Der Erste Mai - Kleine Gedanken von Wilfried K. Held

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Der Erste Mai
Mehr als ein Sozialdemokratischer Feiertag
Meine erste Begegnung in Wien mit dem Ersten Mai stellte ich mir anders vor. Es fuhr nämlich kein
öffentlicher Verkehr. Der anfängliche etwas komisch anmutende Gedanke, dass Wien mehr oder weniger
still stehen würde, entpuppte sich alsbald als sehr reizvoll. Es ist wirklich schön, die Stadt zu genießen, wenn
einmal weniger los ist. Abgesehen davon war es für die vielen Bediensteteten der Wiener Linien der einzige
kollektive freie Vormittag. Somit konnte mensch dies auch als Zeichen der Wertschätzung gegenüber jenen
sehen, die einen relativ reibungslosen öffentlichen Verkehr bedienen. Aber auch dies sollte sich mit der Zeit
ändern. In einer serviceorientierten Welt konnte mensch es sich irgendwann nicht mehr vorstellen, dass der
öffentliche Transport einen Halbtag – noch dazu ein Feiertag – still stand. Und die Bediensteten der Wiener
Linien konnten nicht mehr kollektiv am Ersten Mai teilhaben. Nein, der Verkehr muss rollen, die Stadt muss
in Bewegung sein, und die Bürger*innen dürfen nicht auf den blöden Gedanken kommen, dass eine Stadt
auch einmal ohne fahrenden oder rollenden Untersatz erlebt werden kann. Hier wurde aus den falschen
Gründen eine Chance vertan. Der öffentliche Verkehr verfügt in Wien alles in allem über einen sehr
umweltfreundlichen Fuhrpark, dennoch könnte mensch dem noch ein wenig ein ökologischeres Gesicht
geben: Stichwort 1. Mai als autofreier Tag zum Beispiel.
Sinnentleertes Ritual ?
Der Erste Mai verfügt über eine lange Geschichte. Ziemlich genau 120 Jahre wird er von den sozialistischen
und sozialdemokratischen Parteien begangen. Der erste Mai ist in Wien vor allem das Fest der
Sozialdemokratie. Die Betonung liegt dabei wirklich auf dem Begriff „Fest“. Wie bereits angedeutet ist der
Ursprung des Ersten Mai eng mit der Arbeiterbewegung verknüpft. Es handelte sich vom Ursprung her um
einen Kampf- und Feiertag der internationalen Arbeiterbewegung, der an die Bewegung für den
Achtstundentag in den USA anschloss und den die II. Internationale in Paris 1889 als Festtag für das
Proletariat bestimmte. Ab 1890 wurde der 1. Mai von den Sozialist*innen in Wien und anderen Städten
festlich begangen und 1919 als Staatsfeiertag eingeführt. Der Erste Mai verfügt also über eine Tradition von
120 Jahren. Interessanterweise wurde der Feiertag unter dem Ständestaat und im Nationalsozialismus - wenn
auch unter anderen ideologischen Gesichtspunkten - weiter geführt. Auch heute noch wollen rechte
Gruppierungen den Ersten Mai für sich in Anspruch nehmen. In den 70er Jahren übernahmen zahlreiche
andere linke und alternative Gruppen den 1. Mai als Feiertag. Neben dem politischen Ersten Mai gibt es noch
eine Reihe an Maifeierlichkeiten, in Form vom Volksfesten. Das Aufstellen eines Maibaumes, das Feiern der
Walpurgisnacht in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai fallen in die Kategorie Brauchtum und haben mit
dem Ersten Mai als Feiertag nichts zu tun, wenn gleich es zu einer Verzahnung von Brauchtum und Feiertag
kommt.
