© Berner Rundschau / MLZ; 11.06.2007 «Das grüne Original ist das beste» Das Grüne Bündnis ist seit 20 Jahren aktiv und will weiterhin am linken Rand politisieren Christian Liechti Das Grüne Bündnis der Stadt Bern hat am Wochenende seinen 20. Geburtstag gefeiert. Parteipräsidentin Natalie Imboden sagt, warum die Grünen so erfolgreich sind und wo trotz des links-grünen Engagements noch immer der Schuh drückt. 20 Jahre Grünes Bündnis: Was ist von den einstigen Aktivisten und deren Ideen geblieben? Natalie Imboden: Viele Ideen sind heute noch aktuell. Einige der Gründungsmitglieder waren in der Anti-AKW-Bewegung aktiv. Der Bau von neuen AKWs wird zurzeit wieder brisant diskutiert. Die Gründung des Grünen Bündnisses (GB) fiel mit dem Reaktorbrand in Tschernobyl zusammen. Dieses Unglück bescherte ökologischen Themen einen enormen Aufwind. Wir verfolgen diese Themen seit der Parteigründung mit beharrlicher Konstanz. Als Beispiel kann man die Einführung von Tempo 30 nennen. Ende der 80er-Jahre war dieses Thema revolutionär. Heute ist Tempo 30 in den Berner Quartieren akzeptiert. Also kann man auch sagen, das GB politisiert der Zeit voraus? Imboden: Das ist bei den Grünen durchaus der Fall, weil wir sensibel auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren und hier auch unsere Forderungen stellen. In der Frage, ob wir Atomkraftwerke wollen oder nicht, hat sich unsere Grundhaltung in den letzten 20 Jahren nicht verändert. Wir lehnen AKWs ab und engagieren uns für alternative Energien. Energie aus Wasserkraft, Fotovoltaik und Wind sind unsere Schwerpunkte. Energieeffizienz war lange nur ein Thema der Grünen. Heute spricht gar die CVP davon, Stromsparlampen zu fördern. Themen, die in den letzten Jahren von Grün besetzt wurden, finden heute eine breitere Akzeptanz. Graben dem GB heute andere Parteien das Wasser ab? Imboden: Die Wählerinnen und Wähler wissen genau, wenn es hart auf hart geht, ist das grüne Original immer noch die beste Wahl. Es ist in unserem Interesse, dass ökologische Themen eine breite Akzeptanz finden. Wie hat sich in den letzten Jahren die politische Arbeit des GB verändert? Imboden: Die Verbindung von sozialen Bewegungen, Umweltverbänden und Gewerkschaften mit Parlamentsarbeit zeichnet uns seit jeher aus. Wir sind immer wieder mit Aktionen - wie zum Beispiel gegen Luftverschmutzung präsent. Solche Aktionen bereiten mir Freude und zeigen, dass wir immer noch dynamisch sind. Geändert hat sich jedoch das politische Umfeld, die politische Sprache. Trotzdem konnten wir an unserer Debattierlust festhalten. Debattierlust? Imboden: Wir organisieren immer wieder Veranstaltungen mit Themen, die nicht auf der politischen Agenda stehen. Dabei setzen wir uns zum Beispiel intensiv mit der Nahost-Politik auseinander. Dies zeichnet das GB aus: Da handeln, wo es uns möglich ist und gleichzeitig den Blick offen halten für das, was rundherum passiert. Seit der Rot-Grün-Mitte-Mehrheit (RGM) in der Stadt Bern können wir hier auch wirklich handeln und grossen Einfluss nehmen. Wir haben uns von der Oppositionspartei zum Mitgestalter entwickelt, der auf Kantonsebene mit Bernhard Pulver gar ein Regierungsmitglied stellt. Auf Kantonsebene sehen die Kräfteverhältnisse jedoch leider anders aus als hier in der Stadt Bern. Sind Sie durch das Mitgestalten auch etwas liberaler geworden? Imboden: (macht eine lange Pause) Da stellt sich die Frage: Was ist liberal? Wenn es um Anliegen der Homosexuellen geht, sind wir immer sehr liberal. Grundsätzlich vertreten wir ein liberales Weltbild. In wirtschaftspolitischen Fragen betrachten wir das Ganze jedoch differenziert. Hier gilt das Etikett «liberal» nicht für uns. In der Stadt Bern vertreten mit dem GB und der GFL zwei Parteien grüne Anliegen. Auf Kantonsebene haben sich die beiden Kräfte zusammengeschlossen. Warum braucht die Stadt Bern GB und GFL? Imboden: Ein hoher Anteil grüner Wähler zeichnet Bern aus. Man kann gar von einer grünen Hochburg sprechen. Dazu tragen die beiden Parteien massgeblich bei, weil sie ökologische und soziale Themen vertreten, und dadurch ein breites Spektrum ansprechen. Ein weite- rer Grund sind die verschiedenen Wurzeln von GB und GFL. Wegen all dieser Gründe