Formänderungen der Niere und ihre röntgenologische Beurteilung*

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Aus der Röntgenabteilung (Leiter: Prof. Dr. Ii. Reindelt)
der Medizinischen Uniyersitätskiinik Freiburg j. Brsg. (Direktor: Prof. Dr. Dr. h. c. L. ffeilmeyer)
Formänderungen der Niere und ihre röntgenologische Beurteilung*
Von H. Weissleder und H. Kiefer
Formänderungen der Niere unterschiedlicher Genese bereiten immer wieder wegen der
Ähnlichkeit ihres röntgenologischen Erscheinungsbildes diagnostische Schwierigkeiten. Dabei
sind expansive Prozesse auf tumoröser, zystischer oder hydronephrotischer Basis von Nierenabszessen sowie Tumoren der Nierenkapsel und Nebennieren abzugrenzen. Auch die mit Formänderungen der Niere einhergehenden Entwicklungsanomalien müssen hier berücksichtigt
werden. Bei sinnvoller Anwendung der Untersuchungsmethoden und sorgfältiger Auswertung
ihrer Ergebnisse ist eine sichere Beurteilung meist möglich. Dabei geben die Nierenhohlsystemveränderungen wichtige diagnostische Hinweise, während charakteristische Abweichungen von
der normalen Angioarehitektonik häufig die Artdiagnose erlauben.
Der röntgenologisehen Nierendiagnostik stehen zahlreiche idethoden mit unterschiedlicher
Aussagefähigkeit zur Verfügung. Untersuchungen ohne Kontrastdarstellung des Hohisystems
haben dabei nur einen begrenzten Aussagewert. Sie dienen lediglich zur Lokalisationsbestimmung
des Prozesses und geben Auskunft über Form-, Größe- und Lagcänderung der Niere. Eine
Artdiagnostik ist jedoch auf diesem Wege nicht möglich, obwohl bestimmte Oberflächen- und
Formveränderurigen der Niere einen diagnostischen Hinweis geben können. Eine Buckelbildung
der Niere gilt allgemein als Hinweis für ein tumoröses Geschehen. Es ist dabei jedoch zu erwähnen,
daß auch die gesunde linke Niere in über 10% eine Buckelung der lateralen Kontur aufweist
(Frimann-Dahl). Verkalkungen sind bei malignen Nierentumoren möglich. Folin konnte solche
bei 18 von 164 Fällen nachweisen. Zysten verkalken äußerst selten (Deak), eine Ausnahme
bilden lediglich die Echinokokkuszysten (Götzen).
Wesentlich ergiebiger ist die Kontrasidarsteilung des Nierenhohlsystems. Neben der Erfassung
kleinerer Prozesse, noch ohne Form- oder Lageänderung der Niere, ist häufig bereits eine Artdiagnostik möglich. Verdrängungserscheinungen im Bereich des Hohlsystems sind typisch für
einen expansiven Nierenprozeß, wobeiSolitärzysten und hypernephroideTumoren die häufigsten
Ursachen sind. Das urographische Bild dieser Prozesse kann sich bisweilen sehr ähnlich sehen,
doch erlauben bestimmte Charakteristika meist eine weitere Differenzierung (Abb. 1).
Entsprechend der häufigsten Lokalisation der Solitärzysten finden sich gespreizte oder
bogig verdrängte Kelehhälse mit sehalenförmig ausgewalzten und abgeflachten Kelehenden
besonders an den Nierenpolen, wobei die Konturen des Hohisystems immer glatt bleiben.
Eine im Prinzip gleichartige, aber wesentlich ausgedehntere Umformung zeigt die zystisehe
Degeneration der Niere. Die glatten Konturen sind nur dann aufgehoben, wenn gleichzeitig
entzündliche Veränderungen oder ein hypernephroider Tumor (Götzen) das Bild komplizieren.
