmt beim Durchströmen des Ventilators dessen Abwärme auf und erwärmt sich dabei. Damit weist diese Variante im Hochsommer die ungünstigste Zulufttemperatur auf und es ist daher nicht verwunderlich, daß bei diesem Lüftungskonzept die höchsten Raumtemperaturen auftreten. In Analogie zur Fensterlüftung kommt auch bei der mechanischen Lüftung ohne Kühlung der Nachtlüftung eine bedeutende Rolle zu, wie dies in Abb. 95 zu erkennen ist. • Mechanische Lüftung mit Kühlung Eine weitere Verbesserung der Raumtemperaturen kann durch eine auf ca. 20°C gekühlte Zuluft erreicht werden. Denn damit läßt sich verhindern, daß die nachmittags recht warme Außenluft in den Raum strömt und zu einer Erwärmung führt. Darüber hinaus spielt auch die Art der Lüftungsanlage (Quelllüftung oder Mischlüftung) eine Rolle im Hinblick auf die erreichbaren sommerlichen Klimaverhältnisse. Denn die bei Mischlüftung (oder hochinduktiven Quelllüftung) mögliche Zulufttemperatur von +16°C bedingt eine höhere Kühlleistung und führt somit zu etwas niedrigeren Raumtemperaturen. • Alle zuvor betrachteten mechanischen Lüftungsanlagen weisen im Sinne einer Technikminimierung eine relativ niedrige Lüftungsintensität (ca. 2-facher Luftwechsel) auf. Die standardmäßige Dimensionierung der Lüftungsanlage gemäß Kühllastberechnungen nach VDI 2078 führt im vorliegenden Fall zu der bekannten und früher oft zum Einsatz gekommen Lösung einer mechanischen Lüftungsanlage mit variablem Luftvolumenstrom (VVS-Anlage). Diese Anlage ist aufgrund ihres enormen Kühlpotentials natürlich ohne weiteres in der Lage, eine Grenztemperatur von +26°C auch im Hochsommer einzuhalten. Andererseits stellt diese Anlage jedoch auch die Variante mit dem größten technischen und finanziellen Aufwand dar, was in der jüngeren Vergangenheit dazu geführt hat, daß häufig alternative Lösungen gesucht und gefunden wurden. 108 Stunden in der Betriebszeit pro Jahr [h/a] 1200 1100 1000 900 800 700 600 500 400 300 200 100 0 > 26°C > 27°C > 28°C > 29°C > 30°C > 31°C > 32°C > 33°C > 34°C > 35°C empfundene Temperatur in [°C] Fensterlüftung (nachts zu) Fensterlüftung (nachts offen) Mechanische Lüftung ohne Kühlung (LW = 2; Tzu = TAL) ohne Nachtlüftung Mechanische Lüftung ohne Kühlung (LW = 2; Tzu = TAL) mit Nachtlüftung Mechanische Lüftung mit Kühlung (LW = 2; Tzu = +20°C) mit Nachtlüftung Mechanische Lüftung mit Kühlung (LW = 2; Tzu = +16°C) mit Nachtlüftung Mechanische Lüftung mit Kühlung (LW = 2...6; Tzu = +16°C) mit Nachtlüftung Abb. 96: Häufigkeiten erhöhter sommerlicher Temperaturen im Büro für unterschiedliche Lüftungskonzepte In Abb. 96 sind die Häufigkeitsverteilungen derselben Systeme wie in Abb. 95 dargestellt, wie sie für ein durchschnittliches Jahr zu erwarten sind. Wie darin zu erkennen ist, schneidet die mechanische Lüftung ohne Kühlung der Zuluft – analog zur Betrachtung der sommerlichen Schönwetterperiode – wiederum am schlechtesten ab. Abb. 96 ist jedoch auch zu entnehmen, daß mit den Fensterlüftungs-Varianten – insbesondere bei nachts offen stehenden Fenstern – die sommerlichen Raumtemperaturen bis auf wenige heiße Tage im Hochsommer recht gut begrenzt werden können. Dies lässt sich auf die deutlich höhere Lüftungsintensität gegenüber der mechanischen Lüftung (ca. LW = 2) zurückführen. Mit Hilfe der Fensterlüftung kann nämlich bei geeignetem Öffnungsverhalten durchaus ein ca. 5 bis 10-facher Luftwechsel erreicht werden. Aus Abb. 96 geht weiter hervor, dass mit einer Quelllüftung, die eine minimale Zulufttemperatur von 20°C aufweist, zwar die Temperaturspitzen einigermaßen gekappt werden können; im Hinblick auf die Zieltemperatur 26°C zeigt dieses Lüftungskonzept eine enorme Überschreitungshäufigkeit. Dies läßt sich auf die begrenzte Kühlleistung dieses Konzepts zurückführen. In Analogie zur sommerlichen Schönwetterperiode zeigt sich auch im Jahresgang, daß mit Hilfe einer als Mischlüftung konzipierten mechanischen Lüftung mit begrenzter Lüftungsintensität (ca. LW = 2), die in der warmen Jahreszeit nachts durchläuft, relativ gute sommerliche Klimaverhältnisse erreichen lassen. Allerdings muß auch bei diesem Konzept mit gelegentlichen geringfügigen Überschreitungen der Zieltemperatur von 26°C gerechnet werden. Bei vollem Technikeinsatz, z.B. einer mechanischen Lüftung mit bis zu 6-fachem Luftwechsel und +16°C Zulufttemperatur, lassen sich in Analogie zur sommerlichen Schönwetterperiode Überschreitungen der Auslegungstemperatur von +26°C vermeiden. Neben dem Potential der einzelnen Lüftungskonzepte zeigen Abb. 101 und 102 auch einen generellen Zusammenhang: Es wird deutlich, daß es grundsätzlich recht schwierig ist, mit luftbasierten Systemen, die eine begrenzte Lüftungsintensität aufweisen (ca. 2-fachen Luftwechsel), die Grenzwerte für thermische Behaglichkeit gemäß DIN 1946-2 in Räumen mit hohem Verglasungsanteil einzuhalten. Entgegen der früher üblichen Erhöhung des Luftvolumenstroms, der unter energetischen Gesichtspunkten wenig sinnvoll und oftmals auch sehr kostenintensiv ist (aber wohl immer noch den Regelfall darstellt), stellt heutzutage der flankierende Einsatz von Kühlsystemen, die auf thermischer Strahlung basieren, eine hervorragende Ergänzung der Lüftungskonzepte dar. Denn die Strahlungskühlung weist ganz generell den Vorteil auf, daß sie auch noch funktioniert, wenn die Fenster geöffnet sind, wohingegen die Kühlung mit Luft bei geöffneten Fenstern praktisch wirkungslos bleibt. Die auf thermischer Strahlung basierenden flankierenden Kühlsysteme sind also gerade im Zusammenhang mit der Fensterlüftung besonders zielführend. 109 34 33 32 31 Temperatur in [°C] Leider wird derartigen Kühlkonzepten, die auf thermischer Strahlung basieren, oftmals von Seiten der TGA-Planung ein gewisser Widertand entgegengebracht. Dies läßt sich vermutlich darauf zurückführen, dass es sich bei den strahlungsbasierten Systemen um verhältnismäßig junge und innovative Entwicklungen handelt, die bei einigen TGA-Planern nicht mehr Teil der Ausbildung waren. Nichtsdestoweniger sind diese Strahlungssysteme seit einigen Jahren im Markt auf den Vormarsch. Um auch eine ungefähre Vorstellung des Potentials von Strahlungskühlungen zu vermitteln, sind in Abb. 97 exemplarisch sommerliche Raumtemperaturen aufgetragen, wie sie mit Hilfe solcher Strahlungssysteme in demselben Büro, welches den Temperaturen in den Abb. 95 und 96 zugrunde liegt, erreicht werden können. Dabei wird wiederum zunächst eine sommerliche Schönwetterperiode betrachtet. In Abb. 97 ist zu erkennen, daß mit Hilfe der kostengünstigen Betonkernkühlung (vgl. Abschnitt 5.1) in Verbindung mit der Fensterlüftung die sommerlichen Raumtemperaturen recht gut (bis auf ca. 28°C) begrenzt werden können. Falls bei Fensterlüftung jedoch unbedingt die Zieltemperatur von 26°C eingehalten werden soll, sind hierfür leistungsstarke Kühldecken (Kühlleistung bis ca. 80 W/m²) erforderlich. Die sommerlichen Maximaltemperaturen lassen sich mit Hilfe der Kombination aus mechanischer Lüftung ohne Kühlung der Zuluft und geringer Lüftungsintensität (LW = 2) und Betonkernkühlung unterhalb der Außenlufttemperatur halten. Dennoch stellt sich diese Variante im Hinblick auf die sommerlichen Raumtemperaturen weniger effizient als die Fensterlüftung mit Betonkernkühlung dar. Erst die Kombination der mechanischen Lüftung ohne Kühlung mit leistungsstarken Kühldecken führt zu recht guten sommerlichen Klimaverhältnissen. 