Umgang mit Bauten der Moderne Zwischen Abriss und Rekonstruktion Technische Universität Dresden Lehrstuhl für Baugeschichte Prof. Dr. Ing. H.-G. Lippert Dipl. Ing. A. Schwarting „Konstruktionen der Moderne“ Martin Schulze 2935505 Sebastian Zengler 2936422 Abgabedatum: 01.03.2006 Vorwort Der „Zeitgeist der Moderne“ war ein Ineinanderwirken von gesellschaftlichen, technischindustriellen und medialen Ereignissen und Entwicklungen, welche sich auf die Architektur dieser Zeit, der Avantgarde, auswirkte. In den nachfolgenden Jahrzehnten bahnten sich unterschiedliche Herangehensweisen im Umgang mit den Bauten der klassischen Moderne an. Diese Ansätze reichten von Abriss über originalähnliche Rekonstruktion bis hin zur behutsamen Instandsetzung. Nachgewiesen werden diese Entwicklungen in Dokumentationen über Kolloquien und Tagungen zum Thema „Umgang mit Bauten der klassischen Moderne“ oder „Konservierung der Moderne“, sowie in beispielhaften Sammlungen der „Wüstenrot Stiftung“. Ein besonderes Problem bei der Aufarbeitung des genannten Themas ist die mangelhafte Informationslage über die Originalfassung eines Objektes und den Umgang damit bei späteren Veränderungen in Bezug auf den Urzustand. Dokumentationen des ursprünglichen und veränderten Zustandes haben im Zuge verschiedener Baumaßnahmen an den meisten Gebäuden der klassischen Moderne nicht stattgefunden. Dies lässt sich nicht zuletzt auf die unterschiedlichen Wertschätzungen und Ansichten über die historisch wertvollen Bauten zurückführen. An dieser Achtung misst sich ein stets unterschiedlicher Anspruch an den konkreten Umgang mit dem Objekt. Es ergeben sich somit immer die Fragen: Lässt sich das, was ewig jung bleiben sollte, überhaupt konservieren? Lassen sich die traditionellen denkmalpflegerischen Kategorien auch auf die Moderne anwenden? Sind nach den bisherigen Erfahrungen die Bauten der Moderne in der Lage zu altern, oder werden sie in Zukunft weitgehend verändert aufgrund technischer Mängel und neuer funktionaler Ansprüche, die an sie gestellt werden? Inhaltsverzeichnis 1 Architektur der klassischen Moderne ................................................................................... 1 2 Alterungsprozess bei den Bauten der Moderne ................................................................... 3 3 Denkmalpflegetendenzen und die Architektur der klassischen Moderne............................. 5 4 Denkmalpflegeleitlinien und die Architektur der klassischen Moderne................................. 6 5 Zwischen Abriss und originalähnlicher Rekonstruktion ...................................................... 10 6 Beispiel einer behutsamen Instandsetzung: Haus Schminke in Löbau.............................. 15 6.1 Beschreibung der Instandsetzung .............................................................................. 15 6.2 Rohbau ....................................................................................................................... 17 6.3 Ausbau ....................................................................................................................... 17 6.4 spezielle denkmalpflegerische Anforderungen ........................................................... 20 6.5 Beispiel der Instandsetzung der Innenausstattung..................................................... 21 6.6 Beispiel der Instandsetzung des Aussenputzes ......................................................... 25 6.7 Bauklimatik und Technische Ausstattung ................................................................... 27 6.8 Resümee: Haus Schminke als Beispiel einer behutsamen Instandsetzung............... 30 7 Zusammenfassung ............................................................................................................. 32 8 Abbildungsnachweis........................................................................................................... 33 9 Literaturverzeichnis ............................................................................................................ 34 1 Architektur der klassischen Moderne Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert werden in der Architekturgeschichte sehr unterschiedliche, durchaus auch kontroverse Leitbilder, Tendenzen und Schulen als „modern“ bezeichnet. Jedoch als Gemeinsamkeit kennzeichnet man den unerbittlichen Kampf gegen den Historismus und nach dem Ersten Weltkrieg die Gegnerschaft gegen Traditionen und Konventionen. „Das Leben müsse vom Gerümpel der Vergangenheit gereinigt werden, vom parasitären Eklektizismus, damit es zu seiner normalen Entfaltung gebracht werden kann.“1 Der Angriff des Neuen Bauens richtete sich vor allem aber gegen die Stadt als Ort der historischen Architektur. Radikale abstrakte Projekte, wie das legendäre Mies`sche Glashochhaus am Bahnhof Friedrichstrasse, bezogen noch aus der Konfrontation mit der Umgebung der alten Stadt ihre Aussagekräftigkeit. Das Hochhaus von Mies stilisierte die heroische Einsamkeit des Neuen. Es wirkte mit einer dramatischen Architekturaussage und einer städtebaulichen Haltung, nämlich der Konfrontation mit dem Ort (Abb.1). Abb.1: Berlin, Wettbewerbsentwurf Hochhaus Friedrichstraße, 1922, Ludwig Mies von der Rohe 1 Grunsky (1998), S. 27 1 Mit dieser sehr heterogenen Bewegung, propagiert die Moderne den ständigen Neuanfang, die ewige Jugend, den Bruch mit der Geschichte und die Freiheit davon. Unterstützt werden die Architekturvorstellungen von klaren kubischen Formen, von hellen leuchtenden Farben und von einer strahlenden immerwährenden Schönheit, die nie vergeht. Das heißt aber auch, dass die Moderne stets die eigene Geschichtlichkeit geleugnet hat. Aufgrund dieser Einstellung stand das „Neue Bauen“ bis in die fünfziger Jahre kampffreudig gegen die dominierenden Strömungen des traditionellen Bauens. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg fand der schon in den zwanziger Jahren verkündete sogenannte „Sieg des neuen Baustils“ tatsächlich statt. Laut den Äußerungen von Protagonisten sollte kein neuer Stil entstehen, der sich an die Abfolge der Stile vergangener Epochen anschließt. Gemeint war eine vermeintlich zeitlos gültige Architektur, die sich nicht an einem vorgegebenen Formenkanon orientiert. Sie sollte sich vielmehr aus dem rational gesteuerten Wechselspiel von Funktion, Ökonomie der Mittel, Material und Konstruktion entwickeln. Mit den technischen Möglichkeiten und mit den Methoden der fortgeschrittenen industriellen Produktion muss die Architektur nun auf die aktuellen sozialen und wirtschaftlichen Erfordernisse eingehen. Als entscheidende Voraussetzung für die Entstehung und Weiterentwicklung der neuen Architektur stand die Verwendung neuer Materialien und Konstruktionen. Somit entwickelte sich als Leitmotiv die dominierende Rolle der Dreieinigkeit von Beton, Eisen und Glas. Die Bedeutung neuer Materialien und Konstruktionen hatte natürlich für die Entwicklung der künftigen Architektur und der Lebenseinstellungen weitgreifende Auswirkungen. „Im modernen Leben kommt der Prozess der konsequenten stilistischen Entwicklung zum Stillstand. Die Architektur löst sich von der Tradition und beginnt notgedrungen von vorn. Die Berechnung der Materialfestigkeit, die Verwendung von Eisenbeton und Eisen machen eine Architektur im klassischen und herkömmlichen Sinn unmöglich. Die neuen Baumaterialien und unsere wissenschaftlichen Begriffe sind mit der Disziplin der historischen Stile nicht in Einklang zu bringen.