Durch die unterschiedliche Größe der Zysten wird die Harmonie des Hohlsystemaufbaues in
vielen Fällen erheblich gestört. Bei Zystenrupturen in das Hohisystem ist auch eine Kontrastmittelanfärbung der Zysten möglich.
* Herrn Professor Dr. G. Bndcl,nann zum 60. Geburtstag gewidmet.
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Mit 13 Abbildungen
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Abb. 1
Schematische Darstellung röntgenologiseh nachgewiesener Hohlsystornveränderungen bei Solitärzysten der
Niere (obere Reihe) und hypornephroiden Tumoren (untere Reihe).
entsprechende Aufhellung des Parenchyms angegeben. Abszedierende Nierenerkrankungen
können sich bei entsprechender Größe der Einschmelzungshöhle über die Nierenkontur buckeig
vorwölben.
Maligne Tumoren der Niere führen ähnlich wie große Zysten zu einer Deformierung des
Nierenhohlsystems. Typische Unterscheidungsmerkmale treten dann auf, wenn destruierend
wachsende Geschwülste auf das Hohisystem übergreifen. Zapfen- oder polypenartige Einbuchtungen sind ebenso wie unregelmäßig begrenzte Kontrastmittclaussparungen und Konturunregelmäßigkeiten im Bereich der verdrängten Kelchgruppen dringend verdächtig auf einen
solchen Prozeß (Abb. 1). Durch destruierendcs Wachstum kann eine fehlende Keichfüllung,
(lurch Kompression eine isolierte Dilatation hervorgerufen werden. Kaudal gelegene Tumoren
bedingen bei entsprechender Größe durch I)ruck eine Abtlußbehinderung in den subpelvinen
Urcterabschnittcn. Die sogenannte stumme Niere kann bei vergrößertem Nierensehatten sowohl
Ausdruck eines Tumors als auch Zeichen einer zystischen Degeneration oder ausgeprägten
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Gutartige Nierentumoren treten wegen ihrer geringen Größe meist nicht in Erscheinung.
Differentialdiagnostische Schwierigkeiten bereiten sie jedoch bei Größenzunahme mit Formänderung der Niere und Verdrängung des Hohisystems. Auch beidseitiges Auftreten großer
benigrier Tumoren ist möglich, doch sehr selten. Khilnani berichtet über 6 Fälle von Hamartolipomen der Niere (2 davon bilateral). Als Charakteristikum wird eine dem Sitz des Tumors
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Formänderungen der Niere und ihre röntgenologische Beurteilung
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Hydronephrose sein. Gelingt eine Klärung durch retrograde Kontrastmitteldarstellung nicht,
bleibt - wie bei allen unklaren Nierenprozessen - als letzte röntgenologische Methode (lie
Nierenbeckentumoren können durch eine Abfiußbehinderung am pyeloureteralen bergang
einen (lie Niere überragenden Tumorschatten hervorrufen. Sie sind meist im Urogramm durch
einen umschriebenen, glatt oder unregelmäßig konturicrten Füllungsdefekt charakterisiert. Eine
Artdiagnostik bezüglich der Gut- oder Bösartigkeit (les Tumors ist häufig sehr schwierig. Auch
hier hilft die Angiographie weiter. Geschwülste der Nierenkapsel und Nebenniere führen bei cntsprechender Größe wohl zu Form- und Lageänderungen der Niere, bedingen jedoch kaum Veränderungen am Hohisystem selbst. Lediglich dic Nebennierenkarzinome breiten sich häufig in
Richtung der Niere aus, wachsen in sie hinein und sind dann von den Nierenkarzinomen nur noch
schwer zu trennen. Es finden sich Deformierung und Destruktion der benachbarten Hohlsysteinanteile.
Ilydronephrotisch bedingte Nierenvergrößertmgen können auch zu tumorähnliehen Formänderungen der Niere führen. Die Diagnose ist mit Hilfe der retrograden Füllung in der Regel
nicht schwierig.
