SÜDSTADT VIERSEN QUALITÄTEN ERKENNEN – BEWAHREN – IN WERT SETZEN INHALTSVERZEICHNIS Herausgeber: Stadt Viersen – Der Bürgermeister FB 60 Stadtentwicklung Bearbeitung und Layout: Strauß & Fischer – Historische Bauwerke GbR, Krefeld Druck und Bindung: Impuls HPZ, Heilpädagogisches Zentrum Krefeld - Kreis Viersen gGmbH Viersen 2015 Gefördert durch: VORWORT S. 3 EINLEITUNG Ideen und Impulse für die südliche Innenstadt S. 5 Die historische Entwicklung der Südstadt Viersen S. 6 Es tut sich was: das heutige Stadtbild der südlichen Innenstadt S. 10 Altersklassen S. 12 STÄDTEBAULICHE UND ARCHITEKTONISCHE QUALITÄTEN ERKENNEN – BEWAHREN – IN WERT SETZEN Fassade: Gliederung, Material, Farbe S. 16 – Fassadenöffnungen: Fenster, Türen S. 26 – Dächer: Dachform, Dachaufbauten, Dachflächenfenster S. 34 HINWEISE FÜR WERBEANLAGEN UND LADENEINBAUTEN Außenwerbung: warum eine Werbesatzung? Ladenlokale: Ladeneinbau und Fassadengestaltung Außenwerbung: Fassadenwirkung Außenwerbung: Farbe und Licht Außenwerbung: Stadtbild S. 42 S. 44 S. 46 S. 48 S. 50 EMPFEHLUNGEN ZUR ENERGETISCHEN ERTÜCHTIGUNG Energetische Sanierung: allgemeine Grundsätze Nachträgliche Dämmung: Außenwände Nachträgliche Dämmung: Keller Nachträgliche Dämmung: Dächer Energetische Sanierung: Fenster Energetische Sanierung: Dämmung und Stadtbild S. 54 S. 56 S. 58 S. 59 S. 60 S. 61 ABBILDUNGSNACHWEIS S. 62 Seite 1 VORWORT DES BÜRGERMEISTERS Liebe Bürgerinnen und Bürger, liebe Südstädter! und stehen stellvertretend für das große bürgerschaftliche Engagement in der Südstadt. Die Viersener Südstadt hat eine Menge zu bieten. Attraktive Plätze, Parks und Stadtgärten sowie eine weltoffene Kultur und internationale Gastronomie prägen das Flair des Quartiers. Ein großes Potenzial der Südstadt steckt vor allem auch in den zahlreichen historischen Gebäuden, die dem Quartier seinen unverwechselbaren Charakter verleihen. Einiges konnten wir gemeinsam mit den Eigentümern und Investoren in der Südstadt schon bewegen. Dennoch dürfen wir nicht nachlassen, den bisher beschrittenen Weg gemeinsam mit Ihnen fortzusetzen. Der demografische Wandel und die energetischen und umweltpolitischen Herausforderungen werden uns in den nächsten Jahren gerade im baulichen Bestand vor besondere Herausforderungen stellen. So werden wir gemeinsam mit der NEW die Stelle eines Sanierungsmanagers für die energetische Sanierung des Gebäudebestandes in der Südstadt schaffen. Auch die Fortsetzung der Immobilienberatung und des Hofund Fassadenprogramms im Rahmen des Programms der „Sozialen Stadt“ steht auf unserer Agenda. Mit dieser Broschüre möchten wir allen Akteuren einen Leitfaden an die Hand geben, der I¯hnen hilft, die besonderen architektonischen Qualitäten des Quartiers zu erkennen und bei der Renovierung und Umgestal- Diesen Schatz zu bewahren und behutsam weiterzuentwickeln ist eine der wesentlichen Aufgaben, die wir uns im Rahmen der Stadterneuerung gestellt haben. Mithilfe der Fördergelder aus dem Programm der „Sozialen Stadt“ ist es uns gelungen, Eigentümer mit Beratungsangeboten und finanziellen Anreizen zu unterstützen, die ihre Immobilien zukunftsfähig umgestalten wollen. Zahlreiche Gebäude wurden grundlegend saniert, viele geschmackvoll und denkmalgerecht gestaltete Fassaden prägen heute das Erscheinungsbild der Südstadt Seite 2 tung der zahlreichen denkmalwerten und stadthistorisch bedeutsamen Gebäude zu bewahren. Gemeinsam mit Ihnen werden wir uns dafür einsetzen, den Charme und das besondere Flair der Südstadt zu bewahren, damit sie auch in Zukunft für ihre Bewohner lebens- und liebenswert bleibt. Viersen, im Juni 2015 Günter Thönnessen Bürgermeister Seite 3 IDEEN UND IMPULSE FÜR DIE SÜDLICHE INNENSTADT Die nebenstehende Ansichtskarte zeigt den Blick auf die Hauptstraße hinunter Richtung Kreuzkirche. Sie überliefert uns ein Stadtbild der Viersener Innenstadt, das so nicht mehr existiert – in vielerlei Hinsicht: Gebäude sind durch Neubauten ersetzt worden, der damalige Straßenraum ist heute teilweise eine Fußgängerzone mit Allee, natürlich sind auch die Ladengeschäfte und die Fahrzeuge heute andere. Abseits nostalgischer Gefühle zeigt die Ansichtskarte: Eine Stadt ist einem beständigen Wandel unterworfen. Dieser Wandel wurde auch in Viersen durch Ereignisse wie die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und den nachfolgenden Wiederaufbau intensiviert. Dieser Wandel ist jedoch nicht naturgesetzlich: Er wird vielmehr von uns allen gestaltet. Die Broschüre soll die Beratungen ergänzen und unterstützen, die seit einigen Jahren im Auftrag der Stadt Viersen in der südlichen Innenstadt durchgeführt werden, um Hausei- gentümer und Ladeninhaber bei entsprechenden Instandsetzungsund Umbaumaßnahmen fachlich und gestalterisch zu unterstützen. Dem liegt die Erkenntnis zugrunde, dass in der Vergangenheit nicht jede bauliche Veränderung, nicht jede Umgestaltung eines Ladenlokals ein Gewinn für das Viersener Stadtbild war. Beratung und Broschüre sollen helfen, Qualitäten zu erkennen, Qualitäten zu bewahren und durch eine Inwertsetzung neue Qualitäten zu schaffen. Die bestehende Vielfalt der südlichen Innenstadt bildet hierfür den Ausgangspunkt, sie erforderte auf der anderen Seite aber auch, die Broschüre nach unterschiedlichen Bauepochen aufzuschlüsseln: jede dieser Bauepochen/Baualtersklassen ist in Viersen durch andere Charakteristika geprägt, die zu erkennen und hervorzuholen die Basis der nachfolgenden Anregungen ist. Diese Broschüre soll Ideen und Impulse für den Wandel in der südlichen Innenstadt Viersens geben. Sie soll zugleich in Grundzügen mit bestehenden Regelungen bekannt machen – hier vor allem mit den beiden Werbesatzungen. Ziel ist es, Anregungen zu geben, was Hauseigentümer und Ladeninhaber zu einem qualitätvollen Stadtbild beitragen können. Die Broschüre konzentriert sich daher – im Hinblick auf ein qualitätvolles Stadtbild – auf die Elemente des Hauses, die von der Straße aus sichtbar sind: Fassade, Fenster und Türen sowie Dach. Ein eigener Abschnitt beschäftigt sich mit Außenwerbung und Ladeneinbauten, einem für die Südstadt Viersen bedeutenden Aspekt: Exemplarische Gegenüberstellungen sollen Möglichkeiten aufzeigen, wie hier Qualitäten erhöht werden könnten. Zugleich will die Broschüre Hinweise geben, wie bei Instandsetzungsund Umbaumaßnahmen im Bestand energetische Ertüchtigungen sinnvoll durchgeführt werden können, wo hierfür Rat eingeholt werden kann und welche (finanziellen) Förderungen möglich sein können. Seite 5 DIE HISTORISCHE ENTWICKLUNG DER SÜDSTADT VIERSEN Der Stadtkern von Viersen geht, anders als Dülken und Süchteln, nicht auf eine bereits im Spätmittelalter mit Stadtrechten versehene Siedlung zurück. Der auf der gegenüberliegenden Seite abgedruckte Stadtbauplan von 1856/60 zeigt vielmehr noch die dörflichen Ursprünge: das Rintgen im Süden und Viersen/Burg rund um die Pfarrkirche St. Remigius im Norden, die durch die heutige Hauptstraße miteinander verbunden sind. Den Mittelpunkt des Rintgen bildet bis heute der Gereonsplatz, die zentrale Gabelung der von Norden herangeführten Hauptstraße. Diese Gabelung wird in Ost-West-Richtung durch eine weitere Wegeverbindung gekreuzt – nach Osten die Straße Richtung Hülsdonk (heute: Große Bruchstraße) und nach Westen die Straße zum Anfang des 15. Jahrhunderts begründeten Beghinenkloster (heute: Heierstraße). Südlich dieser Ost-West-Wegeverbindung floss der Rintgenbach, der auch das Grundstück des Beghinenklosters querte. Von den fünf Straßen, die sich am Gereonsplatz trafen, war die heutige Gereonstraße durch eine Aufweitung mit MittelSeite 6 bebauung leicht herausgehoben – vermutlich für einen Markt. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wuchs Viersen u. a. durch die örtliche Entwicklung der Textilindustrie zur Stadt heran. Der 1856 erstellte und 1860 genehmigte Stadtbauplan von Viersen verband hierfür – in zeittypischer Weise – die beiden Siedlungskerne Rintgen und Viersen/Burg durch eine rechtwinklige Straßenstruktur beiderseits der Hauptstraße. Diese Stadtplanung bildete bis zum Ersten Weltkrieg die Grundlage der innerstädtischen Entwicklung von Viersen. Die geschwungenen dörflichen Straßenzüge rund um St. Remigius und die Wegekreuzung rund um den Gereonsplatz sind im Stadtplan bis heute erkennbar erhalten, während die Bebauung beiderseits der Hauptstraße den Rastergrundriss der gründerzeitlichen Erweiterung zeigt. Östlich dieser neuen Stadtstruktur wurde auch die Trasse der 1844 gegründeten Ruhrort-Crefeld-Kreis Gladbacher Eisenbahngesellschaft (ab 1850: Aachen-Düsseldorf-Ruhrorter Eisenbahn-Gesellschaft) angelegt. Die ungefähr in Abb. 6.1 Hauptstraße mit Blick zur Kreuzkirche Abb. 6.2 Frühe Bebauung Mitte 19. Jh. Abb. 6.3 Gemeindekarte Viersen 1861 Nord-Süd-Richtung verlaufende Trassenführung ist in dem nebenstehenden Ausschnitt aus der Gemeindekarte der Stadt Viersen von 1861 gut zu erkennen. Die Bahntrasse und der Bahnhof mit seinem Gleiskörper begrenzten die Stadt nach Osten. Zugleich bildete der Bahnhof am östlichen Ende der heutigen Bahnhofstraße einen neuen städtebaulichen Fixpunkt; Bauten wie die Reichsbank an der Mündung der heutigen Poststraße auf die heutige Parkstraße verdeutlichen dies bis heute. Unweit des Bahnhofs, nördlich der heutigen Bahnhofstraße, entstand der Stadtgarten, die parallel dazu verlaufende Lindenstraße wurde an ihrem östlichen Ende zu einem rechtwinkligen Schmuckplatz (Petersplatz) aufgeweitet. Das gründerzeitliche Quartier beiderseits der Hauptstraße verdichtete sich bis zum Ersten Weltkrieg zu einer mehrheitlich geschlossenen Bebauung, in die Bauten wie die Festhalle eingebettet wurden. An den Rändern des neuen längsovalen Stadtumrisses lagerten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Fabrikationsbetriebe vor allem der Textilindustrie an, die bekanntlich maßgeblich zum Aufschwung Viersens beitrugen. Diesen Wandel repräsentierte in besonderem Maße die Mechanische Seidenweberei an der Heierstraße, am Standort des früheren Beghinenklosters. 