30 29 28 27 26 25 24 23 22 21 20 0:00 2:00 4:00 6:00 8:00 10:00 12:00 14:00 16:00 18:00 20:00 22:00 0:00 Tageszeit Außenluft Fensterlüftung mit Nachtlüftung Fensterlüftung mit Betonkernkühlung Fensterlüftung mit Kühldecken Mechanische Lüftung mit Betonkernkühlung Mechanische Lüftung mit Kühldecken Abb. 97: Hochsommerliche Spitzentemperaturen im Büro für unterschiedliche Kühlkonzepte 110 Stunden in der Betriebszeit pro Jahr [h/a] 400 350 300 250 200 150 100 50 0 > 26°C > 27°C > 28°C > 29°C > 30°C empfundene Temperatur in [°C] Fensterlüftung mit Nachtlüftung Fensterlüftung mit Betonkernkühlung Fensterlüftung mit Kühldecken Mechanische Lüftung mit Betonkernkühlung Mechanische Lüftung mit Kühldecken Abb. 98: Häufigkeiten erhöhter sommerlicher Raumtemperaturen im Büro für unterschiedliche Kühlkonzepte Ergänzend sind in Abb. 98 die Überschreitungshäufigkeiten der zuvor betrachteten Systeme dargestellt. Darin ist zu erkennen, daß sich in Analogie zur sommerlichen Schönwetterperiode eigentlich zwei grundlegende Lösungsansätze anbieten: Als kostengünstiges low-tech-Konzept ist die Fensterlüftung in Verbindung mit einer Betonkernkühlung zielführend und bei höheren Ansprüchen an das sommerliche Raumklima ist das Konzept einer mechanischen Lüftung mit Kühldecken geeignet. Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, daß die Betonkernkühlung auch einige Probleme mit sich bringt, die nicht einfach zu lösen sind: • Oftmals sind aus Gründen der Raumakustik abgehängte Schallabsorber notwendig, die natürlich die kühle Raumdecke abschirmen und so die Effizienz der Strahlungskühlung reduzieren. • Die Betonkernkühlung kann aufgrund der großen Trägheit (sehr lange Reaktionszeiten) nicht richtig geregelt werden, so daß es zu Problemen kommen kann, wenn sehr stark unterschiedlich belastete Räume damit gekühlt werden sollen. Denn dies führt entweder zu Auskühlerscheinungen in den niedrig belasteten Räumen (und angenehmen Temperaturen in den hochbelasteten Büros) oder zu einer reduzierten Kühlung der hochbelasteten Räume, die sich in erhöhten Raumtemperaturen niederschlagen (und angenehmen Temperaturen in den niedrig belasteten Büros). Sie stellt aber eine kostengünstige flankierende Maßnahme für Gebäude dar, für die der Technikeinsatz minimiert und dennoch einigermaßen akzeptable sommerliche Temperaturen erreicht werden sollen. Bei entsprechend hohen Anforderungen an die thermische Behaglichkeit stellt sich eine mechanische Lüftung in Kombination mit Kühldecken zielführend dar. 111 Hierzu sind in Abb. 99 exemplarisch die wesentlichen Einflüsse aufgezeigt. Zu Vergleichszwecken ist darin die Basisvariante mit Sichtbetondecke, Wärmeschutzverglasung mit Außensonnenschutz, gekippten Fenstern und vollverglaster Fassade aufgeführt. Bezüglich der Lüftung basieren alle dargestellten Varianten auf Fensterlüftung mit Nachtlüftung. 40 38 36 Temperatur in [°C] Falls jedoch aus ökonomischen und ökologischen Gründen ganz auf den Einsatz von Technik verzichtet werden soll, kommt den Einflüssen der einzelnen passiven Maßnahmen eine entscheidende Bedeutung zu. 34 32 30 28 26 24 22 20 0:00 2:00 4:00 6:00 8:00 10:00 12:00 14:00 16:00 18:00 20:00 22:00 0:00 Tageszeit Abgehängte Decken (evtl. auch abgehängte Akustikabsorber) wirken sich aufgrund der verminderten Speicherfähigkeit des Raumes recht negativ auf die sommerlichen Maximaltemperaturen aus. Ähnlich ungünstig wirkt sich auch die Substitution des Außensonnenschutzes durch den energetisch deutlich weniger effizienten Innensonnenschutz – trotz Kombination mit einer Sonnenschutzverglasung – aus. Insofern sollten diese beiden Maßnahmen in solar belasteten und großflächig verglasten Räumen bei reiner Fensterlüftung tunlichst vermieden werden. Demgegenüber wirkt sich eine Verkleinerung der Glasfläche aufgrund des reduzierten solaren Wärmeeintrags recht günstig auf die sommerlichen Raumtemperaturen aus. Auch voll geöffnete Fenster wirken sich günstig aus, so daß damit die Raumtemperaturen nahezu auf Außenluftniveau gehalten werden können. Allerdings sind nächtlich voll geöffnete Fenster als äußerst kritisch im Hinblick auf Sicherheit und Witterungsschutz einzustufen und daher wenig praktikabel. Außenluft Basisvariante: WSV mit AS und gekipptes Fenster abgehängte Decke SSV mit Innensonnenschutz voll geöffnete Drehflügelfenster Brüstung (1,2 m hoch) Abb. 99: Hochsommerliche Spitzentemperaturen im Büro Einfluss einiger passiver Maßnahmen 112 Stunden in der Betriebszeit pro Jahr [h/a] 500 450 400 350 300 250 200 150 100 50 0 > 26°C > 27°C > 28°C > 29°C > 30°C > 31°C > 32°C > 33°C > 34°C > 35°C empfundene Temperatur in [°C] Außenluft Basisvariante: WSV mit AS und gekipptem Fenster abgehängte Decke SSV mit Innensonnenschutz voll geöffnete Drehflügelfenster Brüstung (1,2 m hoch) Mechanische Lüftung mit Kühlung (LW = 2...6; Tzu = +16°C) mit Nachtlüftung Abb. 100: Häufigkeiten erhöhter sommerlicher Temperaturen im Büro Einfluss einiger passiver Maßnahmen In Abb. 100 sind die Überschreitungshäufigkeiten der betrachteten Varianten aufgetragen. Es wird deutlich, dass sich abgehängte Decken sowie Sonnenschutzverglasung (SSV) mit Innensonnenschutz auch im Jahresgang ungünstig auswirken. Bei allen restlichen Varianten zeigt sich jedoch, dass im Verlauf eines durchschnittlichen Jahres die sehr hohen Raumtemperaturen während einer ausgeprägten Schönwetterperiode (vgl. Abb. 99) nicht erreicht werden. Dies ist zum einen auf die während eines normalen Jahres nur kurzzeitig (einige, wenige sonnige Tage) auftretenden hohen Außentemperaturen zurückzuführen; zum anderen bedingen die häufigen Wetterwechsel eine deutlich höhere dynamische Wirksamkeit der Speichermassen als in der ausgeprägten sommerlichen Schönwetterperiode. Trotz dieser Verbesserungen gegenüber der sommerlichen Schönwetterperiode zeigt sich auch im Jahresgang, dass allein mit passiven Maßnahmen die Grenztemperatur für thermische Behaglichkeit von +26°C nicht immer eingehalten werden kann. 113 Neben den bis hier aufgezeigten Einflüssen spielt natürlich auch die Orientierung der Räume eine ganz wichtige Rolle. 40 Hierzu sind in Abb. 101 exemplarisch die auf Basis der Standardvariante erwartbaren sommerlichen Raumtemperaturen für vier Orientierungen dargestellt. Den kritischten Fall stellt nicht etwa das Büro nach Süden dar, wie man zunächst vermuten könnte. Die Büros mit östlicher oder westlicher Orientierung weisen die höchsten sommerlichen Raumtemperaturen auf. Dies ist darauf zurückzuführen, daß die Sonne mittags steil auf die Südfassade scheint und deswegen die solare Strahlungsintensität auf der vertikalen Fassade vergleichsweise niedrig ausfällt. Im Gegensatz dazu steht die Sonne am Vormittag und Nachmittag flach, so daß die auf die Ost- und Westfassaden auftreffenden Strahlungsintensitäten relativ hoch sind. Dieser Effekt wird durch den winkelabhängigen g-Wert des außenliegenden Lamellensonnenschutzes noch verstärkt, welcher unter der Annahme eines konstanten Lamellenwinkels bei flacher Sonne wesentlich mehr solare Wärme in den Raum hinein lässt als bei steiler Sonne. 