Therapie von Kiefergelenkschmerzen Ein Behandlungskonzept für Zahnärzte, Kieferorthopäden und Physiotherapeuten Bearbeitet von Wolfgang Stelzenmüller, Jan Wiesner 1. Auflage 2010. Buch. XV, 285 S. Hardcover ISBN 978 3 13 131382 9 Format (B x L): 19,5 x 27 cm Weitere Fachgebiete > Medizin > Zahnmedizin Zu Inhaltsverzeichnis schnell und portofrei erhältlich bei Die Online-Fachbuchhandlung beck-shop.de ist spezialisiert auf Fachbücher, insbesondere Recht, Steuern und Wirtschaft. Im Sortiment finden Sie alle Medien (Bücher, Zeitschriften, CDs, eBooks, etc.) aller Verlage. Ergänzt wird das Programm durch Services wie Neuerscheinungsdienst oder Zusammenstellungen von Büchern zu Sonderpreisen. Der Shop führt mehr als 8 Millionen Produkte. Thieme-Verlag Herr Elm 12 Sommer-Druck Feuchtwangen Stelzenmüller/Wiesner Therapie von Kiefergelenkschmerzen WN 020821/01/02 TN 131382 11.5.2010 Umbruch 1 Anatomische Grundlagen zur Therapie von CMD (nicht nur) für Physiotherapeuten 1.8.4 M. temporalis Der M. temporalis gliedert sich in 3 Segmente, Pars anterior, Pars medialis und Pars posterior. Aufgrund der flächenmäßig starken Ausdehnung des M. temporalis und seiner unterschiedlichen Funktionen und Schmerzprojektion der einzelnen Muskelanteile ist eine palpatorische Untersuchung dieses Muskels unerlässlich. Er hat seinen Ursprung an der Linea temporalis der Squama ossis temporalis und des Os parietale (Abb. 1.31). Er setzt an am Processus coronoideus mandibulae. Der M. temporalis ist bei beidseitiger Aktivität an ca. 45 % der Adduktion des Kiefers (Mundschluss) beteiligt. Hierbei zieht der dorsale Anteil den UK durch Zug am Processus coronoideus nach dorsokranial. Die vorderen Anteile sind bei der Protrusionsbewegung und der Mundöffnung beteiligt. ◆ Checkliste/Durchführung Die extraorale Palpation beginnt man im anterioren Gebiet der Schläfenregion (Abb. 1.32). Der Untersucher beginnt die Palpation quer zur Faserrichtung mit mittlerem Druck. Die Palpation beginnt für die Pars anterior an der Linea temporalis der Squama ossis temporalis am Os parietale. Der Untersucher palpiert vom anterioren Anteil des Segments zum posterioren und von dort in Richtung Muskelansatz bis zum Jochbogen. Dieses Verfahren ist insbesondere aufgrund der unterschiedlichen Lokalisation von Trigger- und/oder Tenderpunkten in den verschiedenen Muskelsegmenten notwendig. Für das mediale und posteriore Segment wird in ähnlicher Weise verfahren (Abb. 1.33, Abb. 1.34). Es kann hilfreich sein, wenn der Patient während der Palpation kurz aufgefordert wird, den Mund zu öffnen bzw. kurz auf die Zähne zu beißen, um die einzelnen Strukturen besser ausdifferenzieren zu können. Palpiert werden kann mittels des Zeige-, Mitteloder Ringfingers des Behandlers im Schläfenbereich des Patienten. ◆ Abb. 1.31 Lage des M. temporalis. Abb. 1.33 Fortführung der Palpation der Pars medialis des M. temporalis. Abb. 1.32 Extraorale Palpation, beginnend im anterioren Gebiet der Schläfenregion. Abb. 1.34 Palpation der Pars posterior des M. temporalis. aus: Stelzenmüller u. a., Therapie von Kiefergelenkschmerzen (ISBN 9783131313829) © 2010 Georg Thieme Verlag KG Thieme-Verlag Herr Elm Sommer-Druck Feuchtwangen Stelzenmüller/Wiesner Therapie von Kiefergelenkschmerzen WN 020821/01/02 TN 131382 11.5.2010 Umbruch 13 Muskulatur 1.8.5 M. digastricus venter anterior, venter posterior Der M. digastricus hat seinen Ursprung mit seinem Venter posterior an der Incisura mastoidea ossis temporalis und ist mit seinem Venter anterior mit der Zwischensehne mit dem Cornu minoris ossis hyoidei verbunden. Der Ansatz ist die Fossa digastrica. Eine der wichtigsten Aufgaben des M. digastricus ist die Hebung des Zungenbeins beim Schluckakt. Des Weiteren unterstützt er die Kieferöffnung. Praxishinweis Grundsätzlich sollte bei allen Kopf-/Kiefergelenkspatienten in bestimmten Abständen eine Untersuchung des Mundbodens auf Schmerz und/oder Veränderung vorgenommen werden. Der Untersucher testet die Zunge motorisch, indem der Patient aufgefordert wird, mit der Zungenspitze an die Nase zu kommen, an die Kinnspitze und so weit wie möglich nach links und rechts. Wenn sich bei diesen motorischen Tests Seitendifferenzen ergeben, sollte eine weitere Abklärung des Mundbodenund Zungenbereichs erfolgen. Die Abweichungen können im einfachsten Falle aufgrund gestörter Körperwahrnehmung