Das Journal Nr. 02 // November und Dezember 2011, Januar 2012 Die Staatstheater Stuttgart // November und Dezember 2011, Januar 2012 // Nr. 02 Das Journal 1. • Vorwort Vorwort Sehr geehrte Leserinnen und Leser, liebes Opern-, Ballett- und Schauspielpublikum! Blutige Nasen in den Staatstheatern Stuttgart? Nein, unser Titelfoto dokumentiert zum Glück nicht einen bedauerlichen Bühnenunfall, sondern die hervorragende Arbeit unserer Kostüm- und Maskenabteilung. In unseren zahlreichen Werkstätten hinter den Kulissen leisten viele Menschen Tag für Tag einen ganz wesentlichen Beitrag zu unseren Musik-, Tanz- und Sprechtheaterproduktionen. Unsere Reportage über „Die Theater-Ermöglicher: ein Portrait“ ab Seite 5 dieses Journals berichtet von fünf jungen Menschen, die sich in unseren Werkstätten ausbilden lassen. Wir hoffen, damit Ihre Neugierde auf Theater – getreu unseres bereits im Vorwort der ersten Ausgabe formulierten Wunsches – auch in dieser Ausgabe des „Journals“ wieder aufs Neue zu wecken. Wir freuen uns auf Sie! Die Staatstheater Stuttgart Inhalt Das Journal Nov. Dez. 2011 / Jan. 2012 v.l. Klaus Kächele, Johannes Petz, Urs Winter, Ulrich Wand, Peter Schaufelberger vom Staatsopernchor Stuttgart (Foto: Christian Wiehle) 01. • Ausbildungsberufe an den Staatstheatern // Seite 5 Die Theater-Ermöglicher: ein Portrait 02. • Ortstermin Leonhardsviertel // Seite 8 Ein Ausflug ins Stuttgarter Rotlichtviertel mit dem Regisseur Christian Weise 03. • Schwanensee // Seite 10 Femme fatale in Federm: Über schwarze und weiße Schwäne 04. • Catherine Naglestad // Seite 12 »Ich will dem Publikum nicht zeigen, was es denken soll«. Ein Portrait 05. • 40 Jahre John Cranko Schule // Seite 14 Interview mit Ballettschuldirektor Tadeusz Matacz 06. • Cary Gayler // Seite 16 »Spiel- und Denkräume entwerfen«. Ein Portrait der Bühnenbildnerin 07. • Fausts Verdammnis // Seite 18 Masse und Macht. Wie ein Chor zum Solisten wird 08. • Die Nachtwandlerin // Seite 19 Vincenzo Bellinis Oper: Zwischen Wildnis und Zivilisation 09. • Kompanie des Jahres // Seite 20 Das Stuttgarter Ballett gewann die Kritikerumfrage der Fachzeitschrift TANZ 10. • Kristo Šagor // Seite 22 Während der Proben zu »In weiter Ferne«: Sarah Israel befragte den Regisseur 11. • Jan Neumann // Seite 23 Auszüge der Laudatio zur Verleihung des Förderpreises für Komische Literatur Foto: Martin Siegmund 12. • Die Junge Oper // Seite 24 Lange Nasen, lächelnde Türen: Barbara Tacchini im Gespräch Plus • 10 Fragen an … // Seite 26 Raphael Agurkis, Leiter der Botenmeisterei 01. • Ausbildungsberufe an den Staatstheatern Foto: Maik Glemser 1. • Vorwort 01. Anika Roll, Modisterei Die Theater-Ermöglicher: ein Portrait Von Kopf bis Fuß, von Bühnenbild bis Beleuchtung – an den Staatstheatern Stuttgart wird nichts dem Zufall überlassen: der Nachwuchs aus Modisterei und Maske, aus Schuhmacherei und Schreinerei wird dabei in den theatereigenen Werkstätten ausgebildet. Foto: Martin Sigmund Sie stehen nicht im Rampenlicht, doch ohne sie hörte das Herz des Theaters auf zu schlagen. Ohne sie blieben all die Ideen von Künstlern nur Ideengespinste. Als Handwerker und Techniker aller Couleur sind sie Teil einer wundersamen Illusionsmaschine, deren feinmechanische Justierung ebenso kompliziert wie faszinierend ist. Manches von dem, was sie können, lässt sich heute nur noch am Theater erlernen und im Theaterbetrieb verwirklichen, denn draußen in der globalisierten Welt hieße es: „zu zeitaufwändig, zu teuer“. Vieles von dem, was sie können müssen, ist Teil der rasanten technischen Entwicklung. Doch so vielfältig wie am Theater werden all diese Techniken sonst kaum irgendwo eingesetzt. Nicht zuletzt geht es hier nicht einfach nur um Handwerk und Technik, hier geht es immer mit allem Know how auf das Spielfeld der angewandten Kunst. Hier trifft täglich Handwerk auf Hightech. Wer aber „nur“ nach einem Brotberuf Ausschau hält, ist hier sicher fehl am Platz. Denn ohne Idealismus im Gepäck geht am Theater nichts. Und weil das so ist, bilden die Werkstätten am Staats4 Das Journal Nov. Dez. 2011 / Jan. 2012 theater Stuttgart ihre Mitarbeiter am liebsten selbst aus. Die Erfahrung hat es gezeigt: die, die auf welchem Weg auch immer hierher finden, das sind die Richtigen. Annette Eckerle hat sich bei einigen von ihnen umgehört und umgesehen. Die Modisterei Mit Phantasie und heißer Nadel Gerade stichelt Anika Roll an einer Kopfbedeckung in Form eines Segelschiffs. So hätte der Kopfputz der Damen am Hof zu Versailles aussehen können, als Ludwig XIV., der Sonnenkönig, zu rauschenden Bällen bat. Zu fertigen ist das historisch anmutende Stück von Anika Roll für die Uraufführung des Balletts „Das Fräulein von S.“ (Choreografie: Christian Spuck) im Februar 2012. Dafür hat sich Anika Roll, betreut von ihrer Ausbilderin Katrin Männer, durch historisches Bildmaterial gearbeitet, hat sich Gedanken gemacht, welche Stoffe dafür passend sein könnten, ästhetisch wie praktisch. Wenn man so will, ist für Anika Roll mit der Ausbildung zur Modistin ein Traum wahr geworden, von dem sie vor einigen Jahren noch nicht einmal wusste, dass sie ihn einmal träumen würde. 2009 machte sie Abitur. Bis dahin dachte sie „Modedesign, das wäre es wohl“. Wer sich dafür einschreiben will, muss ein halbjähriges Praktikum vorweisen. Anika Roll landete deshalb in den Staatstheatern, drei Monate lang. Sie schnupperte bei den Kostümbildnerinnen rein, war bei Einkäufen und Anproben dabei, landete schließlich bei den Modistinnen und entdeckte dort, dass sie „lieber mit den Händen arbeiten“ mochte, als am PC Mode zu entwerfen. Jetzt, im zweiten Lehrjahr, weiß sie schon, dass Kopfbedeckungen für Tänzer so leicht wie irgend möglich sein müssen, auch weil die schönen Objekte an den Köpfen wie auch immer, auf jeden Fall aber unverrückbar und bis zum Äußersten festzuzurren sind. Sie weiß, dass Kopfbedeckungen für Sänger immer so gefertigt sein müssen, dass diese nicht mit einem Mal im schalltoten Raum stehen. Was sie auch gelernt hat: Ruhige Zeiten sind selten. In der Modisterei wird für alle drei Sparten am Haus gearbeitet. Und so kann es schon sein, dass flugs mal für eine Schauspiel-Neuproduktion 40 Hüte zu fertigen sind, für eine Ballettpremiere schon vorgearbeitet wird und zur gleichen Zeit eine große Opernpremiere ins Haus steht. Die logistischen Fäden für diesen dauernden Mehrkampf hält Eike Schnatmann in Händen. Bevor sie 2006 an die Staatstheater Stuttgart kam, hat sie als Meisterin zehn Jahre lang einen Hutsalon in Hamburg geführt. Sie brennt für ihren Beruf, immer noch, eigentlich immer mehr und findet es deshalb schade, dass so wenige Anfragen für eine Ausbildung bei ihr landen: „Das hier ist so eine interessante Stelle. In der freien Wirtschaft kann vieles von dem, was wir hier machen aus ökonomischen Gründen nicht geboten werden.“ Anika Roll weiß diese Vielfalt zu schätzen, zu der auch die enge Zusammenarbeit mit den Kollegen in der Kostümabteilung und in der Maske zählt. 5 Sina Müllner, Maske Maske ein Stirnband drum herum zu winden, den Kopfstrumpf drüber zu ziehen und dann die Perücke überzustülpen. Dafür und fürs Schminken darf sie 20 bis 30 Minuten Zeit brauchen, nicht mehr. Und irgendwann wird sie sich auch an der ganz hohen Schule der Frisurentechnik probieren, an der streng geschwungenen Eleganz der klassischen russischen Ballettfrisuren. Der andere Teil der Arbeit für Sina Müllner und ihre Kollegen besteht aus dem Formen von Gesichtsplastiken, plastischen Gesichtsteilen, der Gestaltung von Wunden oder Narben. Es kann schon sein, dass sich Sina Müllner irgendwann noch beim Film als Maskenbildnerin versucht, aber erst mal ist sie vom Theatervirus infiziert: „Hier zu arbeiten, ist schon etwas Besonderes“, ist ihr Resümee auf der Zielgeraden ihrer Ausbildung. Mit viel Gefühl für Wellen und Farben Gerade knüpft Sina Müllner an einem Perückenrohling. Irgendwann, wenn sie mit einem kleinen feinen Häkchen tausende Haare in ein engmaschiges Netz hineingeknüpft haben wird, nach etwa 40 Stunden Geduldsarbeit, dann wird sie das Stück in Händen haben, mit dem sie in wenigen Monaten in der Abschlussprüfung ihr Können unter Beweis stellen muss. Dann heißt es nach bestimmten stilistischen Vorgaben schneiden und frisieren. Im Friseursalon an der Ecke, das wäre es für Sina Müllner nicht gewesen. Als sie die Ausbildung zur Friseurin machte, wusste sie schon: „Daraus muss mehr werden, als waschen, schneiden, fönen.“ Fantasievolle Steckfrisuren und aparte Schminktechniken hatten es Sina Müllner angetan. Ans Theater dachte sie dabei erst mal nicht. Deshalb ist sie nach ihrer Gesellenausbildung in der Europäischen Medien- und Eventakademie gelandet, in der einjährigen Berufsfachschule für Maskenbildner. Das Praktikum absolvierte sie an den Staatstheatern Stuttgart. So sollte sie unversehens mitten in einem Betrieb landen, in dem für schicke Wellen zwar nicht mehr die gute alte Brennschere zum Einsatz kommt, in dem aber mit flotten Fingern und unbedingt starken Nerven des Abends gefönt, gezwirbelt, gesteckt, gesprayt und onduliert wird was das Zeug hält. Und trotzdem es hier also heiß hergehen kann, ist Sina Müllner ins kalte, ja eiskalte Wasser gesprungen. Heute sagt sie: „Ich hatte Glück. Es ist ja nicht ganz leicht, hier hereinzukommen. Aber ich war am richtigen Ort zur richtigen Zeit, als eine Auszubildende abgesprungen ist.“ Und der Leiter der Maske, Jörg Müller hatte wohl den richtigen Riecher. Jedenfalls hat Sina Müllner ihren ersten Abenddienst am zweiten Tag ihrer Ausbildung gemeistert. Mittlerweile ist es schon Routine für Sina Müllner, die Haare einer Tänzerin, einer Sängerin flott zu vielen kleinen Schneckchen aufzudrehen, 6 Schuhmacherei Leder, ein ganz besonderer Stoff Wer heutzutage das Schuhmacher-Handwerk erlernen möchte, hat es nicht leicht. Aller Orten sprießen die Läden aus dem Boden, in denen in Null-Komma-Nix schief getretene Absätze erneuert werden. Doch seitdem der Meisterbrief nicht mehr die Voraussetzung ist, um eine Schuhmacherei zu führen, gibt es eben auch immer weniger Ausbildungsplätze. Davon kann Karla Schwabe mehr als nur ein Lied singen. Als sie ihr GrafikDesignstudium aufgab, um Schuhmacherin zu werden, weil ihr die Computerarbeit zu öde, zu wenig handfest war, musste sie eine kleine Odyssee hinter sich bringen. Sie suchte „in ganz Deutschland, der Schweiz und Italien“. Dann der glückliche Zufall. Eine Freundin, die in der Schneiderei an den Staatstheatern Stuttgart arbeitete, gab ihr den Tipp, dass am Haus eine Ausbildungsstelle ausgeschrieben sei, die einzige wohlgemerkt und also heiß begehrt. Karla Schwabe hatte nicht nur Glück, sondern auch genügend handwerkliches Geschick, das sie in einem kleinen Praktikum unter Beweis stellte, denn „mit zwei linken Händen“, so die Meisterin Verena Bähr, „können wir hier niemanden gebrauchen“. Am Anfang der Ausbildung stand für die Lederliebhaberin Karla Schwabe dann das Reparieren, denn, so die Meisterin: „Dabei lernt man am besten die verschiedenen Materialien kennen und die Auswirkungen darauf, je nach Gangart eines Menschen“. Danach erst ging es weiter zum nächsten Ausbildungskapitel, zum so genannten Bodenbau. Über die Hohe Schule, will heißen, die Herstellung von Schaft und Leisten erklärt Frau Bähr weiter: „Um den ganzen Schuh vom Maßnehmen über den Leisten- und Schaftbau, den Bodenbau bis hin zur Auslieferung arbeiten zu können, reicht die Ausbildungszeit leider nicht aus. Auch wenn wir alle Arbeitsschritte in den drei Jahren anreißen, braucht der Leisten- und Schaftbau viel Übung und praktische Erfahrung, dieser Teil lässt sich erst in den anschließenden Gesellenjahren richtig vertiefen.“ Karla Schwabe wird aber auch Dinge lernen, die es so im täglichen Leben nicht gibt, beispielsweise den Bau eines Ballettstiefels mit weicher Sohle oder die Materialauswahl für schwierige Bodenverhältnisse. Wenn viel Theaterblut fließt, viel Theaternebel den Boden feucht werden lässt, dann müssen auch zierliche Damenschuhe rutschfest sein. Kurz und gut. Karla Schwabe hat es am Theater mit einer Materialvielfalt zu tun, wie sonst nirgends. Foto: Maik Glemser Foto: Maik Glemser Karla Schwabe, Schuhmacherei Foto: Matthias Dreher 01. Foto: Matthias Dreher 01. Corinna Körner, Schreinerei Alexander Kotelnikov und Sindy Meyer, Veranstaltungstechnik Schreinerei Veranstaltungstechnik Holz, geschlitzt und nicht geklebt Für Corinna Körner war schon vor dem Abitur klar: sie würde Schreinerin werden, im Theater, nicht in der freien Wirtschaft. Corinna Körner wollte nicht lernen, wie man Möbel zusammen klebt, sie wollte nicht lernen, wie man etwa die 100. Tür oder die 50. Küche baut, sie wollte den Möbelbau nach der klassischen Methode lernen, möglichst vielfältig. Am Theater, das wusste sie aus ihrer Erfahrung in diversen Praktika, die sie schon während der Schulzeit machte, am Theater würde das möglich sein. Denn, so bringt es ihr Ausbilder Boris Oswald auf den Punkt: „Jedes Bühnenbild ist ein Unikat. Vom Bühnenbildner bekommen wir hier eine technische Zeichnung. Auf welchem Weg wir das dann umsetzen bleibt uns und unserer Kreativität überlassen.“ Genau das mag Corinna Körner auch, dieses Tüfteln an technischen Lösungen, alleine, zusammen mit den Kollegen. Dafür hat sie im ersten Jahr, das mit nur einem Betriebstag pro Woche nahezu ausschließlich an der Schule stattfindet, traditionelle Holzverbindungen aller Arten herzustellen geübt. Das kommt ihr auch zugute, wenn alte Bühnenbilder aufgearbeitet werden müssen, an denen es nach langer Lagerzeit an allen Ecken und Enden krümelt und bröselt. Ansonsten begreift sich Corinna Körner als Handwerkerin, die mit ihrem Lieblingswerkstoff Holz in den Händen die Ideen von Bühnenbildnern Wirklichkeit werden lässt. Und sie schätzt es sehr, dass sie hier in der Werkstatt noch Techniken wie das Drechseln lernen kann. Andernorts, vor allem in kleinen Betrieben, ist das schon längst Schnee von Vorgestern. Einziger Wermutstropfen für sie: Die Aussicht auf Übernahme stehen derzeit eher schlecht. Vielleicht macht sie es aber auch früheren Azubis nach, die Architekt, Holztechniker oder auch Mediendesigner geworden sind. Das Journal Nov. Dez. 2011 / Jan. 2012 Damit niemand im Dunkeln steht Früher, das heißt noch zu Beginn der 1990er Jahre, waren Veranstaltungstechniker irgendwie freakige Typen, meist mit selbst gestrickter Ausbildung. Gegen Ende der 1990er Jahre, als die technische Welt immer schneller, immer komplizierter wurde, hatte es auch an den Theatern ein Ende mit den selbst gebastelten Technikerkarrieren. 