“2 Das Streben der Architekten und Ingeneure der Moderne war die Umwandlung des handwerklichen Bauprozesses in einen industriellen. Das „Neue Bauen“ sollte kostengünstig und mit geringstem Materialaufwand durchgeführt werden. Kunst und Technik sollten mehr vereinigt werden. „Der Architekt war träge und faul, der Ingenieur hingegen aktiv gesund, fröhlich und männlich, und ähnlich lagen die Dinge im Vergleich zwischen Architektur und Maschine. In den Augen der Avantgarde galten die Maschinen als schön, weil sie arbeiteten, funktionierten, sich bewegten. Die alten Häuser hingegen waren hässlich, weil sie nichts taten, herumstanden, repräsentierten.“3 2 Grunsky (1998), S. 27 3 Neumeyer (1998), S. 11 2 2 Alterungsprozess bei den Bauten der Moderne Mit den Jahren sind die Bauten der klassischen Moderne reparaturbedürftig, da Abnutzung und Verschleiß den ursprünglichen Zustand im Laufe der Zeit unaufhaltsam verändern. Die technische Ausstattung und das konstruktive Gerüst entsprechen nicht mehr den heutigen Anforderungen. Der Glanz des Neuen ist verloren gegangen und die Bauten zeigen deutliche Spuren des Alterungsprozesses. Ein typisches Beispiel hierfür ist der Potsdamer Einsteinturm. Er ist weltweit als einer der originellsten und wichtigsten Bauten des 20. Jahrhunderts bekannt. Allerdings existierte die von Mendelsohn mit so viel Beharrlichkeit und Energie verfochtene Gestallt nur fünf Jahre. Denn schon 1927 verlangten gravierende Bauschäden eine komplette Sanierung. „Sehr schnell wurde die baukonstruktive und bautechnische Problematik des Turms deutlich, die dazu geführt hat, dass die Geschichte des Einsteinturms seit 1927 auch die Geschichte von Reparaturen ist, die fast regelmäßig im Zehnjahresrhythmus durchgeführt werden mussten.“4 Die Symptome wie Rissbild im Putz und Beton, Abplatzungen und weitgehendes Hohlstehen der Putze, Schäden in Abdeckungen und Verblechungen, sowie Durchfeuchtungen und Frostschäden sind stellvertretend für die Kurzlebigkeit der Bauten der Moderne (Abb.2/3). Abb.2: Potsdam, Einsteinturm, erbaut 1922, Erich Mendelsohn, Bestandsaufnahme Aussen 1995 4 Hoh-Slodczyk (2001), S. 35 3 Abb.3: Potsdam, Einsteinturm, erbaut 1922, Erich Mendelsohn, Bestandsaufnahme Innen 1995 Die Konservierung der Moderne ist nicht nur von philosophischen Interesse, sondern ebenfalls ein technisches Problem. Die hervorragenden Zeugnisse einer ehemals modernen Architektur zu erhalten, zu reparieren und behutsam heutigen Standards anzupassen ist ein nur schwer zu erreichendes Ziel der Denkmalpflege. Damalige experimentelle, bisweilen vielleicht auch unbedachte oder nicht ausgereifte Verwendung neuer Materialien, neuer Materialkombinationen und neuer Konstruktionen führen heute zu gravierenden Problemen bei der Erhaltung. Unterstützt wird das Ganze durch Nichtmehrvorhandensein der ursprünglichen, zumeist industriell gefertigten Materialien und Bauteile. Meistens lassen sich die betroffenen Gebäude nur mit erheblichem finanziellen und materiellen Aufwand wieder instand setzen. Die Bauten der klassischen Moderne scheinen sich sozusagen gegen eine Konservierbarkeit im Sinne traditioneller Denkmalpflege zu sträuben. 4 3 Denkmalpflegetendenzen und die Architektur der klassischen Moderne Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts standen sich zwei Hauptrichtungen der Denkmalpflege gegenüber. Zum einen der ältere, theoretisch zunehmend in Frage gestellte Weg und zum anderen der neuere, den Prinzipien und Idealen der modernen Wissenschaft verpflichtete Weg. In zahlreichen Grundsatzdebatten über die Art und Weise des Restaurierens (z.B. „Erster Tag für Denkmalpflege“ in Dresden 1900), gewann der „moderne Denkmalkultus“ von Alois Riegl zunehmend an Bedeutung. Die stilreine Wiederherstellung des Bauwerks als vermeintlich perfektes Dokument eines oft idealisierten historischen Stils und die Beseitigung aller Alterspuren wurden schließlich von der Konservierung mit der Beibehaltung des Alterswertes und der Ablehnung historisierender Eingriffe abgelöst. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die modernen Prinzipien der Denkmalpflege stark erschüttert worden. Ab den sechziger Jahren wurden die Grundsätze der Restaurierung und Konservierung durch Internationale Vereinbarungen, wie die Charta von Venedig 1964, die Erweiterung des Denkmalbegriffs und ein neues Geschichtsbewusstsein wieder gefestigt. „Das würde jedoch bedeuten, im Umgang mit den Bauten der Moderne bestimmte, um 1900 entwickelte Prinzipien denkmalpflegerischen Handelns, die auf die Erhaltung der originalen Substanz und der Akzeptanz von Alterung beruhen, über Bord zu werfen: Immerwährende Jugend erfordert immerwährende Erneuerung, den Austausch des Originals, den Ersatz gealterter Materialien – oder die Wiederauferstehung, wenn das Bauwerk die Zeiten nicht überlebt hat.“5 Dieser Konflikt führte in den siebziger und achtziger Jahren bei ersten Konservierungs- und Restaurierungsmaßnahmen an den Bauten der Moderne zu sehr heterogenen Ergebnissen. Aufgrund der dominierenden Rolle einer „ökonomischen Rechtfertigung“ und einer „originalähnlichen Restauration“ wurden die meisten Bauten durch weitgehenden Austausch der Bausubstanz zum Teil stark verändert und sind deshalb als Geschichtsdokument in Frage gestellt worden. Heutzutage haben sich die Forderungen nach einer behutsamen Instandsetzung und der Akzeptanz der Alterungsspuren an den Bauten der Moderne weitgehend durchgesetzt. Der Abriss und der Verlust an originaler Bausubstanz werden nur noch ganz selten in Kauf genommen. Heute notwendige oder für wünschenswert gehaltene Veränderungen an Denkmälern werden so ausgeführt, dass sie in Zukunft bei geändertem Bedarf problemlos wieder beseitigt werden können, ohne dabei die Denkmalsubstanz nennenswert in Mitleidenschaft zu ziehen. 5 Petzet, Schmidt (1998), S. 5 5 4 Denkmalpflegeleitlinien und die Architektur der klassischen Moderne Trotz international kontrovers geführter Debatten über das Verhältnis von Moderne und Denkmalpflege in den vergangenen Jahren gibt es einige wesentliche Leitgedanken aus der Charta von Venedig, die sich ganz sicher auf die Bauten der Moderne übertragen lassen. Diese Grundsätze sollen nun am Beispiel Bauhaus Dessau dargestellt werden: Artikel 5 aus der Charta von Venedig als Grundsatz 1: „Die Erhaltung der Denkmäler wird immer begünstigt durch eine der Gesellschaft nützliche Funktion. Ein solcher Gebrauch ist daher wünschenswert, darf aber Struktur und Gestalt der Denkmäler nicht verändern.