Umgang mit Bauten der Moderne - Ing. Architekt Sebastian Zengler

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Umgang mit Bauten der Moderne
Zwischen Abriss und Rekonstruktion
Technische Universität Dresden
Lehrstuhl für Baugeschichte
Prof. Dr. Ing. H.-G. Lippert
Dipl. Ing. A. Schwarting
„Konstruktionen der Moderne“
Martin Schulze 2935505
Sebastian Zengler 2936422
Abgabedatum: 01.03.2006
Vorwort
Der „Zeitgeist der Moderne“ war ein Ineinanderwirken von gesellschaftlichen, technischindustriellen und medialen Ereignissen und Entwicklungen, welche sich auf die Architektur
dieser Zeit, der Avantgarde, auswirkte.
In den nachfolgenden Jahrzehnten bahnten sich unterschiedliche Herangehensweisen im
Umgang mit den Bauten der klassischen Moderne an. Diese Ansätze reichten von Abriss über
originalähnliche Rekonstruktion bis hin zur behutsamen Instandsetzung.
Nachgewiesen werden diese Entwicklungen in Dokumentationen über Kolloquien und
Tagungen zum Thema „Umgang mit Bauten der klassischen Moderne“ oder „Konservierung der
Moderne“, sowie in beispielhaften Sammlungen der „Wüstenrot Stiftung“.
Ein besonderes Problem bei der Aufarbeitung des genannten Themas ist die mangelhafte
Informationslage über die Originalfassung eines Objektes und den Umgang damit bei späteren
Veränderungen in Bezug auf den Urzustand. Dokumentationen des ursprünglichen und
veränderten Zustandes haben im Zuge verschiedener Baumaßnahmen an den meisten
Gebäuden der klassischen Moderne nicht stattgefunden. Dies lässt sich nicht zuletzt auf die
unterschiedlichen Wertschätzungen und Ansichten über die historisch wertvollen Bauten
zurückführen. An dieser Achtung misst sich ein stets unterschiedlicher Anspruch an den
konkreten Umgang mit dem Objekt.
Es ergeben sich somit immer die Fragen: Lässt sich das, was ewig jung bleiben sollte,
überhaupt konservieren? Lassen sich die traditionellen denkmalpflegerischen Kategorien auch
auf die Moderne anwenden? Sind nach den bisherigen Erfahrungen die Bauten der Moderne in
der Lage zu altern, oder werden sie in Zukunft weitgehend verändert aufgrund technischer
Mängel und neuer funktionaler Ansprüche, die an sie gestellt werden?
Inhaltsverzeichnis
1
Architektur der klassischen Moderne ................................................................................... 1
2
Alterungsprozess bei den Bauten der Moderne ................................................................... 3
3
Denkmalpflegetendenzen und die Architektur der klassischen Moderne............................. 5
4
Denkmalpflegeleitlinien und die Architektur der klassischen Moderne................................. 6
5
Zwischen Abriss und originalähnlicher Rekonstruktion ...................................................... 10
6
Beispiel einer behutsamen Instandsetzung: Haus Schminke in Löbau.............................. 15
6.1
Beschreibung der Instandsetzung .............................................................................. 15
6.2
Rohbau ....................................................................................................................... 17
6.3
Ausbau ....................................................................................................................... 17
6.4
spezielle denkmalpflegerische Anforderungen ........................................................... 20
6.5
Beispiel der Instandsetzung der Innenausstattung..................................................... 21
6.6
Beispiel der Instandsetzung des Aussenputzes ......................................................... 25
6.7
Bauklimatik und Technische Ausstattung ................................................................... 27
6.8
Resümee: Haus Schminke als Beispiel einer behutsamen Instandsetzung............... 30
7
Zusammenfassung ............................................................................................................. 32
8
Abbildungsnachweis........................................................................................................... 33
9
Literaturverzeichnis ............................................................................................................ 34
1
Architektur der klassischen Moderne
Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert werden in der Architekturgeschichte sehr
unterschiedliche, durchaus auch kontroverse Leitbilder, Tendenzen und Schulen als „modern“
bezeichnet. Jedoch als Gemeinsamkeit kennzeichnet man den unerbittlichen Kampf gegen den
Historismus und nach dem Ersten Weltkrieg die Gegnerschaft gegen Traditionen und
Konventionen. „Das Leben müsse vom Gerümpel der Vergangenheit gereinigt werden, vom
parasitären Eklektizismus, damit es zu seiner normalen Entfaltung gebracht werden kann.“1 Der
Angriff des Neuen Bauens richtete sich vor allem aber gegen die Stadt als Ort der historischen
Architektur. Radikale abstrakte Projekte, wie das legendäre Mies`sche Glashochhaus am
Bahnhof Friedrichstrasse, bezogen noch aus der Konfrontation mit der Umgebung der alten
Stadt ihre Aussagekräftigkeit. Das Hochhaus von Mies stilisierte die heroische Einsamkeit des
Neuen. Es wirkte mit einer dramatischen Architekturaussage und einer städtebaulichen
Haltung, nämlich der Konfrontation mit dem Ort (Abb.1).
Abb.1: Berlin, Wettbewerbsentwurf
Hochhaus Friedrichstraße, 1922, Ludwig
Mies von der Rohe
1
Grunsky (1998), S. 27
1
Mit dieser sehr heterogenen Bewegung, propagiert die Moderne den ständigen Neuanfang, die
ewige Jugend, den Bruch mit der Geschichte und die Freiheit davon. Unterstützt werden die
Architekturvorstellungen von klaren kubischen Formen, von hellen leuchtenden Farben und von
einer strahlenden immerwährenden Schönheit, die nie vergeht. Das heißt aber auch, dass die
Moderne stets die eigene Geschichtlichkeit geleugnet hat. Aufgrund dieser Einstellung stand
das „Neue Bauen“ bis in die fünfziger Jahre kampffreudig gegen die dominierenden
Strömungen des traditionellen Bauens. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg fand der schon in den
zwanziger Jahren verkündete sogenannte „Sieg des neuen Baustils“ tatsächlich statt.
Laut den Äußerungen von Protagonisten sollte kein neuer Stil entstehen, der sich an die
Abfolge der Stile vergangener Epochen anschließt. Gemeint war eine vermeintlich zeitlos
gültige Architektur, die sich nicht an einem vorgegebenen Formenkanon orientiert. Sie sollte
sich vielmehr aus dem rational gesteuerten Wechselspiel von Funktion, Ökonomie der Mittel,
Material und Konstruktion entwickeln. Mit den technischen Möglichkeiten und mit den Methoden
der fortgeschrittenen industriellen Produktion muss die Architektur nun auf die aktuellen
sozialen und wirtschaftlichen Erfordernisse eingehen. Als entscheidende Voraussetzung für die
Entstehung und Weiterentwicklung der neuen Architektur stand die Verwendung neuer
Materialien und Konstruktionen. Somit entwickelte sich als Leitmotiv die dominierende Rolle der
Dreieinigkeit von Beton, Eisen und Glas.
Die Bedeutung neuer Materialien und Konstruktionen hatte natürlich für die Entwicklung der
künftigen Architektur und der Lebenseinstellungen weitgreifende Auswirkungen. „Im modernen
Leben kommt der Prozess der konsequenten stilistischen Entwicklung zum Stillstand. Die
Architektur löst sich von der Tradition und beginnt notgedrungen von vorn. Die Berechnung der
Materialfestigkeit, die Verwendung von Eisenbeton und Eisen machen eine Architektur im
klassischen und herkömmlichen Sinn unmöglich. Die neuen Baumaterialien und unsere
wissenschaftlichen Begriffe sind mit der Disziplin der historischen Stile nicht in Einklang zu
bringen.“2
Das Streben der Architekten und Ingeneure der Moderne war die Umwandlung des
handwerklichen Bauprozesses in einen industriellen. Das „Neue Bauen“ sollte kostengünstig
und mit geringstem Materialaufwand durchgeführt werden. Kunst und Technik sollten mehr
vereinigt werden. „Der Architekt war träge und faul, der Ingenieur hingegen aktiv gesund,
fröhlich und männlich, und ähnlich lagen die Dinge im Vergleich zwischen Architektur und
Maschine. In den Augen der Avantgarde galten die Maschinen als schön, weil sie arbeiteten,
funktionierten, sich bewegten. Die alten Häuser hingegen waren hässlich, weil sie nichts taten,
herumstanden, repräsentierten.“3
2
Grunsky (1998), S. 27
3
Neumeyer (1998), S. 11
2
2
Alterungsprozess bei den Bauten der Moderne
Mit den Jahren sind die Bauten der klassischen Moderne reparaturbedürftig, da Abnutzung und
Verschleiß den ursprünglichen Zustand im Laufe der Zeit unaufhaltsam verändern. Die
technische Ausstattung und das konstruktive Gerüst entsprechen nicht mehr den heutigen
Anforderungen. Der Glanz des Neuen ist verloren gegangen und die Bauten zeigen deutliche
Spuren des Alterungsprozesses.