1998 wurde der Veranstaltungstechniker zum Ausbildungsberuf im dualen System gemacht. „Die Theater,“ sagt Michael Haarer, haben damals „sofort die Chance ergriffen, selbst auszubilden, ganz auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten“. Haarer ist Absolvent eines Ingenieursstudiengangs für Theater- und Veranstaltungstechnik an der Berliner Technischen Fachschule und seit 13 Jahren Ausbilder an den Staatstheatern Stuttgart. Wie sein idealer Azubi aussieht? Jedenfalls nicht wie einer, der nur kreative Flausen im Kopf hat. Am liebsten ist es Haarer, wenn Auszubildende eigeninitiativ bei ihm landen, so wie Alexander Kotelnikov, der als Kind eines Schauspielerehepaars erst vom Theatervirus infiziert war und schon als Schüler seine Leidenschaft für Medientechnik entwickelt hat. Nach der Mittleren Reife hat Alexander Kotelnikov diverse Praktika absolviert, „mit dem Ziel, Mediengestalter zu werden“. Diesen Umweg brauchte es für Kotelnikov, um zu verstehen, dass er die Sache doch lieber von der etwas handfesteren Seite angehen wollte. Bevor er in die Ausbildung am Schauspiel der Staatstheater Stuttgart einstieg, hat er in Sachen Veranstaltungstechnik ein paar kleinere Aufträge ausgeführt, bei Musicals und Theatervorstellungen. Und so wurde aus dem Hobby der Beruf. Jetzt, im dritten Ausbildungsjahr, hat er den Parcours durch die Werkstätten, die Bühnentechnik, die Maschinerie hinter sich und natürlich seine Kernthemen Licht, Video und Ton. Flausen? Nirgendwo. Alexander Kotelnikov ist sich im Klaren: „Im Grunde sind wir in erster Linie Elektrotechniker“, aber eben am Theater. Und das ist es, was Kotelnikov will. Für ihn interessant ist die Schnittstelle zwischen Kunst und Technik. Genau dort will er arbeiten, sich mit Stücken auseinander setzen, technische Lösungen finden für die Ideen von Regisseur und Bühnenbildner. So was hört Michael Haarer gerne und schwärmt von Azubis – von denen im Übrigen „recht viele Frauen sind“ – , die mit viel Einfühlungsvermögen für künstlerische Abläufe auf tontechnischem Gebiet Choreografen begeistert haben. Alexander Kotelnikov, dessen Herz an der Technik wie am Schauspiel hängt, träumt indes davon, sich auf das Licht zu spezialisieren, das für ihn dann ideal ist, wenn es „wie ein gutes Make up nicht zu sehen ist“. Der wichtigste Satz für ihn: „Geht nicht, gibt’s nicht.“ Annette Eckerle Die verschiedenen Ausbildungsberufe an den Staatstheatern Stuttgart: Bühnenmaler/in, Bühnenplastiker/in, Fachkraft für Veranstaltungstechnik, Kauffrau/Kaufmann für Bürokommunikation, Maskenbildner/in, Maßschneider/in Fachrichtung Herrenschneider, Mediengestalter/in Bild und Ton, Modist/in, Schreiner/in, Schuhmacher/in und Textilreiniger/in. Kontakt: [email protected] 7 02. 02. • 02. Ortstermin Leonhardsviertel oben/unten Christian Weise und der Dramaturg Christian Holtzhauer in Vorbereitung auf die Inszenierung „Maß für Maß“ einige Wochen im Stuttgarter Rotlichtviertel rund um die Leonhardstraße unterwegs und haben mit Menschen gesprochen, die im „ältesten Gewerbe der Welt“ ihr Geld verdienen – oder es zu kontrollieren und bekämpfen versuchen. Christian Holtzhauer: Christian, bist Du oft im Leonhardsviertel unterwegs? Foto: Sonja Rothweiler Was geschieht wirklich hinter den Fenstern mit den roten Leuchtstoffröhren? Ein Ausflug ins Stuttgarter Rotlichtviertel mit dem Regisseur Christian Weise 8 Bereits zum sechsten Mal arbeitet der Berliner Regisseur Christian Weise nun schon am Schauspiel Stuttgart. Seinen Einstand gab er 2006 mit Soeren Voimas moderner Don-Quixote-Bearbeitung „Herr Ritter von der traurigen Gestalt“. Nach der Uraufführung von „Eos“ brachte er in den folgenden Jahren mit den „Nibelungen“ und „Der Meister und Margarita“ zwei Stoffe der Weltliteratur auf die Bühne. In der vergangenen Spielzeit rief er in unserer Interimsspielstätte in der Türlenstraße die Haus-Show „Viva la Mittwoch!“ ins Leben, die sich von der ersten Ausgabe an als Publikumsrenner erwies. Dasselbe trifft auf seine Inszenierung von „Was ihr wollt“, Shakespeares wohl schönster Liebeskomödie, zu, die noch bis Ende des Jahres in der Box zu sehen ist. Derzeit befindet sich der Regisseur in den Proben zu Shakespeares Komödie „Maß für Maß“. Viele Schauspieler aus Weises letzten Inszenierungen sind wieder mit von der Partie. Anders als in „Was ihr wollt“, wo – ganz in der Tradition Shakespeares – alle Rollen von Männern gespielt wurden, stehen diesmal jedoch Darsteller beiderlei Geschlechts auf der Bühne. Dennoch werden auch in „Maß für Maß“ humorvolle Funken aus der Verwirrung der Geschlechter geschlagen, spielt doch niemand anderes als Martin Leutgeb die Rolle der Madame Oberweite, einer Bordellbetreiberin (um nicht zu sagen: Puffmutter), deren Geschäft ernsthaft in Gefahr gerät. In „Maß für Maß“ geht es um Politik, Macht – und Sex. Auch heutzutage keine ganz ungefährliche Mischung. Vincentio, Herzog von Wien, gibt sein Amt vorübergehend ab. Angelo, sein Stellvertreter, soll alte, längst vergessene Gesetze wieder zur Anwendung bringen, um der allzu ausschweifenden Sexualität in der vermeintlichen Hauptstadt des Lasters Herr zu werden. Außerehelicher Geschlechtsverkehr wird von nun an mit dem Tode bestraft, die Bordelle werden abgerissen. Keine angenehme Situation für ein Gewerbe, das von sexuellen Dienstleistungen lebt. Prostitution verbieten? Geht das überhaupt? Um herauszufinden, was heutzutage wirklich hinter den Fenstern mit den roten Leuchtstoffröhren geschieht, waren der junge Autor Paul Brodowsky, der das Stück für das Schauspiel Stuttgart neu übersetzt und bearbeitet hat, der Regisseur Das Journal Nov. Dez. 2011 / Jan. 2012 Christian Weise: Ja, und zwar meistens abends, wenn dort Hochbetrieb herrscht, aber aus anderen Gründen als viele der Herren, die dort ihren Verrichtungen nachgehen. Ich bin ja fast immer nur zum Arbeiten in Stuttgart, und während der Probenphasen hält man sich den ganzen Tag im Theater auf. Aber nach der Probe, oft erst gegen elf Uhr abends, gehen wir häufig noch zusammen essen. Beispielsweise in die „Weinstube Fröhlich“ in der Leonhardstraße. Wenn man dort vor oder nach dem Essen vor der Tür steht, hat man die ganze Straße im Blick und kann dem lustigen Treiben ganz gemütlich zuschauen. Das kleine Stuttgarter Rotlichtviertel ist eine eigene, streng abgegrenzte Welt, von der wir uns bei den Proben zu „Maß für Maß“ inspirieren lassen. Schräg gegenüber von der „Weinstube Fröhlich“ hat ein netter Mensch einen roten Klappstuhl an die Wand geschraubt, damit die Damen sich nicht die Beine in den Bauch stehen müssen. Dieser Klappstuhl wird auch in unserem Bühnenbild auftauchen. Christian Holtzhauer: Nun gehörte Prostitution zu Lebzeiten Shakespeares angeblich zum Theaterbesuch dazu. Im dritten Rang des Globe-Theaters soll es Logen mit Vorhängen gegeben haben, die man zuziehen konnte, wenn man während der Aufführung andere Formen der Ablenkung suchte. Dass Sex mit dem Tod bestraft wird, war aber schon im 17. Jahrhundert eher ungewöhnlich. Hat also das Bild, das Shakespeare in seinem Stück vom Rotlichtmilieu entwirft, noch irgendetwas mit unserer Zeit zu tun? Paul Brodowsky: Die Todesstrafe erscheint einer liberalen Gesellschaft natürlich übertrieben, aber es gibt auch heute durchaus Menschen, die aus gutem Grund finden, dass Prostitution verboten gehört – um die Frauen zu schützen. Jedoch glaubt keiner unserer Gesprächspartner, mit denen wir in den letzten Wochen über die Stuttgarter Rotlichtszene gesprochen haben, daran, dass sich solch ein Verbot wirklich durchsetzen ließe. Das hat Shakespeare ganz genauso gesehen. In „Maß für Maß“ gibt es einen Zuhälter, der sinngemäß sagt, dass sich das älteste Gewerbe der Welt nicht verbieten lasse, so lange es Menschen zweierlei Geschlechts gibt, und dass die neuen Gesetze lediglich die Preise in die Höhe treiben würden. Das ist streng marktwirtschaftlich und damit ziemlich modern gedacht. Christian Weise: Wobei modern gedacht noch nicht unbedingt modern geschrieben bedeutet. Wie so oft bildet Shakespeare auch in „Maß für Maß“ eine ganze Gesellschaft ab, in der „die da oben“ Gesetze erlassen, unter deren Folgen „die da unten“ – in diesem Falle also das Rotlichtmilieu – leiden. Die Konflikte auf der Ebene der Herrschenden, also politische Intrigen, Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe, erscheinen nahezu zeitlos, auch wenn bestimmte Motive – ein Herzog der sich als Mönch verkleidet, eine junge Nonne, die in die Fänge der Macht gerät – eher an Mantel-und-Degen-Filme erinnern. Da kommt das Stück zwar wie ein Märchen daher, aber das lässt sich auch heute noch erzählen, denn schließlich lesen wir Märchen ja auch immer noch. Die Szenen aber, die im Rotlichtmilieu spielen, sind bei Shakespeare als Gesellschaftssatire gemeint. Sie sollen witzig sein, sind es jedoch nicht mehr. Deshalb war es mir wichtig, dass das Stück neu übersetzt wird und wir uns für die Szenen, die im „Milieu“ spielen, auch im echten Stuttgarter Rotlichtviertel umsehen. Christian Holtzhauer: Allerdings waren nicht alle dieser Gespräche wirklich lustig. Wir haben uns mit Sozialarbeiterinnen getroffen und mit Politikern, mit Bordellbetreibern und mit ehemaligen Zuhältern, mit der Polizei und natürlich auch mit Frauen, die selbst anschaffen gehen oder gingen. Da waren viele skurrile Anekdoten dabei, etwa von Frauen, die ihre Freier als ihre Liebhaber ausgaben, wenn die Polizei vorbeikam. Trotzdem schien selbst über den komischen Geschichten eine gewisse Traurigkeit zu liegen. Paul Brodowsky: Das stimmt. Die Zeiten scheinen härter geworden zu sein. Viele ehemalige Aktive trauern den „goldenen Jahren“ hinterher, als es im Rotlichtmilieu vor allem darum ging, eine gute Zeit zu haben. Sex spielte damals angeblich gar keine so große Rolle. Heute dagegen ist Prostitution ein knallhartes Geschäft, bei dem es vor allem um schnelle Triebabfuhr geht – und um Geld. Die Ökonomie steht im Vordergrund, nicht das Lebensgefühl. Obwohl Prostitution vor ein paar Jahren legalisiert wurde, ist es offenbar immer noch kein Geschäft wie jedes andere – das merkt man der Argumentation der Bordellbetreiber an. Sie kommen dann fast ein bisschen wie die Heilsarmee daher und legitimieren den Fakt, dass sie an Frauen verdienen, die sexuelle Dienstleistungen verkaufen, damit, dass sie den Frauen wenigstens angenehme Arbeitsbedingungen bieten würden. In einem anderen Fall geht es um ein Bordell, das es eigentlich gar nicht geben dürfte. Doch obwohl jeder sieht, was in diesem Haus vorgeht, gelingt es dem Besitzer immer wieder, mit Hilfe spitzfindiger Ausreden die drohende Schließung abzuwenden. Hierin liegt dann doch viel komisches Potential. Christian Weise: Wie die Leute sich rausreden, das ist interessant für uns. Denn trotz des im Stück verhängten Verbots, weiterhin Bordelle zu betreiben, geschieht natürlich genau das. Schließlich müssen die Puffmutter und ihr Zuhälter ja auch von irgendetwas leben, und ihre Kunden und Geschäftspartner wollen auch nicht auf ihren Spaß verzichten. Not macht erfinderisch. Immerhin steht das Milieu zu seinem Gewerbe – anders als der Herzog, der sich aus der Verantwortung stiehlt, oder des Herzogs Stellvertreter. Denn kaum ist der im Amt, und kaum läuft ihm eine junge Frau über den Weg, die er begehrt, benutzt er seine neu gewonnene Macht dazu, sie ins Bett zu kriegen. Auch das soll heute ja immer mal wieder vorkommen und ist natürlich auch ziemlich schrecklich – zugleich aber auch Stoff für eine große Komödie. Und die wollen wir gern erzählen. Maß für Maß von William Shakespeare in einer Neuübertragung von Paul Brodowsky Regie: Christian Weise, Raum: Jo Schramm, Kostüme: Andy Besuch, Musik: Jens Dohle, Dramaturgie: Christian Holtzhauer Mit: Sebastián Arranz, Johannes Benecke, Toni Jessen, Martin Leutgeb, Lotte Ohm, Elmar Roloff, Lukas Rüppel, Michael Stiller, Holger Stockhaus, Catherine Stoyan sowie Jens Dohle, Falk Effenberger und Steffen Illner Uraufführung der Neuübertragung am 26. November 2011, 19.30h, Arena (Türlenstraße 2) Vorstellungen nur bis 31. Dezember 2011 9 03. • Schwanensee 03. Femme fatale in Federn Über schwarze und weiße Schwäne und John Crankos unschuldig schuldigen Prinzen Alicia Amatriain, Erste Solistin des Stuttgarter Balletts, als schwarzer und weißer Schwan, fotografisch interpretiert von Sébastien Galtier. Die Hollywood-Schauspielerin Natalie Portman gewann im Frühjahr 2011 den begehrten Oscar für ihre Darstellung einer psychisch kranken Balletttänzerin, die an der Doppelrolle des weißen / schwarzen Schwans in dem berühmten Ballettklassiker Schwanensee zugrunde geht. Der Film hat einen Sturm der Entrüstung in der Ballettwelt ausgelöst, denn “Black Swan” ist eher ein HorrorFilm als eine realistische Darstellung des TänzerAlltags. Dennoch liegt der Geschichte eine der interessantesten – und durchaus schizophrenen – Rollen zugrunde, die das klassische Ballett einer Tänzerin zu bieten hat: In ein und demselben Ballett verkörpert sie eine keusche, unschuldige Prinzessin sowie eine diabolische Verführerin, eine „Femme fatale“ in Federn. Versucht man, diese Figuren zu entschlüsseln, bleiben sowohl Odette, der weiße Schwan als auch Odile, der schwarze Schwan, äußerst enigmatisch; hauptsächlich deshalb, weil wir so wenig über sie wissen. Dies liegt zum Teil daran, dass bis heute unklar ist, auf welcher Legende, Märchen oder Sage die Handlung basiert. Einige Tanzwissenschaftler 10 gehen davon aus, dass die Handlung auf Motive aus Johann Karl August Musäus‘ Märchen “Der geraubte Schleier” (veröffentlicht in “Volksmärchen der Deutschen”, 1782-86) zurückgeht, in dem von einem Schwanenteich die Rede ist. Andere vermuten eine Inspiration in Grimms “Die sechs Schwäne”, wobei dort die verzauberten Schwäne männlich sind. Auch ist unklar, wer der Autor des ursprünglichen Librettos war: auf dem zur Uraufführung in Moskau gedruckten Manuskript von 1877 – erst in den 1950er Jahren wieder aufgefunden – ist kein Verfasser angegeben. Diese Ungewissheit wirft viele Fragen auf. So hat Odette anscheinend weder Eltern noch Geschwister; man weiß nicht, warum der Zauberer Rothbart sie gefangen genommen hat und in einen Schwan verwandelte. Bei Odile verhält es sich ähnlich. In manchen Fassungen des Balletts ist sie die Tochter Rothbarts; in anderen ist sie ein Dämon, den Rothbart einspannt, um den ahnungslosen Prinzen ins Verderben zu führen. Anderseits erlaubt just diese Unklarheit Choreographen und vor allem Tänzerinnen, die Odette/Odile tanzen dürfen, viel Freiheit in der Gestaltung bzw. Darstellung der Doppelrolle. Die Rolle ist insofern eine spannende Aufgabe für die Tänzerin, weil stilistisch gesehen Welten zwischen beiden Charakteren liegen. Der weiße Schwan erfordert langsame, elegante, gar elegische Bewegungen und Hebungen. Odette ist von Trauer und Leid durchdrungen; ihre anfängliche Scheu vor dem Prinzen basiert zum Teil darauf, dass sie eigentlich gar nicht daran glaubt, dass er treu sein wird. Odile hingegen ist eine selbstsichere Frau; ihre Bewegungen sind kantig, feurig und zugleich verführerisch. Sie zweifelt nie daran, dass sie Siegfried für sich gewinnen wird. Diese zwei Frauengestalten glaubwürdig zu verkörpern und innerhalb von Minuten die Körperund Geisteshaltung (geschweige denn das Kostüm!) zu ändern, empfinden viele Tänzerinnen als große Herausforderung, zumal die meisten Tänzerinnen eine natürlich Veranlagung für den einen oder anderen Stil haben. Die berühmte russische Ballerina Natalia Makarova, eine sehr lyrische Tänzerin, beschrieb ihre Auseinandersetzung mit der Rolle der Odile wie folgt: „Für mich war Odile wie eine Glaswand, über die ich permanent zu krabbeln versuchte und mir jedes Mal blutige Hände holte.