34 38 Temperatur in [°C] 36 32 30 28 26 24 22 20 0:00 2:00 4:00 6:00 8:00 10:00 12:00 14:00 16:00 18:00 20:00 22:00 0:00 Tageszeit (MEZ) Außenluft Büro mit Fenster nach Norden Büro mit Fenster nach Osten Büro mit Fenster nach Süden Büro mit Fenster nach Westen Abb. 101: Hochsommerliche Spitzentemperaturen im Büro für unterschiedliche Fassadenorientierungen Der ungünstigste Fall ist somit für ein westlich orientiertes Büro zu erwarten, da nachmittags auch die Außenlufttemperatur ihr Maximum erreicht. Wie weiterhin zu erkennen ist, steigen die Raumtemperaturen in dem nach Norden orientierten Büro sogar höher als im Südbüro. Dieser interessante Effekt ist darauf zurückzuführen, daß der solare Strahlungseintrag beim Südbüro durch den geschlossenen Sonnenschutz stärker abgemindert wird als der diffuse Strahlungseintrag vom Himmel beim Nordbüro durch die Verglasung allein (kein geschlossener Sonnenschutz). 114 6.2.4 Klimakonzepte für Glashallen 115 Im Gegensatz zu Büroräumen, die immer auch Arbeitsplätze enthalten und somit einem verhältnismäßig hohen Anspruch an thermischem Komfort unterliegen, stellt sich die Situation bei Glashallen deutlich anders dar. Denn je nach Charakter der Glashalle lassen sich verschiedene Nutzungsmöglichkeiten realisieren, welche unterschiedliche Anforderungen nach sich ziehen. Wegen des zentralen Einflusses auf das Klimakonzept muss die Klärung des Hallencharakters am Anfang des Planungsprozesses stehen. In Abb. 102 sind exemplarisch die beiden grundsätzlich möglichen Hallenkonzeptionen mit entsprechenden Konsequenzen gegenübergestellt. Leider zeigt die Erfahrung, daß die frühzeitige Hallenkonzeption oftmals aus Kostengründen vermieden bzw. auf einen späteren Zeitpunkt verschoben wird, so daß von Seiten des Bauherrn häufig eine Glashalle als hochwertiger Veranstaltungsraum erwartet wird und von Seiten des Architekten eine Glashalle ohne jeden Komfort geplant wird. Diese Diskrepanz führt unweigerlich zu Unstimmigkeiten, die vermieden werden sollten. Gelegentlich wird die Nutzung einer Glashalle im Verlauf des Planungsprozesses seitens der Bauherrnschaft von einer einfachen Verkehrsfläche ohne jegliche thermische Anforderungen in einen hochwertigen Veranstaltungsort mit entsprechend hohen Klimaanforderungen umgewidmet. Der TGA-Planer ist gut beraten, wenn er sich die anfängliche Charakterisierung der Glashalle als Verkehrsfläche ohne besondere Klimaanforderungen bestätigen läßt, da er ansonsten gegebenenfalls für ein unzulängliches Klimakonzept zur Rechenschaft gezogen wird. Diese Ausführungen zeigen, daß ein sinnvoller Planungsablauf nur auf Basis eines ehrlichen Umgangs aller Planungsbeteiligten miteinander erreicht werden kann. Süd- bzw. Nordorientierung aufweisen, erläutert (siehe Abb. 103). Die fiktive Glashalle mit natürlicher Lüftung weist folgende, typische Abmessungen auf: Eine Breite von 10 m, eine Höhe von 15 m und eine Länge von 40 m. Die Seitenwände der Glashalle zu den angrenzenden Räumen zeigen ebenfalls verglaste Bereiche, welche in dem Modell in der Mitte der Wände zusammengefasst wurden. Das in Abschnitt 6.2.5 betrachtete angrenzende Büro direkt unterhalb des Glasdachs ist in Abb. 103 ebenfalls zu erkennen. Unabhängig vom gewählten Glashallentypus empfiehlt sich immer eine im Hinblick auf die passiven Maßnahmen optimierte Ausbildung der Glashalle, um entweder möglichst gute Klimaverhältnisse zu erreichen oder die erforderlichen technischen Anlagen zu minimieren. In Bezug auf die sommerlichen Temperaturen in einer Glashalle spielen dabei folgende Einflüsse eine wichtige Rolle: - Glasdach/Fassaden, - natürliche Lüftung über öffenbare Fenster, - Nutzung der Speichermassen mittels Nachtlüftung. Im folgenden werden nun die Einflüsse der einzelnen passiven Maßnahmen auf das sommerliche Klima in einer Glashalle exemplarisch an einem großen Innenhof mit einem vollverglasten Dach und zwei vollverglasten Stirnfassaden, welche eine 116 Fassadenausbildung In Abb. 104 und 105 sind die Auswirkungen der Fassadenausbildung auf die sommerlichen Temperaturen in der Glashalle im Tages- und Jahresgang aufgetragen. 38 36 Temperatur in [°C] Darin ist zu erkennen, daß der außenliegende Sonnenschutz in Kombination mit einer normalen Wärmeschutzverglasung wie erwartet am besten abschneidet. Dies ist auf den besten Schutz vor solarem Wärmeeintrag zurückzuführen (vgl. dazu Abschnitt 3.3). 40 34 32 30 28 26 24 22 Etwas schlechter schneidet eine neutrale Sonnenschutzverglasung in Kombination mit einem innenliegenden Sonnenschutz ab, was sich besonders in den Spitzentemperaturen eraturen bemerkbar macht. 20 0:00 2:00 4:00 6:00 8:00 10:00 12:00 14:00 16:00 18:00 20:00 22:00 0:00 Tageszeit (MEZ) Außenluft Die starke Sonnenschutzverglasung ohne Sonnenschutz bedingt nicht nur den geringsten Schutz gegen den solaren Wärmeeintrag und führt so zu den höchsten Raumtemperaturen; sie verursacht aufgrund des relativ niedrigen Tageslichteintrags gegebenenfalls auch tageslichttechnische Probleme in angrenzenden Büroräumen (vgl. dazu Abschnitt 3.3.4). Wärmeschutzverglasung mit Außensonnenschutz Sonnenschutzverglasung mit Innensonnenschutz starke Sonnenschutzverglasung ohne Sonnenschutz Abb. 104: Hochsommerliche empfundene Temperaturen in der Glashalle in Abhängigkeit der Fassadenausbildung Stunden pro Jahr [h/a] 400 350 starke Sonnenschutzverglasung ohne Sonnenschutz 300 Sonnenschutzverglasung mit Innensonnenschutz 250 Wärmeschutzverglasung mit Außensonnenschutz 200 150 100 50 0 > 26°C > 27°C > 28°C > 29°C > 30°C > 31°C > 32°C Abb. 105: Häufigkeiten erhöhter sommerlicher Raumtemperaturen in der Glashalle in Abhängigkeit der Fassadenausbildung 117 Fensterlüftung Neben der Fassadenausbildung stellt auch die Größe der Lüftungsöffnungen einen ganz wichtigen Einflußfaktor dar. Denn je nachdem, welche aerodynamisch wirksame Fläche (vgl. Abschnitt 4.3) zur Verfügung steht, ergibt sich eine mehr oder weniger intensive Hallendurchlüftung. In Abb. 106 ist hierzu exemplarisch die Hallendurchlüftung dargestellt, wie sie im Verlauf eines Sommertages in Abhängigkeit der Fensterfläche (im Verhältnis zur Hallengrundfläche) zu erwarten ist. Darin ist zu erkennen, daß die größten Lüftungsintensität nachts auftritt, während auch die größten Temperaturdifferenzen auftreten. Interessanterweise kann sich bei ausreichend großen Lüftungsöffnungen die Strömungsrichtung sogar umkehren. Dies bedeutet, daß die Luft in der Glashalle kühler als die Außenluft ist und somit die Außenluft am Dach einströmt und in der Glashalle abwärts strömt. Generell ergibt sich natürlich für größere Lüftungsöffnungen auch eine intensivere Hallendurchlüftung. Luftwechsel in [1/h] Neben der Größe spielt auch die Lage der Lüftungsöffnungen eine wichtige Rolle, da die thermischen Antriebskräfte auch von der Höhendifferenz der Zu- und Abluftöffnungen (Fenster) abhängt (vgl. dazu Abschnitt 4.3). Die größte Lüftungsintensität lässt sich daher durch die größte Höhendifferenz erreichen, was zur optimalen Lage der Fenster im Erdgeschoss (Einströmen) und im Glasdach (Abströmen) führt. 