Ein typisches Beispiel hierfür ist der Potsdamer Einsteinturm. Er ist weltweit als einer der
originellsten und wichtigsten Bauten des 20. Jahrhunderts bekannt. Allerdings existierte die von
Mendelsohn mit so viel Beharrlichkeit und Energie verfochtene Gestallt nur fünf Jahre. Denn
schon 1927 verlangten gravierende Bauschäden eine komplette Sanierung. „Sehr schnell
wurde die baukonstruktive und bautechnische Problematik des Turms deutlich, die dazu geführt
hat, dass die Geschichte des Einsteinturms seit 1927 auch die Geschichte von Reparaturen ist,
die fast regelmäßig im Zehnjahresrhythmus durchgeführt werden mussten.“4 Die Symptome wie
Rissbild im Putz und Beton, Abplatzungen und weitgehendes Hohlstehen der Putze, Schäden in
Abdeckungen und Verblechungen, sowie Durchfeuchtungen und Frostschäden sind
stellvertretend für die Kurzlebigkeit der Bauten der Moderne (Abb.2/3).
Abb.2: Potsdam, Einsteinturm, erbaut 1922, Erich
Mendelsohn, Bestandsaufnahme Aussen 1995
4
Hoh-Slodczyk (2001), S. 35
3
Abb.3: Potsdam, Einsteinturm, erbaut 1922, Erich
Mendelsohn, Bestandsaufnahme Innen 1995
Die Konservierung der Moderne ist nicht nur von philosophischen Interesse, sondern ebenfalls
ein technisches Problem. Die hervorragenden Zeugnisse einer ehemals modernen Architektur
zu erhalten, zu reparieren und behutsam heutigen Standards anzupassen ist ein nur schwer zu
erreichendes Ziel der Denkmalpflege. Damalige experimentelle, bisweilen vielleicht auch
unbedachte oder nicht ausgereifte Verwendung neuer Materialien, neuer Materialkombinationen
und neuer Konstruktionen führen heute zu gravierenden Problemen bei der Erhaltung.
Unterstützt wird das Ganze durch Nichtmehrvorhandensein der ursprünglichen, zumeist
industriell gefertigten Materialien und Bauteile. Meistens lassen sich die betroffenen Gebäude
nur mit erheblichem finanziellen und materiellen Aufwand wieder instand setzen. Die Bauten
der klassischen Moderne scheinen sich sozusagen gegen eine Konservierbarkeit im Sinne
traditioneller Denkmalpflege zu sträuben.
4
3
Denkmalpflegetendenzen und die Architektur der klassischen Moderne
Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts standen sich zwei Hauptrichtungen der Denkmalpflege
gegenüber. Zum einen der ältere, theoretisch zunehmend in Frage gestellte Weg und zum
anderen der neuere, den Prinzipien und Idealen der modernen Wissenschaft verpflichtete Weg.
In zahlreichen Grundsatzdebatten über die Art und Weise des Restaurierens (z.B. „Erster Tag
für Denkmalpflege“ in Dresden 1900), gewann der „moderne Denkmalkultus“ von Alois Riegl
zunehmend an Bedeutung. Die stilreine Wiederherstellung des Bauwerks als vermeintlich
perfektes Dokument eines oft idealisierten historischen Stils und die Beseitigung aller
Alterspuren wurden schließlich von der Konservierung mit der Beibehaltung des Alterswertes
und der Ablehnung historisierender Eingriffe abgelöst.
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die modernen Prinzipien der Denkmalpflege stark
erschüttert worden. Ab den sechziger Jahren wurden die Grundsätze der Restaurierung und
Konservierung durch Internationale Vereinbarungen, wie die Charta von Venedig 1964, die
Erweiterung des Denkmalbegriffs und ein neues Geschichtsbewusstsein wieder gefestigt. „Das
würde jedoch bedeuten, im Umgang mit den Bauten der Moderne bestimmte, um 1900
entwickelte Prinzipien denkmalpflegerischen Handelns, die auf die Erhaltung der originalen
Substanz und der Akzeptanz von Alterung beruhen, über Bord zu werfen: Immerwährende
Jugend erfordert immerwährende Erneuerung, den Austausch des Originals, den Ersatz
gealterter Materialien – oder die Wiederauferstehung, wenn das Bauwerk die Zeiten nicht
überlebt hat.“5
Dieser Konflikt führte in den siebziger und achtziger Jahren bei ersten Konservierungs- und
Restaurierungsmaßnahmen an den Bauten der Moderne zu sehr heterogenen Ergebnissen.
Aufgrund der dominierenden Rolle einer „ökonomischen Rechtfertigung“ und einer „originalähnlichen Restauration“ wurden die meisten Bauten durch weitgehenden Austausch der
Bausubstanz zum Teil stark verändert und sind deshalb als Geschichtsdokument in Frage
gestellt worden.
Heutzutage haben sich die Forderungen nach einer behutsamen Instandsetzung und der
Akzeptanz der Alterungsspuren an den Bauten der Moderne weitgehend durchgesetzt. Der
Abriss und der Verlust an originaler Bausubstanz werden nur noch ganz selten in Kauf
genommen. Heute notwendige oder für wünschenswert gehaltene Veränderungen an
Denkmälern werden so ausgeführt, dass sie in Zukunft bei geändertem Bedarf problemlos
wieder beseitigt werden können, ohne dabei die Denkmalsubstanz nennenswert in
Mitleidenschaft zu ziehen.
5
Petzet, Schmidt (1998), S. 5
5
4
Denkmalpflegeleitlinien und die Architektur der klassischen Moderne
Trotz international kontrovers geführter Debatten über das Verhältnis von Moderne und
Denkmalpflege in den vergangenen Jahren gibt es einige wesentliche Leitgedanken aus der
Charta von Venedig, die sich ganz sicher auf die Bauten der Moderne übertragen lassen. Diese
Grundsätze sollen nun am Beispiel Bauhaus Dessau dargestellt werden:
Artikel 5 aus der Charta von Venedig als Grundsatz 1:
„Die Erhaltung der Denkmäler wird immer begünstigt durch eine der Gesellschaft nützliche
Funktion. Ein solcher Gebrauch ist daher wünschenswert, darf aber Struktur und Gestalt der
Denkmäler nicht verändern.“6
„Eine lebendige heutige Nutzung verlangt Eingriffe in das Denkmal, aber ohne eine solche
Nutzung ist das Gebäude nicht zu erhalten. Diese Gratwanderung fand und findet auch im
Bauhaus statt. So ist die Sammlung, Erforschung, Lagerung und Präsentation von Kunst- und
Archivgut der Bauhauszeit, sicher eine sinnvolle und lebendige Nutzung für das Haus.“7 Jedoch
bedeutet das auch zwecks der Klimatisierung und der Verdunkelung für die Archive einen
Eingriff in das Gebäude. „Da die Nutzung sich dem Gebäude anpassen soll, und nicht das
Gebäude sich der Nutzung, entsteht zwischen der Nutzung als Archiv und Museum einerseits
und der offenen Struktur des Gebäudes andererseits ein Konflikt, der im Falle des Bauhausgebäudes zugunsten des Gebäudes gelöst werden muß. Diese Nutzung bleibt deshalb auf die
geschlossenen und untergeordneten Kellerräume begrenzt, in den oberen Geschossen bleiben
Sichtbarkeit und Dominanz der Konstruktion sowie Transparenz als Strukturelemente des
Hauses unangetastet.“7
Artikel 9 aus der Charta von Venedig als Grundsatz 2:
„Die Restaurierung ist eine Maßnahme, die Ausnahmecharakter behalten sollte. Ihr Ziel ist es,
die ästhetischen und historischen Werte des Denkmals zu bewahren und zu erschließen.“6
„Restaurierungsmaßnahmen im Sinne der Wiederherstellung eines verlorenen Zustandes
haben deshalb für die hoch eingeschätzten ästhetischen und geschichtlichen Werte des
Bauhausgebäudes durchaus Bedeutung und Berechtigung, sofern die Befundlage eine exakte
Wiederherstellung ermöglicht. Die Rekonstruktion der Vorhangfassade ist ein überzeugendes
Beispiel. Ohne diese Fassade ist das Bauhaus nicht vorstellbar.“7 (Abb.7) Auf der oberen
6
7
Will (2003), S. 28/29
Markgraf (1999) S. 7/8
6
Brücke, dem ehemaligen Bauatelier Gropius, wurde durch die Entfernung von nachträglich
eingebauten Trennwänden eine Wiederherstellung der historischen Raumsituationen
ermöglicht.