“6 „Eine lebendige heutige Nutzung verlangt Eingriffe in das Denkmal, aber ohne eine solche Nutzung ist das Gebäude nicht zu erhalten. Diese Gratwanderung fand und findet auch im Bauhaus statt. So ist die Sammlung, Erforschung, Lagerung und Präsentation von Kunst- und Archivgut der Bauhauszeit, sicher eine sinnvolle und lebendige Nutzung für das Haus.“7 Jedoch bedeutet das auch zwecks der Klimatisierung und der Verdunkelung für die Archive einen Eingriff in das Gebäude. „Da die Nutzung sich dem Gebäude anpassen soll, und nicht das Gebäude sich der Nutzung, entsteht zwischen der Nutzung als Archiv und Museum einerseits und der offenen Struktur des Gebäudes andererseits ein Konflikt, der im Falle des Bauhausgebäudes zugunsten des Gebäudes gelöst werden muß. Diese Nutzung bleibt deshalb auf die geschlossenen und untergeordneten Kellerräume begrenzt, in den oberen Geschossen bleiben Sichtbarkeit und Dominanz der Konstruktion sowie Transparenz als Strukturelemente des Hauses unangetastet.“7 Artikel 9 aus der Charta von Venedig als Grundsatz 2: „Die Restaurierung ist eine Maßnahme, die Ausnahmecharakter behalten sollte. Ihr Ziel ist es, die ästhetischen und historischen Werte des Denkmals zu bewahren und zu erschließen.“6 „Restaurierungsmaßnahmen im Sinne der Wiederherstellung eines verlorenen Zustandes haben deshalb für die hoch eingeschätzten ästhetischen und geschichtlichen Werte des Bauhausgebäudes durchaus Bedeutung und Berechtigung, sofern die Befundlage eine exakte Wiederherstellung ermöglicht. Die Rekonstruktion der Vorhangfassade ist ein überzeugendes Beispiel. Ohne diese Fassade ist das Bauhaus nicht vorstellbar.“7 (Abb.7) Auf der oberen 6 7 Will (2003), S. 28/29 Markgraf (1999) S. 7/8 6 Brücke, dem ehemaligen Bauatelier Gropius, wurde durch die Entfernung von nachträglich eingebauten Trennwänden eine Wiederherstellung der historischen Raumsituationen ermöglicht. Artikel 11 aus der Charta von Venedig als Grundsatz 3: „Die Beiträge aller Epochen zu einem Denkmal müssen respektiert werden: Stileinheit ist kein Restaurierungsziel.“8 „Höchste Priorität in der Sanierung wird neben Erfassung und Dokumentation der Erhaltung und Pflege von Originalsubstanz beigemessen. Unter Originalsubstanz ist dabei nicht nur der Zustand der Erbauung von 1926 zu verstehen, sondern auch die Entwicklung bis heute, die sich in Veränderungen am Gebäude dokumentiert. Umbauten aus den dreißiger oder siebziger Jahren können durchaus als erhaltenswerte historische Schichten der Entwicklung des Bauhausgebäudes eingestuft werden. […] Ohne die Spuren dieser jungen Vergangenheit fehlt dem Bauhausgebäude eine wichtige Dimension. Denn Veränderungen dokumentieren auch Alter und Bedeutung eines Gebäudes.“9 Artikel 16 aus der Charta von Venedig als Grundsatz 4: „Alle Arbeiten der Konservierung, Restaurierung und archäologischen Ausgrabungen müssen immer von der Erstellung einer genauen Dokumentation in Form analytischer und kritischer Berichte, Zeichnungen und Photografien begleitet sein.“8 Im Bauhaus wurde ein Bauarchiv aufgebaut, in dem Unterlagen zum Bauhausgebäude, zu den Bauhausbauten in Dessau, aber auch zu anderen Bauten der Moderne gesammelt werden. Neben schriftlichen Unterlagen, historischen Fotos und Plänen werden hauptsächlich Bauteile wie Materialproben, Ausbaustücke oder Installationselemente erfasst, dokumentiert und gelagert. 8 Will (2003), S. 28/29 9 Markgraf (1999) S. 8 7 Abb.4: Dessau, Bauhausgebäude, erbaut 1926, Walter Gropius, Aufnahme 1927 Abb.5: Dessau, Bauhausgebäude, erbaut 1926, Walter Gropius, Aufnahme 1945 Abb.6: Dessau, Bauhausgebäude, erbaut 1926, Walter Gropius, Aufnahme 1950 8 Abb.7: Dessau, Bauhausgebäude, erbaut 1926, Walter Gropius, Aufnahme 1995 9 5 Zwischen Abriss und originalähnlicher Rekonstruktion Der verwerflichste Umgang mit den Bauten der Moderne ist wohl der unüberlegte schnelle Abriss der historisch wertvollen Gebäude. Vor allem die Denkmäler im innerstädtischen Bereich müssen oft der so genannten „besseren ökonomischen Ausnutzung der Grundstücke“ weichen. Jahrelange Vernachlässigungen haben zudem dazu beigetragen, dass die Gebäude oft abgewirtschaftet aussehen und eine Renovierung schnellstens notwendig wäre. „Jedes Jahr verschwindet eine größere Anzahl von Bauten, zumeist unbemerkt, denn überregionale Aufmerksamkeit für ihr Schicksal können nur wenige erringen. Die Interessen der Eigentümer setzen sich gegen den Denkmalschutz durch, denn es lassen sich bei jedem älteren Gebäude unschwer mangelnde Funktionsfähigkeit, Reparaturfähigkeit und überhöhte Kosten der Instandsetzung nachweisen.“10 Ein Beispiel hierfür ist die Siedlung "Blumläger Feld" in Celle aus den Jahren 1930/31 von Otto Heasler. Sie bildete den Abschluss der Entwicklungsreihe der Siedlungsbauten Haeslers in Celle. Dem Architekt war es gelungen, durch Rationalität in der Bauweise und in den Grundrissen preiswerte Wohnungen - die billigsten Sozialwohnungen in der Weimarer Republik - zu bauen, die für damalige Verhältnisse einen hohen Wohnkomfort für breite Kreise schufen. 1998 sah der Eigentümer, die städtische Wohnungsbau GmbH, unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten einen dringenden Handlungsbedarf. Argumente waren dabei die zu hohen Unterhaltungskosten und die Probleme bei der Vermietbarkeit der kleinen (34 bis rund 53 Quadratmeter) Wohnungen. 2000 wurde der Siedlungsbereich am Hugoweg trotz intensiver Debatten zwischen der "otto haesler initiative" und der WBG vollständig abgerissen (Abb.8). Abb.8: Celle, Blumläger Feld, erbaut 1931, Otto Haesler, Abrissaufnahme 2000 10 Schimdt (1998), S. 39 10 Ein weiteres Beispiel für den Abriss ist das Studienhaus in Düsseldorf, welches 1965-67 nach Plänen des Düsseldorfer Architekten Bernhard Pfau erbaut wurde (Abb.9). Das zwölfgeschossige Hochhaus in Sichtweite des Rheins, beherbergte Studienräume und Werkstätten der Volkshochschule, der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie. An dem schmalen, auf der Nordseite fast völlig verglasten Gebäude, war ebenerdig ein flacher separater Hörsaalkomplex mit 900 Plätzen angeschlossen. Dieses bedeutende Bauwerk der Nachkriegsmoderne, seit 1990 unter Denkmalschutz, stand der Neubebauung der südlichen Ausfahrt des neuen Rheinufertunnels und der Erweiterung des benachbarten Medienviertels im Wege. Gespräche zwischen der Denkmalpflege und der Stadt Düsseldorf scheiterten. Die öffentlichen Proteste waren wirkungslos und somit erfolgte 1997 der Abbruch. Abb.9: Düsseldorf, Studienhaus, erbaut 1967, Bernhard Pfau, Aufnahme 1996 11 „Neben diesen spektakulären Abbrüchen findet, wenig beachtet von der Öffentlichkeit und kaum zu verhindern durch den Denkmalpfleger, der Umbau der Bauten der Moderne statt, ihre Modernisierung. Betroffen hiervon sind überwiegend die innerstädtischen Büro- und Geschäftsbauten der Nachkriegszeit. Hauptsächlicher Anlaß hierfür ist der Wunsch des Eigentümers, das Bauwerk dem heutigen Stand der Technik anzupassen, es wieder marktfähig zu machen. Die typischen Mängel: undichte Fenster, unzureichender Schall- und Wärmeschutz, eine zu geringe technische Ausstattung, Schäden an der Stahlbetonkonstruktion und dem Flachdach kommen oft noch hinzu. Eine Reparatur oder Teilerneuerung wird aus wirtschaftlichen oder funktionalen Gründen abgelehnt und gegenüber dem Denkmalpfleger auf die scheinbar unreparierbare desolate Bausubstanz, die nicht mehr zu beschaffenden Baumaterialien oder die großen technischen Mängel verwiesen.