“ Betrachtet man diese Doppelrolle aus tanzhistorischer Sicht, könnte man sagen, dass Odette und Odile enge Verwandte der Heldinnen sind, die von 1832 an mit der Uraufführung von La Sylphide in Paris, über das zaristische Ballett in St. Petersburg und Moskau, bis zur Jahrhundertwende die Ballettbühne dominierten. In La Sylphide muss der Bauernjunge James sich entscheiden zwischen der ätherischen, reinen Sylphide – ein Kind der Lüfte und des Waldes – und seiner äußerst irdischen Verlobten Effie, einer soliden Bäuerin, die ihm viele Kinder und genauso viel Langeweile verspricht. James entscheidet sich für die Sylphide; bei seiner ersten Berührung jedoch stirbt sie: Die Sylphide ist nicht für sein körperliches Besitzergreifen bestimmt. Effie heiratet einen Anderen; James bleibt alleine und gebrochen zurück. 1841 betritt eine neue Frauengestalt die Bühne: Giselle. Hier verschmilzt die menschliche Figur mit der überirdischen. Giselle ist ein Bauernmädchen, das nach seinem Tod – ausgelöst durch den Verrat ihres Liebhabers Albrecht – in eine Wili verwandelt wird: Ein dämonisches Wesen der Nacht, das Männer aus Rachsucht zu Tode tanzt, angefeuert von ihrer unerbittlichen Anführerin, der männerhassenden und -mordenden Myrtha. Albrecht, der adlige Held, verursacht – genauso wie James – den Tod seiner Geliebten aus purem Egoismus und dem Wunsch, seinem Alltag zu entkommen: Er möchte das schöne Bauermädchen Giselle verführen und lässt sie glauben, er würde sie heiraten, obwohl er einer anderen – adligen – Frau schon versprochen ist. Giselle verliert über seinen Verrat den Verstand, stirbt und ist dazu verdammt – wie alle anderen Wilis, also Mädchen, die vor ihrer Hochzeitsnacht von ihrem Verlobten oder Liebhaber sitzen gelassen wurden, – auch Myrthas “Armee” anzugehören. Diesmal aber wird der Held erlöst: Giselle vergibt Albrecht seine Verlogenheit und widersetzt sich Myrthas Befehl, ihren einstigen Liebhaber zu Tode zu tanzen. Kurzum, Giselles Liebe für Albrecht überlebt und überwindet selbst den Tod. Das Journal Nov. Dez. 2011 / Jan. 2012 Mit der Rolle Odette /Odile wird ein weiterer Schritt getan: Odette muss nicht sterben, um sich in ein überirdisches Wesen zu verwandeln, sie wird im lebendigen Leib verwandelt: Ihre Seele und ihr Geist sind in dem Körper eines Schwans gefangen. Nachts nimmt sie ihre menschliche Gestalt an und hat somit eine Chance, dem rettenden Prinzen, der sie durch seine Treue befreien kann, zu begegnen. Die Rolle der Myrtha fällt weg: Odette selbst ist die Anführerin von 24 Schwanenmädchen. Scheitert Odette daran, einen treuen Prinzen zu finden, so sind alle anderen Mädchen auch verdammt, auf immer und ewig Schwäne zu bleiben oder zumindest so lange, bis sich der Richtige findet. Interessanterweise sind hier die Schwäne – im Gegensatz zu den kapriziösen Sylphiden und vor allem den mordenden Wilis – die Unschuldigen; für Siegfried lauert die Gefahr ganz woanders, nämlich nicht in der abgeschiedenen, mondüberfluteten Waldlichtung, wo er zum ersten Mal auf Odette trifft, sondern im grellen Lichte seines eigenen Festsaals. Dort begegnet er Odile, verfällt ihren gefährlichen Reizen und bricht somit seinen Schwur der ewigen Treue an Odette. Eigentlich sind beide Frauen nichts anderes als eine Projektionsfläche für Siegfrieds Sehnsüchte: In den keuschen, unschuldigen weißen Schwan verliebt er sich, insgeheim aber sehnt er sich auch nach dem erotischen schwarzen Schwan und zwar so sehr, dass er dem unrealistischen Glauben verfällt, es sei ein und dieselbe Frau. Damit lässt Schwanensee die Romantik von La Sylphide und Giselle sowie sogar auch das zaristische Ballett à la Dornröschen und Nussknacker hinter sich und führt das Ballett an die Schwelle zum 20. Jahrhundert. Denn Siegfried ist ein Prinz aus Fleisch und Blut, einer, der seiner herrschsüchtigen Mutter mitsamt ihrem starren Hofstaat trotzt und sich davor sträubt, seine Pflicht als Thronfolger kleinlaut anzunehmen, wie andere es ihm vorschreiben. All dies hat der geniale Choreograph John Cranko erkannt und legte intelligenterweise den Schwerpunkt seiner 1963 für das Stuttgarter Ballett geschaffenen Fassung auf Siegfried und seine fatale Entscheidung. Cranko lässt ihn prüfen und Siegfried versagt; folgerichtig bezahlt Crankos Held seinen Irrtum mit seinem Leben. Der Choreograph entschied sich somit gegen das gängige Happy End, das bis dahin weltweit zu sehen war. Insofern war John Cranko den Filmemachern von „Black Swan“ schon einen Schritt voraus, denn am Ende des Films haben auch die dunklen Mächte die Oberhand gewonnen und die Protagonistin stirbt. Vivien Arnold John Crankos Schwanensee beim Stuttgarter Ballett Im Opernhaus am 1., 4., 8., 10., 11., 16., 23., 29., 30. Dezember 2011 sowie am 2. Januar 2012. Gala Vorstellung am 31. Dezember mit Polina Semionova vom Staatsballett Berlin als Gast. 11 u a r F Eine hen zwisclten e W n de »Ich will dem Publikum nicht zeigen, was es denken soll, ich möchte Freiräume schaffen.« Ein Portrait der Sängerin Catherine Naglestad Eine Frau zwischen den Welten – die Sopranistin Catherine Naglestad, international gefeiert und eng verbunden mit der Stuttgarter Oper, deren Inszenierungen sie über Jahre hinweg prägte wie kaum eine andere Sängerin. Wie sie auf der Bühne Figuren erschafft, die in einer seltsam eindeutigen Uneindeutigkeit dem Zuschauenden und -hörenden in jedem Augenblick Ahnungen von Räumen, Zuständen und Verfassungen jenseits klarer Definitionen und Fassbarkeiten vermitteln, gehört zum Faszinosum dieser Künstlerin. Ab dem 9. Dezember ist sie nun wieder in Stuttgart zu hören, mit der Titelpartie in Bellinis Norma, der Partie, mit der sie 2006 zuletzt hier auf der Bühne stand. Ein Leben zwischen verschiedenen Welten scheint Catherine Naglestad biografisch und sängerisch in die Wiege gelegt zu sein. „Ich passe nicht wirklich in ein Fach, immer schon“, kommentiert sie ihre erstaunliche sängerische Wand­lungsfähigkeit, die sie über Jahre hinweg sowohl Händel und Mozart als auch Verdi und Puccini singen ließ – „ich brauche solche Wechsel.“ Wer in Stuttgart ihre Poppea, Alcina, Alceste, Fiordiligi (Così fan tutte), Vitellia (La clemenza di Tito) oder Konstanze und zugleich ihre Elisabetta (Don Carlo), Leonora (Il trovatore), Violetta, Norma, Musetta oder Tosca gehört hat, konnte erleben, wie ihre immer unverwechselbare Stimme sich diesen unterschiedlichen Stilrichtungen und Fächern anverwandelte und die Gestalt der jeweiligen Partie durchdrang und erfüllte. Diese Wandelbarkeit schließt Entwicklung mit ein, in den vergangenen Jahren bewegt sich Catherine Naglestad nicht Foto: Tania Niemann Catherine Naglestad 12 mehr zwischen Händel und Puccini, sondern zwischen Puccini und Wagner, singt nun auch Elsa, Senta, Sieglinde und die Siegfried-Brünnhilde – „ich bin froh, dass der Schritt zu Wagner geklappt hat, doch es war richtig, so lange darauf zu warten“. Der stimmliche Wechsel von Händel zu Puccini, oder eben von Bellini zu Wagner, erfordert jedesmal Zeit und Umstellung. Zugleich ist dieses große Spektrum verschiedener Partien an jedem Abend, den Catherine Naglestad singt, zu hören, in dem fast unbegrenzten Reichtum an Farben und Atmosphären, über die ihre Stimme scheinbar so mühelos verfügt. In ihrer nuancierten Gestaltung, die jedem Ton einen eigenen Ausdruck, jedem Bogen eine eigene musikalische Stimmung gibt, erscheint die Partie neu, wird das Gesungene zur einzigartigen Aussage der jeweiligen Figur selbst. Erlebt man Catherine Naglestad auf der Opernbühne, ist ihr Gesang untrennbar verbunden mit ihrem Spiel – und auch hier begegnet einem ein faszinierender Facettenreichtum der Gestaltung. Beschreiben lässt sich ihr Spiel am ehesten im antagonistischen „Dazwischen“ – als eine nie nachlassende Präsenz, die immer auch etwas zurückhält, als ein Zeigen und Verstecken zugleich. Catherine Naglestad nimmt die Bühne ganz und gibt sich ihr vollkommen hin. Dabei scheint jede Geste natürlich, obgleich doch deutlich wird, dass nichts davon zufällig ist. Dies wiederum verbindet sich mit einer Ruhe, Anmut und Würde, die auch im Kleinsten noch eine ungeheure Intensität zu entwickeln vermag. Und so kann es sein, dass es nur ein Gang ist, eine Bewegung mit dem Kopf, der einen zuschauend zu Tränen rührt. Mit ihrer ganzen Persönlichkeit ist Catherine Naglestad auf der Bühne und erschafft so, mit sich und ihrer Stimme, eine neue Figur, die, erkämpft, gelebt und durchlitten, ein eigenes Bühnenleben von unmittelbarer Authentizität bekommt. Dass das auch sie selbst packt, sie nach einer Vorstellung nicht einfach nach Hause geht und an den nächsten Tag denkt, gehört dazu: „Ich wünschte, ich könnte es. Aber ich bin geschafft und kaputt, ich weine. Es ist ja sehr emotional, man gibt so viel von sich her.“ Zugleich wird eine in dieser Weise durchdrungene Rolle, Partie, Figur so nah und vertraut wie ein „zu Hause“ – so formuliert es Catherine Naglestad einmal –, zu dem man sich immer wieder freut, zurückzukehren. Doch was möchte sie mit ihrer Kunst vermitteln? „Daran denke ich eigentlich gar nicht“. Was sie auf keinen Fall möchte, ist belehren – „ich will dem Publikum nicht zeigen, was es denken soll.“ Ihr Wunsch ist es, „einen Freiraum zu schaffen, in dem Leute ein karthatisches, läuterndes Erlebnis haben, weinen oder lachen, ihren Emotionen freien Lauf lassen können. Denn dafür“, so Catherine Naglestad, „ist heute oft zu wenig Platz.“ Ein wichtiges Moment ist für sie dabei die ästhetische Kategorie der „Schönheit“ als Voraussetz­ung dafür, etwas, was Foto: A.T. Schaefer 04. • Catherine Naglestad man sieht und hört überhaupt direkt an sich heranzulassen, auch ohne die Zwischenstufe des Intellekts –, „darüber haben wir in Stuttgart viel diskutiert“, erinnert sie sich lachend. „Aber es ist gut, dass es unterschiedliche Inszenierungen gibt, die Leute sind eben verschieden.“ Sie selbst erlebt solche hochemotionalen – sie spricht von „transzendenten“ – Momenten selten in Vorstellungen, viel eher in Proben, „oder am Klavier, wenn man etwas neu entdeckt. Aber ich denke, das kommt dann auch in der Vorstellung durch.“ Und dann erinnert sich Catherine Naglestad doch an zwei Situationen, wo es sie auch am Abend auf der Bühne überwältigte: die letzte Alcina-Vorstellung, die sie mit Alice Coote als Ruggiero sang. Und ihre damals letzte NormaVorstellung in Stuttgart im April 2006: „Als ich mich in der Schlussszene umdrehte und all die Chorsänger sah, von denen viele schon bei meinen ersten Vorstellungen in Stuttgart dabei waren, da habe ich geweint. Aber eine Norma darf auch weinen!“ Catherine Naglestad steht nicht nur als Sängerin ständig zwischen verschiedenen Polen, ist in verschiedenen Stimmfächern und Rollen auf der Bühne, auch in ihrem sonstigen Leben bewegt sie sich von klein auf zwischen verschiedenen Welten. Geboren wurde sie in San José, Kalifornien, lebte dann auch auf Hawaii, wo sie schon früh das kulturelle und soziale Mit- und Nebeneinander der polynesischen, asiatischen und amerikanischen Einwohner erlebte. Zur Schule ging sie jedoch in Kalifornien – „ich war immer unterwegs“. Gesungen hat sie „schon immer“ und wusste bald, dass sie das auch beruflich gerne machen würde – beim Musical. „Oper hatte ich ein paar Mal im Fernsehen gesehen, aber ehrlich gesagt, das fand ich todlangweilig.“ Da sie bei Freunden, die beim Musical arbeiteten, mitbekam, mit welchen Stimmschwierigkeiten diese oft bereits nach kurzer Zeit zu kämpfen hatten, wollte sie eine solide Ausbildung – „ok, dann muss ich studieren“. Wenig später sah sie zufällig die La-traviata-Verfilmung von Franco Zeffirelli und war hingerissen: „Soviel Leidenschaft und Drama. Es geht bei Oper also doch um eine Geschichte!“ Nach diesem Erlebnis konzentrierte sie sich in ihrem Studium fortan auf Oper. Und das Musical? „Das mag ich immer noch gern, ab und zu höre ich Musical im Radio und singe mit.“ Nach ihrem Studium in San Francisco reiste sie nach Italien, um weiter Unterricht zu nehmen. Dort wurde sie krank, eine Lungenentzündung, die sie letztlich zwang, für ganze zwei Jahre mit dem Singen zu pausieren. Einen Wiedereinstieg fand sie im Chor der Los Angeles Opera, wo sie zwei Jahre als Choristin beschäftigt war. „Es hat mir Spaß gemacht, ich habe diese Zeit genossen“, erzählt sie von diesen Anfängen ihres Sängerlebens. Über ein Vorsingen dort im Theater kam sie schließlich, auch dank Pamela Rosenberg und Johannes Schaaf, nach Europa. Als erstes sang sie an der Hamburgischen Staatsoper die Konstanze in Schaafs Inszenierung von Mozarts Entführung aus dem Serail, einen Vertrag für Produktionen in Stuttgart hatte sie da bereits in der Tasche. Nach einigen Gastengagements kam sie 1997 fest ins Ensemble: „Ich war so dankbar und glücklich, endlich an einem Platz bleiben zu können. Ich reise so ungern.“ Froh ist sie auch über das große Repertoire, das sie sich in Stuttgart mit den vielen Produktionen, die sie am Haus sang, erarbeiten konnte – etwas, was ihr bis dahin fehlte, „denn ich habe ja spät angefangen, hatte keinen so direkten Weg.