10,0 9,0 8,0 7,0 6,0 5,0 4,0 3,0 2,0 1,0 0,0 -1,0 -2,0 -3,0 -4,0 -5,0 0:00 Fensterfläche 2% Fensterfläche 3% Fensterfläche 5% 2:00 4:00 6:00 8:00 10:00 12:00 14:00 16:00 18:00 20:00 22:00 0:00 Tageszeit (MEZ) Abb. 106: Intensität der Fensterlüftung in der Glashalle im Hochsommer in Abhängigkeit der Fenstergröße 118 Eine ausreichende sommerliche Entwärmung der Glashalle ergibt sich für einen Fensterflächenanteil von 5%; dabei wird eine optimale Lage der Lüftungsöffnungen im Erdgeschoss und im Glasdach vorausgesetzt. Temperatur in [°C] Dazu sind in Abb. 107 und 108 die resultierenden Raumtemperaturen in der Glashalle im Tages- und Jahresgang dargestellt, wie sie sich für die zuvor betrachteten Fensterflächen (vgl. Abb. 106) ergeben. 35 34 33 32 31 30 29 28 27 26 25 24 23 22 21 20 0:00 Außenluft Fensterfläche 2% Fensterfläche 3% Fensterfläche 5% 2:00 4:00 6:00 8:00 10:00 12:00 14:00 16:00 18:00 20:00 22:00 0:00 Tageszeit (MEZ) Abb. 107: Hochsommerliche Raumtemperaturen in der Glashalle in Abhängigkeit der Fenstergröße 200 Stunden pro Jahr [h/a] 180 160 Fensterfläche 2% Fensterfläche 3% Fensterfläche 5% 140 120 100 80 60 40 20 0 > 26°C > 27°C > 28°C > 29°C > 30°C > 31°C > 32°C Abb. 108: Häufigkeiten erhöhter sommerlicher Raumtemperaturen in der Glashalle in Abhängigkeit der Fenstergröße 119 Gerade in Kombination mit der nächtlichen Fensterlüftung kommt den Speichermassen in der Glashalle eine enorme Bedeutung zu. In Abb. 109 und 110 sind hierzu die korrespondierenden Raumtemperaturen im Tages- und Jahresgang dargestellt. Darin wird deutlich, daß für eine ausreichende Dämpfung der sommerlichen Temperaturentwicklung die Speichermassen – gerade im Hinblick auf die Spitzentemperaturen – besonders wichtig sind. Dabei ist zu beachten, daß nur Speichermassen wirksam werden können, die frei zugänglich und nicht – z.B. durch Akustikpaneele – abgeschirmt sind. Temperatur in [°C] Speichermassen 35 34 33 32 31 30 29 28 27 26 25 24 23 22 21 20 0:00 2:00 4:00 6:00 8:00 10:00 12:00 14:00 16:00 18:00 20:00 22:00 0:00 Tageszeit (MEZ) Außenluft wenig Speichermasse Manchmal empfiehlt sich auch die viel Speichermasse unterstützende Aktivierung der viel Speichermasse mit Bodenkühlung Speichermassen durch die Fußbodenheizung, die im Sommer mit kaltem Wasser durchströmt Abb. 109: Hochsommerliche Raumtemperaturen in der Glashalle wird. Denn mit dieser bei unterschiedlichen Speichermassen Strahlungskühlung (kühle Luft durch Strömungszufuhr würde bei Fensterlüftung einfach aus der Halle herausgespült) lassen sich die sommerlichen Raumtemperaturen noch besser begrenzen. 200 Stunden pro Jahr [h/a] 180 160 wenig Speichermasse 140 viel Speichermasse 120 viel Speichermasse mit Bodenkühlung 100 80 60 40 20 0 > 26°C > 27°C > 28°C > 29°C > 30°C > 31°C > 32°C Abb. 110: Häufigkeiten erhöhter sommerlicher Raumtemperaturen in der Glashalle in Abhängigkeit der frei zugänglichen Speichermassen 120 6.2.5 Thermische Schichtung Generell ist in großen Glashallen mit vielen Glasflächen bei intensiver Besonnung mit einer 111), sondern je nach Höhenlage des Raumes mehr oder weniger hohe Lufttemperaturen. ausgeprägten thermischen Schichtung der Lufttemperatur zu rechnen (siehe dazu Abb. 111). Dabei wird die Intensität der thermischen Schichtung im wesentlichen bestimmt von: • dem solaren Wärmeeintrag über die Glasflächen, • der Ausbildung des Glasdachs (mit/ohne Sonnenschutz), • der Intensität der Hallendurchlüftung (bei Fensterlüftung abhängig von Lage, Ausbildung und Größe der Fenster), • den inneren Wärmequellen durch Personen, technische Geräte, Kunstlicht, etc., • der Speicherfähigkeit der Glashalle. Falls an die Glashalle keine Büroräume angrenzen, stellt sich die thermische Schichtung unproblematisch dar. Sie kann im Gegenteil gezielt dazu genutzt werden, nur den Aufenthaltsbereich in der Glashalle zu temperieren. Allerdings darf dabei nicht übersehen werden, daß sich bei einer ausgeprägten thermischen Schichtung die innere Oberfläche des Glasdachs bzw. des Innensonnenschutzes sehr stark erwärmen kann und über thermische Strahlung (quasi als „Heizstrahler“) zu erhöhten Empfindungstemperaturen im Aufenthaltsbereich führen kann. Die Situation stellt sich jedoch gänzlich anders dar, wenn Büros oder andere Räume an die Glashalle angrenzen, die natürlich über öffenbare Fenster gelüftet werden. Denn in diesem Fall zeigt die aus der Glashalle in diese Räume einströmende Luft nicht eine mittlere Lufttemperatur (wie sie einfache Rechenmodelle für Glashallen aufweisen, vgl. Abb. 121 In Abb. 112 sind hierzu exemplarisch (dem dargestellten Beispiel liegt dieselbe Glashalle wie in Kap. 6.2.4 zugrunde) die simulierten Raumtemperaturen in einem an die Glashalle direkt unterhalb des Glasdachs angrenzenden Büroraum aufgetragen, wobei zunächst vereinfachend mit einer mittleren Hallenlufttemperatur gerechnet wurde und anschließend die thermische Schichtung der Hallenluft rechnerisch berücksichtigt wurde. Temperatur in [°C] Darin ist zunächst zu erkennen, daß die Berücksichtigung der thermischen Schichtung zu deutlich unterschiedlichen Ergebnissen führt. Dabei ist besonders kritisch zu bewerten, daß sich bei dem einfachen Rechenmodell „mittlere Lufttemperatur“ viel zu optimistische Ergebnisse ergeben. Insofern kann vor einer derart vereinfachten rechnerischen Betrachtungsweise nur gewarnt werden, obwohl sie aus Kostengründen und mangels leistungsfähiger Software recht häufig anzutreffen ist. 40 39 38 37 36 35 34 33 32 31 30 29 28 27 26 25 0:00 2:00 4:00 6:00 8:00 10:00 12:00 14:00 16:00 18:00 20:00 22:00 0:00 Tageszeit (MEZ) Außenluft Rechenmodell mit thermischer Schichtung Rechenmodell "mittlere Lufttemperatur" Abb. 112: Hochsommerliche Raumtemperaturen im obersten angrenzenden Büro für unterschiedliche Rechenmodelle 122 6.3 Winter Aufgrund der mittlerweile sehr gut wärmedämmenden Fassaden und der enormen inneren Lasten durch EDV-Geräte und Beleuchtung spielen die winterlichen Klimaverhältnisse bei gewerblichen Bauten im Hinblick auf den Energieverbrauch eine untergeordnete Rolle (vgl. Kap 1.3 und Kap. 3.1.3). Allerdings kommt den winterlichen Klimaverhältnissen im Hinblick auf den thermischen Komfort in der kalten Jahreszeit durchaus eine gewichtige Rolle zu. Denn zum Einen kann die Dimensionierung der Heizung gemäß Auslegung nach Norm zu Problemen führen und zum anderen kann die Wahl des Heizkonzepts auch Auswirkungen auf den sommerlichen Kühlfall haben. 