SÜDSTADT VIERSEN

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SÜDSTADT VIERSEN
QUALITÄTEN
ERKENNEN – BEWAHREN – IN WERT SETZEN
INHALTSVERZEICHNIS
Herausgeber:
Stadt Viersen – Der Bürgermeister
FB 60 Stadtentwicklung
Bearbeitung und Layout:
Strauß & Fischer – Historische Bauwerke GbR, Krefeld
Druck und Bindung:
Impuls HPZ, Heilpädagogisches Zentrum Krefeld - Kreis Viersen gGmbH
Viersen 2015
Gefördert durch:
VORWORT
S. 3
EINLEITUNG
Ideen und Impulse für die südliche Innenstadt
S. 5
Die historische Entwicklung der Südstadt Viersen S. 6
Es tut sich was: das heutige Stadtbild der südlichen Innenstadt
S. 10
Altersklassen
S. 12
STÄDTEBAULICHE UND ARCHITEKTONISCHE QUALITÄTEN ERKENNEN – BEWAHREN – IN WERT SETZEN
Fassade: Gliederung, Material, Farbe S. 16
– Fassadenöffnungen: Fenster, Türen S. 26
– Dächer: Dachform, Dachaufbauten, Dachflächenfenster S. 34
HINWEISE FÜR WERBEANLAGEN UND LADENEINBAUTEN Außenwerbung: warum eine Werbesatzung?
Ladenlokale: Ladeneinbau und Fassadengestaltung
Außenwerbung: Fassadenwirkung Außenwerbung: Farbe und Licht Außenwerbung: Stadtbild S. 42
S. 44
S. 46
S. 48
S. 50
EMPFEHLUNGEN ZUR ENERGETISCHEN ERTÜCHTIGUNG Energetische Sanierung: allgemeine Grundsätze Nachträgliche Dämmung: Außenwände
Nachträgliche Dämmung: Keller
Nachträgliche Dämmung: Dächer
Energetische Sanierung: Fenster
Energetische Sanierung: Dämmung und Stadtbild
S. 54
S. 56
S. 58
S. 59
S. 60
S. 61
ABBILDUNGSNACHWEIS S. 62
Seite 1
VORWORT
DES BÜRGERMEISTERS
Liebe Bürgerinnen und Bürger,
liebe Südstädter!
und stehen stellvertretend für das
große bürgerschaftliche Engagement in der Südstadt.
Die Viersener Südstadt hat eine
Menge zu bieten. Attraktive Plätze,
Parks und Stadtgärten sowie eine
weltoffene Kultur und internationale
Gastronomie prägen das Flair des
Quartiers. Ein großes Potenzial der
Südstadt steckt vor allem auch in
den zahlreichen historischen Gebäuden, die dem Quartier seinen unverwechselbaren Charakter verleihen.
Einiges konnten wir gemeinsam mit
den Eigentümern und Investoren
in der Südstadt schon bewegen.
Dennoch dürfen wir nicht nachlassen, den bisher beschrittenen Weg
gemeinsam mit Ihnen fortzusetzen.
Der demografische Wandel und
die energetischen und umweltpolitischen Herausforderungen werden
uns in den nächsten Jahren gerade
im baulichen Bestand vor besondere
Herausforderungen stellen. So werden wir gemeinsam mit der NEW die
Stelle eines Sanierungsmanagers
für die energetische Sanierung des
Gebäudebestandes in der Südstadt
schaffen. Auch die Fortsetzung der
Immobilienberatung und des Hofund Fassadenprogramms im Rahmen des Programms der „Sozialen
Stadt“ steht auf unserer Agenda.
Mit dieser Broschüre möchten wir
allen Akteuren einen Leitfaden an
die Hand geben, der I¯hnen hilft, die
besonderen architektonischen Qualitäten des Quartiers zu erkennen und
bei der Renovierung und Umgestal-
Diesen Schatz zu bewahren und
behutsam weiterzuentwickeln ist
eine der wesentlichen Aufgaben,
die wir uns im Rahmen der Stadterneuerung gestellt haben. Mithilfe der
Fördergelder aus dem Programm
der „Sozialen Stadt“ ist es uns
gelungen, Eigentümer mit Beratungsangeboten und finanziellen
Anreizen zu unterstützen, die ihre
Immobilien zukunftsfähig umgestalten wollen. Zahlreiche Gebäude
wurden grundlegend saniert, viele
geschmackvoll und denkmalgerecht
gestaltete Fassaden prägen heute
das Erscheinungsbild der Südstadt
Seite 2
tung der zahlreichen denkmalwerten
und stadthistorisch bedeutsamen
Gebäude zu bewahren. Gemeinsam mit Ihnen werden wir uns dafür
einsetzen, den Charme und das
besondere Flair der Südstadt zu bewahren, damit sie auch in Zukunft für
ihre Bewohner lebens- und liebenswert bleibt.
Viersen, im Juni 2015
Günter Thönnessen
Bürgermeister
Seite 3
IDEEN UND IMPULSE FÜR DIE
SÜDLICHE INNENSTADT
Die nebenstehende Ansichtskarte
zeigt den Blick auf die Hauptstraße
hinunter Richtung Kreuzkirche. Sie
überliefert uns ein Stadtbild der Viersener Innenstadt, das so nicht mehr
existiert – in vielerlei Hinsicht: Gebäude sind durch Neubauten ersetzt
worden, der damalige Straßenraum
ist heute teilweise eine Fußgängerzone mit Allee, natürlich sind auch die
Ladengeschäfte und die Fahrzeuge
heute andere. Abseits nostalgischer
Gefühle zeigt die Ansichtskarte: Eine
Stadt ist einem beständigen Wandel
unterworfen. Dieser Wandel wurde
auch in Viersen durch Ereignisse
wie die Zerstörungen des Zweiten
Weltkriegs und den nachfolgenden
Wiederaufbau intensiviert. Dieser
Wandel ist jedoch nicht naturgesetzlich: Er wird vielmehr von uns allen
gestaltet.
Die Broschüre soll die Beratungen
ergänzen und unterstützen, die seit
einigen Jahren im Auftrag der Stadt
Viersen in der südlichen Innenstadt
durchgeführt werden, um Hausei-
gentümer und Ladeninhaber bei
entsprechenden Instandsetzungsund Umbaumaßnahmen fachlich
und gestalterisch zu unterstützen.
Dem liegt die Erkenntnis zugrunde,
dass in der Vergangenheit nicht jede
bauliche Veränderung, nicht jede
Umgestaltung eines Ladenlokals ein
Gewinn für das Viersener Stadtbild
war. Beratung und Broschüre sollen
helfen, Qualitäten zu erkennen, Qualitäten zu bewahren und durch eine
Inwertsetzung neue Qualitäten zu
schaffen. Die bestehende Vielfalt der
südlichen Innenstadt bildet hierfür
den Ausgangspunkt, sie erforderte
auf der anderen Seite aber auch, die
Broschüre nach unterschiedlichen
Bauepochen aufzuschlüsseln: jede
dieser Bauepochen/Baualtersklassen ist in Viersen durch andere Charakteristika geprägt, die zu erkennen
und hervorzuholen die Basis der
nachfolgenden Anregungen ist.
Diese Broschüre soll Ideen und
Impulse für den Wandel in der südlichen Innenstadt Viersens geben.
Sie soll zugleich in Grundzügen mit
bestehenden Regelungen bekannt
machen – hier vor allem mit den
beiden Werbesatzungen. Ziel ist es,
Anregungen zu geben, was Hauseigentümer und Ladeninhaber zu
einem qualitätvollen Stadtbild beitragen können. Die Broschüre konzentriert sich daher – im Hinblick auf
ein qualitätvolles Stadtbild – auf die
Elemente des Hauses, die von der
Straße aus sichtbar sind: Fassade,
Fenster und Türen sowie Dach.
Ein eigener Abschnitt beschäftigt
sich mit Außenwerbung und Ladeneinbauten, einem für die Südstadt
Viersen bedeutenden Aspekt: Exemplarische Gegenüberstellungen sollen Möglichkeiten aufzeigen, wie hier
Qualitäten erhöht werden könnten.
Zugleich will die Broschüre Hinweise
geben, wie bei Instandsetzungsund Umbaumaßnahmen im Bestand
energetische Ertüchtigungen sinnvoll durchgeführt werden können, wo
hierfür Rat eingeholt werden kann
und welche (finanziellen) Förderungen möglich sein können.
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DIE HISTORISCHE ENTWICKLUNG
DER SÜDSTADT VIERSEN
Der Stadtkern von Viersen geht, anders als Dülken und Süchteln, nicht
auf eine bereits im Spätmittelalter mit
Stadtrechten versehene Siedlung
zurück. Der auf der gegenüberliegenden Seite abgedruckte Stadtbauplan von 1856/60 zeigt vielmehr
noch die dörflichen Ursprünge: das
Rintgen im Süden und Viersen/Burg
rund um die Pfarrkirche St. Remigius
im Norden, die durch die heutige
Hauptstraße miteinander verbunden
sind.
Den Mittelpunkt des Rintgen bildet
bis heute der Gereonsplatz, die
zentrale Gabelung der von Norden
herangeführten Hauptstraße. Diese
Gabelung wird in Ost-West-Richtung
durch eine weitere Wegeverbindung
gekreuzt – nach Osten die Straße
Richtung Hülsdonk (heute: Große
Bruchstraße) und nach Westen die
Straße zum Anfang des 15. Jahrhunderts begründeten Beghinenkloster
(heute: Heierstraße).
Südlich dieser Ost-West-Wegeverbindung floss der Rintgenbach, der
auch das Grundstück des Beghinenklosters querte. Von den fünf
Straßen, die sich am Gereonsplatz
trafen, war die heutige Gereonstraße
durch eine Aufweitung mit MittelSeite 6
bebauung leicht herausgehoben –
vermutlich für einen Markt.
Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts
wuchs Viersen u. a. durch die
örtliche Entwicklung der Textilindustrie zur Stadt heran. Der 1856
erstellte und 1860 genehmigte
Stadtbauplan von Viersen verband
hierfür – in zeittypischer Weise – die
beiden Siedlungskerne Rintgen und
Viersen/Burg durch eine rechtwinklige Straßenstruktur beiderseits der
Hauptstraße. Diese Stadtplanung
bildete bis zum Ersten Weltkrieg
die Grundlage der innerstädtischen
Entwicklung von Viersen.
Die geschwungenen dörflichen
Straßenzüge rund um St. Remigius
und die Wegekreuzung rund um den
Gereonsplatz sind im Stadtplan bis
heute erkennbar erhalten, während die Bebauung beiderseits der
Hauptstraße den Rastergrundriss
der gründerzeitlichen Erweiterung
zeigt.
Östlich dieser neuen Stadtstruktur
wurde auch die Trasse der 1844
gegründeten Ruhrort-Crefeld-Kreis
Gladbacher Eisenbahngesellschaft (ab 1850: Aachen-Düsseldorf-Ruhrorter Eisenbahn-Gesellschaft) angelegt. Die ungefähr in
Abb. 6.1 Hauptstraße mit Blick zur
Kreuzkirche
Abb. 6.2 Frühe Bebauung Mitte 19. Jh.
Abb. 6.3 Gemeindekarte Viersen 1861
Nord-Süd-Richtung verlaufende
Trassenführung ist in dem nebenstehenden Ausschnitt aus der Gemeindekarte der Stadt Viersen von 1861
gut zu erkennen.
Die Bahntrasse und der Bahnhof mit
seinem Gleiskörper begrenzten die
Stadt nach Osten. Zugleich bildete
der Bahnhof am östlichen Ende der
heutigen Bahnhofstraße einen neuen
städtebaulichen Fixpunkt; Bauten
wie die Reichsbank an der Mündung
der heutigen Poststraße auf die heutige Parkstraße verdeutlichen dies
bis heute. Unweit des Bahnhofs,
nördlich der heutigen Bahnhofstraße,
entstand der Stadtgarten, die parallel dazu verlaufende Lindenstraße
wurde an ihrem östlichen Ende zu
einem rechtwinkligen Schmuckplatz
(Petersplatz) aufgeweitet.
Das gründerzeitliche Quartier beiderseits der Hauptstraße verdichtete
sich bis zum Ersten Weltkrieg zu
einer mehrheitlich geschlossenen
Bebauung, in die Bauten wie die
Festhalle eingebettet wurden. An
den Rändern des neuen längsovalen
Stadtumrisses lagerten sich in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Fabrikationsbetriebe vor allem der
Textilindustrie an, die bekanntlich
maßgeblich zum Aufschwung
Viersens beitrugen. Diesen Wandel
repräsentierte in besonderem Maße
die Mechanische Seidenweberei an
der Heierstraße, am Standort des
früheren Beghinenklosters.
1917 kommt es am östlichen Rand
der Viersener Innenstadt zu einer
Abb. 7.1 Stadtbauplan 1856/60
Seite 7
Abb. 8.1 Stadtplan 1918
bedeutenden stadtstrukturellen
Veränderung: die Bahntrasse wird
nach Osten verlegt und die alte
Trasse zur heutigen Freiheitsstraße
umgewidmet, die zunächst nur bis
an den alten Standort des in diesem
Zuge abgebrochenen Bahnhofs
heranreichte (siehe oben stehende
Karte von 1918).