1917 kommt es am östlichen Rand der Viersener Innenstadt zu einer Abb. 7.1 Stadtbauplan 1856/60 Seite 7 Abb. 8.1 Stadtplan 1918 bedeutenden stadtstrukturellen Veränderung: die Bahntrasse wird nach Osten verlegt und die alte Trasse zur heutigen Freiheitsstraße umgewidmet, die zunächst nur bis an den alten Standort des in diesem Zuge abgebrochenen Bahnhofs heranreichte (siehe oben stehende Karte von 1918). Der neue Bahnhof wurde jenseits des Gewerbes errichtet, das sich östlich des früheren Bahnhofsgleiskörpers angesiedelt hatte, und rückte damit erneut an den (damaligen) Rand der Stadt. Der Einschnitt, den die Bahntrasse darstellte, wurde Seite 8 mit der neuen Freiheitsstraße jedoch nicht aufgehoben: diese bildet weiterhin Schnittstellen mit den älteren Wegeführungen, die bis heute weder stadträumlich noch architektonisch gestaltet sind. Die Freiheitsstraße wirkt heute eher wie eine jüngere Umgehungsstraße, da sich kaum straßenbegleitende Bebauung gebildet hat. An den Schnittstellen zu den älteren Wegen sind ungestaltete Kreuzungssituationen mit Brandgiebeln und Restgrundstücken verblieben, die nicht als Stadteingänge in Erscheinung treten: Dies betrifft sowohl die (gekappte) Einmündung von Gereonstraße/An der eisernen Hand als auch die Kreuzung mit der Eichenstraße und mit der Dr.-Heggen-Straße. Für den Bereich des alten Bahnhofs und den östlichen Rand der Innenstadt bedeutete die 1917 durchgeführte Trassenverlagerung Abb. 8. 2 Hauptstraße / Mündung Gereonsplatz ebenfalls eine signifikante Veränderung. Die damalige Bahnhofstraße (heute: Parkstraße) bildete bis dahin den östlichen Rand der dortigen Innenstadt, zwischen ihr und dem Gleiskörper lag eine lang gestreckte Freifläche, auf der südlich des alten Bahnhofs auch das Post- und Telegrafenamt stand. Dieser Bereich, im späten 19. Jahrhundert gestalterisch besonders akzentuiert, wurde nun seiner Funktion als räumlicher Abschluss der Innenstadt und seiner prägenden Struktur beraubt: Zunächst entfiel mit dem Bahnhof ein maßgeblicher Stadtbaustein, dann wurde mit der Verlängerung der Freiheitsstraße nach Norden der Freiraum nördlich der heutigen Bahnhofstraße überplant. Schließlich wurde Ende der 1960er-Jahre das Post- und Telegrafenamt abgerissen; die so erweiterte Freifläche wurde Anfang der 1970er-Jahre zum sog. Postgarten umgestaltet. Im Zweiten Weltkrieg hat das Rintgen – wie eine 1945 angelegte Schadenskarte verdeutlicht – weniger gelitten als der Bereich um St. Remigius und die gründerzeitliche Stadterweiterung rund um die Hauptstraße. Die Südliche Innenstadt Viersen ist trotz ergänzender und ersetzender Nachkriegsbauten bis heute von einer „gewachsenen baulichen Mischung“ mit einem großen Anteil von gründerzeitlichen Wohnhäusern, Bauten der Zwischenkriegszeit und Gewerbe mit gründerzeitlichem Kern geprägt. Zugleich bildet der als Südliche Innenstadt bezeichnete Bereich kein homogenes oder historisch klar umrissenes Quartier, sondern einen aus unterschiedlichen Quartiersteilen bestehenden Stadtraum. Einen zentralen Straßenzug bildet unverändert die Hauptstraße mit ihrer Funktion als Geschäftsbereich, deren südlicher Abschnitt Teil der Südstadt ist. Die Blockstrukturen beiderseits der Hauptstraße bilden unverändert eher homogen wirkende, geschlossene Stadtstrukturen, die ihre Herkunft aus der Gründerzeit bis heute vermitteln. Den südlichen Teil des Rintgen prägt die Durchmischung von Wohnen und Gewerbe. Die Lage des Gewerbes innerhalb der wachsenden Stadtstruktur hatte hier aus städtebaulicher Sicht nicht nur Vorteile: Die auf eine spätere Expansion hin konzipierten Insellagen etlicher Betriebe und deren bauliche Dimensionen führten zu Lücken und Maßstabssprüngen gegenüber den umgebenden Wohnbebauungen. Die Wechselwirkungen, Überlagerungen und gegenläufigen Entwick- lungen von Wohnen und Gewerbe schufen so eine fragmentierte, von Brüchen geprägte Quartiersstruktur. Punktuell verstärkt werden diese Brüche durch den tangentialen Erschließungsring, der die Viersener Innenstadt vom Durchgangsverkehr entlasten und die Fußgängerzone ermöglichen sollte. Hierzu wurden nach dem Zweiten Weltkrieg mehrheitlich vorhandene Straßen aufgeweitet und in ihrem Verlauf verändert. Besonders deutlich wird die stadträumliche Zäsur bei der aufgeweiteten Hohlstraße mit der leicht vom Straßenverlauf abgerückten, in den 1970er-Jahren realisierten großmaßstäblichen Wohnbebauung auf dem Gelände der vormaligen Mechanischen Seidenweberei. Die Fortführung der südlichen Ringstraße nach Osten über die Gladbacher Straße hinaus wurde unlängst realisiert. Abb. 9.1 Schadensplan 1945 Abb. 9.2 Bahnhofstraße im Wiederaufbau Abb. 9.3 Gereonsplatz 2014 Seite 9 ES TUT SICH WAS: DAS HEUTIGE STADTBILD DER SÜDLICHEN INNENSTADT Durch Stadtwachstum und Wiederaufbau sind in Viersen zwei prägende Bauepochen vorhanden: zum einen die sogenannte Gründerzeitarchitektur (1871 bis 1918), zum anderen die Nachkriegsmoderne (1949 bis Mitte der 1960er-Jahre). Bauten anderer Jahrzehnte sind vorhanden, jedoch deutlich seltener. Auf der folgenden Doppelseite werden diese Bauepochen kurz vorgestellt, wobei die Altersklasse 1 (vor 1836) fehlt; es haben sich vermutlich keine Bauten aus dem vorindustriellen Viersen erhalten. Die beiden prägenden Bauepochen Viersens unterscheiden sich deutlich – Unterschiede, die im Stadtbild wahrzunehmen sind. So zeigt die Gründerzeitarchitektur die typischen, oft mit Stuck verzierten Gebäude, meist untergliedert in ein durch einen Kellergeschoss-Sockel höher liegendes Erdgeschoss, eine Beletage im Obergeschoss und ggf. ein niedrigeres zweites Obergeschoss (teilweise als Mezzaningeschoss, d. h. ohne Stehhöhe an Traufe/Drempel). Innerhalb der Gründerzeitarchitektur gibt es unterschiedliche GestalSeite 10 tungsprinzipien: Neoklassizistische Bauten um 1890 zeigen mehrheitlich flächige Fassaden, deren renaissance-inspiriertes Stuckdekor auf die Fassade montiert erscheint, während um 1900 stärker asymmetrisch angelegte Fassaden realisiert werden, deren Fassade durch Erkerund Balkonvorsprünge lebhafter gegliedert ist und mit Giebeln und Gauben über die Traufe hinaus in die Dachebene übergreift. Trotz der Verluste durch Kriegszerstörung und Neubau hat sich in der Südstadt eine große, qualitätvolle Vielfalt an Gründerzeitbauten erhalten. Die Bauten der Nachkriegszeitmoderne stehen tendenziell in einem spürbaren gestalterischen Kontrast zur Gründerzeitarchitektur: Die Fenster und Fensterbänder sind vielfach liegend angeordnet, neue Fassadenmaterialien (etwa Kleinmosaik und keramische Bekleidungen) halten Einzug, die Geschossigkeiten sind niedriger. Dieser Kontrast war zeitgenössisch beabsichtigt, hatten Bauherren und Architekten nach 1945 doch neue, andere Vorstellungen von schöner Architektur. Die Gründerzeitarchitektur erfährt heute wieder größere Wertschätzung, nachdem sie in den Nachkriegsjahrzehnten vielen als hässlich galt. Auch in der Südstadt Viersens sind viele Gründerzeithäuser heute wieder behutsam instand gesetzt und stellen ihre charakteristischen Stuckfassaden heraus. Die Nachkriegsmoderne wartet noch auf eine vergleichbare breitere Wertschätzung, auch in Viersen. Doch auch hier gibt es besondere Qualitäten zu entdecken, zu bewahren und wiederherzustellen. Erste Schritte hierfür sind auch in der Südstadt gemacht. Seite 11 Altersklasse 2 (1836 bis 1870) Bauten der Altersklasse 2 waren oft mit wenig Bauschmuck versehene, ein- bis zweigeschossige traufständige Gebäude. Regelmäßig wurden solche Gebäude nachträglich mit einem historistischen Bauschmuck oder einer Fassadenverkleidung versehen, um sie gestalterisch aufzuwerten. Die bescheideneren und kleinmaßstäblicheren Bauten der Altersklasse 2 sind heute häufig stark überformt und wirken infolge zahlreicher nachträglicher Eingriffe mitunter als unproportionierte Zufallsarchitekturen. In wenigen Fällen ist der historische Charakter erhalten bzw. sind die nachträglichen Einbauten so gestaltet, dass Altersklasse 3 (1871 bis 1918) Bauten dieser Altersklasse 3 bilden trotz Kriegszerstörungen und Wiederaufbau einen prägenden Baubestand in der Südlichen Innenstadt Viersen, auch wenn geschlossene gründerzeitliche Straßenzüge kaum erhalten sind. Ein großer Teil der Bauten sind in erfreulich gutem Zustand und qualitative Pfeiler der Südlichen Innenstadt. Allerdings haben bei einigen Gebäuden nachträgliche Veränderungen die ursprünglichen Qualitäten gemindert oder verdeckt. Für das Stadtbild ungünstig sind u. a. folgende Veränderungen: • Verlust von wesentlichen Architekturelementen der FassadenglieSeite 12 die Kleinteiligkeit der ursprünglichen Fassadengliederung erhalten blieb. Abb. 12.1 Für das Stadtbild ungünstig sind u. a. folgende Veränderungen: • Neue Fassadenmaterialien, z. B. Bekleidung mit Klinkerriemchen, die zum Verlust von wesentlichen Architekturelementen und der Fassadengliederung führen • Zusetzungen von Fensteröffnungen, Einbau abweichender (zumeist liegender) Fensterformate • Gestalterisch abwertende Erweiterungen durch Anbauten und Aufstockungen sowie unmaßstäbliche Gauben derung (etwa durch Abschlagen des Stucks) und von bauzeitlichen Dachaufbauten • Zusetzungen von Fensteröffnungen, der Einbau von Garagentoren bzw. von abweichenden Fensterformaten und/oder neue Verblendungen mit Klinkern, die insbesondere in den Erdgeschossbereichen das Erscheinungsbild der Gebäude mindern • Nachträgliche Montage von außen liegenden Rollläden und die Aufgabe der historischen Fensterteilung, die zulasten der Maßstäblichkeit der Fassaden gehen • Grelle oder zu kontrastreiche Farbigkeit Abb. 12.2 Altersklasse 4-5 (1919 bis 1949) Die Bautätigkeit der Zwischenkriegszeit ist in der Innenstadt von Viersen deutlich geringer als zur prosperierenden Phase des deutschen Kaiserreichs. Dennoch entstanden prägnante, nun jedoch zumeist ziegelsichtige Bauten. Sie entstanden teilweise als Baulückenschließungen, teilweise als einzelne Hauszeilen (u. a. an der Dr.