“11 Das wohl bekannteste und umstrittenste Beispiel einer originalähnlichen Rekonstruktion ist die Stuttgarter Werkbundsiedlung Am Weißenhof. Sie entstand 1927 als Bauausstellung und wurde in nur wenigen Monaten von den bedeutendsten Architekten der Moderne errichtet. Aufgrund des Zweiten Weltkrieges sind 10 der Einfamilienhäuser vollständig vernichtet worden, und die noch erhaltenen 11 Gebäude mussten 1981-87 durch die Generalsanierung große Substanzverluste hinnehmen (Abb.10/11). Abb.10: Stuttgart, Weißenhofsiedlung, erbaut 1927, J.J.P. Oud, Bestandsaufnahme 1984 Abb.11: Stuttgart, Weißenhofsiedlung, erbaut 1927, J.J.P. Oud, Bestandsaufnahme 1987 11 Schmidt (1998), S. 39/40 12 „Erhalten sind insgesamt weiniger als 50% der originalen Bausubstanz, aber nur noch 5% des Außenputzes, der Fenster und der Bodenbeläge. So wurden bei der Sanierung alle Fenster ausgewechselt, nicht nur die später eingebauten, wie in den Vorbauten der Oud’schen Häuser, sondern auch gebrauchsfähige originale Fenster und Türen wurden, um ein einheitlichen Bild zu erhalten, ausgebaut und ersetzt.“12 Durch den Austausch der Einfachverglasung in eine Zweifachisolierverglasung war es aus bauklimatischen Zwängen notwendig für die Aussenwände einen Isolierputz aufzutragen (Abb.12). Dabei kam es durch die geringfügige Putzverbreiterung an den Wirtschaftsräumen bei den Reihenhäusern von Oud zu Folgeproblemen in den Detailpunkten, die als originalähnliche Rekonstruktionen gelöst wurden. Diese Veränderungen sind zwar erst bei genauerer Betrachtung erkennbar, aber eben doch im Sinne der Denkmalpflege beachtlich groß. Abb.12: Stuttgart, Weißenhofsiedlung, erbaut 1927, J.J.P. Oud, Fensterdetailzeichnung 1987/27 (maßstabslos) „Von den ursprünglichen Außentüren sind keine mehr vorhanden, selbst von den Innentüren gibt es nur noch einige in den Häusern von Oud und Le Corbusier. Die Farbanstriche sind, da neue Außenputze aufgetragen wurden, alle verloren gegangen. Belegstücke für Farben, Fenster und Türen gibt es nicht. Nach Abschluss der Arbeiten fand sich kein Lagerraum für die ausgebauten Originale und so wanderten sie in den Müllcontainer.“12 Anhand der Entscheidungstabelle für die Sanierung der Siedlung lässt sich erkennen, dass die meisten Entscheidungen zugunsten der Kosten und der Nutzer gefällt wurden (Abb.13). Bei den rekonstruierenden und ergänzenden Baumaßnahmen ging es vor allem um den ökonomischen Aspekt, denn eine schonende Instanzsetzung im Sinne der Denkmalpflege und eine damit verbundene Nutzungseinschränkung kam für die Eigentümer nicht in Frage. 12 Schmidt (1998), S. 41/42 13 Abb.13: Stuttgart, Weißenhofsiedlung, erbaut 1927, J.J.P. Oud, Entscheidungstabelle 1981 „Geht man heute durch die Siedlung, so wiegen die frischen Farben den Besucher in dem Glauben, die ursprüngliche Weißenhofsiedlung nach ihrer Restaurierung vor sich zu haben. Doch wie wir aus der Dokumentation Nägeles wissen, bewegen wir uns in einem Architekturensemble, dessen Bauteile – außer den Fundamenten und Rohbaukonstruktionen – alle aus den Jahren 1981-87 stammen. Der unbefangene Betrachter ist nicht in der Lage, den großen Verlust zu erkennen, der durch den Austausch der Originalteile entstanden ist, denn die Baukörper geben noch immer eine Vorstellung von dem Architekturwollen und der städtebaulichen Konzeption der 20er Jahre. Doch alle Bauteile sind Repliken. Hätte man sich mehr bemüht, die noch vorhandenen Bauteile zu reparieren, statt sie konsequent auszutauschen, so wäre es heute noch möglich, Alt und Neu miteinander zu vergleichen.“13 13 Schmidt (1998), S. 42 14 6 6.1 Beispiel einer behutsamen Instandsetzung: Haus Schminke in Löbau Beschreibung der Instandsetzung Das Haus Schminke wurde 1933 im Auftrag der Familie Schminke, Besitzer der „AnkerTeigwaren“-Fabrik in der Kirschallee in Löbau unter Beauftragung des Architekten Hans Scharoun vollendet (Abb.14). Zunächst bewohnte die Familie Schminke das Haus von 1933 bis 1945. Nach dem Zweiten Weltkrieg führte Charlotte Schminke das Haus als Kinderheim bis 1951. Bis 1963 wurde das Gebäude als Klubhaus der FDJ, danach bis 1990 als „Haus der jungen Pioniere“ genutzt. Seit dieser Zeit ist das Haus Schminke ein Freizeitheim. Abb.14: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933, Hans Scharoun, Grundrisse Erdgeschoss und Obergeschoss (genordet, maßstabslos) 1 Halle 2 Kinderspielecke 3 Speisebereich 4 Wohnzimmer 5 Wintergarten 6 Dienstboten 7 Gästebereich 8 Kinderzimmer 9 Elternschlafzimmer 15 Am Gebäude war 1999, fast siebzig Jahre nach seiner Erbauung 1933, eine umfassende Reparatur bzw. Instandsetzung notwendig. Diese Maßnahme wurde im Jahr 2001 fertig gestellt (Abb. 15/16/17). Abb.15: Löbau, Haus Schminke, Abb.16: Löbau, Haus Schminke, Abb.17: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933, Hans Scharoun, erbaut 1933, Hans Scharoun, erbaut 1933, Hans Scharoun, Terrassenbau nach Fertigstellung, Terrassenbau vor der Terrassenbau nach der Aufnahme Alice Kerling 1933 Instandsetzung, Aufnahme 1999 Instandsetzung, Aufnahme 2001 Viele Gebäude der klassischen Moderne wurden unter ökonomischem Druck oder aus mangelnder Sachkenntnis in ihrer Bausubstanz so weit verändert, dass der Status dieser Bauten als Geschichtsdokument zur Disposition steht. Dieser Haltung entgegengesetzt soll das Haus Schminke als Beispiel einer behutsamen und originalgetreuen Restaurierung erörtert werden. Thematisiert werden die Instandsetzungen der Inneren Räumlichkeiten, des Außenputzes sowie der bauklimatischen und technischen Ausstattung des Objektes. 