Architektur

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14. August 2009
Architektur
MAGAZIN
Ettore Balli, einflussreicher Arzt und Chirurg, liess
1899 seine Villa in unmittelbarer Nähe zum Grand
Hôtel erbauen. In dem imposanten Gebäude
sollen nun acht neue Wohnungen entstehen
Die Familie Balli
Die im 13. Jahrhundert in Fusio bezeugte Familie Balli erscheint später in Cavergno und seit
dem Ende des 18. Jahrhunderts in Locarno. Zwei
Zweige der Familie sind wichtig für die Entwicklung der Stadt Locarno und des Locarnese in der
Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert.
Drei Söhne von Valentino Alesandro Balli (1796
-1863) und Regina Della Via von Dongo (I)
(1811-1876), Francesco Alessandro (1852-1924),
Federico (1854-1924) und Emilio (1855-1934)
widmeten sich vor allem der verkehrstechnischen
und touristischen Erschliessung sowie der Erforschung von Stadt und Umgebung. Als Stadtpräsident von Locarno (1896-1913) trug Francesco
Balli Entscheidendes zur Erneuerung von Stadt
und Umgebung bei, u. a. durch die Förderung des
Baus der regionalen Bahnlinien (Maggiatalbahn
1907, Centovallina 1923). Federico Balli errichtete in Bignasco das Hôtel du Glacier (1883, heute Wohnhaus) und widmete dem Vallemaggia
mehrere Schriften. Emilio Balli unterstützte die
archäologischen Ausgrabungen in Tenero, Cavigliano und Muralto, gründete 1900 das Museo di
archeologia e storia naturale in Locarno und
wurde dessen erster Direktor.
Ein anderer Zweig widmete sich der Stadt als
Touristen- und Kurort. So gehörte der mit Domenica Schenardi (1829-1909) verheiratete Advokat Giacomo Balli (1823-1876) zu den Gründern
der Società del Grande Albergo, die 1874-1876
das von Architekt Francesco Galli (1822-1889)
entworfene Grand Hôtel in Muralto erbauen liess.
Die Entstehung des Grand Hôtel steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Eröffnung der
Gotthardlinie (Bahnlinie Bellinzona – Locarno
1874, Gotthardtunneleröffnung 1882), womit der
Weg in den Süden für Touristen und Kurgäste offen war, was den Anstoss zu einer grossen städtebaulichen Entwicklung Locarnos gab.
Sohn Ettore Balli (1866-1941, links im Porträt
von Clara Wagner-Grosch) war Arzt, Chirurg und
Kurarzt von Locarno, besuchte als Sanitätshauptmann italienische Kriegsgefangene in Deutschland während des 1. Weltkriegs
und war Präsident des Verwaltungsrats des Grand Hôtels. 1899
liess er von Architekt Olinto Tognola (1861-1924) seine Villa erbauen. Am 5. Juli 1906 heiratete
er Céline Nessi (1882-1968, im
Portät von Clara WagnerGrosch). Das Hochzeitsmenu der
Noces Balli-Nessi am reich gedeckten Tisch unter den Deckenmalereien des Saals im Grand
Hôtel war ein unendlicher Reigen
durch Speisen französischer Namen wie Cassolettes d’Evrèvisse Monseigneur,
Rondelettes de Tête de Veau, Rondes de Filet de
Boeuf monté al la Duchesse, Coeur de Laitue Romaine en salade, Primeurs de fruits zu Weinen
wie Chablis, Château Lafitte und G. H. Mumm
extra dry. Mit diesem Fest vereinten sich zwei
bedeutende und reiche Locarneser Familien. Der
mit Baldomera Duarte aus Argentinien (18541924) verheiratete Kaufmann Aldo Nessi (18491918), der Vater von Céline Nessi, baute nach seiner Rückkehr aus Argentinien 1898 die Villa Buenos Aires hinter dem Kursaal (abgebrochen), eine der ersten Villen im Quartiere Nuovo.