Tumorsehatten vortäusehende Anomalien der Niere lassen keine destruktiven, mitunter
jedoch entzündliche Veränderungen am Hohlsystern erkennen. Hohlsystemanomalicn weisen
frühzeitig auf dic richtige Diagnose (Abb. 2). Eine endgültige Klärung ist meist durch die Angiographie möglich.
Die Ge/ä/ldarstellung der Niere ist für die differentialdiagnostisehe Beurteilung der expansiven Nierenprozesse von unschätzbarem Wert. Als einzige der zahlreichen röntgenologiselien
Methoden erlaubt sie bei den Tumoren eine zuverlässige Artdiagnostik und Aussagen über die
Ausdehnung des Prozesses. Sie vermittelt ferner ein genaues Bild über das vorhandene funktionstüchtige Parenchym und die Gefäßversorgung der Niere. Trotz ihres großen diagnostischen
Wertes macht sie jedoch clic Routinemethoden keineswegs überflüssig.
Für die Beurteilung des angiographischen Bildes Ist die Beachtung folgender Punkte von
Wichtigkeit:
Wie ist das Verhältnis des funktionstüchtigen Nierenparenchyms zur Lumenweite der
Arteria renalis und ihrer großen Äste.
Bestehen Abweichungen von der normalen Gefäßarchitektonik.
Sind pathologische Gefäße nachweisbar.
Dic Lumenweite der A. renalis und ihrer Äste steht in einem direkten Verhältnis zur Masse
des vorhandenen funktionsfähigen Nierenparenchyms. Parenchymzu- oder -abnahme führt zu
einem gleichen Verhalten des Gefäßlumens. Diese Regel wird nur von cien größeren hypernephroiden Tumoren der Niere durchbrochen. Infolge ihres Gefällreichtums und vermehrten
Durehflusses (arteriovenöse Kurzschlüsse) haben die zu- und abführenden Gefäße ein weiteres
Lumen als die Gefäße der Gegenseite. Umgekehrt liegen (lie Verhältnisse beim Untergang des
Nierenparenehyms durch gefßarme expansive Prozesse. Als Folge der Anpassung an den
dadurch verminderten Bluthedarf des restlichen Parenchyms werden die Arteria renalis und ihre
Äste kaliberenger.
Expansive Nierenprozesse führen bei entsprechender Größe sämtlich zu einer Änderung
des gesetzmäßigen Gefäßverlaufes. Charakteristisch ist für alle Fälle die Gefäßverdrängung.
Dabei sind die einzelnen Gefäßäste je nach Lage und Größe des raumfordernden Prozesses einseitig verdrängt und gebündelt oder gespreizt.
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renale Angiographie.
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Abb. 2a
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Abb. 2b
Abb. 2. Entwieklungsanoinalie der Niere. Auf der Abdomonleeraufnahme und dein Ausseheidungsurogramni
Vortäuschung eines Tumorsehattens im Bereich des oberen Nieronpoles. Das Angiogramm zeigto eine Anomalie
der Gefäl3versorgung. In der Spätphase Darstellung des hydronephrotisclien oberen Kelchsystems (a). b) Resektionspräparat (l)oz. Dr. Kos1oysI. Dr. Gaca, Chirurgische Universitätsklinik Freiburg i. Brsg.). Untere Kanüle
im entzündlich stenosierten oberen Ureter bei Ureter tissus.
1m einzelnen sind folgende Merkmale typisch. Die häufig einem Nierenpol aufsitzenden
gefälllosen Solitärzysten führen lediglich zu einer Verdrängung der entsprechenden peripheren
Äste. Der Befund ist allerdings bei peripher sitzenden Z sten nicht sehr ausgeprägt. Kapselgefäße, clic an der äußeren Oberfläche der Zyste verlaufen. sind sehr zart und manchmal etwas
geschlängelt. Sie dürfèn nicht mit pathologischen Gefällen bei Tumoren verwechselt, werden.