“ Eine wichtige Konstante während ihrer Jahre hier am Haus war die Zusammenarbeit mit Jossi Wieler und Sergio Morabito. Diese begann bereits 1994 mit der Neuproduktion von Mozarts La clemenza di Tito, wo Catherine Naglestad die Vitellia sang. Es war nicht nur für sie eine ihrer ersten Arbeiten in Stuttgart, es war auch Jossi Wielers und Sergio Morabitos erste gemeinsame Opernarbeit. „Am Anfang habe ich sie nicht sofort verstanden“, erinnert sich Catherine Naglestad, „aber irgendwann machte es ‚klick’, und dann ging es super“. Das heißt jedoch nicht, betont sie, dass Sängerin und Regisseure immer einer Meinung waren. „Aber wir konnten sehr gut diskutieren und eine Lösung finden.“ Entscheidend war für sie, dass sie sich bei Jossi Wieler und Sergio Morabito von Grund auf respektiert fühlte, nicht „nur die dumme Sängerin“ war. Umgekehrt kämpfte Catherine Naglestad manches Mal mit sich, um sich dem zu öffnen, was die Regisseure von ihr verlangten – in der Norma etwa, den ganzen Abend mit einer Leiche auf der Bühne zu spielen. „Das war schwer für mich. Wir haben in den Proben alles mögliche versucht, und irgendwann dachte ich dann ‚Augen zu und durch’“. Dieses Problem ist längst überwunden, sie liebt die Partie und die Inszenierung, auch sie ist ihr ein „zu Hause“ geworden. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Vertraute nicht mehr neu wäre – gerade jetzt nach all den Jahren, wo sie so viele andere Dinge gesungen, sich stimmlich weiter entwickelt hat, „das muss jetzt auch musikalisch neu werden.“ Besonders freut sie sich, mit Marina Prudenskaja Catherine Naglestad in der Titelpartie von Norma eine Adalgisa an ihrer Seite zu haben, mit der sie in der Norma noch nicht gespielt hat, denn, „so eine Beziehung auf der Bühne ist immer spannend und neu, es kann da auch etwas ganz anderes daraus entstehen.“ Diese Neugierde und Freude auf neue Kollegen auf der Bühne, dieses Denken im Ensemble, spürt man bei Catherine Naglestad auch während einer Vorstellung, wo ihr Spiel und ihr Gesang immer in einer lebendigen Beziehung zu ihren Partnern steht. 2003 hat sie ihren festen Vertrag in Stuttgart nicht verlängert und war fortan nur noch als Gast hier am Haus zu hören, „ich hatte so viele spannende Angebote, da habe ich den Sprung gewagt.“ Seitdem war und ist sie viel unterwegs, sang etwa in Covent Garden, der Opéra Bastille und dem Palais Garnier in Paris, an der Wiener Staatsoper, bei den Salzburger und Bregenzer Festspielen, um nur einige wenige Stationen zu nennen. Doch lebt sie nach wie vor in der Nähe von Stuttgart, „ich habe hier nun länger gewohnt als an irgendeinem Ort zuvor.“ Das hätte sie sich damals, als sie für ihre ersten Engagements nach Deutschland kam, nicht vorstellen können – der Anfang war schwer, „alles war anders, ich hatte furchtbar Heimweh. Und es gab kein skype, die Flüge waren teuer, so dass mich meine Freunde nicht besuchen konnten.“ Dennoch Das Journal Nov. Dez. 2011 / Jan. 2012 blieb sie – „künstlerisch passe ich besser nach Europa“, stellt sie heute fest. So ist sie nun wieder zwischen den Welten, fühlt sich inzwischen, wie sie sagt, weder als Amerikanerin noch als Europäerin. Dass das große Vorteile hat, sie auf diese Weise einen weiteren Blick auf die Welt hat, sieht sie durchaus. Zugleich fühlt sie sich oft „lost in translation“, sieht die vielen Vorurteile und Voreingenommenheiten, die gegenseitigen Verständnisschwierigkeiten und fühlt sich hilflos und frustriert angesichts ihrer geringen Möglichkeiten zu vermitteln. „Man braucht eine innere Stabilität, wenn man keine wirkliche Heimat mehr hat.“ Und man braucht Orte und Dinge jenseits eines bestimmten Landes, bei denen man sich zu Hause fühlen kann. Für die Sängerin Catherine Naglestad sind das Opernpartien, die ihr liegen und die sie oft gesungen hat – etwa die Tosca, „da habe ich immer das Gefühl, ich bin zu Hause.“ Wieder an der Oper Stuttgart zu singen, ist auch ein solches Nach-Hause-Kommen. „Neulich war ich wieder hier in der Oper, war auf der Bühne und habe die Techniker gesehen, die ich zum Teil noch kenne, und habe mich so gefreut, wieder hier zu singen.“ Wie es bei einer Heimkehr nach längerer Zeit so ist, geht es auch hier nicht ohne eine gewisse Aufregung – „ich hoffe, dass die Leute nicht enttäuscht sind.“ Und dann gibt es natürlich ihr Zuhause bei Stuttgart, wo sie mit ihrem Mann lebt. Dort genießt sie es, draußen zu sein, endlich einmal nicht in der Stadt, wo sie sonst doch so viel in Städten unterwegs ist. Dann fährt sie Fahrrad, über die Felder, und arbeitet im Garten, sommers wie winters. „I love to dig deep in the dirt – ich liebe es, tief in der Erde zu graben,“ lacht Catherine Naglestad, und findet so vielleicht Grund in ihrem Leben zwischen den Welten. Angela Beuerle Norma Dezember 2011 Wiederaufnahme 09.12. / 14.12. / 17.12. März 2012 17.03. / 23.03. / 26.03. April 2012 03.04. / 05.04. / 09.04. 13 05. • 40 Jahre John Cranko Schule 05. Links: Schüler der John Cranko Schule bei der Gala zum 50. Jubiläum des Stuttgarter Balletts im Februar 2011. Oben rechts: Aussenansicht der John Cranko Schule. Foto: Verena Fischer. Unten rechts: Porträt Tadeusz Matacz hervor, aber das sehen doch die anderen Schulen auch, und sie arbeiten daran. Ich habe wirklich Angst davor, dass die John Cranko Schule irgendwann einfach im Sande verläuft, weil man in der Ausstattung international den Anschluss verpasst hat. Welche Möglichkeiten böte ein Neubau, die Sie derzeit nicht haben? Was würde sich konkret im Alltag der Schüler verändern? In erster Linie könnten wir mehr Schüler aufnehmen. Im Moment müssen wir vielen Interessenten absagen, weil wir zu wenige Internatsplätze bzw. Akademieplätze haben. Viele talentierte Schüler pendeln aus anderen Städten zu uns, die können aber nicht ewig diese weiten Wege fahren, und wir verlieren sie deshalb. Bei Schülern aus dem Ausland fällt die Knappheit der Internatsplätze natürlich noch viel mehr ins Gewicht, unsere Schüler kommen aus 24 Nationen, die müssen wir irgendwie unterbringen. Jedes Jahr muss ich vielversprechenden jungen Tänzern deshalb absagen. Dazu kommt die Saalsituation: Wegen des immer häufigeren Nachmittagsunterrichts an den regulären Schulen kommen unsere Schüler inzwischen oft erst nach 16 Uhr zum Ballett, und dann alle gleichzeitig. Wir müssen Training und Proben in sehr wenig Zeit in den wenigen und kleinen Räumen unterbringen. So drängen sich die Kinder oder sie haben zu wenig Probenzeit. In einem Neubau würde uns und auch der Compagnie Probenraum zur Verfügung stehen bzw. uns allen eine Probebühne für kleine Auftritte. Und zwar zwei Minuten entfernt vom Theater, das wäre doch genial! „Wir ernten nun die Früchte unserer Arbeit“ Interview mit Ballettschuldirektor Tadeusz Matacz zum 40. Jubiläum der John Cranko Schule Tadeusz Matacz absolvierte seine Ballettausbildung und eine pädagogische Ausbildung an der staatlichen Ballettschule in seiner Heimatstadt Warschau (Polen) und erhielt dort sein erstes Engagement als Tänzer im Teatr Wielki (dem „Großen Theater“). Nach Deutschland kam er 1984, zunächst als Solotänzer, später als Trainingsleiter, Ballettmeister und Choreograph am Badischen Staatstheater in Karlsruhe. Er arbeitete als Gast häufig beim Ballett Frankfurt, dem Toulouse Ballet, am Großen Theater in Warschau und auch beim Stuttgarter Ballett. 1999 folgte er der Einladung des Stuttgarter Ballettintendanten Reid Anderson, die Leitung der John Cranko Schule zu übernehmen. Tadeusz Matacz reist regelmäßig als Juror zu den renommiertesten internationalen Ballettwettbewerben. 14 Lieber Herr Matacz, als Sie 1999 die Leitung der John Cranko Schule übernahmen, was waren da die größten Herausforderungen für Sie? Die größte Herausforderung für mich persönlich war, von jetzt auf gleich eine so komplexe Institution zu managen. Mein eigener Lehrer Leonid Zhdanov hat mir damals sehr geholfen, auch mit strategischen Tipps. Und zum Glück hatte ich von Anfang an volle Rückendeckung. Ich erinnere mich, nach meiner ersten Woche hier bin ich mit einer langen Liste von Fragen zu Ballettintendant Reid Anderson gegangen, und habe gefragt: „Was soll ich machen?“ Er hat mich angeguckt und gesagt: „Es ist Deine Schule. Mach, was Du für richtig hältst.“ Und das ist bis heute so, ich genieße hier großes Vertrauen. Aber ich weiß, Reid ist immer für mich da und unterstützt mich. Die John Cranko Schule war 1971 die erste Staatliche Ballettschule im damaligen Westdeutschland. Ist das mit besonderen Ansprüchen an Ihre Institution verbunden? Ja, natürlich fühlen wir den Auftrag, als Staatliche Ballettschule besonders professionell zu arbeiten. Auch Schüler und Eltern treten oft mit sehr hohen Ansprüchen an uns heran. Sie denken, man könne aus jedem einen Tänzer machen, nach dem Motto: Bezahle eine gute Schule, und du wirst schon in dem Beruf unterkommen. Ich finde ganz grundsätzlich auch: Jeder soll tanzen, ohne Frage. Aber um Ballett-Profi zu werden, da braucht es ganz bestimmte körperliche und geistige Voraussetzungen, unbedingt! Mein Auftrag vom Stuttgarter Ballett, von der Stadt Stuttgart und auch vom Land BadenWürttemberg ist nicht Quantität, sondern Qualität zu schaffen. Ich möchte hier nur solche Schüler ausbilden, die auf dem Markt auch eine echte Chance haben. Sie reisen als Jurymitglied zu vielen Tanzwettbewerben und Schulfestivals um die ganze Welt. Wie locken Sie dort entdeckte Talente nach Stuttgart? Eigentlich ist der wichtigste Grund, der Talente hierher nach Stuttgart zieht, die sichtbare Einheit von der Compagnie des Stuttgarter Balletts und der John Cranko Schule. Viele bewundern das Stuttgarter Ballett aus der Ferne, es ist eine der TopAdressen - und unsere Schule ist eben die Eintrittskarte. Das ist ein sehr starkes Argument! Natürlich bieten wir eine gute Ausbildung, haben exzellente Pädagogen und einen guten Ruf. Die meisten Schüler fühlen sich, glaube ich, auch wohl bei uns, wir sind ja so etwas wie eine Familie für viele. Den- noch, wenn Sie unsere Schule mit Tänzeraugen betrachten, steht am Ende immer die Entscheidung für die Compagnie. Wer Profitänzer werden will, sieht sich in allererster Linie auf der Bühne. Und jeder, der sich mit Ballett beschäftigt, weiß, auf welchem Niveau in Stuttgart getanzt wird. Wenn es darum geht, junge Talente nach Stuttgart zu bringen, ist im Übrigen die Unterstützung durch den Förderverein der Staatstheater Stuttgart absolut unverzichtbar für uns: Die Mittel werden als Stipendien für talentierte, bedürftige Kinder und Jugendliche eingesetzt und ebnen sowohl einigen deutschen Schülern als auch solchen, die von weit her zu uns kommen, den Weg - viele kommen wirklich aus sehr einfachen Verhältnissen und könnten sich den Schulbesuch allein nicht leisten. Erhalten denn alle Absolventen einen Vertrag beim Stuttgarter Ballett? Wir haben jährlich um die fünfzehn Absolventen, und natürlich können die nicht alle beim Stuttgarter Ballett unterkommen, aber fünf oder sechs sind es inzwischen doch jedes Jahr. Ich kann aber sagen: Alle unsere Absolventen finden, wenn sie wollen, einen Job als Tänzer, sei es in Hannover, Berlin, Amsterdam, München, Zürich oder irgendwo auf der Welt - die Schüler der John Cranko Schule sind sehr gefragt. Ist es denn so, dass gute Schüler um Plätze in guten Schulen konkurrieren ,oder eher umgekehrt? Wir sprechen in diesem Beruf von Auserwählten. Auf eine Million Menschen kommt einer oder eine, die dieses gewisse Etwas hat, das es für Ballett braucht. Es ist daher völlig klar: Die Schulen buhlen um begabten Nachwuchs. Bei vielen Wettbewerben, die ich besuche, füllen die Teilnehmer vorab einen Bogen aus, auf dem sie ihre Wunschorte angeben. Viele nennen Das Journal Nov. Dez. 2011 / Jan. 2012 Foto: Ulrich Beuttenmüller. Foto: Stuttgarter Ballett. Die John Cranko Schule feiert in diesem Jahr ihr 40. Jubiläum. Was sind die wichtigsten Errungenschaften der letzten 40 Jahre? Mailand, München, Hamburg, Berlin, Toronto, Melbourne oder New York. Häufig ist im Moment der erste Wunsch die Royal Ballet School in London, aber Stuttgart kommt spätestens an zweiter Stelle. Wir sind eine sehr attraktive Adresse für junge Tänzer. Gibt es in Stuttgart schon während der Ausbildung viele Kontakte zwischen Schülern und Tänzern? Spätestens in den Akademieklassen fördern wir diese Kontakte, indem die Schüler in der Compagnie aushelfen - das ermöglicht wichtige Bühnenerfahrung und ist ja auch die Grundidee! Wir würden die Nähe zwischen Compagnie und Schule gern noch mehr intensivieren, auch räumlich. Daher ja auch der große Wunsch für einen Neubau... Stehen Sie manchmal in Ihrem eigenen Schulgebäude und denken: „So geht das nicht mehr weiter“? Wenn ich das dächte, dann könnte ich noch heute meine Kündigung einreichen und nach Hause gehen. Aber ich bin Tänzer. Ich habe gelernt: Wenn Du eine Mickey-Mouse-Rolle gekriegt hast statt den Prinzen, dann musst Du das Beste daraus machen. Wegen dieser Einstellung existiert die Schule seit 40 Jahren, mit großem Erfolg, auch ohne neue Räume. Dass alle wissen, dass wir uns irgendwie arrangieren, macht es natürlich nicht leichter, für einen Neubau zu argumentieren. Was ich sehe, ist eine riesige Gefahr für Stuttgart: Nämlich international nicht mehr konkurrenzfähig zu sein. Das kann sehr schnell gehen, die anderen Schulen rüsten alle auf, deren Säle, soziale Einrichtungen, Krafträume, Entspannungsräume und vor allen Dingen die Unterkünfte sind auf dem neuesten Stand. Im Moment stechen wir durch die außergewöhnlich gut funktionierende Verbindung zwischen Schule und Compagnie Meines Erachtens ist unsere wichtigste Errungenschaft der Zustand, dass Schule und Compagnie konsequent an einem Strick ziehen. Grundgedanke ist, dass der Weg zu Professionalität nur durch eine Schule führt, die eng mit einer Compagnie verknüpft ist. Und ich wünsche mir, dass wir genau das aufrecht erhalten. Das besondere Stuttgarter Publikum verdient meiner Meinung nach auch, auf der Bühne Künstler zu erleben, die eine besondere Verbindung zu dieser Stadt und diesem Haus fühlen. Beschenkt fühle ich mich jedes Mal, wenn wir die Früchte unserer Arbeit ernten. Im Gespräch mit den Choreographen und Ballettmeistern zum Beispiel: Die können mit unseren Absolventen gut arbeiten, und darauf kommt es an. Oder bei einer der letzten Vorstellungen der Kameliendame, da waren fast nur Tänzer, die ich selbst als Kinder hierher geholt habe, auf der Bühne – rührend! Und wenn die Schule heute Erfolg hat, dann hat Reid Anderson einen riesigen Anteil daran. Er kennt doch die Schüler auch alle