ADHS und Depression Text: Beatrix von Kalben (Sendung im WDR 2007) Stand vom 5. Mai 2010 Um 8.00 Uhr morgens macht sich Ralf (Name von der Redaktion geändert) auf den Weg zur Bushaltestelle. Seit zwei Wochen besucht der 12-Jährige wieder zwei Stunden am Tag eine private Schule in Aachen. Ralf hat ADHS, das heißt Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Das wichtigste Symptom bei ADHS ist die Aufmerksamkeitsstörung. Ralf ist unkonzentriert, unaufmerksam und hyperaktiv. Er hat einen übersteigerten Bewegungsdrang, steht zum Beispiel im Unterricht auf und läuft umher. Er ist häufig sehr impulsiv, platzt mitten im Gespräch anderer mit etwas herein oder zeigt im Unterricht nicht auf, sondern gibt direkt eine Antwort. Zuvor besuchte Ralf aufgrund dieser Störung eine Sonderschule, obwohl er sehr intelligent ist. Seine Eltern wollen ihn so fördern, dass er trotz der Krankheit eine Ausbildung schafft, einen Beruf erlernt. Nach dem Schulwechsel auf die private Amos-Comenius-Schule, welche die Eltern im Monat 400 Euro kostete und die sich die individuelle Förderung von Kindern auf die Fahnen geschrieben hat, wurde Ralfs Verhalten gegenüber Lehrern und Mitschülern jedoch schlimmer. Er war sehr aggressiv und verweigerte den Schulbesuch. Auf Anraten der Schulleitung ließen sich die Eltern in der Kinderund Jugendpsychiatrie der Uniklinik Aachen einen Termin geben. Ralf verbrachte daraufhin sechs Wochen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. In Folge der ADHS trat bei Ralf eine weitere Störung auf: eine kindliche Depression. Sein Umfeld reagiert darauf mit negativen Rückmeldungen. Er eckt an und hat das Gefühl, dass er eigentlich immer nur stört. Sein Psychiater Dr. Kristian Holtkamp von der Kinder- und Jugendpsychiatrie erklärt, dass Ralfs Depressionen sich in einem sehr gereizten Verhalten zeigen, denn depressive Kinder sitzen nicht unbeteiligt in der Ecke, ganz im Gegenteil, sind sie noch unruhiger. Ralf ist leicht zu kränken. Ralfs Mutter sagt: „Wenn die Nachbarskinder sagen, dass wir in Billigläden kaufen würden, dass er doof sei, asozial und solche Sachen, dann flippt er aus. Und wenn Ralf ausflippt, dann wirft er ihnen Steine nach und dann kommen böse Worte.“ Dadurch grenzt sich das Kind noch mehr aus: ein Teufelskreis. Klinikaufenthalt In der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Aachen wurde Ralf multimodal behandelt. Er wurde medikamentös eingestellt und bekommt Methylphenidat (Handelsname u.a. Ritalin) und Risperidon (Handelsname u.a. Risperdal) gegen seine Impulsivität. Danach setzte die psychotherapeutische Behandlung ein, die auch die Eltern einschließt. Des Weiteren wurde der belgische Jugendhilfedienst eingeschaltet, da die Eltern im belgischen Grenzland wohnen. Der Jugendhilfedienst stellt für Ralf einen Betreuer zur Verfügung, der den Jungen in den Unterricht begleitet und ihm direkt vor Ort erklärt, wie er sein Verhalten ändern kann. Diese weitere pädagogische Maßnahme wird von der Schule mitgetragen, da Ralf im Augenblick die Grenzen des Ertragbaren erreicht hat. Seite 1 von 5 Der Betreuer soll Ralf helfen, nicht weiter Lehrer zu beschimpfen, den Unterricht zu verlassen oder sich mit anderen Kindern zu prügeln. Denn auch nach dem Klinikaufenthalt klappt es mit dem