Mehr zentral gelegene Zysten imponieren im Angiogramm wie scharf begrenzte gefäßleere Prozesse
und bedingen ebenso wie gutartige Tumoren eine Spreizung der Gefäße, welche den Prozeíl
bogig umgreifen. Bei multiplen größeren Zysten sind mehrere Segmentarterien und deren Äste
betroffen. Gleichzeitig tritt als Anpassung an dic Verminderung des funktionsfähigen Nierenparenehyins eine 1?are/izseruiuj cies Gefäßbaurnes mit Kaliberahnahme auf. In diesem Stadium
ist die angiographische Abgrenzung gegenüber einer Hydroncphrose mit maximaler Erweiterung
der Hohisystenianteile seh wierig (Abb. 3 a--h). WTeniger ausgeprägte Hydronephrosen führen
zwar auch entsprechenct der Parenchymabnah.me zu einer Lurnenabna}iine und Rarefizicrung (Ter
Gefälle, ihnen fehlt aber (lie bogige Verdrängung der großen Aste, dic Segmentarterien verlaufen
geradlinig (Abb .3 b).
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Abb. 3a
Abb.3c
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Abb. 3b
Abb.3d
Abb. 3. Typische Angiogramme (arterielle Phase) der verschiedenen expansiverl Nierenprozesse: a) zystische
Degeneration (doppelseitig), b) länger bestehende Hydronephrose, e) Solitärzyste oberer Nierenpol, d) hypernephroider Tumor der Niere.
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Nierenaliszesse imponieren wie gefäßarme expansive Prozesse. Ihre Abgrenzung
gegenüber (1er Umgebung ist meist (lurch
(lie stark hyperämische Randzone möglich
(Vogler und Herbst). De Vries berichtet
übei einen wahrscheinlich posttraumatisch
entstandenen Nierenkarbunkel, der angingraphisch von einem gefäl3reiehen hyper-
Gefäßbaumes. Gutartige Nierenkapsel- oder
Nehennierentumoren verhalten sich ähnlich
und führen kaum zu einer Verdrängung der
renalen Gefäße.
i)ie Angioarchitcktonik der hyper-
nephroiden Tumoren ist in der Regel so
charakteristisch, da li differentialdiagnostisehe Schwierigkeiten kaum entstehen. Am
Beginn der arteriellen Phase ist im Tumor
selbst noch der ursprüngliche Gefäß baum
erkennbar. Die dem Tumor benachbarten
Äste der Arteria renalis sind selialenförmig
auseinandergedrängt und dabei gebündelt.
Sic gehen z. T. duckt in die Tumorgefäße
über.
Abb. 4e
Abb. 4. Hypernephioider Tumor der Niere. a) Spkte
arterielle Phase: unentwtrrbares Netz pathologischer
Tumorgefäße. Zufluß über die erweiterte A. renalis und
untere Lumnhalarterïe. b) Parenchymphase : wolkige Kontrastmittelanfärbung im Tumor. Linke Niere unauffililig.
Etwa am Ende der arteriellen Phase
kommt es dann zur Anfärbung der pathologischen Gefäße, (lie ein unentwirrbares
Netz bilden und irregulär verlaufen. Ihnen
fehlt jeder geordnete histologische Aufbau,
sie haben oft nur die Beschaffenheit von
EndotheIrohren, sind streckenweise dilatiert
und weisen häufig ancurysmatisehc Ausbuchtungen auf (Ribbert). l)a hierdurch das Verhältnis
Lumenweite der zuführenden Gefäße zu durehströmter Peripherie verlorengeht, kommt es zu
einer Durchfiußverlangsamung. kenntlich an der Stase des Kontrastinittels. Die Tumoranfär.
bung bleibt länger erhalten als (lie des übrigen Nierenparenchyms (Abb. 4), und es finden sich
irregulär begrenzte Kontrastmittclanhäufu ngen.
