Im Dienste der Musik – Im Sinne der Menschen

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Im Dienste der Musik – Im Sinne der Menschen
Lukas Grimm
© Sandra Meyndt
© privat
© Goosmann
Ein Gespräch mit den Finalisten des Deutschen Chordirigentenpreises 2016 Lukas Grimm, Christian Meister und Hannes Reich über
das Chordirigieren, die Arbeit mit professionellen Chören und die Herangehensweise an den Wettbewerb.
Christian Meister
Hannes Reich
1) Was waren Ihre Beweggründe, den Beruf des Chordirigenten einzuschlagen? Wie alt waren Sie, als die Entscheidung fiel? Gab es ein
ausschlaggebendes Ereignis?
Grimm: Ich war schon in meiner Kindheit
von Musik und Chormusik umgeben. Die
erste Entscheidung, Chordirigent zu werden,
fiel in dem Moment, als der Kirchenchor der
Gemeinde, in der ich Orgel spielte, einen
Dirigenten suchte und man auf mich zukam,
ob ich dies nicht übernehmen könnte – ich
glaube, ich war 14 Jahre alt, vielleicht auch
15. Natürlich war dies nicht das erste Mal,
dass ich darüber nachdachte, zu dirigieren,
Meister: Singen und die Chormusik sind für
mich die elementarste Form, meine
Gedanken und Emotionen mitzuteilen.
Ausschlaggebend dafür sind sicher meine
Ausbildung und die vielen tollen
Auftrittserlebnisse bei den Augsburger
Domsingknaben als Knaben-, später als
Männerstimme. Auch die Faszination fürs
Dirigieren eines Ensembles habe ich schon
im Kindesalter bei mir bemerkt und später im
Reich: Dirigieren faszinierte mich schon
immer, und trotzdem zog ich es lange vor,
als Sänger in verschiedenen Chören und als
Cellist in unterschiedlichen Orchestern zu
musizieren. Nach dem Schulmusik- und
Violoncellostudium hatte ich dann die
Gelegenheit, Prof. Manfred Schreier bei
vielen Projekten zu assistieren und viel selbst
dirigieren zu dürfen. Ein prägendes Erlebnis
war dann sicherlich, bei Beethovens „Missa
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aber es war das erste Mal, dass ich die
Möglichkeit erhielt, ein Ensemble zu leiten,
und die Arbeit bereitet mir seitdem
unvermindert Freude.
Studium bald als Schwerpunkt gewählt. So
hat sich letztendlich mit Mitte 20 dieser Weg
als die vielversprechendste Option etabliert.
solemnis“ für ihn einzuspringen. All diese
Erfahrungen halfen mir, mich schließlich
bewusst für das Dirigieren zu entscheiden.
2) Was ist für Sie das Besondere beim Dirigieren eines Chores?
Grimm: Das Besondere am Dirigieren eines
Chores – ohne ins Esoterische überwechseln
zu wollen – ist für mich dieser ganz magische
Übergang von der Geste zum Klang, denn
der Mensch ist selbst Instrument im Chor und
ein anderer Mensch, der Dirigent, signalisiert
mit einer Geste, wie mit dem Körper die Luft
zum Schwingen gebracht wird, und diese
bewusste Manipulation trifft unser Ohr und in
unserem Gehirn entsteht daraufhin Musik.
Was hier an Jahrtausenden Evolution und
Zivilisation allein im Auftakt und dem Hören
des ersten Tones (als Spitze des Eisberges)
zusammenkommt, lässt mich immer wieder
erstaunen!
Meister: Als Chordirigent genieße ich
unglaublich viel Nähe zu Menschen. Sänger
können gar nicht anders, als mit ihrer
gesamten Person Musik zu machen, sie
legen sich in die Hände des Dirigenten. Mit
dieser großen Verantwortung umzugehen
und daraus wunderbare Musik zu formen,
sehe ich als ein unermessliches Privileg an.
Reich: Im Chor ist das Instrument im Körper
der Musiker und die Haltung zum Instrument
ist somit persönlicher und intimer. Das
erfordert keine grundlegend andere
Herangehensweise als beim Orchester und
doch sind es schlagtechnische und auch
sprachliche Nuancen, die den Unterschied
und die Besonderheit des Chordirigierens
ausmachen.