Artikel 11 aus der Charta von Venedig als Grundsatz 3:
„Die Beiträge aller Epochen zu einem Denkmal müssen respektiert werden: Stileinheit ist kein
Restaurierungsziel.“8
„Höchste Priorität in der Sanierung wird neben Erfassung und Dokumentation der Erhaltung und
Pflege von Originalsubstanz beigemessen. Unter Originalsubstanz ist dabei nicht nur der
Zustand der Erbauung von 1926 zu verstehen, sondern auch die Entwicklung bis heute, die sich
in Veränderungen am Gebäude dokumentiert. Umbauten aus den dreißiger oder siebziger
Jahren können durchaus als erhaltenswerte historische Schichten der Entwicklung des
Bauhausgebäudes eingestuft werden. […] Ohne die Spuren dieser jungen Vergangenheit fehlt
dem Bauhausgebäude eine wichtige Dimension. Denn Veränderungen dokumentieren auch
Alter und Bedeutung eines Gebäudes.“9
Artikel 16 aus der Charta von Venedig als Grundsatz 4:
„Alle Arbeiten der Konservierung, Restaurierung und archäologischen Ausgrabungen müssen
immer von der Erstellung einer genauen Dokumentation in Form analytischer und kritischer
Berichte, Zeichnungen und Photografien begleitet sein.“8
Im Bauhaus wurde ein Bauarchiv aufgebaut, in dem Unterlagen zum Bauhausgebäude, zu den
Bauhausbauten in Dessau, aber auch zu anderen Bauten der Moderne gesammelt werden.
Neben schriftlichen Unterlagen, historischen Fotos und Plänen werden hauptsächlich Bauteile
wie Materialproben, Ausbaustücke oder Installationselemente erfasst, dokumentiert und
gelagert.
8
Will (2003), S. 28/29
9
Markgraf (1999) S. 8
7
Abb.4: Dessau,
Bauhausgebäude, erbaut
1926, Walter Gropius,
Aufnahme 1927
Abb.5: Dessau,
Bauhausgebäude, erbaut
1926, Walter Gropius,
Aufnahme 1945
Abb.6: Dessau,
Bauhausgebäude, erbaut
1926, Walter Gropius,
Aufnahme 1950
8
Abb.7: Dessau, Bauhausgebäude, erbaut 1926, Walter Gropius, Aufnahme 1995
9
5
Zwischen Abriss und originalähnlicher Rekonstruktion
Der verwerflichste Umgang mit den Bauten der Moderne ist wohl der unüberlegte schnelle
Abriss der historisch wertvollen Gebäude. Vor allem die Denkmäler im innerstädtischen Bereich
müssen oft der so genannten „besseren ökonomischen Ausnutzung der Grundstücke“ weichen.
Jahrelange Vernachlässigungen haben zudem dazu beigetragen, dass die Gebäude oft
abgewirtschaftet aussehen und eine Renovierung schnellstens notwendig wäre. „Jedes Jahr
verschwindet eine größere Anzahl von Bauten, zumeist unbemerkt, denn überregionale
Aufmerksamkeit für ihr Schicksal können nur wenige erringen. Die Interessen der Eigentümer
setzen sich gegen den Denkmalschutz durch, denn es lassen sich bei jedem älteren Gebäude
unschwer mangelnde Funktionsfähigkeit, Reparaturfähigkeit und überhöhte Kosten der
Instandsetzung nachweisen.“10
Ein Beispiel hierfür ist die Siedlung "Blumläger Feld" in Celle aus den Jahren 1930/31 von Otto
Heasler. Sie bildete den Abschluss der Entwicklungsreihe der Siedlungsbauten Haeslers in
Celle. Dem Architekt war es gelungen, durch Rationalität in der Bauweise und in den
Grundrissen preiswerte Wohnungen - die billigsten Sozialwohnungen in der Weimarer Republik
- zu bauen, die für damalige Verhältnisse einen hohen Wohnkomfort für breite Kreise schufen.
1998 sah der Eigentümer, die städtische Wohnungsbau GmbH, unter wirtschaftlichen
Gesichtspunkten einen dringenden Handlungsbedarf. Argumente waren dabei die zu hohen
Unterhaltungskosten und die Probleme bei der Vermietbarkeit der kleinen (34 bis rund 53
Quadratmeter) Wohnungen. 2000 wurde der Siedlungsbereich am Hugoweg trotz intensiver
Debatten zwischen der "otto haesler initiative" und der WBG vollständig abgerissen (Abb.8).
Abb.8: Celle, Blumläger Feld, erbaut 1931,
Otto Haesler, Abrissaufnahme 2000
10
Schimdt (1998), S. 39
10
Ein weiteres Beispiel für den Abriss ist das Studienhaus in Düsseldorf, welches 1965-67 nach
Plänen des Düsseldorfer Architekten Bernhard Pfau erbaut wurde (Abb.9). Das zwölfgeschossige Hochhaus in Sichtweite des Rheins, beherbergte Studienräume und Werkstätten der
Volkshochschule, der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie. An dem schmalen, auf der
Nordseite fast völlig verglasten Gebäude, war ebenerdig ein flacher separater Hörsaalkomplex
mit 900 Plätzen angeschlossen. Dieses bedeutende Bauwerk der Nachkriegsmoderne, seit
1990 unter Denkmalschutz, stand der Neubebauung der südlichen Ausfahrt des neuen
Rheinufertunnels und der Erweiterung des benachbarten Medienviertels im Wege. Gespräche
zwischen der Denkmalpflege und der Stadt Düsseldorf scheiterten. Die öffentlichen Proteste
waren wirkungslos und somit erfolgte 1997 der Abbruch.
Abb.9: Düsseldorf, Studienhaus,
erbaut 1967, Bernhard Pfau,
Aufnahme 1996
11
„Neben diesen spektakulären Abbrüchen findet, wenig beachtet von der Öffentlichkeit und kaum
zu verhindern durch den Denkmalpfleger, der Umbau der Bauten der Moderne statt, ihre
Modernisierung. Betroffen hiervon sind überwiegend die innerstädtischen Büro- und Geschäftsbauten der Nachkriegszeit. Hauptsächlicher Anlaß hierfür ist der Wunsch des Eigentümers, das
Bauwerk dem heutigen Stand der Technik anzupassen, es wieder marktfähig zu machen. Die
typischen Mängel: undichte Fenster, unzureichender Schall- und Wärmeschutz, eine zu geringe
technische Ausstattung, Schäden an der Stahlbetonkonstruktion und dem Flachdach kommen
oft noch hinzu. Eine Reparatur oder Teilerneuerung wird aus wirtschaftlichen oder funktionalen
Gründen abgelehnt und gegenüber dem Denkmalpfleger auf die scheinbar unreparierbare
desolate Bausubstanz, die nicht mehr zu beschaffenden Baumaterialien oder die großen
technischen Mängel verwiesen.“11
Das wohl bekannteste und umstrittenste Beispiel einer originalähnlichen Rekonstruktion ist die
Stuttgarter Werkbundsiedlung Am Weißenhof. Sie entstand 1927 als Bauausstellung und wurde
in nur wenigen Monaten von den bedeutendsten Architekten der Moderne errichtet. Aufgrund
des Zweiten Weltkrieges sind 10 der Einfamilienhäuser vollständig vernichtet worden, und die
noch erhaltenen 11 Gebäude mussten 1981-87 durch die Generalsanierung große
Substanzverluste hinnehmen (Abb.10/11).
