gerade auch jene Menschen, deren Lebens- un

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Grundlagen und Konzepte der Sozialtherapie/sozialagogischen Therapie
und Bildungsunterschiede eine Rolle spielen. Eine besondere Aufgabe ist es dabei,
„gerade auch jene Menschen, deren Lebens- und Entwicklungsalter auseinander klaffen, ihrem Lebensalter gemäß als Erwachsene anzusprechen. Dieses Bemühen schafft
ein heilsames Gemeinschaftsklima, das dem einzelnen seine Würde verleiht und läßt“
(Denger 1993, 143).
Anthroposophische Sozialtherapie als sozialagogische Therapie wirkt als eine
„heilende Agogik“ (Küttner) bzw. „heilende Sozialagogik“, in dem sie aktivierende
und interaktionale Hilfen anbietet, damit der Mensch mit geistiger Behinderung sein
eigenes Ich weiterentwickeln kann, unter Zuhilfenahme der durch die Sozietät bereitgestellten sozialen Entwicklungsräume, mit dem Ziel, die existenzielle Bedeutung des
eigenen Ichs zu erfahren und seine Lebenswelt als sinnerfüllt zu erleben, was eine heilende Wirkung auf ihn haben kann.
5.2.2
Zum Begriff der „inszenierten Gemeinschaft“
Sozialwissenschaftler wie Ulrich Beck gehen davon aus, dass sich unsere moderne Gesellschaft durch einen Verlust an traditionellen Beziehungen, Bindungen und natürlichen Gemeinschaften charakterisieren lässt. Zu dieser Ansicht kommt Beck (1986,
216), weil er festgestellt hat, „daß die Biographie der Menschen aus vorgegebenen Fixierungen herausgelöst, offen, entscheidungsabhängig und als Aufgabe in das Handeln
jedes einzelnen gelegt wird“. Der Mensch verbleibt nicht mehr in seinen bisherigen
traditionellen sozialen Beziehungen und Bindungen. Er sucht anstelle dessen neue Gemeinschaftsformen, für die an ihn gestellten Anforderungen in verschiedenen Lebenssituationen. Mit diesem so genannten „Individualisierungsschub“ (Beck) ist für Puch
zweierlei verbunden: „Einerseits eröffnet der gesellschaftliche Wandel eine Vielzahl
von Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten; andererseits wird der Zwang zur
Entscheidung in die Verantwortung des Individuums gelegt. Dies geht nicht bruchlos
vonstatten“ (1991, 12). Mit dieser Gesellschaftsanalyse lenkt Beck das Interesse der
Sozialarbeit/Sozialpädagogik erneut auf das Phänomen der Gemeinschaft. Das ist
z. B. für die Sozialpädagogik nichts Neues, meint Böllert: „Die Auseinandersetzung
mit dem Gemeinschaftsbegriff und die Bedeutung der sozialpädagogischen Bezugnahme auf die Entwicklungsprozesse von Gemeinschaften haben innerhalb der Sozialpädagogik eine lange Tradition“ (Böllert 2001, 644).
In dieses neue Interesse an Gemeinschaftsfragen ist auch die Theorie der „inszenierten Gemeinschaft“ einzuordnen. Sie weist darauf hin, dass es immer mehr Menschen gibt, die die Auflösung „naturwüchsiger Gemeinschaften“ (Gängler 2000)
nicht verkraften können, wozu auch die Menschen mit geistiger Behinderung gehören. Sie verlassen aufgrund eines inneren und sozialen Drucks die Familie, ihre
natürliche Gemeinschaft, um sich, wie alle Anderen auch, in freie soziale Entscheidungsfelder zu begeben. Dabei haben sie jedoch, zum Teil auch wegen ihrer geistigen
Behinderung, kognitiv-kommunikative Schwierigkeiten, um sich problemlos verschiedenen Gemeinschaften zur Lösung ihrer Lebensprobleme anzuschließen.
Konzeptbeispiel: Lebens- und Arbeitsgemeinschaft
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„Neue Stabilität und Sicherheit scheint da oftmals nur durch den Rückzug in die Geborgenheit einer überschaubaren Gemeinschaft möglich, die auch dort noch Hilfe
und Unterstützung verspricht, wo Familie längst an ihre Grenzen gestoßen ist“
(Gängler 2000, 12). Mit dieser neuen Sicht des Vergesellschaftungsprozesses der Moderne erscheinen „therapeutische Gemeinschaften“ als Lösungsmodelle für Menschen in schwierigen Lebensvollzügen. „Therapeutische Gemeinschaften sind Lebensräume, (. . .) in denen Patienten, Pflegekräfte, Sozialarbeiter, Psychologen und
Ärzte in einem neuen Beziehungsverhältnis leben, das versucht, anderen und sich
selbst Hilfestellungen zu einer sinnvollen Lebensgestaltung zu geben“, definiert Junker (1980, 305). Zu den Bestimmungsmerkmalen therapeutischer Gemeinschaften
zählen für Puch (1988, 200) nicht nur die Konstitutionsfaktoren Klient, Helfer und
soziales Umfeld, „sondern auch auf der Ebene der Wirklichkeitsdefinition die Wahrnehmung und Konstruktion der eigenen beruflichen Realität“ des Helfers. Weiterhin
zeichnen sich therapeutische Gemeinschaften dadurch aus, dass sie eine „sinnvolle Lebensgestaltung“ z. B. für Menschen mit geistiger Behinderung sind, wie beispielhaft
von der „Camphill-Bewegung“ unter Beweis gestellt wird. Sie sind nicht nur „Behandlungsparadigma“ in Form einer sozialen Rehabilitation, sondern auch ein „sozialer Ort des Lebens“, der Sicherheit, Vertrauen und Heimat geben kann, im Sinne
eines sinnstiftenden Paradigmas. So betrachtet, sind diese sozialtherapeutischen Gemeinschaften „künstliche oder inszenierte Gemeinschaften, die dem einzelnen soziale
Unterstützung bei der Bewältigung der vielfältigen sozialen Probleme des Alltags gewähren“ (Puch 1990, 41).
Zusammenfassend lässt sich jetzt definieren: Als Antwort auf den gesellschaftlichen
Wandel, der eine Freisetzung und Individualisierung des Menschen aus seinen sozialen
Lebensbezügen mit sich gebracht hat, sind verschiedenste Gruppen und Gemeinschaften entstanden, „die für unterschiedliche Lebens- und Problemlagen Unterstützungsund Hilfeleistungen anbieten. Diese neuen Gruppenangebote werden als inszenierte
Gemeinschaften bezeichnet“ (Puch 1991, 12), als Gruppierungen, „die durch äußere
organisatorische Maßnahmen entstehen, also in gewisser Weise geplant und gesteuert
sind“ (Gängler 2000, 204).
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