Der neue Bahnhof wurde jenseits
des Gewerbes errichtet, das sich
östlich des früheren Bahnhofsgleiskörpers angesiedelt hatte, und
rückte damit erneut an den (damaligen) Rand der Stadt. Der Einschnitt,
den die Bahntrasse darstellte, wurde
Seite 8
mit der neuen Freiheitsstraße jedoch
nicht aufgehoben: diese bildet weiterhin Schnittstellen mit den älteren
Wegeführungen, die bis heute weder
stadträumlich noch architektonisch
gestaltet sind. Die Freiheitsstraße
wirkt heute eher wie eine jüngere
Umgehungsstraße, da sich kaum
straßenbegleitende Bebauung gebildet hat. An den Schnittstellen zu
den älteren Wegen sind ungestaltete
Kreuzungssituationen mit Brandgiebeln und Restgrundstücken verblieben, die nicht als Stadteingänge
in Erscheinung treten: Dies betrifft
sowohl die (gekappte) Einmündung
von Gereonstraße/An der eisernen
Hand als auch die Kreuzung mit der
Eichenstraße und mit der Dr.-Heggen-Straße.
Für den Bereich des alten Bahnhofs und den östlichen Rand der
Innenstadt bedeutete die 1917
durchgeführte Trassenverlagerung
Abb. 8. 2 Hauptstraße / Mündung Gereonsplatz
ebenfalls eine signifikante Veränderung. Die damalige Bahnhofstraße
(heute: Parkstraße) bildete bis dahin
den östlichen Rand der dortigen
Innenstadt, zwischen ihr und dem
Gleiskörper lag eine lang gestreckte
Freifläche, auf der südlich des alten
Bahnhofs auch das Post- und Telegrafenamt stand.
Dieser Bereich, im späten 19. Jahrhundert gestalterisch besonders
akzentuiert, wurde nun seiner Funktion als räumlicher Abschluss der
Innenstadt und seiner prägenden
Struktur beraubt: Zunächst entfiel
mit dem Bahnhof ein maßgeblicher
Stadtbaustein, dann wurde mit der
Verlängerung der Freiheitsstraße
nach Norden der Freiraum nördlich
der heutigen Bahnhofstraße überplant. Schließlich wurde Ende der
1960er-Jahre das Post- und Telegrafenamt abgerissen; die so erweiterte Freifläche wurde Anfang der
1970er-Jahre zum sog. Postgarten
umgestaltet.
Im Zweiten Weltkrieg hat das
Rintgen – wie eine 1945 angelegte
Schadenskarte verdeutlicht – weniger gelitten als der Bereich um
St. Remigius und die gründerzeitliche Stadterweiterung rund um die
Hauptstraße. Die Südliche Innenstadt Viersen ist trotz ergänzender
und ersetzender Nachkriegsbauten
bis heute von einer „gewachsenen
baulichen Mischung“ mit einem
großen Anteil von gründerzeitlichen
Wohnhäusern, Bauten der Zwischenkriegszeit und Gewerbe mit
gründerzeitlichem Kern geprägt.
Zugleich bildet der als Südliche
Innenstadt bezeichnete Bereich kein
homogenes oder historisch klar umrissenes Quartier, sondern einen aus
unterschiedlichen Quartiersteilen
bestehenden Stadtraum.
Einen zentralen Straßenzug bildet
unverändert die Hauptstraße mit
ihrer Funktion als Geschäftsbereich,
deren südlicher Abschnitt Teil der
Südstadt ist. Die Blockstrukturen beiderseits der Hauptstraße bilden unverändert eher homogen wirkende,
geschlossene Stadtstrukturen, die
ihre Herkunft aus der Gründerzeit bis
heute vermitteln.
Den südlichen Teil des Rintgen prägt
die Durchmischung von Wohnen
und Gewerbe. Die Lage des Gewerbes innerhalb der wachsenden
Stadtstruktur hatte hier aus städtebaulicher Sicht nicht nur Vorteile: Die
auf eine spätere Expansion hin konzipierten Insellagen etlicher Betriebe
und deren bauliche Dimensionen
führten zu Lücken und Maßstabssprüngen gegenüber den umgebenden Wohnbebauungen.
Die Wechselwirkungen, Überlagerungen und gegenläufigen Entwick-
lungen von Wohnen und Gewerbe
schufen so eine fragmentierte, von
Brüchen geprägte Quartiersstruktur.
Punktuell verstärkt werden diese
Brüche durch den tangentialen
Erschließungsring, der die Viersener
Innenstadt vom Durchgangsverkehr
entlasten und die Fußgängerzone
ermöglichen sollte.
Hierzu wurden nach dem Zweiten
Weltkrieg mehrheitlich vorhandene
Straßen aufgeweitet und in ihrem
Verlauf verändert. Besonders deutlich wird die stadträumliche Zäsur
bei der aufgeweiteten Hohlstraße
mit der leicht vom Straßenverlauf
abgerückten, in den 1970er-Jahren realisierten großmaßstäblichen
Wohnbebauung auf dem Gelände
der vormaligen Mechanischen
Seidenweberei. Die Fortführung der
südlichen Ringstraße nach Osten
über die Gladbacher Straße hinaus
wurde unlängst realisiert.
Abb. 9.1 Schadensplan 1945
Abb. 9.2 Bahnhofstraße im Wiederaufbau
Abb. 9.3 Gereonsplatz 2014
Seite 9
ES TUT SICH WAS:
DAS HEUTIGE STADTBILD DER SÜDLICHEN INNENSTADT
Durch Stadtwachstum und Wiederaufbau sind in Viersen zwei prägende Bauepochen vorhanden: zum
einen die sogenannte Gründerzeitarchitektur (1871 bis 1918), zum anderen die Nachkriegsmoderne (1949
bis Mitte der 1960er-Jahre). Bauten
anderer Jahrzehnte sind vorhanden,
jedoch deutlich seltener. Auf der
folgenden Doppelseite werden diese
Bauepochen kurz vorgestellt, wobei
die Altersklasse 1 (vor 1836) fehlt; es
haben sich vermutlich keine Bauten
aus dem vorindustriellen Viersen
erhalten.
Die beiden prägenden Bauepochen
Viersens unterscheiden sich deutlich – Unterschiede, die im Stadtbild
wahrzunehmen sind.
So zeigt die Gründerzeitarchitektur
die typischen, oft mit Stuck verzierten Gebäude, meist untergliedert in
ein durch einen Kellergeschoss-Sockel höher liegendes Erdgeschoss,
eine Beletage im Obergeschoss und
ggf. ein niedrigeres zweites Obergeschoss (teilweise als Mezzaningeschoss, d. h. ohne Stehhöhe an
Traufe/Drempel).
Innerhalb der Gründerzeitarchitektur
gibt es unterschiedliche GestalSeite 10
tungsprinzipien: Neoklassizistische
Bauten um 1890 zeigen mehrheitlich
flächige Fassaden, deren renaissance-inspiriertes Stuckdekor auf
die Fassade montiert erscheint,
während um 1900 stärker asymmetrisch angelegte Fassaden realisiert
werden, deren Fassade durch Erkerund Balkonvorsprünge lebhafter
gegliedert ist und mit Giebeln und
Gauben über die Traufe hinaus in
die Dachebene übergreift.
Trotz der Verluste durch Kriegszerstörung und Neubau hat sich in der
Südstadt eine große, qualitätvolle
Vielfalt an Gründerzeitbauten erhalten.
Die Bauten der Nachkriegszeitmoderne stehen tendenziell in einem
spürbaren gestalterischen Kontrast
zur Gründerzeitarchitektur: Die Fenster und Fensterbänder sind vielfach
liegend angeordnet, neue Fassadenmaterialien (etwa Kleinmosaik und
keramische Bekleidungen) halten
Einzug, die Geschossigkeiten sind
niedriger.
Dieser Kontrast war zeitgenössisch
beabsichtigt, hatten Bauherren und
Architekten nach 1945 doch neue,
andere Vorstellungen von schöner
Architektur.
Die Gründerzeitarchitektur erfährt
heute wieder größere Wertschätzung, nachdem sie in den Nachkriegsjahrzehnten vielen als hässlich
galt. Auch in der Südstadt Viersens
sind viele Gründerzeithäuser heute
wieder behutsam instand gesetzt
und stellen ihre charakteristischen
Stuckfassaden heraus.
Die Nachkriegsmoderne wartet noch
auf eine vergleichbare breitere Wertschätzung, auch in Viersen. Doch
auch hier gibt es besondere Qualitäten zu entdecken, zu bewahren und
wiederherzustellen. Erste Schritte
hierfür sind auch in der Südstadt
gemacht.
Seite 11
Altersklasse 2 (1836 bis 1870)
Bauten der Altersklasse 2 waren oft
mit wenig Bauschmuck versehene,
ein- bis zweigeschossige traufständige Gebäude. Regelmäßig wurden
solche Gebäude nachträglich mit
einem historistischen Bauschmuck
oder einer Fassadenverkleidung
versehen, um sie gestalterisch
aufzuwerten. Die bescheideneren
und kleinmaßstäblicheren Bauten
der Altersklasse 2 sind heute häufig
stark überformt und wirken infolge
zahlreicher nachträglicher Eingriffe mitunter als unproportionierte
Zufallsarchitekturen. In wenigen
Fällen ist der historische Charakter
erhalten bzw. sind die nachträglichen Einbauten so gestaltet, dass
Altersklasse 3 (1871 bis 1918)
Bauten dieser Altersklasse 3 bilden
trotz Kriegszerstörungen und Wiederaufbau einen prägenden Baubestand in der Südlichen Innenstadt
Viersen, auch wenn geschlossene
gründerzeitliche Straßenzüge kaum
erhalten sind. Ein großer Teil der
Bauten sind in erfreulich gutem Zustand und qualitative Pfeiler der Südlichen Innenstadt. Allerdings haben
bei einigen Gebäuden nachträgliche
Veränderungen die ursprünglichen
Qualitäten gemindert oder verdeckt.
Für das Stadtbild ungünstig sind
u. a. folgende Veränderungen:
• Verlust von wesentlichen Architekturelementen der FassadenglieSeite 12
die Kleinteiligkeit der ursprünglichen
Fassadengliederung erhalten blieb.
Abb. 12.1
Für das Stadtbild ungünstig sind
u. a. folgende Veränderungen:
• Neue Fassadenmaterialien, z. B.
Bekleidung mit Klinkerriemchen,
die zum Verlust von wesentlichen
Architekturelementen und der Fassadengliederung führen
• Zusetzungen von Fensteröffnungen, Einbau abweichender
(zumeist liegender) Fensterformate
• Gestalterisch abwertende Erweiterungen durch Anbauten und Aufstockungen sowie unmaßstäbliche
Gauben
derung (etwa durch Abschlagen
des Stucks) und von bauzeitlichen
Dachaufbauten
• Zusetzungen von Fensteröffnungen, der Einbau von Garagentoren bzw. von abweichenden
Fensterformaten und/oder neue
Verblendungen mit Klinkern, die insbesondere in den Erdgeschossbereichen das Erscheinungsbild der
Gebäude mindern
• Nachträgliche Montage von außen
liegenden Rollläden und die Aufgabe der historischen Fensterteilung,
die zulasten der Maßstäblichkeit der
Fassaden gehen
• Grelle oder zu kontrastreiche
Farbigkeit
Abb. 12.2
Altersklasse 4-5 (1919 bis 1949)
Die Bautätigkeit der Zwischenkriegszeit ist in der Innenstadt
von Viersen deutlich geringer als
zur prosperierenden Phase des
deutschen Kaiserreichs. Dennoch
entstanden prägnante, nun jedoch
zumeist ziegelsichtige Bauten. Sie
entstanden teilweise als Baulückenschließungen, teilweise als einzelne
Hauszeilen (u. a. an der Dr.-Heggen-Straße, an der Hermannstraße
und an der Burgstraße).
Als Zeugnis des Neuen Bauens
nimmt die denkmalgeschützte Villa
Walter Kaiser an der Burgstraße für
den Bereich der Südlichen Innenstadt Viersens eine gewisse Sonderrolle ein.
Altersklasse 6-7 (1950 bis 1976)
Die Innenstadt von Viersen hat – vor
allem im nördlichen Teil – im Zweiten
Weltkrieg starke Schäden davongetragen. Entsprechend ist vor allem
der nördliche Teil der Hauptstraße,
aber auch Bereiche wie der westliche Teil der Bahnhofstraße sind
heute von Bauten des Wiederaufbaus geprägt. Viele dieser Gebäude
sind in einem gestalterisch eher
konservativen Duktus gehalten, der
an die Gestaltungsmerkmale des
Heimatstils und der 1930er-Jahre
anknüpft.