Auch wenn am 1. Mai verschiedene Brauchtümer im Kalender stehen, ist dieser Tag in Wien mit der
Sozialdemokratie verbunden. Die Grünen weichen auf den 30. April aus, an dem sie den „Tag der
Arbeitslosen“ begehen. Was am Anfang als Statement gedacht war, hat auch hier bereits eine ordentliche
Tradition. Im Jahr 2009 wurde der Tag der Arbeitslosen in Wien-Favoriten in der Nähe des Victor-AdlerMarktes begangen. Die „grüne“ Inszenierung solcher Veranstaltungen (um das Wort „Event“ nicht zu
benutzen) ist ein wenig anders. Weniger die „Masse“ zählt. Es ist überschaubarer und urbaner, sowie um
einen Tick „jugendlicher“ - verbunden mit einem Schuss Kultur in Form von Konzerten und
Kinovorführungen. Der Victor-Adler-Markt, gehört nach dem Gründer der Sozialistischen Partei (der
heutigen Sozialdemokratie) neben dem Rathausplatz oder dem Ballhausplatz zum parteipolitisch am
stärksten genutzten Platz. Erstens aufgrund seiner geografischen Lage im ehemaligen Arbeiterbezirk
Favoriten und andererseits ob seiner Symbolik. Für 2010 planen die Grünen wieder einen anderen Event am
Tag der Arbeitslosen. Diesmal soll ein Frühstück gemeinsam mit u. a. Bundessprecherin Eva Glawischnig
und EU-Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek vor dem Arbeitsmarktservice im 3. Bezirk am Esteplatz statt
finden. Laut Ankündigung präsentieren die Grünen im Rahmen der Aktion einen "Blauen Brief" an
Wilfried K. Held -
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Bundeskanzler Faymann und Vizekanzler Pröll. Ebenfalls am 30. April findet der traditionelle Fackelzug der
Jungsozialist*innen statt. Zahlreiche andere Veranstalter*innen begehen ebenfalls diesen Tag. Der read!!ing
room – Raum für (Alltags)kultur - veranstaltet eine Lesung unter dem Titel: „Von jenen, die arbeiten und
jenen, die es lassen.“ Bei dieser Lesung werden Texte von Günter Wallraff bis Alfons Petzold vorgetragen.
Besonders das Beispiel der Grünen zeigt, dass der Tag der Arbeit nach wie vor mit einem Tag der Lohnarbeit
gleich gesetzt wird.
Dass die Sozialdemokratie nicht nur an diesem Tag in Wien das Sagen hat (aber an diesem Tag besonders)
merkt man an der Farbe „rot“. Es gibt keinen Tag in Wien, an dem so viele Menschen in dieser Signalfarbe
uniformiert spazieren gehen. Es ist ja schon Allgemeingut, dass Rot als Farbe Aufmerksamkeit einfordert,
eine Kampffarbe ist, aber auch die Farbe des Blutes. Herr und Frau einfaches Parteimitglied kleidet sich in
irgend ein rotes Tuch und marschiert fröhlich zu einem der vielen Sammelpunkte in den Bezirken. Am
besten noch mit einem riesigen SPÖ auf dem Rücken. Die Minimalausstattung ist das so genannte „Erste
Mai“- Abzeichen, das zweifelsfrei die Zugehörigkeit zur Sozialdemokratie zur Schau stellen soll. Zusätzlich
sind diese so genannten Erste-Mai-Abzeichen, die nur bedingt Sammlerwert zu haben scheinen, eine
Möglichkeit für die Partei bei ihren Mitgliedern Geld einzunehmen. Das Spannende ist, dass diese „ErsteMai-Abzeichen“ genau die Haltbarkeit eines Tages haben, da das genaue Datum drauf steht: Mensch sieht
diese bunten Pins danach sehr selten am Revers eines Sakkos prangen. Dabei wären die meist in Rot
gehaltenen Pins ja eine einfache Möglichkeit sich auch im Alltag als Sozialdemokrat*in zu „outen“.
Dieser Anstecker, der im allgemeinen Parteijargon nur als „Mai-Abzeichen“ tituliert wird, ist nicht das
einzige Mittel um Identität und Zugehörigkeit zu vermitteln. Interessant ist der Begriff an sich: Abzeichen
werden normalerweise verliehen. Sie sind eine Auszeichnung oder der Beleg für eine erbrachte Leistung.
