postwachstumspolitik wohlstand und lebensqualität für alle

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POSTWACHSTUMSPOLITIK
WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
IMPULSE ZU POLITIKMAßNAHMEN UND KOMMUNIKATIONSSTRATEGIEN
FÜR GESTALTER*INNEN AUS POLITIK, MEDIEN UND ZIVILGESELLSCHAFT
POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
Inhaltsverzeichnis
Vorwort................................................................................................................................... 2
Einleitung – zur Entstehung dieser Broschüre .............................................................................. 3
I.
Politikvorschläge für eine Wirtschaft ohne Wachstum............................................................ 4
1.
Gesamtpolitische Leitbilder ....................................................................................................................4
2.
Umweltpolitische Rahmensetzungen .....................................................................................................5
a)
b)
Begrenzung des Ressourcen- und Energieverbrauchs ......................................................................5
Abbau umweltschädlicher Subventionen ..........................................................................................6
Unternehmen und Märkte .......................................................................................................................7
a)
b)
Unternehmensverfassung und -förderung .........................................................................................7
Produkt- und Werberegulierung .........................................................................................................7
Arbeit und Soziales ..................................................................................................................................8
a)
b)
c)
Neue Arbeitsplätze und Arbeitszeitverkürzung .................................................................................9
Umverteilung .......................................................................................................................................9
Soziale Grundsicherung.....................................................................................................................10
Mobilität und Güterverkehr ...................................................................................................................10
a)
b)
c)
Verkehrsvermeidung .........................................................................................................................11
Regionale Wirtschaftskreisläufe ........................................................................................................11
Internalisierung von Umweltkosten über Steuern ...........................................................................11
Landwirtschaft und Ernährung .............................................................................................................12
a)
b)
c)
Massentierhaltung abschaffen ..........................................................................................................12
Umstellung auf biologische und solidarische Landwirtschaft.........................................................13
Biologische und pflanzliche Ernährung ............................................................................................14
Demokratie und gesellschaftliche Partizipation ..................................................................................14
a)
b)
c)
Stärkung demokratischer Strukturen und Verfahren ......................................................................14
Regulierung und Einschränkung von Lobbyismus ..........................................................................15
Stärkung der organisierten Zivilgesellschaft ....................................................................................15
Finanzmärkte .........................................................................................................................................16
a)
b)
Verkleinerung, Entflechtung und Stabilisierung des Finanzsektors ...............................................16
Investitionen in öffentliche Hand ......................................................................................................16
3.
4.
5.
6.
7.
8.
II.
Kommunikationswege für eine Wachstumswende ............................................................... 18
1.
Ein Plädoyer für neue Kommunikationsformate..................................................................................18
2.
Beispiele für kreative Kommunikationsformate ..................................................................................20
3.
Die Medien vom Wachstum befreien ....................................................................................................21
4.
Kommunikation in die Politik................................................................................................................24
III. Ausblick: Eine, zwei, viele Enquete-Kommissionen? ............................................................ 26
Literaturverweise .................................................................................................................. 32
1
POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
Vorwort
Die Frage nach den Alternativen zum allgegenwärtigen Wachstumszwang unserer Wirtschaft
hat die Republik niemals mehr bewegt als zu den
Zeiten der Enquete-Kommission „Wachstum,
Wohlstand, Lebensqualität“ (WWL) im Deutschen
Bundestag. In dieser recht kurzen Zeitspanne von
Anfang 2011 bis Mitte 2013 wurde das Thema
„Wachstum und Wohlstand“ in seiner Gesamtheit
oder einzelne Aspekte davon in den meinungsführenden Medien rauf und runter diskutiert. Und
was man auch immer von dieser Enquete und
ihren Ergebnissen halten mag – eines hat sie geleistet: Sie hat für zwei Jahre eine öffentliche
Plattform in Deutschland geschaffen, einen Ort
zum Streiten und der Suche nach Lösungen für
diese zukunftsentscheidenden Fragen.
Die Stille nach der Enquete war erschreckend und
führte dazu, dass ich im September 2014 auf der
Degrowth-Konferenz in Leipzig ein Brainstorming-Treffen organisierte. Dort wurde diskutiert,
wie man das Thema im öffentlichen Diskurs voranbringen könne. Damit folgte ich einer einfachen Idee, die ich schon als damaliges Mitglied
des Bundestages und der Enquete für Bündnis
90/Die Grünen skizziert hatte: Wenn es die Politik
nicht macht, muss man es halt selber machen!
Warum also nicht eine „Zivile Enquete“ einrichten, um dieses Jahrhundertthema im Zusammenwirken mit Aktivist*innen einer Postwachstumsgesellschaft, mit Wissenschaftler*innen, engagierten Politiker*innen und Medienschaffenden
zu diskutieren und Lösungen zu entwickeln? Das
Feedback beim Brainstorming in Leipzig war positiv und ich bekam das Mandat, ein Folgetreffen
zu organisieren. Aus diesem einen sind zehn geworden, das Netzwerk ist auf über 150 Menschen
angewachsen und auf den vierteljährlichen Treffen wird heiß zur Wachstums- und Wohlstandsfrage diskutiert.
Seit September 2016 wird die „Zivile Enquete
Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ durch
das Projekt „Fokus Wachstumswende“ unterstützt, welches im Rahmen der Verbändeförderung durch das Umweltbundesamt (UBA) und das
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz,
Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) finanziert
wird. Dem UBA gebührt dafür großer Dank. Über
den Förderverein Wachstumswende e.V. als
Träger konzipieren und koordinieren seitdem
Miriam Boschmann (Projektleitung) und Jana
Holz die regelmäßigen Netzwerktreffen, die beiden öffentlichen Veranstaltungen im Dezember
2016 (Fishbowl-Diskussion „Politik ohne Wachstum“) und im Juli 2017 (Konferenz „Postwachstums-Politiken in Zeiten des Rechtspopulismus“)
sowie die vorliegende Arbeit. Mit ihnen ist all den
vielen Menschen zu danken, die sich mit Engagement und Leidenschaft bei der Arbeit im Netzwerk und bei der Erstellung dieser Broschüre
beteiligt haben. Darüber hinaus gilt den vielen Institutionen, die direkt oder über ihre Mitarbeiter*innen daran beteiligt waren und sind, unser
Dank. Mehr Informationen über die Unterstützer*innen des Projekts finden Sie auf der Webseite: www.fokus-wachstumswende.de.
Die Arbeit in und mit der „Zivilen Enquete“ ist eine
große Freude – es ist ein Privileg, mit all diesen
großartigen Menschen zusammen zu arbeiten.
Ich wünsche mir, dass diese Broschüre dazu beiträgt, das Thema einer Postwachstumsgesellschaft dahin zu bringen, wohin es gehört: Auf die
offene Bühne, um darüber zu streiten!
Prof. Dr. Hermann E. Ott | Schirmherr und Vorsitzender des Beirats von „Fokus Wachstumswende“;
Senior Advisor beim Wuppertal Institut für Klima,
Umwelt, Energie; Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde; Präsidium des Deutschen Naturschutzrings | [email protected]
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POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
Einleitung – zur Entstehung dieser Broschüre
Diese Broschüre versteht sich als Impulsgeber
für Multiplikator*innen aus Politik, Medien und
Zivilgesellschaft. Sie soll Entscheidungsträger*innen dazu einladen, sich inhaltlich mit den aus
Postwachstumsperspektive notwendigen Politikmaßnahmen auseinanderzusetzen und überzeugende Vorschläge in ihre politischen Agenden
aufzunehmen. Multiplikator*innen können sich
inspirieren lassen und Anregungen aufgreifen, um
die Idee einer Postwachstumsgesellschaft salonund mehrheitsfähig zu machen.
Dieses Papier ist ein Gemeinschaftswerk von vielen Menschen, die sich zwischen Oktober 2016
und Juli 2017 im Rahmen des Projekts Fokus
Wachstumswende in der Zivilen Enquete
„Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ engagiert haben. Das Netzwerk hat sich in diesem Zeitraum während und zwischen den Vernetzungstreffen in fünf Arbeitsgruppen (AG) mit folgenden
Fragestellungen befasst:
❖ AG Politikvorschläge: Welche Politikvorschläge ebnen den Weg in eine Postwachstumsgesellschaft?
❖ AG Kommunikationsstrategien: Wie können
Elemente der wachstumskritischen Diskussion
Eingang in breitere gesellschaftliche Debatten
finden?
❖ AG Medien-Kommunikation: Mit welchen
Narrativen kann das abstrakte Themenfeld
„Postwachstum“ bzw. „Degrowth“ in die
Mainstream-Medien transportiert werden?
❖ AG Lobbystrategien: Wie können zivilgesellschaftliche Akteure wachstumskritische Inhalte und entsprechende Politikvorschläge effektiver in den politischen Prozess einspeisen?
❖ AG Enquete-Kommission: Welche Rolle können dabei die Erkenntnisse der letzten
Enquete-Kommission (EK) sowie eventuell
weitere EK des Bundestages einnehmen?
In dieser Broschüre wurden die Ergebnisse der
AGs durch mehrere AG-Mitglieder verarbeitet:
Im ersten Kapitel werden zentrale Vorschläge für
Politikmaßnahmen aufgeführt, die eine ökologisch nachhaltige Wirtschaft ohne Wachstum ermöglichen würden. Sie sollen der bislang stark
wachstumsfixierten Politik und dem TINA-Mantra
(„There is no Alternative“) Alternativen entgegensetzen, die zeigen, wie eine Postwachstumsgesellschaft politisch gestaltet werden kann. Die
Politikvorschläge sollen Entscheidungsträger*
innen aus Politik und Zivilgesellschaft als Anregung dienen und neue politische Handlungsoptionen eröffnen. Es handelt sich dabei um Ansätze,
die im Postwachstumsdiskurs viel debattiert werden. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit liegt der
Fokus auf denjenigen Maßnahmen, die einen
deutlichen Bezug zur Wachstumskritik haben.
Im zweiten Kapitel werden verschiedene Kommunikationswege aufgezeigt, wie die Visionen
und Grundhaltungen, auf denen die Politikvorschläge basieren, in andere Formate und Narrative übersetzt und auf verschiedene Arten und
Weisen in Medien, Politik und breitere gesellschaftliche Kreise transportiert werden können.
Hier finden sich Erkenntnisse der MedienKommunikationsgruppe und der AG Kommunikationsstrategien wieder.
Das dritte Kapitel gibt einen Ausblick in Bezug
auf die Möglichkeit, die Wachstumswende in eine
neue EK des Bundestags zu tragen. In diesem Rahmen werden verschiedene Teilbereiche des Feldes der Postwachstumspolitiken beleuchtet und
auf ihre Anschlussfähigkeit an aktuelle politischen Themen untersucht, um somit die
aussichtsreichsten Themenfelder für weitere
Enquete-Kommissionen zu identifizieren.
Miriam Boschmann | Projektleitung Fokus Wachstumswende | [email protected]
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POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
I. Politikvorschläge für eine Wirtschaft ohne Wachstum
Von: Miriam Boschmann | Gerolf Hanke | Elena Hofmann | Theresa Klostermeyer | Kai Kuhnhenn |
Dr. Steffen Lange | Wolfgang Lührsen
1. Gesamtpolitische Leitbilder
Mit dem Stabilitäts- und Wachstumsgesetz von
1967 wurde ein „stetiges und angemessenes
Wirtschaftswachstum“ als Staatsziel der Bundesrepublik Deutschland festgeschrieben. Im
Zuge der Finanzkrise 2008 wurde mit dem Wachstumsbeschleunigungsgesetz von 2009 versucht,
Wachstum zusätzlich zu fördern. Heute sind jedoch viele Expert*innen der Meinung, dass weiteres Wachstum mit den erhofften und tatsächlich
zu erwartenden Raten weder möglich („säkulare
Stagnation“) noch erstrebenswert ist.
Politikmaßnahmen, die ein stetiges Wachstum
des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zum Ziel haben, stehen im Widerspruch zur ökologischen
Nachhaltigkeit und sind oft nicht an sozialer Gerechtigkeit ausgerichtet. Wirtschaftliches Wachstum hat sich über die Jahre hinweg in einen
Selbstzweck verwandelt, während die Lebensqualität und die Bedürfnisse der Bevölkerung aus
dem Blickfeld geraten sind. Zudem forciert die
Wachstumslogik in ökologischer Hinsicht eine
massive Ressourcenausbeutung, die zu irreparablen, langfristigen Schäden im Ökosystem und
zu problematischen Abhängigkeits- und Ausbeutungsverhältnissen in der globalisierten Wirtschaft führt.
Der hohe Verbrauch natürlicher Ressourcen und
die damit zwangsläufig verbundenen Emissionen,
Abfallprodukte und Landschaftsveränderungen
sind die Hauptursache für das Überschreiten planetarer Grenzen (Steffen et al. 2015), die eine
Gefährdung der Stabilität globaler Ökosysteme
signalisieren und somit der Menschheit die
existenzielle Lebensgrundlage entziehen. Eine
absolute und erhebliche Senkung des Ressourcenverbrauchs (und damit einhergehend der
Emissionen) bei zugleich wachsender Weltbevölkerung und legitimen Wohlstandsansprüchen
unterversorgter Weltregionen ist notwendig, um
in Zukunft nachhaltig und gerecht innerhalb der
planetaren Grenzen zu wirtschaften.
Diese Herausforderung betrifft insbesondere die
frühindustrialisierten Länder des 'Globalen Nordens', deren Pro-Kopf-Ressourcenverbrauch um
ein Mehrfaches über dem global nachhaltigen
Maß liegt. Dabei wird auch Zeit eine knappe Ressource: Je länger der bisherige, quantitative
Wachstumspfad verfolgt wird, umso massivere
politische Eingriffe werden erforderlich sein, um
das steigende Belastungsniveau und somit den
Umweltverbrauch wieder zu senken.
Die Anhänger*innen des „Green Growth“ sind bisher sowohl den theoretischen als auch den praktischen Nachweis darüber, dass weiteres Wachstum des BIPs unter Einhaltung der planetaren
Grenzen möglich ist, schuldig geblieben. Als
Beleg hierfür kann der ökologische Fußabdruck
der EU dienen, der mit 4,9 gha (Globalhektar) pro
Person und Jahr weit über dem Zielwert von 1,7
gha liegt (Global footprint network 2017). Zudem
liegen die Treibhausgasemissionen Deutschlands
trotz Energiewende auch pro Kopf weit über dem
europäischen Durchschnitt (European Environment Agency 2016).