von klein auf, er ist bei jeder Prüfung, bei jeder Vorstellung dabei. Wir sind irgendwie beide stolze Väter oder inzwischen wohl eher stolze Opas. Am 25. November präsentieren Sie im Opernhaus eine große Gala zur Feier des 40. Jubiläums. Was erwartet Ihr Publikum da? Das etwa zweieinhalbstündige Programm zeigt ein breites Spektrum, von klassisch bis zeitgenössisch, und stellt die gesamte Schule vor. Das ist ungewöhnlich: Bei Galas zeigen Ballettschulen oft nur die allerbesten Schüler, wir möchten aber alle gemeinsam vorstellen. Beim ersten, klassischen Stück, Etüden, sind alle Schüler, inklusive vieler der Kleinen aus der Vorschule, auf der Bühne. Im Anschluss zeigen dann unsere Gäste von den Ballettschulen aus London, Paris, Hamburg und Toronto ihr Können. Außerdem tanzen zwei unserer eigenen Solisten zeitgenössische Choreographien. Zum Schluss gibt es dann den Karneval der Tiere, eine Choreographie unseres ehemaligen Schülers Demis Volpi. Ich bin unendlich stolz und glücklich, dass so viele Gäste von internationalen Ballettschulen meiner Einladung gefolgt sind. Wir befinden uns an diesem Abend also in allerbester Gesellschaft! Ich wünschte nur, wir hätten noch viel mehr einladen können, auch aus Moskau etwa oder St. Petersburg, aber das war diesmal aus logistischen Gründen schwierig. Vielleicht ja zum 50. Jubiläum... Das Interview führte Claudia Brüninghaus 15 06. • Cary Gayler 06. Ein Portrait der Bühnenund Kostümbildnerin Cary Gayler von Beate Seidel Wenn ich Cary Gaylers Bühnenräume umreißen sollte, so fiele mir zuerst das Wort ‚Behauptung‘ dazu ein. Die Orte, die sie für die jeweilige Inszenierungsvorlagen, ob Stück, Romanadaption oder Projekt entwirft, behaupten einen eigenen Kosmos. Es sind klare, niemals beliebige Räume, sie bieten Interpretationen an: Goethes „Faust“ spielte bei Cary Gayler in der nachempfundenen BadenWürttembergischen Landesvertretung Berlin, in der ein größenwahnsinnig gewordener Bürgerchor sich das ‚faustische Prinzip‘ anzueignen suchte; Shakespeares „Hamlet“ stellte sie in einen mit Erde angefüllten riesigen Schweinekoben, in den sich die SchauspielerInnen, in überdimensionierte Körperkostüme gepackt, hineinwühlen und der alles entscheidenden Frage nach „Sein oder Nichtsein“ nachgehen konnten. Gorkis „Nachtasyl“ fand vor einer Riesenwahlplakatwand mit Kanzlerinnengesicht statt, an der die SpielerInnen mit artistischem Geschick emporklommen, abstürzten, sich festklammerten – allesamt hysterische Überlebensakrobaten. Den Revolutionsdiskurs „Marat/Sade“ von Peter Weiss (am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg) stellte sie in eine überdimensionale Hupfburg mit ALDI/LIDL-Emblematik, in der eine Armenarmee darum kämpfte, sicheren Boden unter die Füße zu bekommen. Und zuletzt in „Metropolis/The Monkey Wrench Gang“ planten vier nicht mehr ganz taufrische Ökorebellen in einer improvisierten Canyon-Landschaft mitten in der Arena in der Türlenstraße den Aufstand, der im Stuttgarter Hauptbahnhof endete. Aber das ist nur ein Bruchteil der Inszenierungen, die Cary Gaylers Handschrift tragen. Es sind nicht nur Spiel-, sondern auch Denkräume, die sie eröffnet. Ihre Bühnen- und Kostümbilder sind nie kleinteilig. Sie setzen Phantasien frei und fordern denen, die in ihnen agieren, etwas ab: z. B. körperliche Fitness – die Eskaladierwand mit Merkel-Bild ebenso wie die Canyon-Stufen, auf denen die ‚Schraubenschlüsselbande‘ den Unbilden der Moderne zu widerstehen versuchte. Ihre Entstehung ist an die Formulierung einer Konzeption gebunden. Das Unkonkrete, nur Atmosphärische ist Cary Gaylers Sache nicht. Würde Cary Gayler eine Autobiographie schreiben wollen – ihr beruflicher Werdegang taugte darin für eine me- Auf der Probebühne im markierten Bühnenbild der aktuellen Produktion „Der Balkon“ 16 gisseur Thomas Dannemann Jean Genets „Der Balkon“, in einem von ihr konzipierten Spiegelraum, der die Grenzen zwischen Zuschauern und Spielern auflösen soll, den Betrachter zum (Mit)spieler macht und den Schauspieler zum Beobachter desjenigen, der zum Zuschauen gekommen ist. In welchem Maße Cary Gayler die künstlerische Handschrift des Hauses prägt, lässt sich nicht nur an der Anzahl der Arbeiten am Schauspiel Stuttgart ablesen. Eine ganze Reihe Inszenierungen, an denen sie als Partnerin beteiligt war, gehört zu den zentralen Aufführungen der letzten acht Jahre. Und doch wissen diejenigen, die abends ins Theater kommen, oft wenig darüber, was eine Bühnen- und Kostümbildnerin zu tun hat, wie so ein Arbeitstag während der Proben aussieht, der früh mit Kostümanproben beginnt und spätabends mit Teambesprechungen endet. Die Probleme und Problemchen, die dabei zu lösen sind, reichen vom Unterwäschekauf bis zur Erfindung eines Theaterblutrezepts, dessen Resultat biologisch einwandfrei, also trinkbar ist, keinen Hautausschlag verursacht und vor allem auswaschbar ist. Die großen Entwürfe, die am Anfang einer Inszenierung stehen, werfen innerhalb der acht Wochen Probenzeit so viele kleinteilige Fragen auf, dass selbst Cary Gayler mit all ihrer Berufserfahrung und dem ihr eigenen Geschick, die vielen Abteilungen eines Theaters dazu zu bewegen, das Unmögliche möglich zu machen, manchmal verzweifeln könnte. Passen die Schuhe, sind die Hosen zu lang oder zu kurz, sehe ich zu dick in dem Rock aus, die Perücke juckt, die geklebte Glatze zieht Falten, der Bühnenboden ist zu rutschig, stehe ich bei meinem Monolog auch wirklich im Licht … Jedes Anliegen muss bearbeitet werden. Das braucht Zeit und gute Nerven. Aber der Tag hat nur 24 Stunden. Dann ist Premiere. Und danach? Fällt man ins ‚Premierenloch‘ und beginnt wieder von vorn. Der Termin für die nächste Bühnenbild- oder Kostümabgabe (oder beides zugleich) drängt. Die so genannte Bauprobe, auf der ein provisorischer Bühnenraum die eigenen Ideen bestätigen oder verwerfen soll, muss stattfinden! Trotzdem – auch nach 26 Berufsjahren gibt es für Cary Gayler noch diese Neugier und Lust auf den nächsten Anfang, auf den nächsten Versuch. Neues Spiel, neues Glück! Oder – um es mit Beckett zu sagen: Scheitern, wieder scheitern, immer scheitern, besser scheitern. Der Balkon von Jean Genet Regie: Thomas Dannemann, Bühne: Cary Gayler, Kostüme: Regine Standfuss, Musik: Michael Wertmüller, Dramaturgie: Beate Seidel Mit: Dorothea Arnold, Lisa Bitter, Boris Burgstaller, Boris Koneczny, Jan Krauter, Astrid Meyerfeldt, Rahel Ohm, Rainer Philippi, Lutz Salzmann, Dino Scandariato Premiere am 12. November 2011, 20 Uhr, Kammertheater Vorstellungen nur bis 4. Dezember 2011 Foto: Sonja Rothweiler Spiel und Denkräume entwerfen moirenkompatible Anekdote: Nach dem Abi zieht sie von Wuppertal los, um einen praktischen Beruf zu erlernen. Nur nicht wieder stundenlang sitzen und zuhören müssen, wie in der Schule! Sich den Aufnahmeexerzitien für ein Kunststudium zu unterziehen – dafür fehlt ihr noch der Mut. Später wird sie den nicht mehr nötig haben. Da hat sie ihren Beruf vor Ort, also am Theater, gelernt. 49 Bewerbungen für eine Ausbildung zur Bühnenmalerin/Theaterplastikerin schreibt sie. Eine Einzige wird positiv beantwortet. Aus Karlsruhe meldet sich der Ausstattungsleiter Heinz Balthes und engagiert sie – als Bühnenbildhospitantin. Die Weichen in Richtung Bühnenbild sind damit gestellt. Sie lernt ihren späteren Beruf ‚von der Pieke‘ auf. D.h. sie baut zunächst Bühnenbildmodelle und sammelt dabei Erfahrungen: In der Karlsruher Oper soll „Carmen“ gegeben werden. Ihr Chef beauftragt sie, die im Zentrum des Bühnenbildentwurfs stehende Brücke als Modell zu bauen, Maßstab 1:20, und fährt in den Urlaub. Die Konstruktion ist aufwendig. Drei Wochen schnitzt Cary Brückengeländerstäbe und qualifiziert sich in Sachen ‚Laubsägearbeiten‘. Dann kehrt der Chef zurück, sieht die Modellbrücke und schneidet sie auseinander. Kontrollierte Zerstörung, sagt er, „Carmen“ hat keine Brücke, sondern eine Schlucht. Also die Brücke ist kaputt, und das mach ich jetzt. Ein Vierteljahr arbeitet, oder besser gesagt, schuftet Cary in Karlsruhe, sitzt vor allen Dingen im Assistentenzimmer und baut Modelle, da hört sie zufällig in der SWR1-Sendung „Leute“ Friedrich Schirmer, den gerade designierten Intendanten der Landesbühne Esslingen über seine Idee von Theater sprechen. Er ist jemand, der (wie sie) seinen Beruf im Theater gelernt hat – ohne Studium. Diese Tatsache und seine Theaterpläne imponieren ihr. Sie schreibt den 50. Bewerbungsbrief, wird zum Vorstellungsgespräch eingeladen und als Bühnenbildassistentin engagiert. In Esslingen beginnt ihr künstlerischer Werdegang: Das sind zunächst 3 ½ Jahre Bühnenbildassistenz. Aber schon im zweiten Jahr kann sie ihr erstes Bühnenbild entwerfen. Da ist sie 22 Jahre alt. Sie geht mit Schirmer nach Freiburg. Ab 1992 ist Cary Gayler ‚richtige‘ Bühnenbildnerin, begleitet die ersten Arbeiten von Stephan Kimmig, ab 1997 ist ihre künstlerische Tätigkeit mit den Inszenierungen von Volker Lösch verknüpft. Sie erhält Stipendien – 1992 von der Kunststiftung Baden-Württemberg und drei Jahre später von der Akademie Schloss Solitude – beide im Bereich darstellende Kunst. Sie begründet mit dem Schauspieler Manfred Meihöfer das „Vereinigte Gummitierensemble“ und engagiert auf Trödelmärkten und in Kinderzimmern aussortierte, abgeliebte Puppen und Gummitiere, die u. a. Schillers „Räuber“ zu einem ungewöhnlichen Glanz verhelfen. Und sie unternimmt Ausflüge in den Spiel- und Dokumentarfilmbereich. Mit Beginn der Intendanz Hasko Weber 2005 arbeitet sie drei Spielzeiten nicht nur als Bühnen- und Kostümbildnerin, sondern auch als Ausstattungsleiterin am Schauspiel Stuttgart. Und während in der Arena Türlenstraße die Endproben zur vorletzten Inszenierung „Homers Ilias/ Achill in Afghanistan“ (Regie: Volker Lösch) laufen, für die sie das Kostümbild entworfen hat (eine Phalanx schwarzgewandeter Götter-Krieger), probiert im Kammertheater ein anderer Teil des Schauspielensembles mit dem Re- Das Journal Nov. Dez. 2011 / Jan. 2012 17 09. 07. • Fausts Verdammnis 08. • Die Nachtwandlerin Fotos: A.T. Schaefer Links: Robert Hayward als Méphistophélès, Staatsopernchor Stuttgart Rechts: Anna Viebrock (Bühne und Kostüme), Jossi Wieler und Sergio Morabito (Regie und Dramaturgie) bei einem Arbeitstreffen vor dem Sonnambula-Modell. n e h c Zwis d n u s i n d l i W Vincenzo Bellinis Die Nachtwandlerin feiert im Januar 2012 Premiere Wie ein Chor zum Solisten wird: Der Staatsopernchor Stuttgart gehört zu den besten Opernchören Deutschlands. In Berlioz’ Fausts Verdammnis stellt er dies eindrucksvoll unter Beweis. 18 einen enorm wandlungs- und verwandlungsfähigen Chor. Andrea Moses, die bei der Eröffnungspremiere der neuen Spielzeit Regie geführt hat, konnte sich nicht nur auf die Gesangssolisten Maria Riccarda Wesseling, Pavel Černoch, Robert Hayward und Mark Munkittrick, sondern zudem auf einen weiteren ganz besonderen Partner verlassen: den Staatsopernchor Stuttgart. Dieser Chor zählt zu den ältesten und besten Opernchören Deutschlands. In diesem Jahr wurde er in der Kritikerumfrage der Zeitschrift Opernwelt zum achten Mal als »Opernchor des Jahres« ausgezeichnet. Fausts Verdammnis von Hector Berlioz Premiere 30.10. 2011 November 2011 05.11. / 10.11. / 18.11. / 27.11. Dezember 2011 15.12. / 22.12. / 28.12. Januar 2012 03.01. / 06.01. / 14.01. / 24.01. Fotos: A.T. Schaefer e s s a M t h c a und M Es ist nicht zuletzt die Gegenüberstellung des Einzelnen und der Masse – Faust, Marguerite und Méphistophélès auf der einen, der Chor in den Rollen des Volkes, der Studenten, der Soldaten oder Höllenwesen auf der anderen Seite –, die Berlioz’ Oper Fausts Verdammnis (La Damnation de Faust) zu einem bedrückend aktuellen Werk macht. Es ist die auch in demokratisch entwickelten Gesellschaften immer stärker hervortretende Kluft zwischen Machtlosen und Mächtigen, die in der global vernetzten Welt immer problematischer werdende Balance zwischen privaten und öffentlichen Lebensbereichen oder das Phänomen massenmedial gestützter geistiger Verarmung und Vereinsamung, die schon bei Berlioz verhandelt werden. Faust steht einem Konflikt zwischen Volksgruppen hilflos gegenüber, er wird von elitären Studenten- und martialischen Soldatenkollektiven abgestoßen, findet keinen privaten Schutzraum für seine Liebe zu Marguerite und sieht sich am Ende brutalen Höllenmonsterhorden ausgeliefert. Hinter allem steht nicht nur Méphistophélès als Mastermind, Entertainer und Führerfigur, sondern das Prinzip von Masse und Macht. Diese gesellschaftliche Problematik wird bei Berlioz dramaturgisch und vor allem musikalisch überzeichnet. Um die sich so ergebenden gewaltigen, oft auch gewalttätigen Szenen überhaupt gestalten und entwickeln zu können, braucht es nicht nur starke Sängersolisten, sondern auch Für die Neuinszenierung von Bellinis La Sonnambula durch Jossi Wieler und Sergio Morabito kehrt Anna Viebrock als Bühnen- und Kostümbildnerin an die Oper Stuttgart zurück. Die drei haben hier 2002 bereits das Schwesterwerk der Nachtwandlerin, die ebenfalls im Jahr 1831 in Mailand uraufgeführte Norma erfolgreich auf die Bühne gebracht. Beide Werke komponierte der BelcantoKomponist Bellini für die große Sängerdarstellerin Giuditta Pasta auf die eleganten Verse seines Librettisten Felice Romani. Und Romani griff in beiden Werken auf Vorlagen der damals aktuellen französischen Dramatik zurück, im Falle der Nachtwandlerin auf ein Ballettszenarium von Eugène Scribe in der Vaudeville-Bearbeitung Das schlafwandelnde Dorfmädchen von Armand d’Artois und Henri Dupin. Der Einsatz des Regieteams Wieler-Viebrock-Morabito für Norma wurde als die Zurückeroberung eines verschollenen Repertoires durch das zeitgenössische Musiktheater wahrgenommen. Im Verständnis Morabitos sind die Opern Bellinis eine Hommage an den Gesang, aber auch Geschenke an das Theater: „Wie im Falle der Norma weigern wir uns auch bei der Nachtwandlerin, die Wiederholungen der ‚Cabaletten‘ (also der zweiten, meist bewegteren dramatisch-virtuosen Schlusssätze der Arien) zu streichen, wie dies oft geschieht. Wie beim ‚Da capo‘ der Barockoper scheint an diesen Stellen der Komponist dem Interpreten – dem Sänger und dem Regisseur – zuzurufen: ‚Bitte, übernehmen Sie!