Dies ist bei den Pfadfinder*innen zum Beispiel so. Die „Mai-Abzeichen“ werden jedem Mitglied zur
Verfügung gestellt und sind daher keine Auszeichnung. Sie dienen in erster Linie dem Gelderwerb und in
zweiter Linie der Identitätsbildung. In der Online-Ausgabe von derstandard.at wurden dankenswerterweise
zwei Mai-Abzeichen gezeigt. Das aktuelle aus dem Jahr 2010 mit einer stilisierten roten Nelke und der
Aufschrift „120 Jahre 1. Mai“ und eine Anstecknadel aus dem Jahr 1890 mit der Aufschrift „Souvenir 1.
Mai“.
Wer das Abzeichen meidet, setzt auf ein altes Symbol der österreichischen Sozialdemokratie. Die Rede ist
von der roten Nelke. Freilich soll an dieser Stelle erwähnt werden, dass die rote Nelken nicht in allen
europäischen Ländern als Symbol verstanden wird. Die französische Sozialdemokratie setzt so schon seit
langem auf die rote Rose. Eingefleischte Sozialdemokrat*innen, die auch im Alltag ihre Parteizugehörigkeit
nach außen kommunizieren wollen, setzen – wie bereits gesagt – nicht auf das Mai-Abzeichen, sondern auf
eine stilisierte rote Nelke oder die drei Pfeile.
Das Hauptaugenmerk liegt jedoch nicht auf dem „Mai-Abzeichen“, sondern auf dem gemeinsamen
Marschieren zum Rathausplatz und dem Tragen von parteikonformen Spruchbändern. Alles wird nach dem
Szenario: „We are family“ ausgerichtet. Und wie in den meisten Familien, wird nach außen hin Einigkeit und
Geschlossenheit demonstriert. Querelen sind da fehl am Platz. Der Mai-Aufmarsch - wie diese Veranstaltung
auch im besten Militärjargon benannt wird - beinhaltet jedoch nicht nur eine Stärkung des
Zusammengehörigkeitsgefühls der Parteimitglieder untereinander. Er demonstriert auch Stärke nach außen –
darum spricht mensch ja auch vom einem Mai-Aufmarsch und nicht von einem Mai-Umzug. Allerdings
kann dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, das auch auf einer Nivellierung der Funktionär*innen mit der so
genannten Basis basiert (es marschieren alle zusammen!) durchaus temporär sein und sich nach dem
Einlangen auf dem Rathausplatz wieder auflösen. Spätestens dann ist die Hierarchie wieder gegeben. Die
Funktionär*innen und Mandatar*innen stehen auf der Bühne und die Basis zieht unten an ihnen vorbei...
winkend und gut gelaunt. Diese widersprüchliche Inszenierung zwischen Nivellierung und Hierarchie ist im
Medienzeitalter ein Kompromiss. Die digitalen Augen der medialen Berichterstattung sind nun einmal auf
die Bühne gerichtet und die Medienkonsument*innen bekommen so die Führungselite präsentiert. Oben auf
der Bühne befinden sich jene, die wählbar sind, jene, die gewählt werden wollen und unten das Zufußvolk,
dem natürlich eine prägnante Rolle als Chor zukommt. Ein weiterer Effekt besteht darin, dass die Damen
und Herren auf der Bühne sich auch so die Zustimmung und die Anerkennung ihrer Basis abholen können.
Man/frau stelle sich vor, dass
führend*e Funtionär*innen vom vorbeiziehenden Korso der
Zufußgekommenen ausgebuht werden würden. Die Auswirkungen wären fatal. Der oder die Kandidat*in
Wilfried K. Held -
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müsste sich ernsthafte Sorgen über seine oder ihre Wählbarkeit machen. Alles in Allem handelt es sich beim
Kampf- und Protesttag des Ersten Mai-Aufmarschs um Traditionspflege mit den klassischen Feiertagsreden
gepaart mit einer Leistungsshow der Sozialdemokratie.
Vielleicht ist der Wohlfühlfaktor auch ein Grund dafür, dass der „Erste Mai“- Aufmarsch so populär ist.