Abb.10: Stuttgart, Weißenhofsiedlung,
erbaut 1927, J.J.P. Oud, Bestandsaufnahme
1984
Abb.11: Stuttgart, Weißenhofsiedlung,
erbaut 1927, J.J.P. Oud, Bestandsaufnahme
1987
11
Schmidt (1998), S. 39/40
12
„Erhalten sind insgesamt weiniger als 50% der originalen Bausubstanz, aber nur noch 5% des
Außenputzes, der Fenster und der Bodenbeläge. So wurden bei der Sanierung alle Fenster
ausgewechselt, nicht nur die später eingebauten, wie in den Vorbauten der Oud’schen Häuser,
sondern auch gebrauchsfähige originale Fenster und Türen wurden, um ein einheitlichen Bild
zu erhalten, ausgebaut und ersetzt.“12 Durch den Austausch der Einfachverglasung in eine
Zweifachisolierverglasung war es aus bauklimatischen Zwängen notwendig für die
Aussenwände einen Isolierputz aufzutragen (Abb.12). Dabei kam es durch die geringfügige
Putzverbreiterung an den Wirtschaftsräumen bei den Reihenhäusern von Oud zu
Folgeproblemen in den Detailpunkten, die als originalähnliche Rekonstruktionen gelöst wurden.
Diese Veränderungen sind zwar erst bei genauerer Betrachtung erkennbar, aber eben doch im
Sinne der Denkmalpflege beachtlich groß.
Abb.12: Stuttgart, Weißenhofsiedlung, erbaut 1927, J.J.P. Oud, Fensterdetailzeichnung 1987/27 (maßstabslos)
„Von den ursprünglichen Außentüren sind keine mehr vorhanden, selbst von den Innentüren
gibt es nur noch einige in den Häusern von Oud und Le Corbusier. Die Farbanstriche sind, da
neue Außenputze aufgetragen wurden, alle verloren gegangen. Belegstücke für Farben,
Fenster und Türen gibt es nicht. Nach Abschluss der Arbeiten fand sich kein Lagerraum für die
ausgebauten Originale und so wanderten sie in den Müllcontainer.“12
Anhand der Entscheidungstabelle für die Sanierung der Siedlung lässt sich erkennen, dass die
meisten Entscheidungen zugunsten der Kosten und der Nutzer gefällt wurden (Abb.13). Bei den
rekonstruierenden und ergänzenden Baumaßnahmen ging es vor allem um den ökonomischen
Aspekt, denn eine schonende Instanzsetzung im Sinne der Denkmalpflege und eine damit
verbundene Nutzungseinschränkung kam für die Eigentümer nicht in Frage.
12
Schmidt (1998), S. 41/42
13
Abb.13: Stuttgart, Weißenhofsiedlung, erbaut 1927, J.J.P. Oud, Entscheidungstabelle 1981
„Geht man heute durch die Siedlung, so wiegen die frischen Farben den Besucher in dem
Glauben, die ursprüngliche Weißenhofsiedlung nach ihrer Restaurierung vor sich zu haben.
Doch wie wir aus der Dokumentation Nägeles wissen, bewegen wir uns in einem Architekturensemble, dessen Bauteile – außer den Fundamenten und Rohbaukonstruktionen – alle aus
den Jahren 1981-87 stammen. Der unbefangene Betrachter ist nicht in der Lage, den großen
Verlust zu erkennen, der durch den Austausch der Originalteile entstanden ist, denn die
Baukörper geben noch immer eine Vorstellung von dem Architekturwollen und der städtebaulichen Konzeption der 20er Jahre. Doch alle Bauteile sind Repliken. Hätte man sich mehr
bemüht, die noch vorhandenen Bauteile zu reparieren, statt sie konsequent auszutauschen, so
wäre es heute noch möglich, Alt und Neu miteinander zu vergleichen.“13
13
Schmidt (1998), S. 42
14
6
6.1
Beispiel einer behutsamen Instandsetzung: Haus Schminke in Löbau
Beschreibung der Instandsetzung
Das Haus Schminke wurde 1933 im Auftrag der Familie Schminke, Besitzer der „AnkerTeigwaren“-Fabrik in der Kirschallee in Löbau unter Beauftragung des Architekten Hans
Scharoun vollendet (Abb.14).
Zunächst bewohnte die Familie Schminke das Haus von 1933 bis 1945. Nach dem Zweiten
Weltkrieg führte Charlotte Schminke das Haus als Kinderheim bis 1951. Bis 1963 wurde das
Gebäude als Klubhaus der FDJ, danach bis 1990 als „Haus der jungen Pioniere“ genutzt. Seit
dieser Zeit ist das Haus Schminke ein Freizeitheim.
Abb.14: Löbau, Haus
Schminke, erbaut 1933,
Hans Scharoun,
Grundrisse
Erdgeschoss und
Obergeschoss
(genordet,
maßstabslos)
1 Halle
2 Kinderspielecke
3 Speisebereich
4 Wohnzimmer
5 Wintergarten
6 Dienstboten
7 Gästebereich
8 Kinderzimmer
9 Elternschlafzimmer
15
Am Gebäude war 1999, fast siebzig Jahre nach seiner Erbauung 1933, eine umfassende
Reparatur bzw. Instandsetzung notwendig. Diese Maßnahme wurde im Jahr 2001 fertig gestellt
(Abb. 15/16/17).
Abb.15: Löbau, Haus Schminke,
Abb.16: Löbau, Haus Schminke,
Abb.17: Löbau, Haus Schminke,
erbaut 1933, Hans Scharoun,
erbaut 1933, Hans Scharoun,
erbaut 1933, Hans Scharoun,
Terrassenbau nach Fertigstellung,
Terrassenbau vor der
Terrassenbau nach der
Aufnahme Alice Kerling 1933
Instandsetzung, Aufnahme 1999
Instandsetzung, Aufnahme 2001
Viele Gebäude der klassischen Moderne wurden unter ökonomischem Druck oder aus
mangelnder Sachkenntnis in ihrer Bausubstanz so weit verändert, dass der Status dieser
Bauten als Geschichtsdokument zur Disposition steht.
Dieser Haltung entgegengesetzt soll das Haus Schminke als Beispiel einer behutsamen und
originalgetreuen Restaurierung erörtert werden. Thematisiert werden die Instandsetzungen der
Inneren Räumlichkeiten, des Außenputzes sowie der bauklimatischen und technischen
Ausstattung des Objektes.
16
6.2
Rohbau
Das Gebäude wurde in Stahlskelettbauweise errichtet (Abb.18). Die Flächen zwischen den
Stahlstützen wurden mit Klinker ausgemauert. Einige Stellen wurden in gelbem Sichtmauerwerk
ausgeführt, z.B. am Sockel und am Kamin.
Für die Deckenkonstruktion wurden zwischen die Eisenträger Bimsdielen eingelegt. Deren
statische, bauklimatische und ökonomische Eigenschaften ermöglichten die gestalterisch
wichtige Decke mit seinen Terrassenauskragungen und das Flachdach.
Abb.18: Löbau, Haus
Schminke, erbaut 1933,
Hans Scharoun, Baustelle
Oktober 1932
6.3
Ausbau
Die Architektur der klassischen Moderne ist eine Entsprechung der Industrialisierung und des
technischen Standes der Entstehungszeit. Auch die Ausbauelemente von Haus Schminke
wurden aus Halbzeugen mit hohem industriellen Vorfertigungsgrad hergestellt und vor Ort
verarbeitet. Bis zu diesem Zeitpunkt nicht bekannte Baustoffe wurden ebenfalls eingesetzt.