6.3.1 Büroräume Für Büroräume muss insbesondere bei großflächig verglasten Fassaden darauf geachtet werden, daß dem direkt an der kalten Glasfassade zu erwartenden Kaltluftabfall in geeigneter Weise begegnet wird. Als Negativbeispiel sind hierzu in Abb. 113 exemplarisch die Strömungsverhältnisse in einem Büro mit vollverglaster Fassade und Warmlufteinbringung via mechanischer Lüftung (LW = 2) im Fußpunkt der Fassade dargestellt. Darin ist gut zu erkennen, die sich an der kalten Glasoberfläche (ca. 15°C) eine Grenzschicht bildet, die kühle Luft nach unten fallen läßt. Diese trifft im Bodenbereich auf die von unten eingebrachte Warmluft der mechanischen Lüftung. Diese Warmluft wird jedoch impulsarm eingebracht und der thermische Auftrieb reicht nicht für das Aufsteigen aus. Infolgedessen vermischt sich zwar die warme Luft im Fußpunkt mit der abfallenden Kaltluft, der Impuls der herabströmenden Grenzschicht bleibt jedoch weitgehend erhalten, so daß der Luftstrom in den Raum hinein umgelenkt wird und zu unangenehm hohen Luftgeschwindigkeiten im Fußbereich nahezu im gesamten Raum führt. Solche Rauminnenströmungen führen häufig zu Klagen über Zugerscheinungen („kalte Füße“), so daß sie mit Hilfe eines geeigneten Heizsystems vermieden werden sollten. Generell kritisch im Hinblick auf den Kaltluftabfall stellen sich auch alle Heizsysteme, die auf thermischer Strahlung basieren, dar. Denn es ist oftmals fraglich, ob damit dem Kaltluftabfall an der Glasfassade in ausreichendem Maße entgegengewirkt werden kann. 123 6.3.2 Glashallen Im Vergleich zu Büroräumen stellt sich die Problematik des Kaltluftabfalls in Glashallen mit großen Glasflächen nach außen kritischer dar. aus Kostengründen) unterlassen wird, können unangenehme Folgen für die thermische Behaglichkeit in Form von intensiven Zugerscheinungen trotz ausreichender Heizleistung nicht ausbleiben. In Abb. 114 sind exemplarisch die sich an den kalten Glasflächen bildenden Grenzschichten mit kühler Luft und die resultierenden Luftströmungen im Innenraum prinzipiell dargestellt. Daraus geht hervor, dass zum einen das kalte Glasdach zu massiven Kaltluftströmen führt, die nach unten in den Aufenthaltsbereich fallen. Zum anderen stellen sich auch die raumhohen Glasfassaden nach außen aufgrund der sich direkt an den kalten inneren Oberflächen ausbildenden Kaltluftströme als recht kritisch dar, da die abfallende Kaltluft im Fußpunkt der Fassaden in den Raum hinein umgelenkt wird. In Analogie zu den Büroräumen kann gerade auch bei den Glashallen eine Auslegung gemäß DIN, die einzig dem Ausgleich der Transmissions- und Lüftungswärmeverluste dient, zu Ergebnissen führen, die unbefriedigend sind. So kann z.B. eine Fußbodenheizung die Innenraumströmung nur begrenzt beeinflussen und somit dem Kaltluftabfall nur bedingt entgegenwirken. Insofern empfiehlt es sich bei der Festlegung des Heizkonzepts von Glashallen nicht nur die erforderliche Heizleistung zu ermitteln, sondern die in der Glashalle in der kalten Jahreszeit für das jeweilige Heizkonzept zu erwartende Innenraumströmung sehr genau zu analysieren. Falls dies (z.B. 124 Abb. 115 zeigt einen typischen Lösungsansatz. Darin ist zu erkennen, daß dem Kaltluftabfall vom Glasdach her z.B. durch die Erzeugung einer Warmluftschicht direkt unter dem Dach entgegengewirkt werden kann. Durch intensives Einbringen und Absaugen von Warmluft wird die kalte Luft am Glasdach vom restlichen Raumbereich thermisch getrennt, wodurch der Kaltluftabfall vom Glasdach her unterbunden werden kann. Bei vertikalen Glasfassaden wird häufig eine Fassadenheizung eingesetzt, um die innere Oberflächentemperatur der Verglasungen auf Raumtemperaturniveau zu halten und somit die Ausbildung einer ausgeprägten Kaltluftgrenzschicht zu verhindern. Weitere Lösungsansätze sind z.B.: • geschoßweise angeordnete Konvektoren an der Glasfassade (die allerdings den gestalterischen Anspruch der Glasfassade oftmals negativ beeinflussen), • Weitwurfdüsen, die intensive Warmluftstrahlen gegen die abfallende Kaltluft richten. Es soll hier bei der Nennung zweier Beispiele bleiben, da es sich dabei um zentrale Themen der TGA-Planung handelt. 125 Abschließend sei im Hinblick auf die winterlichen Klimaverhältnisse in einer Glashalle auf eine weitere Gefahr hingewiesen, die häufig nicht rechtzeitig erkannt wird: Bei großen Glashallen, die als Einkaufspassage (Mall) genutzt werden, sollen die Türen der Geschäfte möglichst auch im Winter offenstehen, um Kunden zum Einkauf einzuladen. In diesem Fall muß die Glashalle auf dieselbe Temperatur geheizt werden wie die Geschäfte selbst. Sind unterhalb der Mall Tiefgaragen für die Kunden angeordnet, stehen wegen der hohen Besucherzahl die Türen zwischen Tiefgarage und Mall permanent offen. Dies führt aufgrund des großen Temperaturunterschieds zur Außenluft zu einem sehr starken thermischen Antrieb, der sich in einer ausgeprägten Luftströmung äußert, die von außen über die offenen TG-Türen zunächst in die Tiefgarage und von dort über die offenen Eingangstüren in die Mall strömt. Besonders bei einem weniger dichten Glasdach führt dieser Kamineffekt in der Mall zu einem massiven Kaltlufteintrag in die Mall hinein, der sich über die offenen Eingangstüren der Geschäfte bis in diese selbst fortsetzen und dort zu sehr unangenehmen thermischen Verhältnissen führen kann (die Lufttemperatur im Bodenbereich der Kassen kann in ungünstigen Situationen bis auf ca. 2 bis 3 °C absinken). Auch ist es in diesem Fall unmöglich, die Glashalle selbst ausreichend zu beheizen, da die eingebrachte Warmluft sofort nach oben zum Glasdach steigt und dort über die Undichtigkeiten nach außen abströmt. Bei der Konzeption von beheizten Einkaufspassagen ist daher unbedingt auf eine ausreichende Dichtigkeit des Innenraums zu achten, auch wenn dies zu Einschränkungen des Kundenkomforts führen kann. 126 7. Wirtschaftlichkeit Neben den erreichbaren Klimaverhältnissen ist für eine umfassende Bewertung von Konzeptalternativen, die sich auf passive Maßnahmen konzentrieren, in jedem Fall auch der ökonomische Aspekt von Bedeutung. Denn gerade bei den Klimakonzepten sind Ökonomie (Kosteneinsparungen) und Ökologie (Energieeinsparungen) durchaus zu vereinen. Die erfolgreiche Umsetzung von innovativen, ökologischen Konzepten setzt eine detaillierte Ermittlung der Kosten voraus, die über den üblichen Ansatz von Erfahrungs- bzw. Mittelwerten der Standardverfahren weit hinaus geht. 7.1 Grundlagen Im Rahmen eines standardmäßigen Planungsverfahrens obliegt es dem TGA-Planer, die Kosten für die gebäudetechnischen Anlagen zu ermitteln, die sich in Investitionskosten und Betriebskosten unterteilen. Investitionskosten Die Ermittlung der Investitionskosten erfolgt i.d.R. auf Basis einer Anlagendimensionierung (z.B. Kühllastrechnung nach VDI 2078, Wärmebedarf gemäß DIN 4701, etc.), die Aussagen zu den maximalen Leistungen der jeweiligen Anlage liefert. Die Größe der Anlage und damit die Investitionskosten werden durch die Auslegungsrechnung bestimmt. Diese bezieht sich immer auf extreme Wettersituationen, denn die Anlage muß noch funktionieren, wenn es sehr heiß oder sehr kalt ist. Anhand der Anlagendimensionierung kann jedoch keine Aussage über den Energieverbrauch und die laufenden Kosten im Betrieb abgeleitet werden, da die gebäudetechnischen Anlagen nicht immer maximale Leistung, sondern während der meisten Zeit des Jahres im Teillastbereich fahren, denn auch der Außenzustand erreicht nur selten die extremen Auslegungssituationen (sehr kalt im Winter, z.B. -16°C oder sehr heiß im Sommer, z.B. +32°C). Betriebskosten Die Ermittlung der Betriebskosten stellt sich deutlich schwieriger dar, da sich die gebäudetechnischen