Daher ist in den Ländern des 'Globalen Nordens'
eine wachstumsunabhängige Gestaltung der
4
POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
Wirtschaft, Gesellschaft und Politik notwendig,
um ein gutes Leben für alle zu ermöglichen. Die
Politik sollte darauf ausgerichtet sein, dass gemeinnützige Bereiche (z.B. der Pflegesektor oder
der öffentliche Raum) wachsen und das Gemeinwohl schädigende Bereiche (z.B. der Straßenverkehr) sinken.
Die Umgestaltung der Politik sollte deshalb durch
folgende Leitbilder geprägt sein:
1. Wirtschaftliches Wachstum als Staatsziel ist
durch Nachhaltigkeitsziele, die sich an dem
Konzept der Umweltgerechtigkeit orientieren,
zu ersetzen.
2. Alternative Wohlstandsindikatoren sollen das
BIP als Richtschnur für die Politik ablösen.
Das BIP hat sich, obwohl es ursprünglich nicht als
solcher vorgesehen war, als primärer Indikator für
den Wohlstand eines Staates etabliert. Aufgrund
seit langem bekannter Schwächen (positive
Berücksichtigung von Schäden, fehlende Berücksichtigung externalisierter Kosten oder unbezahlter Reproduktionsarbeit, teilweisen Schätzungen) ist das BIP durch einen oder mehrere
Wohlstandsindikatoren zu ersetzen. Diese alternativen Indikatoren (z.B. Nationaler Wohlfahrtsindex - NWI) sind regelmäßig auf regionaler und
nationaler Ebene zu berechnen und bei der
Planung und Umsetzung von Gesetzen zu berücksichtigen.
Allerdings ändern neue Indikatoren allein noch
nicht automatisch die Prioritäten der Politik, da
diese von Interessenvertretungen und Mächteverhältnissen beeinflusst werden. Auch gilt es zu
bedenken, dass eine ökonomische Inwertsetzung
von Natur in Form von „Naturkapital“ nicht unbedingt zu mehr Wertschätzung und Schutz von
Ökosystemen führt. Daher ist zu empfehlen, darüber hinaus Methoden der Wertschätzung und
Wohlstandserfassung jenseits von Geldwerten zu
erarbeiten und einzuführen.
2. Umweltpolitische Rahmensetzungen
Es war eine der im Konsens getroffenen und
grundlegenden Feststellungen der EnqueteKommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“, dass die Grenzen unserer Erde auch die
Grenzen der Politik definieren (vgl. Bundestag
2013: 356 ff.). Bei der Gestaltung aller Politikinstrumente kommt man somit nicht mehr umhin,
die planetaren Grenzen und lokalen Umweltüberlastungen ernst zu nehmen. Das Ziel eines nachhaltigen, global gerechten Wirtschaftens kann mit
einer Reihe einzelner Politikmaßnahmen in je
unterschiedlichen Sektoren und in verschiedenen
politischen Arenen verfolgt werden (s. Abschnitt 3
bis 8). Einige grundsätzliche Vorschläge seien
vorangestellt:
a) Begrenzung des Ressourcen- und
Energieverbrauchs
Seit der industriellen Revolution im 18./19. Jahrhundert hat der Umweltverbrauch rasant zugenommen. Dies steht in engem Zusammenhang
mit einer ebenfalls rasanten Steigerung der
Arbeitsproduktivität. Neue Produktionstechnologien wurden eingeführt. Diese haben auf der
einen Seite zu einem erhöhten Einsatz von physischem Kapital und natürlichen Ressourcen
geführt. Auf der anderen Seite hatten sie einen geringeren Bedarf an Arbeit pro Wertschöpfungseinheit zur Folge. Eine zentrale Grundvoraussetzung
für diese Dynamik ist neben technologischen und
organisatorischen Innovationen die preiswerte
Verfügbarkeit von Rohstoffen, insb. von Energie.
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POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
Eine zentrale Ursache für die (zu) billige Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen ist die geringe
Besteuerung derselben bei zugleich starker Besteuerung des Produktionsfaktors Arbeit. Abhilfe
kann folglich die Verlagerung der Steuerlast von
Arbeit auf Ressourcenverbrauch schaffen (zur
steuerlichen Entlastung von Arbeit s. Abschnitt
4a.). Das Ausmaß der Ressourcenbesteuerung
muss dabei sukzessive soweit angehoben werden, dass der Ressourcenverbrauch auf ein nachhaltiges Maß zurückgeht. Eine ähnliche Wirkung
kann durch die absolute Deckelung bestimmter
Ressourcen bzw. Umweltbelastungen erzielt
werden.
Ressourcensteuern oder -deckel können sich
entweder direkt auf die Nutzung von Ressourcen
(fossile Energieträger, Rohstoffe, Flächen etc.)
oder indirekt auf die Belastung von Senken (Emissionen, Gewässerbelastungen etc.) beziehen. Die
durch ökologische Steuern generierten Einnahmen sollten zur Finanzierung der sozial-ökologischen Transformation verwendet werden (s. Ökobonus in Abschnitt 4c). Erste Schritte können je
nach Kontext auf verschiedenen politischen Ebenen gemacht werden. Mögliche Maßnahmen
sind:
1. Umweltschädliche und knappe Rohstoffe
möglichst im Boden belassen (in Deutschland
und weltweit), bereits extrahierte Rohstoffe
vollständig recyceln;
2. Festlegung verbindlicher Emissionsobergrenzen für CO2 (kommunal, national, international) und wirksamer Sanktionen bei Nichteinhaltung
3. Einführung einer CO2 -Steuer mit Zielwert 80€/t
CO2 (vgl. co2abgabe.de) als Alternative bzw.
Ergänzung zum ineffektiven europäischen
Emissionshandel;
4. Flächen- und Baumoratorien einrichten (weitere Versiegelung/Bebauung von Flächen nur
bei gleichzeitiger Entsiegelung in gleichem
Umfang), wobei die Hierarchie im Naturschutz
(Vermeidung vor Minimierung vor Kompensation) zu achten und zu stärken ist.
b) Abbau umweltschädlicher Subventionen
Laut Umweltbundesamt gewährte Deutschland
allein auf Bundesebene im Jahr 2012 umweltschädliche Subventionen in Höhe von mindestens 57 Mrd. Euro, insbesondere in der Energiewirtschaft, im Verkehrssektor und in der Landwirtschaft (Umweltbundesamt 2016). Dadurch
werden umweltorientierte Politikmaßnahmen,
etwa im Bereich Klimaschutz, konterkariert und
internationale Vereinbarungen (wie insbesondere
die Agenda 2030) unterlaufen. Alle umweltschädlichen Subventionen sind daher im Rahmen eines
ambitionierten Zeitplans abzubauen und in Maßnahmen der sozial-ökologischen Transformation
umzulenken. Dabei ist auf die sozial-gerechte
Ausgestaltung der Transformation zu achten.
Konkrete Beispiele finden sich in den folgenden
Abschnitten.
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POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
3. Unternehmen und Märkte
Es ist zentral für die Entwicklung der Wirtschaft,
welche Bedingungen auf den Märkten der Volkswirtschaften herrschen und welche Typen von
Unternehmen auf ihnen interagieren. Als ein
wichtiger Vorschlag für die Gestaltung von Märkten in Postwachstumsökonomien wurde bereits
die Begrenzung der Nutzung von Natur, Ressourcen und Senken genannt (s. Abschnitt 2). Die genannten umweltpolitischen Maßnahmen, die die
Natur- und Ressourcennutzung für Unternehmen
verteuern bzw. erschweren, würden damit kostenbedingte Benachteiligungen ökologisch handelnder Unternehmen im Wettbewerb abbauen.
Darüber hinaus müssen weitere Rahmenbedingungen so gesetzt werden, dass ökologische, soziale und demokratische Ausrichtungen von Unternehmen unterstützt bzw. gegenteilige Ausrichtungen verhindert werden. Besonders sollte es
um die Förderung von lokal verankerten und
gesellschaftlich eingebetteten Unternehmen gehen, die soziale Verantwortung übernehmen. In
diesen Umgestaltungsprozess sollten die in den
Betrieben Beschäftigten partizipativ eingebunden werden.
a) Unternehmensverfassung und -förderung
Die rechtlichen und steuerlichen Rahmenbedingungen unserer Wirtschaft sind derzeit auf sogenannte shareholderorientierte Unternehmen
(insbesondere börsennotierte Kapitalgesellschaften) ausgerichtet. Diese Unternehmen nutzen
Gewinne vor allem für umsatzsteigernde Investitionen und Dividendenzahlungen. Sie tragen damit
sowohl zu wirtschaftlichem Wachstum (durch die
hohen Investitionen) als auch zu steigender Ungleichheit bei (da Unternehmensbesitz sehr
ungleich verteilt ist). Sozial und ökologisch wirtschaftende Unternehmen haben es unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen hingegen
schwerer, da sie mit vielfältigen rechtlichen und
finanziellen Nachteilen konfrontiert sind (Gebauer et al. 2017). Die Wirtschaftspolitik sollte
stattdessen darauf ausgerichtet werden, gemeinwohlorientierte Unternehmen besserzustellen
und allen Unternehmen Anreize zu bieten, im
Sinne des Gemeinwohls zu wirtschaften.
Dies beinhaltet folgende Maßnahmen:
1. Reform des Aktiengesetzes, in der die Pflicht
zur Gewinnmaximierung aufgehoben und
stattdessen das Wohl der Stakeholder und die
Erhaltung von Gemeingütern verankert werden (vgl. Bender/Bernholt 2017);
2. eigene oder erweiterte Rechtsform für demokratisch-partizipativ ausgerichtete, nicht primär gewinnorientierte Unternehmen, welche
die Binnenlogik dieser Unternehmensformen
aufnimmt und zugleich den bürokratischen
Aufwand begrenzt (vgl. Reichel 2013 und Zentralverband deutscher Konsumgenossenschaften 2016);
3. verpflichtende Ausrichtung an sozialen, ökologischen und regionalen Kriterien und Bevorzugung demokratisch partizipativ ausgerichteter Betriebe bei der Vergabe öffentlicher
Aufträge, Immobilien und Flächen (Auswahl
bspw. Anhand eines einheitlichen ReportingSystems für o.g. Kriterien).
b) Produkt- und Werberegulierung
Unternehmen in Wachstumsökonomien müssen
auf einem Konkurrenzmarkt bestehen und richten daher ihr Handeln primär an der Generierung
von Gewinnen aus – worunter die Sinnhaftigkeit
oder Qualität der Produkte oft ins Hintertreffen
geraten. Dies mündet in Unternehmensstrategien
zur Steigerung der Nachfrage nach ihren Produkten. Die Erhöhung der Nachfrage wird von
wachstumsorientierten Unternehmen durch eine
Kombination mehrerer Ansätze gesteigert, etwa
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POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
eine hohe Frequenz in der Markteinführung neuer
Produkte, die limitierte Verfügbarkeit von Einzelund Ersatzteilen oder die Begrenzung der Lebensdauer von Produkten (geplante Obsoleszenz).
Zum anderen wird der Absatz von Produkten und
insbesondere von neu eingeführten Angeboten
durch intensive Werbung befördert. Diese fördert
darüber hinaus die ökologisch schädliche Konsum- und Wegwerfkultur und erschwert die Entwicklung suffizienter Konsummuster Anstelle
eines möglichst hohen Produktabsatzes rückt der
Fokus von Unternehmen mit Postwachstumsansätzen auf die Produktion ökologisch und funktional hochwertiger Produkte mit einer langen
Lebensdauer. Unternehmenspraktiken wie ein
weitgehender Verzicht auf Werbung, die Schaffung von Reparaturmöglichkeiten und individuelle Beratungsangebote ermöglichen und unterstützen die gesellschaftliche Etablierung eines
suffizienten Lebensstils.
Um suffizienzorientierte Ansätze von Unternehmen zu fördern, können politische Weichenstellungen insbesondere an fünf Stellschrauben ansetzen:
1. Begrenzung von Anreizen und Möglichkeiten
der Platzierung von Werbung durch Aufhebung der direkten Steuerabzugsfähigkeit von
Werbeausgaben;
2. Verbot von Außenwerbung im Gemeingut des
öffentlichen Raums (wie es bspw. in São
Paulo, Brasilien seit 2007 existiert) und stärkere Regulierung von Werbung in Medien,
insb. Fernsehen und Social Media;
3. reduzierter Mehrwertsteuersatz für Reparaturleistungen (wie er bspw. in Skandinavien
bereits existiert);
4. Unterstützung der Produktion langlebiger und
reparabler Produkte durch eine signifikante
Verlängerung gesetzlicher Gewährleistungsund privater Garantiezeiten;
5. Stärkung von Reparaturmöglichkeiten, indem
Unternehmen in die Pflicht genommen werden, Ersatzteile anzubieten und deren Nachbau durch Open-Source-Modelle zu ermöglichen;
6. Verbot des vorsätzlichen Einbaus minderwertiger Ersatzteile (am Beispiel Frankreichs).
4. Arbeit und Soziales
Eine zentrale Aufgabe der Politik ist es, für die
Teilhabe aller an gesellschaftlichen Tätigkeiten
und gesellschaftlichem Reichtum zu sorgen. Bisher ist diese Teilhabe abhängig vom Wachstum,
da sowohl finanzielle soziale Absicherung als
auch gesellschaftliche Integration primär über
Lohnarbeit organisiert werden. Lohnarbeit wiederum ist – bei konstanten Arbeitszeiten – auf
Wirtschaftswachstum angewiesen, um den durch
permanente Produktivitätssteigerungen induzierten Wegfall von Arbeitsplätzen ausgleichen zu
können. Diese Kopplung von Lohnarbeit, Sicherung und Teilhabe wird in Frage gestellt, wenn
wirtschaftliches Wachstum in Zukunft ausbleibt –
unabhängig davon, ob dies aufgrund bereits
stattfindender ökonomischer Mechanismen
(Stichwort Säkulare Stagnation) oder aufgrund
noch einzuführender, starker ökologischer Leitplanken (s. Abschnitt 2) stattfindet. In einer Postwachstumsgesellschaft sollen hingegen möglichst alle Menschen ökonomisch und gesellschaftlich teilhaben können – in höherem Maße
als es derzeit der Fall ist.