Die Innenräume wurden von Scharoun ganzheitlich geplant. Ungewohnte Raumformen
erhielten dafür gefertigte individuelle Einrichtungen wie Beleuchtungskörper und Möbel.
Im Wohnbereich erkennbar ist beispielsweise das Sofa, von Scharoun selbst für diesen Raum
entworfen und gefertigt aus industriell hergestellten besonderen Stoffen (Abb.19). Des Weiteren
wurden Experimente mit künstlichem und natürlichem Licht eingegangen. Die Gestelle der
Leuchtmittel wurden aus vorgefertigten Röhren nach individuellen Vorgaben des Architekten
ausgeführt. Im Wintergarten kamen mit Säure geätzte Gläser zum Einsatz.
17
Abb.19: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933, Hans Scharoun, Wohnraum, Aufnahme Alice Kerling 1933
Der Einsatz der verschiedenen Industrieprodukte erfolgte bei gestalterischen Details sehr
differenziert. Am Beispiel der Deckengestaltung über dem Kamin kann die Verwendung
spezieller Blasentapeten, auch Salupratapeten genannt, zur Akzentuierung des
ausgeleuchteten Deckenabschnittes mit einer dafür konstruierten Blende über dem Stuhl
nachvollzogen werden (Abb.20). An der Blende konnten Vorhänge angebracht werden, die
auch in anderen Zimmern des Hauses als Raumteiler eingesetzt wurden.
Abb.20: Löbau, Haus
Schminke, erbaut 1933, Hans
Scharoun, Deckengestaltung,
Aufnahme Alice Kerling 1933
18
Der Umgang mit zur Erbauungszeit des Gebäudes neuen Materialien lässt sich auch am
Hauseingang belegen (Abb.21/22). Zur Verwendung kamen an verschiedenen Stellen im
Gebäude „Rohalit“-Glasbausteine, welche die Decken des Gebäudes durchsichtig erscheinen
lassen sollten. Die Glasflächen rechts und links der Eingangstür wurden mit speziellem
Drahtglas versehen.
Abb.21: Löbau, Haus Schminke, 1933, Hans Scharoun,
Abb.22: Löbau, Haus Schminke, 1933, Hans Scharoun,
Haupteingang von Südwesten, Aufnahme Alice Kerling 1933 Haupteingang von Südwesten, Aufnahme 2001
19
6.4
spezielle denkmalpflegerische Anforderungen
Spezielle Anforderungen an die Erhaltung, Sanierung und Instandsetzung von Bauten der
klassischen Moderne ergeben sich im Erkunden des Veränderten, Verlorenen und dem
Verstehen der mechanischen und physikalischen Zusammenhänge aller Teile.
Je nach Objekt unterscheidet sich die „Befundlage“ der Informationen und der Dokumentation
des Gebäudes. Das gilt vom Bau mit allen Änderungen über die Fertigstellung hin bis zu allen
Modifikationen und Reparaturen die bisher durchgeführt worden sind. In Abb.21 und Abb.22
wird das Hauptproblem der Informationslage über das Haus Schminke deutlich. Vom Zustand
des Objektes 1933 direkt nach Erbauung existiert eine umfassende Photodokumentation von
der Photographin Alice Kerling. Von den unterschiedlichen Schwarz- und Grautönen der
Aufnahmen lassen sich in Anbetracht der bis dahin unbekannten Vielfalt aller technischen
Ausstattungselemente nur schwer Rückschlüsse über den tatsächlichen Farbton treffen. Die
dafür notwendige Kenntnis über die genaue Beschaffenheit des zum Bau verwendeten
Materials ist in vielen Fällen nicht zu erlangen. Herstellerfirmen sind verschwunden, Sortimente
wurden geändert, und der damalige technische Standard entspricht nicht mehr der Norm heute.
Erschwerend für die Informationsaufarbeitung wirkt sich der Planungsstil Scharouns aus, für
den gestalterische Lösungen nie endgültig waren. Im Gegenteil, er suchte die bestmögliche
Lösung bis zuletzt. Entsprechend schwer zu ordnen und zu bestimmen ist, welche der vielen
zeichnerisch und im Briefverkehr mit Herrn Schminke festgehaltenen Varianten tatsächlich zur
Ausführung kamen. Speziell wenn im Gebäude selbst keine Spuren der Originalfassung mehr
vorhanden sind.
Zur „Fassungsfrage“ am Haus Schminke ließ sich feststellen: der Zustand der Innenräume ist
fragmentarisch, es sind wesentliche Komponenten des Hauses nur noch ansatzweise nachvollziehbar. Die ganzheitlich geplante Einheit der Räume mit der Ausstattung ist nicht mehr
erlebbar. Im Gegensatz dazu ist die durchgestaltete Form des Gebäudes von aussen noch
immer nachvollziehbar. Das Gebäude wurde allerdings seit seiner Vollendung 1933 nicht
baulich verändert. Es wurde am Gebäude selbst kein Teil abgerissen beziehungsweise
angebaut. „In Löbau ging es, mit wenigen Ausnahmen, nicht um die Erhaltungswürdigkeit
späterer Zutaten, sondern um die Bewertung von Alterungsspuren und Verlusten.“14 Das
denkmalpflegerische Thema war daher die Erhaltung und die möglichst schonende Reparatur
des Bestandes sowie der Umgang mit Alterungsspuren und Verlusten im Verhältnis zur
ursprünglichen Aussage des Hauses unter Berücksichtigung der heutigen Funktion als
Freizeitheim. Die Frage war: „Wie viel Scharoun und Schminke konnte, durfte und musste im
heutigen Freizeitzentrum bewahrt werden?“14
14
Rosner (2002), S. 112/118
20
6.5
Beispiel der Instandsetzung der Innenausstattung
Die Innenausstattung des Gebäudes im Sinne der eigentlichen Nutzung als Fabrikantenvilla
und Landhaus ist bis auf fest eingebaute Möbel, wie Schränke in Keller, Halle, Kinderzimmer,
Küche, Flur, Eltern- und Kinderschlafzimmer, verloren. Bauzeitliche Sichtflächen sind innen nur
an einigen holzsichtigen Ausstattungsteilen erhalten, alle anderen Oberflächen wurden
mehrfach überarbeitet oder ausgetauscht (Abb.26/27 Schränke im Flur des Obergeschoss).
Viele Industrieprodukte der damaligen Zeit sind nicht mehr ersetzbar. Beispielhaft ist die oben
genannte Blasen- oder Salupratapete (Abb.23).
Abb.23: Löbau, Haus
Schminke, erbaut 1933,
Hans Scharoun, Fragment
der bauzeitlichen Blasenbzw. Noppentapete an der
rechten Wange am
ehemaligen Bücherregal im
Wohnzimmer links vorm
Zugang
Salupratapeten, seit dem 19. Jahrhundert bis ca. 1940 in Neubauten verwendet, sind Prägetapeten aus Papiermaché mit Leimbindungen und einer Schichtdicke von 1- 2 mm, je nach
Oberflächenprägung. Diese Tapeten verlangen nach sorgfältiger Verarbeitung. Auf Photos
direkt nach der Erbauungszeit ist zu erkennen, dass die Salupratapeten, die mit ihrer
differenzierten Oberflächenbeschaffenheit Beleuchtungseffekte erst voll zur Geltung bringen
sollten, gestalterischer Schwachpunkt sind (Abb.24). Die Stoßkanten wurden nicht sauber
verklebt, und von Anfang an lag keine ausreichende Haftung zwischen Tapete und Wand vor
(Abb.23). Die Tapete als Farbträger ist bei späteren Renovierungen entfernt wurden. Die
Originalfassung des Gebäudes ist an diesem Punkt verloren gegangen. Photos und Briefverkehr lassen nicht erkennen, welcher Tapetentyp in welcher Kombination benutzt wurde
(Abb.24). Wie jedoch in Abb.24 auch erkennbar ist, konnte der Originalfußboden, der sich
formal an einer Schiffsbeplankung orientierte, rekonstruiert werden. Das Muster dafür war an
einer Stelle unter dem Einbauschrank zwischen Kinderspielecke und Windfang noch
vorhanden. In der übrigen Halle war zwischenzeitlich ein anderer Parkettboden verlegt worden.