Anlagen während der meisten Zeit des Jahres im Teillastbereich bewegen, sich also andauernd an den sich verändernden Außenzustand anpassen. Notgedrungen werden im Einklang mit den Normenwerken grobe Überschlagswerte für den durchschnittlichen jährlichen Energieverbrauch anstelle der tatsächlich anfallenden Teillaststunden angesetzt (überschlägige Werte für die jährlichen Vollaststunden in Form von Heizgradtagen, Kühlgradstunden, Lüftungsgradstunden nach DIN 4710). Sie ergeben zusammen mit den Leistungsangaben der Auslegungsrechnung ungefähre Energiekosten. Eine noch gröbere Abschätzung des Jahresprimärenergiebedarfs liefert der Nachweis nach Energieeinsparverordnung (EnEV /27/). Obwohl in den Kommentaren der EnEV ausdrücklich darauf hingewiesen wird, daß dieser Jahresprimärenergiebedarf ausschließlich dem energetischen Vergleich von Gebäuden dient und somit nicht für Wirtschaftlichkeitsberechnungen herangezogen werden darf, wird dieser Wert aufgrund der einfachen Verfügbarkeit dennoch oftmals als Grundlage für eine Kostenberechnung nach VDI 2067 /28/ verwendet. Es liegt auf der Hand, daß bei diesen recht überschlägigen Vorgehensweisen in keinster Weise auf projektspezifische Parameter wie Betriebszeiten, Standort bzw. Wetterbedingungen, Fassadenorientierung, innere Wärmequellen – kurz: Besonderheiten des jeweiligen Bauvorhabens – detailliert eingegangen werden kann. Aufgrund dieser recht unscharfen Vorgehensweise bei der Betriebskostenermittlung lassen sich folglich die Betriebskosteneinsparungen, die mit Hilfe von passiven Maßnahmen erreicht werden können, nicht immer ausreichend genau ermitteln. Dies liegt gelegentlich auch nicht unbedingt im Interesse des TGA-Planers, da er durch optimierte Klimakonzepte durchaus Anteile an seinem HOAI-Honorar verlieren kann. Dabei stehen heute moderne und Möglichkeiten zur relativ genauen Ermittlung der Betriebskosten in Form von Anlagensimulationen zur Verfügung. Computersimulationen der gebäudetechnischen Anlagen zur Ermittlung des Energieverbrauchs sollten auf Basis von dynamischen Gebäudesimulationen im Jahresgang durchgeführt werden, welche für jede einzelne Stunde im Jahr die erforderliche Menge an Wärme für die Heizung, Kälte für die Kühlung und Luftmengen für die mechanische Lüftungsanlage unter Berücksichtigung aller projektspezifischen Einflüsse liefern. Darauf aufbauend kann der jährliche Wärmebedarf für die Heizung und der jährliche Kältebedarf für die Kühlung mittels einer einfachen Integration über die Zeit berechnet werden; für die Ermittlung des jährlichen Strombedarfs für Ventilatoren und Pumpen, des Wärmebedarfs des Erhitzers und des Kältebedarfs des Kühlers (und evtl. weiterer Anlagenkomponenten) der mechanischen Lüftung muß aufgrund der sich permanent verändernden Außenluft eine Anlagensimulation durchgeführt werden, die die gesamte Luftbehandlung inklusive aller Anlagenkomponenten abbilden kann. Auf Basis der Anlagensimulation, die den kompletten Luftbehandlungsprozeß abbildet, läßt sich für jeden beliebigen Außenluftzustand der erforderliche Energiebedarf für die Luftbehandlung ermitteln. Dies wird für jede einzelne Stunde im Jahr durchgeführt und durch Integration über ein durchschnitt127 liches Jahr wird so der mittlere Energiebedarf der mechanischen Lüftung berechnet. Dieser bildet zusammen mit dem Wärmebedarf der Heizung und gegebenenfalls dem Kältebedarf von zusätzlichen Kühlelementen die Basis für den jährlichen Energiebedarf des simulierten Gebäudes. Anhand dieser Ausführung zur Ermittlung des jährlichen Energiebedarfs sollte klar geworden sein, daß für den Vergleich und die wirtschaftliche Gegenüberstellung von Standardkonzepten der TGA-Planung mit innovativen, ökologischen Klimakonzepten unbedingt entsprechend detaillierte und zuverlässige Computersimulationen erforderlich sind, welche man heute durchaus als Stand der Technik ansehen kann. Diese Vorgehensweise wird in VDI 6020, Ausgabe Mai 2000 /29/, im Detail erläutert. Dabei umfaßt Teil 1 der VDI 6020 die Grundlagen der thermischen energetischen Gebäudesimulation (TEG) und Teil 2 die darauf aufbauende thermisch energetische Anlagensimulation (TEA). Da für derartige Simulationsrechnungen im normalen Planungsablauf nach der derzeit gültigen HOAI leider kein Honorar vorgesehen ist (diese Leistungen gelten als frei verhandelbare Sonderleistungen), bedeuten diese Simulationen zunächst erhöhte Planungskosten für den Bauherrn. Betrachtet man jedoch die mit dieser Methodik erreichbaren Einsparungen sowohl bei den Investitions- wie auch bei den Betriebskosten, wird sehr schnell klar, daß gerade bei größeren Bauvorhaben der Nutzen den Aufwand bei weitem übersteigt, wie im Anschluß exemplarisch aufgezeigt wird. Allerdings empfiehlt es sich dabei, die hierfür erforderlichen Computersimulationen von unabhängiger Stelle, die keine wirtschaftlichen Voroder Nachteile durch die Ergebnisse hat und somit logischerweise neutral ist, durchführen zu lassen. 128 Im Rahmen dieses Vergleiches werden auf Basis einer bereits optimierten Fassade (einschalige Fassade mit außenliegendem Sonnenschutz, vgl. dazu Kap. 3) folgende Klimakonzepte betrachtet: • • • • Basiskonzept ohne Lüftungstechnik: Reine Fensterlüftung mit Nachtlüftung in der warmen Jahreszeit über offen stehende Fenster Klimakonzept mit minimaler Lüftungstechnik: Mechanische Lüftung als Quelllüftung mit geringer, konstanter Intensität (Luftwechsel konstant LW = 2,0) und gekühlter Zuluft (minimale Zulufttemperatur +20°C) Klimakonzept mit minimaler Lüftungstechnik und aktivierten Speichermassen: Mechanische Lüftung als Quelllüftung mit geringer, konstanter Intensität (Luftwechsel konstant LW = 2,0), gekühlter Zuluft (minimale Zulufttemperatur +20°C) und zusätzlich Betonkernkühlung (vgl. Kap. 5) Klimakonzept mit standardmäßiger (maximaler) Lüftungstechnik: Mechanische Lüftung als Mischlüftung mit hoher Lüftungsintensität (Luftwechsel variabel LW = 2,0...6,0) und gekühlter Zuluft (minimale Zulufttemperatur +16°C) Hierzu sind in Abb. 115 zunächst die mit dem jeweiligen Klimakonzept erreichbaren sommerlichen Temperaturverhältnisse aufgetragen. Darin ist zu erkennen, daß bei der reinen Fensterlüftung zwar die höchsten sommerlichen Raumtemperaturen zu erwarten sind. Allerdings treten diese während ausgeprägter Schönwetterperioden zu erwartenden Maximaltemperaturen nur selten im Verlauf eines durchschnittlichen Jahres in der Bundesrepublik Deutschland auf. Das Klimakonzept mit minimaler Lüftungstechnik weist aufgrund der gekühlten Zuluft zwar etwas niedrigere maximale Raumtemperaturen innerhalb der Schönwetterperiode auf; im Verlauf eines durchschnittlichen Jahres schneidet dieses Konzept jedoch schlechter als die Fensterlüftung ab, da im Jahresgang häufig Situationen auftreten, in denen durch eine gute Fensterlüftung bei moderaten Außentemperaturen eine bessere Kühlung der 34 33 32 31 30 29 28 27 26 25 24 23 22 21 20 0:00 2:00 4:00 6:00 8:00 10:00 12:00 14:00 16:00 18:00 20:00 22:00 0:00 Tageszeit Außenluft Fensterlüftung Quellüftung (LW = 2; Tzu = +20°C) Quellüftung (LW = 2; Tzu = +20°C) mit Betonkernkühlung Mischlüftung (LW = 2...6; Tzu = +16°C) 200 180 Stunden pro Jahr [h/a] Im folgenden wird exemplarisch der Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Klimakonzepten und den resultierenden Kosten für Büroräume mit einem hohem Verglasungsanteil aufgezeigt. Temperatur in [°C] 7.2 Klimakonzepte für Büros Beispiel 160 140 120 100 80 60 40 20 0 > 25°C > 26°C > 27°C > 28°C > 29°C > 30°C Abb. 116: Erreichbare sommerliche Klimaverhältnisse in Abhängigkeit vom Klimakonzept Räume erreicht werden kann als mit der eher geringen Lüftungsintensität von LW = 2,0. Eine deutliche Verbesserung der erwartbaren sommerlichen Klimaverhältnisse sowohl im Hinblick auf die sommerlichen Maximaltemperaturen wie auch bezüglich der Häufigkeit erhöhter sommerlicher Raumtemperaturen kann durch die Aktivierung der Speichermassen mittels Betonkernkühlung erreicht werden. Die standardmäßig ausgelegte Lüftungsanlage ist natürlich in der Lage, ganzjährig die Raumtemperatur auf die Auslegungstemperatur von +26°C zu begrenzen. 