16 6.2 Rohbau Das Gebäude wurde in Stahlskelettbauweise errichtet (Abb.18). Die Flächen zwischen den Stahlstützen wurden mit Klinker ausgemauert. Einige Stellen wurden in gelbem Sichtmauerwerk ausgeführt, z.B. am Sockel und am Kamin. Für die Deckenkonstruktion wurden zwischen die Eisenträger Bimsdielen eingelegt. Deren statische, bauklimatische und ökonomische Eigenschaften ermöglichten die gestalterisch wichtige Decke mit seinen Terrassenauskragungen und das Flachdach. Abb.18: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933, Hans Scharoun, Baustelle Oktober 1932 6.3 Ausbau Die Architektur der klassischen Moderne ist eine Entsprechung der Industrialisierung und des technischen Standes der Entstehungszeit. Auch die Ausbauelemente von Haus Schminke wurden aus Halbzeugen mit hohem industriellen Vorfertigungsgrad hergestellt und vor Ort verarbeitet. Bis zu diesem Zeitpunkt nicht bekannte Baustoffe wurden ebenfalls eingesetzt. Die Innenräume wurden von Scharoun ganzheitlich geplant. Ungewohnte Raumformen erhielten dafür gefertigte individuelle Einrichtungen wie Beleuchtungskörper und Möbel. Im Wohnbereich erkennbar ist beispielsweise das Sofa, von Scharoun selbst für diesen Raum entworfen und gefertigt aus industriell hergestellten besonderen Stoffen (Abb.19). Des Weiteren wurden Experimente mit künstlichem und natürlichem Licht eingegangen. Die Gestelle der Leuchtmittel wurden aus vorgefertigten Röhren nach individuellen Vorgaben des Architekten ausgeführt. Im Wintergarten kamen mit Säure geätzte Gläser zum Einsatz. 17 Abb.19: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933, Hans Scharoun, Wohnraum, Aufnahme Alice Kerling 1933 Der Einsatz der verschiedenen Industrieprodukte erfolgte bei gestalterischen Details sehr differenziert. Am Beispiel der Deckengestaltung über dem Kamin kann die Verwendung spezieller Blasentapeten, auch Salupratapeten genannt, zur Akzentuierung des ausgeleuchteten Deckenabschnittes mit einer dafür konstruierten Blende über dem Stuhl nachvollzogen werden (Abb.20). An der Blende konnten Vorhänge angebracht werden, die auch in anderen Zimmern des Hauses als Raumteiler eingesetzt wurden. Abb.20: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933, Hans Scharoun, Deckengestaltung, Aufnahme Alice Kerling 1933 18 Der Umgang mit zur Erbauungszeit des Gebäudes neuen Materialien lässt sich auch am Hauseingang belegen (Abb.21/22). Zur Verwendung kamen an verschiedenen Stellen im Gebäude „Rohalit“-Glasbausteine, welche die Decken des Gebäudes durchsichtig erscheinen lassen sollten. Die Glasflächen rechts und links der Eingangstür wurden mit speziellem Drahtglas versehen. Abb.21: Löbau, Haus Schminke, 1933, Hans Scharoun, Abb.22: Löbau, Haus Schminke, 1933, Hans Scharoun, Haupteingang von Südwesten, Aufnahme Alice Kerling 1933 Haupteingang von Südwesten, Aufnahme 2001 19 6.4 spezielle denkmalpflegerische Anforderungen Spezielle Anforderungen an die Erhaltung, Sanierung und Instandsetzung von Bauten der klassischen Moderne ergeben sich im Erkunden des Veränderten, Verlorenen und dem Verstehen der mechanischen und physikalischen Zusammenhänge aller Teile. Je nach Objekt unterscheidet sich die „Befundlage“ der Informationen und der Dokumentation des Gebäudes. Das gilt vom Bau mit allen Änderungen über die Fertigstellung hin bis zu allen Modifikationen und Reparaturen die bisher durchgeführt worden sind. In Abb.21 und Abb.22 wird das Hauptproblem der Informationslage über das Haus Schminke deutlich. Vom Zustand des Objektes 1933 direkt nach Erbauung existiert eine umfassende Photodokumentation von der Photographin Alice Kerling. Von den unterschiedlichen Schwarz- und Grautönen der Aufnahmen lassen sich in Anbetracht der bis dahin unbekannten Vielfalt aller technischen Ausstattungselemente nur schwer Rückschlüsse über den tatsächlichen Farbton treffen. Die dafür notwendige Kenntnis über die genaue Beschaffenheit des zum Bau verwendeten Materials ist in vielen Fällen nicht zu erlangen. Herstellerfirmen sind verschwunden, Sortimente wurden geändert, und der damalige technische Standard entspricht nicht mehr der Norm heute. Erschwerend für die Informationsaufarbeitung wirkt sich der Planungsstil Scharouns aus, für den gestalterische Lösungen nie endgültig waren. Im Gegenteil, er suchte die bestmögliche Lösung bis zuletzt. Entsprechend schwer zu ordnen und zu bestimmen ist, welche der vielen zeichnerisch und im Briefverkehr mit Herrn Schminke festgehaltenen Varianten tatsächlich zur Ausführung kamen. Speziell wenn im Gebäude selbst keine Spuren der Originalfassung mehr vorhanden sind. Zur „Fassungsfrage“ am Haus Schminke ließ sich feststellen: der Zustand der Innenräume ist fragmentarisch, es sind wesentliche Komponenten des Hauses nur noch ansatzweise nachvollziehbar. Die ganzheitlich geplante Einheit der Räume mit der Ausstattung ist nicht mehr erlebbar. Im Gegensatz dazu ist die durchgestaltete Form des Gebäudes von aussen noch immer nachvollziehbar. Das Gebäude wurde allerdings seit seiner Vollendung 1933 nicht baulich verändert. Es wurde am Gebäude selbst kein Teil abgerissen beziehungsweise angebaut. „In Löbau ging es, mit wenigen Ausnahmen, nicht um die Erhaltungswürdigkeit späterer Zutaten, sondern um die Bewertung von Alterungsspuren und Verlusten.“14 Das denkmalpflegerische Thema war daher die Erhaltung und die möglichst schonende Reparatur des Bestandes sowie der Umgang mit Alterungsspuren und Verlusten im Verhältnis zur ursprünglichen Aussage des Hauses unter Berücksichtigung der heutigen Funktion als Freizeitheim. Die Frage war: „Wie viel Scharoun und Schminke konnte, durfte und musste im heutigen Freizeitzentrum bewahrt werden?“14 14 Rosner (2002), S. 112/118 20 6.5 Beispiel der Instandsetzung der Innenausstattung Die Innenausstattung des Gebäudes im Sinne der eigentlichen Nutzung als Fabrikantenvilla und Landhaus ist bis auf fest eingebaute Möbel, wie Schränke in Keller, Halle, Kinderzimmer, Küche, Flur, Eltern- und Kinderschlafzimmer, verloren. Bauzeitliche Sichtflächen sind innen nur an einigen holzsichtigen Ausstattungsteilen erhalten, alle anderen Oberflächen wurden mehrfach überarbeitet oder ausgetauscht (Abb.26/27 Schränke im Flur des Obergeschoss). Viele Industrieprodukte der damaligen Zeit sind nicht mehr ersetzbar. Beispielhaft ist die oben genannte Blasen- oder Salupratapete (Abb.23). Abb.23: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933, Hans Scharoun, Fragment der bauzeitlichen Blasenbzw. Noppentapete an der rechten Wange am ehemaligen Bücherregal im Wohnzimmer links vorm Zugang Salupratapeten, seit dem 19. Jahrhundert bis ca. 1940 in Neubauten verwendet, sind Prägetapeten aus Papiermaché mit Leimbindungen und einer Schichtdicke von 1- 2 mm, je nach Oberflächenprägung. Diese Tapeten verlangen nach sorgfältiger Verarbeitung. Auf Photos direkt nach der Erbauungszeit ist zu erkennen, dass die Salupratapeten, die mit ihrer differenzierten Oberflächenbeschaffenheit Beleuchtungseffekte erst voll zur Geltung bringen sollten, gestalterischer Schwachpunkt sind (Abb.24). Die Stoßkanten wurden nicht sauber verklebt, und von Anfang an lag keine ausreichende Haftung zwischen Tapete und Wand vor (Abb.23). Die Tapete als Farbträger ist bei späteren Renovierungen entfernt wurden. Die Originalfassung des Gebäudes ist an diesem Punkt verloren gegangen. Photos und Briefverkehr lassen nicht erkennen, welcher Tapetentyp in welcher Kombination benutzt wurde (Abb.24). Wie jedoch in Abb.24 auch erkennbar ist, konnte der Originalfußboden, der sich formal an einer Schiffsbeplankung orientierte, rekonstruiert werden. Das Muster dafür war an einer Stelle unter dem Einbauschrank zwischen Kinderspielecke und Windfang noch vorhanden. In der übrigen Halle war zwischenzeitlich ein anderer Parkettboden verlegt worden. 