Populär und ein wenig populistisch. Der Volksfestcharakter ist durch fröhlich fähnchenschwingende
Menschen, den immer wieder auftauchenden Musikkapellen und dem so genannten „Mercato rosso“ garantiert, wo nebst alten Buchbeständen aus der Buchhandlung in der Löwelstraße zumeist Essen und
Trinken gereicht werden. Das Ganze endet dann im Wiener Prater und im Schweizerhaus. Eine Tradition,
auf die man aufgrund der überteuerten und trinkanimierenden Stelzen zwar ohne Weiteres verzichten könnte,
aber wer entzieht sich schon gerne der Tradition. Mensch soll die Feste schließlich feiern, wie sie fallen. Die
Wiener SPÖ gefällt sich im Feste feiern. Das Donauinselfest, der Erste Mai, das Kanzlerfest, die neu
organisierten Bezirksfestwochen und viele kleine Feste mehr, gliedern und unterteilen den Jahreskalender.
Das Praterfest ist dabei eine Art Miniausgabe des Donauinselfestes. Mehrere Bühnen bieten ein vornehmlich
musikalisches Programm mit Bands der Marke „local heroes“. Auch hier steht das Programm unter dem
Motto Friede, Freude, Eierkuchen oder Pitschi-Patschi für alle. Die SPÖ präsentiert sich als Volkspartei mit
einem Panem et circenses im Wurschtlprater. Gerade in Wien sind diese Feste auch topographisch nicht
uninteressant. Während die SPÖ die großen Naherholungszentren der Stadt maßgeblich bespielt (Donauinsel
und Wiener Prater). Die Nähe dieses Feiertags zum Wiener Prater wird auch durch eine Straße symbolisch
niedergeschrieben. Die Straße des 1. Mai befindet sich direkt im Wiener Prater.
Alternativen:
Seit 1999 hat der 1. Mai besonders in Wien eine zusätzliche Bedeutung. Er ist zum Gedenktag für Markus
Omofuma geworden. Marcus Omofuma wurde am 1. Mai 1999 per Flugzeug abgeschoben. Die
begleitenden Beamten verklebten Omofuma den Mund, weil er angeblich randalierte. Er erstickte qualvoll.
Der Erste Mai ist somit auch ein Mahntag und ein Gedenktag an einen Menschen, dessen Leben und Tod,
den – sagen wir es einmal so – „sehr rigorosen“ Umgang mit Asylwerber*innen in Österreich dokumentiert
und brandmarkt. Mit anderen Worten: Aktivist*innen versuchen beim Ersten Mai-Aufmarsch auf das
Schicksal von Omofuma im Besonderen und von Menschen in Schubhaft im Allgemeinen hinzuweisen.
Jahre lang bemühte mensch sich um die Aufstellung eines Omofuma-Denkmals in der Nähe des Rings, bis es
dann vorm Museumsquartier in Wien seinen Platz fand. Das Denkmal wird in schöner Regelmäßigkeit
geschändet.
Andere Parteien versuchen den Ersten Mai ebenfalls zu besetzen. Einige kleine Linksparteien und
Gruppierungen versuchen emsig die Genoss*innen doch noch davon zu überzeugen, dass ihre Ausrichtung
die einzige richtige und wahre ist – ob klassisch marxistisch oder doch eher ein wenig trotzkistisch,
vielleicht sogar noch ein wenig maoistisch - auf jeden Fall prononciert „links“. Sie säumen den Rand der
Prachtstraße des Rings und bemerken nicht, dass sie eigentlich Spalier stehen mit ihren Ständen für jene
Partei, die das Monopol für sich beansprucht. Die KPÖ – immerhin – einer der etablierten Parteien der 2.