‘ “ Wieler, Viebrock und Morabito entdecken hier große kreative Spielräume. Wissen sich in dieser Entscheidung einig mit Gabriele Ferro, dem ehemaligen Stuttgarter Generalmusikdirektor, der für diese Produktion an die Oper Stuttgart zurückkehrt. Die Entscheidung für die Neuinszenierung dieses Werks fiel auch, weil dem Ensemble in Ana Durlovski eine herausragende Interpretin der Titelpartie angehört und in dieser Produktion an der Seite von Catriona Smith, Helene Schneiderman, Liang Li und Motti Kastón agieren wird. Für die männliche Hauptrolle des Elvino kehrt der brasilianische Tenor Luciano Botelho, der in dieser Spielzeit auch als Orpheus auf der Bühne der Oper Stuttgart steht, als Gast an das Haus zurück. Was haben die drei Theatermacher in dieser musikalischen Erzählung von einem nachtwandelnden Dorfmädchen an spannenden Themen entdeckt? Morabito: „Einerseits ist die Oper ein Stück über die Pubertät. In der Traumzeit von Bellinis ‚unendlichen Melodien‘ findet die Trance der absturzgefährdeten Nachtwandlerin und mit ihr die Krise der Adoleszenz zu berührendem Ausdruck. Andererseits ist das Stichwort „Traumzeit“ mit Bedacht gewählt, denn man kann mit dem Werk tatsächlich in einen ethnographischen Diskurs eintreten. Traumzeit, so heißt eine Kritik der „klassischen Ethnologie“, die der Das Journal Nov. Dez. 2011 / Jan. 2012 n o i t a s i l i v i Z Völkerkundler Hans Peter Duerr 1978 vorgelegt hat. Mit einem zivilisierten Reisenden, dem Grafen Rodolfo, betreten wir die Welt eines abgelegenen Schweizer Alpendorfes. Dort sind wir mit merkwürdigen Ritualen konfrontiert, denn die Bewohner haben sich mit der Präsenz eines Gespenstes arrangiert, was der Graf als naiven Aberglauben abtut. Er vertritt die Stimme der aufgeklärten Vernunft und die Spielhandlung scheint ihm am Ende recht zu geben: Die Gespenstererscheinung soll niemand anderes als das schlafwandelnde Waisenmädchen Amina gewesen sein. Doch das Stück erzählt auch eine andere Wahrheit: Dieses Waisenmädchen könnte auch ein uneheliches Kind des Grafen selbst sein, der als junger Mann eine Frau des Dorfes geschwängert hatte, woraufhin er von seinen Eltern ins Ausland geschickt wurde, während seine verlassene Geliebte nach der Geburt des Kindes angeblich verstorben ist. Nun wird die Gespenstererscheinung von den Dorfleuten aber eindeutig als „unreine Hexe“ beschrieben. Was, wenn es Aminas Mutter wäre, die als „haga-zussa“, auf dem „Hag“ (= der Hecke, dem Zaun) „sitzt“, der das Dorf von der Wildnis abgrenzt? Und verbirgt sich hinter dem scheinbar harmlosen „dénouement“ des Dramas nicht ein archaisches Gottesgericht? Die der Untreue verdächtigte und verstoßene Titelheldin wandelt auf dem Dachfirst der Mühle, bis statt ihrer nur die Trümmer der unter ihr schwankenden und brechenden Planke ins Mühlrad stürzen. Nicht anders als Norma bearbeitet also auch Die Nachtwandlerin tiefe Schichten unserer Zivilisation und ihrer Mythen, darunter einen so zentralen wie den der Jungfrauengeburt: auch die schwangere Maria musste durch die Einnahme von vergiftetem „Bitterwasser“– so berichten es die apokryphen „Kindheitsevangelien Christi“ – eine Unschuldsprobe ablegen.“ Die Proben dieser neuen musiktheatralischen Erkundungs- und Entdeckungsfahrt beginnen Anfang Dezember. Die Nachtwandlerin von Vincenzo Bellini Januar 2012 Premiere 22.01. / 25.01. / 28.01. Februar 2012 03.02. / 05.02. / 22.02. März 2012 03.03. / 06.03. / 10.03. / 13.03. / 18.03. Stuttgarter Bellini-Wochenende am 17.03. und 18.03.2012 mit u. a. Norma und Die Nachtwandlerin sowie der 3. Liedmatinee Hommage an Giuditta Pasta. Der Vorverkauf hierfür beginnt bereits ab 1. Dezember 2011. 19 09. • Kompanie des Jahres In der internationalen Kritikerumfrage der renommierten Fachzeitschrift TANZ wurde das Stuttgarter Ballett zur »Kompanie des Jahres« gewählt. Mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift drucken wir hier den Leitartikel für unsere Leser ab. Seit John Crankos Tod vor fast 40 Jahren liegt die Leitung des Stuttgarter Balletts in der Familie. Noch immer sind es seine Geschöpfe, die an der Spitze der Kompanie stehen, nach seiner Muse Marcia Haydée nun der frühere Solist Anderson, noch immer studiert Crankos Choreologin Georgette Tsinguirides seine Werke ein. Der tote John Cranko ist der Klebstoff dieser höchst lebendigen Kompanie, intensiver noch wahrscheinlich durch seine Idee einer Ballettkompanie als durch seine wenigen Werke. Sein Genie und sein Nachruhm haben dem Stuttgarter Ballett den heutigen Status erfochten: die künstlerische Unabhängigkeit von der Oper oder einem übergeordneten Intendanten, eine solide finanzielle Basis, die eigene Schule. Crankos Nachfolger waren sorgfältig darauf bedacht, diese Grundlagen zu erhalten und zu mehren. Es hat sich kaum etwas geändert in Stuttgart, es gab nie einen radikalen Wechsel der Ästhetik (der vorsichtige Versuch Glen Tetleys in Richtung Modern Dance endete mit seiner Demission nach zwei Jahren) – niemand traut sich, am Fundament Cranko zu rütteln. Dass aus dem Stuttgarter Ballett trotzdem kein Museum, sondern ein sich ständig erneuerndes Zentrum choreografischer Kreativität geworden ist, auch daran ist der legendäre Gründervater schuld. Denn schon er war neugierig auf das, was seine Kollegen schufen. Anstatt sein Ballett ausschließlich auf seinen eigenen Stil einzuschwören, wollte er andere Handschriften sehen, lud die Konkurrenz nach Stuttgart ein, dachte an ein breites Repertoire und förderte den Nachwuchs. Mit dem, was sie von ihm gelernt hatte, formte seine Nachfolgerin Haydée eine durch und durch europäische Kompanie, lud zu den vielen eigenen Choreografen, zu John Neumeier, Jiří Kylián oder William Forsythe, auch noch Hans van Manen und Maurice Béjart ein. Reid Anderson holte später Mauro Bigonzetti oder Wayne McGregor, lange bevor sie überall in Mode kamen. Das Stuttgarter Ballett in der Spielzeit 2011-2012. 20 In Stuttgart folgt man nicht den Trends, man setzt sie. Hier war stets auch das ganz Moderne möglich, und zwar auf der großen Bühne: Kenneth MacMillan durfte machen, was ihm das Royal Opera House verbot: eines der ersten Mahler-Ballette („Das Lied von der Erde“), eines der ersten Ballette zu religiöser Musik („Requiem“), William Forsythes „Orpheus“ war 1979 für eine klassische Ballettkompanie recht radikal, Marco Goeckes „Orlando“ ist auch heute noch ein Wagnis für ein Haus dieser Größe. Den jungen Choreografen werden sehr große Freiheiten gewährt, und öfter als anderswo wurden die Direktoren dafür belohnt. Obwohl eine der vier großen Opernballettkompanien Deutschlands, steht Stuttgart nicht unbedingt für die Pflege der alten Klassiker. Natürlich werden auch sie getanzt und in seltenen Fällen sogar mustergültig neu inszeniert wie Haydées „Dornröschen“, aber seit Cranko steht hier die Suche nach neuen Handlungsballetten im Mittelpunkt. Stuttgart tanzt nicht in einer bestimmten Handschrift, es gibt hier keine tradierte, sorgsam bewahrte choreografische Sprache; die Charakteristika der Kompanie sind der dramatische Stil und die Intensität der Interpretation. Jedes Jahr schickt die JohnCranko-Schule offene, präsente und immer wieder erstaunliche Talente, mehr als die Hälfte des Ensembles stammt heute aus der eigenen Schule, das dürfte einzigartig in Deutschland sein. Und noch eine Tradition gibt es in Stuttgart: die Solisten werden aus der eigenen Kompanie herangebildet. Bei allem Spürsinn Reid Andersons für choreografische Talente ist sein gutes Auge für junge Tänzer seine wohl größte Gabe. Vor allem bei den Herren segeln derzeit in Stuttgart so viele Stars und so viele junge Talente durch die Lüfte, dass man leicht mehrere Kompanien mit ihnen bestücken könnte. Durch seine Programmierung fördert Anderson die Individualität seiner Tänzer, entwickelt ihre Persönlichkeiten. Obwohl das Stuttgarter Ballett heute eine optisch sehr schöne Kompanie ist (ihr Direktor huldigt dem Ideal der großgewachsenen Tänzer), liegt die Stärke des Ensembles kaum in der reinen Harmonie eines St. Petersburger oder Pariser Corps de ballet. Seine wichtigsten Eigenschaften sind die Hingabe, eine dramatische Unmittelbarkeit und der unbedingte Wille, jedes Ballett wie ein Meisterwerk aussehen zu lassen. Die Zukunft des Familienmodells ist offen: Wenn der heute 62-jährige Anderson einmal aufhört, dann stehen zwar genügend Leute bereit, die in Stuttgart gelernt haben, die persönliche Verbindung zu Cranko aber wird aufhören. Angela Reinhardt (TANZ, tanz-zeitschrift.de) Foto: Ulrich Beuttenmüller. Ein Ballett wie ein Meisterwerk Das Stuttgarter Ballett ist 50 Jahre alt und immer noch ein Familienbetrieb, dessen Ahn den Namen John Cranko trägt. Von ihm stammen die Leiter dieses Ballettwunders ab, Marcia Haydée einst, Reid Anderson heute. Crankos Schule, Crankos Werke, vor allem aber Crankos unbedingter Wille, das Ballett zu erneuern, machen das Stuttgarter Ballett zu einem Ort, der sich erfolgreich wie keine andere Truppe der eigenen Musealisierung entzieht. Drei Wochen lang Aufführungen, Gastspiele, Rückblicke, Ausgrabungen alter Stücke, eine Direktorenkonferenz und natürlich die obligatorische Gala: das 50. Jubiläum des Stuttgarter Balletts wurde im Februar mit einem riesigen Fest und Prominenz aus aller Welt begangen. Im Mittelpunkt aber standen die ehemaligen Tänzer: Intendant Reid Anderson hatte alle eingeladen, derer man habhaft werden konnte, und für die meisten von ihnen – das Bild bot sich immer wieder in den Foyers und Sälen – war es wie eine Rückkehr in den Schoß der Familie. Das etwas abgedroschene Schlagwort von der „Stuttgarter Ballettfamilie“ hilft tatsächlich, die Funktionsweise und die Seele dieser Kompanie zu verstehen, die bei all ihren jungen Tanzstars und modernen Choreografen noch immer stark aus ihrer Geschichte lebt. 09. Das Journal Nov. Dez. 2011 / Jan. 2012 21 10. • Kristo Šagor 11. • Jan Neumann „Man hat das Scheitern so lange vor sich, bis es einen zum Lachen bringt.“ (Samuel Beckett) Die Dramaturgin Sarah Israel befragte den Regisseur Kristo Šagor während der Proben, was ihn an »In weiter Ferne« fasziniert und warum er den Text von Caryl Churchill für das Schauspiel Stuttgart auf die Bühne bringt. „In weiter Ferne“ erzählt anhand der Protagonistin Joan die Entwicklung eines jungen Mädchens, dessen Bewusstsein für Unrecht und Gewalt früh im Leben korrumpiert wird. Schritt für Schritt zeichnet das Stück die Konsequenzen nach, die eine Lüge, verübt im kleinsten Familienkreis, nach sich ziehen kann. Das was vermeintlich behütet beginnt, lässt die Autorin Caryl Churchill in einem grausamen Endszenario, einem Zustand des absoluten Chaos und der Vernichtung gipfeln und legt dabei dar, dass der Terror, in dem die drei Figuren Joan, Harper und Todd am Ende (über)leben müssen, nicht ein von anderen erzeugter ist, sondern von ihnen selbst bedingt wurde. Sarah Israel: Du bist gerade in den Proben zu „In weiter Ferne“ – deine zweite Inszenierung hier in Stuttgart – und nach „Amphitryon“ durchaus ein ganz anderes Genre von Theaterstück. Wieso hast du dich für diesen Text entschieden? Kristo Šagor: Der Text ist wie eine böse, kleine Maschine, die reibungslos funktioniert. Die Sprache der Figuren ist knapp, die Konstruktion des Plots schmal. Das Stück wirkt verstörend. Ich mag, dass es so viele Fragen aufwirft und Antworten verweigert. Die drei beschriebenen Situationen sind so konkret, doch um sie herum schmatzt das Nichts. Damit handelt der Text auch vom Erzählen an sich: Jeder Satz konstruiert Realität. Caryl Churchill entwirft eine kryptische und zugleich mes22 Sarah Israel: Caryl Churchill wird auf den deutschen Bühnen wenig gespielt, zählt jedoch zu den „grandes dames“ der englischen (zeitgenössischen) Dramatik. Was fasziniert dich an der Autorin besonders? Kristo Šagor: Die Figuren versuchen, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Aber was ist Verantwortung in einem totalitären System? Soll ich als Erwachsener einen Schutzbefohlenen auf die Linie der Partei bringen, weil ich glaube, dass er damit am besten lebt in diesem System, so wie es Harper mit ihrer Nichte Joan im ersten Akt tut, oder soll ich das nicht? Soll ich meinem geliebten Menschen, der sich mitten im Krieg nach der Ruhe zu Hause sehnt und deshalb von der Front desertiert ist, mit Wärme und Verständnis beistehen oder ihn zurück in die Pflicht treiben? Erzwinge ich die Angleichung deiner Meinung an meine, wenn ich weiß, dass deine Meinung nicht oder nicht mehr systemkonform ist und ermögliche dir so zu überleben, oder vertreibe ich dich ganz aus meinem Dunstkreis? Soll ich dich retten oder mich, oder soll ich darauf vertrauen, dass das kein Widerspruch sein muss? Kristo Šagor: Caryl Churchill ist eine schlaue Autorin. Sie hat volle Kontrolle über ihren Text. Vom Wort über den Satz, den Szenen bis zur Gesamtform ist alles gebaut, entschieden. Sie ist in ihrem Werk einen spannenden Weg gegangen und hat über ein abstrakteres, formaleres Schreiben zurück zur Psychologie gefunden. Ihren letzten Texten merkt man diese Tiefe und Freiheit an: Sie sind psychologisch genau und wahnsinnig zugleich. Bei den Proben zu „In weiter Ferne“ geht es uns beispielsweise gerade darum, nach Gesten und Momenten von Grausamkeit zu suchen – Übergriffe, physische Bilder. Das Stück bietet einen offenen Raum. Es passiert uns immer wieder, dass Ernsthaftigkeit in gemeinsames Lachen kippt. Die Aufzählung von Nationalitäten, Tierarten und Berufsgruppen, die allesamt im Krieg miteinander sind, bringt uns immer wieder abwechselnd zum Lachen und erzwingt dann genaue Konstruktion: Wer sind für uns die ‚Krokodile‘, wer sind für uns die ‚Rehe‘? Ich finde es wunderbar, wenn die Schauspieler einen Satz sagen, der komplett wahnsinnig klingt, ich aber merke, dass sie ihn sich selbst glauben. Sarah Israel: Was macht den Text in deinen Augen hier in Stuttgart zu dieser Zeit erzählenswert? In weiter Ferne von Caryl Churchill Sarah Israel: Welche Konflikte sind für dich grundlegend in diesem Stück? Kristo Šagor: Ich glaube, spätere Generationen werden über uns als eine der Generationen sprechen, die noch in der Lage gewesen wären, „es“ zu verhindern. Und für „es“ lässt sich eine Menge einsetzen: das Massenaussterben von Tierarten, die Verwüstung ganzer Landstriche durch Radioaktivität und Chemie, der Klimawandel, die Ozonlöcher, das Auf-den-KopfHauen aller Ressourcen. Es ist so schwer, bei sich selbst anzufangen, und so einfach, mit dem Zeigefinger auf andere zu zeigen: Wir gönnen den anderen sieben Milliarden Menschen nicht, wie wir achtzig Millionen Deutsche leben. Oder wir sind zu dumm, die Dimension zu begreifen, und zu ignorant, uns in Frage zu stellen. Deutschland ist erste Welt, Stuttgart Metropole. Wer soll anfangen was zu ändern, wenn