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POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
a) Neue Arbeitsplätze und
Arbeitszeitverkürzung
Auf der einen Seite wird für die nächsten Jahre
eine zunehmende Digitalisierung und Automatisierung in vielen Bereichen vorhergesagt. Dies
würde bei ausbleibendem Wirtschaftswachstum
und gleichbleibenden Arbeitszeiten einen starken
Anstieg der Arbeitslosigkeit bedeuten. Diese Entwicklung wird durch Phänomene wie Commonsbased Peer Production und Sharing verstärkt, da
hierdurch wirtschaftliche Tätigkeiten zunehmend
außerhalb des Marktes stattfinden. Ob ein ökologisch orientierter Strukturwandel mit mehr materiellen und sozialen Dienstleistungen anstelle von
Güterproduktion diese Effekte ausgleichen kann,
ist nicht sicher. Bei abnehmendem oder stagnierendem Erwerbsarbeitsvolumen einer Gesellschaft jenseits des Wachstums könnte hingegen
die individuelle Arbeitszeit verkürzt werden, um
allen die Option auf Erwerb einerseits und eine
Work-Life-Balance andererseits zu ermöglichen.
Folgende Arbeitsmarktpolitiken können dies
fördern:
1. Eine Entlastung des Faktors Arbeit in den
Lohnnebenkosten (nicht in den Nettolöhnen)
insbesondere für niedrige und mittlere Einkommen – v.a. durch eine anderweitige Finanzierung der Sozialversicherungssysteme
(bspw. durch höhere Besteuerung von Naturverbrauch, s. Abschnitt 2) und durch geringere
Steuern auf niedrige Einkommen;
2. finanzielle Anreize zur Einführung kurzer Vollzeit (ca. 30h) mit Lohnausgleich für untere und
mittlere Einkommen;
3. stärkere rechtliche Ansprüche auf Teilzeitarbeit mit garantierten Rückkehrmöglichkeiten
und Job-Sharing.
b) Umverteilung
Eine verbreitete Annahme ist, dass durch eine
wachsende Wirtschaft alle profitieren: „A rising
tide lifts all boats“. Obgleich dies in den letzten
dreißig Jahren über weite Phasen nicht mehr der
Fall war, wird das Problem sozialer Ungleichheit
in einer nicht wachsenden Ökonomie potentiell
verstärkt. Denn wenn die bestehenden, Ungleichheit verstärkenden wirtschaftlichen Strukturen
nicht verändert werden, würden die Wohlhabenden in einer nicht mehr wachsenden Ökonomie
immer noch wohlhabender werden. Dies würde
gleichzeitig absolute Verluste für die unteren Einkommensschichten unumgänglich machen.
Um die sozial-ökologische Transformation gerecht zu gestalten, bedarf es daher einer gerechten Umverteilung von Einkommen und Vermögen. Zentrale Maßnahmen zur Stärkung der
sozialen Absicherung und gesellschaftlichen
Teilhabe unterer Einkommensschichten und
Nichterwerbspersonen, sowie des Erhalts von
Mittelschichten sind:
1. Erhöhung von Vermögens-, Kapitalertragsund Erbschaftssteuern auf nationaler und europäischer Ebene, einschließlich einer Finanztransaktionssteuer;
2. Reform der Unternehmenssteuern auf internationaler bzw. europäischer Ebene, um Steuerwettbewerb zu vermeiden und das Steueraufkommen zu erhöhen;
3. Erhöhung staatlicher Ausgaben für Bildung,
Gesundheit und Renten für untere Einkommensschichten;
4. Ausbau eines solidarischen Sozialversicherungssystems, in das alle Bürger*innen
entsprechend ihrer gesamten Einkommen
(Lohneinkommen und Kapitaleinkommen)
einzahlen.
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POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
c) Soziale Grundsicherung
Innerhalb des Postwachstumdiskurses wird über
verschiedene Modelle einer sozialen Grundsicherung nachgedacht. Solche Erwägungen gewinnen
vor dem Hintergrund zunehmender Automatisierung durch Digitalisierung nochmals erheblich an
Bedeutung. Die grundsätzliche Idee eines Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) findet
daher viel Zuspruch. Beim BGE kommen die Argumente zu Arbeit und Umverteilung zusammen:
Menschen, die ihre Erwerbsarbeit verlieren, wird
eine finanziell abgesicherte Existenzbasis ohne
Gesichtsverlust ermöglicht oder der Einstieg in
eine andere Tätigkeit erleichtert. Gleichzeitig
kann ein BGE eine sozial-ökologische Transformation unterstützen. Der freigesetzte Zeitwohlstand eröffnet ein Experimentierfeld für selbstgewählte Lebensstile jenseits der Wachstumstretmühle „mehr Erwerbsarbeit – mehr Stress – mehr
Kompensationskonsum“.
Die Einführung eines BGE (in einer Höhe, die wirklich für eine Basissicherung reicht) würde eine
starke Veränderung der Arbeits- und Sozialpolitik
darstellen. Folgende erste Schritte können zunächst parallel zum gegenwärtigen System sozialer Sicherung gegangen werden:
1. Garantie eines ausreichenden Einkommens
auch bei Teilzeitarbeit durch armutsvermeidende soziale Sicherung (Anpassung bestehender lohnabhängiger Sicherungssysteme
oder schrittweiser Umstieg auf ein BGE);
2. Großräumige Modellversuche mit dem BGE,
Forschungsprogramme über die ökonomischen, kulturellen und sozialen Auswirkungen;
3. Ausprobieren des Prinzips des individuellen
materiellen Rechtsanspruchs durch einen
Ökobonus. D.h., jede*r Bürger*in bekommt
eine Prämie ausgezahlt, die aus den Einnahmen ökologischer Steuerungsinstrumente generiert wird (s. Abschnitt 2);
4. Entwicklung von Konzepten und Auszahlungsvarianten (z.B. negative Einkommenssteuer)
und ihre versuchsweise und/oder sukzessive
Einführung.
5. Mobilität und Güterverkehr
Der Energieverbrauch sowie die CO2-Emmissionen im Verkehrsbereich steigen ebenso wie der
Flächenverbrauch durch Verkehrsinfrastruktur in
Deutschland weiter an. Neben den damit verbundenen ökologischen Schäden führt besonders der
motorisierte Individualverkehr zu Gesundheitsschäden durch Abgase und zu hohen Risiken für
Leib und Leben durch Unfälle. Laut statistischem
Bundesamt sind allein im Jahr 2016 in Deutschland etwas mehr als 3200 Menschen bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen und fast 400.000
verletzt worden (Statistisches Bundesamt 2017).
Gleichzeitig nehmen Produktion und Kauf hochmotorisierter Pkw und die Anzahl von Flugreisen
zu. Ein Gegensteuern zu diesen Trends ist sowohl
im Nah-, Fern- sowie im Güterverkehr notwendig,
um ökologische und soziale Schäden zu verringern. Hierfür liegen eine Reihe von Vorschlägen
anderer Akteure vor (vgl. z.B. Wolf 2007, Bracher
et al. 2014, Erhard et al., 2014, Brand/Wissen
2017). Um eine Doppelung zu vermeiden, fokussieren wir auf diejenigen verkehrspolitischen
Maßnahmen, die besonders starke wachstumskritische Bezüge herstellen.
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POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
a) Verkehrsvermeidung
Auch aus dem Blickwinkel des Postwachstumsdiskurses gilt es aus der Trias Vermeidung/Verlagerung/Effizienz alle drei Strategien zu verfolgen.
Der Fokus muss allerdings viel stärker als bisher
auf die Vermeidung von Verkehr gelegt werden.
Für einen nachhaltigen Verkehrssektor ist die
Reduktion des Verkehrs durch Siedlungs- und
Wirtschaftspolitik entscheidend, nicht jedoch z.B.
ein alleiniger Fokus auf der Durchsetzung von
Elektromobilität oder Wasserstoffantrieben.
Maßnahmen können in diesem Sinne sein:
1. Neuausrichtung und Ausbau des öffentlichen
Verkehrs durch Ausbau des ÖPNV (auch im
Hinblick auf digital unterstützte, modalübergreifende Mobilitätslösungen), kostenlosen/günstigen ÖPNV, Vergesellschaftung der
Bahn und Bahninfrastruktur, Wiedereinführung und Ausbau des Nachtzugverkehrs;
2. Beeinflussung der Pkw-Flottenzusammensetzung durch Abschaffung des Dienstwagenprivilegs, Einführung eines Tempolimits;
3. Erhöhung der Attraktivität des Radverkehrs
durch Ausbau der Radverkehrswege, Schaffung von Fahrradabstellmöglichkeiten, Bau
von durchgängigen Fahrradnetzen, kostenloser Radverleih und Förderung von Lastenradkollektiven;
4. ordnungsrechtliche Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs durch Einführung
autofreier Tage und Ausweitung autofreier
Zonen;
5. gerechte Übergangslösungen (just transition)
für Arbeiter*innen der motorisierten Mobilitätsindustrie schaffen.
b) Regionale Wirtschaftskreisläufe
Eine zentrale Idee aus Postwachstumsperspektive ist die Förderung regionaler gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Zusammenhänge. Hiermit sind keine „gated communities“, also geschlossene, eingegrenzte Einheiten, gemeint,
sondern eine Regionalisierung von Güterkreisläufen bei gleichzeitiger Offenheit für den Austausch
von Personen, Ideen und Kulturen (Open Localism). Eine verkehrsvermeidende Stadt-, Siedlungs- und Wirtschaftspolitik könnte durch folgende Maßnahmen gestaltet werden:
1. Ausbau-Moratorium für den Straßenbau und
eine kritische Prüfung aller Projekte des Bundes; Einführung einer ökologischen Bilanzierung für den Bundesverkehrswegeplan;
2. Parkraumverknappung;
3. Regionalisierung der Wirtschaftskreisläufe
(z.B. indem die öffentliche Auftragsvergabe an
ökologische und räumliche sowie soziale Kriterien gekoppelt wird);
4. Reform der Grunderwerbssteuer mit dem Ziel,
die Attraktivität des Grundstückskaufs in Neuerschließungsgebieten zu mindern und den
Kauf von Bestandsimmobilien zu fördern.
c) Internalisierung von Umweltkosten
Eine weitere zentrale Forderung ist die Internalisierung der Umweltkosten des Verkehrs über die
Anpassung und Einführung von Steuern sowie die
Abschaffung von Steuererleichterungen (s. Abschnitt 2). Allerdings kann eine Verteuerung des
Verkehrs die Unterteilung in diejenigen (reichen)
Bevölkerungsteile, die sich Mobilität leisten können und diejenigen (armen) Bevölkerungsteile,
deren Mobilität geringer ist, verschärfen. Um dies
zu verhindern, muss gleichzeitig der öffentliche
Verkehr sowie der nicht-motorisierte Individualverkehr ausgebaut, für alle Menschen zugänglich
und attraktiv gemacht werden.
Wir schlagen folgende Maßnahmen vor:
1. Reduktion des Flugverkehrs durch Erhöhung
der Luftverkehrssteuer und Abschaffung der
Steuerbefreiungen im Flugverkehr sowie der
Subventionierung von Regionalflughäfen;
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POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
2. Abbau der Subventionierung des motorisierten Individualverkehrs und Güterverkehrs
durch Erhöhung der Energiesteuern, umweltgerechte Revision der Kfz-Steuer, Einführung
ökologischer Citymaut und Besteuerung von
Schweröl.
Die zusätzlichen Einnahmen bzw. gesparten Ausgaben könnten z.B. zur Finanzierung des Ausbaus
des Radwegenetzes sowie für kostenlose Leihfahrräder verwendet werden. Auf diese Weise
würde auch die gesellschaftliche Akzeptanz dafür
erhöht werden.
6. Landwirtschaft und Ernährung
Landwirtschaft und Ernährung sind zentrale Lebens- und Wirtschaftsbereiche, die alle Menschen
betreffen. Landwirtschaft trägt einen noch größeren Teil zum Klimawandel bei als der Verkehr (vgl.
BUND et al. 2013: 31; Goodland/Anhang 2009: 11),
hat weitreichende Umweltfolgen und ist besonders stark von einer auf Wirtschaftswachstum
ausgerichteten Politik geprägt. Da die Landwirtschaft gleichzeitig für alle Menschen lebensnotwendig ist, ist eine ökologisch und sozial sowie global gerecht gestaltete Agrarwende unabdingbar.
a) Massentierhaltung abschaffen
Insbesondere die industrielle Massentierhaltung
ist nicht artgerecht. Darüber hinaus produzieren
die so gehaltenen Tiere große Mengen an Schadstoffen, die den Klimawandel weiter vorantreiben, die Biodiversität gefährden, die Böden überdüngen und das Grundwasser verseuchen.
Die Futtermittel (vor allem Soja) für die Tiere in
der europäischen Landwirtschaft werden zum
größten Teil aus Südamerika und Afrika importiert. Dort werden sie von wenigen Großkonzernen meist als gentechnisch manipulierte
Monokulturen unter hohem Energie-, und Pestizideinsatz produziert. Lokal ansässige Kleinbauern
und -bäuerinnen oder Indigene werden oft
unrechtmäßig und mit Gewalt von ihrem Land
vertrieben (Landgrabbing). Die Äcker werden der
lokalen Bevölkerung als Anbauflächen für Grundnahrungsmittel entzogen. So werden nicht nur
Ökosysteme (u.a. Regenwälder) vernichtet und
die Umwelt großflächig zerstört, sondern auch
fundamentale Menschenrechte missachtet und
demokratische Prinzipien verletzt.
Fast ein Drittel der weltweiten Getreideernte wird
an Tiere verfüttert, wobei ein Großteil der Nährstoffe in dieser Nahrungskette für den Menschen
verloren geht. Der hohe Pro-Kopf-Konsum von
tierischem Eiweiß in den westlichen Industrienationen und bei den globalen Mittelschichten überall geht also zu Lasten von Welternährung, Menschenrechten und planetarischen Grenzen.
Durch den Transport von Futtermitteln nach
Europa werden zudem große Mengen Treibstoff
verbraucht. Hierzulande wird das Kraftfutter u.a.
an Rinder verfüttert. Deren Mägen sind nicht auf
eine solch eiweißreiche Nahrung ausgerichtet
und produzieren daher zusätzliches Methan,
wodurch der Klimawandel weiter angeheizt wird.