Sozialverhalten in der Schule überhaupt nicht. Der Betreuer soll alle Maßnahmen der Beteiligten – Eltern, Schule, Klinik – vernetzen. Wenn alle Institutionen am gleichen Strang ziehen, wird es Ralf leichter fallen, sich anders zu verhalten. Mit dem Betreuer erarbeitet Ralf einen Plan für neue Verhaltensweisen, beispielsweise sich im Unterricht zu melden, keine Kreide zu schmeißen, keine Schimpfwörter zu benutzen und so weiter. Zur Unterstützung besucht er nach der Schule derzeit noch die Tagesklinik in Aachen. Ralfs größter Wunsch ist es, wieder normal zur Schule zu gehen. Das klingt paradox, da er im Augenblick alles tut, damit er von der Schule fliegt. Eine Erklärung liefert Kristian Holtkamp: „Die Kinder mit ADHS sind ja nicht per se böse oder nicht interessiert gut in der Schule klar zu kommen, ganz im Gegenteil: Sie leiden darunter, dass sie nicht klar kommen. Sie haben sehr wohl den Wunsch, dass es wieder besser wird. Das ist eben das Problem der Erkrankung, dass sie es nicht so leicht verändern können und dabei brauchen sie Hilfe.“ Und um diese Hilfe bitten auch die Eltern von Ralf, denen häufig Erziehungsfehler vorgeworfen werden. Ralfs Mutter wünscht sich eine staatliche Schule, die ADHS-Kinder fördert und bittet: „Nachbarn und Bekannte können uns dadurch helfen, indem sie sich selbst über ADHS informieren und ihren Kindern die Krankheit erklären, damit die Kinder ihn nicht provozieren und uns keine Vorwürfe machen, weil er ist wie er ist.“ Fragen an den Kinderpsychiater Dr. Kristian Holtkamp: Wann ist ein Arztbesuch angebracht ? „Eltern sollten immer dann mit ihrem Kind zum Arzt gehen, wenn sie sich selber Sorgen machen, wenn ein bestimmtes Verhalten nicht mehr so ganz normal erscheint oder Verhaltensweisen übertrieben wirken. Auch wenn sie Rückmeldungen zum Beispiel von Kindergärtnerinnen oder Lehrern bekommen, dass bestimmte Probleme aufgetreten sind. Das sollten Eltern ernst nehmen.“ Gibt es einen Test, den Eltern zu Hause durchführen können? „Es gibt keinen wirklich guten Test, den Eltern zu Hause durchführen können, um zur Diagnose ADHS zu kommen, weil vielerlei Dinge solche Verhaltensweisen hervorrufen können. Wichtig ist es, wenn man einen solchen Verdacht hat, sich qualifizierten Rat zu holen und zum Kinder- und Jugendpsychiater zu gehen, um eine gute Diagnostik durchzuführen.“ ADHS: Sendung im BR am 30.4. 2010: Von Annette Bögelein Stand: 30.04.2010 Sie sind unkonzentriert, stören den Unterricht und sind ständig unruhig. Sie leiden unter ADHS, dem Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitäts-Syndrom. Bei immer mehr Kindern wird die sogenannte Zappelphilipp-Krankheit diagnostiziert. Zu recht? Sitz endlich still! Räum Dein Zimmer auf! Mach jetzt Deine Hausaufgaben! Jeder kennt solche Sätze aus seiner Kindheit. Jedes Kind hat immer wieder mal Phasen, in denen es ihm schwer fällt, sich zu konzentrieren oder etwas zu Ende zu bringen. Besonders jüngeren Kindern gelingt es kaum, lange stillzusitzen oder ruhig zu sein - vor allem, wenn sie in die Schule kommen. Denn auch das sind Dinge, die man erst üben und lernen muss. Doch manchen Kindern gelingt das einfach nicht. Sie lernen es nie oder nur schwer. Sie fallen ihr Leben lang auf, weil sie ständig überdreht, sprunghaft und unkonzentriert