Durch arteriovenöse Kurzschlußverbindurigen sind andererseits auch frühzeitig abführende
venöse Gefäße erkennbar (Boijsen und Folin, Vogler). Zur Charakterisierung der Tumorgefäl3e
gehört ferner, daß ihnen die baumartige Aufzweigung fehlt, sie nehmen einen gesehlängelten
Verlauf und haben meist korkenzieherartiges Aussehen. Hypernephroide Tumoren sind in der
Mehrzahl reichlich vaskularisiert. Der Mangel an pathologischen Gefäßen schließt jedoch einen
malignen Tumor nicht aus. Die für ein Malignom typische Angioarchitektonik kann bei massiven
Blutungen in den Tumor und zentralen Nekrosen fehlen. In solchen Fällen sind auch einzelne,
in der Peripherie immer noch nachweisbare Tumorgefäße pathognomonisch. Bei avaskulären
malignen Nierengesehwülsten sollen pathologische Gefäße völlig fehlen. Gefäßarrosion kann im
Angiogramm zu einer gleichzeitigen Darstellung des entsprechenden Anteiles des Hohlsystems führen (Kallenberg). Die Versorgung (les Tumors geschieht bei intrarenalem Wachstum ausschließlich
über die Arteria renalis. Bei Übergreifen auf die Nachbarschaft können auch andere Aortenäste
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nephroiden Tumor nicht zu trennen war.
Perinephritisehe Abszesse verdrängen nur
bei entsprechender Ausdehnung Teile des
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Abb. 4b
zusätzlich die Versorgung mit übernehmen (Abb. 4). Doppelseitige hypernephroide Tumoren
sind äußerst selten. Rumrnelhardt teilt einen eigenen Fall mit und berichtet über 12 weitere der
Weltliteratur.
Das Gefäßbild der bösartigen Nierenkapsel- oder Nebennierentumoren ähnelt in seinem
Aufbau dem der hypernephroiden Tumoren. Unterschiede finden sich nur in der Stärke der
Vaskularisation. Auch atypisch in der Nachbarschaft der Niere gelegene Nebennierentumoren
(Phäoehromozytome) sind mit der Angiographie zu erfassen (Lélek). Differentialdiagnostische
Schwierigkeiten treten meist nur dann auf, wenn es aus technischen Gründen nicht gelingt,
(lie zuführenden Gefäße zu füllen. Ähnlich liegen die Verhältnisse bei den Nierenbeckentumoren.
Boj jsen empfiehlt in diesen Fällen eine selektive renale Angiographie und verhindert dadurch
störende flberlagerungen durch abdominellc Gefäße. Von Wichtigkeit scheint uns hier auch
die Zahl der exponierten Filme zu sein. Eine Untersuchung mittels Schnellserie hat einen größeren
Aussagewert als Einzelaufnahmen. Auch bei (len bösartigen Nierenbeckentumoren finden sich
angiographisch pathologische Gefäße wie bereits skizziert. Die Vaskularisation ist jedoch bei
weitem nicht so stark wie bei den hypernephroiden Tumoren. Erwähnt sei auch, daÍ3 expansive
Prozesse im Nierenhilusbereich zum Verschluß der zu- oder abführenden Nierengefäße führen
können (Auriq, Creevy und Price).
Das renale Angiogramm erlaubt nicht nur Aussagen über Abweichungen der normalen
Angioarchitektonik, in der Kapillarphase ist auch eine Beurteilung des Nierenparenehyms
möglich. Sämtliche expansiven Prozesse bestimmter Größe mit Ausnahme der gut vaskularisierten hypernephroiden Tumoren sind an einer der Form und Lage des Prozesses entsprechenden
Kontrastmittelaussparung mit deutlicher Abgrenzung gegenüber dem normal durchbluteten
Parenehym erkennbar. Dic Nierenoberfläche überragende größere Solitärzysten weisen dabei
als charakteristisches Merkmal den sogenannten Parenchymsporn auf. Das Parenchym umgreift schalenförmig dic Zyste, wobei der Rand der Schale im Röntgenbild wie eine Ausziehung
imponiert. Die Differentialdiagnose zwischen grobzystischer Degeneration und ausgeprägter
21
Röntgenfortschrote 99, 3
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Röfo 99, 3
a
Abb. Sb
Hydronephrose bereitet hier ebenso wie das
Angiogramin dieser beiden Erkrankungen
manchmal gewisse Schwierigkeiten. Einseitigkeit (les Prozesses spricht ebenso wie ein
waridständiger Parenchym saum mit glatter
Oberfläche mehr für eine Hydronephrose.