-Heggen-Straße, an der Hermannstraße und an der Burgstraße). Als Zeugnis des Neuen Bauens nimmt die denkmalgeschützte Villa Walter Kaiser an der Burgstraße für den Bereich der Südlichen Innenstadt Viersens eine gewisse Sonderrolle ein. Altersklasse 6-7 (1950 bis 1976) Die Innenstadt von Viersen hat – vor allem im nördlichen Teil – im Zweiten Weltkrieg starke Schäden davongetragen. Entsprechend ist vor allem der nördliche Teil der Hauptstraße, aber auch Bereiche wie der westliche Teil der Bahnhofstraße sind heute von Bauten des Wiederaufbaus geprägt. Viele dieser Gebäude sind in einem gestalterisch eher konservativen Duktus gehalten, der an die Gestaltungsmerkmale des Heimatstils und der 1930er-Jahre anknüpft. Der Erhaltungszustand dieser Nachkriegsbauten ist unterschiedlich: es finden sich Bauten in schlechtem Pflege- und Erhaltungszustand, aber Für die Wohnbauten der Altersklassen 4-5 gibt es in der Viersener Südlichen Innenstadt ebenfalls schöne, gut erhaltene Beispiele. Abb. 13.1 Für das Stadtbild ungünstig sind u. a. folgende Veränderungen: • Vereinzelte Veränderung der zeittypischen Baukörper z. B. durch neue Dachaufbauten • Verlust der Backsteinornamentik durch neue Verklinkerungen oder Verputz/Außendämmung • Verlust der bautypischen Fensterteilungen auch charmante Zeugnisse des damaligen Zeitgeistes, die unverbastelt und bis heute in gutem Pflegezustand sind. Abb. 13.2 Für das Stadtbild ungünstig sind u. a. folgende Veränderungen: • Gestalterisch schwache und/oder wenig gepflegte Bauten mindern den Eindruck eines ganzen Straßenzuges • Die oftmals filigrane Detaillierung der Nachkriegsbauten kann schnell durch nachträgliche Eingriffe entstellt werden, sodass die vorhandenen Qualitäten nicht mehr wahrzunehmen sind Seite 13 STÄDTEBAULICHE UND ARCHITEKTONISCHE QUALITÄTEN ERKENNEN – BEWAHREN – IN WERT SETZEN FASSADE: Gliederung | Material | Farbe FASSADENÖFFNUNGEN: Fenster | Türen DÄCHER: Dachform | Dachaufbauten | Dachflächenfenster Seite 15 LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG > FASSADE: Gliederung | Material | Farbe > FASSADE: Gliederung | Material | Farbe ALLGEMEIN Häuser sind die Bausteine der Stadt, ihre Fassaden säumen die Straßen und umrahmen die Plätze. Jedes einzelne Haus entscheidet daher mit darüber, ob wir eine Stadt als angenehm oder abweisend empfinden. Historische Fassaden mit ihrer Gliederung (wie Sockel, Gesimse, Pfeilervorlagen, historischem Bauschmuck etc.), mit ihrem Fassadenmaterial (Putz, Ziegel etc.) und der Farbigkeit ihrer Oberflächen sind auch in der Südlichen Innenstadt Viersen unverzichtbare Bausteine für ein lebenswertes Quartier. STADTBILD UND AUSSEN LIEGENDE WÄRMEDÄMMUNG (WDVS) Eine nachträgliche außen liegende Wärmedämmung (Wärmedämmverbundsystem – WDVS) fällt in einem historischen Quartier durch die zumeist schmucklose, kaum gegliederte Putzfassade auf – ähnlich den schlichten Putzbauten der frühen 1950er-Jahre. Oft wird durch die nachträgliche Dämmung eine historische Fassade verdeckt, deren Bauschmuck und Gliederung damit im Stadtraum verschwunden ist. Auf technische Aspekte der nachträglichen Dämmung wird im Abschnitt Energetische Ertüchtigung vertieft eingegangen. Für die Qualität des Stadtbilds ist es hingegen wichtig, historische Fassaden mit ihren Gliederungen nicht zu verdecken. Eine nachträgliche außen liegende Wärmedämmung sollte daher nur für schmucklose oder besonders schlecht gedämmte Gebäude infrage kommen. Zu unterschiedlichen Zeiten herrschten unterschiedliche Gestaltungsvorstellungen. Manche dieser Gestaltungen sind uns näher als andere; die früher geschmähte Gründerzeitarchitektur sagt uns heute oftmals mehr zu als die Architektur der Nachkriegszeit. Für ein qualitätvolles Stadtbild ist jedoch wichtig, die Qualitäten aller vorhandenen Gebäude zu erkennen, zu bewahren und wo notwendig zu verbessern. Dies gilt vor allem, aber nicht nur für die Fassaden. Abb. 16.1 Gründerzeitarchitektur und Wiederaufbau in der Südstadt Seite 16 Abb. 17. 1 Vielfalt in Stuck und Farbe Abb. 17.2 Fassade mit Außendämmung STADTBILD UND FARBE Farbe im Stadtbild wird heute zumeist mit einem farbigen Anstrich gleichgesetzt. Historisch viel bedeutsamer waren jedoch die Oberflächen und die Materialfarbigkeit der Fassadenmaterialien, von unterschiedlichen Putzen, Ziegeln und Werksteinen. Bevor es dauerhafte Fassadenanstriche in allen Farbtönen gab, war das Stadtbild in farblicher Hinsicht homogener. Starke Farbkontraste waren die Ausnahme oder in besonderem Maße gestalterisch gewünscht. Heute nehmen wir starke Farbkontraste und grelle Einzelfarben als unschön wahr. Für die Qualität des Stadtbilds wäre es daher zunächst wünschenswert, Ziegelmauerwerk und Werksteine in ihrer Materialfarbigkeit wirken zu lassen. Wo Anstriche gewählt werden, sollte eine zurückhaltende Tonigkeit gewählt werden; Farbreihen aus Grautönen, aus Beigetönen oder aus Gelbtönen werden heute meist als angenehm empfunden. Eine Abstufung von hell nach dunkel, bei der die Akzentfarbe (z. B. für historistische Schmuckformen/Stuckdekor) der hellste Ton der Reihe ist, wird heute als schön wahrgenommen. Wo Straßenräume durch eine angenehme, aufeinander abgestimmte Farbigkeit geprägt sind, gilt dies gemeinhin als positiv und qualitätvoll. Seite 17 LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG > FASSADE: Gliederung | Material | Farbe > FASSADE: Gliederung | Material | Farbe Abb. 18.1 Giebelfassade mit prägnanter, aber ungleichmäßiger Fenstergliederung Altersklasse 2: Abb. 18. 2 Traufständige Fassade mit charakteristischer, funktionsbedingter Fensteranordnung Mitte des 19. Jahrhunderts war die heutige südliche Innenstadt Viersens noch dörflich (Baujahre 1835 bis 1870) geprägt, entsprechend schlicht erscheinen uns heute die damaligen Bauten. Diese waren in der Regel ein- bis anderthalbgeschossig, traufständig und mit nur wenig Bauschmuck versehen. War Bauschmuck vorhanden, dann meist nur für einzelne Elemente (etwa stuckierte Rahmung der Fenster) und nicht als Verzierung der kompletten Fassade. Die achsweise Gliederung der Fassaden war zumeist nicht regelmäßig angelegt, sondern die Abstände zwischen den einzelnen Fensterachsen variierten je nach Grundriss. Die Fenster hatten in der Regel stehende Formate. Aus dieser Zeit sind in der Südlichen Innenstadt nur wenige Wohnbauten erhalten, die ganz überwiegend Putzfassaden haben; wenige Bauten waren ziegelsichtig oder hatten geschlämmtes Mauerwerk. Seite 18 ZIELE Gliederung: Die historische Gliederung soll trotz und wegen ihrer Unregelmäßigkeiten Vorbild der künftigen Gestaltung sein. Störende Veränderungen wie großformatige neue Fenster mit querrechteckiger Öffnung sollen zurückgebaut werden. Auch eine schlichtere Fassade lebt durch ihre Gliederungselemente wie Fensterumrahmungen und Türeinfassungen, durch Sockel und Gesimse: Diese sollen erhalten bleiben. ZIELE Material: Putz und geschlämmtes Mauerwerk sind prägende Fassadenmaterialien dieser Zeit: Sie sollen bewahrt werden. Wurde durch zusätzlichen Stuck eine neue Qualität geschaffen, sollte dies erhalten bleiben. Klinkerriemchen und dergleichen hingegen wirken heute nicht qualitätvoll und sollten entfernt werden. Das Material soll vermitteln, aus welcher Zeit das Gebäude stammt: „Moderne“ Baustoffe und Oberflächen sollten daher vermieden werden. Abb. 19.1 Traufständige Straßenfassade mit gestalterisch ungünstigen Veränderungen durch nachträgliche unmaßstäbliche Fassadenöffnungen Abb. 19.2 Prägnante und qualitätvolle Putzfassaden, vermutlich nachträglich mit Stuck in ansprechender Weise aufgewertet, an städtebaulich wichtigem Standort QUALITÄTEN VERSTEHEN, BEWAHREN UND VERBESSERN: • ERHALTEN VON HISTORISCHEN GLIEDERUNGSELEMENTEN, WIE BAUDEKOR, SOCKEL, GESIMSE ETC. • ERHALTEN HISTORISCHER KLEINTEILIGER PROPORTIONEN DER FASSADENÖFFNUNGEN • VERWENDEN VON FASSADENMATERIALIEN, DIE DER ORIGINALMATERIALITÄT ENTSPRECHEN, WIE PUTZ ODER ZIEGEL • GEDÄMPFTE FARBIGKEIT OHNE STARKE KONTRASTWIRKUNG • ZIELE SIND DIE EINHEIT DER FASSADE ALS GESTALTERISCHES GANZES UND DAS HAUS ALS QUALITÄTVOLLER STADTBAUSTEIN Seite 19 LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG > FASSADE: Gliederung | Material | Farbe > FASSADE: Gliederung | Material | Farbe Abb. 20.1 Gründerzeitliche Hauszeile mit Stuckdekor, Erkern und angepassten Ladenlokalen Altersklasse 3: Abb. 20.2 Neoklassizistische Wohnhäuser mit gleichmäßiger Fassadengliederung Mit der Industrialisierung entwickelte sich Viersen zur Stadt. In dieser Altersklasse, (Baujahre 1871 bis 1918) die auch als Gründerzeit bezeichnet wird, entstanden in Viersen mehrgeschossige, vielfach reich dekorierte Gebäude, die städtische Blockstrukturen bilden. Diese Architektur wird auch als Historismus bezeichnet, weil Dekor und Gestaltung Vorbilder aus der Architekturgeschichte aufnahmen. Um 1900 wurde der Umgang mit diesen architektonischen Vorbildern freier, Einflüsse wie der sog. Jugendstil ergänzten „fließendere“ Dekorformen und Fassadengliederungen aus unterschiedlichen Putzoberflächen wie Rau- und Glattputzen. Bis zur Jahrhundertwende sind die Gründerzeitbauten meist mit regelmäßigen Fensterachsen (mit gleichbleibendem Abstand) versehen und durch Giebel und Erker, durch Gesimse und Rahmungen gegliedert. Der Bauschmuck verziert meist die gesamte Straßenfassade und bildet ein gestalterisches Gleichgewicht. Um 1900 kommen asymmetrische Gliederungen von Fassade und Baukörper hinzu, die aber ebenfalls ein gestalterisches Gleichgewicht ergeben sollten. Seite 20 ZIELE Gliederung: Die Gründerzeitfassaden bilden gestalterische Einheiten, trotz und gerade wegen ihrer vielteiligen Gliederungen; diese Einheit soll erhalten bleiben. Dies gilt insbesondere für Gliederungselemente wie die Stuckumrandungen von Fenstern, für Brüstungen und Gesimse. Störungen und Verunstaltungen sollen gemindert oder rückgebaut werden. ZIELE Material: Die plastische Verwendung von Putz, teilweise in Kombination mit Sichtmauerwerk, kennzeichnete zusammen mit dem typischen Baudekor die unterschiedlichen Gestaltungen der Gründerzeitarchitektur und soll bewahrt werden. Vielfach bildet Putz das prägende Fassadenmaterial, das durch unterschiedliche Oberflächenbehandlungen wirkte oder durch Färbungen wie Naturstein aussehen sollte; anstelle eines Anstrichs sollte überlegt werden, solchen Putz sichtbar zu lassen. Abb. 21.1 