Der Erhaltungszustand dieser Nachkriegsbauten ist unterschiedlich: es
finden sich Bauten in schlechtem
Pflege- und Erhaltungszustand, aber
Für die Wohnbauten der Altersklassen 4-5 gibt es in der Viersener Südlichen Innenstadt ebenfalls schöne,
gut erhaltene Beispiele.
Abb. 13.1
Für das Stadtbild ungünstig sind u.
a. folgende Veränderungen:
• Vereinzelte Veränderung der zeittypischen Baukörper z. B. durch neue
Dachaufbauten
• Verlust der Backsteinornamentik
durch neue Verklinkerungen oder
Verputz/Außendämmung
• Verlust der bautypischen Fensterteilungen
auch charmante Zeugnisse des
damaligen Zeitgeistes, die unverbastelt und bis heute in gutem Pflegezustand sind.
Abb. 13.2
Für das Stadtbild ungünstig sind
u. a. folgende Veränderungen:
• Gestalterisch schwache und/oder
wenig gepflegte Bauten mindern
den Eindruck eines ganzen Straßenzuges
• Die oftmals filigrane Detaillierung der Nachkriegsbauten kann
schnell durch nachträgliche Eingriffe entstellt werden, sodass die
vorhandenen Qualitäten nicht mehr
wahrzunehmen sind
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STÄDTEBAULICHE UND ARCHITEKTONISCHE
QUALITÄTEN
ERKENNEN – BEWAHREN – IN WERT SETZEN
FASSADE: Gliederung | Material | Farbe
FASSADENÖFFNUNGEN: Fenster | Türen
DÄCHER: Dachform | Dachaufbauten | Dachflächenfenster
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LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG
LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG
> FASSADE: Gliederung | Material | Farbe
> FASSADE: Gliederung | Material | Farbe
ALLGEMEIN
Häuser sind die Bausteine der Stadt, ihre Fassaden säumen die Straßen und umrahmen die Plätze. Jedes einzelne Haus
entscheidet daher mit darüber, ob wir eine Stadt als angenehm oder abweisend empfinden. Historische Fassaden mit
ihrer Gliederung (wie Sockel, Gesimse, Pfeilervorlagen, historischem Bauschmuck etc.), mit ihrem Fassadenmaterial (Putz,
Ziegel etc.) und der Farbigkeit ihrer Oberflächen sind auch in der Südlichen Innenstadt Viersen unverzichtbare Bausteine
für ein lebenswertes Quartier.
STADTBILD UND AUSSEN LIEGENDE WÄRMEDÄMMUNG (WDVS)
Eine nachträgliche außen liegende Wärmedämmung (Wärmedämmverbundsystem – WDVS) fällt in einem historischen Quartier durch die zumeist schmucklose, kaum gegliederte Putzfassade auf – ähnlich den schlichten Putzbauten
der frühen 1950er-Jahre. Oft wird durch die nachträgliche Dämmung eine
historische Fassade verdeckt, deren Bauschmuck und Gliederung damit im
Stadtraum verschwunden ist.
Auf technische Aspekte der nachträglichen Dämmung wird im Abschnitt Energetische Ertüchtigung vertieft eingegangen. Für die Qualität des Stadtbilds
ist es hingegen wichtig, historische Fassaden mit ihren Gliederungen nicht zu
verdecken. Eine nachträgliche außen liegende Wärmedämmung sollte daher
nur für schmucklose oder besonders schlecht gedämmte Gebäude infrage
kommen.
Zu unterschiedlichen Zeiten herrschten unterschiedliche Gestaltungsvorstellungen. Manche dieser Gestaltungen sind uns
näher als andere; die früher geschmähte Gründerzeitarchitektur sagt uns heute oftmals mehr zu als die Architektur der
Nachkriegszeit. Für ein qualitätvolles Stadtbild ist jedoch wichtig, die Qualitäten aller vorhandenen Gebäude zu erkennen,
zu bewahren und wo notwendig zu verbessern. Dies gilt vor allem, aber nicht nur für die Fassaden.
Abb. 16.1 Gründerzeitarchitektur und Wiederaufbau in der Südstadt
Seite 16
Abb. 17. 1 Vielfalt in Stuck und Farbe
Abb. 17.2 Fassade mit Außendämmung
STADTBILD UND FARBE
Farbe im Stadtbild wird heute zumeist mit einem farbigen Anstrich gleichgesetzt. Historisch viel bedeutsamer waren jedoch die Oberflächen und die Materialfarbigkeit der Fassadenmaterialien, von unterschiedlichen Putzen, Ziegeln
und Werksteinen.
Bevor es dauerhafte Fassadenanstriche in allen Farbtönen gab, war das Stadtbild in farblicher Hinsicht homogener. Starke Farbkontraste waren die Ausnahme oder in besonderem Maße gestalterisch gewünscht.
Heute nehmen wir starke Farbkontraste und grelle Einzelfarben als unschön
wahr. Für die Qualität des Stadtbilds wäre es daher zunächst wünschenswert,
Ziegelmauerwerk und Werksteine in ihrer Materialfarbigkeit wirken zu lassen.
Wo Anstriche gewählt werden, sollte eine zurückhaltende Tonigkeit gewählt werden; Farbreihen aus Grautönen, aus Beigetönen oder aus Gelbtönen werden
heute meist als angenehm empfunden. Eine Abstufung von hell nach dunkel,
bei der die Akzentfarbe (z. B. für historistische Schmuckformen/Stuckdekor) der
hellste Ton der Reihe ist, wird heute als schön wahrgenommen.
Wo Straßenräume durch eine angenehme, aufeinander abgestimmte Farbigkeit
geprägt sind, gilt dies gemeinhin als positiv und qualitätvoll.
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LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG
LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG
> FASSADE: Gliederung | Material | Farbe
> FASSADE: Gliederung | Material | Farbe
Abb. 18.1 Giebelfassade mit prägnanter,
aber ungleichmäßiger Fenstergliederung
Altersklasse 2:
Abb. 18. 2 Traufständige Fassade mit
charakteristischer, funktionsbedingter
Fensteranordnung
Mitte des 19. Jahrhunderts war die heutige
südliche Innenstadt Viersens noch dörflich
(Baujahre 1835 bis 1870)
geprägt, entsprechend schlicht erscheinen uns heute die damaligen Bauten. Diese waren in der Regel ein- bis anderthalbgeschossig, traufständig und mit nur wenig Bauschmuck versehen. War
Bauschmuck vorhanden, dann meist nur für einzelne Elemente (etwa stuckierte
Rahmung der Fenster) und nicht als Verzierung der kompletten Fassade.
Die achsweise Gliederung der Fassaden war zumeist nicht regelmäßig angelegt, sondern die Abstände zwischen den einzelnen Fensterachsen variierten je
nach Grundriss. Die Fenster hatten in der Regel stehende Formate.
Aus dieser Zeit sind in der Südlichen Innenstadt nur wenige Wohnbauten
erhalten, die ganz überwiegend Putzfassaden haben; wenige Bauten waren
ziegelsichtig oder hatten geschlämmtes Mauerwerk.
Seite 18
ZIELE Gliederung:
Die historische Gliederung soll trotz
und wegen ihrer Unregelmäßigkeiten
Vorbild der künftigen Gestaltung
sein. Störende Veränderungen wie
großformatige neue Fenster mit
querrechteckiger Öffnung sollen
zurückgebaut werden.
Auch eine schlichtere Fassade lebt
durch ihre Gliederungselemente wie
Fensterumrahmungen und Türeinfassungen, durch Sockel und Gesimse:
Diese sollen erhalten bleiben.
ZIELE Material:
Putz und geschlämmtes Mauerwerk
sind prägende Fassadenmaterialien dieser Zeit: Sie sollen bewahrt
werden.
Wurde durch zusätzlichen Stuck
eine neue Qualität geschaffen, sollte
dies erhalten bleiben.
Klinkerriemchen und dergleichen
hingegen wirken heute nicht qualitätvoll und sollten entfernt werden.
Das Material soll vermitteln, aus
welcher Zeit das Gebäude stammt:
„Moderne“ Baustoffe und Oberflächen sollten daher vermieden
werden.
Abb. 19.1 Traufständige Straßenfassade
mit gestalterisch ungünstigen Veränderungen durch nachträgliche unmaßstäbliche Fassadenöffnungen
Abb. 19.2 Prägnante und qualitätvolle
Putzfassaden, vermutlich nachträglich mit Stuck in ansprechender Weise
aufgewertet, an städtebaulich wichtigem
Standort
QUALITÄTEN VERSTEHEN, BEWAHREN UND VERBESSERN:
• ERHALTEN VON HISTORISCHEN GLIEDERUNGSELEMENTEN, WIE BAUDEKOR, SOCKEL, GESIMSE ETC.
• ERHALTEN HISTORISCHER KLEINTEILIGER PROPORTIONEN DER FASSADENÖFFNUNGEN
• VERWENDEN VON FASSADENMATERIALIEN, DIE DER ORIGINALMATERIALITÄT ENTSPRECHEN, WIE PUTZ ODER ZIEGEL
• GEDÄMPFTE FARBIGKEIT OHNE STARKE KONTRASTWIRKUNG
• ZIELE SIND DIE EINHEIT DER FASSADE ALS GESTALTERISCHES GANZES
UND DAS HAUS ALS QUALITÄTVOLLER STADTBAUSTEIN
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LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG
LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG
> FASSADE: Gliederung | Material | Farbe
> FASSADE: Gliederung | Material | Farbe
Abb. 20.1 Gründerzeitliche Hauszeile
mit Stuckdekor, Erkern und angepassten
Ladenlokalen
Altersklasse 3:
Abb. 20.2 Neoklassizistische Wohnhäuser mit gleichmäßiger Fassadengliederung
Mit der Industrialisierung entwickelte sich
Viersen zur Stadt. In dieser Altersklasse, (Baujahre 1871 bis 1918)
die auch als Gründerzeit bezeichnet wird,
entstanden in Viersen mehrgeschossige, vielfach reich dekorierte Gebäude, die
städtische Blockstrukturen bilden.
Diese Architektur wird auch als Historismus bezeichnet, weil Dekor und Gestaltung Vorbilder aus der Architekturgeschichte aufnahmen. Um 1900 wurde der
Umgang mit diesen architektonischen Vorbildern freier, Einflüsse wie der sog.
Jugendstil ergänzten „fließendere“ Dekorformen und Fassadengliederungen
aus unterschiedlichen Putzoberflächen wie Rau- und Glattputzen.
Bis zur Jahrhundertwende sind die Gründerzeitbauten meist mit regelmäßigen
Fensterachsen (mit gleichbleibendem Abstand) versehen und durch Giebel und
Erker, durch Gesimse und Rahmungen gegliedert. Der Bauschmuck verziert
meist die gesamte Straßenfassade und bildet ein gestalterisches Gleichgewicht.
Um 1900 kommen asymmetrische Gliederungen von Fassade und Baukörper
hinzu, die aber ebenfalls ein gestalterisches Gleichgewicht ergeben sollten.
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ZIELE Gliederung:
Die Gründerzeitfassaden bilden
gestalterische Einheiten, trotz und
gerade wegen ihrer vielteiligen Gliederungen; diese Einheit soll erhalten
bleiben.
Dies gilt insbesondere für Gliederungselemente wie die Stuckumrandungen von Fenstern, für Brüstungen und Gesimse.
Störungen und Verunstaltungen
sollen gemindert oder rückgebaut
werden.
ZIELE Material:
Die plastische Verwendung von
Putz, teilweise in Kombination mit
Sichtmauerwerk, kennzeichnete
zusammen mit dem typischen Baudekor die unterschiedlichen Gestaltungen der Gründerzeitarchitektur
und soll bewahrt werden.
Vielfach bildet Putz das prägende
Fassadenmaterial, das durch unterschiedliche Oberflächenbehandlungen wirkte oder durch Färbungen
wie Naturstein aussehen sollte;
anstelle eines Anstrichs sollte überlegt werden, solchen Putz sichtbar
zu lassen.
Abb. 21.1 Qualitätsunterschied: Gründerzeithäuser mit und ohne nachträgliche
Umgestaltung des Erdgeschosses
Abb. 21.2 Verunstaltetes Gründerzeithaus ohne Stuckdekor und Dachaufbau
Abb. 21.3 Gut erhaltene, aber zu kontrastreich hervorgehobene Fassadengestaltung
QUALITÄTEN VERSTEHEN, BEWAHREN UND VERBESSERN:
• ERHALTEN VON HISTORISCHEN GLIEDERUNGSELEMENTEN, WIE BAUDEKOR, SOCKEL, GESIMSE, ERKER ETC.