129 In Abb. 117 sind die für diese vier Klimakonzepte jeweils zu erwartenden jährlichen Betriebskosten TGA aufgeführt. Darin ist zu erkennen, daß das Konzept ohne mechanische Lüftung (Fensterlüftung), die einzig die Heizung benötigt, die niedrigsten Betriebskosten aufweist. Das Konzept mit minimaler Lüftung weist gegenüber dem Standardkonzept immerhin eine Betriebskosteneinsparung von ca. 70% auf. Aufgrund des zusätzlichen Aufwandes für die Kühlung der Rohbetondecke weist das Konzept mit Quelllüftung und Betonkernkühlung deutlich höhere Betriebskosten auf, da Kälte eine hochwertige und damit teure Energie darstellt. Allerdings liegt dieser Betrachtung eine Betonkernkühlung zugrunde, die im 24h-Dauerbetrieb gefahren wird und diesbezüglich eventuell noch optimierbar ist (z.B. dadurch, daß die Betondecke nur nachts mit kaltem Wasser durchspült wird, also einer Zeit, wo die Kälte der Lüftungsanlage nicht genutzt wird). Die auf einer Einzelraumregelung basierenden Betriebskosten der Mischlüftung mit variablem Volumenstrom können hingegen nicht weiter reduziert werden. 100% 90% 80% 70% 60% Instandhaltung Wartung Energie 50% 40% 30% 20% 10% 0% Fensterlüftung Quellüftung (CVS) Quellüftung (CVS) mit Betonkernkühlung Mischlüftung (VVS) Abb. 117: Jährliche Betriebskosten TGA in Abhängigkeit des Klimakonzepts 100% 90% 80% 70% Betonkernkühlung Lüftungsanlage Heizung 60% 50% 40% 30% 20% 10% 0% In Abb. 118 sind nun die für das Fensterlüftung Quellüftung (CVS) Quellüftung (CVS) mit Mischlüftung (VVS) Betonkernkühlung jeweilige Klimakonzept erforderlichen Investitionskosten der kliAbb. 118: Investitionskosten TGA für unterschiedliche Klimakonzepte marelevanten technischen Gebäudeausrüstung dargestellt. Einsparungen bei den Investitionskosten geDarin ist zu erkennen, daß die Investitionskosten genüber einer standardmäßigen Lüftungsanfür die Fensterlüftung in Analogie zu den Betriebslage. Im Hinblick auf die thermische Behagkosten natürlich das Minimum darstellen. Das Konlichkeit im Sommer sind damit jedoch erhebzept mit minimaler Lüftung hingegen weist demgeliche Einschränkungen verbunden. Denn zum genüber nahezu die doppelten Investitionskosten einen liegen die sommerlichen Maximaltempeauf. raturen deutlich oberhalb des BehaglichkeitsIn Abb. 118 wird der große Vorteil der Betonkernfeldes nach DIN 1946-2 und zum anderen kühlung deutlich: Die erforderlichen Investitionsmuß recht häufig mit erhöhten sommerlichen kosten liegen aufgrund der Einsparmöglichkeiten Raumtemperaturen gerechnet werden. bei der Heizung (eine Grundheizung kann durch die Rohre in der Rohbetondecke erreicht werden, so Eine Optimierung ohne großen zusätzlichen daß die einzelnen Heizkörper in den Räumen deuttechnischen Aufwand kann bei diesem Konzept lich kleiner ausfallen können) nur geringfügig über erreicht werden, indem die mechanische Lüfden Investitionskosten der Minimallüftung. tung mit einer Fensterlüftung kombiniert wird. Eine standardmäßige Lüftungsanlage hingegen Dies bringt zwar keine Vorteile im Hinblick bedeutet ca. 3 mal so hohe Investitionskosten. auf die sommerlichen Maximaltemperaturen, die Häufigkeit erhöhter sommerlicher RaumDieser Vergleich der 4 Lüftungskonzepte verdeuttemperaturen kann damit jedoch deutlich gelicht folgende Zusammenhänge: senkt werden. • Die Vorsehung einer minimalen LüftungsanEs sei an dieser Stelle in aller Deutlichkeit lage mit Kühlung ermöglicht zwar deutliche 130 darauf hingewiesen, daß bei diesem unter rein finanziellen Aspekten optimierten Konzept deutlichen Einbußen bei der thermischen Behaglichkeit im Sommer akzeptiert werden müssen. Insofern kann dieses Konzept nur als Minimalkonzept eingestuft werden und Büroräume mit diesem Konzept sind damit kaum als hochwertig einzustufen, für die entsprechend hohe Mieten verlangt werden können. • Wie in Abb. 116 sehr gut zu erkennen ist, sind für höhere Ansprüche an die thermische Behaglichkeit im Sommer bei Büroräumen mit hohem Verglasungsanteil höhere Kühlleistungen erforderlich, als sie durch reine Fensterlüftung oder Minimallüftung erreicht werden können. Dieser Zusammenhang zwischen technischem Aufwand und erreichbarem thermischen Komfort ist eigentlich leicht verständlich, wird im Rahmen der heute unter enormen Konkurrenz- und Kostendruck stehenden TGA-Planer nicht immer so deutlich aufgezeigt. Manchmal wird dieser Zusammenhang seitens der TGAPlanung sogar schlichtweg negiert. Dennoch ist diese Strategie nur als kurzsichtig zu bezeichnen, denn die grundlegende Physik läßt sich nicht verbiegen, so dass die unvermeidlichen Probleme im Rahmen der fortschreitenden Planung in Form von Kostenerhöhungen bzw. spätestens während des Betriebs des Gebäudes in Form von Beschwerden auftreten. Ein gehöriger Anteil an dieser unguten Situation ist jedoch auch der Bauherrenschaft bzw. der Projektsteuerung zuzuschreiben, da die Auftragsvergabe immer mehr von Kostenaspekten dominiert wird und die Qualität immer mehr in den Hintergrund gedrängt wird. Kombination einer Minimallüftung mit dem innovativen System Betonkernkühlung dar. Wie in Abb. 116 zu erkennen ist, lassen sich damit die sommerlichen Raumtemperaturen begrenzen, außerdem weist dieses Konzept auch recht günstige Investitions- und Betriebskosten auf (siehe Abb. 117 und 118). Allerdings lassen sich damit die Grenzwerte für thermische Behaglichkeit - besonders während länger andauernder Schönwetterperioden - nicht immer ganz einhalten. In den letzten Jahren ist dieses System in einer Vielzahl von Bauvorhaben zur Anwendung gekommen. • Falls seitens des Bauherrn die MaximalForderung vorliegt, daß die sommerlichen Raumtemperaturen ganzjährig und auch während ausgeprägter Schönwetterperioden eingehalten werden sollen, sind anstelle der kostengünstigen Betonkernkühlung Kühlelemente mit einer höheren Kühlleistung (Kühldecken) erforderlich, die natürlich mit einer deutlichen Erhöhung der Investitionskosten verbunden sind. Den aufgezeigten Problemen bzw. Interessenskonflikten kann eigentlich nur dadurch entgangen werden, indem derartige Konzeptvergleiche und –bewertungen von einer unabhängigen Stelle vorgenommen wird, der durch das Aufzeigen der wahren