Qualitätsunterschied: Gründerzeithäuser mit und ohne nachträgliche Umgestaltung des Erdgeschosses Abb. 21.2 Verunstaltetes Gründerzeithaus ohne Stuckdekor und Dachaufbau Abb. 21.3 Gut erhaltene, aber zu kontrastreich hervorgehobene Fassadengestaltung QUALITÄTEN VERSTEHEN, BEWAHREN UND VERBESSERN: • ERHALTEN VON HISTORISCHEN GLIEDERUNGSELEMENTEN, WIE BAUDEKOR, SOCKEL, GESIMSE, ERKER ETC. • ERHALTEN HISTORISCHER PROPORTIONEN DER FASSADENÖFFNUNGEN • VERWENDEN VON FASSADENMATERIALIEN, DIE DER ORIGINALMATERIALITÄT ENTSPRECHEN • MATERIALSICHTIGKEIT, BEI ANSTRICH GEDÄMPFTE FARBIGKEIT OHNE STARKE KONTRASTWIRKUNG • ZIELE SIND DIE EINHEIT DER FASSADE ALS GESTALTERISCHES GANZES UND DAS HAUS ALS QUALITÄTVOLLER STADTBAUSTEIN Seite 21 LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG > FASSADE: Gliederung | Material | Farbe > FASSADE: Gliederung | Material | Farbe ZIELE Gliederung: Die Gebäude der Zwischenkriegszeit in Viersen bilden kompaktere Baukörper mit einer eher horizontalen Fassadengestaltung. Das Baudekor ist meist auf flächigere Ziegel- und Putzflächen, Gesimsbänder und Traufen sowie schlichtere Fensterrahmungen reduziert; sie sind umso bedeutsamer für das Fassadenganze und sollen erhalten bleiben. Abb. 22.1 Das evang. Gemeindehaus, geplant 1946, mit repräsentativer Straßenfassade Altersklasse 4-5: der Bauzeit 1920/1930er-Jahre Abb. 23.2 Der gestaffelte Baukörper hat durch die neue Fassadenbekleidung und den Austausch der Fenster seine Wirkung nahezu eingebüßt Abb. 22.1 Postamt an der Freiheitsstraße von 1927 mit monumentaler Fassadengliederung Der Erste Weltkrieg bildete nicht nur poli tisch, sondern auch architektonisch eine (Baujahre 1919 bis 1949) Zäsur, die in den Zwischenkriegsbauten auch in Viersen wahrnehmbar ist. Das Baudekor wird sparsamer und beschränkt sich oft auf Gesimse, die die Traufen und Geschossteilungen betonen. Diese stärkere Betonung der Horizontalen ist oft verbunden durch querrechteckige Fensterformate oder Fensterbänder. Zudem überwiegen nun ziegelsichtige Fassaden, die in einen – zeitgenössisch offenbar beabsichtigten – Kontrast zu den älteren, überwiegend putzsichtigen Gebäuden treten. Die Bautätigkeit ist 1919 bis 1949 in der Südlichen Innenstadt Viersens allerdings deutlich geringer als zur Gründerzeit und auf bestimmte Bereiche konzentriert. Seite 22 Abb. 23.1 Typische Fassadengestaltung ZIELE Material: Die handwerklich hochwertige Ausführung der Fassaden betont das Material: Putzbauten zeigen individuell raue oder geglättete Oberflächen (vermutlich als Steinputze oder Edelkratzputze), Ziegelfassaden sind sauber im Verband gemauert. Zusätzlich kommen hochwertige Werkstein- oder Ziegel-Fensterrahmungen und Gesimse vor. Das Fassadenmaterial soll erhalten und sichtbar bleiben, statt eines Anstrichs sollte eine schonende Reinigung erwogen werden. QUALITÄTEN VERSTEHEN, BEWAHREN UND VERBESSERN: • ERHALTEN VON HISTORISCHEN GLIEDERUNGSELEMENTEN, WIE GESIMSE, GIEBEL, ERKER ETC. • ERHALTEN HISTORISCHER PROPORTIONEN DES BAUKÖRPERS UND DER FASSADENÖFFNUNGEN • VERWENDEN VON FASSADENMATERIALIEN, DIE DER ORIGINALMATERIALITÄT ENTSPRECHEN • MATERIALSICHTIGKEIT, BEI ANSTRICH GEDÄMPFTE FARBIGKEIT OHNE STARKE KONTRASTWIRKUNG • ZIELE SIND DIE EINHEIT DER FASSADE ALS GESTALTERISCHES GANZES UND DAS HAUS ALS QUALITÄTVOLLER STADTBAUSTEIN Seite 23 LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG > FASSADE: Gliederung | Material | Farbe > FASSADE: Gliederung | Material | Farbe Abb. 24.1 Horizontal gegliederter Baukörper Altersklasse 6-7: Abb. 24.2 Lochfassade, durch mehrfarbige Fassadenbekleidung als horizontale Gliederung Die Innenstadt von Viersen hat – vor allem im nördlichen Teil – im Zweiten Weltkrieg (Baujahre 1950 bis 1976) starke Schäden davongetragen. Vormals geschlossene gründerzeitliche Straßenzüge werden in der Folge mehr oder weniger stark mit Bauten der Nachkriegsmoderne durchsetzt – insbesondere der nördliche Teil der Hauptstraße und der westliche Teil der Bahnhofstraße. Einige dieser Gebäude setzen die Traditionen der Vorkriegsarchitektur mit Ziegelfassaden und Werkstein-Fensterrahmungen fort, andere verdeutlichen durch vertikale Fassadenpfeiler oder Raster das zugrunde liegende Betontragwerk. Neben stimmig konzipierten und qualitätvollen Bauten gibt es jedoch gerade in der frühen, durch Wohnungsnot und Baustoffmangel geprägten Wiederaufbauphase auch gestalterisch und baukonstruktiv eher unterdurchschnittliche Gebäude sowie pragmatische Instandsetzungen kriegsbeschädigter Häuser. ZIELE Gliederung: Innerhalb der Architektur des Wiederaufbaus finden sich Beispiele mit horizontaler Gliederung, aber auch Bauten mit sichtbarer Stahlbetonskelettstruktur oder vertikalen Gliederungen. Sie sind meist geprägt durch eine filigrane Detaillierung (etwa bei Vordächern und Erdgeschossbekleidungen); die jeweilige Gliederung und Detaillierung soll bewahrt werden. ZIELE Material: Putz, Ziegel und Werkstein bleiben auch im Wiederaufbau prägende Materialien – sie werden jedoch durch weitere Materialien wie Beton und Keramik zeittypisch ergänzt. Diese sollen auch in ihrer zeitgenössischen Oberfläche erhalten und sichtbar bleiben. Bei schlichten Putzbauten ohne besondere Merkmale kann das Fassadenmaterial erneuert werden. Abb. 25.1 Hochwertige zeitgenössische Rasterfassade mit Metalleinfassung und proportional eingepassten Metallfenstern Abb. 25.2 Putzfassade mit gerahmten, vortretenden Balkonen und mit Werkstein hochwertig bekleidetes Erdgeschoss Abb. 25.3 Eckgebäude mit Ladenlokal und schmalem Vordach, in den Obergeschossen mit verputztem Stahlbetonskelett QUALITÄTEN VERSTEHEN, BEWAHREN UND VERBESSERN: • ERHALTEN VON HISTORISCHEN GLIEDERUNGSELEMENTEN, WIE VORDÄCHERN, SKELETTSTRUKTUREN, FENSTERUMRAHMUNGEN ETC. • ERHALTEN HISTORISCHER PROPORTIONEN DES BAUKÖRPERS UND DER FASSADENÖFFNUNGEN • VERWENDEN VON FASSADENMATERIALIEN, DIE DER ORIGINALMATERIALITÄT ENTSPRECHEN • MATERIALSICHTIGKEIT, BEI ANSTRICH GEDÄMPFTE FARBIGKEIT OHNE STARKE KONTRASTWIRKUNG • ZIELE SIND DAS HAUS ALS QUALITÄTVOLLER STADTBAUSTEIN IN GESTALTERISCH MÖGLICHST HOCHWERTIGER WEISE Seite 24 Seite 25 LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG > FASSADENÖFFNUNGEN: Fenster | Türen > FASSADENÖFFNUNGEN: Fenster | Türen ALLGEMEIN HISTORISCHE FENSTER UND TÜREN – FÜR UND WIDER: Eine historische Tür ist eine Zierde: Für ein Gründerzeithaus ist dies heute breiter Konsens. Bei einem Haus der 1950er-Jahre gehen die Meinungen jedoch noch auseinander. Dichtigkeit und Dämmwirkung sowie Einbruchschutz sind bei historischen Eingangstüren, aber auch bei historischen Fenstern gerne diskutierte Merkmale, die diesbezüglichen Stärken neuer Fenster und Türen werden gerne als Argumente für den Austausch herangeführt. Oft stellt sich die Frage jedoch nicht mehr – weder bei der Haustür noch bei den Fenstern. Wer mit offenen Augen durch seine Stadt geht, wird nur noch auf wenige historische Eingangstüren und auf noch weniger historische Fenster stoßen. Historische Fenster waren bei entsprechender Pflege meist auf eine lange Lebensdauer angelegt und lassen sich gut reparieren. Sie haben gestalterische Qualitäten, die heutige Fenster nicht erreichen, etwa filigrane Sprossen und historische Beschläge. Auch wenn neue Fenster und Türen den historischen Elementen nahekommen: Identisch sind sie nicht, und sie überliefern damit auch nicht die handwerkliche Detaillierung und Qualität des Originals. Jedes Original kann nur einmal zerstört werden. Auch wenn viele Handwerker lieber ein neues Fenster einbauen, als ein altes Fenster zu reparieren: Immer stärker tritt die Bedeutung historischer Fenster und Türen als Kulturgüter ins allgemeine Bewusstsein. Alternative Lösungen wie eine zweite, raumseitige Fensterebene (Kastenfenster) können hier die historischen Fenster erhalten und den Komfort verbessern. Fenster und Türen sollen zunächst belichten und Zugang ermöglichen – ebenso wichtig ist aber auch ihre gestalterische Funktion. Ein Gründerzeithaus mit einer entsprechenden historischen Haustür erscheint uns wesentlich angenehmer und stimmiger als eines mit einem glatten Türblatt. Die Mehrzahl der historischen Gebäude war zudem auf eine bestimmte Gliederung der Fenster hin entworfen; wo die Fensterteilungen und Rahmenstärken ungünstig verändert sind, sinkt die gestalterische Qualität des gesamten Gebäudes. Abb. 26.1 Harmonisch: Kreuzstockfenster mit Sprossen Seite 26 Abb. 26.2 Positiv: Erhaltene gründerzeitliche Eingangstür Mit der Architektur haben sich auch die Fenster und Türen, ihre Gliederungen und ihre Beschlagtechnik geändert. Nebenstehende Skizzen zeigen dies exemplarisch: Das schlichte Kreuzstockfenster mit zwei Öffnungsflügeln und Oberlicht (Altersklasse 2) wird in der Gründerzeit (Altersklasse 3) durch gestalterisch aufwendigere Konstruktionen ergänzt; besonders in den damaligen Bürgerhäusern waren dies hochwertige und potenziell langlebige Holzfenster. Altersklasse 2 (1836 bis 1870) In der Zwischenkriegszeit wandeln sich mit der Fassadengestaltung auch die Fenster, die stärker liegende Gliederungen und Scheibenformate zeigen. Ab der Nachkriegszeit setzen sich verstärkt neue Fenstermaterialien durch, etwa Stahl und Aluminium; Holzfenster haben mitunter nicht mehr die Qualität früherer Jahre. Größere Scheibenformate und asymmetrische Teilungen unterstützen auch dort entsprechende Fassadengliederungen. Altersklasse 3 (1871 bis 1918) Altersklasse 4-5 (1919 bis 1949) Altersklasse 6-7 (1950 bis 1976) Seite 27 LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG > FASSADENÖFFNUNGEN: Fenster | Türen > FASSADENÖFFNUNGEN: Fenster | Türen QUALITÄTEN VERSTEHEN, BEWAHREN UND VERBESSERN: QUALITÄTEN VERSTEHEN, BEWAHREN UND VERBESSERN: • BEI NEUEN FENSTERN: ZWEIFLÜGELIGE FENSTER MIT ODER OHNE OBERLICHT EINBAUEN, FENSTERTEILUNGEN AUF DIE FASSADE ABSTIMMEN • HISTORISCHE FENSTER MÖGLICHST REPARIEREN (MIT KASTENFENSTERN) • BEI NEUEN FENSTERN: FENSTERTEILUNGEN AUF DIE FASSADE ABSTIMMEN – KEINE GROSSFORMATIGEN, UNGETEILTEN FENSTER EINBAUEN • KEINE GROSSFORMATIGEN, UNGETEILTEN FENSTER EINBAUEN Abb. 28.1 Harmonisch: zweiflügeliges