• ERHALTEN HISTORISCHER PROPORTIONEN DER FASSADENÖFFNUNGEN
• VERWENDEN VON FASSADENMATERIALIEN, DIE DER ORIGINALMATERIALITÄT ENTSPRECHEN
• MATERIALSICHTIGKEIT, BEI ANSTRICH GEDÄMPFTE FARBIGKEIT OHNE
STARKE KONTRASTWIRKUNG
• ZIELE SIND DIE EINHEIT DER FASSADE ALS GESTALTERISCHES GANZES
UND DAS HAUS ALS QUALITÄTVOLLER STADTBAUSTEIN
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LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG
LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG
> FASSADE: Gliederung | Material | Farbe
> FASSADE: Gliederung | Material | Farbe
ZIELE Gliederung:
Die Gebäude der Zwischenkriegszeit in Viersen bilden kompaktere
Baukörper mit einer eher horizontalen Fassadengestaltung.
Das Baudekor ist meist auf flächigere Ziegel- und Putzflächen, Gesimsbänder und Traufen sowie schlichtere Fensterrahmungen reduziert;
sie sind umso bedeutsamer für das
Fassadenganze und sollen erhalten
bleiben.
Abb. 22.1 Das evang. Gemeindehaus,
geplant 1946, mit repräsentativer Straßenfassade
Altersklasse 4-5:
der Bauzeit 1920/1930er-Jahre
Abb. 23.2 Der gestaffelte Baukörper hat
durch die neue Fassadenbekleidung
und den Austausch der Fenster seine
Wirkung nahezu eingebüßt
Abb. 22.1 Postamt an der Freiheitsstraße
von 1927 mit monumentaler Fassadengliederung
Der Erste Weltkrieg bildete nicht nur poli
tisch, sondern auch architektonisch eine
(Baujahre 1919 bis 1949)
Zäsur, die in den Zwischenkriegsbauten
auch in Viersen wahrnehmbar ist. Das Baudekor wird sparsamer und beschränkt sich oft auf Gesimse, die die Traufen und Geschossteilungen betonen.
Diese stärkere Betonung der Horizontalen ist oft verbunden durch querrechteckige Fensterformate oder Fensterbänder.
Zudem überwiegen nun ziegelsichtige Fassaden, die in einen – zeitgenössisch
offenbar beabsichtigten – Kontrast zu den älteren, überwiegend putzsichtigen
Gebäuden treten. Die Bautätigkeit ist 1919 bis 1949 in der Südlichen Innenstadt
Viersens allerdings deutlich geringer als zur Gründerzeit und auf bestimmte
Bereiche konzentriert.
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Abb. 23.1 Typische Fassadengestaltung
ZIELE Material:
Die handwerklich hochwertige Ausführung der Fassaden betont das
Material: Putzbauten zeigen individuell raue oder geglättete Oberflächen (vermutlich als Steinputze oder
Edelkratzputze), Ziegelfassaden
sind sauber im Verband gemauert.
Zusätzlich kommen hochwertige
Werkstein- oder Ziegel-Fensterrahmungen und Gesimse vor.
Das Fassadenmaterial soll erhalten
und sichtbar bleiben, statt eines
Anstrichs sollte eine schonende
Reinigung erwogen werden.
QUALITÄTEN VERSTEHEN, BEWAHREN UND VERBESSERN:
• ERHALTEN VON HISTORISCHEN GLIEDERUNGSELEMENTEN, WIE GESIMSE, GIEBEL, ERKER ETC.
• ERHALTEN HISTORISCHER PROPORTIONEN DES BAUKÖRPERS UND
DER FASSADENÖFFNUNGEN
• VERWENDEN VON FASSADENMATERIALIEN, DIE DER ORIGINALMATERIALITÄT ENTSPRECHEN
• MATERIALSICHTIGKEIT, BEI ANSTRICH GEDÄMPFTE FARBIGKEIT OHNE
STARKE KONTRASTWIRKUNG
• ZIELE SIND DIE EINHEIT DER FASSADE ALS GESTALTERISCHES GANZES
UND DAS HAUS ALS QUALITÄTVOLLER STADTBAUSTEIN
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LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG
LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG
> FASSADE: Gliederung | Material | Farbe
> FASSADE: Gliederung | Material | Farbe
Abb. 24.1 Horizontal gegliederter Baukörper
Altersklasse 6-7:
Abb. 24.2 Lochfassade, durch mehrfarbige Fassadenbekleidung als horizontale
Gliederung
Die Innenstadt von Viersen hat – vor allem
im nördlichen Teil – im Zweiten Weltkrieg
(Baujahre 1950 bis 1976)
starke Schäden davongetragen. Vormals
geschlossene gründerzeitliche Straßenzüge werden in der Folge mehr oder
weniger stark mit Bauten der Nachkriegsmoderne durchsetzt – insbesondere
der nördliche Teil der Hauptstraße und der westliche Teil der Bahnhofstraße.
Einige dieser Gebäude setzen die Traditionen der Vorkriegsarchitektur mit Ziegelfassaden und Werkstein-Fensterrahmungen fort, andere verdeutlichen durch
vertikale Fassadenpfeiler oder Raster das zugrunde liegende Betontragwerk.
Neben stimmig konzipierten und qualitätvollen Bauten gibt es jedoch gerade
in der frühen, durch Wohnungsnot und Baustoffmangel geprägten Wiederaufbauphase auch gestalterisch und baukonstruktiv eher unterdurchschnittliche
Gebäude sowie pragmatische Instandsetzungen kriegsbeschädigter Häuser.
ZIELE Gliederung:
Innerhalb der Architektur des Wiederaufbaus finden sich Beispiele
mit horizontaler Gliederung, aber
auch Bauten mit sichtbarer Stahlbetonskelettstruktur oder vertikalen
Gliederungen.
Sie sind meist geprägt durch eine
filigrane Detaillierung (etwa bei
Vordächern und Erdgeschossbekleidungen); die jeweilige Gliederung und Detaillierung soll bewahrt
werden.
ZIELE Material:
Putz, Ziegel und Werkstein bleiben
auch im Wiederaufbau prägende
Materialien – sie werden jedoch
durch weitere Materialien wie Beton
und Keramik zeittypisch ergänzt.
Diese sollen auch in ihrer zeitgenössischen Oberfläche erhalten und
sichtbar bleiben.
Bei schlichten Putzbauten ohne
besondere Merkmale kann das Fassadenmaterial erneuert werden.
Abb. 25.1 Hochwertige zeitgenössische
Rasterfassade mit Metalleinfassung und
proportional eingepassten Metallfenstern
Abb. 25.2 Putzfassade mit gerahmten,
vortretenden Balkonen und mit Werkstein
hochwertig bekleidetes Erdgeschoss
Abb. 25.3 Eckgebäude mit Ladenlokal
und schmalem Vordach, in den Obergeschossen mit verputztem Stahlbetonskelett
QUALITÄTEN VERSTEHEN, BEWAHREN UND VERBESSERN:
• ERHALTEN VON HISTORISCHEN GLIEDERUNGSELEMENTEN, WIE VORDÄCHERN, SKELETTSTRUKTUREN, FENSTERUMRAHMUNGEN ETC.
• ERHALTEN HISTORISCHER PROPORTIONEN DES BAUKÖRPERS UND
DER FASSADENÖFFNUNGEN
• VERWENDEN VON FASSADENMATERIALIEN, DIE DER ORIGINALMATERIALITÄT ENTSPRECHEN
• MATERIALSICHTIGKEIT, BEI ANSTRICH GEDÄMPFTE FARBIGKEIT OHNE
STARKE KONTRASTWIRKUNG
• ZIELE SIND DAS HAUS ALS QUALITÄTVOLLER STADTBAUSTEIN IN GESTALTERISCH MÖGLICHST HOCHWERTIGER WEISE
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LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG
LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG
> FASSADENÖFFNUNGEN: Fenster | Türen
> FASSADENÖFFNUNGEN: Fenster | Türen
ALLGEMEIN
HISTORISCHE FENSTER UND TÜREN – FÜR UND WIDER: Eine historische Tür ist eine Zierde: Für ein Gründerzeithaus
ist dies heute breiter Konsens. Bei einem Haus der 1950er-Jahre gehen die Meinungen jedoch noch auseinander. Dichtigkeit und Dämmwirkung sowie Einbruchschutz sind bei historischen Eingangstüren, aber auch bei historischen Fenstern
gerne diskutierte Merkmale, die diesbezüglichen Stärken neuer Fenster und Türen werden gerne als Argumente für den
Austausch herangeführt.
Oft stellt sich die Frage jedoch nicht mehr – weder bei der Haustür noch bei den Fenstern. Wer mit offenen Augen durch
seine Stadt geht, wird nur noch auf wenige historische Eingangstüren und auf noch weniger historische Fenster stoßen.
Historische Fenster waren bei entsprechender Pflege meist auf eine lange Lebensdauer angelegt und lassen sich gut
reparieren. Sie haben gestalterische Qualitäten, die heutige Fenster nicht erreichen, etwa filigrane Sprossen und historische
Beschläge. Auch wenn neue Fenster und Türen den historischen Elementen nahekommen: Identisch sind sie nicht, und sie
überliefern damit auch nicht die handwerkliche Detaillierung und Qualität des Originals.
Jedes Original kann nur einmal zerstört werden. Auch wenn viele Handwerker lieber ein neues Fenster einbauen, als ein
altes Fenster zu reparieren: Immer stärker tritt die Bedeutung historischer Fenster und Türen als Kulturgüter ins allgemeine
Bewusstsein. Alternative Lösungen wie eine zweite, raumseitige Fensterebene (Kastenfenster) können hier die historischen
Fenster erhalten und den Komfort verbessern.
Fenster und Türen sollen zunächst
belichten und Zugang ermöglichen –
ebenso wichtig ist aber auch ihre
gestalterische Funktion.
Ein Gründerzeithaus mit einer entsprechenden historischen Haustür
erscheint uns wesentlich angenehmer und stimmiger als eines mit
einem glatten Türblatt.
Die Mehrzahl der historischen Gebäude war zudem auf eine bestimmte Gliederung der Fenster hin entworfen; wo die Fensterteilungen und
Rahmenstärken ungünstig verändert
sind, sinkt die gestalterische Qualität
des gesamten Gebäudes.
Abb. 26.1 Harmonisch: Kreuzstockfenster mit Sprossen
Seite 26
Abb. 26.2 Positiv: Erhaltene gründerzeitliche Eingangstür
Mit der Architektur haben sich auch
die Fenster und Türen, ihre Gliederungen und ihre Beschlagtechnik
geändert.
Nebenstehende Skizzen zeigen dies
exemplarisch: Das schlichte Kreuzstockfenster mit zwei Öffnungsflügeln und Oberlicht (Altersklasse 2)
wird in der Gründerzeit (Altersklasse
3) durch gestalterisch aufwendigere
Konstruktionen ergänzt; besonders
in den damaligen Bürgerhäusern
waren dies hochwertige und potenziell langlebige Holzfenster.
Altersklasse 2 (1836 bis 1870)
In der Zwischenkriegszeit wandeln
sich mit der Fassadengestaltung
auch die Fenster, die stärker liegende Gliederungen und Scheibenformate zeigen.
Ab der Nachkriegszeit setzen sich
verstärkt neue Fenstermaterialien
durch, etwa Stahl und Aluminium;
Holzfenster haben mitunter nicht
mehr die Qualität früherer Jahre.
Größere Scheibenformate und asymmetrische Teilungen unterstützen
auch dort entsprechende Fassadengliederungen.
Altersklasse 3 (1871 bis 1918)
Altersklasse 4-5 (1919 bis 1949)
Altersklasse 6-7 (1950 bis 1976)
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LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG
LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG
> FASSADENÖFFNUNGEN: Fenster | Türen
> FASSADENÖFFNUNGEN: Fenster | Türen
QUALITÄTEN VERSTEHEN,
BEWAHREN UND VERBESSERN:
QUALITÄTEN VERSTEHEN,
BEWAHREN UND VERBESSERN:
• BEI NEUEN FENSTERN: ZWEIFLÜGELIGE FENSTER MIT ODER
OHNE OBERLICHT EINBAUEN,
FENSTERTEILUNGEN AUF DIE
FASSADE ABSTIMMEN
• HISTORISCHE FENSTER MÖGLICHST REPARIEREN (MIT KASTENFENSTERN)
• BEI NEUEN FENSTERN: FENSTERTEILUNGEN AUF DIE FASSADE ABSTIMMEN – KEINE GROSSFORMATIGEN, UNGETEILTEN
FENSTER EINBAUEN
• KEINE GROSSFORMATIGEN, UNGETEILTEN FENSTER EINBAUEN
Abb. 28.1 Harmonisch: zweiflügeliges
Fenster mit Oberlicht
Altersklasse 2:
(Baujahre 1835 bis 1870)
Die eher kleinmaßstäblicheren und
bescheideneren Bauten aus der
Mitte des 19. Jahrhunderts verfügten
ursprünglich über einfach profilierte, meist zweiflügelige Fenster mit
oder ohne Oberlicht. Eine Sprossenteilung ermöglichte kleinere und
preiswertere Verglasungen.
Historische Fenster und Eingangstüren dieser Zeit sind in der Südlichen
Innenstadt Viersen vermutlich nicht
erhalten.
