SWR2 Musikstunde

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SWR2 MANUSKRIPT
ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE
SWR2 Musikstunde
"Tönet, ihr Pauken"
Musikalische Begegnungen mit
Pauken und mehr als Trompeten (5)
Von Christian Schruff
Sendung:
Redaktion:
Freitag, 18. Juli 2014
Ulla Zierau
9.05 – 10.00 Uhr
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere
Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
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SWR 2 Musikstunde mit Christian Schruff
Freitag, 18.07.2014
"Tönet, ihr Pauken"
Musikalische Begegnungen mit Pauken und mehr als Trompeten (5)
Mit Christian Schruff. Heute beschließen wir die Reihe: „Tönet, Ihr
Pauken“ mit Teil 5 der musikalischen Begegnungen mit Pauken und mehr
als Trompeten. Willkommen dazu!
„Draufhauen kann jeder“ – das hat der „Jahrhundertpauker“ Peter Sadlo
einmal gesagt und fuhr dann fort: „Aber ein Geräusch durch Phrasierung,
Artikulation und Expression klanglich so zu kultivieren, daß es Musik wird
– das ist Kunst.“
Sadlo sagte das, als er über den Zyklus „Eight Pieces for Four Timpani“
vom großen Amerikaner Eliot Carter gesprochen hat – „Acht Stücke für
vier Pauken“, komponiert in den 1950er und 60er Jahren.
Musik 1
CD Track 14
Eliot Carter
Eight Pieces for Four Timpani
No. 8 March
Peter Sadlo, Pauken
KOCH-SCHWANN, 3-6569-2, EAN 0 99923 65692, LC01083
02:37
Absage
In der Mitte des 20. Jahrhunderts hat Eliot Carter die Möglichkeiten der
Pauken zum ersten Mal in diesen Zyklus systematisch erforscht. Er hat
etwa präzise notiert, an welcher Stelle das Paukenfell angeschlagen
werden soll – am üblichen Schlagfleck oder am Rand des Fells oder in der
Mitte. Carters Zyklus hat andere Komponisten angeregt für Pauken zu
komponieren und sogar Solokonzerte zu schreiben. Ein Paukenkonzert,
dazu Kammermusik und besondere Orchesterstellen mit Pauke werde ich
Ihnen heute vorstellen.
Möglich wurden solch ausdrucksvolle Stücke auch deshalb, weil die Pauken
seit dem 19. Jahrhundert technisch weiter entwickelt worden sind. Der
größte Fortschritt kam Mitte des 19. Jahrhunderts. Musiker und
3
Instrumentenbauer haben verschiedene Ideen entwickelt, wie man die
Tonhöhe bei Pauken ändern kann – und zwar schnell und präzise.
In alten Zeiten mussten etliche Schrauben rund um das Fell gespannt oder
gelockert werden, wenn das Fell für einen höheren Ton stärker gespannt
werden sollte oder für einen tieferen Ton entspannt. Joseph Haydn hat
zum Beispiel in seinem Oratorium „Der Schöpfung“ sieben verschiedene
Stimmungen der Pauken verlangt. Das bedeutete großen Aufwand für den
Spieler.
Nachdem man Ventile erfunden hatte für die Trompeten und man dadurch
unterschiedliche Tonarten spielen konnte, mussten auch die Pauken
flexibler werden. In Amsterdam hat man Dreh-Mechanismen erfunden, in
Leipzig Hebel und Kurbeln zum Stimmen der Pauken. Der Durchbruch aber
kam in den 1880er Jahren mit den Pedalpauken. Wer genau deren
Erfinder war, das weiß man nicht mehr. Gelegentlich ist die Rede vom
Pauker des Opernhauses in Neapel. Zum Patent angemeldet und
perfektioniert wurde die Pedalpauke jedoch vom Orchesterdiener der
Dresdner Hofkapelle, Carl Pittrich, 1881.