Die hiesigen Märkte sind zudem längst gesättigt
mit tierischen Produkten, da deren Konsum und
Nachfrage in den letzten Jahren deutlich abgenommen haben. Dennoch wächst die Produktion
tierischer Nahrungsmittel in Deutschland weiter
an. Ein großer Teil landet in den Abfalltonnen der
Supermärkte und Privathaushalte oder wird exportiert und gefährdet damit die kleinbäuerliche
12
POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
Landwirtschaft andernorts. Die industrielle Tierproduktion ist somit nicht nur in vielfacher Hinsicht unethisch, sondern auch eine zentrale Frage
globaler Gerechtigkeit.
Investitionsbeihilfen der EU z.B. für Stallbauten,
die reduzierte Mehrwertsteuer für tierische Nahrungsmittel sowie der Produktionsüberschuss
führen zu künstlich verbilligten Preisen. Große
Mengen dieser Niedrig-Preis-Produkte werden
exportiert und zerstören Absatzmärkte für lokale
Erzeuger*innen im 'Globalen Süden'. Auf der
einen Seite werden also Futtermittel importiert,
deren Anbau im 'Globalen Süden' massive Probleme verursacht. Auf der anderen Seite werden
die Tierprodukte aus Deutschland exportiert, was
sich wiederum negativ auf die Märkte in anderen
Ländern auswirkt.
Kaum ein Industriesektor ist so stark von Monopolen geprägt wie der Landwirtschafts- und
Lebensmittelsektor, in dem wenige große Konzerne die Märkte dominieren und die Preise und
Konditionen diktieren. Eine Agrar- und Wachstumswende ist daher nicht ohne ein Aufbrechen
dieser Monopolstrukturen umsetzbar.
Wichtige Maßnahmen für eine nachhaltigere Agrarpolitik im Bereich der Tierhaltung sind:
1. Umlenkung von Subventionen für tierische
Produkte hin zu pflanzlichen;
2. Anpassung der Mehrwertsteuer: Senkung auf
7% für alle pflanzlichen Lebensmittel und
Erhöhung auf 19% für alle tierischen Produkte;
3. Bindung der Tierhaltung an die Fläche (Kreislaufwirtschaft);
4. Abschaffung der Privilegien im Baurecht für
große Ställe;
5. Regulierung der Nutzung von Futtermitteln:
Importverbot für Kraftfutter, insb. Soja;
6. Beschränkung der Anzahl der Tiere, die pro
Flächeneinheit gehalten werden dürfen;
7. klare und verbindliche Regeln für deutlich tiergerechtere Haltungsbedingungen, welche
dem Grundgedanken des Tierschutzgesetzes
gerecht werden, fühlenden Lebewesen kein
Leid zuzufügen.
b) Umstellung auf biologische und solidarische
Landwirtschaft
Der Anbau von Energiepflanzen steht in direkter
Konkurrenz zum Anbau von Nahrungs- und Futtermitteln, da die fruchtbaren Flächen begrenzt
sind. Das Agrarland, welches für den Anbau von
Energiepflanzen verwendet wird, muss also
früher oder später neu hinzugewonnen werden.
Daher ist zu erwarten, dass in den nächsten Jahren natürliche Ökosysteme in Agrarland umgewandelt werden, um den zusätzlichen Landbedarf durch Energiepflanzen zu decken. Diese
Umnutzung würde große Mengen zusätzliches
Kohlendioxid freisetzen. (Searchinger et al. 2015).
Energiepflanzen stellen somit keine Lösung zur
Klimaproblematik dar, sondern verschärfen diese
zusätzlich.
Anstelle von Treibstoffgewinnung und Gewinnmaximierung von Konzernen sollte die Landwirtschaft zum Ziel haben, die Ernährungssicherheit
der heute und zukünftig lebenden Menschen
weltweit zu gewährleisten. Alternative Konzepte
wie die Ernährungssouveränität oder die Agrarökologie sollten Möglichkeiten zur Entfaltung
bekommen.
Die Arbeitsbedingungen in der Agrarindustrie
sind meist durch prekäre Werkverträge gekennzeichnet. Zudem sind die Abläufe so stark
mechanisiert, dass nur wenige neue Arbeitsplätze
im Agrarsektor geschaffen werden, während jährlich tausende von kleineren Agrarbetrieben aufgeben müssen.
Für die politische Umsetzung der Agrarwende
schlagen wir als konkrete Maßnahmen vor:
1. Einhaltung von verschärften Umwelt- und Sozialauflagen als Bedingung für jegliche Agrarsubventionen;
13
POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
2. Subventionsobergrenze für große Agrarunternehmen;
3. Umschichtung der Direktzahlungen pro Fläche
durch die EU-Agrarpolitik hin zu Hilfen bei der
Umstellung der Betriebe auf ökologischen
oder bioveganen Landbau;
4. Förderung von gemeinschaftlichen Produktionsformen wie Kooperativen in der solidarischen Landwirtschaft durch zusätzliche Fördergelder und verbesserte rechtliche Rahmenbedingungen sowie Bevorzugung bei Verpachtung und Verkauf öffentlicher Flächen;
5. Schrumpfung des Anbaus von Energiepflanzen
zugunsten von Nahrungsmitteln;
6. faire Handelspolitik: die Erlaubnis zur Erhebung von Schutzzöllen durch Länder des
'Globalen Südens' und zur Bevorzugung der
regionalen Absatzmärkte;
7. Förderung von Fruchtfolgen und Mischkulturen statt Monokulturen.
c) Biologische und pflanzliche Ernährung
Entgegen dem aktuellen Stand der medizinischen
Forschung und den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation wird in Schulen, Kitas
und anderen öffentlichen Einrichtungen noch immer eine tierbasierte Ernährung propagiert und
überwiegend tierische Nahrungsmittel angeboten. Lebensmittel aus ökologischem Anbau stehen nur selten auf der Speisekarte. Diese Praxis ist
aus Gründen des Klima-, Umwelt-, Ressourcenund Tierschutzes nicht länger zeitgemäß.
Umsetzbare Maßnahmen wären:
1. Standardmäßiges Angebot pflanzenbasierter
Speisen aus ökologischem Anbau in allen
öffentlichen Einrichtungen (Vorbildfunktion);
2. Information über die Vorteile biologischer und
pflanzlicher Ernährung in Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen;
3. Aufklärung der Verbraucher*innen über die
ökologischen, sozialen und gesundheitlichen
Nachteile des Fleischkonsums.
7. Demokratie und gesellschaftliche Partizipation
In Zeiten sinkenden Vertrauens in Politik und Demokratie, immer weiter wachsender sozialer Ungleichheit und erstarkendem Rechtspopulismus
sind solche Politikmaßnahmen notwendig, die zu
mehr Demokratie und gesellschaftlicher Partizipation beitragen. Dafür muss unsere Politik mehr
auf die Bedürfnisse der Menschen, nicht nur hier
und heute, sondern auch zukünftiger Generationen und Menschen in anderen Regionen der Welt,
ausgerichtet sein.
kurzfristiges Denken sowie durch eine weitgehende Externalisierung sozialer und ökologischer
Kosten geprägt. Die Festschreibung der „Nachhaltigkeit“ als Staatsziel in Artikel 20a GG, dass der
Staat auch in Verantwortung für die nachfolgenden Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen schützt, hat nicht ausreichend zur Erhaltung der Umwelt geführt. Daher ist eine „Lobby“
für zukünftige Generationen notwendig.
a) Stärkung demokratischer Strukturen und
1. Promotion des Artikel 20a GG von einem
Staatsziel zu einem – einklagbaren – Grundrecht auf Nachhaltigkeit;
2. Einrichtung eines „Zukunftsrats“, der ein Vetorecht bei nichtnachhaltigen Vorhaben erhält;
Verfahren
Das bestehende politische System ist stark durch
Wir schlagen folgende Politikmaßnahmen vor:
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POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
3. Etablierung einer Ombudsperson für die Interessenvertretung künftiger Generationen.
c) Stärkung der organisierten Zivilgesellschaft
b) Regulierung und Einschränkung von
Lobbyismus
Politik im Interesse von einzelnen Wirtschaftsakteuren durch Lobbyarbeit, intransparente Parteispenden, Nebeneinkünfte und Wechsel von
Politiker*innen in die Wirtschaft zeigen das Ausmaß von Lobbyismus und Lobbyverflechtungen
in Deutschland. Problematisch daran ist, dass
wirtschaftliche Akteure, die weder demokratisch
legitimiert noch dem Gemeinwohl verpflichtet
sind, einen starken Einfluss auf politische Entscheidungen ausüben. Mehr Transparenz bzw.
Rechenschaftspflicht, Regulierungen und Einschränkungen von Lobbyismus sind ein wichtiger
Schritt für mehr soziale Gleichheit, Nachhaltigkeit
und eine stärker an den Bürger*innen orientierte
Interessenvertretung.
Wir schlagen folgende Politikmaßnahmen vor:
1. Verpflichtendes Lobbyregister;
2. dreijährige Karenzzeit, in der ein Wechsel von
Politiker*innen in Lobbytätigkeiten generell
verboten ist;
3. transparentere und kontrollierte Regulierung
der Parteienfinanzierung;
4. keine Beschäftigung externer Mitarbeiter*
innen aus der Wirtschaft in den Ministerien
(Lobbycontrol 2016).
Um die Interessen der Bürger*innen mehr im
Blick zu haben, braucht die organisierte Zivilgesellschaft (gemeinnützige Nichtregierungsorganisationen/NRO, Gewerkschaften, Sozialverbände) eine stärkere Stimme in der Politik. Wir
schlagen deshalb vor:
1. Das Verbandsklagerecht für gemeinnützige
NRO (im Tier-, Natur-, Umwelt- und Verbraucherschutz, usw.) auf Bundesebene ausweiten;
2. mehr Rechtssicherheit für politische Willensbildung: Die Abgabenordnung muss so geändert werden, dass die politische Willensbildung durch zivilgesellschaftliche Organisationen den angemessenen Rechtsrahmen
erhält und alle entsprechenden Ziele als
gemeinnützig anerkannt werden (Allianz
Rechtssicherheit für politische Willensbildung
2017);
3. Bevorzugung von gemeinnützigen Organisationen bei Vermietung und Verkauf öffentlicher Gebäude;
4. gesellschaftliches Engagement erleichtern:
z.B. ehrenamtliches Engagement für Menschen fördern, die Sozialleistungen beziehen,
Steuervergünstigungen für Ehrenamt.
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POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
8. Finanzmärkte
Das Finanzsystem intensiviert die exzessive
Wachstumsdynamik, in welcher sich das gesamte
Wirtschaftssystem befindet. Um den materiellen
Ressourcenverbrauch der Ökonomie zu reduzieren, ist die Schrumpfung der Wertebene zentral.
Eine Entkopplung der Wertebene (Wachstum des
BIP) und der stofflichen Ebene ist nicht in ausreichendem Maße möglich. Die Auswirkungen des
globalen Finanzsystems auf Gesellschaft, politische Sphäre, Umwelt und Soziales sind somit
enorm. Es braucht weitreichende Veränderungen,
die über kleine Reformen innerhalb des bestehenden Systems hinausgehen. Zwar handelt es sich
hierbei um ein globales Problemfeld, nichtsdestotrotz muss sich die Bunderegierung mit ihrem
weitreichenden Einfluss für eine Veränderung
massiv einsetzen (vgl. Passadakis/Schmelzer
2011).
a) Verkleinerung, Entflechtung und
Stabilisierung des Finanzsektors
Es muss zu einer drastischen Reduktion des gesamten Finanzsektors kommen. Besonders rein
spekulative Zwecke und die Anhäufung von Forderungen an erst zukünftig zu erwirtschaftende
Werte müssen durch strikte Regulierungen zurückgedrängt werden. Ganz grundsätzlich müsste
das nach Anlageangeboten suchende, überschüssige private Kapital durch eine solidarische Umverteilungspolitik gemindert werden.
Folgende weitere Maßnahmen sind notwendig:
1. Verbot von Kreditausfallversicherungen, Derivaten, Verbriefungen, den gesamten außerbilanziellen Geschäften und des außerbörslichen Handels, Hedgefonds, Privaten Equity
Fonds und reinem Investmentbanking;
2. Schließung von Steueroasen und Schattenfinanzplätzen;
3. Trennung der Geschäfts- und Investmentbanken (Trennbankensystem);
4. Entflechtung und Verkleinerung der übergroßen „Too big to fail“-Banken;
5. Einführung einer Finanztransaktionsteuer;
6. eine demokratisch kontrollierte Aufsichtsbehörde, die alle Finanzprodukte daraufhin
prüft, ob sie sozial und ökologisch sinnvoll
oder gefährlich sind;
7. demokratisch kontrollierte Ratingagenturen,
die soziale und ökologische Risiken in ihre Bewertungen einbeziehen;
8. Festsetzung einer höheren Eigenkapitalquote;
9. Einführung einer Mindesthaltefrist für Aktien
und andere Finanzprodukte von mindestens
einer Sekunde;
10. mehr Transparenz und Rechenschaftspflicht
der Europäischen Zentralbank (EZB) gegenüber Parlamenten (vgl. Peukert 2017; Passadakis/Schmelzer 2011).
b) Investitionen in öffentliche Hand
Investitionen stellen einen zentralen Faktor im
Schrumpfungsprozess der Wertebene dar. Die
Investitionen für den notwendigen sozial-ökologischen Ausbau der gemeinwohlorientierten Teile
der Ökonomie, für kollektive öffentliche Güter
und für die Entschärfung bestehender sowie zukünftiger Zerstörungen können dem Ziel hoher
Renditen nicht gerecht werden. Dies gilt auch für
den Rückbau von nicht sozialen und ökologischen
Infrastrukturen sowie für die notwendigen, massiven finanziellen Transfers für den 'Globalen
Süden'. Öffentlichen Investitionen kommt daher
eine Schlüsselrolle zu. Hierfür braucht es Institutionen, die in den Prozess von Investition und
Desinvestition eingreifen:
1. Demokratisch kontrollierte, föderale, öffentliche Bankinstitute, die lokal, regional oder
national operieren;
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POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
2. Sonderfonds, die den sozial-ökologischen Umbau in bestimmten Sektoren mit organisieren;
3. steuerfinanzierte Investitionsprogramme, die
die Einnahmen sozial-ökologisch lenken;
4. wirtschaftsdemokratische Verfahren wie
bspw. regionale Investitionsräte, die die bedürfnisorientierte Verteilung der zu investierenden Überschüsse kontrollieren;
5. eine demokratisch kontrollierte Aufsichtsbehörde, die mittels eines Finanz-TÜVs alle
Finanzprodukte auf ihre Umwelt- und Sozialverträglichkeit hin prüft;
6. öffentliche, demokratisch kontrollierte Ratingagenturen, die soziale und ökologische Risiken in ihre Bewertungen einbeziehen (vgl.:
Schmelzer/Passadakis 2011).