Ein Bruder von Ettore Balli, Luciano Balli (18561907), Ingenieur, Bürgermeister von Muralto,
Verwaltungsrat des Grand Hôtel und der Funicolare Madonna del Sasso (1906) verwirklichte das
erste Kraftwerk des Locarnese in Brione sopra
Minusio mit Stausee im Val Resa, das den Strom
fürs Grand Hôtel und die Strassenbeleuchtung
von Muralto lieferte.
Ein Neffe von Ettore Balli, der mit Berta Franzoni (1891-1982) verheiratete Aldo Balli (18801970), ist der Stifter der Privatklinik S. Agnese.
Ausgangspunkt der Klinik war seine Villa Fiori-
Die Villa Balli in Muralto
von Annegret Diethelm und Attilio d’Andrea, www.adad.ch
Eine historische Aufnahme der Villa Balli. Ein Bild der Zeit um die Jahrhundertwende vermittelt
das INSA, Inventar der neueren Schweizer Architektur 1850-1920, Band 6, Bern 1991
ta in Muralto. Von der Familie Franzoni sei der
bedeutende Maler Filippo Franzoni (1857-1911)
erwähnt. Pia Balli (geb. 1918), die Tochter von
Aldo und Berta Balli-Franzoni lebt noch heute in
der neuklassizistischen Villa Liverpool an der Via
Gottardo, die 1857 für den von Liverpool zurückgekehrten, ehemaligen Kaminfeger und durch Handel reich gewordenen Lodovico Pedroni erbaut wurde.
La Palazzina
Die vom Architekt beinahe liebevoll Palazzina genannte Villa
Balli erhebt sich im oberen Abschnitt eines zwischen dem
Bahnhofplatz und der Via Sempione ansteigenden, üppigen exotischen Parkes mit Bananenstauden, Palmen und grossen Bäumen, die der ursprünglich geordneten Gartenarchitektur längst entwachsen sind.
Kurarzt Ettore Balli platzierte seine Villa mit
Arztpraxis um 1899 inmitten der neu entstanden
Hotels in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs
gleichsam im Zentrum seines Wirkens und in
grösster Nähe zum gesellschaftlich bedeutenden
Leben der Jahrhundertwende mit all seinem
Glanz, seiner Kultur und Betriebsamkeit. Gleich
auf der gegenüberliegenden Seite der Via G. Battista Pioda liegen das ehemalige Hotel Palace
(heute Wohnungen) und das
Grand Hôtel; bergseits der Villa
fanden sich weitere Hotels, unter anderem die Villa Muralto,
wo Rainer Maria Rilke im Winter 1919/1920 einige Monate
verbrachte.
Der Vergleich mit den 1899 datierten Bauplänen von Architekt
Orlinto Tognola zeigt, dass sich
die Villa Balli – abgesehen von
punktuellen, wohl noch vor dem
Bau vorgenommenen Änderungen – heute noch in ihrem Originalzustand befindet. Einzige Eingriffe sind der
dezente Einbau des Liftes und der Ausbau des
Dachgeschosses (ehem. Dienstbotenzimmer) zur
Mietwohnung 1934, für die sich ein Mietvertrag
zwischen Ettore Balli und einer Frau
Cruschtschow aus dem fernen Russland erhalten
hat.
Das imposante Gebäude erhebt sich mit zwei hohen Geschossen und einem niederen Mezzaningeschoss über einem Sockelgeschoss und wird
von einem bewegten Walmdach abgeschlossen.
Einzelne Fassadenabschnitte treten vor oder zurück; talseits ist eine repräsentative Balkonkonstruktion mit Kunststeinsäulen und reichen
Schmiedeisengittern eingefügt, bergseits eine
halbrunde, vollständig verglaste Veranda, gleich
einer Apsis. Das zentrale Treppenhaus manifestiert sich an der bergseitigen Fassade durch den
Haupteingang und zwei übereinanderliegende,
durch Rundbogen abgeschlossene Fensterreihen.
Die regelmässige Fassadenordnung bedient sich
Schmuckelementen aus der Renaissance, wie Rillenputz im Erdgeschoss, Segmentbogen oberhalb
der Fenster des piano nobile, kleinen vorangestellten Säulen beim Mezzaningeschoss.