21
Abb.24: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933, Hans
Abb.25: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933, Hans
Scharoun, Wohnhalle mit Kinderspielzimmer und Diele
Scharoun, Wohnhalle mit Kinderspielzimmer und Diele
zum Haupteingang, Aufnahme Alice Kerling 1933
zum Haupteingang, Aufnahme 2001
Ein weiteres Beispiel ist der Schrankflur im Obergeschoss (Abb.26/27). Die photographische
Dokumentation von 1933 lässt Farbabstufungen erkennen. In Kostenvoranschlägen findet sich
der Hinweis, die Decken „zwei Mal mit Faseritlack schwarz zu streichen und mit weißen Linien
zur Hälfte kassettenartig zu teilen.“15 Damit wird jedoch nur die generelle Farbgebung und
Dekoration genannt.
Faserit, eine Emulsion aus Kasein, Terpentinharz, Wachs und Naturharzen, konnte je nach
Zusammensetzung matt bis leicht glänzend eingestellt werden. Die genaue Zusammensetzung
des damals verwendeten Materials ist heute unbekannt.
15
Reichwald (2002), S. 138
22
Abb.26: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933, Hans
Abb.27: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933, Hans
Scharoun, Schränke im Flur des Obergeschoss,
Scharoun, Schränke im Flur des Obergeschoss, Aufnahme
Aufnahme Alice Kerling 1933
2001
Aufgrund dieser mangelhaften Befundlage ist eine originalgetreue Rekonstruktion nicht mehr
möglich. Materialien und Farbtöne wurden von Scharoun für jeden Raum unterschiedlich variiert
und für jedes Detail unterschiedlich angewandt. Farben sind nur noch grob nachmischbar und
nicht original mischbar, da die sie tragenden Oberflächen verschwunden sind. Die darauf
abgestimmten Leuchtmittel, aus individuellen und industriellen gefertigten Halbzeugen, sind
ebenfalls nicht mehr vorhanden (Abb.24).
Mit dieser Befundlage wäre im Falle einer originalgetreuen Rekonstruktion nur eine atmosphärische Annäherung an das ursprüngliche Raumerlebnis herstellbar. Diese hätte allerdings
automatisch eine vollständig andere architektonische und gestalterische Aussage als das
aufeinander abgestimmte und ganzheitlich geplante Werk Scharouns. Außerdem wäre die
totale Wiederherstellung der Fabrikantenvilla nicht im Sinne der heutigen Nutzung als Begegnungszentrum, welchem die individuell gefertigten Möbel Scharouns nicht gerecht werden
würden. Im Sinne der Charta von Venedig wird der Erhalt eines Denkmals durch eine der
Gesellschaft nützliche Funktion begünstigt, die sich der Struktur und Gestalt des Denkmals
anpasst. In diesem Zusammenhang ist absolute Stileinheit kein Restaurierungsziel. Die
späteren Veränderungen können als Stileinfluss einer anderen Epoche durchaus respektiert
werden, wenn dies in Zusammenhang mit einer genauen Dokumentation und Erforschung des
Denkmals einhergeht.
23
Daher entschied man sich nach einer umfassenden Analyse der Farbschichten in allen Räumen
dafür, diese mit glatten Tapeten, gestrichen in einem gebrochenen Weißton, zu überdecken
(Abb.30).
Abb.28: Löbau, Haus
Schminke, erbaut 1933, Hans
Scharoun, Befundstelle Halle
1999
Die Einrichtung sowie Beleuchtung wurde gestalterisch zurückgenommen und erfüllt die funktionellen Anforderungen an ein Freizeitheim. In diesem Zusammenhang fiel die Entscheidung,
den bauzeitlichen Gummibelag des Fußbodens im Obergeschoss, welcher „spröde geworden
und heillos verklebt.“16 war, nicht zu rekonstruieren (Abb.26/27). Der bauliche Zustand wurde
dokumentiert. Für den heutigen Gebrauch und zum Schutz des Gummibelages wurde graues
Linoleum lose darüber verlegt. Auch die anderen bauzeitlichen Bodenbeläge mit Ausnahme des
Marmorbodens im Wintergarten und des Terrazzobelages in den Wirtschafts-räumen sind
verloren. Die originale Bausubstanz des Fußbodens im Obergeschoss wird jedoch erhalten und
geschützt und ist je nach späterer Auffassung wieder herstellbar.
16
Hoh-Slodczyk, Kluge, Pitz (2002), S. 175
24
Die Raumkomposition des Haus Schminke wird so in einer zurückhaltenden Ausstattung
erlebbar. Die erhaltenen Einrichtungsstücke akzentuieren das Gebäude. Scharoun soll weder
„imitiert“ werden, noch soll eine vollkommen neue zeitgemäße Farbkonzeption eine Abkehr vom
Raumbild der dreißiger Jahre einleiten. Auf die Wiederherstellung des Landhauses bzw. der
Fabrikantenvilla mit nachempfundenem Mobiliar wurde auch zu Gunsten der gewünschten
Mehrzwecknutzung als Freizeitheim verzichtet. Das Haus Schminke wurde somit innen nicht
komplett rekonstruiert.
6.6
Beispiel der Instandsetzung des Aussenputzes
Die Oberflächen des Putzes waren zur Entstehungszeit des Objektes weiß. Der hydraulische
Mörtel ist ein in seiner gesamten Schichtdicke gleichmäßig durchfärbter Edelputz. Werkseits
wurden in diesen Mörtel mit gleichmäßiger Korngrößenverteilung Zuschlagstoffe aus Kalkstein
und Glimmerzusätze beigemengt. Nach dem Auftragen wurde er mit einem Brett abgerieben,
um seine Oberfläche aufzurauen. Die sich ergebende einheitlich aufgeraute Oberfläche blieb
als Kratzputz ohne weitere Farbbehandlung als Gestaltungselement der Fassaden stehen.
Die in sich geschlossenen Mörtelflächen haben eine gute Anbindung zum Untergrund, nur
punktuell waren Hohlstellen festzustellen. Der Mörtel ist in sich stabil, und die Oberflächen
zeigen nur geringe Abrieberscheinungen. Durch starke Bewitterung bzw. undichte Fallrohre und
der damit verbundenen Durchfeuchtung gab es größere Verluste, die hauptsächlich die
Schürzen an den Terrassen, die rechte Fassadenfläche am Eingangsbereich und die Rückfront
am Küchentrakt betrafen (Abb.29).
Abb.29: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933, Hans
Scharoun, Fassadenschäden an der Rückfront des
Küchentraktes, Aufnahme 1999
25
Auf den Oberflächen hat sich eine gleichmäßige Schmutzschicht abgelagert. Optisch ergab dies
eine graubraune Farbwirkung. Die Schmutzablagerungen waren teilweise in die feinteilige
Mörtelstruktur eingedrungen und haben sich fest mit dem Untergrund verbunden. Eine Rückführung auf die noch vorhandene Oberfläche des weiß durchfärbten Mörtels wäre ohne
Substanzverlust nicht möglich gewesen. Notwendig war die Wahl eines geeigneten Reinigungsverfahrens. Versuche wurden mit dem wish-ab-Granulat ausgeführt, welches die
Oberfläche aufgehellt hatte, jedoch kein besseres Ergebnis brachte. Gewählt wurde letztlich
das „Joos-Verfahren“ (Abb.30).
Abb.30: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933,
Hans Scharoun, Arbeitsprobe mit JoosVerfahren zur Abnahme der
Oberflächenverschmutz-ung an dem
Fassadenbereich rechts vorm Kamin,
Aufnahme 2000
Dabei werden verschiedene feinteilige Sand- und Pulvermischungen (Quarz, Marmor) mit
geringem Druck von einer speziellen Düsenpistole auf die Oberflächen verteilt, wobei bei einer
sachgemäßen Anwendung ein Abrieb der verkrusteten Ablagerungen bewirkt wird. Die Reinigung der Vertiefungen des Putzes wird nicht erreicht. Die Anwendung erfolgt ohne chemische
Zusätze im Trockenverfahren. Im Falle eines Versuches, die zwischen der Körnung liegenden,
versinterten Oberflächen des Bindemittels abzutragen, würde man zweierlei erreichen: eine
weiße Oberfläche, die optisch dem ehemaligen Originalputz entspricht, jedoch zu einer
Zerstörung des Materialgefüges führt. Der Putz würde über eine längere Zeit kontinuierlich
abwittern, die Fassade würde zerstört werden.