Zentral ist zudem die Problematisierung der zunehmenden Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Es sollten Schritte hin zu einer verstärkten
De-Monetarisierung bzw. De-Kommodifizierung
durch die staatliche bzw. kommunale Bereitstellung kostenloser sozialer Infrastruktur vorgenommen werden. So kann dem Geld die Möglichkeit
des starken Einflusses genommen werden, über
Leben und die Verwendung von Lebenszeit zu
entscheiden.
Autor*innen:
Miriam Boschmann
Projektleitung Fokus Wachstumswende
[email protected]
Gerolf Hanke
Vorstandsmitglied beim Förderverein Wachstumwende
und bei der Vereinigung für Ökologische Ökonomie
[email protected]
Elena Hofmann
Projektmitarbeiterin beim Deutschen Naturschutzring
[email protected]
Theresa Klostermeyer
Referentin beim Deutschen Naturschutzring
[email protected]
Kai Kuhnhenn
Referent beim Konzeptwerk Neue Ökonomie
[email protected]
Dr. Steffen Lange
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
am Institut für Ökologische Wirtschaftsforschung
[email protected]
Wolfgang Lührsen
BUND Hamburg
[email protected]
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POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
II. Kommunikationswege für eine Wachstumswende
Die Kritik an der Wachstumsideologie und Vorschläge in Richtung neuer, wachstumsunabhängiger Wohlstandsmodelle tasten tief verankerte Überzeugungen an. Ein grundlegendes
neues Denken und Handeln, das auf ein verändertes gesellschaftliches Selbstverständnis abzielt,
erfordert auch neue Kommunikationswege,
Strukturen und Gewohnheiten. Deshalb gilt es,
Formate und Narrative zu finden, die alte Formen
nicht einfach mit anderen Inhalten füllen, sondern Form und Inhalt gemeinsam verändern. Aus
diesem Grund widmet sich das folgende Plädoyer
der Relevanz neuer und vor allem positiv besetzter Erzählformate und Praxisbeispiele. Der zweite
darauf folgende Text identifiziert Strukturen und
Zwänge innerhalb der Medienbranche, die hinderlich sind, um wachstumskritische Haltungen
und Informationen zu vermitteln. Anschließend
folgen Beispiele für kreative Kommunikationsformate. Zuletzt werden einige grundlegende Überlegungen angeführt, wie die in dieser Broschüre
dargelegten gesellschaftlichen Zielsetzungen
effektiv in den politischen Prozess eingebracht
werden können.
1. Ein Plädoyer für neue Kommunikationsformate
Von: Annette Jensen
Artenschwund, Klimawandel, 60 Millionen Geflüchtete weltweit, Finanz- und Verschuldungskrisen, wachsende Ungleichheit, Kriege, Ressourcenverbrauch, Atommüll – an Informationen über
globale Megakrisen herrscht kein Mangel. Klar ist
auch: Der ökologische Fußabdruck des deutschen Durchschnittsbürgers ist viel zu groß. Die
Bewohner*innen Deutschlands verursachen jährlich jeweils mehr als neun Tonnen CO2. Klimaverträglich sind aber maximal zwei Tonnen pro
Erdenbürger*in. Jedes Jahr wandert der Tag, an
dem die Menschheit rechnerisch so viel Natur verbraucht hat, wie binnen eines Jahres nachwachsen kann, im Kalender weiter nach vorne. 2016
war der Erdüberlastungstag bereits am 8. August
erreicht.
Auf Kosten anderer Menschen, kommender Generationen und der Natur zu leben, lässt sich im
Prinzip nur durch Verdrängung ertragen. Die
Probleme sind so umfassend und komplex, dass
Ohnmachtsgefühle, Fatalismus und Ignoranz weit
verbreitet sind. Obwohl offensichtlich ist, dass die
vielfältigen Krisen durch die Wachstumsnotwendigkeit des Wirtschaftssystems (mit-)verursacht
sind, scheint es unmöglich, etwas grundsätzlich
daran zu ändern: Erwerbsarbeit und soziale
Sicherung hängen heute davon ab – und damit
die Existenzgrundlage der meisten Bürger*innen.
Zwar sind Sachinformationen über die extrem
bedrohlichen Entwicklungen ohne Zweifel eine
notwendige Voraussetzung für Veränderungen,
die weg vom Abgrund führen. Doch Fakten reichen nicht aus, um notwendige Handlungen auszulösen. Einen wichtigen Hinweis dafür liefert die
Kognitionsforschung, die die Bedeutung von
Frames (Deutungsrahmen) für unsere politische
Meinungsbildung und unser Engagement herausgearbeitet hat (Wehling 2016). So steht ein Zukunftsbild, das sich auf „weniger CO2“ und „weniger Müll“ fokussiert, nicht nur in der Gefahr, als
moralischer Verzichtsappell wahrgenommen zu
werden. Der Frame „Reduzierung“ signalisiert
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POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
auch das Zurückfahren von Aktivitäten – also Passivität. Weit verbreitet ist ebenfalls die Hoffnung,
dass kluge Ingenieur*innen schon technische
Lösungen finden würden und Verhaltensänderungen damit überflüssig werden.
Was bei alledem nicht entsteht, sind Bilder einer
wünschenswerten Zukunft, in der es die „Kinder
einmal besser haben werden“. Vorstellungen
eines guten Lebens sind in der Lage, das Engagement von Menschen anzuregen und ihre Phantasie zu beflügeln, was sie selbst zu einem Umsteuern beitragen können. Vielfältige Experimente,
Suchbewegungen und ein reger Austausch über
dabei gemachte Erfahrungen könnten angesichts
der Komplexität der heutigen Probleme geeigneter sein als das Aufstellen von globalen Masterplänen um Veränderungen in Richtung einer
enkeltauglichen Zukunft voranzutreiben. Die
Aufgabe der Politik besteht darin, förderliche
Rahmenbedingungen - quasi den Humus – für
solche dezentralen, modularen, vielfältig vernetzten Entwicklungen zu organisieren. Der Kompass
für diesen Prozess muss nicht neu erfunden
werden. Zum einen geht es darum, die planetaren
Grenzen einzuhalten, zum anderen geht es um die
Werte, die in den ersten Artikeln des Grundgesetzes festgeschrieben sind. Die 17 UN-Ziele für
nachhaltige Entwicklung (Agenda 2030) beschreiben die vielfältigen Themenfelder, auf denen geackert werden muss.
Was bedeutet das für die Bereitstellung und Verbreitung von Informationen? Kritik am Bestehenden und Fakten reichen nicht aus, um uns einer
enkeltauglichen Zukunft näher zu bringen. Ergänzt werden müssen sie um konstruktive,
lösungsorientierte Informationen, die sowohl den
Rahmen einer zukunftsfähigen, ökologisch tragfähigen Lebensweise beschreiben als auch um
Beispiele und konkrete Schritte, die in diese Richtung weisen. Ein wünschenswertes Ziel kann
wesentlich mehr positive Energie und Phantasie
freisetzen als die Konzentration auf die destruktiven Entwicklungen der Gegenwart – zumal jeder
Versuch dagegen vorzugehen sofort den Widerstand von Lobbygruppen hervorruft und so am
Ende häufig nur fragwürdige Kompromisse dabei
herauskommen.
Nichts ist überzeugender als das gelebte Beispiel, das belegt, dass etwas funktioniert. Überall
auf der Welt haben Menschen angefangen, Projekte und Betriebe aufzubauen, die sich an anderen Kriterien ausrichten als im Kapitalismus
üblich: Kooperation statt Konkurrenz, Bedarfsstatt Geldorientierung, Open Source statt
Patente, Orientierung an den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft der Natur statt an Ressourcenverbrauch in Form einer EinbahnstraßenSackgassenwirtschaft. Diese Initiativen sind vielfältig, kleinteilig, oft regional angepasst und häufig auch untereinander vernetzt. Sie suchen keine
Lösungen für die ganze Welt, sondern orientieren
sich an den Wünschen und Bedarfen der Beteiligten und ihrer Umgebung. Gerade hierin lassen
sich vielfältige Elemente einer klimaschonenden,
ressourcensparenden, gesundheitsfördernden
und bodenverbessernden Ökonomie entdecken.
Wachsen diese Strukturen in modularer Form,
könnten sie immer mehr an Bedeutung gewinnen
– vor allem, weil sie durch den hohen Grad an
Selbstbestimmung und Identifikation lustvoll für
die Beteiligten und damit attraktiv für Nachahmer*innen sind. Solche Motivationen könnten
dem Klimaschutz viel mehr Unterstützung verleihen als der bisher dominante Diskurs, der stark an
einer bürokratischen Berechnungs- und Grenzwertperspektive ausgerichtet ist.
Aktive sind bereits auf allen Ebenen zu finden – in
Dörfern und Städten, unter Armen und Wohlhabenden, in der Verwaltung und der Zivilgesellschaft, in Betrieben, Initiativen, Selbsthilfegruppen und Netzwerken. Damit wird auch der zentrale Gedanke der 17 UN-Entwicklungsziele greifbarer: „Niemand soll zurückgelassen werden.“
19
POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
Anders gesagt: Es kommt auf jede und jeden an –
und das nicht als passive*r Empfänger*in von Almosen oder Hilfsprogrammen, sondern als Mitgestalter*in. Die Aussicht, sich an wünschenswerten
Entwicklungsprozessen beteiligen und die je eigenen Kompetenzen und Erfahrungen einbringen
zu können, regt Selbstdenken und Verantwortungsübernahme an und stärkt die Demokratie.
Zur Verbreitung solcher Ansätze bedarf es nicht in
erster Linie klassischer Medien wie Zeitungen,
Zeitschriften und Fernsehsender, deren nachrichtliche Themenauswahl sich überwiegend an
Kriterien wie Aktualität von Ereignissen, Kritik an
politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen,
spektakulären Bildern, Beteiligung von Promi-
nenten, Exklusivität und Skandalisierbarkeit ausrichtet. Vielmehr erscheint es sinnvoll, neue
Formen, Formate und Verbreitungswege für
derartige Informationen über Projekte und innovative Ansätze zu suchen. Warum nicht in den
Wartebereichen von Einwohnermeldeämtern
oder Arbeitsagenturen Videos zeigen? In Rathäusern oder Kulturzentren könnten langsam rotierende Ausstellungen hängen, bei denen jede
Woche ein neues gutes Beispiel hinzukommt und
ein schon seit längerer Zeit gezeigtes verschwindet. Auch Comics, Bildergeschichten und Exkursionen, Betriebs- und Schulausflüge oder Vernetzungstreffen, neuartige Messen oder Datenbanken könnten sinnvoll sein, um die Verbreitung
entsprechender Informationen zu unterstützen.
2. Beispiele für kreative Kommunikationsformate
Eine kurze Geschichte der Erde
Es ist etwa 4.600.000.000 Jahre her, dass die Erde entstanden ist. In der Anfangszeit landeten noch viele Meteoriten auf unserem Planeten, inzwischen passiert das äußerst selten – und so kommt kein neues Material auf die
Erde.
Irgendwann entstanden die ersten Mikroben. Nach und nach wurde das Leben immer vielfältiger und bunter.
Was in der belebten Natur passiert ist eine Art permanentes Upcycling: Vorhandenes Material wird allein mit Hilfe
der Sonnenenergie immer und immer wieder genutzt und ständig umgebaut. Dabei entstehen zunehmend komplexe Wesen und Lebensräume. Müll gibt es nicht: Was das eine Wesen ausscheidet, ist Existenzgrundlage für
andere. Das Wasser bleibt in dieser vernetzten Kreislaufwirtschaft immer sauber. Schon seit etwa 3.300.000.000
Jahren funktioniert das so und kann deshalb wohl als erfolgreich gelten.
Die menschliche Wachstumswirtschaft existiert dagegen erst seit etwa 150 bis 200 Jahren. Sie ist aufgebaut nach
dem Prinzip „Einbahnstraße-Sackgasse“: Kohle, Öl, Metalle und Mineralien werden ausgegraben, zu Produkten
verarbeitet und nach der Nutzungsphase sind sie Müll, der für andere Wesen oft hochgradig giftig ist. Auch Wasser ist inzwischen in vielen Regionen lebensbedrohlich verschmutzt. Viele Tier- und Pflanzenarten sind bereits
ausgestorben, und so verschwinden auch die Lebensgrundlagen für andere – ein rasanter Downcyclingprozess.
Der menschliche Produktions- und Verbrauchsprozess läuft immer schneller und schneller ab und verwandelt in
zunehmendem Tempo Rohstoffe in Müll. Dass das auf Dauer nicht funktionieren kann, versteht jede*r Grundschüler*in. So weiterzumachen wie bisher heißt nicht nur, dass bald kein Material mehr auffindbar sein wird, um
neue Smartphones zu bauen. Die Vergiftung von Wasser, Boden und Luft vernichtet auch die Lebensgrundlagen
von Pflanzen und Tieren - und damit von uns selbst.
Kurzum: Sich die Natur untertan machen zu wollen, war keine besonders schlaue Idee. Sie sollte möglichst
schnell begraben werden. Die einzige Möglichkeit für die Menschheit, auch längerfristig dabei zu sein, besteht in
der Kooperation mit der Natur. Das muss keineswegs das Ende von Wachstum und Erfindergeist bedeuten. Die
Natur hat schließlich seit 3.300.000.000 Jahren vorgemacht, dass bei einer kleinteiligen und regional angepassten Wirtschaftsweise sowohl Biomasse als auch Vielfalt ständig zunehmen können. Auch ist die Natur extrem
erfinderisch, wie Giraffe, Pimpinelle, Blutegel, Schaumzikade, Ahorn, Hallimasch und Grottenmolch belegen, um
nur einige Mitbewohner*innen zu nennen.
Die Natur wird überleben – sie ist kreativ. Ob die Menschheit längerfristig dabei sein wird, ist unsere Entscheidung.