Republik, wenn auch ohne großes Gewicht (abgesehen von Graz und der Steiermark) geht einen anderen
Weg. Dies ist auch wiederum topographisch zu verstehen. Sie sammeln sich bei der Albertina und
marschieren zum Parlament. Alles sehr übersichtlich. Etwas, das alle Parteien gemein haben: Sie vertreten
am Tag der Arbeit im Wesentlichen Lohn- und Erwerbsarbeit. Konzepte, wie unsere Gesellschaft mit weniger
Lohnarbeit auskommen könnte, werden nicht transportiert. Auch Forderungen nach einer 35 Stunden
Wochen sind vom Tisch. In der derzeitigen Lage geht es maximal um ein faires Gehalt, obwohl klar ist, dass
es unter den derzeitigen ökonomischen Bedingungen immer schwieriger wird den Lebensunterhalt mit
Lohnarbeit zu bestreiten. Der Erste Mai ist somit auch jener Tag, der den Fetisch Lohnarbeit besonders
verdeutlicht. Und dieser Fetisch wird von den meisten Parteien gleichermaßen geteilt, wenn auch
unterschiedlich gewichtet.
Abschließende Überlegungen und Anregungen:
Wilfried K. Held -
http://wilfriedkheld.wordpress.com
Ist der Erste Mai noch ein Protesttag? Gewisse rudimentäre Ansätze davon sind noch erhalten.
Erwähnenswert ist die Stadt Linz. Im Jahr 2009 – Linz war Kulturhauptstadt – wurde ein alternativer 1. Mai
in Linz begangen, bei dem es zu Verhaftungen und handgreiflichen Auseinandersetzungen kam. Unter den
Verhafteten befand sich auch der Vizerektor der Kunstuniversität. Im Nachhinein wurden alle Beschuldigten
rechtskräftig frei gesprochen. Dies ist ermutigend. Für das Jahr 2010 ist eine Art Kostümwettbewerb
geplant. In der Aussendung der Veranstalter*innen heißt es: „CamCatWalk soll eine Kritik am
Vermummungsverbot und der Gewalteskalation seitens der Exekutive im Jahr 2009 transportieren. Aber
auch das macho-hafte "militante" Auftreten mancher Demoteilnehmer ("Schwarzer Block" zum
Frühschoppen) soll hinterfragt und letztlich auch der Lächerlichkeit preisgegeben werden.“
Dies ist eine sehr progressive Idee den Ersten Mai (und andere Protestveranstaltungen ebenfalls) zu begehen.
Das Thema Verkleiden oder Karneval bereitet Spaß und ist dadurch subversiver als die bierernsten
Herumlatschdemos mit fixer Dramaturgie.
Der „Erste Mai“ hat in Wien Potenzial. Während für Deutschland selbst die renommierte ZEIT meint, dass
der Erste Mai an Bedeutung verlöre („Einst war der 1. Mai der Kampftag der Arbeiterklasse. Heute dient er
nur noch dazu, dass Gewerkschafter vor schwindenden Massen markige Reden halten.“) scheinen sich in
Wien immerhin bei aller Traditionspflege sehr viele Menschen über den Rathausplatz bewegen zu lassen;
auch auf dem Hintergrund, dass es sich um einen Event mit Alibicharakter handelt – frisch, fröhlich frei
nach dem Motto „Gehe ich zum Maiaufmarsch, bin ich politisch aktiv.“ Dennoch besteht bei dieser
Großveranstaltung die Möglichkeit in das direkte Gespräch mit Menschen zu kommen, die politisch
zumindest ansatzweise die gleichen Ideale vertreten sollten wie wir selbst. Wie gesagt zumindest
ansatzweise. Flugzettelaktionen und Zeitungsverkauf sind ja alte traditionelle Mittel. Die bereits erwähnten
Mitglieder der diversen linken Gruppen wie „Der Funke“ etc. sind da wahre Profis. Sie „wildern“ ja bewusst
bei linken Veranstaltungen, um Genoss*innen in ihren Bann zu ziehen. Das kann mensch bei jeder
Demonstration beobachten. Der Erfolg dieser Taktik hält sich zwar in bescheidenen Grenzen. Aber auch hier
geht es um Tradition.