Einer der ersten Komponisten, die die neuen Möglichkeiten sofort
ausprobiert haben, war Richard Strauss in seiner Burleske für Klavier und
Orchester d-Moll – und zwar sofort in den ersten Tönen.
Musik 2
CD Track 1
Richard Strauss
Burleske d-Moll
Byron Janis, Klavier
Chicago Symphony Orchestra
Ltg: Fritz Reiner
BMG, 0902668638-2, LC00316
bis > 5:50
5:50
Absage
Das Paukenmotiv durchzieht die Burleske, die der junge Strauss gerne als
sein „Klavierkonzert“ bezeichnet hat. Richard Strauss hat die moderne
Entwicklungen der Pauken sofort aufgegriffen und die Pauken sehr
innovativ behandelt in seinen Orchesterwerken und seinen Opern–
besonders in „Salome“. Aber auch in Italien wurde das Dresdner Patent
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der Pedalpauke schnell verbreitet. In Verdis „Otello“ gibt es Stellen, die
Verdi nur deshalb so komponieren konnte, weil mit der Pedalpauke zum
ersten Mal der Pauker mit dem Fuß die Pauke umstimmen konnte. Beide
Hände waren endlich frei zum Spielen – Pausen zum Umstimmen nicht
mehr nötig.
Mit der Erfindung des Pedals war die Pauke zum Melodie-Instrument
geworden. Umstimmen der Pauke ist mit dem Pedal deutlich einfacher
geworden. Eine Skala an der Seite der Pauke zeigt die Tonhöhe an.
Zusätzlich gibt es auch noch einen Feinstimmer.
Die Pedalpauke ermöglicht auch noch einen weiteren Effekt: das
Glissando. Dabei wird während eines Paukenwirbels die Tonhöhe stufenlos
verändert, gleitet höher oder tiefer. Béla Bartók hat diesen Effekt
verwendet in einem seiner zukunftsweisenden Werke, der „Musik für
Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ aus dem Jahr 1936.
Deren 3. Satz ist eine Musik der außergewöhnlichsten Klänge. Frappierend
ist hier Bartóks Phantasie im Erfinden neuer Farben, neuer
Zusammenklänge und seine akribische Organisation dieser
Zusammenklänge zu erleben. Der 3. Satz ist schlicht mit „Adagio“
überschrieben – langsam. Ein lyrisches Nachtstück nimmt unser Ohr
gefangen von den ersten wie zufällig hingeworfenen, hohen Tönen im
Xylophon, unter denen sich bald die geheimnisvollen Pauken-Glissandi
ausbreiten.
Musik 3
CD Track 8
07:00
Béla Bartók
Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta
3. Adagio
Chicago Symphony Orchestra
Ltg.: Fritz Reiner
BMG, 09026 61504 2, LC00316
Absage
Ein Jahr nach diesem Werk für den Schweizer Neue-Musik-Mäzen Paul
Sacher hat Bartók dann noch eine Sonate für zwei Klaviere und
Schlagzeug komponiert.
5
Der erste Komponist, der nur Pauken und Klavier in einem Stück
Kammermusik zusammen gebracht hat, war der Russe Alexander
Tscherepnin. Sein Vater und erster Lehrer, Nicolai Tscherepnin, hatte bei
Rimsky-Korsakoff komponieren gelernt. Alexander Tscherepnin war also
dessen Enkelschüler. Er verließ seine russische Heimat zuerst nach
Shanghai, dann, 1938, nach Paris und hat sich schließlich in den USA
niedergelassen.
Tscherepnins Sonatine hat vier kurze Sätze. Glissandi sucht man
vergebens, so avanciert wie Bartók zu selben Zeit war Tscherepnin dann
doch nicht. Dennoch ist diese Sonatine bemerkenswert, denn wir erleben
im Lauf der Sätze immer wieder, wie die herkömmlichen Rollen von
Klavier und Pauke getauscht werden. Das Klavier begleitet die solistisch
auftrumpfenden Pauken. Und die Pauken spielen mehr als nur
harmonische und rhythmische Akzente.