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POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
FUTURZWEI.Stiftung Zukunftsfähigkeit
Bei Futurzwei finden sich Geschichten des Gelingens aus dem deutschsprachigen Raum, die zeigen, dass heute
schon anderes Wirtschaften möglich ist. Die Beispiele sind vielfältig und stellen Menschen, Projekte und Betriebe
vor. Gerade weil die Beteiligten „ganz ihr Ding“ machen, sind sie hochmotiviert. https://futurzwei.org/
Das reicht von Architekt*innen, die mit Strohballen bauen (Humburg 2012) über die Putzfrau, die allergisch auf
Chemikalien reagierte und deshalb in ihrer Küche ein Rote-Bete-Putzmittel entwickelt hat (Jensen 2012) bis zum
Aussteiger bei Vattenfall, der jetzt kleine Stromproduzent*innen und -abnehmer*innen organisiert (Scheub
2012a). Ein türkischstämmiger Schuster in Berlin repariert jeden Treter (Gräf 2014), ein Chemiker stellt die Grundlagen seiner Profession auf den Kopf (Jensen 2013).
Wie man die Erde immer fruchtbarer macht und damit zugleich das Klima schützt, zeigen Winzer im Wallis
(Scheub 2012b). Wie man Altherrenüberzeugungen zum Privatauto überwindet, zeigen Studierende, die eine
neue Form von Carsharing entwickelt haben (Jensen 2017). Nicht alles gelingt – und kann doch ein Erfolg sein, so
wie der Versuch, die Basler Mensa auf vegetarisch umzustellen (Hansen 2017).
Autorin: Annette Jensen
Journalistin und Autorin
[email protected]
3. Die Medien vom Wachstum befreien
Von: Anja Humburg | Annette Jensen | Ute Scheub |
Leonie Sontheimer | Nina Treu
Die vielfältige Debatte über eine Wachstumswende findet keinen Einzug in die Medienlandschaft. Es gibt zwei Möglichkeiten mit diesem
Mangel umzugehen. Wünschenswert wäre, wenn
die etablierten Medien eine veränderte, auf die
weiter unten aufgeführten Fallstricke und Probleme einer Wachstumswende abgestimmte
Berichterstattung anstreben würden. Es gibt aber
auch eine andere Strategie und zwar neue,
eigene Medien zu schaffen, die selbst die Logik
des wachstumsbasieren Wirtschaftens verlassen
und Prinzipien wie Solidarität, Commoning und
Dezentralität praktizieren.
Die AG Medien-Kommunikation der Zivilen Enquete identifizierte drei Fallstricke, an denen die
Berichterstattung über die Debatte der Wachstumswende in den etablierten Medien scheitert
und die hier als Diskussionsaufschlag dargestellt
werden:
Erstens verschließt die Medienlogik selbst oftmals Türen. Strukturelle Faktoren wie Platz, Zeit
und Geld schränken eine tiefgehende und umfassende Berichterstattung über das komplexe
Thema Wachstum ein. Etablierte Formate und Regeln, führen beispielsweise dazu, dass Haltungen
und Werte der Schreibenden nicht explizit thematisiert werden. Die typischen Nachrichtenfaktoren wie Anlass, Aktualität, Relevanz usw. werden
vom Wachstumsthema nicht immer bedient und
werden zum Ausschlusskriterium für die Berichterstattung über die Wachstumswende. Die Mediensprache selbst ist eingenommen beziehungsweise kolonialisiert von Wachstumsgedanken.
Wirtschaftliches Wachstum wird in der Regel als
etwas Gutes dargestellt beziehungsweise nicht
hinterfragt.
Zweitens ist die in der Medienberichterstattung
abgebildete Faktenbasis völlig unzulänglich. Teilweise bestehen unter Medienschaffenden essentielle Wissenslücken über Wachstumsabhängigkeiten und Wachstumszwänge. Es fehlt an Wissen
21
POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
über vorhandene Alternativen, etwa den Commons. Lösungen werden häufig zu kleinteilig
dargestellt. Doch nicht immer ist es fachliches
Wissen, das fehlt. Die vorhandene Berichterstattung zeugt von einer Vermenschlichung beziehungsweise Naturisierung der Wirtschaft. Eine
wiederkehrende, verzerrende Wirtschaftssprache
(z.B. „Märkte beruhigen“) verhindert den Blick auf
grundlegende Wirtschaftszusammenhänge. Es
dominieren wachstumsfreundliche Argumentationsmuster, zum Beispiel „Wachstum schafft Arbeitsplätze“. „Wachstum" erfährt eine positive
Konnotation, die sehr geschickt anschließt an die
menschliche Naturerfahrung des Wachstums, die
im Gehirn positiv verankert ist. Wachstum bedeutete ursprünglich Pflanzenwachstum, Paradies,
Hülle und Fülle und Erntesegen. Würde man
„Wirtschaftswucherung“ schreiben, würden die
neuronalen Frames in unserem Hirn weit weniger
positiv antworten.
Die Auswirkungen von Wirtschaftswachstum auf
Umwelt und soziale Gerechtigkeit werden oft
nicht erkannt, was zu einer Fragmentierung der
Ursachen und der Lösungsansätze führt. Wachstum und der Ausstieg aus dem Wachstum sind
komplex. Doch diese Komplexität geht in der
Berichterstattung unter. Wiederholt unterstellen
Autor*innen der Degrowth-Debatte fehlende Beweise, was häufig in der Forderung mündet, dass
die Degrowth-Ansätze erst im Großen bewiesen
werden müssen, um ernstgenommen zu werden.
In diesem Kontext erfahren die sozialen Bewegungen als treibende Akteure der Wachstumswende eine negative Darstellung in der Berichterstattung, die ihre Wirkmächtigkeit und ihre
gesellschaftliche Aufgabe verkennt. Zudem gibt
es immer noch einen starken Klimafokus in der
Berichterstattung. CO2 ist der dominierende Indikator, der im Angesicht zahlreicher Umweltprobleme jedoch zu einer extremen und gefährlichen
Verkürzung und Verzerrung der Lage führt.
Drittens scheitert die Berichterstattung über die
Wachstumswende an dem Umgang mit Werten
und ihrer gesellschaftlichen Relevanz. So wird
etwa die Schmerzhaftigkeit, die ein ernstgenommener Transformationsprozess auch mit sich
bringen wird, ausgeblendet und die potentiellen
Verlierer*innen des Wandels nicht dargestellt.
Schnell gleitet die Berichterstattung ins Moralisieren. Zeigefinger-Manier und der ÖkodiktaturVorwurf werden häufig als K.O.-Kriterien aufgeführt, statt genau zwischen verschiedenen
Verantwortungsbereichen und Ebenen von Gerechtigkeit zu differenzieren. „Öko“ und
„Degrowth“ werden immer noch als Verzichtsdebatte geführt, was zu einer negativen Darstellung
der Alternativen führt. Die gesellschaftspolitische
Visionslosigkeit spiegelt sich auch in den Medien
wider, statt die existierende Diversität abzubilden. Auch in der Berichterstattung zur Wachstumswende herrscht eine Konzentration auf
bestimmte Milieus und damit eine fragmentierte
Wahrnehmung durch bestimmte Bevölkerungsgruppen vor.
Aus den drei Fallstricken „Medienlogik“, „Faktenbasis“ und „Werte“ folgt ein grundsätzlicher Zweifel daran, ob etablierte Medien überhaupt in der
Lage sind, anders über die Wachstumswende zu
berichten. Sie zeigen sich selbst als Teil der
industriell-kapitalistischen Gesellschaft und befördern damit die Existenz eines wachstumsdominierten Systems. Ein Neudenken auch der journalistischen Arbeit, ähnlich der politischen oder
der Erwerbsarbeit, ist notwendig. Wie sieht Medienarbeit unter transformativen Bedingungen
aus? Welche journalistischen Fähigkeit werden
gebraucht, um wachstumsbefreit zu arbeiten?
Aus den Fragen ergeben sich einige grundlegende
Schlussfolgerungen:
1. Der Blick auf die Alternativprojekte braucht
die Verbindung zu einer größeren gesellschaftlichen Perspektive und muss in eine
solche eingebettet werden.
22
POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
2. Die Akteure der Wachstumswende haben
viele Verbindungen zu anderen gesellschaftlichen Debatten und stehen in einem Kontext
mit anderen sozialen Bewegungen. Die
Transformation kommt aus der Zivilgesellschaft. Mittlerweile gibt es in allen gesellschaftlichen Bereichen Menschen, die
Degrowth voll und ganz mittragen (z.B. in
Ministerien oder Kirchen).
3. Neue Kommunikationswege und -formate
sind erforderlich. Die gängige Kommunikation muss von wachstumsabhängigem Denken dekolonialisiert werden.
4. Medienmacher*innen tragen die Verantwortung, wachstumsunabhängig zu berichten.
Dazu gehört es auch, Komplexitäten und Unsicherheiten darzustellen und zu übersetzen.
Konkret ergeben sich einige Maßnahmen, um die
Medienarbeit in der Wachstumswende zu ermöglichen:
❖ Ein Handbuch über technische und inhaltliche Fallstricke und Trugschlüsse aus der
status-quo-Berichterstattung und mögliche
Umgangsformen, die diese entkräften und
journalistische Alternativen aufbauen. Das
Handbuch sollte Medienschaffenden als
open source zur Verfügung gestellt werden.
❖ Entwicklung von kurzen Texten und Videos
zur Kommunikation in die Öffentlichkeit
nach dem Vorbild "story of stuff" (www.
storyofstuff.org) - wie beispielsweise eine
„story of (de)growth“
❖ Eine Plattform mit Kernargumenten und grafischen Darstellungen, die die Akteurslandschaft und die Debatte der Wachstumswende
darstellen und die notwendige „Übersetzungsleistung“ erbringt.
❖ Weiterbildungsveranstaltungen für Journalist*innen.
❖ Ein Austausch zwischen klassischen Wirtschaftsredaktionen und Degrowth-Journalist*innen.
❖ Aufhänger wie G20-Gipfel-Treffen oder Arbeitslosenstatistiken identifizieren und nutzen, um ihre Wachstumsbezüge darzustellen
und andere Argumentationsmuster aufzuzeigen.
Dies ist ein Beitrag dazu, eine gesellschaftliche
Debatte über eine vielfältige und dringend erforderliche Wachstumswende zu führen, in der auch
Medienschaffende und Journalist*innen nicht
fehlen dürfen. Bislang ist ihre Stimme kaum hörbar. Tragfähige Ansätze für eine andere journalistische Arbeit können nur im gemeinsamen Dialog
mit Akteuren aller gesellschaftlicher Bereiche entwickelt werden.
Autorinnen:
Anja Humburg
Journalistin
[email protected]
Annette Jensen
Journalistin und Autorin
[email protected]
Ute Scheub
Journalistin und Autorin
[email protected]
Leonie Sontheimer
Journalistin | Collectext
[email protected]
Nina Treu
Konzeptwerk Neue Ökonomie
[email protected]
23
POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
4. Kommunikation in die Politik
Von: Jana Holz
Das Feld der Postwachstumspolitik greift ein in
unterschiedliche Ressorts und Zuständigkeiten
der Politik. Das macht die Kommunikation nicht
einfach, doch ist auch eine große Gruppe von verschiedenen Akteuren potenziell adressierbar – je
nach konkretem Politikvorschlag und damit einhergehendem Ziel. Daraus ergibt sich die Frage:
„Wie können zivilgesellschaftliche Akteure
wachstumskritische Inhalte und entsprechende
Politikvorschläge effektiv in den politischen Prozess einspeisen?“
Die Ergebnisse der folgenden Überlegungen sollen als Anregung zum Weiterdenken, Weiterhandeln und Weitermachen verstanden werden und
eine Kommunikation zwischen Zivilgesellschaft
und Politik hin zu einer Postwachstumspolitik ermöglichen. Dabei sind zentrale Fragen:
❖ Was sind die Kernbotschaften, worin besteht Einigkeit (sowohl innerhalb der verschiedenen zivilgesellschaftlichen Akteure
als auch zwischen Zivilgesellschaft und Politik)?
❖ Was sind die Ziele der Kommunikation, welche strategischen Überlegungen leiten sich
daraus ab?
❖ Wer ist die adressierte Zielgruppe?
❖ Welche Organisationen stehen hinter dem
Projekt?
❖ An welche politischen Prozesse und Projekte lässt sich anknüpfen?
❖ Welche Form von Lobbying ist dem Thema
und dem Ziel angemessen?
Lobby-Strategien könnten darin bestehen, Irritationen auszulösen, persönliche Gespräche mit
Politiker*innen und Verwaltungsmitarbeitenden
in den Ministerien zu führen, diese Netzwerke
systematisch auszubauen, Möglichkeiten des
Austausches zu schaffen, konkrete und kleine
Vorschläge auszubuchstabieren und wissenschaftlich zu untermauern sowie darzustellen
oder ganz konkret hier und jetzt Postwachstumswahlprüfsteine zu formulieren. Zivilgesellschaftliche Organisationen könnten gemeinsam das
nötige „Hintergrundrauschen“ erzeugen, sodass
die Themen und Fragen der Wachstumswende
medial und öffentlich hörbar werden. In jedem
Fall gewinnt man in einer Allianz aus zivilgesellschaftlichen Akteuren an Schlagkraft. Zusammen
könnten externes Hintergrundrauschen und
interne Gespräche politische Weichen stellen.
Darüber hinaus könnte die Einbettung der wachstumskritischen Aspekte in eine größere Kampagne z.B. zu einer Agrar- oder Verkehrswende
diesen zu breiterer Wahrnehmung in der Öffentlichkeit sowie zu deren besserem Verständnis
verhelfen.
Die Zielgruppen des Lobbying sind so vielfältig
wie die möglichen Kernbotschaften. Die Verwaltungen und Ministerien in Bund und Ländern können ebenso Ansprechpartner*innen sein wie Parlamentarier*innen und Fraktionen, politische
Stiftungen und sog. Vorfeldorganisationen (Verbände etc.).