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Abb. 28.2 Unschön: ungeteilte, dadurch
unmaßstäbliche Fenster
• SOFERN MÖGLICH HOLZFENSTER
Abb. 28.3 Historische Fenster
• ROLLLADENKÄSTEN MÖGLICHST NICHT AUSSEN SICHTBAR
EINBAUEN, GGF. FENSTERLÄDEN
VORSEHEN (WO URSPRÜNGLICH
VORHANDEN)
• NEUE EINGANGSTÜREN MIT
GESCHLOSSENEM, GLATTEM
TÜRBLATT
• ZIEL IST DIE GESTALTERISCH
HARMONISCHE EINHEIT VON
FENSTERN UND TÜREN MIT DEM
HAUSGANZEN
Abb. 29.1 Harmonisch: aufwendig
gegliederte Fenster als Teil der Fassadengestaltung
Altersklasse 3:
(Baujahre 1871 bis 1918)
Die oftmals repräsentativ dekorierten
Gründerzeitbauten verfügten über
dem jeweiligen Baustil angepasste,
oft aufwendig gegliederte Fensterelemente. Die Fenstergliederungen
integrierten vielfach größere Scheibenformate, aber auch geschwungene Profile und für den jeweiligen
Baustil spezifische Ergänzungen wie
Säulenformen an den Fensterstulpen.
Die Fenster und Haustüren trugen
mit ihrer Gliederung wesentlich zum
Gesamtentwurf der Fassaden bei.
Abb. 29.2 Unschön: einflügelige, unmaßstäbliche Fenster trotz Oberlicht
Abb. 29.3 Historische Fenster mit geschwungenen Kämpfern
• SOFERN MÖGLICH HOLZFENSTER
• ROLLLADENKÄSTEN MÖGLICHST NICHT AUSSEN SICHTBAR
EINBAUEN, HISTORISCHE ROLLLÄDEN MÖGLICHST ERHALTEN
• HISTORISCHE EINGANGSTÜREN
ERHALTEN; WO KEINE HISTORISCHE EINGANGSTÜR ERHALTEN
IST, SOLLTE DIE NEUE TÜR EIN
GESCHLOSSENES, GLATTES
TÜRBLATT HABEN
• ZIEL IST DIE GESTALTERISCH
HARMONISCHE EINHEIT VON
FENSTERN UND TÜREN MIT DEM
HAUSGANZEN
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LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG
LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG
> FASSADENÖFFNUNGEN: Fenster | Türen
> FASSADENÖFFNUNGEN: Fenster | Türen
QUALITÄTEN VERSTEHEN,
BEWAHREN UND VERBESSERN:
QUALITÄTEN VERSTEHEN,
BEWAHREN UND VERBESSERN:
• HISTORISCHE FENSTER MÖGLICHST REPARIEREN (MIT KASTENFENSTERN)
• HISTORISCHE FENSTER ERHALTEN, SOFERN QUALITÄTVOLL
• BEI NEUEN FENSTERN: FENSTERTEILUNGEN AUF DIE FASSADE ABSTIMMEN (ENTSPRECHEND
DEM HISTORISCHEN VORBILD),
AUF SCHMALE PROFILE ACHTEN
• BEI NEUEN FENSTERN: FENSTERTEILUNGEN AUF DIE FASSADE ABSTIMMEN – KEINE GROSSFORMATIGEN, UNGETEILTEN
FENSTER EINBAUEN
Abb. 30.1 Harmonisch: zweiflügelige
Fenster mit Sprossen und liegenden
Scheibenformaten
Altersklasse 4-5:
(Baujahre 1919 bis 1949)
Die Fenster der Zwischenkriegs-Architektur waren in Viersen weitgehend Holzfenster, die jedoch eine
der geänderten Architektursprache
entsprechende Gliederung hatten.
Bei Sprossengliederungen waren oft
liegende Scheibenformate realisiert,
entsprechend waren dann auch die
Oberlichter flacher.
Fenster und Türen waren zurückhaltender gestaltet, jedoch in der Regel
hochwertig gefertigt.
Seite 30
Abb. 30.2 Historische Fensterteilungen
mit Schiebefenstern
Abb. 30.3 Positiv: Erhalt der historischen
Eingangstür
• SOFERN MÖGLICH HOLZFENSTER
• ROLLLADENKÄSTEN NUR NICHT
AUSSEN SICHTBAR EINBAUEN,
HISTORISCHE ROLLLÄDEN MÖGLICHST ERHALTEN
• HISTORISCHE EINGANGSTÜREN
ERHALTEN; WO KEINE HISTORISCHE EINGANGSTÜR ERHALTEN
IST, SOLLTE DIE NEUE TÜR EIN
GESCHLOSSENES, GLATTES
TÜRBLATT HABEN
• ZIEL IST DIE GESTALTERISCH
HARMONISCHE EINHEIT VON
FENSTERN UND TÜREN MIT DEM
HAUSGANZEN
Abb. 31.1 Typische Fassade der 1960er
Altersklasse 6-7:
(Baujahre 1950 bis 1976)
Die Fenster der Nachkriegszeit zeigen eine größere Materialvielfalt und
Gestaltungsbreite – ähnlich der Architektur. Asymmetrische Teilungen
und neue Öffnungsrichtungen (etwa
Dreh- und Wendeflügel) ergaben
neue Ansichten, die jeweils auf die
Architektur abgestimmt waren.
Holzfenster mit traditionelleren Teilungen sind ebenfalls vorhanden –
mitunter von unverändert hoher Qualität, mitunter auch in schwächerer
Ausführung.
Abb. 31.2 Typische Fassade der 1960er
Abb. 31.3 Positiv: Erhalt der historischen
Eingangstür
• ROLLLADENKÄSTEN NUR NICHT
AUSSEN SICHTBAR EINBAUEN,
HISTORISCHE ROLLLÄDEN MÖGLICHST ERHALTEN
• HISTORISCHE EINGANGSTÜREN
ERHALTEN; WO KEINE HISTORISCHE EINGANGSTÜR ERHALTEN
IST, SOLLTE DIE NEUE TÜR AM
HISTORISCHEN VORBILD ORIENTIERT SEIN (MATERIAL UND
GLASANTEIL)
• ZIEL IST DIE GESTALTERISCH
HARMONISCHE EINHEIT VON
FENSTERN UND TÜREN MIT DEM
HAUSGANZEN
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LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG
LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG
> FASSADENÖFFNUNGEN: Fenster | Türen
> FASSADENÖFFNUNGEN: Fenster | Türen
SÜDSTADT VIESEN NEGATIV
Bild
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SÜDSTADT VIESEN NEGATIV
Bild
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LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG
> DÄCHER: Dachform | Dachaufbauten | Dachflächenfenster
> DÄCHER: Dachform | Dachaufbauten | Dachflächenfenster
ALLGEMEIN
Die Gestaltung von Dächern folgt, vereinfacht ausgedrückt, zwei Prinzipien.
Zum einen gibt es die deutliche Trennung von Fassade und Dach (etwa durch
eine durchgehende Traufe, siehe nebenstehendes Bild), zum anderen die Verzahnung von Fassade und Dach durch Giebel, Dacherker und Gauben.
Haben sich vom dörflich geprägten Viersen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts
vor allem handwerklich und gestalterisch einfache Satteldächer erhalten, die
dem erstgenannten Prinzip zuzurechnen sind, so zeigt sich das städtischere
Viersen der Gründerzeit auch in handwerklich komplexeren Dachformen.
Die Komplexität der Dachlandschaft ist besonders um 1900 hoch, Giebel und
Gauben sind bedeutsamer Teil dieser gründerzeitlichen Gebäude und entsprechend dekoriert. Neue Dachziegelformen, die die altbekannte Hohlpfanne
ergänzen, schützen durch Falze besser gegen Sturm und Regen und ermöglichten neue Ansichtsqualitäten (etwa durch den flächigeren Doppelmuldenfalzziegel).
Durch die komplexeren Dachformen stiegen die Anforderungen an die handwerkliche Detaillierung und Ausführung von Graten und Kehlen, von Ortgängen
und Traufen, die auf historischen Aufnahmen oft sehr hochwertig erscheinen.
Mit den schlichteren Fassadengliederungen der folgenden Altersklassen werden auch die Dachformen schlichter, bis hin zum quasi unsichtbaren Flachdach
vieler Bauten nach dem Zweiten Weltkrieg.
Farbigkeit, Gliederung und Detaillierung der Dacheindeckung treten beim geneigten Dach oft hinter die Fassadenwirkung zurück, bilden aber weiterhin ein
bedeutsames Element für den Stadtraum.
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LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG
LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG
> DÄCHER: Dachform | Dachaufbauten | Dachflächenfenster
> DÄCHER: Dachform | Dachaufbauten | Dachflächenfenster
QUALITÄTEN VERSTEHEN,
BEWAHREN UND VERBESSERN:
QUALITÄTEN VERSTEHEN,
BEWAHREN UND VERBESSERN:
• DACHFLÄCHEN MÖGLICHST
OHNE AUFBAUTEN BELASSEN,
BEI GENUTZTEM DACH BESSER
DACHFLÄCHENFENSTER ALS
GAUBEN
• DACHLANDSCHAFT MIT HISTORISCHER EINHEIT AUS DACHFLÄCHE, GIEBELN UND GAUBEN
ERHALTEN
Abb. 36.1 Positiv: geschlossene Dachfläche ohne Gauben, mit schmalem Ortgang am
Giebel
Altersklasse 2:
(Baujahre 1835 bis 1870)
Die Bauten aus der Mitte des 19. Jahrhunderts sind zumeist mit einem traufständigen Satteldach versehen. Die einfache Dachform entspricht den eher
kompakten Gebäuden ohne umfangreiche Bauzier, sie vermittelt die ländliche
Einfachheit dieser Bauten. Die Eindeckung besteht mehrheitlich aus dunklen
Pfannen (altfarben oder mattschwarz) mit schmalem Ortgang.
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• DACHRÄNDER MÖGLICHST
SCHMAL AUSFÜHREN: KEINE
BREITEN BLECH- ODER ZIEGELORTGÄNGE, EINFACHE TRAUFDETAILAUSFÜHRUNG
• ZIEL IST EINE ZURÜCKHALTENDE DACHGESTALTUNG, DIE DER
EINFACHEN GEBÄUDEFORM
ENTSPRICHT UND DIESE QUALITÄTVOLL ERGÄNZT
Abb. 37.1 Historische Dächer mit Gauben und eckständiger Zwerchhausgaube
Altersklasse 3:
(Baujahre 1871 bis 1918)
Die Bauten der Gründerzeit repräsentieren das Werden des städtischen Viersens und zeigen eine prägnante Vielfalt in den Dachformen. Das Satteldach ist
die vorherrschende Dachform, selten sind andere Dachformen wie das Mansarddach realisiert.
Vor allem um 1900 werden Dach und Fassade mit Giebeln, Zwerchhäusern und
Ecktürmchen verschränkt und belebt. Oft liegen Gauben und Giebel über den
entsprechenden Fenstern und Erkern der Fassade. Durch die unterschiedlichen
Höhen der einzelnen Gebäude ragen vereinzelt hohe Brandgiebel auf, die die
städtische Dachlandschaft mit bestimmen.
Die Eindeckung besteht mehrheitlich aus dunklen Pfannen (altfarben oder mattschwarz), selten ist Schiefer eingedeckt.
• HISTORISCHE BAUZIER WIE
GAUBENWANGEN, ERKERTÜRMCHEN UND TRAUFGESIMSE BEWAHREN, SOFERN NOTWENDIG
REPARIEREN
• DACHDETAILS MÖGLICHST
GESTALTERISCH HOCHWERTIG
AUSFÜHREN: KEINE BREITEN
BLECHKEHLEN, KEINE UNFÖRMIGEN GAUBENEINBLECHUNGEN
ETC.
• ZIEL IST DIE BEWAHRUNG ODER
RÜCKGEWINNUNG DER HISTORISCHEN DACHGESTALTUNG, DIE
DIE QUALITÄTEN DER FASSADE
ERGÄNZT
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LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG
LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG
> DÄCHER: Dachform | Dachaufbauten | Dachflächenfenster
> DÄCHER: Dachform | Dachaufbauten | Dachflächenfenster
QUALITÄTEN VERSTEHEN,
BEWAHREN UND VERBESSERN:
QUALITÄTEN VERSTEHEN,
BEWAHREN UND VERBESSERN:
• DACHLANDSCHAFT MIT HISTORISCHEN GIEBELN UND GAUBEN
ERHALTEN; BEI GENUTZTEM
DACH NEUE DACHÖFFNUNGEN
BESSER ALS DACHFLÄCHENFENSTER, NICHT ALS GAUBEN
• DACHLANDSCHAFT EINSCHLIESSLICH DER HISTORISCHEN GAUBEN ERHALTEN;
NEUE GAUBEN ENTSPRECHEND
DER FASSADENGLIEDERUNG
Abb. 38.1 Satteldach mit weit vorkragender Traufe und mittigem Zwerchhausgiebel
Altersklasse 4-5:
(Baujahre 1919 bis 1949)
Die Bauten der Altersklasse 4-5
haben Ziegel- und Putzfassaden
mit wenigen, meist horizontalen
Gliederungen (etwa Gesimsen).