Nach Untersuchung, Bestandsaufnahme und Beprobung vor Ort sind die Putzbereiche festgelegt worden, die auf Grund ihrer Zerstörung nicht mehr reparaturfähig waren. Durch exaktes
Ausschneiden der zerstörten Zonen war es möglich, den Untergrund für die „Versatzstücke“
eines nachgestellten Mörtels vorzubereiten. Als Grundmaterial dafür diente eine vergleichbare
Mörtelmischung. Durch Beimengung von farbigen Sanden, Schiefermehl und einem geringen
Pigmentanteil konnte eine Farbigkeit entsprechend dem gealterten und nicht mehr weißen
Originalmörtel erreicht werden (Abb.31). Weitere Farbkorrekturen wurden durch ungebundene
Farblasuren zur jeweiligen Umgebung der gereinigten Oberfläche erreicht.
26
Abb.31: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933, Hans
Scharoun, Mörtelkittung, Aufnahme 2000
Die ursprüngliche gestalterische Aussage der Fassadenaussenhaut konnte somit aufgrund der
vorhandenen reparaturfähigen Originalfassung wieder hergestellt werden. Die durchdachte
Originalform des Gebäudes mit seiner homogenen Schale ist wieder erlebbar. Die Fassade
wurde repariert und dokumentiert. Das bauzeitliche Weiß des Hauses jedoch war nicht wieder
zu gewinnen ohne die gesunde Struktur des Putzes zu schädigen.
6.7
Bauklimatik und Technische Ausstattung
Alle historischen Bauwerke, unabhängig von Alter und Baustil, sind in bauklimatischer Hinsicht
unter Umständen problematisch. So entspricht der vorhandene bauliche Wärmeschutz nicht
den Anforderungen an den heutigen Mindestwärmeschutz. Die Nachbesserung des baulichen
Wärmeschutzes ist aus denkmalpflegerischen und konstruktiven Gründen nicht oder nur
bedingt möglich. Für Bauten der Moderne charakteristische Konstruktionslösungen können
jedoch zu besonderen Umständen führen. So existieren große Fensterflächen, ausgeführt in
Einfachverglasung und einfachem Metallrahmen mit ausgeprägten Fensteröffnungsmöglichkeiten, z.B. Wintergärten. Der Baukörper ist stark, mit Auskragungen (Flach- bzw. Warmdach
einschließlich Terrassendach) und dadurch geometrisch bedingten Wärmebrücken, gegliedert.
Verschiedene Materialien in bis dahin nicht gekannter Vielfalt treffen aufeinander, unterschiedliche neue Konstruktionen werden erprobt und miteinander kombiniert. Es können stofflich
bedingte Wärmebrücken entstehen.
Im Zuge einer Instandsetzung eines Gebäudes der klassischen Moderne müssen klimabedingte
Schäden unbedingt vermieden werden. Daher werden die wesentlichen Komponenten wie
27
Wärmeschutz, Heizung, Lüftung und Nutzung ganzheitlich betrachtet, in Abstimmung auf die
bauklimatischen Grundvoraussetzungen des Gebäudes im Einzelfall.
Die gebäudetechnische und bauklimatische Bestandserfassung am Haus Schminke ergab eine
ständig wirksame Grundlüftung durch Fenster- und Fugenlüftung. Möglichkeiten für eine
Stoßlüftung waren auch gegeben. Also wurde ständig die Raumfeuchtigkeit abgeführt, die
Taupunkttemperatur verringert und damit die Kondensationsgefahr im Raum minimiert. Die
Heizung des Gebäudes erfolgte ursprünglich durch eine Schwerkraftheizung mit zwei Kohlekesseln zur Gebäudebeheizung und einem Kessel zur Warmwasserheizung. Die Kessel sind
nicht mehr vorhanden. Erhalten sind jedoch die meisten gusseisernen Rippenheizkörper in ihrer
ursprünglichen Anordnung und die Fußbodenheizung im Wintergarten, sowie den dazu
gehörigen Rohrleitungen und Heizkörperventile in den Haupträumen des Hauses (Abb.32/33).
Des Weiteren sind erhalten der Kesselraum und die Schornsteinanlage, sowie die Verteilungsleitungen einschließlich der Absperrschieber im Kellergeschoss (Abb.34).
Die ursprüngliche Koksheizung wurde auf Gas umgestellt, so dass ein Gaskessel installiert
wurde. Die Heizkörper „konnten aufgearbeitet werden, nachdem eine [Druck-] Prüfung ihre
Tauglichkeit bestätigt hatte. Sie wurden mit Naturharzöllack im ursprünglichen Weißton
gestrichen.“17
Abb.32: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933, Hans Scharoun, EG mit Heizkörpern, (genordet, maßstabslos)
1 Essbereich; 2 Kinderspielecke; 3 Sitzbereich Wohnraum; 4 Musikbereich Wohnraum; 5 Sitzbereich im
Wintergarten: 5a Heizkörper, 5b Fußodenheizung; 6 Wärmezuführung um das Wasserbecken im Wintergarten
17
Hoh-Slodczyk, Kluge, Pitz (2002), S. 175
28
Abb.33: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933, Hans
Abb.34: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933, Hans Scharoun,
Scharoun, Thermostat Heizkörper, Aufnahme
Absperrschieber der Verteilungsleitung im Kellergeschoss
Andreas Schwarting
Gerade das Haus Schminke kann in der Ganzheitlichkeit und Durchdachtheit der Haustechnik
auch als Technisches Denkmal, zumindest als Demonstration des technisch machbaren der
Erbauungszeit, betrachtet werden. Die Heizungskonzeption war Bestandteil der Raumgestaltung und beeinflusst die Erscheinung der Räume mit. Sichtbar sind Heizkörper,
Zuleitungen und Ventile. Der Einsatz der Fußbodenheizung im Wintergarten bedingte den
Einsatz von Gitterrosten im Wintergarten, auf welchem Freischwinger angeordnet wurden
anstatt Stühle mit Beinen.
Der zweite wesentliche Aspekt ist die Durchdachtheit des Heizkonzepts nach dem Stand der
Technik zur Erbauungszeit. Gerade wenn man zugrunde legt, dass damalige Behaglichkeitsanforderungen an Gebäude nicht mal den heutigen Mindestanforderungen an die raumseitige
Oberflächentemperatur entsprachen, wirken viele technische Details auch noch aus heutiger
Sicht überzeugend. So waren Heizkörper stets unter Fenstern angebracht, um deren
Kälteabstrahlung zu kompensieren (Abb.26/35).
Abb.35: Löbau, Haus Schminke, erbaut 1933, Hans Scharoun,
Innenansicht auf ein Kinderzimmer, Aufnahme Alice Kerling
1933
29
Die Fensterflächen als „klimatische Sollbruchstelle“ waren die kältesten raumseitigen Oberflächen. Wasser konnte daher nur dort kondensieren und wurde in Sammelrinnen abgeführt. In
erster Linie sicherten also bauklimatische Mittel das Funktionieren des Gebäudes. Raumseitig
gibt es keine sichtbaren Mängel wie Kondensationsfeuchten an der Wand oder Schimmelpilzbefall.
Das Zusammenwirken dieser Aspekte zu einem reibungslosen Funktionieren der Heiztechnik
im Haus Schminke erfüllt im Wesentlichen die heutigen Anforderungen an das Gebäude als
Freizeitheim. Technologische Nachrüstungen auf den heutigen Stand der Zeit würden nicht nur
gegen Grundsätze der Charta von Venedig im Umgang mit historischen Bauten verstoßen.