Fenster mit Oberlicht Altersklasse 2: (Baujahre 1835 bis 1870) Die eher kleinmaßstäblicheren und bescheideneren Bauten aus der Mitte des 19. Jahrhunderts verfügten ursprünglich über einfach profilierte, meist zweiflügelige Fenster mit oder ohne Oberlicht. Eine Sprossenteilung ermöglichte kleinere und preiswertere Verglasungen. Historische Fenster und Eingangstüren dieser Zeit sind in der Südlichen Innenstadt Viersen vermutlich nicht erhalten. Seite 28 Abb. 28.2 Unschön: ungeteilte, dadurch unmaßstäbliche Fenster • SOFERN MÖGLICH HOLZFENSTER Abb. 28.3 Historische Fenster • ROLLLADENKÄSTEN MÖGLICHST NICHT AUSSEN SICHTBAR EINBAUEN, GGF. FENSTERLÄDEN VORSEHEN (WO URSPRÜNGLICH VORHANDEN) • NEUE EINGANGSTÜREN MIT GESCHLOSSENEM, GLATTEM TÜRBLATT • ZIEL IST DIE GESTALTERISCH HARMONISCHE EINHEIT VON FENSTERN UND TÜREN MIT DEM HAUSGANZEN Abb. 29.1 Harmonisch: aufwendig gegliederte Fenster als Teil der Fassadengestaltung Altersklasse 3: (Baujahre 1871 bis 1918) Die oftmals repräsentativ dekorierten Gründerzeitbauten verfügten über dem jeweiligen Baustil angepasste, oft aufwendig gegliederte Fensterelemente. Die Fenstergliederungen integrierten vielfach größere Scheibenformate, aber auch geschwungene Profile und für den jeweiligen Baustil spezifische Ergänzungen wie Säulenformen an den Fensterstulpen. Die Fenster und Haustüren trugen mit ihrer Gliederung wesentlich zum Gesamtentwurf der Fassaden bei. Abb. 29.2 Unschön: einflügelige, unmaßstäbliche Fenster trotz Oberlicht Abb. 29.3 Historische Fenster mit geschwungenen Kämpfern • SOFERN MÖGLICH HOLZFENSTER • ROLLLADENKÄSTEN MÖGLICHST NICHT AUSSEN SICHTBAR EINBAUEN, HISTORISCHE ROLLLÄDEN MÖGLICHST ERHALTEN • HISTORISCHE EINGANGSTÜREN ERHALTEN; WO KEINE HISTORISCHE EINGANGSTÜR ERHALTEN IST, SOLLTE DIE NEUE TÜR EIN GESCHLOSSENES, GLATTES TÜRBLATT HABEN • ZIEL IST DIE GESTALTERISCH HARMONISCHE EINHEIT VON FENSTERN UND TÜREN MIT DEM HAUSGANZEN Seite 29 LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG > FASSADENÖFFNUNGEN: Fenster | Türen > FASSADENÖFFNUNGEN: Fenster | Türen QUALITÄTEN VERSTEHEN, BEWAHREN UND VERBESSERN: QUALITÄTEN VERSTEHEN, BEWAHREN UND VERBESSERN: • HISTORISCHE FENSTER MÖGLICHST REPARIEREN (MIT KASTENFENSTERN) • HISTORISCHE FENSTER ERHALTEN, SOFERN QUALITÄTVOLL • BEI NEUEN FENSTERN: FENSTERTEILUNGEN AUF DIE FASSADE ABSTIMMEN (ENTSPRECHEND DEM HISTORISCHEN VORBILD), AUF SCHMALE PROFILE ACHTEN • BEI NEUEN FENSTERN: FENSTERTEILUNGEN AUF DIE FASSADE ABSTIMMEN – KEINE GROSSFORMATIGEN, UNGETEILTEN FENSTER EINBAUEN Abb. 30.1 Harmonisch: zweiflügelige Fenster mit Sprossen und liegenden Scheibenformaten Altersklasse 4-5: (Baujahre 1919 bis 1949) Die Fenster der Zwischenkriegs-Architektur waren in Viersen weitgehend Holzfenster, die jedoch eine der geänderten Architektursprache entsprechende Gliederung hatten. Bei Sprossengliederungen waren oft liegende Scheibenformate realisiert, entsprechend waren dann auch die Oberlichter flacher. Fenster und Türen waren zurückhaltender gestaltet, jedoch in der Regel hochwertig gefertigt. Seite 30 Abb. 30.2 Historische Fensterteilungen mit Schiebefenstern Abb. 30.3 Positiv: Erhalt der historischen Eingangstür • SOFERN MÖGLICH HOLZFENSTER • ROLLLADENKÄSTEN NUR NICHT AUSSEN SICHTBAR EINBAUEN, HISTORISCHE ROLLLÄDEN MÖGLICHST ERHALTEN • HISTORISCHE EINGANGSTÜREN ERHALTEN; WO KEINE HISTORISCHE EINGANGSTÜR ERHALTEN IST, SOLLTE DIE NEUE TÜR EIN GESCHLOSSENES, GLATTES TÜRBLATT HABEN • ZIEL IST DIE GESTALTERISCH HARMONISCHE EINHEIT VON FENSTERN UND TÜREN MIT DEM HAUSGANZEN Abb. 31.1 Typische Fassade der 1960er Altersklasse 6-7: (Baujahre 1950 bis 1976) Die Fenster der Nachkriegszeit zeigen eine größere Materialvielfalt und Gestaltungsbreite – ähnlich der Architektur. Asymmetrische Teilungen und neue Öffnungsrichtungen (etwa Dreh- und Wendeflügel) ergaben neue Ansichten, die jeweils auf die Architektur abgestimmt waren. Holzfenster mit traditionelleren Teilungen sind ebenfalls vorhanden – mitunter von unverändert hoher Qualität, mitunter auch in schwächerer Ausführung. Abb. 31.2 Typische Fassade der 1960er Abb. 31.3 Positiv: Erhalt der historischen Eingangstür • ROLLLADENKÄSTEN NUR NICHT AUSSEN SICHTBAR EINBAUEN, HISTORISCHE ROLLLÄDEN MÖGLICHST ERHALTEN • HISTORISCHE EINGANGSTÜREN ERHALTEN; WO KEINE HISTORISCHE EINGANGSTÜR ERHALTEN IST, SOLLTE DIE NEUE TÜR AM HISTORISCHEN VORBILD ORIENTIERT SEIN (MATERIAL UND GLASANTEIL) • ZIEL IST DIE GESTALTERISCH HARMONISCHE EINHEIT VON FENSTERN UND TÜREN MIT DEM HAUSGANZEN Seite 31 LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG > FASSADENÖFFNUNGEN: Fenster | Türen > FASSADENÖFFNUNGEN: Fenster | Türen SÜDSTADT VIESEN NEGATIV Bild Seite 32 SÜDSTADT VIESEN NEGATIV Bild Seite 33 LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG > DÄCHER: Dachform | Dachaufbauten | Dachflächenfenster > DÄCHER: Dachform | Dachaufbauten | Dachflächenfenster ALLGEMEIN Die Gestaltung von Dächern folgt, vereinfacht ausgedrückt, zwei Prinzipien. Zum einen gibt es die deutliche Trennung von Fassade und Dach (etwa durch eine durchgehende Traufe, siehe nebenstehendes Bild), zum anderen die Verzahnung von Fassade und Dach durch Giebel, Dacherker und Gauben. Haben sich vom dörflich geprägten Viersen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem handwerklich und gestalterisch einfache Satteldächer erhalten, die dem erstgenannten Prinzip zuzurechnen sind, so zeigt sich das städtischere Viersen der Gründerzeit auch in handwerklich komplexeren Dachformen. Die Komplexität der Dachlandschaft ist besonders um 1900 hoch, Giebel und Gauben sind bedeutsamer Teil dieser gründerzeitlichen Gebäude und entsprechend dekoriert. Neue Dachziegelformen, die die altbekannte Hohlpfanne ergänzen, schützen durch Falze besser gegen Sturm und Regen und ermöglichten neue Ansichtsqualitäten (etwa durch den flächigeren Doppelmuldenfalzziegel). Durch die komplexeren Dachformen stiegen die Anforderungen an die handwerkliche Detaillierung und Ausführung von Graten und Kehlen, von Ortgängen und Traufen, die auf historischen Aufnahmen oft sehr hochwertig erscheinen. Mit den schlichteren Fassadengliederungen der folgenden Altersklassen werden auch die Dachformen schlichter, bis hin zum quasi unsichtbaren Flachdach vieler Bauten nach dem Zweiten Weltkrieg. Farbigkeit, Gliederung und Detaillierung der Dacheindeckung treten beim geneigten Dach oft hinter die Fassadenwirkung zurück, bilden aber weiterhin ein bedeutsames Element für den Stadtraum. Seite 34 Seite 35 LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG > DÄCHER: Dachform | Dachaufbauten | Dachflächenfenster > DÄCHER: Dachform | Dachaufbauten | Dachflächenfenster QUALITÄTEN VERSTEHEN, BEWAHREN UND VERBESSERN: QUALITÄTEN VERSTEHEN, BEWAHREN UND VERBESSERN: • DACHFLÄCHEN MÖGLICHST OHNE AUFBAUTEN BELASSEN, BEI GENUTZTEM DACH BESSER DACHFLÄCHENFENSTER ALS GAUBEN • DACHLANDSCHAFT MIT HISTORISCHER EINHEIT AUS DACHFLÄCHE, GIEBELN UND GAUBEN ERHALTEN Abb. 36.1 Positiv: geschlossene Dachfläche ohne Gauben, mit schmalem Ortgang am Giebel Altersklasse 2: (Baujahre 1835 bis 1870) Die Bauten aus der Mitte des 19. Jahrhunderts sind zumeist mit einem traufständigen Satteldach versehen. Die einfache Dachform entspricht den eher kompakten Gebäuden ohne umfangreiche Bauzier, sie vermittelt die ländliche Einfachheit dieser Bauten. Die Eindeckung besteht mehrheitlich aus dunklen Pfannen (altfarben oder mattschwarz) mit schmalem Ortgang. Seite 36 • DACHRÄNDER MÖGLICHST SCHMAL AUSFÜHREN: KEINE BREITEN BLECH- ODER ZIEGELORTGÄNGE, EINFACHE TRAUFDETAILAUSFÜHRUNG • ZIEL IST EINE ZURÜCKHALTENDE DACHGESTALTUNG, DIE DER EINFACHEN GEBÄUDEFORM ENTSPRICHT UND DIESE QUALITÄTVOLL ERGÄNZT Abb. 37.1 Historische Dächer mit Gauben und eckständiger Zwerchhausgaube Altersklasse 3: (Baujahre 1871 bis 1918) Die Bauten der Gründerzeit repräsentieren das Werden des städtischen Viersens und zeigen eine prägnante Vielfalt in den Dachformen. Das Satteldach ist die vorherrschende Dachform, selten sind andere Dachformen wie das Mansarddach realisiert. Vor allem um 1900 werden Dach und Fassade mit Giebeln, Zwerchhäusern und Ecktürmchen verschränkt und belebt. Oft liegen Gauben und Giebel über den entsprechenden Fenstern und Erkern der Fassade. Durch die unterschiedlichen Höhen der einzelnen Gebäude ragen vereinzelt hohe Brandgiebel auf, die die städtische Dachlandschaft mit bestimmen. Die Eindeckung besteht mehrheitlich aus dunklen Pfannen (altfarben oder mattschwarz), selten ist Schiefer eingedeckt. • HISTORISCHE BAUZIER WIE GAUBENWANGEN, ERKERTÜRMCHEN UND TRAUFGESIMSE BEWAHREN, SOFERN NOTWENDIG REPARIEREN • DACHDETAILS MÖGLICHST GESTALTERISCH HOCHWERTIG AUSFÜHREN: KEINE BREITEN BLECHKEHLEN, KEINE UNFÖRMIGEN GAUBENEINBLECHUNGEN ETC. • ZIEL IST DIE BEWAHRUNG ODER RÜCKGEWINNUNG DER HISTORISCHEN DACHGESTALTUNG, DIE DIE QUALITÄTEN DER FASSADE ERGÄNZT Seite 37 LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG > DÄCHER: Dachform | Dachaufbauten | Dachflächenfenster > DÄCHER: Dachform | Dachaufbauten | Dachflächenfenster QUALITÄTEN VERSTEHEN, BEWAHREN UND VERBESSERN: QUALITÄTEN VERSTEHEN, BEWAHREN UND VERBESSERN: • DACHLANDSCHAFT MIT HISTORISCHEN GIEBELN UND GAUBEN ERHALTEN; BEI GENUTZTEM DACH NEUE DACHÖFFNUNGEN BESSER ALS DACHFLÄCHENFENSTER, NICHT ALS GAUBEN • DACHLANDSCHAFT EINSCHLIESSLICH DER HISTORISCHEN GAUBEN ERHALTEN; NEUE GAUBEN ENTSPRECHEND DER FASSADENGLIEDERUNG Abb. 38.1 Satteldach mit weit vorkragender Traufe und mittigem Zwerchhausgiebel Altersklasse 4-5: (Baujahre 1919 bis 1949) Die Bauten der Altersklasse 4-5 haben Ziegel- und Putzfassaden mit wenigen, meist horizontalen Gliederungen (etwa Gesimsen). Entsprechend sind die Dächer meist traufständige Satteldächer, die Giebel haben meist einen horizontalen Dachabschluss und sind teilweise mit breiten Gauben verbunden. Wenige Bauten zeigen bereits die seinerzeit in Mode kommenden Flachdächer oder verbergen ihr geneigtes Dach, sodass es von der Straße als Flachdach erscheint. Seite 38 • HISTORISCHE BAUZIER WIE TRAUF- UND GIEBELGESIMSE BEWAHREN, SOFERN NOTWENDIG REPARIEREN • DACHDETAILS MÖGLICHST GESTALTERISCH HOCHWERTIG AUSFÜHREN: KEINE BREITEN BLECHKEHLEN, KEINE UNFÖRMIGEN GAUBENEINBLECHUNGEN ETC. • ZIEL IST DIE BEWAHRUNG ODER RÜCKGEWINNUNG DER HISTORISCHEN DACHGESTALTUNG, DIE DIE QUALITÄTEN DER FASSADE ERGÄNZT 39.1 Typischer schmal auskragender Dachrand der Bauzeit Altersklasse 6-7: (Baujahre 1950 bis 1976) Die Bauten der Nachkriegszeit zeigen sowohl konservativere Bauten, meist mit traufständigen Satteldächern, als auch Bauten der Nachkriegsmoderne mit den charakteristischen flachgeneigten Dächern oder Flachdächern, die nur als schmale Trauf-Ansichtskanten sichtbar sind. Beiden gemeinsam ist, dass das Dach hinter die Wirkung der Fassade in der Regel zurücktritt. • HISTORISCHE DETAILS WIE FILIGRANE TRAUFGESIMSE BEWAHREN, INSBESONDERE BEI FLACHDÄCHERN • DACHDETAILS MÖGLICHST GESTALTERISCH HOCHWERTIG AUSFÜHREN: KEINE BREITEN BLECHTRAUFKANTEN, KEINE UNFÖRMIGEN GAUBENEINBLECHUNGEN ETC. • ZIEL IST DIE BEWAHRUNG DER HISTORISCHEN DACHGESTALTUNG, SOWEIT DIESE IM STADTRAUM SICHTBAR IST Seite 39 HINWEISE FÜR WERBEANLAGEN UND LADENEINBAUTEN AUSSENWERBUNG: Warum eine Werbesatzung? LADENLOKALE: Ladeneinbau und Fassadengestaltung AUSSENWERBUNG: Fassadenwirkung AUSSENWERBUNG: Farbe und Licht AUSSENWERBUNG: Stadtbild Seite 41 LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG > AUSSENWERBUNG: Warum eine Werbesatzung? Positives Beispiel Bildunterschrift Die Innenstädte mit ihrem vielfältigen Einzelhandel sind – auch in Viersen – in ihrer Wirkung maßgeblich durch die Gestaltung der Ladeneinbauten und Schaufenster, aber auch durch die Gestaltung der Außenwerbung geprägt. Hier ist weniger meist mehr: Gestalterisch hochwertige und auf die Architektur abgestimmte Außenwerbung wirkt in der Regel prägnanter als ein Schilderwald, in dem sich die einzelnen Werbeanlagen in Größe und Leuchtwirkung zu überbieten versuchen. Die Beispiele auf der nächsten Seite aus dem dänischen Esbjerg zeigen dies. Gerade in einem Innenstadtbereich mit historischen Bauten kann übermäßige Werbung das Stadtbild so schwächen, dass der Einzelhandelsbereich als unattraktiv wahrgenommen wird. So wirken angemessene Schriftzüge aus Einzelbuchstaben Seite 42 hochwertiger und angenehmer als überdimensionierte Leuchtkastenanlagen mit greller Beschriftung. Auch in Viersen gibt es beim innerstädtischen Einzelhandel viele Bereiche, in der die Attraktivität des Stadtbildes mit einer ansprechenderen und auf die jeweilige Architektur abgestimmten Außenwerbung verbessert werden kann. Das historische Stadtbild Viersens hat hier noch große Potenziale, die durch die heute vorhandene Außenwerbung nicht genutzt werden. Werbesatzungen können hier helfen, einen Handlungsrahmen zu geben und Impulse zu setzen. Neben dem Gewinn für das Stadtbild im Ganzen ist eine weiterer positiver Effekt, dass die Wirkung der einzelnen Werbeanlagen erhöht wird. Das Ziel der Werbesatzungen der Stadt Viersen ist daher, vor allem die Erhaltung und Wiederherstellung der Stadtbildqualität zu fördern und die Wirkung der historischen Fassaden im Stadtraum wieder erlebbar zu machen. Die Werbesatzungen der Stadt Viersen differenzieren ihre Anforderungen nach Bereichen. So wird z. B. zwischen Geschäftsbereichen und Wohnbereichen unterschieden, und die Hauptverkehrsstraßen werden eigenständig behandelt. Für eingetragene Baudenkmale und ihre unmittelbare Umgebung gelten eng gefasstere Vorgaben. Außenwerbung und Warenautomaten wie auch die Ladeneinbauten erfordern dort auch die Abstimmung mit der Unteren Denkmalbehörde und unterliegen den Vorschriften des Denkmalschutzgesetzes. Positives Beispiel Bildunterschrift Positives Beispiel Positives Beispiel Seite 43 LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG > LADENLOKALE: Ladeneinbau und Fassadengestaltung LADENEINBAUTEN UND FASSADENGESTALTUNG Die Gestaltung eines Ladenlokals soll ansprechend auf mögliche Kunden wirken. Schaufenster sollen die Waren präsentieren, aber auch zum Eintreten einladen und das Innere des Geschäfts im Stadtraum in sinnvoller Weise sichtbar machen. Die gute Gestaltung eines Ladenlokals ist daher im weiteren Sinne ebenfalls Werbung, die den Stadtraum maßgeblich mitprägt. In der Vergangenheit haben sich Ladenlokale in ihrer Gestaltung auch in Viersen durch Modernisierungen, durch die Nachrüstung von Markisen und Vordächern und durch neue Gliederungen von der Gestaltung der darüberliegenden Fassaden entfernt. Diese Entkopplung von Erd- und Obergeschossen wird heute als qualitätsmindernd wahrgenommen; qualitätvoll erscheinen uns heute vielmehr die gestalterische Einheit des Gesamtgebäudes und die angemessene Einbindung des Ladenlokals. Seite 44 Das nebenstehende Beispiel aus der Großen Bruchstraße zeigt exemplarisch, wie die Gestaltung des Ladenlokals im Erdgeschoss wieder an die Gestaltung des Gesamtgebäudes herangeführt werden kann. Das Ladenlokal nimmt in seiner neuen Gestaltung (rechtes Bild) wieder die Maßbezüge und Fensterachsen des Gesamtgebäudes auf und wirkt zugleich einladender und ansprechender. Der Verzicht auf das dominante Vordach lässt mehr Licht an das Ladenlokal, dessen Fassade nicht mehr verschattet wird, und ermöglicht Ausleger, die für den Autofahrer wahrnehmbar sind. Die klare Gestaltung des Ladenlokals knüpft an die bauzeitliche Gestaltung an, nimmt aber zugleich die klare Linie aktueller Ladengestaltungen auf. VORHER: Die neuen querliegenden Fensterformate im Obergeschoss und die stark unterschiedlichen Ladeneinbauten im Erdgeschoss lassen die ursprünglichen Qualitäten des Gebäudes nicht zur Geltung kommen. NACHHER: Durch den Rückführung der Fenster auf die ursprünglichen Formate und die gestalterische Vereinheitlichung der beiden Ladenlokale kann das Gebäude wieder seine repräsentative Wirkung entfalten. Seite 45 LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG > AUSSENWERBUNG: Fassadenwirkung AUSSENWERBUNG UND FASSADENWIRKUNG Die Außenwerbung an Geschäftshäusern und von Ladenlokalen kann aus einer Vielzahl von Elementen bestehen: Flachwerbung/Leuchtkästen und Ausleger an der Fassade, Flächenwerbung auf den Schaufenstern, Schaukästen und Warenautomaten sowie separate Werbe- und Plakattafeln. Qualitätvolle Außenwerbung zeichnet sich dadurch aus, dass sie mit der Gestaltung des Ladenlokals einerseits und dem Gesamtgebäude andererseits eine angenehme, ansprechende Einheit bildet. Außenwerbung sollte die Ansicht des jeweiligen Gebäudes nicht dominieren, sondern sich einfügen. Dazu gehört, dass die die Fassade prägenden Elemente wie Erker und Giebel, Fenster und Bauzier nicht durch Außenwerbung verdeckt werden; dazu gehört auch, dass die Werbung nicht grell und marktschreierisch wirkt, sondern angemessen in Farbe und Größe. Für die Außenwerbung formulieren die Werbesatzungen der Stadt VierSeite 46 sen daher Einschränkungen, die im Sinne aller die Stadtbildwirkung der Außenwerbung verbessern und den Einzelhandelsbereich attraktiver machen sollen. Die dort getroffenen Regelungen begrenzen beispielsweise, nach Stadtbereichen differenziert, die zulässigen Flächengrößen für die Außenwerbung und deren erlaubte Anordnung auf der Fassade. Ein Beispiel: In der Zone 1 (Geschäftsbereich) ist die zulässige Ansichtsfläche von flach auf der Fassade angebrachten Werbeanlagen je laufender Meter an Straßenfrontlänge auf maximal 0,5 m2 begrenzt (siehe Werbeanlagensatzung Viersen vom 17.10.2013, §12). Hintergrund dieser detaillierten Richtlinien ist es, einheitliche Vorgaben für alle Ladenlokalinhaber zu treffen und diese transparent und nachvollziehbar zu machen. Jeder Bürger soll präzise feststellen können, was gestattet ist und was sanktioniert wird. Andere, ebenfalls mit den Werbesatzungen verknüpfte Zielsetzungen können dort nicht so detailliert festgeschrieben werden, da sie der Bewertung im Einzelfall unterliegen. Dies betrifft insbesondere die Fassadenwirkung mit Außenwerbung. Die allgemeine Anforderung der Werbeanlagensatzung, dass sich die Werbeanlagen in Gestaltung und Maßstäblichkeit in das Fassadenbild wie in das Ortsbild einzufügen hätten, braucht daher die bewusste Wahrnehmung der jeweiligen architektonischen Voraussetzungen und die Auseinandersetzung mit den Potenzialen, die das jeweilige Gebäude bietet. So eröffnen selbst im Sinne der Werbesatzungen gestaltete Außenwerbungen mitunter noch Chancen für qualitative Verbesserungen, wie das nebenstehende Beispiel zeigt – hier in der stärkeren Sichtbarmachung der charakterischen Keramikbekleidung (neben einer bestandsgerechteren Fensterteilung). VORHER: Die Gestaltung des Ladeneinbaus im Erdgeschoss und die bauzeitliche Gestaltung der Obergeschosse bilden keine gestalterische Einheit, das ausladende Vordach wirkt als Trennung. NACHHER: Das trennende Vordach ist entfallen; die Gliederung der Obergeschosse wurde für den Ladeneinbau im Erdgeschoss übernommen, dessen Außenputz sich in Gliederung und Farbe am gründerzeitlichen Vorbild orientiert. Seite 47 LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG > AUSSENWERBUNG: Farbe und Licht FERNWIRKUNG – NAHWIRKUNG: FARBE UND LICHT IN DER AUSSENWERBUNG Farbe und Licht sind wesentliche Merkmale von Außenwerbung, die die Vorgaben zu Größe und Anordnung auf der Fassade (siehe vorhergehende Doppelseite) sinnvollerweise und notwendigerweise ergänzen. Hier steht der berechtigte Wunsch des Ladeninhabers, durch seine Außenwerbung wahrgenommen zu werden, in einem besonderen Spannungsfeld mit dem Stadtbild: Wo grelle, überdimensionierte und vielfarbige Außenwerbung im Übermaß vorhanden ist, ist das einzelne Ladenlokal nicht besser, sondern schlechter wahrzunehmen. Die Werbesatzungen der Stadt Viersen legen daher fest, dass für Außenwerbung keine grellen, fluoreszierenden und reflektierenden Farben verwendet werden dürfen – mit der Möglichkeit eng gefasster Ausnahmen (siehe Werbeanlagensatzung Viersen vom 17.10.2013, § 5). Seite 48 Der gleiche Grundgedanke, eine zurückhaltendere und stadtbildverträgliche Außenwerbung zu erhalten, liegt auch den Bestimmungen zur Beleuchtung von Außenwerbung zugrunde: Sie soll blendfrei sein und darf keine Lauf-, Wechsel- und Blinkschaltungen haben, zudem soll bei angestrahlten