Meister: Meine unmittelbare Motivation ist,
aus objektiven Noten subjektive Musik zu
machen. Hörbar zu machen, was alles nicht
in der Partitur steht. Fortwährender Antrieb
sind für mich auch die vielen begeisterten,
musizierfreudigen Menschen, mit denen ich
gemeinsam Musik machen darf.
Reich: Es gibt ein Zitat von dem Philosophen
George Steiner: „Es mag sehr wohl sein,
dass der Mensch Mensch ist, dass der
Mensch an die Schranken einer besonderen
und offenen ιAndersheitʼ grenzt, weil er
Musik hervorbringen und von ihr besessen
sein kann.“ Das Gefühl, dass Musik mehr ist
3) Was treibt Sie als Dirigent an?
Grimm: Die Dialektik des Berufs ist ständiger
Motor für mich – zum einen ist der Dirigent
ein einsamer Arbeiter: das stetige Erweitern
des Repertoires, das Zusammenstellen
interessanter Programme, langes Studieren
der Partituren, Forschen in der Fachliteratur,
in sich allein sein mit der Musik. Und dann
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trifft er zum andern mit dieser in ihm
reifenden Interpretation und all dem Wissen
auf eine Gruppe von Menschen und muss
diese in die Musik einführen, mitnehmen,
begeistern, diszipliniert arbeiten lassen, zum
Ergebnis führen. Es ist wie ein ständiger
fachlicher und menschlicher Kreisel, der,
einmal in Schwung gekommen, sich immer
weiterdreht.
als Text und Noten und dass es etwas
jenseits des Messbaren und Verfügbaren
geben muss, gibt mir die notwendige Energie
für die tägliche Arbeit.
4) Auf welche Ereignisse oder Stationen in ihrem bisherigen beruflichen Werdegang sind Sie besonders stolz?
Grimm: Auf das Chordirigieren bezogen war
die Wahl zum neuen künstlerischen Leiter
des Freiburger Kammerchores zu Beginn
des Jahres 2013 ein Ereignis, dass mich
sehr stolz gemacht hat – ein Gefühl, dass
sich bis heute bei jedem Konzert mit diesem
wunderbaren Ensemble erneuert.
Meister: Es fällt mir schwer, explizite
Momente herauszugreifen. Jede gelungene
Probe, jedes erfolgreiche Konzert mit einem
meiner Ensembles macht mich sehr stolz.
Reich: Die Aufnahme in Förderprogramme
wie das DIRIGENTENFORUM, Erfolge bei
Probedirigaten oder tolle Konzerte mit
meinen aktuellen Ensembles sind Stationen,
die mich dankbar auf das Erreichte blicken
lassen. Ansonsten ist der Blick aber in großer
Vorfreude auf das Kommende nach vorne
gerichtet.
5) Was bedeutet für Sie die Förderung durch das DIRIGENTENFORUM des Deutschen Musikrates? Wovon haben Sie aus Ihrer Sicht am
meisten profitiert?
Grimm: Es ist natürlich eine große Ehre,
durch das DIRIGENTENFORUM gefördert zu
werden und es eröffnete mir in den letzten
Jahren zahlreiche Möglichkeiten, mich mit
Top-Ensembles und mit interessanten
Mentoren weiterzubilden. Profitiert habe ich
aus meiner Sicht dabei am meisten davon,
die Arbeit mit Profichören näher
Meister: Ich denke, die Bedeutung dieses
Förderprogramms an der Schnittstelle vom
Studium zur Berufstätigkeit ist gar nicht hoch
genug einzuschätzen. Gerade im Orchester-,
aber auch im Chorbereich, profitieren
eigentlich alle beteiligten Seiten ständig und
ich bin glücklich, dabei sein zu dürfen! Zum
einen habe ich sehr davon profitiert,
Reich: Die Aufnahme in die Förderung durch
das DIRIGENTENFORUM des Deutschen
Musikrates war für mich – nach der
Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule –
der erste Erfolg und somit in gewisser Weise
eine Bestätigung von außen, den richtigen
Weg gegangen zu sein. Ich bin sehr dankbar
über die einzigartige Chance dieser
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kennenzulernen und durch das Feedback der
Chorsänger meine Arbeit auf hohem Niveau
reflektieren zu können. Dieses wichtige
Feedback in Kombination mit dem fachlichen
Input der Mentoren ist unschätzbar wertvoll.
renommierte Dirigenten bei ihrer Arbeit, ganz
besonders bei ihrem Umgang mit dem
jeweiligen Ensemble, zu beobachten. Für
meinen Weg als Dirigent habe ich sicher
auch durch die verschiedenen Kurse mit
Rundfunkchören oder semiprofessionellen
Laienensembles viel Routine
hinzugewonnen. Außerdem ergab sich durch
die zahlreichen Anknüpfungspunkte bei
Chören, Kollegen und Musikmanagern eine
Fülle von wertvollen Kontakten.