sind. Das Phänomen hat einen Namen: Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung - kurz ADHS. Seite 2 von 5 ADHS Kinder sind anders Kinder mit ADHS unterscheiden sich von anderen Kindern vor allem dadurch, dass ihre Unruhe und ihre Unkonzentriertheit den Alltag bestimmt. So machen sie Flüchtigkeitsfehler und können den Erklärungen in der Schule nicht folgen. Ihre Leistungen lassen nach, sie bekommen schlechtere Noten. Die Folge: Stress und Ärger zu Hause und in der Schule - ein Teufelskreis für alle Beteiligten. Trotz Ermahnungen, ständiger Aufforderungen und Strafen haben die betroffenen Kinder Schwierigkeiten, sich länger zu konzentrieren, ruhig zu sein und nicht zu stören. Wie sehr sie sich bemühen mitzuhalten, "normal" oder still zu sein, bemerkt kaum jemand. Ein frustrierender Kampf, der mürbe macht. Bildunterschrift: Trotz aller Bemühungen: ADHS-Kindern gelingt es nicht, aufmerksam und still zu sein Die Zahl der Diagnosen nimmt stetig zu Eine Variante der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ohne Hyperaktivität (ADS). Auch hier sind die betroffenen Kinder unkonzentriert, leiden aber nicht an motorischer Unruhe. Aber es fällt ihnen - wie ADHS-Kindern - schwer, eine Aufgabe zu Ende zu bringen. Stattdessen lassen sie sich schnell ablenken, träumen vor sich hin oder wenden sich sprunghaft anderen Dingen zu. Bildunterschrift: Hilfe statt Strafe ist der Weg, mit ADHS-Kindern umzugehen. In den vergangenen Jahren wurden immer mehr Fälle von ADS und ADHS diagnostiziert. Das bedeutet jedoch nicht, dass es sich um ein neues Phänomen handelt. Vielmehr wurden solche Kinder früher vielleicht nur als Klassenkaspar abgestempelt oder als Störenfried in die Förderschule versetzt damals Hilfsschule genannt. Die Verbreitung von ADHS und ADS soll im Bundesdurchschnitt zwischen drei und zehn Prozent liegen. ADHS und ADS sind damit die häufigsten Störungen im Kindes- und Jugendalter. Die Verhaltensprobleme bei ADHS sind bei vielen Grundschulkindern sehr verbreitet. Doch erst wenn die Seite 3 von 5 Symptome über einen längeren Zeitraum anhalten und nicht zum Entwicklungsgrad des Kindes passen, ist der Verdacht auf ADHS begründet. Kiggs-Studie Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland: www.kiggs.de Viele Fehldiagnosen Man kann jedoch davon ausgehen, dass die Diagnose ADHS bei vielen Kindern gar nicht zutreffend ist. Es werden immer häufiger Stimmen laut, die kritisieren, dass die Diagnose oft viel zu voreilig gestellt wird. Lebhafte oder unruhige Kinder bekommen häufig den Stempel ADHS oder ADS verpasst, obwohl sie im Grunde gar nicht daran erkrankt sind. Nach einer umfassenden Studie des Robert Koch-Instituts sind die Fallzahlen seit Jahren konstant und liegen bundesweit immer zwischen vier bis fünf Prozent. Info Mehr zu diesen Diagnosekriterien DSM IV und ICD10 unter: www.bundesaerztekammer.de Der Grund für die immer größer werdende Anzahl von Diagnosen soll in den sehr oberflächlichen Diagnosekriterien (nach DSM IV und ICD10) liegen. Hiernach kann allein mit Hilfe eines Fragebogens, in dem oberflächlich Symptome abgefragt werden, und einem Intelligenztest die Diagnose AD(H)S sehr schnell gestellt werden. Die dort abgefragten Symptome können aber auch bei einer Reihe