Entsprechend sind die Dächer meist
traufständige Satteldächer, die Giebel haben meist einen horizontalen
Dachabschluss und sind teilweise
mit breiten Gauben verbunden.
Wenige Bauten zeigen bereits die
seinerzeit in Mode kommenden
Flachdächer oder verbergen ihr
geneigtes Dach, sodass es von der
Straße als Flachdach erscheint.
Seite 38
• HISTORISCHE BAUZIER WIE
TRAUF- UND GIEBELGESIMSE BEWAHREN, SOFERN NOTWENDIG
REPARIEREN
• DACHDETAILS MÖGLICHST
GESTALTERISCH HOCHWERTIG
AUSFÜHREN: KEINE BREITEN
BLECHKEHLEN, KEINE UNFÖRMIGEN GAUBENEINBLECHUNGEN
ETC.
• ZIEL IST DIE BEWAHRUNG ODER
RÜCKGEWINNUNG DER HISTORISCHEN DACHGESTALTUNG, DIE
DIE QUALITÄTEN DER FASSADE
ERGÄNZT
39.1 Typischer schmal auskragender Dachrand der Bauzeit
Altersklasse 6-7:
(Baujahre 1950 bis 1976)
Die Bauten der Nachkriegszeit zeigen sowohl konservativere Bauten,
meist mit traufständigen Satteldächern, als auch Bauten der Nachkriegsmoderne mit den charakteristischen flachgeneigten Dächern oder
Flachdächern, die nur als schmale
Trauf-Ansichtskanten sichtbar sind.
Beiden gemeinsam ist, dass das
Dach hinter die Wirkung der Fassade in der Regel zurücktritt.
• HISTORISCHE DETAILS WIE
FILIGRANE TRAUFGESIMSE
BEWAHREN, INSBESONDERE BEI
FLACHDÄCHERN
• DACHDETAILS MÖGLICHST
GESTALTERISCH HOCHWERTIG
AUSFÜHREN: KEINE BREITEN
BLECHTRAUFKANTEN, KEINE
UNFÖRMIGEN GAUBENEINBLECHUNGEN ETC.
• ZIEL IST DIE BEWAHRUNG DER
HISTORISCHEN DACHGESTALTUNG, SOWEIT DIESE IM STADTRAUM SICHTBAR IST
Seite 39
HINWEISE FÜR
WERBEANLAGEN UND LADENEINBAUTEN
AUSSENWERBUNG: Warum eine Werbesatzung?
LADENLOKALE: Ladeneinbau und Fassadengestaltung
AUSSENWERBUNG: Fassadenwirkung
AUSSENWERBUNG: Farbe und Licht
AUSSENWERBUNG: Stadtbild
Seite 41
LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG
> AUSSENWERBUNG: Warum eine Werbesatzung?
Positives
Beispiel
Bildunterschrift
Die Innenstädte mit ihrem vielfältigen
Einzelhandel sind – auch in Viersen –
in ihrer Wirkung maßgeblich durch
die Gestaltung der Ladeneinbauten
und Schaufenster, aber auch durch
die Gestaltung der Außenwerbung
geprägt.
Hier ist weniger meist mehr: Gestalterisch hochwertige und auf die
Architektur abgestimmte Außenwerbung wirkt in der Regel prägnanter
als ein Schilderwald, in dem sich die
einzelnen Werbeanlagen in Größe
und Leuchtwirkung zu überbieten
versuchen. Die Beispiele auf der
nächsten Seite aus dem dänischen
Esbjerg zeigen dies.
Gerade in einem Innenstadtbereich
mit historischen Bauten kann übermäßige Werbung das Stadtbild so
schwächen, dass der Einzelhandelsbereich als unattraktiv wahrgenommen wird. So wirken angemessene
Schriftzüge aus Einzelbuchstaben
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hochwertiger und angenehmer als
überdimensionierte Leuchtkastenanlagen mit greller Beschriftung.
Auch in Viersen gibt es beim innerstädtischen Einzelhandel viele
Bereiche, in der die Attraktivität des
Stadtbildes mit einer ansprechenderen und auf die jeweilige Architektur
abgestimmten Außenwerbung verbessert werden kann. Das historische Stadtbild Viersens hat hier
noch große Potenziale, die durch die
heute vorhandene Außenwerbung
nicht genutzt werden.
Werbesatzungen können hier helfen,
einen Handlungsrahmen zu geben
und Impulse zu setzen. Neben dem
Gewinn für das Stadtbild im Ganzen
ist eine weiterer positiver Effekt, dass
die Wirkung der einzelnen Werbeanlagen erhöht wird.
Das Ziel der Werbesatzungen der
Stadt Viersen ist daher, vor allem die
Erhaltung und Wiederherstellung der
Stadtbildqualität zu fördern und die
Wirkung der historischen Fassaden
im Stadtraum wieder erlebbar zu
machen.
Die Werbesatzungen der Stadt Viersen differenzieren ihre Anforderungen nach Bereichen. So wird z. B.
zwischen Geschäftsbereichen und
Wohnbereichen unterschieden, und
die Hauptverkehrsstraßen werden
eigenständig behandelt.
Für eingetragene Baudenkmale
und ihre unmittelbare Umgebung
gelten eng gefasstere Vorgaben.
Außenwerbung und Warenautomaten wie auch die Ladeneinbauten
erfordern dort auch die Abstimmung
mit der Unteren Denkmalbehörde
und unterliegen den Vorschriften des
Denkmalschutzgesetzes.
Positives Beispiel
Bildunterschrift
Positives Beispiel
Positives Beispiel
Seite 43
LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG
> LADENLOKALE: Ladeneinbau und Fassadengestaltung
LADENEINBAUTEN UND
FASSADENGESTALTUNG
Die Gestaltung eines Ladenlokals
soll ansprechend auf mögliche Kunden wirken. Schaufenster sollen die
Waren präsentieren, aber auch zum
Eintreten einladen und das Innere
des Geschäfts im Stadtraum in sinnvoller Weise sichtbar machen. Die
gute Gestaltung eines Ladenlokals
ist daher im weiteren Sinne ebenfalls
Werbung, die den Stadtraum maßgeblich mitprägt.
In der Vergangenheit haben sich
Ladenlokale in ihrer Gestaltung auch
in Viersen durch Modernisierungen,
durch die Nachrüstung von Markisen
und Vordächern und durch neue
Gliederungen von der Gestaltung
der darüberliegenden Fassaden
entfernt. Diese Entkopplung von
Erd- und Obergeschossen wird
heute als qualitätsmindernd wahrgenommen; qualitätvoll erscheinen uns
heute vielmehr die gestalterische
Einheit des Gesamtgebäudes und
die angemessene Einbindung des
Ladenlokals.
Seite 44
Das nebenstehende Beispiel aus
der Großen Bruchstraße zeigt exemplarisch, wie die Gestaltung des
Ladenlokals im Erdgeschoss wieder
an die Gestaltung des Gesamtgebäudes herangeführt werden kann.
Das Ladenlokal nimmt in seiner
neuen Gestaltung (rechtes Bild)
wieder die Maßbezüge und Fensterachsen des Gesamtgebäudes auf
und wirkt zugleich einladender und
ansprechender.
Der Verzicht auf das dominante
Vordach lässt mehr Licht an das
Ladenlokal, dessen Fassade nicht
mehr verschattet wird, und ermöglicht Ausleger, die für den Autofahrer wahrnehmbar sind. Die klare
Gestaltung des Ladenlokals knüpft
an die bauzeitliche Gestaltung an,
nimmt aber zugleich die klare Linie
aktueller Ladengestaltungen auf.
VORHER: Die neuen querliegenden Fensterformate im
Obergeschoss und die stark unterschiedlichen Ladeneinbauten im Erdgeschoss lassen die ursprünglichen Qualitäten des Gebäudes nicht zur Geltung kommen.
NACHHER: Durch den Rückführung der Fenster auf die
ursprünglichen Formate und die gestalterische Vereinheitlichung der beiden Ladenlokale kann das Gebäude wieder
seine repräsentative Wirkung entfalten.
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LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG
> AUSSENWERBUNG: Fassadenwirkung
AUSSENWERBUNG UND
FASSADENWIRKUNG
Die Außenwerbung an Geschäftshäusern und von Ladenlokalen kann
aus einer Vielzahl von Elementen
bestehen: Flachwerbung/Leuchtkästen und Ausleger an der Fassade,
Flächenwerbung auf den Schaufenstern, Schaukästen und Warenautomaten sowie separate Werbe- und
Plakattafeln. Qualitätvolle Außenwerbung zeichnet sich dadurch
aus, dass sie mit der Gestaltung
des Ladenlokals einerseits und dem
Gesamtgebäude andererseits eine
angenehme, ansprechende Einheit
bildet. Außenwerbung sollte die Ansicht des jeweiligen Gebäudes nicht
dominieren, sondern sich einfügen.
Dazu gehört, dass die die Fassade
prägenden Elemente wie Erker und
Giebel, Fenster und Bauzier nicht
durch Außenwerbung verdeckt
werden; dazu gehört auch, dass die
Werbung nicht grell und marktschreierisch wirkt, sondern angemessen in
Farbe und Größe.
Für die Außenwerbung formulieren
die Werbesatzungen der Stadt VierSeite 46
sen daher Einschränkungen, die im
Sinne aller die Stadtbildwirkung der
Außenwerbung verbessern und den
Einzelhandelsbereich attraktiver machen sollen. Die dort getroffenen Regelungen begrenzen beispielsweise,
nach Stadtbereichen differenziert,
die zulässigen Flächengrößen für die
Außenwerbung und deren erlaubte
Anordnung auf der Fassade. Ein
Beispiel: In der Zone 1 (Geschäftsbereich) ist die zulässige Ansichtsfläche von flach auf der Fassade
angebrachten Werbeanlagen je laufender Meter an Straßenfrontlänge
auf maximal 0,5 m2 begrenzt (siehe
Werbeanlagensatzung Viersen vom
17.10.2013, §12).
Hintergrund dieser detaillierten
Richtlinien ist es, einheitliche Vorgaben für alle Ladenlokalinhaber
zu treffen und diese transparent
und nachvollziehbar zu machen.
Jeder Bürger soll präzise feststellen
können, was gestattet ist und was
sanktioniert wird.
Andere, ebenfalls mit den Werbesatzungen verknüpfte Zielsetzungen können dort nicht so detailliert
festgeschrieben werden, da sie der
Bewertung im Einzelfall unterliegen.
Dies betrifft insbesondere die Fassadenwirkung mit Außenwerbung.
Die allgemeine Anforderung der
Werbeanlagensatzung, dass sich
die Werbeanlagen in Gestaltung und
Maßstäblichkeit in das Fassadenbild wie in das Ortsbild einzufügen
hätten, braucht daher die bewusste Wahrnehmung der jeweiligen
architektonischen Voraussetzungen
und die Auseinandersetzung mit
den Potenzialen, die das jeweilige
Gebäude bietet.
So eröffnen selbst im Sinne der Werbesatzungen gestaltete Außenwerbungen mitunter noch Chancen für
qualitative Verbesserungen, wie das
nebenstehende Beispiel zeigt – hier
in der stärkeren Sichtbarmachung
der charakterischen Keramikbekleidung (neben einer bestandsgerechteren Fensterteilung).
VORHER: Die Gestaltung des Ladeneinbaus im Erdgeschoss und die bauzeitliche Gestaltung der Obergeschosse bilden keine gestalterische Einheit, das ausladende
Vordach wirkt als Trennung.
NACHHER: Das trennende Vordach ist entfallen; die Gliederung der Obergeschosse wurde für den Ladeneinbau im
Erdgeschoss übernommen, dessen Außenputz sich in Gliederung und Farbe am gründerzeitlichen Vorbild orientiert.
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LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG
> AUSSENWERBUNG: Farbe und Licht
FERNWIRKUNG – NAHWIRKUNG:
FARBE UND LICHT IN DER
AUSSENWERBUNG
Farbe und Licht sind wesentliche
Merkmale von Außenwerbung, die
die Vorgaben zu Größe und Anordnung auf der Fassade (siehe vorhergehende Doppelseite) sinnvollerweise und notwendigerweise ergänzen.
Hier steht der berechtigte Wunsch
des Ladeninhabers, durch seine
Außenwerbung wahrgenommen
zu werden, in einem besonderen
Spannungsfeld mit dem Stadtbild:
Wo grelle, überdimensionierte und
vielfarbige Außenwerbung im Übermaß vorhanden ist, ist das einzelne
Ladenlokal nicht besser, sondern
schlechter wahrzunehmen.
Die Werbesatzungen der Stadt
Viersen legen daher fest, dass
für Außenwerbung keine grellen,
fluoreszierenden und reflektierenden
Farben verwendet werden dürfen –
mit der Möglichkeit eng gefasster
Ausnahmen (siehe Werbeanlagensatzung Viersen vom 17.10.2013,
§ 5).