Wichtigstes Element des Innern ist das herrschaftliche Treppenhaus mit seinen breiten Granitstufen, dem bereits vom Jugendstil geprägten
Schmiedeisengeländer, der gekonnten Illusionsmalerei (Marmor, Ornamente) an den Wänden
und dem Deckengemälde, das zwischen Ornamentbändern und einem kleinen, sich umarmenden Sirenenpaar den Blick auf einen luftigen,
leicht bewölkten Himmel freigibt. Auf drei Seiten schliessen sich die Wohn- und ehemaligen
Praxisräume des Doktor Balli an. Reich in architektonischen Formen gestaltet sind die Türrahmen, interessant die feingliedrigen Fenster mit
den abgerundeten Ecken, den Jalousieläden, die
sich in die Aussenmauern schieben lassen und die
Innenläden, die geöffnet zum Täfer der Fensternischen werden.
Im Erdgeschoss haben sich schöne Parkettböden erhalten, in den
Vorräumen und Gängen reiche
Terrazzoböden. Da und dort sind
Deckenmalereien offen einsehbar, anderswo noch durch einen
späteren Anstrich verdeckt. Besonders reizvoll sind die seltenen
erhaltenen Tapeten, so eine
leuchtend grüne Bespannung mit
kleinen, in Ornamenten eingefügten Figuren und ein Stück einer
hinter einem Kasten erhalten gebliebene Blumentapete.
(Ganz herzlichen Dank an Frau und Herr Wüthrich, Brione s/M, für die Infos zur Villa Balli)
Der Architekt
Zeitgeist
Olinto Tognola
(1861-1924)
Hinweis auf das aktuelle Umbauprojekt
ERSTMALS bezeugt ist die Familie Tognola
mit den Brüdern Gaspare und Michele Toniola, die sich in der Mitte des 15. Jahrhunderts als Maurer von Cremona (I) herkommend in Castaneda (Misox) niederliessen.
Von Architekt Olinto Tognola sind in Muralto
die Villa Balli (1899) und die architektonisch spannende, 1911 für Attilio Zanolini
im Stil der italienischen Neurenaissance erbaute Villa Rovana (Via del Sole 19) mit ihrer gläsernen Vorbau an der Via del Sole
bekannt.
ZURZEIT kündigen hohe Stangen und eine Tafel bei der Villa Balli an, dass sie von der iver AG zu einem Mehrfamilienhaus mit acht Wohnungen umgebaut werden soll (Bezug Sommer 2010). Auch wenn die reich gestaltete, original erhaltene Architektur und Ausstattung weitgehend erhalten bleiben soll, so sind doch einige Eingriffe geplant, die den Ausdruck des Gebäudes mindestens partiell verändern werden, so der Ersatz des heute
bewegten Daches durch ein einfaches Walmdach mit Attikawohnung, der halbrunden, bergseitigen Glasveranda durch eine über alle Geschosse reichende Verglasung mit rechteckigem Grundriss und die Einfügung von
Balkonen gegen das Grand Hôtel. – Der ebenfalls der iver AG gehörende Autosilo soll einem Neubau weichen,
die Autoabstellplätze werden in eine neue unterirdische Garage im jetzigen Villenpark versetzt, der Park sodann neu gepflanzt und als hortus conclusus mit hohen Mauern gefasst. – Eine architektonische Vision, welche einen ersten Schritt zur Verbesserung der heute etwas unglücklichen Verhältnisse beim Bahnhof Muralto
sein möchte, nachdem die Pläne um das Grand Hôtel, vorerst einmal gescheitert sind. Es bleibt zu hoffen,
dass bei diesem grossen Bauvorhaben an diesem örtlich und geistig zentralen Punkt Muraltos und Locarnos
die Aufmerksamkeit und die Rücksicht auf die architektonische Qualität der Villa Balli mit all ihren reichen, originalen Gestaltungselementen aus einer äusserst lebendigen Zeit der Stadt nicht vergessen geht!
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