und selbstleuchtenden Werbeanlagen nur weißliches oder gelbliches Leuchtmittel verwendet werden (siehe Werbeanlagensatzung Viersen vom 17.10.2013, § 6). VORHER: Die kraftvolle Architektur dieses Gebäudes wird durch den Verzicht auf die historische Fenstergliederung und das Verdecken der originalen Baukeramik mit Werbeschildern gemindert. NACHHER: Das Gesamterscheinungsbild des Gebäudes kann durch eine bauzeitlich typische Fenstergliederung und durch eine Sichtbarmachung der originalen Baukeramik zusätzlich gestärkt werden. Seite 49 LEITLINIEN ZUR ERHALTUNG UND GESTALTUNG > AUSSENWERBUNG: Stadtbild GUTE BEISPIELE – CHARMANTE DETAILS Viersen ist ein gewachsener Einzelhandelsstandort mit vielen inhabergeführten Geschäften. Erhaltene historische Ladeneinbauten aus Gründerzeit und Wiederaufbau vermitteln bis heute die damaligen Gestaltungsqualitäten, auf die die Viersener Bürger zu Recht stolz waren – wie viele Postkarten jener Jahre vermitteln. Mit der Fortsetzung dieser Traditionen und auf der Basis der Werbesatzungen kann der Einzelhandelsstandort Viersen auch gegen überörtliche Konkurrenz bestehen, wenn er entsprechend gestärkt wird. Bürgerschaftliches Engagement und Impulse der Stadt Viersen wie das Haus und Hof-Programm bilden hierfür eine wichtige Basis. Wie stark Stadtbildqualität und die Vitalität des Einzelhandelsstandorts miteinander verbunden sind, zeigt die Seite 50 Fülle erfolgreicher Werbesatzungen in Städten wie Trier, Heidelberg und Aachen – nicht ohne Grund Städte mit einem hochwertigen Stadtbild und touristischem Pozential. Das Stadtbild von Viersen soll zwar nicht Touristen anlocken, sondern den Viersener Bürger zum Einkaufsbummel einladen: Dennoch bilden hierfür erhaltene historische Ladeneinbauten und bereits vorhandene, stadtbildverträgliche Außenwerbung eine gute Basis (siehe nebenstehende Beispiele), um mit den bestehenden Werbesatzungen und den ergänzenden Vorschlägen dieser Broschüre die Stadtbildqualität weiter zu heben. Nebenstehend drei Beispiele für jeweils zeittypische Ladeneinbauten und Werbezüge, wie sie in der Südstadt Viersen zu finden sind. Ihr Erhalt wäre wünschenswert. Seite 51 EMPFEHLUNGEN ZUR ENERGETISCHEN ERTÜCHTIGUNG ENERGETISCHE SANIERUNG: Allgemeine Grundsätze NACHTRÄGLICHE DÄMMUNG: Außenwände NACHTRÄGLICHE DÄMMUNG: Keller NACHTRÄGLICHE DÄMMUNG: Dächer ENERGETISCHE SANIERUNG: Fenster ENERGETISCHE SANIERUNG: Dämmung und Stadtbild Seite 53 EMPFEHLUNGEN ENERGETISCHE SANIERUNG EMPFEHLUNGEN ENERGETISCHE SANIERUNG > ENERGETISCHE SANIERUNG: Allgemeine Grundsätze Eine energetische Ertüchtigung erfordert zu Beginn stets eine Analyse der baulichen Gegebenheiten, d. h. die Aufnahme der vorhandenen Konstruktionen und Eigenschaften von Außenwänden, Fenstern und Außentüren, Dach und oberer Geschossdecke sowie Kellerdecke bzw. Bodenplatte. Hierzu gehören Kenntnisse sowohl über die vorhandenen Wandaufbauten und Materialien als auch die vom Umbau betroffenen Anschlussdetails. Für eine erfolgreiche energetische Ertüchtigung ist weniger das Maß zusätzlicher Dämmstoffstärken entscheidend, sondern vor allem ein Gesamtkonzept, das die thermischen Eigenschaften des Gebäudes als Ganzes verbessert. Die ausschließliche Betrachtung einzelner Bauteile kann zu Bauschäden führen, z. B. wenn eine zusätzliche Fassadendämmung ohne Überlegungen zur Dichtigkeit von Fenstern und zur Raumlüftung erfolgt. Die Frage, ob eine energetische Ertüchtigung sinnvoll ist, sollte auch Seite 54 vor dem Hintergrund einer Kosten-Nutzen-Betrachtung ermittelt werden. Das bedeutet beispielsweise: Bei einem Haus in der Zeile sollte der bauliche und finanzielle Aufwand für die Dämmung der Rück- und/oder Vorderseite mit den tatsächlichen Einsparungen verglichen werden. Zur Gesamtbetrachtung einer geplanten energetischen Ertüchtigung gehört auch die Definition der künftigen Nutzungsrandbedingungen: Wie werden die Räume künftig genutzt und welche Temperierung ist beabsichtigt? Zur Gesamtbetrachtung gehören zudem Überlegungen zur bisherigen und künftigen Wärmeversorgung. Ein besser gedämmtes Haus benötigt nur eine kleinere Heizanlage und ermöglicht Niedertemperaturheizsysteme wie z. B. Fußboden- oder Wandheizungssysteme. Bei der Konzeption der energetischen Ertüchtigung sollte die Dimensionierung der Heizanlage unter Berücksichtigung der künftigen Gebäudehülle und ihrer Dämmwerte erfolgen; nur durch eine nicht zu groß dimensionierte Heizanlage kann das Energieeinsparpotenzial gut ausgeschöpft werden. Im Sinne des Stadtbildes sollte eine energetische Ertüchtigung der Straßenfassade bei den Gründerzeitgebäuden, aber auch bei qualitätvollen Häusern des Wiederaufbaus nicht zu einer gestalterischen Beeinträchtigung führen. Bei der Sanierung von Wohn- und Nichtwohngebäuden ist der Nachweis gemäß Energieeinsparverordnung (EnEV) erforderlich, wenn die Veränderung der Gebäudehülle ein bestimmtes Maß überschreitet. Abweichungen von den Vorgaben der EnEV sind (auf Antrag) bei Baudenkmalen oder sonstiger besonders erhaltenswerter Bausubstanz möglich, wenn die Erfüllung der Anforderungen die Substanz oder das Erscheinungsbild beeinträchtigen würde oder andere Maßnahmen zu einem unverhältnismäßig hohen Aufwand führen würden. ANSPRECHPARTNER FÜR DIE ENERGETISCHE ERTÜCHTIGUNG VON BESTANDSBAUTEN (AUSWAHL): Planung und Ausführung einer energetischen Ertüchtigung erfordern eine fachkundige Beratung und Begleitung. Wer als Hauseigentümer nicht selbst vom Fach ist, sollte eine externe Beratung hinzuziehen; nur so ist der dauerhafte Erfolg der energetischen Ertüchtigung gewährleistet. Beratungsangebote im Programm der energetischen Stadtsanierung: Von 2015 bis 2017 wird die Stadt Viersen in Kooperation mit der NEW für die Stadterneuerungsgebiete „Südstadt Viersen“ und „Historischer Stadtkern Dülken“ eine kostenlose energetische Beratung anbieten. Die Kontaktdaten entnehmen Sie bitte dem beigefügten Informationsblatt. Energieberatung der Verbraucherzentralen: Die unabhängigen Energieberater der Verbraucherzentrale helfen bei allen Fragen zum Energieverbrauch. Für einkommensschwache Haushalte mit entsprechendem Nachweis sind die Beratungsangebote kostenfrei. Information unter: www.verbraucherzentrale-energieberatung.de Förderung der Energieberatung durch den Bund: Der Bund fördert Energiesparberatungen in Wohngebäuden vor Ort. Ansprechpartner ist das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA). Die Energieberater beraten auch bei der energetischen Sanierung von Baudenkmalen und sonstiger besonders erhaltenswerter Bausubstanz (siehe § 24 EneV 2014) im Hinblick auf entsprechende KfW-Programme. Informationen unter: www.bmwi.de, www.energieberater-denkmal.de oder www.energie-effizienz-experten.de 5 4 2 6 3 HEIZUNG 1 Abb. 55.1: Mittlere Energieverluste bei unsanierten Nachkriegsbauten in Prozent (Datengrundlage: Institut für Wohnen und Umwelt IWU) 7 = sonstige Energieverluste 6 % 6 = keine Kellerdämmung 6 % 5 = keine Dachdämmung 6 % 4 = Fensterlüftung 17 % 3 = einfache Isolierverglasung 17 % 2 = ungedämmte Außenwand 19 % 1 = veraltete Heizkessel 29 % Seite 55 EMPFEHLUNGEN ENERGETISCHE SANIERUNG EMPFEHLUNGEN ENERGETISCHE SANIERUNG > NACHTRÄGLICHE DÄMMUNG: Außenwände > NACHTRÄGLICHE DÄMMUNG: Außenwände Die energetische Ertüchtigung von mögliche Salzbelastung der Wände, konzipiert und ausgeführt werden. Außenwänden erfolgt vorrangig, da Salze hygroskopisch wirken, d. h. Hierbei ist den Wärmebrücken aber nicht ausschließlich durch eine Wasser binden. besondere Beachtung zu schenken, nachträgliche Dämmung. Bei der Maßnahmen zur Horizontal- und wobei es geometrische Wärmebrü- Auswahl des geeigneten Dämmsys- Vertikalabdichtung wurden bereits cken (etwa bei den Außenecken von tems und bei der Erstellung des in der Gründerzeit durchgeführt, sie Erkern) gibt, die quasi konstruktions- Außendämmung: Bei der nachträglichen Außendämmung wird vorrangig zwischen Wärmedämmverbundsystemen (WDVS) und der hinterlüfteten, gedämmten Vorhangfassade unterschieden. Kerndämmung: Eine nachträgliche Kerndämmung eignet sich lediglich für zweischaliges Mauerwerk und erfolgt durch das Einblasen von Granulaten oder Dammschäumen Innendämmung: Eine nachträgliche Innendämmung erfolgt durch Innendämmsysteme, erfordert aber u. a. eine besonders sorgfältige Detailplanung der Anschlüsse und Details. zugehörigen Dämmkonzepts sind sind dennoch nicht flächendeckend bedingt sind. verschiedene Randbedingungen vorhanden oder funktionsfähig. Wo Prinzipiell gibt es für die nachträg- zu beachten. Dazu gehört die im keine wirksame Horizontalsperre liche Wärmedämmung von Außen- Rahmen der Bestandsaufnahme vorhanden ist, besteht eine sichere wänden drei verschiedene Dämm- ermittelte Konstruktion der Außen- und gut kontrollierbare Methode da- konzepte: die Außendämmung, die wand, auch baurechtliche Fragen rin, in einer tief liegenden Lagerfuge Kerndämmung und die Innendäm- wie Grenzabstände und Nachbar- des Mauerwerks abschnittsweise mit mung (siehe nebenstehende Gra- recht sowie Fragen des Brand- und einer Mauersäge einen Spalt einzu- fiken). Die beiden gebräuchlichen Schallschutzes spielen eine Rolle. sägen, in den eine Folie eingelegt Dämmweisen bei der Gebäudemo- Besonders sorgsam sind die wird, die ggf. mit der Abdichtung dernisierung sind die Außendäm- Abb. 57.1 Beispiel Außendämmung Abb. 57.2 Beispiel Kerndämmung Abb. 57.3 Beispiel Innendämmung bauphysikalischen Rahmenbedin- der Bodenplatte verklebt werden mung und die Innendämmung. gungen zu beachten, die für die kann. Darüber hinaus gibt es auch Der entscheidende Unterschied im jeweilige zu dämmende Außenwand chemische Horizontalsperren, deren Hinblick auf historische Gebäude zutreffen. Wesentlich ist hier der Wirksamkeit jedoch teilweise umstrit- besteht darin, dass bei einer Außen- Feuchteschutz, insbesondere der ten ist. Hier gilt es, die entsprechen- dämmung das äußere Erscheinungs- Schutz gegen aufsteigende Feuch- den Hinweise der Hersteller (etwa bild zum Teil erheblich verändert te im Mauerwerk. Durchfeuchtete bei salzbelastetem Mauerwerk) zu wird. Wände besitzen u. a. schlechtere beachten