Förderung, mit den besten Chören
Deutschlands zusammenarbeiten und von
den großen Dirigenten lernen zu können. Die
dreiwöchige, intensive Assistenz bei Simon
Halsey und dem Berliner Rundfunkchor bei
der Einstudierung der mittlerweile weltweit
erfolgreichen szenischen Aufführung des
Requiems von Johannes Brahms wird mir
immer in besonderer Erinnerung bleiben.
6) Welche Bedeutung messen Sie der Teilnahme am Deutschen Chordirigentenpreis für Ihren beruflichen Werdegang bei?
Grimm: Der Deutsche Chordirigentenpreis
ist ein sehr prominentes Podium für uns
junge Dirigenten, auf dem wir unsere Musik
und unsere Persönlichkeiten präsentieren
dürfen.
Was sich dann daraus ergibt oder auch nicht,
ist, wie so vieles in der Musikwelt, Glück.
Meister: In jedem Fall werde ich mein
Repertoire erweitern können, vor allem mit
Messiaens genialer Musik. Eine tolle Woche
mit dem fantastischen RIAS Kammerchor ist
mir auch schon sicher. Ob sich durch das
Projekt auch neue Möglichkeiten oder
Engagements ergeben, kann ich natürlich
noch nicht absehen.
Reich: Einen der besten Kammerchöre der
Welt in der Berliner Philharmonie dirigieren
zu dürfen, ist ein wunderbares Ereignis, das
mich schon jetzt mit großer Vorfreude erfüllt.
Gleichzeitig geht damit auch ein Traum in
Erfüllung, den man sich zu Beginn der
Förderung nicht laut auszusprechen traute.
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7) Haben Sie eine bestimmte Herangehensweise an den Wettbewerb? Wie bereiten Sie sich auf den Wettbewerb vor?
Grimm: Ich bereite mich auf den Wettbewerb
vor wie auf alle anderen Probenphasen und
Auftritte. Man muss jeden Winkel des
Stückes kennen und jeden Aspekt
beleuchten. Werkgenese und -kontext sind
genauso wichtig wie die Kompositionen an
sich. Bei Vokalmusik ist auch stets eine
Beschäftigung mit dem vertonten Text von
Nöten.
Sicherlich denkt man in der Vorbereitung für
die Arbeit mit dem RIAS Kammerchor
nochmal ein Quäntchen genauer und
gründlicher nach, als man es sonst tut, aber
die Vorbereitung an sich ist die gleiche.
Meister: Alle Stücke müssen auswendig
gelernt werden, dazu singe und spiele ich
alle Stimmen und Abschnitte immer wieder.
Außerdem nehme ich Dirigierstunden und
bespreche mit Kollegen die verschiedenen
Werke, um diese von möglichst vielen
verschiedenen Seiten zu beleuchten.
Reich: Bei Wettbewerben muss man
innerhalb kürzester Zeit sein Können zeigen.
Der Deutsche Chordirigentenpreis ist
insofern etwas Besonderes, als dort der
Dirigent Zeit zum selbständigen Proben hat.
Trotzdem ist wohl eine bestmögliche
Vorbereitung und das exakte Wissen der
eigenen Interpretation das Wichtigste.
8) Welche Herausforderungen stellt das musikalische Programm des Wettbewerbs an Sie? Worauf werden Sie bei den Interpretationen
Wert legen?
Grimm: Das musikalische Programm des
Wettbewerbs deckt verschiedene Epochen
ab und es ist eine Herausforderung in all
diesen Epochen als Interpret zu Hause zu
sein. Ich versuche meist, darauf
hinzuarbeiten, dass meine Interpretationen
einerseits informiert sind, andererseits
möglichst frisch.
Meister: Die größte Herausforderung ist für
mich, die effektivste Probenstruktur zu
finden.
Wir haben sehr wenig Zeit für ein sehr
unterschiedliches Repertoire. Mein Ziel ist
es, mit dem Chor die verschiedenen
Stilistiken klanglich deutlich
herauszuarbeiten.