Füllungsdefektc an der Nierenoberfläche
sind dagegen Ausdruck einer zystisehen
Degeneration (Olsson). Kapsel- und Neben-
nierentumoren zeigen bei der sciektiven
renalen Angiographie meist keine Anfärbung und sind dadurch vom Nierenschatten
abgrenzbar.
Wir haben bereits erwähnt, daß
hypernephroide Geschwülste frühzeitig
mctastasieren können und dabei Beschwer-
den hervorrufen, die zwar dem Lokalbe-
fund entsprechen, jedoch nicht auf den
Abb. 5e
Primärtumor hinweisen. Je nach Lage dieser Mctastasen ist es möglich, sie angiographisch zu erfassen. Als Beispiel zeigen
wir eine faustgroße Metastase in der rechten
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Abb.
Abb. 5. Mete stase eines I iyl)eiIiepll roi dcii Tumors in der Recken se ni ufeL a) Toniograi mii Seim ¡cutI efe 9,5 ('1 n
h) und e) typ sILes Angiogra in ii cines get 513iei ei ici m ¡1181 ign en Tui norM.
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Formänderungen der Niere und ihre röntgenologische Beurteilung
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Beckensehaufel, die isehialgiforme Beschwerden ver-
ursachte. Im Angiogramm zeigt sie das typische
nom charakteristischen Symptome. WTeitere Metastasen waren nicht nachweisbar. Erwähnt sei auch noch
das Auftreten you Rezidiven tiacli Primärtumorentfernung. 1)iese können erhebliche Größe annehmen,
imponieren dann wie i ntraabdomina le Prozesse
(holm) und führen zur Verdrängung (lee Nachbarorgane (Aurig). Der angiographische Nachweis dieser
Geschwülste ist für (lie Diagnostik äußerst wertvoll.
im Rahmen der differentialdiagnostisehen Beurteilung expansiver Nicrenprozesse müssen auch (lie
kongenitalen Anomalien der Harnorgane berücksichtigt werden. Diese mit Formänderungen der Niere
einhergehenden Anomatien imponieren häufig wie
intrarenale Tunui'schatten besonders (jan11. wenn
eine Größendifferenz zwischen rechts und links besteht. Auch Lageabweichungen mit 0(1er ohne \7ersehmelzung beider Nieren können zu diagnostisehen
Irrtümern führen. cia (lie Routinemethoden in einem
Teil der Fälle zur Beurteilung nicht ausreichen. Die
Angiographie hat in solcheii Fällen einen großen
Aussagewert, wenn nicht zusätzlich hydroneplirotische, zystische oder tumoröse Veränderungen (Deak)
das Bild kompliziereii. Den Form- und Lagcanonialien
fehlen die charakteristischen Gefäl3veränderungen
der raumfordernden Prozesse. Kontrastmittelaussparungen in der Parcnchymphase sind nicht nach-
Abb. b.
Entwicklungsanomalie der Nieuc, einen Tumorsehatten am unteren Pol vortäuschend.
Anomalie der Gefäßversorgung.
weisbar. Typisch für dic kongcnitale Miílbilclung sind
dagegen Abweichungen von der normalen Gefäßversorgung. Die Nieren werden meist (lurch mehrere Arterien versorgt, (lie sowohl aus der Aorta als
auch aus (len großen Beckengefäßen entspringen können (Abb. 6).