nicht wir selbst? Ganz nah bei seinen Figuren Regie: Kristo Šagor, Bühne: Christl Wein, Kostüme: Sebastian Kloos, Musik: Sebastian Katzer, Dramaturgie: Sarah Israel Mit: Marietta Meguid, Sarah Sophia Meyer und Fridolin Y. Sandmeyer Premiere am 11. November 2011, 20 Uhr, NORD (Löwentorbogen, S-Nord) Vorstellungen nur bis 4. Dezember 2012 Foto: Helge Ferbitz Böse, kleine Maschine Nichts ist einfacher, als über Komik zu lachen – und nichts schwerer als zu beschreiben, wie sie funktioniert. In Jan Neumann kurzer Komödie „Knolls Katzen“ sitzt ein Mann namens Wagner im Zuschauerraum, als kurz vor Vorstellungsbeginn sein Handy klingelt. Ein folgenschweres existentiellen Offenbarungseid leistet. Der KursVersäumnis wird ihm durch den Anrufer ins titel reizt zugegebenermaßen eher billig zum Bewusstsein gerufen, das er jetzt wenn schon Lachen, das Raffinierte ist aber, dass Neumann nicht mehr zu reparieren, so doch zu kaschieren der wohlfeilen Albernheit von Esoterik-Gurus und bemüht ist. Es beginnt eine eskalierende Folge Selbsterfahrungsgruppen nur en passant erliegt von Missverständnissen und Klärungsanrufen, und eine tiefer grundierte ansteuert. Bettina die weitere Missverständnisse provozieren, bemeldet sich überraschend zu Wort, um ihre gleitet von ständigen Entschuldigungen beim Dankbarkeit für den Workshop zum Ausdruck Sitznachbarn. Dieser Text, in dem die Rettungszu bringen, doch der positive Impetus bricht ihr versuche schlimmer als die vermeintliche Kataunter der Hand immer mehr weg, bis von ihr ein strophe geraten, ist für sich allein eine Fundgruheulendes Häuflein Elend übrig bleibt, das die be für alle Spielarten des Komischen. Ausgangsbehauptung, alles im Griff zu haben, Das Dramolett „T9“ versammelt eine Herrenanschaulich Lügen straft: Versagensängste, Konrunde beim allabendlichen Bier. Außer einsilbitakt zu den Töchtern verloren, der Mann schläft gen Sätzen sagen sie nicht viel, ab und zu vernicht mehr mit ihr, Entfremdung, Todesgedansuchen sie den Chinesen etwas zu fragen, der ken. Aus der Aussage „Mir geht es gut Ich meihinter der geschlossenen Scheibe fernsieht und ne Ich hab einen Job und einen Mann und der aus diesen zwei Gründen nichts hört, und neben hat auch einen Job und wir haben zwei Autos dem Chinesen und der Vermutung, dass Chineund zwei Töchter und.“ – in dieser Reihenfolge! – sen Hunde essen, liefern die unterschiedlichen mit den komischen weil überflüssigen PräzisieHandymodelle das einzige Gesprächsthema: rungen wie „Und wir wohnen in einem schönen »Jürgen zeigt sein Handy. / Heiner: Silber ist Haus also Reiheneckhaus also das sind drei scheiße. / Özgür: Und deins? / Heiner: Meins ist Häuser und eins davon ist unsers also ein Dritrot. / Heiner zieht sein Handy. / Heiner: Da bitte. telreihenhaus sozusagen und das gehört uns / Jürgen: Rot. / Klaus: Ganz schön rot. / Heiner: also der Bank da zahlen wir natürlich noch ab Das ist normal rot. / Özgür: Das ist echt rot. / natürlich“ ist ein Auflösungsprozess geworden, Heiner: Ja und. / Klaus: Die sind jetzt alle Silber. der einen zum Lachen und Weinen zugleich / Heiner: Scheiße sind die jetzt. / Sie stecken die reizt. Tragikomisch ist die Tatsache, dass Bettinas Auszüge aus der Laudatio zur Verleihung des Handys wieder weg und trinken.« Schmerz sich vor allem an Nebenschauplätzen Bei der nächsten Runde beschließen sie, dem austobt wie bei ihren Makeup an den Wänden Förderpreises für Komische Literatur an Jan Neumann, fehlenden Kumpel eine sms zu schreiben. Dabei verteilenden pubertierenden Töchtern und eigehalten von der Dramaturgin Kekke Schmidt spielt ihnen die political correctness des eingener Putzfrau, die – Zitat – „putzt aber die putzt bauten Lexikons eine Reihe von Streichen, die in nicht gut Also die ist aus dem Kosovo und putzt in Kassel am 25. Februar 2011. folgender Nonsensefrage auf den Punkt gehalt so gut sie kann Ich mein das jetzt nicht bracht wird, „Wieso kann er Hitler und Saddam rassistisch aber wenn sie geputzt hat muss ich und Osterweiterung aber schwul nicht?“ und nur noch mal alles also putz ich einfach noch mal noch durch die Antwort des Kollegen überboten alles und Ich komm da manchmal nicht hinterverspüren. Gleichzeitig erkennen wir uns wieder in der Gleichwird, in der dieselbe Rechtschreibschwäche, die von allem der her wenn sie putzt und ich putz und dann ist da doch überall gültigkeit der Welt – aber Neumann reibt uns diese Schuld Ausgang war, sich unbekümmert offen-bart: „Hab Ärger mit wieder Makeup und dann denk ich eben das macht keinen nicht aufdringlich unter die Nase, sondern macht sie spürbar, Anita Bis morgen ihr schwülen Säue.“ Sinn alles obwohl alles gut ist.“ ohne unsere Gegenwehr zu mobilisieren. Vielmehr eröffnet Mögen Dramolette wie „Knolls Katzen“ und „T9“ um der KoIn dieser Nähe zu seinen Figuren, in der Lächerlichkeit und das Lachen einen Ausweg. mik willen geschrieben worden sein, so gilt das nicht für „FunGröße ihrer Sehnsüchte und ihres Scheiterns, ist Neumann ganz Reizt der junge Aktivist durch seine allzumenschliche Überdament“, die Stückentwicklung, bei der ich Jan 2009 begleiten in seinem Element. Er hat unendlich viel Humor, ein untrügforderung zum Lachen, so eine andere Figur aus dem Stück, durfte, und auf die ich mich jetzt konzentrieren möchte. Hier liches Gespür für Situationskomik, ein feines Ohr für die koDr. Friedrich Kremm, durch seine Überperfektion. Der gute widmet sich Neumann den Themen, die ihn am stärksten ummischen Ungereimtheiten mündlicher Rede. Auch für Kalauer Mensch mit Hybridauto und Sozialengagement, glücklicher Ehe treiben: Religion, Krankheit, Altern, Tod. Hier zeigt sich auch, und Plattheiten ist er sich nicht zu schade, da bricht schon mit beruflich erfolgreicher Frau, Architektenhaus, Designerdass in ihm – wie vielleicht in jedem großen Komiker – ein vermal der Komödiant in ihm durch, oder, bei den Stücken, die er garten und dem richtigen Rotwein, der jeden Tag Benachteiligte kappter Tragiker steckt, ein Romantiker und ein Melancholiker. während und parallel zur Inszenierungsarbeit entwickelt und beglückt, kreative Projekte fördert, für Gerechtigkeit sorgt und In „Fundament“ gibt es einen jungen Aktivisten in einer WG, dann nächtlich schreibt, der Regisseur, der sich in die Einfälle außerdem noch guten Sex mit seiner Frau hat, Spaß und Ernst der vor lauter nachvollziehbaren Missständen auf der Welt seiner Schauspieler verliebt. Was man vergeblich bei ihm sumit seinen Kindern, Erfolg in seiner Werbeagentur, dieser nicht weiß, wo er anfangen soll, sie zu retten. In seiner Verchen wird, ist Zynismus. Mann ist so erkennbar übertrieben mit allen guten Gaben und zweiflung schleudert er einen nichtendenwollenden ElendsEs klingt sicher altmodisch, wenn ich sage, dass er dazu Geistern gesegnet; in seinen perfekten Tag passt soviel mehr monolog aus sich heraus, der in der absurden Frage gipfelt, die Menschen zu sehr liebt, dass er sie nie aus höherer Warte als in unseren gewöhnlichen, dass er in uns gar keine Abwehrwas er auf sein Transparent schreiben soll. Komisch ist nicht verlacht, sondern immer in dem Wissen, mit ihnen im selben kräfte mehr weckt, sondern nur noch Lust und Vergnügen. Das nur die Trivialität der zu treffenden Entscheidung angesichts Boot zu sitzen. ins Positive Überzogene selbst ist es, das uns entlastet von dem der wortreich konstatierten globalen Problemlage, komisch ist Druck, perfekt sein zu müssen. Wir lachen, weil wir die Richauch die akribische Aufzählung alles Schrecklichen, welche so Uraufführung: Frey! tigkeit des Anliegens spüren und zugleich die Unmöglichkeit, unterschiedliche Skandale wie die Lüge, was im Essen ist, die Eine Stückentwicklung von Jan Neumann ihm zu genügen, aber nicht als qualvolles Ungenügen, sonGenitalverstümmelung von Mädchen oder das Verschwinden Regie: Jan Neumann, Bühne: Matthias Werner, dern als hinzunehmende menschliche Grenze. Vielleicht ist es der Arten zu einer diffusen Gesamtkatastrophe einebnet. Der Kostüme: Dorothee Curio, Musik: Thomas Osterhoff, angesichts von soviel Vollkommenheit doch Gottes ausgleiErzähler der Szene kommentiert die damit kontrastierenden Dramaturgie: Kekke Schmidt chende Gerechtigkeit, dass bei dem Bombenanschlag auf den Alltagsstreitigkeiten, Betrügereien und Eifersüchteleien in der Mit: Silja Bächli, Gabriele Hintermaier, Matthias Kelle, Bahnhof, der die fünf Hauptfiguren von „Fundament“ miteinWG mit dem ironischen Satz: „Man sieht, auch zu Hause hängt Sebastian Röhrle, Jens Winterstein ander verklammert, Dr. Friedrich Kremm umkommen muss, in einer globalisierten Welt alles mit allem zusammen.“ Womit Premiere am 17. Dezember 2011, 20 Uhr, während etwa der junge Aktivist am Leben bleibt, und sogar wir wieder auf Abstand gehalten wären von der allzu wahren, NORD (Löwentorbogen, S-Nord) endlich weiß, was er auf sein Transparent schreiben soll. aber unerträglichen Erkenntnis, dass wir in unserem relativ geVorstellungen nur bis 22. Januar 2012 Eine weitere Figur, die am Leben bleibt, und bei der man dies schützten Eck auf Kosten der übrigen Welt vor uns hin privaauch als ausgleichende Gerechtigkeit werten möchte, ist die tisieren. Der Verzweiflungsausbruch des Möchtegernaktivisten Angestellte Bettina Lauterbach, die bei dem Workshop „Blodemonstriert uns so plastisch unsere eigene Ohnmacht, dass ckaden lösen durch kreatives Malen auf Stoff“ ungewollt einen wir schon wieder lachen müssen und darüber Erleichterung Foto: Karoline Bofinger Der Theaterautor und Regisseur Kristo Šagor (*1976) realisiert mit „In weiter Ferne“ seine zweite Regiearbeit am Schauspiel Stuttgart. In der letzten Spielzeit inszenierte er erfolgreich Kleists „Amphitryon“ im NORD. 2008 wurde Kristo Šagor für seine Inszenierung „Törleß“ am Hamburger Schauspielhaus mit dem Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ ausgezeichnet. serscharfe Vision vom Weltuntergang. Das Stück handelt vom ‚Größten Anzunehmenden Unfall‘, ohne dass es uns sagt, was für ein Unfall das ist. Vermutlich hat dieser Unfall in uns selbst stattgefunden: Etwas im Menschen ist kaputtgegangen, während er immer effektiver darin geworden ist, alles andere um sich herum kaputt zu machen. Mit „Fundament“ legte der 1975 in München geborene Autor, Schauspieler und Regisseur Jan Neumann seine erfolgreiche erste Stückentwicklung für das Schauspiel Stuttgart vor. Alternierend zu diesen aufwändigen Stückentwicklungen verfasst Neumann auch Auftragswerke und inszeniert Stücke anderer Autoren, wie „Tod eines Handlungsreisenden“ von Arthur Miller im NORD in der Spielzeit 2010/11. Im Frühjahr 2011 wurde er für seine Texte mit dem Förderpreis für Komische Literatur ausgezeichnet. Das Journal Nov. Dez. 2011 / Jan. 2012 23 12. • Die Junge Oper Fotos: Koen Bollen 12. Proben zum Musiktheaterprojekt smiling doors. Uraufführung am 16. Dezember 2011. t s i t r e W Der ben selbst e L s da Lange Nasen, lächelnde Türen und Junge Oper: Barbara Tacchini, die Leiterin der Jungen Oper im Gespräch mit Patrick Hahn Patrick Hahn: Die Oper ist eine Kunstform, die ungefähr vierhundert Jahre alt ist. Vergleicht man das zum Beispiel mit der Malerei, ist das noch recht jung. Was ist dann also „Junge Oper“? Barbara Tacchini: Die Junge Oper Stuttgart ist eine Institution, gewissermaßen eine „kleine Schwester“ der großen Oper. Wir leisten einerseits Vermittlung zu den Produktionen der Oper Stuttgart, seit 1998 produziert die Junge Oper auch selbst Musiktheaterwerke speziell für Kinder und Jugendliche. Warum bedarf es eigener Stücke für Kinder und Jugendliche? Die Stoffe und Konflikte, die für gewöhnlich auf der Opernbühne verhandelt werden, interessieren einen doch eher im Erwachsenenalter. Mit 14 Jahren beschäftigt man sich eher noch nicht mit Eheproblemen und die antike Mythologie ist einem meist herzlich egal. Wir suchen daher nach Stoffen, die Kinder oder Jugendliche besonders interessieren und machen damit spannendes Musiktheater. Was sind das für Stoffe? Brennende Themen wie: Was heißt Erwachsenwerden? Was bedeutet Selbstbestimmung? Wie geht man mit Freiheit um? Wie stehe ich zu meiner Kultur, zu meiner Erziehung? Wie will ich sein als Mensch, wie will ich leben? Wo finde ich eigene Wege? In welcher Welt leben wir und wie verhalte ich mich dazu? Theater für Kinder und Jugendliche findet an vielen Opernhäusern auf kleinen Nebenspielstätten statt. Auch 24 Dieses Stück unternimmt einen Spagat zwischen dem Stammpublikum der Oper und Schulklassen, es ist ein Stück sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Beide Gruppen erleben wahrscheinlich etwas sehr Unterschiedliches während einer Vorstellung: Kinder verfolgen gebannt die Geschichte eines Stücks Holz, das lebendig wird, die Puppe, die ihrem Vater davonrennt, nicht artig ist und dann allerlei schlimme Dinge durchlebt – eine moralische Geschichte also, die stark durch ihre Entstehungszeit geprägt ist, als in Italien erstmals die Schulpflicht eingeführt worden ist. Man leidet mit der Figur und ist am Ende insgeheim enttäuscht, wenn Pinocchio ein echter, braver Junge geworden ist, und seine anarchischen Kanten „abgehobelt“ sind. Welche Folgen es hat, wenn alle Menschen einer einheitlichen Erziehung unterzogen werden ist wiederum auch für Erwachsene spannend. Ähnlich bei der Figur der Blauen Fee: Kinder lieben sie als Zauberwesen, das Nasen wachsen und wieder verschwinden lassen kann, für deren Eltern ist vielleicht spannend zu sehen, dass die Blaue Fee für die Erziehung, die sie schenkt, Liebe möchte. Und wenn sie diese Liebe nicht bekommt, nutzt sie ihre Macht, den kleinen Pinocchio in eine unangenehme Lage zu bringen, aus der sie ihn wieder erlösen kann ... An junge Menschen ab elf bis ins junge Erwachsenenalter richtet sich der Jugendclub, mit dem die Junge Oper für gewöhnlich einmal im Jahr ein Projekt erarbeitet. In diesem Jahr trägt das Projekt den Titel smiling doors – und die Gruppe setzt sich diesmal etwas anders zusammen als üblich. Was verbirgt sich hinter den „lächelnden Türen“? smiling doors erarbeiten wir mit Element 3, einer Künstlergruppe aus Freiburg, die schon seit mehreren Jahren Projekte mit krebskranken Kindern und Jugendlichen durchführt. Auch an smiling doors nehmen Kinder und Jugendliche teil, die an Krebs erkrankt sind oder diese Krankheit schon einmal besiegt haben. Wie ist die Junge Oper auf diese Kinder zugegangen? In Zusammenarbeit mit dem Olgahospital in Stuttgart, das den Kontakt zu jungen Menschen hergestellt hat, von denen viele