Reich: Das Programm des Wettbewerbs ist
wunderbar bunt und vielfältig gewählt. Dies
alles klanglich umzusetzen ist die große
Herausforderung dieses Wettbewerbs. Mein
Ziel ist es, von der Durchsichtigkeit einer
Motette von Heinrich Schütz, über die
Schlichtheit eines Brahmschen Volksliedes
und den Klangfarben eines Ralph Vaugan
Williams‘ bis zu der Virtuosität eines Olivier
Messiaens alle Facetten des Chorklangs zu
präsentieren.
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9) Was zeichnet Ihrer Meinung nach Ihre persönliche dirigentische Handschrift aus?
Grimm: Über meine eigene dirigentische
Handschrift wage ich mir kein Urteil zu fällen
– vielleicht mit 70. Ich weiß, was ich mir beim
Arbeiten und Dirigieren vornehme und hoffe,
dass dies bei den Ensembles, mit denen ich
arbeite, ankommt. Dieses „work-in-progress“,
das ich selbst dadurch bin, das ist dann in
den Momenten jeweils meine persönliche
Handschrift.
Meister: Ich lege immer Wert auf eine
stilgerechte Interpretation des jeweiligen
Werks. Für mich entsteht ein guter Chorklang
immer auf bewusster, gemeinsamer
Artikulation – die Sprache ist genauso wichtig
wie die Töne.
Reich: Ich hatte in den letzten Jahren viele
Gelegenheiten, sowohl Chöre als auch
Orchester zu dirigieren und die Erfahrungen
dieser beiden großen Bereiche des
Musizierens in den jeweils anderen
einzubringen. Das ist sicherlich ein
Erfahrungsschatz, welchen man in meiner
dirigentischen Handschrift sehen könnte.
10) Was verstehen Sie unter einem guten Dirigenten?
Grimm: Ein guter Dirigent ist für mich
jemand, der die richtige Balance findet
zwischen emphatischer Begeisterung zur
Musik und detailliertem, ruhigem und
effektivem Arbeiten. Keine Inspiration der
Welt taugt etwas, wenn man nicht die
Werkzeuge hat, sie zum Klingen zu bringen
und kein technisches Wissen um Stimme
und Musik nützt etwas, wenn man sein
Gegenüber nicht mitreißen kann.
Mein Orchesterleitungsprofessor GMD
Werner Stiefel pflegte immer Herbert
Blomstedt mit den Worten zu zitieren: „Stets
unzufrieden sein, aber immer gute Laune
verbreiten.“
An diesen Satz denke ich oft.
Meister: Ein guter Dirigent hat eine klare
Vorstellung von seiner Musik. Mit seinem
Ensemble musiziert er fordernd, effektiv und
fair. Er arbeitet im Dienste der Musik, immer
aber auch im Sinne der Menschen, für die er
musikalisch verantwortlich ist.
Reich: Auf der einen Seite ohne große
Worte zu zeigen, wie man es will; auf der
anderen Seite sich vielleicht immer einen
Schritt weiter informiert zu haben als das
Ensemble.
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11) Was wünschen Sie sich für ihre berufliche Zukunft als Chordirigent?
Grimm: Für meine berufliche Zukunft als
Chordirigent wünsche ich mir, stets Freude
und Energie daran zu haben, neues
Repertoire zu erkunden und auch im mir
bekannten Repertoire, Neues zu entdecken.
Ich wünsche mir die Ideen, immer wieder
interessante, nicht-museale
Konzertprogramme und Programmformate
zu erdenken und die Möglichkeiten, diese mit
guten, motivierten Ensembles umzusetzen
und möglichst vielen Menschen zu Gehör zu
bringen.
Meister: Weiterhin so begeisterungsfähige
und musikalische Sänger und Musiker sowie
viel spannende, neue Chormusik von
mutigen und kreativen Komponisten.
Reich: Die breite Literaturpalette der
abendländischen Musik entstand aus der
Vokalmusik und im weiteren Verlauf der
Musikgeschichte können die vokalen Werke
oftmals als Meilensteine der Entwicklungen
betrachtet werden. Die Möglichkeit, all diese
vielfältigen „Kulturdenkmäler“ zum Klingen zu
bringen, ist für mich ein großer Wunsch.
Deutscher Musikrat Projekt gGmbH, Dirigentenforum, Weberstraße 59, D-53113 Bonn
Tel. 0228/2091-140/141/142, Fax 0228/2091-20
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