anderer Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörungen vorkommen. Eine weitere Differenzierung wird im kassenärztlichen Bereich jedoch kaum vorgenommen, da weder die zeitlichen, noch die inhaltlichen, sprich diagnostischen Ressourcen und leider häufig auch nicht das Fachwissen zur Verfügung stehen. Ursachen von ADS und ADHS Vieles spricht dafür, dass das Phänomen Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung biologische und erbliche Faktoren hat. Kindergarten, Familie und Schule haben jedoch auch einen Einfluss darauf, wie stark sich die Störung ausprägt. Gehirnuntersuchungen zeigen, dass bei vielen betroffenen Kindern die Botenstoffe des Gehirns besonders die, die mit der Übertragung von Informationen zu tun haben - Auffälligkeiten aufweisen. Außerdem gibt es Hinweise dafür, dass bestimmte Teile des Gehirns beim Lösen komplexer Aufgaben unzureichend durchblutet sind. Diese Symptome scheinen eine genetische Anlage zu sein. Bildunterschrift: Die Therapie bei ADHS sollte zweigleisig verlaufen Therapie bei ADS und ADHS Die Behandlung von ADS und ADHS verläuft im besten Fall zweigleisig. In vielen Fällen geht es nicht ohne Medikamente, um die Gehirnfunktionen der Kinder zu normalisieren. Medikamente alleine aber helfen nicht optimal. Eine Kombination aus Therapie und Medikamenten verspricht den größten Erfolg. Methylphenidat („Ritalin“) gehört zu den Psychostimulanzien und wird vorwiegend bei ADHS eingesetzt. Es gilt als das derzeitig wirksamste Medikament. Die optimale Dosis variiert von Kind zu Kind und muss ausgetestet werden. Trotzdem steht das Medikament immer wieder in der Kritik - vor allem sein Suchtpotential. Nach heutigen Erkenntnissen besteht jedoch keine Gefahr der Abhängigkeit. Allerdings hat das Medikament viele Nebenwirkungen wie zum Beispiel Appetitlosigkeit. Entspannungsverfahren, Moto- und Ergotherapie können zusätzlich hilfreich sein und die Kinder in ihrer Eigen- und Fremdwahrnehmung trainieren. Ein Verhaltens- und psychotherapeutisches Training ist unumgänglich und hilft den Kindern, mit sich selbst und ihrer Umwelt besser zurechtzukommen. Normal leben mit ADS und ADHS Doch nicht nur die Kinder, auch das Umfeld braucht ein spezielles Training. Ein Verhaltenstraining schult die Angehörigen im Umgang mit einem ADS- oder ADHS-Kind. Optimal wäre es, wenn auch die Seite 4 von 5 Lehrer oder Erzieher miteinbezogen würden. Das erhöht die Chancen, dass sich diese Kinder später im Leben zurecht finden. Inzwischen gibt es auch Studien und Projekte mit Erwachsenen, die an ADS beziehungsweise ADHS leiden und durchaus ihren Alltag "normal" bewältigen. Mit zunehmendem Alter können ADS- und ADHS-Patienten ihr Erleben besser sortieren und steuern. Kontaktmöglichkeiten: ADHS Deutschland e. V. Bundesgeschäftsstelle Postfach 410724 12117 Berlin Tel. 030 - 85 60 59 02 Fax 030 - 85 60 59 70 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.adhs-deutschland.de/ Struwwelpeter - Verein zur Unterstützung ADHS-betroffener Kinder und deren Eltern e. V. Marion Effenberg, Weidenweg 16 91315 Höchstadt/Aisch E-Mail:[email protected] Internet: www.struwwelpeter-hoechstadt.de PD Dr. med Edgar Friederichs Heinrichsdamm 6 96047 Bamberg E-Mail: [email protected] Internet: www.entwicklung-staerken.de Seite 5 von 5