macht es Sinn, in Bern an zwei Parteien festzuhalten. Auf Kantonsebene sieht es anders aus, weil wir hier längst nicht dieselbe Stärke haben wie in der Stadt Bern. Im Berner Stadtrat nehmen Grüne 21 von 80 Sitzen ein. Wieso wählt in der Stadt Bern fast jeder vierte Grün? Imboden: Die Grünen machen eine sehr glaubwürdige Politik, die sie nicht nur vor den Wahlen, sondern auch dazwischen konsequent vertreten. Das gute Abschneiden bei den letzten Wahlen zeigt auch, dass die Leute unsere Arbeit honorieren. Ihre Politik wird in der Stadt Bern honoriert, findet jedoch auf dem Land kaum Anhänger. Warum kommt diese hier nicht besser an? Imboden: Dies kann man so absolut nicht sagen: Bei den letzten Grossratswahlen haben die Grünen zugelegt. Dazu haben sicherlich unsere Themen beigetragen. Die Tagesschulen, davon bin ich überzeugt, sind mehrheitsfähig. Wir haben auch den Gegenvorschlag zum Spitalversorgungsgesetz aktiv unterstützt. Diese Projekte zeigen, dass unsere Ideen im Kanton durchaus eine Mehrheit finden. Es ist jedoch nicht wegzudiskutieren, dass sich die Bevölkerung auf dem Land anders zusammensetzt als in der Stadt. Ein Beispiel: Im städtischen Raum ist der Verkehr ein viel grösseres Problem als auf dem Land. In der Stadt setzt sich auch ein FDP-Wähler für Begegnungszonen in den Quartieren ein. Es zählt die hohe Lebensqualität - unabhängig vom Parteibüchlein. Welches sind neben dem Verkehr weitere Bereiche, wo das GB handeln will? Imboden: Die Energiepolitik bleibt eines unserer zentralen Anliegen. Die Stadt Bern ist nach wie vor im Besitz von AKW-Beteiligungen, was nicht mehr zeitgemäss ist. Sie muss jedoch ihre Anteile am städtischen Energiewerk behalten, um weiterhin Einfluss auf die Versorgungssicherheit nehmen zu können. Wir wollen uns auch verstärkt für familienergänzende Kinderbetreuung einsetzen, weil die Nachfrage immer noch grösser ist als das Angebot. Der Bereich Schule/Bildung ist für uns ebenso zentral, da er die Grundlage für Chancengleichheit bildet. Und dann ist da noch der öffentliche Verkehr, der ausgebaut werden muss. Wir wehren uns deshalb gegen das neue Bärenparking in der Altstadt. Diese Pläne führen in die Sackgasse. Das sieht das Gewerbe in der Altstadt anders. Die Innenstadt wird sicherlich nicht mit einem neuen Parkhaus oder mehr Parkplätzen für den Individualverkehr attraktiver. Vielmehr sollte das Gewerbe die Schönheit der Altstadt hervorstreichen, die ideal zum Flanieren und zum Einkaufen ist. Ich vermisse von den Gewerbetreibenden auch Innovationen. «Road Pricing» haben Sie vorhin nicht erwähnt. Imboden: Ich bin froh, dass am «Road Pricing» gearbeitet wird. Ich hoffe jedoch, dass wir dafür die anderen Agglomerationsgemeinden gewinnen können. Denn Zollikofen und Ostermundigen haben zunehmend Probleme mit dem Verkehr. Die ersten 20 Jahre sind Geschichte: Wie sieht das GB zum 40. Geburtstag aus? Imboden: Ich hoffe sehr, dass es ähnlich aussieht wie heute: bewegt, manchmal erfrischend und gestaltungsfähig. Ökologische und soziale The-men werden uns auch in 20 Jahren noch beschäftigen. Ich hoffe auch, dass weiterhin vie- le Frauen aktiv das Bild des GB prägen. Und wo trifft man Sie als Politikerin in 20 Jahren an? Imboden: Ach du meine Güte! Sicherlich werde ich mich weiterhin gewerkschaftlich engagieren. Aber auf welcher Stufe ich politisch stehen werde, ist noch völlig offen. Zur Person Natalie Imboden wurde 1970 im Wallis geboren und ist seit 2000 Stadträtin und Fraktionspräsidetin in Bern. Sie ist Gewerkschaftssekretärin der Unia und setzt sich aktiv für Ökologie und Frauenanliegen ein. Ihre Hobbys sind Bergsteigen, Lesen und Kino. (cho) «Die Grünen machen eine sehr glaubwürdige Politik» «Ich hoffe, dass weiterhin viele Frauen das GB prägen» «Unsere Aktionen zeigen, dass wir immer noch dynamisch sind» Ein bewegtes Fest Das Jubiläumsfest des Grünen Bündnis (GB) der Stadt Bern war eine gute Gelegenheit, einen Rück-, Aus- und Weitblick zu machen. Ruth Genner, Bernhard Pulver, Regula Rytz, Franziska Teuscher, Heinz Däpp, Peter Sigrist und Hans Niklaus liessen die 20 Jahre soziale, ökologische und feministische Politik Revue passieren. In gemütlichem Rahmen ging das Jubiläum im Progr zu Ende. (cho)