21 Abb.24: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933, Hans Abb.25: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933, Hans Scharoun, Wohnhalle mit Kinderspielzimmer und Diele Scharoun, Wohnhalle mit Kinderspielzimmer und Diele zum Haupteingang, Aufnahme Alice Kerling 1933 zum Haupteingang, Aufnahme 2001 Ein weiteres Beispiel ist der Schrankflur im Obergeschoss (Abb.26/27). Die photographische Dokumentation von 1933 lässt Farbabstufungen erkennen. In Kostenvoranschlägen findet sich der Hinweis, die Decken „zwei Mal mit Faseritlack schwarz zu streichen und mit weißen Linien zur Hälfte kassettenartig zu teilen.“15 Damit wird jedoch nur die generelle Farbgebung und Dekoration genannt. Faserit, eine Emulsion aus Kasein, Terpentinharz, Wachs und Naturharzen, konnte je nach Zusammensetzung matt bis leicht glänzend eingestellt werden. Die genaue Zusammensetzung des damals verwendeten Materials ist heute unbekannt. 15 Reichwald (2002), S. 138 22 Abb.26: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933, Hans Abb.27: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933, Hans Scharoun, Schränke im Flur des Obergeschoss, Scharoun, Schränke im Flur des Obergeschoss, Aufnahme Aufnahme Alice Kerling 1933 2001 Aufgrund dieser mangelhaften Befundlage ist eine originalgetreue Rekonstruktion nicht mehr möglich. Materialien und Farbtöne wurden von Scharoun für jeden Raum unterschiedlich variiert und für jedes Detail unterschiedlich angewandt. Farben sind nur noch grob nachmischbar und nicht original mischbar, da die sie tragenden Oberflächen verschwunden sind. Die darauf abgestimmten Leuchtmittel, aus individuellen und industriellen gefertigten Halbzeugen, sind ebenfalls nicht mehr vorhanden (Abb.24). Mit dieser Befundlage wäre im Falle einer originalgetreuen Rekonstruktion nur eine atmosphärische Annäherung an das ursprüngliche Raumerlebnis herstellbar. Diese hätte allerdings automatisch eine vollständig andere architektonische und gestalterische Aussage als das aufeinander abgestimmte und ganzheitlich geplante Werk Scharouns. Außerdem wäre die totale Wiederherstellung der Fabrikantenvilla nicht im Sinne der heutigen Nutzung als Begegnungszentrum, welchem die individuell gefertigten Möbel Scharouns nicht gerecht werden würden. Im Sinne der Charta von Venedig wird der Erhalt eines Denkmals durch eine der Gesellschaft nützliche Funktion begünstigt, die sich der Struktur und Gestalt des Denkmals anpasst. In diesem Zusammenhang ist absolute Stileinheit kein Restaurierungsziel. Die späteren Veränderungen können als Stileinfluss einer anderen Epoche durchaus respektiert werden, wenn dies in Zusammenhang mit einer genauen Dokumentation und Erforschung des Denkmals einhergeht. 23 Daher entschied man sich nach einer umfassenden Analyse der Farbschichten in allen Räumen dafür, diese mit glatten Tapeten, gestrichen in einem gebrochenen Weißton, zu überdecken (Abb.30). Abb.28: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933, Hans Scharoun, Befundstelle Halle 1999 Die Einrichtung sowie Beleuchtung wurde gestalterisch zurückgenommen und erfüllt die funktionellen Anforderungen an ein Freizeitheim. In diesem Zusammenhang fiel die Entscheidung, den bauzeitlichen Gummibelag des Fußbodens im Obergeschoss, welcher „spröde geworden und heillos verklebt.“16 war, nicht zu rekonstruieren (Abb.26/27). Der bauliche Zustand wurde dokumentiert. Für den heutigen Gebrauch und zum Schutz des Gummibelages wurde graues Linoleum lose darüber verlegt. Auch die anderen bauzeitlichen Bodenbeläge mit Ausnahme des Marmorbodens im Wintergarten und des Terrazzobelages in den Wirtschafts-räumen sind verloren. Die originale Bausubstanz des Fußbodens im Obergeschoss wird jedoch erhalten und geschützt und ist je nach späterer Auffassung wieder herstellbar. 16 Hoh-Slodczyk, Kluge, Pitz (2002), S. 175 24 Die Raumkomposition des Haus Schminke wird so in einer zurückhaltenden Ausstattung erlebbar. Die erhaltenen Einrichtungsstücke akzentuieren das Gebäude. Scharoun soll weder „imitiert“ werden, noch soll eine vollkommen neue zeitgemäße Farbkonzeption eine Abkehr vom Raumbild der dreißiger Jahre einleiten. Auf die Wiederherstellung des Landhauses bzw. der Fabrikantenvilla mit nachempfundenem Mobiliar wurde auch zu Gunsten der gewünschten Mehrzwecknutzung als Freizeitheim verzichtet. Das Haus Schminke wurde somit innen nicht komplett rekonstruiert. 6.6 Beispiel der Instandsetzung des Aussenputzes Die Oberflächen des Putzes waren zur Entstehungszeit des Objektes weiß. Der hydraulische Mörtel ist ein in seiner gesamten Schichtdicke gleichmäßig durchfärbter Edelputz. Werkseits wurden in diesen Mörtel mit gleichmäßiger Korngrößenverteilung Zuschlagstoffe aus Kalkstein und Glimmerzusätze beigemengt. Nach dem Auftragen wurde er mit einem Brett abgerieben, um seine Oberfläche aufzurauen. Die sich ergebende einheitlich aufgeraute Oberfläche blieb als Kratzputz ohne weitere Farbbehandlung als Gestaltungselement der Fassaden stehen. Die in sich geschlossenen Mörtelflächen haben eine gute Anbindung zum Untergrund, nur punktuell waren Hohlstellen festzustellen. Der Mörtel ist in sich stabil, und die Oberflächen zeigen nur geringe Abrieberscheinungen. Durch starke Bewitterung bzw. undichte Fallrohre und der damit verbundenen Durchfeuchtung gab es größere Verluste, die hauptsächlich die Schürzen an den Terrassen, die rechte Fassadenfläche am Eingangsbereich und die Rückfront am Küchentrakt betrafen (Abb.29). Abb.29: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933, Hans Scharoun, Fassadenschäden an der Rückfront des Küchentraktes, Aufnahme 1999 25 Auf den Oberflächen hat sich eine gleichmäßige Schmutzschicht abgelagert. Optisch ergab dies eine graubraune Farbwirkung. Die Schmutzablagerungen waren teilweise in die feinteilige Mörtelstruktur eingedrungen und haben sich fest mit dem Untergrund verbunden. Eine Rückführung auf die noch vorhandene Oberfläche des weiß durchfärbten Mörtels wäre ohne Substanzverlust nicht möglich gewesen. Notwendig war die Wahl eines geeigneten Reinigungsverfahrens. Versuche wurden mit dem wish-ab-Granulat ausgeführt, welches die Oberfläche aufgehellt hatte, jedoch kein besseres Ergebnis brachte. Gewählt wurde letztlich das „Joos-Verfahren“ (Abb.30). Abb.30: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933, Hans Scharoun, Arbeitsprobe mit JoosVerfahren zur Abnahme der Oberflächenverschmutz-ung an dem Fassadenbereich rechts vorm Kamin, Aufnahme 2000 Dabei werden verschiedene feinteilige Sand- und Pulvermischungen (Quarz, Marmor) mit geringem Druck von einer speziellen Düsenpistole auf die Oberflächen verteilt, wobei