Als nächste mögliche Schritte könnten die „Politikvorschläge für eine Wirtschaft ohne Wachstum“ (s. Abschnitt 1) nach verschiedenen Themenbereichen (Schneidewind 2013) systematisiert werden um auszuloten, ob und inwiefern
bezüglich der einzelnen Vorschläge Einigkeit oder
eine Vielzahl von Perspektiven vorherrschen. So
könnte definiert werden, für welche Politikvorschläge (z.B. Staatsziel verändern oder andere
Indikatoren für Wohlstand einführen) mit einigen
wachstumskritischen Akteuren gemeinsam
Lobby gemacht werden kann. Insbesondere der
Nachhaltigkeitsdiskurs der letzten 25 Jahre kann
beim Lobbying für eine Wachstumswende
hilfreich sein. Hier lassen sich „Dos and Don'ts“
24
POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
absehen. Dieses wäre ein weiteres Vorhaben, welchem hier aus Platzgründen jedoch leider keine
Rechnung getragen werden kann.
Auch hier ist die zielgruppenspezifische Kommunikation zentral, sowie möglichst positiv ausgerichtete Grundbotschaften, die sich auf Begriffe
wie Lebensqualität oder sozial-ökologische
Transformation beziehen. So kann die Geschichte
des Wachstums anders erzählt werden: Wachstum sollte peu à peu nicht mehr als etwas nur
Positives, sondern abhängig vom Kontext auch
mit seinen möglichen negativen Auswirkungen
auf Mensch und Natur kommuniziert werden. So
kann eine Gegenerzählung entstehen.
Autorin:
Jana Holz
Projektmitarbeiterin Fokus Wachstusmwende
[email protected]
© Theobald | LAG 21 NRW
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POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
III. Ausblick: Eine, zwei, viele Enquete-Kommissionen?
Wie müsste eine adäquate und Erfolg versprechende Nachfolge-Enquete zur EnqueteKommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ aussehen?
Von: Hermann Ott | Martina Eick | Rudolf Janke
Vorbemerkungen
Die Enquete-Kommissionen des Deutschen Bundestages sind einzigartige Einrichtungen im
Schnittfeld von Politik, Wissenschaft und Gesellschaft. Mit ihrer hälftigen Besetzung durch Mitglieder des Bundestages und Sachverständige
sind sie vielfach bewährte Instrumente um neue
Themen aufzugreifen, diese für den politischen
Raum nutzbar zu machen und konfliktbehaftete
Politikfelder zu diskutieren. Im Idealfall werden
im Zusammenspiel einer Vielzahl gesellschaftlicher Akteure akzeptable Lösungen für politische
Herausforderungen erarbeitet. Vielen EnqueteKommissionen ist dies allerdings nicht gelungen
und sie sind ohne große gesellschaftliche oder
politische Resonanz geblieben. Dies bedeutet allerdings nicht dass sie vergeblich waren: In der
Energiepolitik brauchte es z.B. mehrere EnqueteKommissionen in Bund und Ländern über einige
Jahrzehnte, ehe die Abkehr von der atomaren
und fossilen Energieerzeugung Eingang in den
Mainstream fand.
Deshalb konnte auch nicht erwartet werden, dass
die Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ (WWL, Deutscher Bundestag 2013), die den Anstoß für die Gründung der
„Zivilen Enquete“ und für das unterstützende
Projekt „Fokus Wachstumswende“ bildete, alle
Fragen der „Wachstumsproblematik“ lösen
würde. Eher im Gegenteil war von vorneherein
klar, dass der gesellschaftliche und politische Prozess ein langer werden würde. Es ist demnach
keine Überraschung, dass viele Fragen offen
geblieben sind. Deshalb könnte es sinnvoll sein,
einige dieser Fragen durch den nächsten Bundestag (bzw. auch weitere) erforschen zu lassen. Die
Themen einer Folge-Enquete sollten hoch relevant für die Wachstums- und Wohlstandsfrage
sein, eine echte Chance auf Verwirklichung haben
und schließlich auch erfolgreich bearbeitet werden können.
Diese Kurzanalyse soll der Vorbereitung einer
möglichen Initiative für den nächsten Bundestag
dienen, denn erst dieser wird darüber entscheiden. Allerdings kann durchaus auch vor der Wahl
schon mit einzelnen Abgeordneten über mögliche
Initiativen nach der Wahl gesprochen werden
(dazu mehr am Schluss). Im Folgenden sollen zunächst kurz die Bedingungen für den Erfolg von
Enquete-Kommissionen analysiert werden. Anschließend wird anhand dieser Kriterien untersucht, welche Themenfelder im Nachgang der
Enquete WWL Erfolg versprechend vom nächsten
Bundestag nach den Wahlen im September 2017
eingesetzt werden können.
Kriterien für erfolgreiche Enquete-Kommissionen
Es gibt eine erfreuliche Anzahl von Enquete-Kommissionen der letzten zwei Jahrzehnte die, gemessen an ihrem Ergebnis und ihrer Wirkung für
Politik und Gesellschaft, als erfolgreich angesehen werden. Darunter fallen zum Beispiel die
Klima-Enquete zum Schutz der Erdatmosphäre
(1987-1990), die Bioethik/Medizin-Enquete (20002005), die Enquete zur Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements (1999-2002) sowie die Enquete zur Kulturpolitik in Deutschland (20032007).
26
POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
Bei der Durchsicht fällt auf, dass eine Hauptbedingung für den Erfolg oder Misserfolg von EnqueteKommissionen eine weitgehend einvernehmliche
Arbeitsweise ist: Wenn eine Verabschiedung des
Endberichts im Konsens aller Fraktionen gelingt,
so ist dies ein Indikator für eine fruchtbare Zusammenarbeit und die beste Voraussetzung für
eine gesellschaftliche Akzeptanz bzw. die politische Weiterführung dieses Konsenses. Umgekehrt gilt, dass im Normalfall ein im Wesentlichen
streitiger Bericht keine Wirkung entfalten wird
(wie bei der Enquete-Kommission zur Globalisierung der Weltwirtschaft von 1999-2002).
Im Falle der Enquete „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ ist die Bilanz gemischt (Soetebeer
2014): Der Großteil des Berichts ist streitig verabschiedet worden und die allgemeine Wirkung deshalb gering. Allerdings zeichnet sich der Teilbericht 3, also die Frage nach der Entkopplung von
Wirtschaften und Ressourcenverbrauch, durch
ein hohes Maß an Konsens in der Analyse aus (Ott
2013). Dieser Konsens wirkt weiter und wird durch
viele beteiligte Mitglieder auch weiter getragen.
Nicht zuletzt sind auch die „Zivile Enquete“ und
das Projekt „Fokus Wachstumswende“ ein Ergebnis dieses Prozesses (bzw. eines fehlenden Folgeprozesses in Bundestag und Bundesregierung).
Demgemäß stellt sich die Frage, welche Bedingungen ein einvernehmliches Ergebnis begünstigen. Förderlich ist natürlich zunächst eine Einsetzung der Kommission im Konsens bzw. durch eine
Mehrheit. Das Recht zur Einsetzung einer Enquete
ist gemäß §56 der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages ein Minderheitenrecht: Bereits ein Viertel der Mitglieder des Bundestages
kann eine Einsetzung erzwingen. Da die Größe der
Kommission und ihre Ausstattung jedoch von der
Mehrheit des Bundestages bestimmt wird, ist eine
Einsetzung mit großer Mehrheit des Hauses die
Regel. Bei der Enquete WWL wurde die grundsätzliche Entscheidung für eine solche Kommission
von Bündnis 90/Die Grünen und SPD getroffen
(also zusammen mehr als ein Viertel der Abgeordneten), danach allerdings der Antrag den Vorstellungen der Regierungsfraktionen CDU/CSU und
FDP angepasst (weil sonst die Kommission mit
einer Minimalbesetzung von neun bzw. achtzehn
Mitgliedern hätte auskommen müssen). Insofern
war zwar die Einsetzung einvernehmlich erfolgt
(auch die Fraktion Die Linke hätte zugestimmt,
wenn man sie gelassen hätte). Das Hauptinteresse lag jedoch eindeutig bei der Opposition,
was die Verhandlungen von Beginn an geprägt
hat (vgl. Ott 2013). Für eine Erfolg versprechende
Folgekommission wäre es deshalb sinnvoll, einen
Themenbereich zu wählen, dessen Bearbeitung
von allen Fraktionen unterstützt wird.
Neben einer klaren Aufgabenstellung des Einsetzungsbeschlusses ist eine möglichst große Nähe
des Themas zum ‚normalen’ politischen Prozess
hilfreich, unter anderem weil dies eine bessere
mediale Resonanz ermöglicht. Je höher die
gesellschaftliche und politische Anteilnahme,
desto größer ist auch die Chance auf einen guten
Abschluss. Sie ist auch wichtig, um fähige Abgeordnete anzuziehen, weil Parlamentarier*innen
darauf angewiesen sind, mit ihrer Arbeit auch
wahrgenommen zu werden. Nicht zuletzt ist für
den Erfolg einer Enquete auch die mentale Einstellung der Mitglieder entscheidend – ob also bei
den Mitgliedern ein Erkenntnisinteresse und ein
Bedürfnis nach Kooperation bestehen oder nicht.
Gemeinsamkeiten müssen nach vorne gestellt
werden und die Erarbeitung der Themen sollte
diskursiv und nicht konfrontativ erfolgen. Diese
Einstellungen und Arbeitsweisen werden in hohem Maße durch die Vorsitzenden gestärkt oder
abgeschwächt – eine Kommission sollte daher
möglichst von unabhängigen, starken und ausgleichenden Vorsitzenden geführt werden.
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POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
Eine neue Enquete „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“?
Unter der Annahme, dass in der Enquete-Kommission der letzten Legislaturperiode nicht alle
Fragen bezüglich des Komplexes „Wachstum,
Wohlstand, Lebensqualität“ geklärt worden sind,
wäre zu untersuchen, welche Fragen dieses Themenfeldes noch einmal vertiefend oder sogar
zum ersten Mal vom nächsten Bundestag erörtert
werden sollten. Zunächst jedoch muss eine
einfache Frage geklärt werden: Wäre es nicht
sinnvoll, durch eine neue Enquete mit ähnlichem
Auftrag diesen Komplex noch einmal untersuchen
zu lassen?
Die Antwort lautet vermutlich „ja“, wenn man den
Begriff ‚sinnvoll’ auf die grundsätzliche Sinnhaftigkeit einer solchen Untersuchung anwendet. Allerdings wären die Aussichten auf Einsetzung einer echten Folgekommission (anders als es z.B.
im Falle der Kommission zum Schutz der Erdatmosphäre von 1990 der Fall gewesen ist) nicht
besonders rosig, denn die Grundbedingungen
haben sich entscheidend geändert. 2010 war die
Welt noch geschockt von der Finanzkrise, in der
sich vormals unzerstörbar geglaubte FinanzInstitutionen plötzlich als extrem verwundbar
erwiesen hatten. Dies führte einerseits zu einem
gewissen Zweifel an den wirtschaftlichen Grundlagen unserer Zivilisation. Auch meldeten sich
grundsätzliche Zweifel am ungebrochenen Fortschrittsglauben (insbesondere bei der SPD).
Andererseits hatte die Banken- und Finanzkrise
auch zu einer gewissen Beunruhigung hinsichtlich anderer, als sicher geltenden Systeme geführt: die ökologischen Krisen bedrohten nach
Ansicht von Bündnis 90/Die Grünen nicht nur die
wirtschaftliche, sondern auch die Lebensgrundlage unserer Spezies Mensch insgesamt. Aus dieser Gemengelage an Interessen ist die Enquete
Eine Zusammenstellung der offenen Forschungsfragen (ebenso wie eine ‚best of’ – Zusammenstellung
von 150 Seiten des Enquete-Berichts) findet sich auf
1
WWL entstanden. Mittlerweile allerdings (und
auch schon bei Abschluss des Berichts 2013) ist
‚Ruhe’ eingekehrt, business-as-usual, die Angst ist
gewichen und „Wachstum“ wieder zum Mantra
der Politik geworden – in Deutschland, Europa
und global.
Als nächstes wäre deshalb zu untersuchen, ob
nicht statt des gesamten Themenkomplexes
gewisse Teilbereiche des Wachstums- und Wohlstandsthemas durch eine neue Enquete-Kommission weitergeführt werden könnten und sollten.
Eine Einschränkung der Themenbreite muss nicht
schlecht sein, denn eine Schwierigkeit der Enquete WWL bestand ja gerade in der ungeheuren
Vielfalt und Komplexität des Themas.
Im Folgenden werden mögliche Themenfelder für
eine zukünftige Enquete kurz erörtert: Ressourcenpolitik, die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme sowie die Zukunft der Arbeit. Auch eine
Enquete zum Finanz- und Geldssystem wurde in
der Arbeitsgruppe diskutiert, ist jedoch als sehr
unwahrscheinlich nicht ausgearbeitet worden.
Eine Enquete zur Ressourcenpolitik?
Bei den in der „Zivilen Enquete“ versammelten
Menschen stehen die externen Grenzen des
Wachstums im Vordergrund. Es soll demnach zuerst gefragt werden, ob vielleicht eine Enquete
zum Thema „Ressourcenpolitik“ erfolgreich lanciert werden könnte. Die Enquete „Wachstum,
Wohlstand, Lebensqualität“ hat in diesem Bereich zumindest in der Analyse der Problematik
eine sehr gute Vorarbeit geleistet, an die ohne
Probleme angeknüpft werden könnte (Ott 2013,
2014). Auch offene Fragestellungen sind detailliert benannt (Deutscher Bundestag 2013, S. 406f,
416, 430, 454, 514f).1
Hier würden die Themen „planetare Grenzen“, die
Verfügbarkeit von Ressourcen, die Chancen einer
der Webseite des Autors: https://hermann-eott.de/cms/category/wachstum-wohlstand/.
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POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
circular economy, Suffizienz und die Regionalisierung von Stoffkreisläufen angesprochen und es
bestünde mithin ein direkter Bezug zur Postwachstumsdebatte. Auch könnte unmittelbar an
reale wirtschaftliche Prozesse wie die Verfügbarkeit von kritischen Rohstoffen und dem bevorstehenden Strukturwandel im Bereich der fossilen
Energieerzeugung und deren Nutzung angeknüpft werden. Ferner agieren in diesem Bereich
starke zivilgesellschaftliche Akteure, die das
Thema auf die Tagesordnung setzen und für einen
starken medialen Widerhall sorgen könnten.