Musik 4
CD Tracks 4 - 7
Alexander Tscherepnin
Sonatine für drei Pauken und Klavier (1938)
Albrecht Volz, Pauken
Andreas Baumann, Klavier
AUDITE, 95.433, EAN 4009410 954336, LC04480
Absage
-
6:15
SWR 2 Musikstunde
Im 20. Jahrhundert haben die Komponisten das Schlagzeug entdeckt –
nicht nur die Pauken. Auf den Weltausstellungen in Paris lernten Claude
Debussy, Maurice Ravel und viele andere die Musik Asiens kennen. In der
hat die Perkussion einen ganz anderen Stellenwert als in der westlichen
Musik. So wurden enorme kreative Kräfte freigesetzt, die bis heute
nachwirken, wenn man im Konzert den Schlagwerkstar Martin Grubinger
erlebt. Der hat einen Fundus von über 600 Schlaginstrumenten. Natürlich
auch Pauken – vier Stück, die zusammen rund € 200.000 kosten.
Etwas weniger Geld ist im Spiel, wenn in den „Enigma-Variationen“ von
Edward Elgar die Pauken einen Schiffs-Diesel imitieren sollen. Die 14
Variationen sind ja Portraits von Elgars Freunden, deren Identität Elgar in
geistreichen Anspielungen zum Rätsel gemacht hat – „Enigma“Variationen eben. Die vorletzte Variation hat Elgar „Romanza***“
überschrieben. Viel ist gerätselt worden, wer sich dahinter verbirgt.
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Vermutlich eine Jugendfreundin, der Elgar in Leipzig begegnet war. Die
Indizien dafür: Elgar zitiert in der Klarinette eine Melodie, die ein
doppeltes Zitat ist. Einerseits die Arie des Florestan aus Beethovens
„Fidelio“ - „In des Lebens Frühlingstagen“. Andererseits ein Thema aus
Felix Mendelssohn Bartholdys Ouvertüre „Meeresstille und Glückliche
Fahrt“. Mit Beethoven weist Elgar auf seine jungen Jahre, mit
Mendelssohn nach Leipzig und darauf, dass ein Engländer damals eine
Seereise unternehmen musste, um dorthin zu gelangen.
Und da kommt nun auch die Pauke ins Spiel. Sie soll das Tuckern, das
Rattern des Motorschiffs imitieren. Ein Paukenwirbel, gespielt auf dem
Metallrand der Kesselpauke, der das Fell gespannt hält, bildet den Grund
für die Klarinettenmelodie. Bei Paukern hat sich inzwischen eingebürgert,
diese Stelle mit zwei Münzen zu spielen statt mit Schlägeln. Denn damit
wird der Maschinen-Effekt noch deutlicher...
Musik 5
CD Track 20
Edward Elgar
Enigma-Variationen op. 36
Var. 13: „Romanza ***“
London Philharmonic Orchestra
Ltg: Daniel Barenboim
CBS, EAN 5099707652921, 06868
02:37
Absage
Ende des 19. Jahrhunderts hat sich Edward Elgar in der Spieltechnik der
Pauken fast schon wie ein Avantgardist bewegt. Er blieb natürlich immer
ein Spätromantiker, ganz wie sein Idol Richard Strauss.
Ein echter Avantgardist ist der Italiener Sylvano Bussotti. Der Florentiner
begann seine Studien kurz nach dem Ende des 2. Weltkriegs bei einem
Schüler Arnold Schönbergs. Er verehrte John Cage und ist zeitlebens auf
der Suche nach neuen Klängen. In den 70er Jahren begann Bussotti einen
Zyklus von Orchesterwerken unter dem Titel „Il catalogo è questo“ – den
hat er sich von Mozart geborgt, aus der „Registerarie“ des Leporello im
„Don Giovanni“.