Seite 48
Der gleiche Grundgedanke, eine
zurückhaltendere und stadtbildverträgliche Außenwerbung zu erhalten,
liegt auch den Bestimmungen zur
Beleuchtung von Außenwerbung
zugrunde: Sie soll blendfrei sein
und darf keine Lauf-, Wechsel- und
Blinkschaltungen haben, zudem soll
bei angestrahlten und selbstleuchtenden Werbeanlagen nur weißliches
oder gelbliches Leuchtmittel verwendet werden (siehe Werbeanlagensatzung Viersen vom 17.10.2013, § 6).
VORHER: Die kraftvolle Architektur dieses Gebäudes wird
durch den Verzicht auf die historische Fenstergliederung
und das Verdecken der originalen Baukeramik mit Werbeschildern gemindert.
NACHHER: Das Gesamterscheinungsbild des Gebäudes
kann durch eine bauzeitlich typische Fenstergliederung und
durch eine Sichtbarmachung der originalen Baukeramik
zusätzlich gestärkt werden.
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LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG
> AUSSENWERBUNG: Stadtbild
GUTE BEISPIELE – CHARMANTE
DETAILS
Viersen ist ein gewachsener Einzelhandelsstandort mit vielen inhabergeführten Geschäften. Erhaltene
historische Ladeneinbauten aus
Gründerzeit und Wiederaufbau
vermitteln bis heute die damaligen
Gestaltungsqualitäten, auf die die
Viersener Bürger zu Recht stolz
waren – wie viele Postkarten jener
Jahre vermitteln.
Mit der Fortsetzung dieser Traditionen und auf der Basis der Werbesatzungen kann der Einzelhandelsstandort Viersen auch gegen
überörtliche Konkurrenz bestehen,
wenn er entsprechend gestärkt wird.
Bürgerschaftliches Engagement
und Impulse der Stadt Viersen wie
das Haus und Hof-Programm bilden
hierfür eine wichtige Basis. Wie stark
Stadtbildqualität und die Vitalität
des Einzelhandelsstandorts miteinander verbunden sind, zeigt die
Seite 50
Fülle erfolgreicher Werbesatzungen
in Städten wie Trier, Heidelberg und
Aachen – nicht ohne Grund Städte
mit einem hochwertigen Stadtbild
und touristischem Pozential.
Das Stadtbild von Viersen soll zwar
nicht Touristen anlocken, sondern
den Viersener Bürger zum Einkaufsbummel einladen: Dennoch bilden
hierfür erhaltene historische Ladeneinbauten und bereits vorhandene,
stadtbildverträgliche Außenwerbung
eine gute Basis (siehe nebenstehende Beispiele), um mit den bestehenden Werbesatzungen und den
ergänzenden Vorschlägen dieser
Broschüre die Stadtbildqualität weiter
zu heben.
Nebenstehend drei Beispiele für
jeweils zeittypische Ladeneinbauten und Werbezüge, wie sie in der
Südstadt Viersen zu finden sind. Ihr
Erhalt wäre wünschenswert.
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EMPFEHLUNGEN ZUR
ENERGETISCHEN ERTÜCHTIGUNG
ENERGETISCHE SANIERUNG: Allgemeine Grundsätze
NACHTRÄGLICHE DÄMMUNG: Außenwände
NACHTRÄGLICHE DÄMMUNG: Keller
NACHTRÄGLICHE DÄMMUNG: Dächer
ENERGETISCHE SANIERUNG: Fenster
ENERGETISCHE SANIERUNG: Dämmung und Stadtbild
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EMPFEHLUNGEN ENERGETISCHE SANIERUNG
EMPFEHLUNGEN ENERGETISCHE SANIERUNG
> ENERGETISCHE SANIERUNG: Allgemeine Grundsätze
Eine energetische Ertüchtigung erfordert zu Beginn stets eine Analyse
der baulichen Gegebenheiten, d. h.
die Aufnahme der vorhandenen
Konstruktionen und Eigenschaften von Außenwänden, Fenstern
und Außentüren, Dach und oberer
Geschossdecke sowie Kellerdecke
bzw. Bodenplatte.
Hierzu gehören Kenntnisse sowohl
über die vorhandenen Wandaufbauten und Materialien als auch die vom
Umbau betroffenen Anschlussdetails. Für eine erfolgreiche energetische Ertüchtigung ist weniger das
Maß zusätzlicher Dämmstoffstärken
entscheidend, sondern vor allem ein
Gesamtkonzept, das die thermischen Eigenschaften des Gebäudes
als Ganzes verbessert. Die ausschließliche Betrachtung einzelner
Bauteile kann zu Bauschäden
führen, z. B. wenn eine zusätzliche
Fassadendämmung ohne Überlegungen zur Dichtigkeit von Fenstern
und zur Raumlüftung erfolgt.
Die Frage, ob eine energetische
Ertüchtigung sinnvoll ist, sollte auch
Seite 54
vor dem Hintergrund einer Kosten-Nutzen-Betrachtung ermittelt
werden. Das bedeutet beispielsweise: Bei einem Haus in der Zeile
sollte der bauliche und finanzielle
Aufwand für die Dämmung der
Rück- und/oder Vorderseite mit den
tatsächlichen Einsparungen verglichen werden.
Zur Gesamtbetrachtung einer
geplanten energetischen Ertüchtigung gehört auch die Definition der
künftigen Nutzungsrandbedingungen: Wie werden die Räume künftig
genutzt und welche Temperierung ist
beabsichtigt?
Zur Gesamtbetrachtung gehören
zudem Überlegungen zur bisherigen
und künftigen Wärmeversorgung.
Ein besser gedämmtes Haus benötigt nur eine kleinere Heizanlage und
ermöglicht Niedertemperaturheizsysteme wie z. B. Fußboden- oder
Wandheizungssysteme.
Bei der Konzeption der energetischen Ertüchtigung sollte die Dimensionierung der Heizanlage unter
Berücksichtigung der künftigen
Gebäudehülle und ihrer Dämmwerte
erfolgen; nur durch eine nicht zu
groß dimensionierte Heizanlage
kann das Energieeinsparpotenzial
gut ausgeschöpft werden.
Im Sinne des Stadtbildes sollte eine
energetische Ertüchtigung der Straßenfassade bei den Gründerzeitgebäuden, aber auch bei qualitätvollen
Häusern des Wiederaufbaus nicht
zu einer gestalterischen Beeinträchtigung führen.
Bei der Sanierung von Wohn- und
Nichtwohngebäuden ist der Nachweis gemäß Energieeinsparverordnung (EnEV) erforderlich, wenn die
Veränderung der Gebäudehülle
ein bestimmtes Maß überschreitet.
Abweichungen von den Vorgaben
der EnEV sind (auf Antrag) bei Baudenkmalen oder sonstiger besonders erhaltenswerter Bausubstanz
möglich, wenn die Erfüllung der
Anforderungen die Substanz oder
das Erscheinungsbild beeinträchtigen würde oder andere Maßnahmen
zu einem unverhältnismäßig hohen
Aufwand führen würden.
ANSPRECHPARTNER FÜR DIE ENERGETISCHE
ERTÜCHTIGUNG VON BESTANDSBAUTEN (AUSWAHL):
Planung und Ausführung einer energetischen Ertüchtigung erfordern eine fachkundige Beratung und Begleitung. Wer als Hauseigentümer nicht selbst vom
Fach ist, sollte eine externe Beratung hinzuziehen; nur so ist der dauerhafte
Erfolg der energetischen Ertüchtigung gewährleistet.
Beratungsangebote im Programm der energetischen Stadtsanierung:
Von 2015 bis 2017 wird die Stadt Viersen in Kooperation mit der NEW für die
Stadterneuerungsgebiete „Südstadt Viersen“ und „Historischer Stadtkern Dülken“ eine kostenlose energetische Beratung anbieten. Die Kontaktdaten entnehmen Sie bitte dem beigefügten Informationsblatt.
Energieberatung der Verbraucherzentralen:
Die unabhängigen Energieberater der Verbraucherzentrale helfen bei allen Fragen zum Energieverbrauch. Für einkommensschwache Haushalte mit entsprechendem Nachweis sind die Beratungsangebote kostenfrei.
Information unter: www.verbraucherzentrale-energieberatung.de
Förderung der Energieberatung durch den Bund:
Der Bund fördert Energiesparberatungen in Wohngebäuden vor Ort. Ansprechpartner ist das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA).
Die Energieberater beraten auch bei der energetischen Sanierung von Baudenkmalen und sonstiger besonders erhaltenswerter Bausubstanz (siehe § 24
EneV 2014) im Hinblick auf entsprechende KfW-Programme.
Informationen unter: www.bmwi.de, www.energieberater-denkmal.de oder
www.energie-effizienz-experten.de
5
4
2
6
3
HEIZUNG
1
Abb. 55.1: Mittlere Energieverluste bei
unsanierten Nachkriegsbauten in Prozent
(Datengrundlage: Institut für Wohnen und
Umwelt IWU)
7 = sonstige Energieverluste 6 %
6 = keine Kellerdämmung 6 %
5 = keine Dachdämmung 6 %
4 = Fensterlüftung 17 %
3 = einfache Isolierverglasung 17 %
2 = ungedämmte Außenwand 19 %
1 = veraltete Heizkessel 29 %
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EMPFEHLUNGEN ENERGETISCHE SANIERUNG
EMPFEHLUNGEN ENERGETISCHE SANIERUNG
> NACHTRÄGLICHE DÄMMUNG: Außenwände
> NACHTRÄGLICHE DÄMMUNG: Außenwände
Die energetische Ertüchtigung von
mögliche Salzbelastung der Wände,
konzipiert und ausgeführt werden.
Außenwänden erfolgt vorrangig,
da Salze hygroskopisch wirken, d. h.
Hierbei ist den Wärmebrücken
aber nicht ausschließlich durch eine
Wasser binden.
besondere Beachtung zu schenken,
nachträgliche Dämmung. Bei der
Maßnahmen zur Horizontal- und
wobei es geometrische Wärmebrü-
Auswahl des geeigneten Dämmsys-
Vertikalabdichtung wurden bereits
cken (etwa bei den Außenecken von
tems und bei der Erstellung des
in der Gründerzeit durchgeführt, sie
Erkern) gibt, die quasi konstruktions-
Außendämmung:
Bei der nachträglichen Außendämmung wird vorrangig zwischen Wärmedämmverbundsystemen (WDVS)
und der hinterlüfteten, gedämmten
Vorhangfassade unterschieden.
Kerndämmung:
Eine nachträgliche Kerndämmung
eignet sich lediglich für zweischaliges Mauerwerk und erfolgt durch
das Einblasen von Granulaten oder
Dammschäumen
Innendämmung:
Eine nachträgliche Innendämmung
erfolgt durch Innendämmsysteme,
erfordert aber u. a. eine besonders
sorgfältige Detailplanung der Anschlüsse und Details.
zugehörigen Dämmkonzepts sind
sind dennoch nicht flächendeckend
bedingt sind.
verschiedene Randbedingungen
vorhanden oder funktionsfähig. Wo
Prinzipiell gibt es für die nachträg-
zu beachten. Dazu gehört die im
keine wirksame Horizontalsperre
liche Wärmedämmung von Außen-
Rahmen der Bestandsaufnahme
vorhanden ist, besteht eine sichere
wänden drei verschiedene Dämm-
ermittelte Konstruktion der Außen-
und gut kontrollierbare Methode da-
konzepte: die Außendämmung, die
wand, auch baurechtliche Fragen
rin, in einer tief liegenden Lagerfuge
Kerndämmung und die Innendäm-
wie Grenzabstände und Nachbar-
des Mauerwerks abschnittsweise mit
mung (siehe nebenstehende Gra-
recht sowie Fragen des Brand- und
einer Mauersäge einen Spalt einzu-
fiken). Die beiden gebräuchlichen
Schallschutzes spielen eine Rolle.
sägen, in den eine Folie eingelegt
Dämmweisen bei der Gebäudemo-
Besonders sorgsam sind die
wird, die ggf. mit der Abdichtung
dernisierung sind die Außendäm-
Abb. 57.1 Beispiel Außendämmung
Abb. 57.2 Beispiel Kerndämmung
Abb. 57.3 Beispiel Innendämmung
bauphysikalischen Rahmenbedin-
der Bodenplatte verklebt werden
mung und die Innendämmung.
gungen zu beachten, die für die
kann. Darüber hinaus gibt es auch
Der entscheidende Unterschied im
jeweilige zu dämmende Außenwand
chemische Horizontalsperren, deren
Hinblick auf historische Gebäude
zutreffen. Wesentlich ist hier der
Wirksamkeit jedoch teilweise umstrit-
besteht darin, dass bei einer Außen-
Feuchteschutz, insbesondere der
ten ist. Hier gilt es, die entsprechen-
dämmung das äußere Erscheinungs-
Schutz gegen aufsteigende Feuch-
den Hinweise der Hersteller (etwa
bild zum Teil erheblich verändert
te im Mauerwerk. Durchfeuchtete
bei salzbelastetem Mauerwerk) zu
wird.