Allerdings ist im Moment die Sensibilität von
Öffentlichkeit und Politik für das Ressourcenthema nicht besonders ausgeprägt: Der Ölpreis
hält sich auf relativ hohem Niveau aber steigt
nicht und die Aufregung um so genannte ‚kritische’ Rohstoffe hat sich weitgehend gelegt. Insofern fehlt es im Moment an politischen Debatten,
an die angeknüpft werden könnte. Allerdings
könnte, abhängig von der Zusammensetzung des
nächsten Bundestages, eine starke Minderheit
eine solche Enquete nichtsdestotrotz durchsetzen. Es käme demnach darauf an, nach der Wahl
eine entsprechende Formulierung bereits in einen Koalitionsvertrag zu schreiben oder, im Falle
eines Minderheitsantrags, eine entsprechende
‚Koalition der Willigen’ zu schmieden. Dies könnte
schon in dieser Legislaturperiode mit möglicherweise interessierten Abgeordneten beginnen.
Eine Enquete zur Zukunft der sozialen Sicherungssysteme?
Im Folgenden sollen zwei mögliche Themen für
eine Folge-Enquete vorgestellt werden, die sehr
ähnlich sind und im Grunde dieselbe Problematik
von unterschiedlichen Gesichtspunkten aus beleuchten: Die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme und die Zukunft der Arbeit. Beide sollen kurz
skizziert werden und beide sind gleichermaßen
geeignet als Kandidaten für eine Enquete des
nächsten Bundestages.
Die „Zukunft der sozialen Sicherungssysteme“
behandelt eines der zentralen Themen jedweder
Postwachstumsagenda. Denn eine Politik jenseits
des Wachstums wird – ganz abgesehen von der
Grundschwierigkeit sich ein solches Wirtschaftssystem vorzustellen – häufig vor allem deshalb als
praktisch unmöglich eingeschätzt, weil die sozialen Sicherungssysteme ohne ökonomisches
„Wachstum“ (also Wachstum des Bruttoinlandsprodukts, BIP) nicht finanzierbar seien. Die Abkoppelung des Sozialsystems von Konjunktur
und BIP ist deshalb auch zentrale Voraussetzung
jeder Postwachstumspolitik. Hier hat die Enquete
„Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ eine
ernsthafte Auseinandersetzung vermieden.
Gleichzeitig herrscht auch unabhängig von der
Wachstumsfrage ein großer Problemdruck, da die
Grenzen des bisherigen Umlagesystems schon
seit vielen Jahren sichtbar sind: Zusätzlich zum
demographischen Wandel, wo z.B. in der Rentenkasse immer weniger Arbeitnehmer*innen immer
mehr Empfänger*innen bedienen müssen, wo die
Kosten der deutschen Einheit im Wesentlichen
aus den Sozialkassen finanziert worden sind,
kommen immer stärker die Herausforderungen
der „Industrie 4.0“ in den Blick.
Die zunehmende Roboterisierung der manuellen
Arbeit (Stichwort: autonom fahrender Lieferverkehr) und die ‚Algorithmisierung’ geistiger Arbeit
in den staatlichen und privaten Verwaltungen, im
Journalismus und sogar in der Wissenschaft werden zu einer Gefahr für den sozialen Frieden in
bisher nicht vorstellbarer Weise. Ideen wie die des
bedingungslosen Grundeinkommens werden
heute auch von Unternehmer*innen und eher
wirtschaftsnahen Kommentator*innen ins Spiel
gebracht, ebenso eine mögliche Finanzierung
über eine Maschinensteuer. Aus all diesen Gründen ist das allgemeine Interesse an diesem
Thema bei allen Parteien bzw. Fraktionen groß. Es
mögen unterschiedliche Motive und Lösungsvorstellungen hinter diesem Interesse stehen, aber
diese können sich im Einsetzungsbeschluss für
29
POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
eine Enquete sehr gut wiederfinden. Gleichzeitig
ist gesichert, dass eine Befassung mit diesem
Thema immer genügend Bezüge zum täglichen
Politikgeschäft aufweist und insofern reizvoll für
Parlamentarier*innen ist. Die gesellschaftlichen
bzw. zivilgesellschaftlichen Akteure sind zahlreich und zum Teil sehr einflussreich, was für eine
große Resonanz in der Gesellschaft sorgen würde.
Als negativ könnte sich auswirken, dass die Debatte um die sozialen Sicherungssysteme hochgradig ideologisch besetzt ist und deshalb in Gefahr gerät, in den Sog aktueller politischer Debatten hineingezogen zu werden. Die Nähe zur aktuellen Politik hätte deshalb neben dem positiven
Impuls für die Einrichtung einer solchen Enquete
auch negative Aspekte hinsichtlich der Erfolgschancen. Auch ist die internationale Dimension
nicht so einfach zu erschließen – allerdings zeichnen sich Enquete-Kommissionen selten durch
einen globalen Blickwinkel aus, auch die Enquete
WWL war hier keine Ausnahme. Insgesamt spricht
also sehr viel dafür, dass eine solche EnqueteKommission nicht nur eine Minderheit finden
würde um sie einzurichten, sondern sogar von der
Mehrheit der zukünftigen Fraktionen im Deutschen Bundestag befürwortet würde.
Eine Enquete zur Zukunft der Arbeit?
Sehr ähnliche Argumente können auch für und
wider eine Enquete zur „Zukunft der Arbeit“ angeführt werden: Für die Möglichkeit einer Einrichtung durch den Bundestag sprechen der hohe
Problemdruck durch die rasanten technischen
Entwicklungen, die enge Anbindung an aktuelle
politische Debatten, die Gefahr der Arbeitslosigkeit großer Teile der Erwerbsbevölkerung und ein
damit evtl. einhergehender zunehmender Rechtspopulismus und Nationalismus sowie das große
Interesse starker und gut vernetzter gesellschaftlicher Akteure (Gewerkschaften, Arbeitgeber*
innenvereinigungen, Sozial- und Wohlfahrtsverbände). Hinzu kommt die Nähe zu realen gesell-
schaftlichen Entwicklungen und einem fundamentalen Wertewandel, wie er sich im Wunsch
nach Entschleunigung, besserer Vereinbarkeit
von Familie und Beruf und einer Aufwertung von
Care- und Familienarbeit etc. ausdrückt.
Auch von Seiten der Ökologie bzw. des Ressourcenschutzes besteht ein hohes Interesse an der
gesellschaftlichen Organisation von Arbeit, zum
Beispiel bei der Frage ob weniger Arbeit zu mehr
Autarkie, zu weniger Produktion, weniger Materialdurchsatz und evtl. zu suffizienteren Lebensstilen führt, wie es von manchen Postwachstumsdenker*innen postuliert wird. Hinsichtlich der
Sozialpolitik ist die Frage nach der Arbeit nur die
Kehrseite der Medaille – auch die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme müsste bei der Frage
nach der Zukunft der Arbeit mitgedacht werden
(wie umgekehrt übrigens auch). Die philosophische, gesellschaftspolitische und nicht zuletzt religiöse und spirituelle Rahmung dieser Fragen
(„Wie wollen wir leben? Wodurch bekommen wir
Anerkennung und Wertschätzung?“) würden für
eine lebhafte gesellschaftliche Debatte von erheblicher Relevanz sorgen.
Als negativ könnte sich erweisen, dass auch für
diese Enquete die Komplexität und Vielschichtigkeit der Materie eine Herausforderung wäre.
Natürlich könnte die Fragestellung – ebenso bei
den Sozialsystemen – präzisiert werden. Andererseits darf die Fragestellung nicht zu eng geführt
werden – es sollte z.B. vermieden werden, nur die
eher ‚technischen’ Aspekte zu behandeln, sondern gerade auch die Frage nach dem ‚Sinn’ von
Arbeit zu stellen. Es gilt, wie bei der vorherigen
Fragestellung auch, dass dieses Thema stark
ideologisch besetzt ist, was eine kooperative Herangehensweise erschwert. Der Bezug zu den
ökologischen Fragen müsste sehr deutlich im Einsetzungsbeschluss hergestellt werden.
30
POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
Schlussfolgerungen
Es bestehen also gute Voraussetzungen dafür,
dass der nächste Bundestag eine EnqueteKommission zur Zukunft der sozialen Sicherungssysteme oder zur Zukunft der Arbeit einsetzen
könnte. Die Themen sind ‚heiß’, der Problemdruck ist hoch, die gesellschaftlichen Akteure sind
zahl- und einflussreich und fast alle zukünftigen
Fraktionen werden ein großes Interesse an der
Lösung mancher einschlägiger Fragen haben.
Zwischen den beiden Komplexen ist eine Entscheidung schwierig, jedoch haben die Verfasser*innen eine Präferenz für eine Enquete zum
Thema ‚Arbeit’, verstanden in einem umfassenden Sinne auch als Frage nach dem Sinn des Arbeitens und dem was Wohlstand und Gutes Leben
auszeichnet (über den Bericht der Bundesregierung zur Lebensqualität in Deutschland hinaus,
vgl. Bundesregierung 2016).
Ein Kompromiss könnte auch in der Verbindung
beider Themen bestehen (mit dann natürlich
noch deutlicherer Komplexität). Mit einer derartigen Kommission bestünde in jedem Fall die
Chance, eine große Leerstelle der Enquete
„Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ zu
füllen, Wachstumszwänge zu mindern und die Gesellschaft insgesamt resilienter gegen zu erwartende externe Schocks zu machen.
Eine Enquete zur Ressourcenpolitik erscheint im
Moment nicht sehr aussichtsreich, wenn sich
nicht im nächsten Jahr der Problemdruck extrem
erhöht. Allerdings bestünde hier die Chance einer
fraktionsübergreifenden Allianz, die nach der
Wahl auf eine Aufnahme einer RessourcenEnquete in den Koalitionsvertrag drängt oder das
Thema als oppositionellen Minderheitenantrag in
den Bundestag bringt.
In jedem Fall aber gilt, dass diese EnqueteKommissionen nicht von allein kommen werden,
sondern Treiber innerhalb des Bundestages brauchen. Es sind also Gespräche schon vor der Wahl
angezeigt, um die Chancen für die verschiedenen
Modelle auszuloten und die Abgeordneten zu sensibilisieren. Die Wahrscheinlichkeit zur Einsetzung erhöht sich signifikant, wenn es gelänge, die
Fraktionsspitzen für eine solche Idee zu gewinnen. Dies gilt natürlich vor allem nach der Wahl
und bei der Verhandlung des Koalitionsvertrages.
Doch auch vor der Wahl kann in vielen Fällen
schon mit einiger Sicherheit abgeschätzt werden,
wer von den Mitgliedern einer Fraktionsführung
auch im nächsten Bundestag bzw. der Fraktionsspitze sein wird. Diese sollten bereits sehr kurzfristig auf die Idee einer Enquete zur Zukunft der
Arbeit angesprochen werden.
Mit der Einsetzung einer Enquete-Kommission zur
Ressourcenpolitik, zur Zukunft der Arbeit oder
der sozialen Sicherungssysteme würde der Bundestag wieder zu einer Plattform werden, auf der
zentrale Zukunftsfragen unserer Gesellschaft
öffentlich verhandelt werden können. Wo also
gestritten, geforscht und sich vielleicht auch geeinigt wird. Gleichzeitig würde dies einem weiteren
Ziel der Zivilen Enquete und dieser Broschüre entgegenkommen, nämlich die Anliegen wichtiger
und jüngerer Teile der Gesellschaft an einer Wirtschaft jenseits der Wachstumszwänge in die Politik zu tragen. Und weniges braucht unsere Demokratie mehr als eine bessere Verzahnung von
Gesellschaft und Politik. In diesem Sinne dient
das Ringen um die bessere Wirtschafts- und
Gesellschaftsordnung nicht nur der Erhaltung
unserer Lebensgrundlagen, sondern auch der
Stärkung des sozialen und politischen Zusammenhalts unserer Gesellschaft.
Autor*innen:
Hermann Ott | Wuppertal Institut |
[email protected]
Martina Eick | Umweltbundesamt |
[email protected]
Rudolf Janke | Liberia Freunde e.V.
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POSTWACHSTUMSPOLITIK – WOHLSTAND UND LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE
Literaturverweise
Politikvorschläge für eine Wirtschaft ohne Wachstum
Allianz “Rechtssicherheit für politische Willensbildung” (2017): Forderungen zur Änderung der Rechtslage.
http://www.zivilgesellschaft-ist-gemeinnuetzig.de/forderungen/ (Zugriff 07.05.2017).
Bender, H., Bernholt, N. (2017): Unternehmen, die nicht wachsen müssen. Die Unternehmensverfassung
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© Theobald | LAG 21 NRW
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Impressum
Entstanden im Projekt „Fokus Wachstumswende“: www.fokus-wachstumswende.de
im Rahmen der „Zivilen Enquete Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“
Veröffentlicht im Juli 2017
Herausgeber: Förderverein Wachstumswende e.V. | c/0 Andreas Siemoneit | Schlesische Straße 32 | 10997 Berlin
www.wachstumswende.org | [email protected]
Projektverantwortliche und V.i.S.d.P.: Miriam Boschmann | [email protected]
Ansprechpartner für die Zivile Enquete: Prof. Dr. Hermann Ott | [email protected]
Redaktion: Miriam Boschmann, Jana Holz, Nora Lust, Prof. Dr. Hermann Ott
Autor*innen2:
Miriam Boschmann
Martina Eick
Gerolf Hanke
Elena Hofmann
Jana Holz
Anja Humburg
Rudolf Janke
Theresa Klostermeyer
Kai Kuhnhenn
Dr. Steffen Lange
Wolfgang Lührsen
Nora Lust
Prof. Dr. Hermann Ott
Graphische Gestaltung: Laura Theuer, Jana Holz
Copyright: © Fokus Wachstumswende
Druck: DDZ Digital-Druck-Zentrum GmbH
Berlin | Juli 2017
Dieses Projekt wurde gefördert durch das UBA und BMUB.
Die Verantwortung für den Inhalt dieserVeröffentlichung liegt bei den Autor*innen.
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An der Erarbeitung der Inhalte der Broschüre haben weitaus mehr Menschen mitgewirkt, als hier als Autor*innen genannt werden.
Die hier genannten Personen sind nur diejenigen, die die Beiträge zu dieser Broschüre verfasst haben. Die Autor*innen haben das
Papier in ihrer persönlichen Eigenschaft verfasst. Die Inhalte des Papiers stimmen daher nicht automatisch mit der offiziellen Meinung der Organisationen überein. Viele weitere Mitglieder des Netzwerks haben durch Feedback an dem Papier mitgewirkt. Hier
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