Auch würde beispielsweise der Wechsel auf eine moderne Zweischeibenisolierverglasung den
Taupunkt an andere Stellen im Raum verlagern. Der gestalterische Bruch mit der Lösung
Scharouns an dieser Stelle müsste weiter geführt werden, in die Konstruktion von Wand und
Decke müsste eingegriffen werden, die letzte Konsequenz wäre eine neue Fassadenverkleidung, der erhaltungsfähige Originalputz müsste weichen. Die konstruktiven Folgen eines
solchen Umgangs mit dem Haus wären weitreichend.
6.8
Resümee: Haus Schminke als Beispiel einer behutsamen Instandsetzung
In der aktuellen Diskussion um die Reparaturfähigkeit der Moderne ist das Haus Schminke,
maßgeblich gefördert durch die Wüstenrot Stiftung, ein Beispiel behutsamer Instandsetzung
und Substanzbewahrung. Der gesamte konstruktive Aufbau sowie alle prägenden Bauelemente
konnten bewahrt werden. Damit unterscheidet sich die Behandlung von Haus Schminke in der
Herangehensweise von anderen Sanierungen des neuen Bauens, wie der Weißenhofsiedlung.
Dort existieren heute weniger als 50% der gesamten ehemals vorhandenen Bausubstanz und
nur noch 5% des originalen Außenputzes, der Fenster und Bodenbeläge. Unabhängig vom
eigenen Standpunkt zur These von der Unfähigkeit der Moderne zu altern, ist entscheidend, am
konkreten Gebäude und Bauteil konservatorische und rekonstruierende sowie gestaltende
Maßnahmen angemessen zu gewichten.
„Ausgangspunkt der Sanierung war einerseits ein vernachlässigtes, aber authentisches Dokument der Baukultur um 1930, andererseits ein in seiner künstlerischen Aussage reduziertes
Monument des neuen Bauens. Die Instandsetzung hat den hohen dokumentarischen Rang des
Gebäudes durch gezielte Reparatur bewahrt, darüber hinaus aber auch Qualitäten, die durch
Verschleiß, unkontrollierte Alterung oder geänderte Details verdeckt waren, wieder sichtbar
gemacht. […] Die künstlerische Bedeutung, soweit sie in der Einheit von Ausstattung und
Raumanlage sowie von Haus und Garten bestand, war glaubwürdig im Ganzen nicht wieder zu
gewinnen, sondern nur punktuell zu verdeutlichen. In erster Linie sind hierfür mangelnde
30
restauratorische Befunde, vor allem aber die veränderte Nutzung verantwortlich.“18 Im Sinne der
Regeln der Charta von Venedig aus dem Jahre 1964, wonach der Erhalt eines Denkmals
begünstigt wird durch eine der Gesellschaft nützliche Funktion, die sich der Struktur und Gestalt
des Denkmals anpasst, ist nicht zuletzt auf die geänderte Nutzung als Freizeitheim Rücksicht
genommen und wurde weiter geführt. Diese Funktion beherbergt das Haus Schminke seit 1945
und wurde ausdrücklich von Nachkommen der Familie gewünscht. In diesem Zusammenhang
kann eine vollständige Stileinheit des Gebäudes wie zur Erbauungszeit kein Ziel der Instandsetzung sein. Stileinflüsse folgender Jahrzehnte, in denen das Haus bereits als Freizeitheim
genutzt wurde, werden respektiert. Im Gegensatz zur Behandlung anderer Beispiele der
klassischen Moderne ermöglicht die ausführliche Dokumentation und der Schutz der noch
vorhandenen Bausubstanz eine mögliche spätere Wiederherstellung einer bestimmten
Fassung. Möglicherweise ändern sich die technischen Möglichkeiten der Analyse der SchwarzWeiß-Aufnahmen von Alice Kerling aus dem Jahre 1933, und in Zusammenhang mit neuen
Forschungsergebnissen über die am Gebäude verwendeten Materialien scheint die Wiederherstellung einer bestimmten Fassung des Objektes realisierbar. Die Instandsetzung des Haus
Schminke schafft damit die Möglichkeit für eine weitere denkmalpflegerische Auseinandersetzung mit dem Gebäude in Zukunft.
18
Rosner (2002), S. 117/118
31
7
Zusammenfassung
Die Architekten der Moderne charakterisierten in ihren Bauten den Bruch mit dem Historismus
und leugneten stets die eigene Geschichtlichkeit. Gerade deswegen ist die auf Denkmäler
gestützte Erinnerung an ihre vergangenen Kämpfe, an ihre Erfolge und auch an das Scheitern
einiger Zielstellungen sehr bedeutsam. Dabei geht es nicht nur um Fragen der Technik und
Form, sondern auch um die Erhaltung der unterschiedlichen weltanschaulichen Grundlagen,
sowie den vergangenen politischen Vorstellungen und Absichten.
Leider zeigt der frühere Umgang mit den Bauten der Moderne einen erschreckenden Verlust
der originalen Bausubstanz. Der ökonomisch motivierte Anspruch nach einem zeitgemäßen
Erscheinungsbild, gepaart mit erhöhten Nutzungsanforderungen, hat in vielen Fällen zu einer
vollständigen Rekonstruktion oder bis hin zum Abriss geführt. Das eigentliche Ziel der Denkmalpflege, die Weiternutzung der Bauten mit Erhaltung der originalen Substanz zu verbinden, ist in
den seltensten Fällen erreicht worden.
Heutzutage werden denkmalpflegerische Maßnahmen nicht nur als Rekonstruktion und
schöpferisches Nachempfinden begriffen, sondern sie wissen auch gealterte Oberflächen,
Veränderungen und einen geringeren Gebrauchswert zu akzeptieren. Man hat erkannt, dass es
ohne denkmalpflegerische Forderungen bald keine authentischen Sachzeugen, sondern nur
noch originalähnliche Rekonstruktionen, geben wird.
„Es spricht nichts dagegen, Denkmäler der Moderne wie die Denkmäler aller anderen Perioden
unserer Geschichte zu erforschen, zu schützen und zu pflegen, die Alterungsprozesse zu
kontrollieren, zu steuern und zu verlangsamen, Schäden zu reparieren, wenn notwendig
angemessene neue Nutzungen zu finden und dafür gegebenenfalls Veränderungen an den
Denkmälern vorzunehmen.“19
19
Grunsky (1998), S. 35
32
8
Abbildungsnachweis
Abb.1: Neumeyer (1998), Titelbild
Abb.2: Hoh-Slodczyk (2000), Titelbild
Abb.3: Hoh-Slodczyk (2000), S.50
Abb.4: Markgraf (1999), S.9
Abb.5: Markgraf (1999), S.9
Abb.6: Markgraf (1999), S.9
Abb.7: Kuipers (1998), S.174
Abb.8: Schwarting (2006), Lehrstuhlsammlung
Abb.9: Schmidt (1998), Abb.3, S.40
Abb.10: Schmidt (1998), Abb.10, S.44
Abb.11: Schmidt (1998), Abb.11, S.44
Abb.12: Nägele (1992), S.93
Abb.13: Nägele (1992), S.124
Abb.14: Hoh-Slodczyk (2002), S.76
Abb.15: Hoh-Slodczyk (2002), S.86
Abb.16: Reichwald (2002), S.154
Abb.17: Sohr (2002), S.99
Abb.18: Kürvers (2002), S.56
Abb.19: Hoh-Slodczyk (2002), S.80
Abb.20: Hoh-Slodczyk (2002), S.71
Abb.21: Hoh-Slodczyk (2002), S.84
Abb.22: Sohr (2002), S.103
Abb.23: Reichwald (2002), S.139
Abb.24: Hoh-Slodczyk (2002), S.82
Abb.25: Sohr (2002), S.105
Abb.26: Hoh-Slodczyk (2002), S.82
Abb.27: Burkhardt (2002), S.61
Abb.28: Reichwald (2002), S.149
Abb.29: Graupner, Lobers (2002), S.136
Abb.30: Reichwald (2002), S.144
Abb.31: Reichwald (2002), S.145
Abb.32: Graupner, Lobers (2002), S.124
Abb.33: Schwarting (2006), Lehrstuhlsammlung
Abb.34: Graupner, Lobers (2002), S.134
Abb.35: Graupner, Lobers (2002), S.126
33
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