FNP 30.03.16_Galluswarte wird zur Kulisse

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Studenten drehen Film
Galluswarte wird zur Kulisse
30.03.2016, von Sandra Kathe
An der Galluswarte laufen gerade die Dreharbeiten für ein Filmprojekt der
Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Zwischen Umsteigehektik, Natur und
Stadtgeschichte drehen die Schauspielschüler eine selbst geschriebene EpisodenGeschichte und gehen dabei der Subjektivität von Wahrheit auf die Spur.
Sophia Hahn versucht mit dem Koffer über die Straßenbahngleise an der Galluswarte zu kommen –
immer begleitet von Kamera und Mikrofon. Foto: Leonhard Hamerski
Gallus.
Gelernt haben die Schauspielstudenten aus dem dritten Semester der Hochschule für
Musik und Darstellende Kunst (HfMdK) bei ihrem ersten Filmdreh eine ganze
Menge. Darunter auch die Tatsache, dass beim Film selten alles nach Plan läuft, auch
wenn man sich die Arbeit vor der Kamera einfacher vorgestellt hatte. Und gerade für
Aufnahmen an einem belebten Ort wie der Galluswarte zwischen Pendlern,
Trinkhallenbesuchern und Straßenbahnen gibt es nicht wenige Störfaktoren.
So müssen Johanna und Sophia, deren erstes Aufeinandertreffen an den
Bahnschienen gestern Nachmittag gefilmt werden soll, immer wieder auf den
richtigen Moment warten, um zu proben. Wenn eine Straßenbahn einfährt, heißt es
schnell von den Gleisen wegzukommen, sobald sie wieder weg ist, geht es weiter.
Solange blockiert das kleine Grüppchen um Regisseur Tobias Lenel eine Seite des
Bahnsteigs und bekommt nicht selten böse Worte eines der wartenden Passanten ab.
Die gute Laune lässt sich hier dennoch niemand verderben.
Acht Hauptcharaktere
Der Film, an dessen Drehbuch die acht Schüler aus der Klasse drei Wochen lang
gearbeitet haben, erzählt in verschiedenen Episoden die Geschichten der acht
Hauptcharaktere: einer Stewardess etwa, den beiden Mitgliedern einer Rockband,
einer jungen Frau, die gut gelaunt von einer durchzechten Nacht nach Hause kommt.
Sie alle beobachten die gleiche Situation, in der sie unerwartete Vorfälle
zusammenführen und erinnern sich an unterschiedlichen Orten in Frankfurt an das
Erlebte. Die Wahrheit ist für jeden von ihnen anders. „Das ist es, was in unserem
Film im Mittelpunkt steht“, erzählt der 22-jährige Nicolai Gonther, der die Handlung
in wenigen Sätzen zusammenfasst: „Dass Wahrheit einfach immer etwas
Individuelles ist.“
Das Projekt, das den jungen Schauspielern erste Filmerfahrungen und -referenzen
verschaffen soll, wird in diesem Jahr zum dritten Mal von Regisseur und HfMdKDozent Tobias Lenel durchgeführt. „Nachdem die Idee zu dem freien Filmprojekt vor
drei Jahren tatsächlich sogar hier in der Umgebung entstanden ist, wo die
Hochschule eine Probenbühne betreibt, haben wir uns nach den letzten beiden Drehs
am Hauptbahnhof und im Palmengarten diesen Ort ausgesucht“, erklärt der
Filmemacher, den dieser Ort schon lange fasziniert: „Eigentlich ist es ja eher ein
Unort hier unter der Galluswarte: Hier beherrschen auf einer Seite Autoverkehr und
Pendlerhektik den Alltag, auf der anderen Seite der Verkehrsinsel stehen stundenlang
Grüppchen vor der Trinkhalle und leeren Bierflaschen. Über allem thront die
Galluswarte, die ein Stück Frankfurter Geschichte hierher bringt.“ Genau diese
Widersprüche machen den Ort für Lenel spannend.
Große Umstellung
Auch für seine Schüler ist das Projekt aufgrund eines Gegensatzes etwas Besonderes:
„Normalerweise machen wir in der Ausbildung vorrangig Theater“, erklärt die 20jährige Sophia Hahn, die die Stewardess spielt. „Zuletzt hatten wir uns für die
Zwischenprüfung mit griechischen Dramen befasst. Da sind große Gesten und lautes
Sprechen gefragt. Beim Film ist alles viel kleiner und näher am Zuschauer.“ Für sie
und die anderen Studenten ist das eine Umstellung, an die sie sich erstmal etwas
gewöhnen müssen.
Finanziert wurde das Projekt über das Programm „Kulturmut“ der Aventis-Stiftung
und die Crowdfunding-Plattform „Startnext“, bei der Internetnutzer zum Spenden
aufgerufen werden. Zusammengekommen sind laut Spendenstand auf der
Internetseite 12 670 Euro, 170 mehr als das Team für ein erfolgreiches Projekt
erreichen musste. Finanziert werden damit die Technik sowie freiberufliche
Tonmeister, Kameraleute und Schnitt-Spezialisten, die für Lenel im Einsatz sind.
Die Uraufführung des Resultats, das zwischen 30 und 50 Minuten lang werden soll,
ist für den kommenden Sommer im Palmengarten geplant. „Wenn die Studenten ihr
viertes Semester abgeschlossen haben, soll der Film präsentiert und dann auch online
gestellt werden“, erklärt Regieassistent Martin Brüggemann. Wer schon vorher mehr
über das Projekt sehen will, bekommt in einem YouTube-Trailer schon erste
Einblicke.
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