Wände besitzen u. a. schlechtere
beachten und unabhängige fachkun-
Vor dem Hintergrund, das Stadtbild
Wärmedämmeigenschaften. Aller-
dige Beratung einzuholen.
zu stärken, sollte auf eine straßensei-
dings gilt es bei feuchtem Mauer-
Grundsätzlich müssen bei der Pla-
tige Außendämmung bei Gebäuden
werk, die entsprechenden Ursachen
nung und Ausführung von nachträg-
mit einer qualitätvollen Fassadenge-
durch einen Fachmann ermitteln zu
lichen Wärmedämmmaßnahmen die
staltung nach Möglichkeit verzichtet
lassen – etwa im Hinblick auf eine
Anschlussdetails mit großer Sorgfalt
werden.
Seite 56
Aussendämmung
Kerndämmung
Innendämmung
Seite 57
EMPFEHLUNGEN ENERGETISCHE SANIERUNG
EMPFEHLUNGEN ENERGETISCHE SANIERUNG
> NACHTRÄGLICHE DÄMMUNG: Keller
> NACHTRÄGLICHE DÄMMUNG: Dächer
Die Wärmeverluste über einen
wenig gedämmten Keller sind in der
Regel geringer als über eine wenig
gedämmte Fassade. Im Rahmen
eines das Gesamtgebäude umfassenden Konzepts kann aber auch
die energetische Ertüchtigung des
Kellers sinnvoll sein. Hierbei sollte
im Vorfeld geklärt werden, ob der
Keller aktuelle Probleme (etwa mit
aufsteigender oder eindringender
Feuchte) hat und welche Anforderungen künftig an den Keller gestellt
werden sollen.
Bei unbeheizten Kellerräumen kann
es sinnvoll sein, die Kellerdecke zur
Vermeidung von Wärmeverlusten
und Fußkälte im Erdgeschoss nachträglich zu dämmen. Eine oberseitige Dämmung der Kellerdecke wird
nur bei einer Erdgeschosssanierung
und bei ausreichenden Raumhöhen möglich sein und ist mit einem
entsprechenden Gesamtaufwand
verbunden.
Auch bei einer unterseitigen Kellerdeckendämmung ist die Raumhöhe
zu beachten. Die Beschaffenheit
des Deckenuntergrundes muss eine
Dämmungsmontage oder einen
Dämmputz ermöglichen. Sind Rohrleitungen oder Leitungsbündel direkt
Die energetische Ertüchtigung
von Flachdächern und geneigten
Dächern ist wie die Montage einer
Innen- oder Außendämmung in Planung und Durchführung in der Regel
eine Aufgabe für den Fachbetrieb.
Seite 58
unter der Decke befestigt, so ist auf
eine durchgängige Dämmstärke zu
achten; können die Leitungen nicht
verlegt werden, sollten diese verkleidet (Verkofferung) und die Hohlräume mit geeignetem Dämmmaterial
ausgestopft werden.
Der Brandschutz ist ebenfalls zu
beachten, insbesondere bei Fluchtwegen; als Dämmmaterial empfehlen
sich bei brandgefährdeten Kellerräumen beispielsweise Mineralwolle
bzw. mineralische Dämmplatten.
In dichter bebauten, innerstädtischen Bereichen sind nachträgliche
Außenabdichtungen und Außendämmungen von Kellern meist mit
einem erhöhten Aufwand verbunden,
etwa wenn die Straßenfassaden an
öffentliche Wegeflächen grenzen.
Auch hier gilt es, eine entsprechende Kosten-Nutzen-Betrachtung
durchzuführen.
Die nachträgliche Dämmung und
Abdichtung ist eine aus dem Gesamtkonzept zu entwickelnde Maßnahme, die bei Feuchteproblemen
einer umfassenden Ursachenforschung bedarf und daher ebenfalls
mit fachlicher Beratung konzipiert
werden muss.
Abb. 58.1 Beispiel Dämmung Kelleraußenwände
Abb. 58.2 Beispiel Dämmung Preußische
Kappendecke Keller
Abb. 58.3 Beispiel nachträgliche mechanische Horizontalsperre
Bei einem Flachdach kann eine
energetische Ertüchtigung im
Rahmen einer Sanierung der Dachhaut sinnvoll sein. Hierbei sind die
Anschlusshöhen an die umlaufende
Attika und die Führung der Dachentwässerung zu beachten.
Bei einem geneigten Dach kann die
energetische Ertüchtigung sowohl
in der Ebene der Dachfläche als
auch in der Ebene der obersten
Geschossdecke erfolgen.
Bei einer nachträglichen Dämmung
in der Ebene der Dachfläche ist
dies zwischen den Sparren, unter den Sparren oder über den
Sparren möglich; Kombinationen
dieser Dämmweisen sind ebenfalls
machbar.
Wichtig ist hier wie bei der energetischen Ertüchtigung der Außenwände eine tragfähige konstruktive
Grundlage, d. h. ein funktionsfähiger
Dachstuhl, der die zusätzlichen Las-
ten der Dämmung tragen kann bzw.
entsprechend verstärkt wird.
Wichtig ist ebenfalls ein bauphysikalisch einwandfreier Aufbau mit
Dampfbremse und Unterspannbahn,
bei der u. a. eine Durchfeuchtung
der Dämmung verhindert wird.
Insbesondere bei einer Kombination
mit einer nachträglichen Fassadendämmung ist auch der Anschluss
zwischen Dachdämmung und
Fassadendämmung zu planen und
sorgfältig auszuführen.
Bei einer Aufsparrendämmung ist
zu beachten, dass sich die baurechtlichen Abstandsflächen des
Gebäudes durch eine Erhöhung von
First, Traufe und Ortgang ebenfalls
erhöhen können.
Eine Dämmung der obersten Geschossdecke kann alternativ sinnvoll
sein, wenn der Dachraum nicht zu
Wohnzwecken genutzt wird. Wie bei
der nachträglichen Dämmung der
Dachebene kommen Aufdecken-,
Zwischendecken- und Unterdeckendämmungen vor, auch ihre
Kombinationen. Hier entscheiden
die baukonstruktiven und räumlichen
Gegebenheiten, was im Einzelfall
sinnvoll und möglich sein kann.
Abb. 59.1 Beispiel oberseitige Dämmung
Geschossdecke gegen Dachraum
Abb. 59.2 Beispiel Dämmung Dachstuhl
von innen
Abb. 59.3 Beispiel Dämmung Dachstuhl
von außen
Seite 59
EMPFEHLUNGEN ENERGETISCHE SANIERUNG
EMPFEHLUNGEN ENERGETISCHE SANIERUNG
ENERGETISCHE SANIERUNG: Fenster
ENERGETISCHE SANIERUNG: Dämmung und Stadtbild
Die energetische Ertüchtigung einer
Gebäudehülle sollte stets auch die
planerische Berücksichtigung der
vorhandenen Fenster und Türen beinhalten. Ältere Fenster können zum
Teil erhebliche Wärmeverluste verursachen und zeigen bauartbedingte
Undichtigkeiten. Neue Fenster
gelten im Vergleich als energetisch
günstiger, sie sind oft praktischer
und pflegeleichter. Innerhalb des
bauphysikalischen Gefüges der Außenwand ist die Erhöhung der Dichtigkeit jedoch sorgfältig abzuwägen
und zu planen, damit es nicht zu
Bauschäden kommt.
Die Einsparung von Energie bildet
heute die Grundlage für die Überlegungen zur energetischen Ertüchtigung. Kulturelle Werte werden
hierbei berücksichtigt; sie stehen jedoch, als Ausnahmen und Befreiungen, gegenüber dem Ressourcenund Klimaschmutz anscheinend in
zweiter Reihe.
Historische Fenster zeigen, wie
heutige Fenster, qualitative Unterschiede und können hochwertig
sein. Historische Fenster und Türen
mit ihren Teilungen, Oberflächen
und Details prägen zudem erheblich
das äußere Erscheinungsbild eines
Gebäudes.
Bei der energetischen Ertüchtigung
einer Gebäudehülle sollte daher bei
einem historischen Gebäude mit historischen Fenstern überlegt werden,
ob die historischen Fenster nicht
erhalten und ertüchtigt werden können. Eine Möglichkeit hierfür ist die
Seite 60
Montage einer zweiten, innenseitigen
Fensterebene als Kastenfenster.
Die neue, innenseitige Fensterebene wird dann als moderne Zweischeibenverglasung realisiert; der
entstehende Zwischenraum stellt
einen gewissen Puffer dar, wobei
darauf geachtet werden muss, dass
eventueller Tauwasseranfall verdunsten kann.
Ist der Einbau neuer Fenster geboten, weil eine Ertüchtigung der
historischen Fenster nicht möglich
ist oder diese nicht erhalten sind, so
sollte neben der Beachtung der bauphysikalischen Rahmenbedingungen auch eine angemessene, auf
die historische Fensterteilung und
Fassadengliederung abgestimmte
Gestaltung angestrebt werden (siehe
die entsprechenden Abschnitte im
vorderen Teil der Broschüre).
Die Berücksichtigung einer bestandsgerechten Fenstergliederung trägt nicht zuletzt zum Wert
des Gebäudes bei, der sich bei
Bestandsgebäuden auch an einer
ansprechenden und qualitätvollen
Gestaltung bemisst. Eine sorgfältige
und fachgerechte Ausführung sollte
generell angestrebt werden.
Bei einer bewußten Planung und
Durchführung einer energetischen
Ertüchtigung kann dieser oft empfundene Konflikt jedoch vermieden
werden.
Die Notwendigkeit, mit Energie
sparsam umzugehen, war in der
Vergangenheit meist nicht weniger,
sondern aufgrund der schlechteren
Verfügbarkeit etwa von Heizenergie
eher stärker verbreitet. Allerdings
entschieden sich unsere Vorfahren
mitunter für andere Strategien als wir
heute: so wurde die Innentemperatur
in den Wohnungen stärker nach Nutzungen und nach Nutzungszeiten
differenziert.
Zu einer bewusst geplanten und
durchgeführten energetischen
Abb. 61.3 Eine nachträgliche Wärmedämmung der Fassaden führt zum Verlust der
historischen Fassadenansichten und beeinträchtigt erheblich das Stadtbild
Abb. 60.1 Historisches Fenster mit dahinterliegender 2. Fensterebene
Abb. 60.2 Das Prinzip Kastenfenster
XX
XX
Ertüchtigung gehört daher auch die
Große welche
Bruchstraße/
Abwägung,
Maßnahmen
Ecke
Freiheitsstraße
welche Vor- und Nachteile haben.
nahher
Die Wirkung auf das Stadtbild sollte
hierbei mitbedacht sein, etwa wenn
eine Stuckfassade der Gründerzeit
unter einem dicken Dämmmantel
verschwindet oder die schlanken
Detaillierungen eines Wiederaufbau-Wohnhauses durch eine Außendämmung dick und klobig werden.
Eine Patentlösung für alle möglichen
Fälle gibt es hierbei nicht. Dennoch
sollte beispielsweise berücksichtigt
sein, welchen Anteil eine (Außen-)
Dämmung der Straßenfassaden an
einer möglichen Gesamtmaßnahme
hat und ob es nicht Kompensationsmöglichkeiten gibt, um zu einem
vergleichbaren Gesamtergebnis zu
kommen.
Wo eine Außendämmung verträglich
oder unumgänglich ist, sollte zudem
bedacht werden, dass diese wie
jedes Fassadenmaterial gestaltet
werden kann und werden soll. Dies
kann mit farblichen Mitteln erfolgen,
aber auch und gerade mit dem Material selbst, das als Plattenmaterial
ebenso Gestaltungsansätze bietet
wie eine Putz- oder Ziegelfassade.
Seite 61
ABBILDUNGSNACHWEIS
Richard Caelers: Titelbild, S. 11, 16.1, S. 32,
S. 33. S. 35
Stadtarchiv Viersen: Abb. 4.1, 6.1, 6.2, 6.3, 7.1,
8. 1, 8.2, 9.1, 9.2, 12.1, 12.2, 13.1, 13.2, 18.1,
18.2, 20.1, 20.2, 22.1, 22.2, 24.1, 24.2, 28.3,
29.3, 30.2, 31.1, 31.2, 37.1
Inthermo GmbH: 57.1
Knauf Insulation GmbH: 57.2
Claytec: 57.3
Puren GmbH: 58.1
Hessisches Ministerium für Umwelt, Energie,
Landwirtschaft und Verbraucherschutz: 58.2
Franz Baumann KG, Rosenheim: 59.1
Deutsche Rockwool: 59.2
Bauer Digital KG: 59.3
Franz Pfluegel (www.immonet.at): 60.2
Max von Trott zu Solz, Eisenach: 61.1
Alle übrigen Bilder: Strauss & Fischer Historische Bauwerke GbR, Krefeld
Seite 62
Seite 63
Stadt Viersen – Der Bürgermeister
FB 60 Stadtentwicklung
Viersen 2015
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