mit der Frage leben: Bricht die Krankheit wieder aus? Wie üblich gab es auch eine Ausschreibung für alle Interessenten, in der wir angedeutet haben, dass es in unserem Projekt um Werte im Zusammenleben ginge. Anders als üblich musste man beim Casting daher nicht zeigen, ob man spielen, singen oder tanzen kann. Das Casting bestand aus einem Gespräch, in dem wir mit den Bewerbern diskutiert haben, warum sie an dem Projekt teilnehmen möchten. Steht also der Austausch im Zentrum des Projekts? Zwischen jungen Menschen, die in ihrem Leben bereits einmal in eine Grenzsituation geraten sind und anderen jungen Menschen, denen – wie sicher auch vielen Erwachsenen – die Vorstellungskraft fehlt, wie es ist, mit einer existenziellen Grenze konfrontiert zu sein? Ja, sowohl der Austausch innerhalb der Gruppe als auch der Austausch zwischen der Gruppe und dem Publikum – denn das Ziel des Projekts ist von Beginn an, ein Musiktheater zu kreieren. Doch der Weg dahin ist sehr persönlich für jeden Beteiligten und wir haben lange überlegt, ob wir ihn gehen sollen. Ausschlaggebend war am Ende, dass ich der Meinung bin, dass die jungen Menschen, die an unserem Projekt mitwirken, etwas Wichtiges zu sagen haben – weil sie eine besondere Erfahrung in sich tragen. Eine Krankheit verschiebt die Wahrnehmung von Werten im Leben und erzwingt eine Beschäftigung mit dem Thema Tod. Ein Thema, das im Jugendalter oft noch weit weg scheint. Was heißt überhaupt „gesund“ und was ist „krank“? Einige der „gesunden“ Kinder haben Geschwister durch den Krebs verloren und haben sich angemeldet, um sich mit dieser Erfahrung zu beschäftigen, andere haben Freunde, die erkrankt sind, wieder andere suchen einfach nur den Austausch. Aber sind das nicht alles Fragen für den Philosophieunterricht oder für die Sitzung mit der Therapeutin? Warum ist diese Auseinandersetzung etwas für das Theater? Diese Frage unterstellt, dass es einen therapeutischen Wert für die Mitwirkenden gäbe. Davon gehe ich grundsätzlich aus, dies ist aber nur ein Aspekt des Projekts. Denn in smiling doors geht es gerade darum, Dinge, die in einer Therapiesitzung thematisch werden können, in einem künstlerischen Prozess eigenständig zu formen. Ein Kunstprojekt kann nie eine Therapie ersetzen. Dafür gibt es Freiheit in der Kunst. Ein Gefühl, das man vielleicht mit Worten gar nicht ausdrücken kann, findet seine Form in einem Klang oder in einem Raum. Zu Beginn hat unsere Bühnenbildnerin den Teilnehmern zunächst „Baumaterial“ zur Verfügung gestellt. z.B. Türen, Matratzen, Aquarien, Plastiktüten. Dann haben wir abgewartet, was passiert: Wie drückt sich das Gefühl von Angst oder Bedrängtheit in einem Raum aus? Und wie klingt die Musik dazu? Dabei entstehen Kunstgebilde, die dann in ihrer Bedeutung offen sind. Eine Geschichte, die man niemals selbst mit Worten auf der Bühne erzählen könnte, weil die Emotionen viel zu stark sind, lässt sich in der künstlerischen Umformung objektivieren. So wird die Kunst zugleich zu einem Schutz für die Intimität einer ganz persönlichen Erfahrung. Bedient sich das Theater in so einem Projekt – das immerhin von erwachsenen Kunstschaffenden angeleitet wird – nicht am Schmerzpotenzial dieser jungen Menschen? Foto: Martin Sigmund in Stuttgart hat die Junge Oper ihren „Stammsitz“ im Kammertheater. Mit Pinocchios Abenteuer von Jonathan Dove hat sie jedoch gemeinsam mit der „großen Schwester“ ein veritables Familienstück für das Opernhaus entwickelt ... Tina Hörhold (Pinocchios Abenteuer) Wird man als Zuschauer nicht automatisch zum Voyeur? Die Gefahr ist da. Daher lasse ich die Mitwirkenden in ihren Entscheidungen frei: Es ist ihr Stück. Wir coachen sie, geben Ideen. In den ersten Wochen haben wir viel darüber gesprochen, was die Bedingungen für Kunst sind. Darüber, dass ein Künstler nicht irgendetwas macht, sondern zunächst sein Material bestimmt: sein Tonmaterial, sein Instrumentarium, seine Farben. Verwende ich Türen? Oder verwende ich lieber Kissen? Unsere wesentliche Vorgabe war lediglich: Wir machen keinen Pop und kein Musical, sondern wir schaffen ein Musiktheater, bei dem wir selber die Klänge und die Geschichten suchen. Es käme mir parasitenhaft vor, wenn ich die Mitwirkenden interviewt hätte und selbst daraus ein Stück schriebe. Wir haben eine strikte Trennung. Eine Psychologin führt mit den Mitwirkenden Gespräche. Doch diese bleiben in dem Raum, in dem sie stattfinden und die Jugendlichen entscheiden selbst, was sie von diesen Gedanken auf die Bühne bringen. Wie werden Gedanken schließlich zu einem Stück? Man sammelt zunächst ganz viel. Die Kids schreiben Texte über Fragen, die in Improvisationen entstehen, zum Beispiel: Wie stelle ich mir den Himmel vor? Wer bin ich eigentlich? Aus unseren Improvisationen mit Instrumenten gehen schließlich Kompositionen hervor. Der Dramaturg beobachtet, welche Themen sich durchziehen und kann die Jugendlichen darauf hinweisen. Inzwischen gibt es ein Textbuch. Es geht darin um die Geschichte von zwei Geschwistern, von denen eines stirbt. Und darum, dass Zeit nicht alle Wunden heilt. Geht das Leben einfach weiter, wenn jemand gestorben ist? Wie? Im Bühnenbild drückt sich das in einem Raum aus, in dem nichts verschoben werden darf – denn das ist ja ein ganz schmerzhafter Moment, wenn nach einem Tod ein Zimmer ausgeräumt wird, selbst wenn es irgendwann ein Moment der Bewältigung sein kann. Das Journal Nov. Dez. 2011 / Jan. 2012 Welche Rolle spielt die Musik? Meistens steht sie für bestimmte Gefühlszustände. Es gibt immer wieder Erinnerungen. Der Mensch, der gestorben ist, kommt hier zu Wort. Im gegenwärtigen Stadium wird die Musik von den Jugendlichen gewissermaßen auf eine eher filmmusikalische, atmosphärische Weise eingesetzt. Ausgangspunkt für das Projekt war ein Roman von Janne Teller, in dem es um Werte geht: Spielt dieses Buch noch eine Rolle, oder ist es inzwischen in den Hintergrund gerückt? Wir haben den Roman mit dem Titel Nichts. Was im Leben wichtig ist in der ersten Woche gemeinsam gelesen und fanden ihn sehr aufregend. Als Motiv haben die Kids die nihilistische Grundbehauptung mitgenommen: Wenn ich nur zum Sterben geboren bin, dann macht doch alles keinen Sinn. Interessant war jedoch, dass die Jugendlichen eine sehr klare Meinung hatten, dass in diesem Roman ein ganz großes Missverständnis über Werte vorherrscht. Sie haben in unseren Gesprächen festgestellt: Der Wert ist das Leben selbst. Es sind Momente des Glücks, für die man lebt. Zu solchen Glücksmomenten, an die sich mancher vielleicht gerne zurück erinnert, gehört das Einschlafen mit einer Gutenachtgeschichte, oder, schöner noch, mit einem Gutenachtlied. Nun haben Wiegenlieder in jüngerer Zeit eine Renaissance erfahren und auch die Junge Oper hat ein ganz besonderes „Wiegenliedprojekt“ ins Leben gerufen. Was war der Anlass dafür? Als ich zuletzt Kindern von Freunden abends eine Geschichte vorgelesen habe, dachte ich, dass es doch eigentlich auch für Erwachsene ganz schön sein müsste, die Geschichte einmal nicht selbst zu erzählen, sondern selbst wie ein Kind eine Geschichte erzählt zu bekommen und dabei einschlafen zu können. Außerdem sind Pyjama-Parties bei Kindern äußerst beliebt. Unser Schlafkonzert ist eine Verbindung von beidem: Eine Übernachtungsparty für Kinder und ihre Begleitpersonen, bei denen alle in den Schlaf gesungen werden mit Liedern und Harfenklängen. Wäre das nicht Besorgnis erregend, wenn sich herum spricht, dass die Junge Oper zum Einschlafen ist? Ich denke nicht. Denn normalerweise bewirken wir genau das Gegenteil. Vielen Dank für das Gespräch. Pinocchios Abenteuer von Jonathan Dove November 2011 13.11. (nm) Familienvorstellung 14.11. (vm) Schulvorstellung Dezember 2011 12.12. Familienvorstellung 13.12. (vm) Schulvorstellung 18.12. Familienvorstellung 19.12. Familienvorstellung Schlafkonzert Dezember 2011 09.12., 19:00 Uhr bis 10:00 Uhr am 10.12. 10.12., 19:00 Uhr bis 10:00 Uhr am 11.12. smiling doors Dezember 2011 Uraufführung 16.12. / 17.12. / 20.12. / 21.12. 25 Plus • 10 Fragen an ... P Raphael Agurkis, Leiter der Botenmeisterei in der Kulturmeile för derv er ei n der sta atst h e at er st u t tg a rt e .v. beim Staatstheater Stuttgart „Hier ist kein Tag wie der andere“ P Landesbibliothek Konrad-Adenauer-Straße 10, 70173 Stuttgart P Staatsgalerie 420 Plätze Konrad-Adenauer-Straße 32, 70173 Stuttgart - Durchgehend geöffnet - - Durchgehend geöffnet - jede angefangene ½ Stunde 1€ Tageshöchstsatz 12 € jede angefangene ½ Stunde Flanier-Pauschale Mo - Sa 15 - 6 Uhr Abend-Pauschale Mo - Sa 18 - 6 Uhr Sonn- u. Feiertags-Pauschale ab 6 Uhr Tageshöchstsatz Flanier-Pauschale Mo - Sa 15 - 6 Uhr 5€ max. 4€ Abend-Pauschale max. 4€ Sonn- u. Feiertags-Pauschale ab 6 Uhr P Landtag 175 Plätze Foto: Matthias Dreher jede angefangene ½ Stunde Wie wird man Botenmeister? Das schönste oder vergnüglichste Erlebnis? 4€ Konrad-Adenauer-Straße 3, 70173 Stuttgart 59 Plätze max. 4€ max. 4€ jede angefangene ½ Stunde Tageshöchstsatz Das Engagement des Fördervereins der Staatstheater Stuttgart reicht von der Unterstützung von Theaterprojekten an Schulen, der Finanzierung von Stipendien bis hin zur Förderung besonders wichtiger Produktionen. Als Mitglied oder Stifter sind Sie bei uns in bester Gesellschaft. Erleben Sie Theater hautnah – bei Proben, Sonderveranstaltungen und exklusiven Gesprächen mit den Künstlern der Staatstheater. Wir informieren Sie gerne: 1€ 12 € för derv er ei n der sta atst h e at er st u t tg a rt e .v. TIPP Abend-Pauschale Mo - Sa 18 - 6 Uhr Sonn- u. Feiertags-Pauschale ab 6 Uhr Tübinger Straße 33, 70178 Stuttgart Telefon 0711.12 43 41 35, Telefax 0711.12 74 60 93 [email protected] www.foerderverein-staatstheater-stgt.de Konto-Nr. 2413004, BLZ 600 501 01 4€ 4€ Eine Ausbildung für den Beruf des Botenmeisters gibt es nicht, aber eine Ausbildung im Postbetrieb oder als Lagerfachkraft ist sehr vorteilhaft. Wir sind alle Quereinsteiger. Ich habe zum Beispiel eine Ausbildung als Drucker und eine langjährige Führungsposition bei einem Lebensmittelhersteller gehabt, bevor ich mich bei den Staatstheatern beworben habe. 05 Wie kamen Sie ans Theater? Durch reinen Zufall. Ich wollte eine berufliche Veränderung und wieder mit Papier zu tun haben. In der Zeitung habe ich dann die Stellenausschreibung gelesen und mich beworben. Bei den Staatstheatern zu arbeiten, war schon immer ein heimlicher Traum von mir. Wenn ich im Schauspielhaus eine Vorstellung besucht habe, war ich immer begeistert und dachte, hier würde ich gerne irgendwie arbeiten. Es gehört immer auch sehr viel Glück dazu. 06 Was war bisher die größte Herausforderung? Die größte Herausforderung gab es so bei mir nicht. Es sind die vielen Kleinigkeiten bei der täglichen Arbeit – Dinge unter großem Zeitdruck zu bewältigen. Wir arbeiten für alle drei Sparten, da gibt es immer wieder nicht planbare Situationen, und diese erfolgreich zu bewältigen, das ist unser Salz in der Suppe. Impressum: Herausgeber Die Staatstheater Stuttgart // Geschäftsführender Intendant Marc-Oliver Hendriks // Intendant Oper Stuttgart Jossi Wieler // Intendant Stuttgarter Ballett Reid Anderson // Intendant Schauspiel Stuttgart Hasko Weber // Redaktion Oper Stuttgart: Sara Hörr, Claudia Eich-Parkin Stuttgarter Ballett: Vivien Arnold Schauspiel Stuttgart: Ingrid Trobitz, Simone Voggenreiter // Gestaltung Bureau Johannes Erler // Druck Bechtle Druck&Service // Titelseite Elizabeth Wisenberg, Stuttgarter Ballett. Foto: Christian Wiehle Redaktionsschluss 31. Okt. 2011 // Hausanschrift Die Staatstheater Stuttgart, Oberer Schlossgarten 6, 70173 Stuttgart / Postfach 10 43 45, 70038 Stuttgart. Huberstr. 3 · 70174 Stuttgart · [email protected] Parkraumgesellschaft Baden-Württemberg mbH Tel.: 0711/89255-0 · Fax: -599 · www.pbw.de FFS11_XXXX_AZ_BEL.indd 1 28.10.11 11:48 ... ist mein Geheimnis. 08 FESTSPIELHAUS BADEN-BADEN 21. bis 27. Dezember 2011 Meine Lieblingsinszenierung... ... war „Figaros Hochzeit“ im Schauspielhaus unter der Intendanz Friedrich Schirmer und im Ballett „E dward II.“, weil mir dieses Stück den Zugang zum Ballett ermöglicht hat. 09 Theater ist für mich ... Kein Tag wie der andere. 10 Das wünsche ich mir ... Mal 4 Wochen lang mit meinem Snowboard die schönsten Tiefschneeabhänge der Alpen ersteigen und meine Spur in den Schnee zeichnen. Förderer des Stuttgarter Balletts Partner der Oper Stuttgart Förderer des Stuttgarter Balletts Mariinsk y-Ballett st. PetersBurg Schwanensee 21./22. Dez. Anna Karenina 23./25. Dez. Don Quixote 26. Dez. Ballett-Gala 27. Dez. © N AtAS h A R A z i N A/p h oto cAS e/ z w ei D R ei ei N S Im Schnitt dürften das 8 km pro Tag sein, also kommen wir in einer Spielzeit auf über 2.200 km. Das ist mehr als einmal zu Fuß von Stuttgart nach Lissabon oder nach Moskau. 4€ Die Stuttgarter Staatstheater bieten Oper, Ballett und Schauspiel auf höchstem Niveau. Private Förderung trägt dazu bei, dieses herausragende und umfassende Kulturprogramm aufrecht zu erhalten. Ihr Partner rund ums Parken Seit wann arbeiten Sie an den Württembergischen Staatstheatern und wie viele Botenmeister gibt es an den Staatstheatern? Können Sie überschlagen, wie viele gelaufene Kilometer am Tag und letztlich in einer Spielzeit da so zusammen kommen? Mo - Sa 18 - 6 Uhr Sonn- u. Feiertags-Pauschale ab 6 Uhr 07 03 1€ 12 € TIPP 04 Was macht eigentlich ein Botenmeister? max. max. - Durchgehend geöffnet - Tageshöchstsatz 01 Wir Botenmeister sind zuständig für den Postversand, die Hauspost-Verteilung, verschiedenste Botengänger aller Art. Hinzu kommt die Verwaltung und Bereitstellung der Programmhefte und aller Publikationen in den verschiedenen Spielstätten. Wir organisieren außerdem die Drucksachen für die Verwaltung. Also sozusagen alles, was mit Papier zu tun hat. 5€ AUFFÖRDERUNG Dauerparkberechtigung pro Monat inkl. USt. 115,61 €. - Durchgehend geöffnet - Abend-Pauschale Mo - Sa 18 - 6 Uhr max. P Haus der Geschichte Konrad-Adenauer-Straße 3, 70173 Stuttgart 02 12 € max. Dauerparkberechtigung pro Monat inkl. USt. 115,61 €. Ich bin seit 6 Jahren am Haus. Insgesamt sind wir am Haus vier Botenmeister, wobei ein Kollege in der Kostümabteilung beschäftigt ist. 1€ TIPP TIPP Raphael Agurkis in der Botenmeisterei 123 Plätze 26 Tickets von 36 bis 120 Euro erhalten Sie über unser Service-Center: 0 72 21/30 13-101. Gerne senden wir Ihnen unser neues Festspielhaus-Magazin kostenfrei zu. www.festspielhaus.de Karten und Informationen unter 0711. 20 2090 und www. staatstheaterstuttgart.de