auftreten. Ursachen können Veränderungen im Mundboden sein, im einfachsten Fall eine Aphte oder z. B. Lymphknotenschwellungen, Speichelsteine, Tumore etc. Aus diesem Grund wird der Mundboden komplett palpiert (hierbei ist darauf zu achten, dass nur minimalster Druck intraoral ausgeübt wird, da diese Region äußerst schmerzempfindlich ist). Abb. 1.35 rior. Intraorale Palpation des M. digastricus venter ante- ◆ Checkliste/Durchführung Die intraorale Palpation erfolgt mit dem Mittel- oder Zeigefinger des Untersuchers sublingual (unterhalb der Zunge) im Mundboden des Patienten (Abb. 1.35, Abb. 1.37). Hierbei wird der Muskelbauch des M. digastricus venter anterior durch den intraoral befindlichen Finger des Untersuchers leicht in den Mundboden gedrückt und ist dann sowohl intra- als auch extraoral gut palpierbar. Um den Venter anterior des M. digastricus besser gegenüber der restlichen suprahyoidalen Muskulatur im Mundboden abgrenzen zu können, hat sich das Geben eines leichten Widerstands an der Kinnspitze bei der Mundöffnung bewährt. Der V-förmig zur Kinnspitze ziehende M. digastricus venter anterior stellt sich dann deutlich dar. ◆ ◆ Checkliste/Durchführung Alternativ ist die extraorale Palpation des M. digastricus venter posterior möglich. Hierzu umgreift man den Angulus mandibulae und palpiert hinter dem Ramus mandibulae in die Weichteile ein (Abb. 1.36, Abb. 1.38). Der M. digastricus venter posterior ist spürbar durch Umgreifen des Kieferwinkels und leichten Druck hinter dem Ramus mandibulae in die Weichteile. Idealerweise wird der Patient gebeten, während der Palpation kurz zu schlucken. Hierbei schiebt sich der zu palpierende M. digastricus posterior direkt in den palpierenden Finger des Therapeuten. Die vorzuziehende Behandlung dieses Muskels ist jedoch die intraorale Behandlung des M. digastricus venter anterior. ◆ Abb. 1.36 rior. Extraorale Palpation des M. digastricus venter poste- aus: Stelzenmüller u. a., Therapie von Kiefergelenkschmerzen (ISBN 9783131313829) © 2010 Georg Thieme Verlag KG Thieme-Verlag Herr Elm 14 Sommer-Druck Feuchtwangen Stelzenmüller/Wiesner Therapie von Kiefergelenkschmerzen WN 020821/01/02 TN 131382 11.5.2010 Umbruch 1 Anatomische Grundlagen zur Therapie von CMD (nicht nur) für Physiotherapeuten Abb. 1.37 Schematische Darstellung der intraoralen Palpation des M. digastricus venter anterior. Suprahyoidale Muskulatur: Zu den oberen Zungenbeinmuskeln, den Mm. suprahyoidei, gehören neben dem M. digastricus die Mm. stylohyoideus, mylohyoideus und geniohyoideus. Die Mm. geniohyoideus, mylohyoideus sowie der vordere Bauch des M. digastricus sind am muskulären Aufbau des Mundbodens beteiligt. Die oberen Zungenbeinmuskeln beteiligen sich am Kau- und Schluckakt sowie an der Artikulation beim Sprechen und Singen. Bei fixierter Mandibula können die Mm. mylohyoidei den Zungenboden anheben und damit gegen den Gaumen drücken. Das Zungenbein wird dabei mit dem Kehlkopf nach ventrokranial gezogen. Bei Fixierung des Zungenbeins durch die infrahyoidale Muskulatur beteiligen sich die Mm. mylohyoidei an der Öffnungs- und Seitwärtsbewegung des UK (Rauber u. Kopsch 1987). I. A. Kapandji schreibt zur Funktion der supra- und infrahyoidalen Muskulatur und ihrer Wirkung auf die Halsmuskulatur: „[…] dann haben die supra- und infrahyoidalen Muskeln eine flektierende Wirkung auf Kopf und Halswirbelsäule. Zugleich Abb. 1.38 Schematische Darstellung der extraoralen Palpation des M. digastricus venter posterior. reduzieren sie die Lordose der HWS. Die Muskeln haben wesentliche Bedeutung für die Statik der Halswirbelsäule“ (Kapandji 1992). Eine noch viel größere Bedeutung haben die suprahyoidalen Muskeln beim Schluckakt und der Phonation. Der M. digastricus hilft zwar, bei fest stehendem Zungenbein den Mund zu öffnen, viel wichtiger ist aber, dass er beim Schluckakt das Zungenbein anhebt (Benninghoff 2003). Die einzelnen Untersuchungsgänge der Halswirbelsäule (HWS) und der Muskulatur werden z. T. in Kap. 6 im Zusammenhang mit dem Untersuchungsgang verkürzt dargestellt bzw. wiederholt, um lästiges Zurückblättern zu ersparen. Zum Erlernen der Palpation im Bereich der HWS empfiehlt sich das Buch „Anatomie in vivo, Band 2“ von Bernhard Reichert und Wolfgang Stelzenmüller (2007). aus: Stelzenmüller u. a., Therapie von Kiefergelenkschmerzen (ISBN 9783131313829) © 2010 Georg Thieme Verlag KG