bei einer sachgemäßen Anwendung ein Abrieb der verkrusteten Ablagerungen bewirkt wird. Die Reinigung der Vertiefungen des Putzes wird nicht erreicht. Die Anwendung erfolgt ohne chemische Zusätze im Trockenverfahren. Im Falle eines Versuches, die zwischen der Körnung liegenden, versinterten Oberflächen des Bindemittels abzutragen, würde man zweierlei erreichen: eine weiße Oberfläche, die optisch dem ehemaligen Originalputz entspricht, jedoch zu einer Zerstörung des Materialgefüges führt. Der Putz würde über eine längere Zeit kontinuierlich abwittern, die Fassade würde zerstört werden. Nach Untersuchung, Bestandsaufnahme und Beprobung vor Ort sind die Putzbereiche festgelegt worden, die auf Grund ihrer Zerstörung nicht mehr reparaturfähig waren. Durch exaktes Ausschneiden der zerstörten Zonen war es möglich, den Untergrund für die „Versatzstücke“ eines nachgestellten Mörtels vorzubereiten. Als Grundmaterial dafür diente eine vergleichbare Mörtelmischung. Durch Beimengung von farbigen Sanden, Schiefermehl und einem geringen Pigmentanteil konnte eine Farbigkeit entsprechend dem gealterten und nicht mehr weißen Originalmörtel erreicht werden (Abb.31). Weitere Farbkorrekturen wurden durch ungebundene Farblasuren zur jeweiligen Umgebung der gereinigten Oberfläche erreicht. 26 Abb.31: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933, Hans Scharoun, Mörtelkittung, Aufnahme 2000 Die ursprüngliche gestalterische Aussage der Fassadenaussenhaut konnte somit aufgrund der vorhandenen reparaturfähigen Originalfassung wieder hergestellt werden. Die durchdachte Originalform des Gebäudes mit seiner homogenen Schale ist wieder erlebbar. Die Fassade wurde repariert und dokumentiert. Das bauzeitliche Weiß des Hauses jedoch war nicht wieder zu gewinnen ohne die gesunde Struktur des Putzes zu schädigen. 6.7 Bauklimatik und Technische Ausstattung Alle historischen Bauwerke, unabhängig von Alter und Baustil, sind in bauklimatischer Hinsicht unter Umständen problematisch. So entspricht der vorhandene bauliche Wärmeschutz nicht den Anforderungen an den heutigen Mindestwärmeschutz. Die Nachbesserung des baulichen Wärmeschutzes ist aus denkmalpflegerischen und konstruktiven Gründen nicht oder nur bedingt möglich. Für Bauten der Moderne charakteristische Konstruktionslösungen können jedoch zu besonderen Umständen führen. So existieren große Fensterflächen, ausgeführt in Einfachverglasung und einfachem Metallrahmen mit ausgeprägten Fensteröffnungsmöglichkeiten, z.B. Wintergärten. Der Baukörper ist stark, mit Auskragungen (Flach- bzw. Warmdach einschließlich Terrassendach) und dadurch geometrisch bedingten Wärmebrücken, gegliedert. Verschiedene Materialien in bis dahin nicht gekannter Vielfalt treffen aufeinander, unterschiedliche neue Konstruktionen werden erprobt und miteinander kombiniert. Es können stofflich bedingte Wärmebrücken entstehen. Im Zuge einer Instandsetzung eines Gebäudes der klassischen Moderne müssen klimabedingte Schäden unbedingt vermieden werden. Daher werden die wesentlichen Komponenten wie 27 Wärmeschutz, Heizung, Lüftung und Nutzung ganzheitlich betrachtet, in Abstimmung auf die bauklimatischen Grundvoraussetzungen des Gebäudes im Einzelfall. Die gebäudetechnische und bauklimatische Bestandserfassung am Haus Schminke ergab eine ständig wirksame Grundlüftung durch Fenster- und Fugenlüftung. Möglichkeiten für eine Stoßlüftung waren auch gegeben. Also wurde ständig die Raumfeuchtigkeit abgeführt, die Taupunkttemperatur verringert und damit die Kondensationsgefahr im Raum minimiert. Die Heizung des Gebäudes erfolgte ursprünglich durch eine Schwerkraftheizung mit zwei Kohlekesseln zur Gebäudebeheizung und einem Kessel zur Warmwasserheizung. Die Kessel sind nicht mehr vorhanden. Erhalten sind jedoch die meisten gusseisernen Rippenheizkörper in ihrer ursprünglichen Anordnung und die Fußbodenheizung im Wintergarten, sowie den dazu gehörigen Rohrleitungen und Heizkörperventile in den Haupträumen des Hauses (Abb.32/33). Des Weiteren sind erhalten der Kesselraum und die Schornsteinanlage, sowie die Verteilungsleitungen einschließlich der Absperrschieber im Kellergeschoss (Abb.34). Die ursprüngliche Koksheizung wurde auf Gas umgestellt, so dass ein Gaskessel installiert wurde. Die Heizkörper „konnten aufgearbeitet werden, nachdem eine [Druck-] Prüfung ihre Tauglichkeit bestätigt hatte. Sie wurden mit Naturharzöllack im ursprünglichen Weißton gestrichen.“17 Abb.32: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933, Hans Scharoun, EG mit Heizkörpern, (genordet, maßstabslos) 1 Essbereich; 2 Kinderspielecke; 3 Sitzbereich Wohnraum; 4 Musikbereich Wohnraum; 5 Sitzbereich im Wintergarten: 5a Heizkörper, 5b Fußodenheizung; 6 Wärmezuführung um das Wasserbecken im Wintergarten 17 Hoh-Slodczyk, Kluge, Pitz (2002), S. 175 28 Abb.33: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933, Hans Abb.34: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933, Hans Scharoun, Scharoun, Thermostat Heizkörper, Aufnahme Absperrschieber der Verteilungsleitung im Kellergeschoss Andreas Schwarting Gerade das Haus Schminke kann in der Ganzheitlichkeit und Durchdachtheit der Haustechnik auch als Technisches Denkmal, zumindest als Demonstration des technisch machbaren der Erbauungszeit, betrachtet werden. Die Heizungskonzeption war Bestandteil der Raumgestaltung und beeinflusst die Erscheinung der Räume mit. Sichtbar sind Heizkörper, Zuleitungen und Ventile. Der Einsatz der Fußbodenheizung im Wintergarten bedingte den Einsatz von Gitterrosten im Wintergarten, auf welchem Freischwinger angeordnet wurden anstatt Stühle mit Beinen. Der zweite wesentliche Aspekt ist die Durchdachtheit des Heizkonzepts nach dem Stand der Technik zur Erbauungszeit. Gerade wenn man zugrunde legt, dass damalige Behaglichkeitsanforderungen an Gebäude nicht mal den heutigen Mindestanforderungen an die raumseitige Oberflächentemperatur entsprachen, wirken viele technische Details auch noch aus heutiger Sicht überzeugend. So waren Heizkörper stets unter Fenstern angebracht, um deren Kälteabstrahlung zu kompensieren (Abb.26/35). Abb.35: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933, Hans Scharoun, Innenansicht auf ein Kinderzimmer, Aufnahme Alice Kerling 1933 29 Die Fensterflächen als „klimatische Sollbruchstelle“ waren die kältesten raumseitigen Oberflächen. Wasser konnte daher nur dort kondensieren und wurde in Sammelrinnen abgeführt. In erster Linie sicherten also bauklimatische Mittel das Funktionieren des Gebäudes. Raumseitig gibt es keine sichtbaren Mängel wie Kondensationsfeuchten an der Wand oder Schimmelpilzbefall. Das Zusammenwirken dieser Aspekte zu einem reibungslosen Funktionieren der Heiztechnik im Haus Schminke erfüllt im Wesentlichen die heutigen Anforderungen an das Gebäude als Freizeitheim. Technologische Nachrüstungen auf den heutigen Stand der Zeit würden nicht nur gegen Grundsätze der Charta von Venedig im Umgang mit historischen Bauten verstoßen. Auch würde beispielsweise der Wechsel auf eine moderne Zweischeibenisolierverglasung den Taupunkt an andere Stellen im Raum verlagern. Der gestalterische Bruch mit der Lösung Scharouns an dieser Stelle müsste weiter geführt werden, in die Konstruktion von Wand und Decke müsste eingegriffen werden, die letzte Konsequenz wäre eine neue Fassadenverkleidung, der erhaltungsfähige Originalputz müsste weichen. Die konstruktiven Folgen eines solchen Umgangs mit dem Haus wären weitreichend. 