und unabhängige fachkun- Vor dem Hintergrund, das Stadtbild Wärmedämmeigenschaften. Aller- dige Beratung einzuholen. zu stärken, sollte auf eine straßensei- dings gilt es bei feuchtem Mauer- Grundsätzlich müssen bei der Pla- tige Außendämmung bei Gebäuden werk, die entsprechenden Ursachen nung und Ausführung von nachträg- mit einer qualitätvollen Fassadenge- durch einen Fachmann ermitteln zu lichen Wärmedämmmaßnahmen die staltung nach Möglichkeit verzichtet lassen – etwa im Hinblick auf eine Anschlussdetails mit großer Sorgfalt werden. Seite 56 Aussendämmung Kerndämmung Innendämmung Seite 57 EMPFEHLUNGEN ENERGETISCHE SANIERUNG EMPFEHLUNGEN ENERGETISCHE SANIERUNG > NACHTRÄGLICHE DÄMMUNG: Keller > NACHTRÄGLICHE DÄMMUNG: Dächer Die Wärmeverluste über einen wenig gedämmten Keller sind in der Regel geringer als über eine wenig gedämmte Fassade. Im Rahmen eines das Gesamtgebäude umfassenden Konzepts kann aber auch die energetische Ertüchtigung des Kellers sinnvoll sein. Hierbei sollte im Vorfeld geklärt werden, ob der Keller aktuelle Probleme (etwa mit aufsteigender oder eindringender Feuchte) hat und welche Anforderungen künftig an den Keller gestellt werden sollen. Bei unbeheizten Kellerräumen kann es sinnvoll sein, die Kellerdecke zur Vermeidung von Wärmeverlusten und Fußkälte im Erdgeschoss nachträglich zu dämmen. Eine oberseitige Dämmung der Kellerdecke wird nur bei einer Erdgeschosssanierung und bei ausreichenden Raumhöhen möglich sein und ist mit einem entsprechenden Gesamtaufwand verbunden. Auch bei einer unterseitigen Kellerdeckendämmung ist die Raumhöhe zu beachten. Die Beschaffenheit des Deckenuntergrundes muss eine Dämmungsmontage oder einen Dämmputz ermöglichen. Sind Rohrleitungen oder Leitungsbündel direkt Die energetische Ertüchtigung von Flachdächern und geneigten Dächern ist wie die Montage einer Innen- oder Außendämmung in Planung und Durchführung in der Regel eine Aufgabe für den Fachbetrieb. Seite 58 unter der Decke befestigt, so ist auf eine durchgängige Dämmstärke zu achten; können die Leitungen nicht verlegt werden, sollten diese verkleidet (Verkofferung) und die Hohlräume mit geeignetem Dämmmaterial ausgestopft werden. Der Brandschutz ist ebenfalls zu beachten, insbesondere bei Fluchtwegen; als Dämmmaterial empfehlen sich bei brandgefährdeten Kellerräumen beispielsweise Mineralwolle bzw. mineralische Dämmplatten. In dichter bebauten, innerstädtischen Bereichen sind nachträgliche Außenabdichtungen und Außendämmungen von Kellern meist mit einem erhöhten Aufwand verbunden, etwa wenn die Straßenfassaden an öffentliche Wegeflächen grenzen. Auch hier gilt es, eine entsprechende Kosten-Nutzen-Betrachtung durchzuführen. Die nachträgliche Dämmung und Abdichtung ist eine aus dem Gesamtkonzept zu entwickelnde Maßnahme, die bei Feuchteproblemen einer umfassenden Ursachenforschung bedarf und daher ebenfalls mit fachlicher Beratung konzipiert werden muss. Abb. 58.1 Beispiel Dämmung Kelleraußenwände Abb. 58.2 Beispiel Dämmung Preußische Kappendecke Keller Abb. 58.3 Beispiel nachträgliche mechanische Horizontalsperre Bei einem Flachdach kann eine energetische Ertüchtigung im Rahmen einer Sanierung der Dachhaut sinnvoll sein. Hierbei sind die Anschlusshöhen an die umlaufende Attika und die Führung der Dachentwässerung zu beachten. Bei einem geneigten Dach kann die energetische Ertüchtigung sowohl in der Ebene der Dachfläche als auch in der Ebene der obersten Geschossdecke erfolgen. Bei einer nachträglichen Dämmung in der Ebene der Dachfläche ist dies zwischen den Sparren, unter den Sparren oder über den Sparren möglich; Kombinationen dieser Dämmweisen sind ebenfalls machbar. Wichtig ist hier wie bei der energetischen Ertüchtigung der Außenwände eine tragfähige konstruktive Grundlage, d. h. ein funktionsfähiger Dachstuhl, der die zusätzlichen Las- ten der Dämmung tragen kann bzw. entsprechend verstärkt wird. Wichtig ist ebenfalls ein bauphysikalisch einwandfreier Aufbau mit Dampfbremse und Unterspannbahn, bei der u. a. eine Durchfeuchtung der Dämmung verhindert wird. Insbesondere bei einer Kombination mit einer nachträglichen Fassadendämmung ist auch der Anschluss zwischen Dachdämmung und Fassadendämmung zu planen und sorgfältig auszuführen. Bei einer Aufsparrendämmung ist zu beachten, dass sich die baurechtlichen Abstandsflächen des Gebäudes durch eine Erhöhung von First, Traufe und Ortgang ebenfalls erhöhen können. Eine Dämmung der obersten Geschossdecke kann alternativ sinnvoll sein, wenn der Dachraum nicht zu Wohnzwecken genutzt wird. Wie bei der nachträglichen Dämmung der Dachebene kommen Aufdecken-, Zwischendecken- und Unterdeckendämmungen vor, auch ihre Kombinationen. Hier entscheiden die baukonstruktiven und räumlichen Gegebenheiten, was im Einzelfall sinnvoll und möglich sein kann. Abb. 59.1 Beispiel oberseitige Dämmung Geschossdecke gegen Dachraum Abb. 59.2 Beispiel Dämmung Dachstuhl von innen Abb. 59.3 Beispiel Dämmung Dachstuhl von außen Seite 59 EMPFEHLUNGEN ENERGETISCHE SANIERUNG EMPFEHLUNGEN ENERGETISCHE SANIERUNG ENERGETISCHE SANIERUNG: Fenster ENERGETISCHE SANIERUNG: Dämmung und Stadtbild Die energetische Ertüchtigung einer Gebäudehülle sollte stets auch die planerische Berücksichtigung der vorhandenen Fenster und Türen beinhalten. Ältere Fenster können zum Teil erhebliche Wärmeverluste verursachen und zeigen bauartbedingte Undichtigkeiten. Neue Fenster gelten im Vergleich als energetisch günstiger, sie sind oft praktischer und pflegeleichter. Innerhalb des bauphysikalischen Gefüges der Außenwand ist die Erhöhung der Dichtigkeit jedoch sorgfältig abzuwägen und zu planen, damit es nicht zu Bauschäden kommt. Die Einsparung von Energie bildet heute die Grundlage für die Überlegungen zur energetischen Ertüchtigung. Kulturelle Werte werden hierbei berücksichtigt; sie stehen jedoch, als Ausnahmen und Befreiungen, gegenüber dem Ressourcenund Klimaschmutz anscheinend in zweiter Reihe. Historische Fenster zeigen, wie heutige Fenster, qualitative Unterschiede und können hochwertig sein. Historische Fenster und Türen mit ihren Teilungen, Oberflächen und Details prägen zudem erheblich das äußere Erscheinungsbild eines Gebäudes. Bei der energetischen Ertüchtigung einer Gebäudehülle sollte daher bei einem historischen Gebäude mit historischen Fenstern überlegt werden, ob die historischen Fenster nicht erhalten und ertüchtigt werden können. Eine Möglichkeit hierfür ist die Seite 60 Montage einer zweiten, innenseitigen Fensterebene als Kastenfenster. Die neue, innenseitige Fensterebene wird dann als moderne Zweischeibenverglasung realisiert; der entstehende Zwischenraum stellt einen gewissen Puffer dar, wobei darauf geachtet werden muss, dass eventueller Tauwasseranfall verdunsten kann. Ist der Einbau neuer Fenster geboten, weil eine Ertüchtigung der historischen Fenster nicht möglich ist oder diese nicht erhalten sind, so sollte neben der Beachtung der bauphysikalischen Rahmenbedingungen auch eine angemessene, auf die historische Fensterteilung und Fassadengliederung abgestimmte Gestaltung angestrebt werden (siehe die entsprechenden Abschnitte im vorderen Teil der Broschüre). Die Berücksichtigung einer bestandsgerechten Fenstergliederung trägt nicht zuletzt zum Wert des Gebäudes bei, der sich bei Bestandsgebäuden auch an einer ansprechenden und qualitätvollen Gestaltung bemisst. Eine sorgfältige und fachgerechte Ausführung sollte generell angestrebt werden. Bei einer bewußten Planung und Durchführung einer energetischen Ertüchtigung kann dieser oft empfundene Konflikt jedoch vermieden werden. Die Notwendigkeit, mit Energie sparsam umzugehen, war in der Vergangenheit meist nicht weniger, sondern aufgrund der schlechteren Verfügbarkeit etwa von Heizenergie eher stärker verbreitet. Allerdings entschieden sich unsere Vorfahren mitunter für andere Strategien als wir heute: so wurde die Innentemperatur in den Wohnungen stärker nach Nutzungen und nach Nutzungszeiten differenziert. Zu einer bewusst geplanten und durchgeführten energetischen Abb. 61.3 Eine nachträgliche Wärmedämmung der Fassaden führt zum Verlust der historischen Fassadenansichten und beeinträchtigt erheblich das Stadtbild Abb. 60.1 Historisches Fenster mit dahinterliegender 2. Fensterebene Abb. 60.2 Das Prinzip Kastenfenster XX XX Ertüchtigung gehört daher auch die Große welche Bruchstraße/ Abwägung, Maßnahmen Ecke Freiheitsstraße welche Vor- und Nachteile haben. nahher Die Wirkung auf das Stadtbild sollte hierbei mitbedacht sein, etwa wenn eine Stuckfassade der Gründerzeit unter einem dicken Dämmmantel verschwindet oder die schlanken Detaillierungen eines Wiederaufbau-Wohnhauses durch eine Außendämmung dick und klobig werden. Eine Patentlösung für alle möglichen Fälle gibt es hierbei nicht. Dennoch sollte beispielsweise berücksichtigt sein, welchen Anteil eine (Außen-) Dämmung der Straßenfassaden an einer möglichen Gesamtmaßnahme hat und ob es nicht Kompensationsmöglichkeiten gibt, um zu einem vergleichbaren Gesamtergebnis zu kommen. Wo eine Außendämmung verträglich oder unumgänglich ist, sollte zudem bedacht werden, dass diese wie jedes Fassadenmaterial gestaltet werden kann und werden soll. Dies kann mit farblichen Mitteln erfolgen, aber auch und gerade mit dem Material selbst, das als Plattenmaterial ebenso Gestaltungsansätze bietet wie eine Putz- oder Ziegelfassade. Seite 61 ABBILDUNGSNACHWEIS Richard Caelers: Titelbild, S. 11, 16.1, S. 32, S. 33. S. 35 Stadtarchiv Viersen: Abb. 4.1, 6.1, 6.2, 6.3, 7.1, 8. 1, 8.2, 9.1, 9.2, 12.1, 12.2, 13.1, 13.2, 18.1, 18.2, 20.1, 20.2, 22.1, 22.2, 24.1, 24.2, 28.3, 29.3, 30.2, 31.1, 31.2, 37.1 Inthermo GmbH: 57.1 Knauf Insulation GmbH: 57.2 Claytec: 57.3 Puren GmbH: 58.1 Hessisches Ministerium für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz: 58.2 Franz Baumann KG, Rosenheim: 59.1 Deutsche Rockwool: 59.2 Bauer Digital KG: 59.3 Franz Pfluegel (www.immonet.at): 60.2 Max von Trott zu Solz, Eisenach: 61.1 Alle übrigen Bilder: Strauss & Fischer Historische Bauwerke GbR, Krefeld Seite 62 Seite 63 Stadt Viersen – Der Bürgermeister FB 60 Stadtentwicklung Viersen 2015