Verhältnisse und Zusammenhänge keine wirtschaftlichen Nachteile (z.B. Nichtbeauftragung der TGA-Planung) entstehen können. • Falls erhöhte Anforderungen an die thermische Behaglichkeit im Sommer vorliegen, wie dies für moderne Büroräume oftmals der Fall ist, können diese durch eine standardmäßige Auslegung der Lüftungsanlage ohne weiteres erfüllt werden. Allerdings muß in diesem Fall mit recht hohen Investitions- und Betriebskosten gerechnet werden. • Einen sehr guten Kompromiss zwischen finanziellem Aufwand und erreichbaren sommerlichen Klimaverhältnissen stellt die 131 7.3 Fassadenvergleich Da gegenwärtig bei vielen Bauvorhaben die Diskussion über die Vor- und Nachteile einer doppelschaligen Fassade gegenüber einer einschaligen Fassade aufflammt, wird im folgenden exemplarisch der Zusammenhang zwischen diesen beiden Fassadenvarianten und den resultierenden Kosten für Büroräume aufgezeigt. Für einen vernünftigen Kostenvergleich muß zunächst der Zusammenhang zwischen Fassade und dem erforderlichen TGA-Konzept beleuchtet werden, um die adäquate Ausgangsbasis für beide Fassadenvarianten zu finden. Dabei ist die Zielsetzung, daß mit beiden Varianten in etwa derselbe thermische Komfort erreicht werden kann. • • Lüftung Obwohl beide Varianten öffenbare Fenster aufweisen, müssen beide Varianten mit einer mechanischen Lüftung ausgestattet sein, um in Zeiten, in denen Fensterlüftung ungünstig oder sogar unmöglich ist (z.B. Sturm, Hagel, sehr kalt, extrem heiß, etc.), dennoch eine ausreichende Frischluftversorgung zu gewährleisten. werden kann (vgl. Kap. 3.1), führt dies zu erheblich höherem Kühlaufwand in den Räumen. • Heizung Die doppelschalige Fassade weist gegenüber der einschaligen Fassade den Vorteil auf, daß in der kalten Jahreszeit zum einen durch die Außenschale ein erhöhter Schutz gegen den Transmissionswärmeverlust vorhanden ist und zum anderen die Luft im Fassadenzwischenraum durch solare Energiegewinne aufgeheizt wird. Letzteres wirkt sich insbesonders bei Fensterlüftung (es strömt nicht die kalte Außenluft, sondern die im Fassadenzwischenraum vorgewärmte Luft in den Raum hinein) recht günstig auf den Heizwärmebedarf aus. Anhand obiger Ausführungen wird deutlich, daß die doppelschalige Fassade aus mehreren Gründen niedrigere Energiekosten als eine einschalige Fassade mit Innensonnenschutz aufweist (vgl. Abb. 119). Allerdings weist die doppelschalige Fassade aufgrund der zusätzlichen Außenschale gegenüber der einschaligen Fassade einen deutlich höheren Aufwand für die Reinigung bzw. Wartung auf, was sich natürlich in entsprechend höheren Kosten für Wartung und Instandhaltung niederschlägt. Kühlung Die doppelschalige Fassade bietet die Möglichkeit, den Sonnenschutz witterungsgeschützt im Zwischenraum der beiden Fassadenschalen anzuordnen. Damit erreicht sie eine SonnenDie bei den Gesamtkosten zu berücksichtigenden schutzqualität, die nahezu einem AußensonKapitalkosten fallen natürlich bei der doppelschalinenschutz entspricht (vgl. Kap. 3.3.4). Der gen Fassade ebenfalls deutlich höher aus, welche Aufwand für die Kühlung der Räume kann im wesentlichen auf die erhöhten Investitionskosten somit minimiert werden. für die zusätzliche Außenschale zurückzuführen Bei der einschaligen Fassade kann oftmals – sind. insbesonders bei hohen Gebäuden mit entsprechend heftigem Kapitalkosten Wartung und Instandhaltung Energie Windangriff – der Sonnen100% schutz nicht 90% außen angeord80% net werden (was natürlich das 70% energetische 60% Optimum 50% darstellt, vgl. Kap. 3.2), so 40% daß er als innen30% liegender 20% Sonnenschutz 10% ausgebildet ist. Aufgrund der 0% deutlich einschalige Fassade doppelschalige Fassade mit mit Innensonnenschutz integriertem Sonnenschutz geringeren SonnenschutzAbb. 119: Jährliche Gesamtkosten in Abhängigkeit des Fassadenkonzepts wirkung, die mit einem Innensonnenschutz erzielt 132 In Abb. 119 sind hierzu die jährlichen Gesamtkosten für die beiden Fassadenvarianten gegenübergestellt. Es zeigt sich, daß für die doppelschalige Fassade trotz niedrigerer Energiekosten insgesamt etwas höhere Gesamtkosten anfallen als für die einschalige Fassade. Neben den jährlichen Gesamtkosten sind auch die Investitionskosten von sehr großer Bedeutung. In Abb. 120 sind daher für die beiden Fassadendenvarianten die jeweils erforderlichen Investitionskosten gegenübergestellt. näherungsweise gleichwertig bezeichnen, so daß die Entscheidung für oder gegen eine doppelschalige Fassade unter anderen Gesichtspunkten (z.B. gestalterische Aspekte) gefällt werden sollte. Es sei allerdings darauf hingewiesen, daß der o.g. Sachverhalt nicht mehr für eine einschalige Fassade mit Außensonnenschutz gilt. Denn die einschalige Fassade mit Außensonnenschutz ist der doppelschaligen Fassade sowohl ökonomisch wie auch energetisch bzw. ökologisch deutlich überlegen. Wie darin zu erkennen ist, weist die doppelschalige Fassade zwar erheblich höhere Investitionskosten auf; dies wird zu einem großen Anteil durch die höheren Investitionskosten für die technischen Anlagen bei der einschaligen Fassade jedoch wieder ausgeglichen. Der wirtschaftliche Vergleich zwischen einer einschaligen Fassade mit Innensonnenschutz und einer doppelschaligen Fassade mit integriertem Sonnenschutz führt zu dem Ergebnis, daß diese beiden Fassadenvarianten bei annähernd gleichem thermischen Komfort auch kostenmäßig sehr nahe beeinander liegen und sich nur geringe Kostenvorteile für die einschalige Fassade mit Innensonnenschutz ergeben. Wirtschaftlich betrachtet kann man diese beiden Fassadenvarianten als Fassade Technik 100% 90% 80% 70% 60% 50% 40% 30% 20% 10% 0% einschalige Fassade mit Innensonnenschutz doppelschalige Fassade mit integriertem Sonnenschutz Abb. 120: Investitionskosten in Abhängigkeit des Fassadenkonzepts 133 Literaturverzeichnis /1/ DIN 4108-1, Ausgabe: 1981-08 Wärmeschutz im Hochbau; Größen und Einheiten /2/ VDI 2078, Ausgabe: 1996-07 Berechnung der Kühllast klimatisierter Räume (VDI-Kühllastregeln) /3/ DIN EN 410, Ausgabe: 1998-12 Glas im Bauwesen - Bestimmung der lichttechnischen und strahlungsphysikalischen Kenngrößen von Verglasungen; Deutsche Fassung EN 410:1998 /4/ DIN 67507, Ausgabe: 1980-08 Lichttransmissionsgrade, Strahlungstransmissionsgrade und Gesamtenergiedurchlaßgrade von Verglasungen /5/ Window Information System (WIS), Software der Energy Research Group der University College Dublin; Richview, Clonskeagh, Dublin 14, Ireland Nähere Informationen zu WIS sind im Internet zu finden unter: http://erg.ucd.ie/wis/html_pages/aboutwis.html (englisch) http://www.ibp.fhg.de/wt/berichte/1996/jb_96_18.html (deutschsprachig) /6/ Radiance, Synthetic Imaging System: A highly accurate ray-tracing software system, Lawrence Berkeley National Laboratory, University of California, USA Nähere Informationen über RADIANCE sind im Internet zu finden unter: http://radsite.lbl.gov/radiance/framew.html (englisch) http://www.ibp.fhg.de/wt/adeline/index.html (deutschsprachig) /7/ DIN 5034-1, Ausgabe:1999-10 Tageslicht in Innenräumen - Teil 1: Allgemeine Anforderungen /8/ Helmut F.O. 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