6.8 Resümee: Haus Schminke als Beispiel einer behutsamen Instandsetzung In der aktuellen Diskussion um die Reparaturfähigkeit der Moderne ist das Haus Schminke, maßgeblich gefördert durch die Wüstenrot Stiftung, ein Beispiel behutsamer Instandsetzung und Substanzbewahrung. Der gesamte konstruktive Aufbau sowie alle prägenden Bauelemente konnten bewahrt werden. Damit unterscheidet sich die Behandlung von Haus Schminke in der Herangehensweise von anderen Sanierungen des neuen Bauens, wie der Weißenhofsiedlung. Dort existieren heute weniger als 50% der gesamten ehemals vorhandenen Bausubstanz und nur noch 5% des originalen Außenputzes, der Fenster und Bodenbeläge. Unabhängig vom eigenen Standpunkt zur These von der Unfähigkeit der Moderne zu altern, ist entscheidend, am konkreten Gebäude und Bauteil konservatorische und rekonstruierende sowie gestaltende Maßnahmen angemessen zu gewichten. „Ausgangspunkt der Sanierung war einerseits ein vernachlässigtes, aber authentisches Dokument der Baukultur um 1930, andererseits ein in seiner künstlerischen Aussage reduziertes Monument des neuen Bauens. Die Instandsetzung hat den hohen dokumentarischen Rang des Gebäudes durch gezielte Reparatur bewahrt, darüber hinaus aber auch Qualitäten, die durch Verschleiß, unkontrollierte Alterung oder geänderte Details verdeckt waren, wieder sichtbar gemacht. […] Die künstlerische Bedeutung, soweit sie in der Einheit von Ausstattung und Raumanlage sowie von Haus und Garten bestand, war glaubwürdig im Ganzen nicht wieder zu gewinnen, sondern nur punktuell zu verdeutlichen. In erster Linie sind hierfür mangelnde 30 restauratorische Befunde, vor allem aber die veränderte Nutzung verantwortlich.“18 Im Sinne der Regeln der Charta von Venedig aus dem Jahre 1964, wonach der Erhalt eines Denkmals begünstigt wird durch eine der Gesellschaft nützliche Funktion, die sich der Struktur und Gestalt des Denkmals anpasst, ist nicht zuletzt auf die geänderte Nutzung als Freizeitheim Rücksicht genommen und wurde weiter geführt. Diese Funktion beherbergt das Haus Schminke seit 1945 und wurde ausdrücklich von Nachkommen der Familie gewünscht. In diesem Zusammenhang kann eine vollständige Stileinheit des Gebäudes wie zur Erbauungszeit kein Ziel der Instandsetzung sein. Stileinflüsse folgender Jahrzehnte, in denen das Haus bereits als Freizeitheim genutzt wurde, werden respektiert. Im Gegensatz zur Behandlung anderer Beispiele der klassischen Moderne ermöglicht die ausführliche Dokumentation und der Schutz der noch vorhandenen Bausubstanz eine mögliche spätere Wiederherstellung einer bestimmten Fassung. Möglicherweise ändern sich die technischen Möglichkeiten der Analyse der SchwarzWeiß-Aufnahmen von Alice Kerling aus dem Jahre 1933, und in Zusammenhang mit neuen Forschungsergebnissen über die am Gebäude verwendeten Materialien scheint die Wiederherstellung einer bestimmten Fassung des Objektes realisierbar. Die Instandsetzung des Haus Schminke schafft damit die Möglichkeit für eine weitere denkmalpflegerische Auseinandersetzung mit dem Gebäude in Zukunft. 18 Rosner (2002), S. 117/118 31 7 Zusammenfassung Die Architekten der Moderne charakterisierten in ihren Bauten den Bruch mit dem Historismus und leugneten stets die eigene Geschichtlichkeit. Gerade deswegen ist die auf Denkmäler gestützte Erinnerung an ihre vergangenen Kämpfe, an ihre Erfolge und auch an das Scheitern einiger Zielstellungen sehr bedeutsam. Dabei geht es nicht nur um Fragen der Technik und Form, sondern auch um die Erhaltung der unterschiedlichen weltanschaulichen Grundlagen, sowie den vergangenen politischen Vorstellungen und Absichten. Leider zeigt der frühere Umgang mit den Bauten der Moderne einen erschreckenden Verlust der originalen Bausubstanz. Der ökonomisch motivierte Anspruch nach einem zeitgemäßen Erscheinungsbild, gepaart mit erhöhten Nutzungsanforderungen, hat in vielen Fällen zu einer vollständigen Rekonstruktion oder bis hin zum Abriss geführt. Das eigentliche Ziel der Denkmalpflege, die Weiternutzung der Bauten mit Erhaltung der originalen Substanz zu verbinden, ist in den seltensten Fällen erreicht worden. Heutzutage werden denkmalpflegerische Maßnahmen nicht nur als Rekonstruktion und schöpferisches Nachempfinden begriffen, sondern sie wissen auch gealterte Oberflächen, Veränderungen und einen geringeren Gebrauchswert zu akzeptieren. Man hat erkannt, dass es ohne denkmalpflegerische Forderungen bald keine authentischen Sachzeugen, sondern nur noch originalähnliche Rekonstruktionen, geben wird. „Es spricht nichts dagegen, Denkmäler der Moderne wie die Denkmäler aller anderen Perioden unserer Geschichte zu erforschen, zu schützen und zu pflegen, die Alterungsprozesse zu kontrollieren, zu steuern und zu verlangsamen, Schäden zu reparieren, wenn notwendig angemessene neue Nutzungen zu finden und dafür gegebenenfalls Veränderungen an den Denkmälern vorzunehmen.“19 19 Grunsky (1998), S. 35 32 8 Abbildungsnachweis Abb.1: Neumeyer (1998), Titelbild Abb.2: Hoh-Slodczyk (2000), Titelbild Abb.3: Hoh-Slodczyk (2000), S.50 Abb.4: Markgraf (1999), S.9 Abb.5: Markgraf (1999), S.9 Abb.6: Markgraf (1999), S.9 Abb.7: Kuipers (1998), S.174 Abb.8: Schwarting (2006), Lehrstuhlsammlung Abb.9: Schmidt (1998), Abb.3, S.40 Abb.10: Schmidt (1998), Abb.10, S.44 Abb.11: Schmidt (1998), Abb.11, S.44 Abb.12: Nägele (1992), S.93 Abb.13: Nägele (1992), S.124 Abb.14: Hoh-Slodczyk (2002), S.76 Abb.15: Hoh-Slodczyk (2002), S.86 Abb.16: Reichwald (2002), S.154 Abb.17: Sohr (2002), S.99 Abb.18: Kürvers (2002), S.56 Abb.19: Hoh-Slodczyk (2002), S.80 Abb.20: Hoh-Slodczyk (2002), S.71 Abb.21: Hoh-Slodczyk (2002), S.84 Abb.22: Sohr (2002), S.103 Abb.23: Reichwald (2002), S.139 Abb.24: Hoh-Slodczyk (2002), S.82 Abb.25: Sohr (2002), S.105 Abb.26: Hoh-Slodczyk (2002), S.82 Abb.27: Burkhardt (2002), S.61 Abb.28: Reichwald (2002), S.149 Abb.29: Graupner, Lobers (2002), S.136 Abb.30: Reichwald (2002), S.144 Abb.31: Reichwald (2002), S.145 Abb.32: Graupner, Lobers (2002), S.124 Abb.33: Schwarting (2006), Lehrstuhlsammlung Abb.34: Graupner, Lobers (2002), S.134 Abb.35: Graupner, Lobers (2002), S.126 33 9 Literaturverzeichnis Burkhardt (2002) Berthold BURKHARDT, Die Moderne zwischen Handwerk und Industrialisierung, in: Wüstenrot Stiftung Ludwigsburg, Berthold Burkhardt (Hrsg.), Scharoun. 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