Eine bewusste Störung des Ersten-Mai-Aufmarschs wäre nur bedingt sinnvoll, wenn auch
aufmerksamkeitsfördernd. Eine Repolitisierung des Ersten Mais tut auf jeden Fall Not. Auch innerhalb der
SPÖ. Die einzelnen Bezirksorganisationen hätten die Chance, „denen da oben“ - also den Honorator*innen
auf der riesengroßen Rathausplatzbühne (von einem Podest kann ja schon lang keine Rede mehr sein) ihre
Meinung mitzuteilen und ganz Österreich würde Ihnen dabei zusehen. Dazu bedürfe es jedoch Mitglieder,
die sich nicht nach Friede, Freude und Schweinestelze sehnen, sondern den politischen Diskurs und die
Auseinandersetzung suchten. In aller Freundschaft und mit der notwendigen Offenheit. Wie wäre es dem
Sozialminister einfach einmal mit Transparenten vorzuführen, dass die bedarfsorientierte Mindestsicherung
„suboptimal“ ist...Das ließe sich mit Transparenten auf dem Rathausplatzkorso leicht bewerkstelligen.
Eine andere Möglichkeit den diversen Ersten-Mai-Aufmärschen die Aufmerksamkeit zu entziehen; frei nach
dem Motto:“Stell Dir vor es ist Erster Mai und keine*r geht hin“ zu arbeiten. Der Sozialdemokratie dient der
Erste Mai unter anderem zur Machtdarstellung – im Sozialismus gab es zudem die Militärparade. Diese
Machtdemonstration resultiert aus einem quantitativen Moment. Je mehr Menschen an diesem Aufmarsch
teilnehmen umso größer die Außenwirkung. Ein Boykott der Veranstaltung würde die Sozialdemokratie
schwer treffen. Allerdings mit nur schwer einschätzbaren Folgen, da sich die anderen Parteien darauf stürzen
würden und die Mobilisierungskraft von SPÖ und Gewerkschaft dezidiert in Frage stellen würden.
Eine andere Strategie verfolgt der in Wien-Ottakring aufgewachsene israelische Literaturwissenschaftler und
Essayist Reuven Kritz. Er “arbeitet am Ersten Mai“ aus Protest gegen „den Verlust an jeglicher Bedeutung,
den dieser Tag mit dem Sozialismus teilt.“ (Kritz; 2007;122) . Auch das ist natürlich eine Möglichkeit seinen
„Protest“ gegen die Folklorisierung dieses Protesttages auszudrücken. Der „Tag der Arbeit“ wird somit in
sein Gegenteil gekehrt und es gäbe sicher genug Menschen, die es sehr gerne sähen, einen Feiertag weniger
und einen Arbeitstag mehr im Kalender verbuchen zu können. Ob dies sinnvoll ist? Ganz wohl ist mir bei
dem Gedanken jedoch nicht, den Tag der Arbeit durchzuarbeiten. Vor allem weil wir momentan immer mehr
erworbene Rechte aufgeben. Die höchste Pflicht ist es, dem Ersten Mai wieder eine klare Botschaft zu geben
– kombiniert mit neuen Aktionsformen. Zudem gehört er den Parteien wieder entrissen. Der Erste Mai soll
ein Labor für Gesellschaftsentwürfe sein. Das Thema Lohnarbeit steht dabei ebenso zur Debatte, wie die
Wilfried K. Held -
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Notwendigkeit der weiteren Ökologisierung. Wie wäre es einmal mit konzertierten Betriebsbesetzungen der
freundlichen Art – nur als kleine Warnung an die Firmenleitung – verbunden mit einer Art Betriebsfeier.
Oder spontanen Flashmobs vor den jeweiligen AMS-Stellen. Mensch könnte aber auch den Eingang des
einen oder anderen Ministeriums zumauern (mit Vorliebe in der Vornacht). Oder vielleicht ein Faxbombing
im Arbeitsministerium mit Paul Lafargues „Das Recht auf Faulheit“.
Der Erste Mai gehört nicht den Parteien und er muss wieder zukunftsorientiert sein.
Bibliographie:
Kritz, Reuven. Die Genies von Kyriat-Motzkin. Israelische Mini-Essays. Illustrationen von Schlomo Rotem. Books on
Demand GmbH, 2007.
www.zeit.de
Wilfried K. Held -
http://wilfriedkheld.wordpress.com
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