Hohlsystcin- und Gefäi3darstelhing sind bei der röntgenologischen Beurteilung unklarer
Form- und Lageänderungen der Niere sowie zur Erfassung expansiver, renaler Prozesse als die
Methoden der Wahl anzusehen. Beide Untersuchungen ergänzen sich in ihrem Aussagewcrt
und gesfatten in Verbindung mit dem klinischen Befund fast ausnahmslos clic Diagnose. Darüber
hinaus erlaubt clic Gefäßdarsteilung auch die Erfassung extrarenal gelegener Prozesse, clic mit
den Routinemethoden manchmal schwierig zu differenzieren sind.
I)ie übrigen röntgeuiologischen Untersuchungsmethoden haben nur untergeordnete Bedeutung. So ist das Pricumoretroperitoneum in (len meisten Fällen durch clic renale Angiographie
zu ersetzen. Die sogenannte Renovasotomographie (Krokowski) imcl die intravenöse Aortographie (Steinberg, Rat/ce) bieten keine Vorteile, clic ihre routinemäßige Anwendung rechtfertigen.
Auch ist ihr Aussagewert gegenüber den genannten Methoden gering.
Zusammen fassung
Expansive intrarenalo Prozesse weisen urographisch und angiographisch charakteristische Veränderungen
auf, die eine differentialdiagnostisehe Abgrenzung ermöglichen. Als Leitsymptom gelten Verdrängung, Kompression und Destruktion des Hohisystems sowie Lumenanderung, Verdrängung und Rarefizierung des OefäI3-
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Gefä!3bild eines stark vaskularisierten malignen Tnmors (Abb. 5). Dem etwa eigroßcn Primärtumor in
der rechten Niere fehlten klinisch dic für ein Malig-
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baumes. Der Nachweis von pathologischen Gefäßen ist signifikant für einen malignen Prozeß. Die Abgrenzung
gegenüber extrarenalen Tumoren und kongenitalen Anomalien, welche je nach Lage und Form einen expansiven Nierenprozeß vortäuschen, ist durch (lie renale Angiographie meist möglich.
Sum mar y
Space occupying lesions in the kidney produce characteristic urographie and angiographie changes which
permit a differential diagnosis. The major signs are displacement, compression and destruction of the collecting
system. and changes in the lumen, displacement and thinning of the vascular tree. The demonstration of pathological vessels is diagnostic of a malignant process. Differentiation from extrarenal tumours and congenital
abnormalities which may imitate a renal mass can usually be achieved by means of renal angiography. (F.St.)
R e s u in e n
Los procesos expansivos intrarrenales muestran alteraciones urográficas características que permiten
una delimitación diagnóstico-diferencial. Se consideran, como sintomas guías, los desplazamientos, compresiones y destrucciones del sistema cavitario así como las alteraciones del lumen y el desplazame into y
rarifieación (101 árbol vascular. La demostración de vasos patológicos habla a favor de un proceso maligno.
Mediante la radiografía renal es posible, en general, la diferenciación con respecto a tumores extrarrenales y
las anomalías congénitas que. según localización y forma, pueden simulai un proceso renal expansivo.
(5.0e.)
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R é s u in é
Les affections intrarénales envahissantes présentent à l'urographie comme à l'angiographie des modifications caractéristiques qui permettent un diagnostic différentiel. Les symptômes déterminants sont constitués par un déplacement, une compression et une destruction des cavités rénales ainsi qu'une modification
de la lumière, un déplacement et une raréfacti()n des vaisseaux. La présence (le vaisseaux pathologiques est
caractéristique pour l'existence d'une tumeur maligne. L'angiographie rénale permet généralement de différencier les tumeurs extrarénalos des anomalies congénitales, qui peuvent selon leur situation et leur forme
ressembler à une affection rénale à développement expansif.
(A,-M.M.)
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