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Die verschiedenen Sätze haben Überschriften, die die Fantasie der Hörer
anregen: „Florentinata“ oder „Paganini“ oder auch „Wunderkind“. Der
vorletzte Satz heißt so wie das Instrument, das im Mittelpunkt steht:
„Timpani“ – Pauken.
Musik 6
CD Track 10
Sylvano Bussotti
„Il catalogo è questo“
7. Timpani
Simon Stierle, Pauken
Philharmonisches Orchester Luxemburg
Ltg.: Arturo Tamayo
TIMPANI, 2C2114, LC
3:37
Absage
1984, 5 Jahre vor Wende, hat der Komponist Siegfried Matthus sein
Konzert für Pauken und Orchester komponiert. Es war ein Auftragswerk
der Staatskapelle Dresden für deren Solopauker Peter Sondermann.
Matthus nannte das Konzert „Der Wald“. Hintergrund war das
Waldsterben, das in der DDR kein öffentliches Thema werden durfte.
Matthus spannt in diesem Konzert den Bogen vom romantischen Wald,
wie er in der Musik Carl Maria von Webers vorkommt, über Gesten der
Klage im 2. Satz bis hin zum Aufbegehren und Protest im Finale. Da
versammelt sich das Orchester hinter den Solisten. Es ist also kein
Konzertieren als Wettestreit sondern eher eines in gegenseitiger
Zuneigung.
Drei Sätze hat das Paukenkonzert von Siegfried Matthus und zwischen den
Sätzen Solo-Kandenzen der Pauke. Wir steigen in den 2. Satz ein. Dem
Konzert vorangestellt hat Matthus Zeilen aus Hölderlins „Hyperion“:
„O Baum des Lebens, daß ich wieder grüne mit dir und deine Gipfel
umatme mit all deinen knospenden Zweigen! Friedlich und innig, denn alle
wuchsen wir aus dem goldenen Samkorn herauf!“
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Musik 7
CD Tracks 11 – 13
(11:02)
Puffer auf Ende
Siegfried Matthus
„Der Wald“ – Konzert für Pauken und Orchester (1984)
2. Allegro agitato. Larghetto lugubre e lamentoso (Ende),
Rezitativ,
3. Allegro vivace risoluto. Andante: Semplice con sentimento
Karl Mehlig, Pauken
Gewandhausorchester Leipzig
Ltg.: Kurt Masur
ARS VIVENDI, EAN4101380 102387, LC07082
Absage
Fünf Tage lang sind wir dem Tönen der Pauke auf der Spur gewesen –
von den Anfängen bis in die Gegenwart.
Zum Schluss diese SWR 2 Musikstunde soll die Solo-Pauke das letzte Wort
haben. Der Komponist Hans-Joachim Hespos hat 1996 ein „Ritual für
mobile Pauke in C“ komponiert. Darin wird wirklich alles, was an einer
Pauke klingen kann, zum Tönen gebracht. Kreativer kann man das Motto
„Tönet, ihr Pauken“ wohl kaum umsetzen.
Hespos hat das Stück nach der Paukerin benannt, für die er es
geschrieben hat: „monske“ – nach Cornelia Monske. Sie lehrt heute
Perkussion an der Musikschule Calw und konzertiert international. Ich
habe sie schon in meinem Jugendorchester hinter den Pauken thronen
sehen dürfen und natürlich gehört.
Jetzt spielt Matthias Kaul „monske“.
Musik 8
CD Track 4
Hans-Joachim Hespos
Monske. Ritual für mobile Pauke in C
Matthias Kaul, Pauke
CPO, EAN 761203 98902, LC08492
Absage
Das war die SWR 2 Musikstunde mit Christian Schruff:
„Tönet, Ihr Pauken!“. Schön, dass Sie dabei waren.
5:41
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