Kann die EZB mehr für Europas Arbeitslose tun?

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JOURNAL FÜR EINE
NOVEMBER 2013
ISSN 2295-6352
Kann die EZB mehr für Europas
Arbeitslose tun?
Geldpolitik und Arbeitsmärkte
Swoboda
Hughes
Fitoussi
Fassina
Katseli
Berès
Turunen
Ségol
Pickett
Vandenbroucke
Andersen
Horn
Timbeau
Bofinger
Saraceno
Wyplosz
■ Wachstum in der Krise
■ Progressive Arbeitsmärkte
■ Gleichberechtigte Gesellschaft
er unabhängige Jahreswachstumsbericht 2014
■D
www.progressiveeconomy.eu
Die Initiative Progressive Economy wurde im Jahr 2012
lanciert und wird von der Sozialdemokratischen Fraktion im
Europäischen Parlament unterstützt.
Herausgeber:
Marcel MERSCH, Progressive Economy, Sozialdemokratische Fraktion, Europäisches Parlament.
Kontakt:
[email protected]
Für Fragen über diese Publikation kontaktieren Sie bitte James Royston unter
[email protected]
Rue Wiertz 60, B-1047 Brussels
Was ist...
Progressive Economy
ZIEL
Progressive Economy ist eine neue, im Jahr
2012 eingeleitete Initiative, in deren Rahmen ein
übergeordnetes Ziel verfolgt wird: die Anregung
einer wirklich öffentlichen und sachkundigen
Debatte über Wirtschafts- und Sozialpolitik
auf einer europäischen, einzelstaatlichen und
globalen Ebene sowie die aktive Förderung einer
progressiven Denkweise auf wissenschaftlicher
und politischer Ebene in diesen Bereichen.
Progressive Economy ist eine langfristige Initiative,
der eine strategische Vision des von ihr zu
leistenden Beitrags zu einer progressiven Denkund Handlungsweise innewohnt; sie stellt kein
einmaliges Ereignis dar.
Ohne eine öffentliche Debatte und klare
politische Optionen kann es keine wirkliche
Demokratie geben. Fehlende Optionen sind
ein Nährboden für Frustration, Populismus und
wachsende Politikverdrossenheit. Progressive
Kräfte stehen in der Pflicht, den Bürgern zu
zeigen, dass sie sehr wohl eine Wahl treffen
können und dass sie alles Mögliche unternehmen
müssen, um den Kampf der Ideen in diesen
für die Zukunft unserer Gesellschaften
so entscheidenden Bereichen für sich zu
entscheiden.
Daher hat die S&D-Fraktion die Initiative
Progressive Economy ins Leben gerufen, die
einen neuen Freiraum für eine öffentliche
und sachkundige Debatte schaffen und
einen Beitrag zum Entwurf einer progressiven
wirtschaftlichen und sozialen Vision für Europa
auf der Höhe der Zeit leisten wird.
LAUFENDE
TÄTIGKEITEN
wird im November 2013 veröffentlicht werden.
Die Initiative Progressive Economy ist stolz,
diese Arbeit unterstützen zu können, durch
die erstmals eine tragfähige Alternative zum
Jahreswachstumsbericht der Kommission – der
die Grundlage für die jährliche Festlegung
der europäischen Wirtschaftspolitik auf der
Ebene des Europäischen Rates und für die
länderspezifischen Empfehlungen bildet – zur
Verfügung gestellt wird.
Offiziell wurde die Initiative auf einer ersten
Jahreskonferenz in Brüssel am Donnerstag, 7.
März 2013, in zeitlicher Nähe zur Frühjahrstagung
des Europäischen Rates gemeinsam mit
hochrangigen Teilnehmern aus den Bereichen
Politik, Hochschulen, Medien und Zivilgesellschaft
auf den Weg gebracht. Die Initiative wird
das Konzept eines jährlichen großen Treffens
beibehalten, in dessen Rahmen die verschiedenen
Aspekte ihrer Tätigkeiten und die zahlreichen
dabei mitwirkenden Personen zusammengeführt
werden können. Die nächste Jahreskonferenz
wird im März 2014 in Brüssel in Form eines
„Progressiven Wirtschaftsforums“ stattfinden,
auf dem das Thema „UNGLEICHHEIT“ behandelt
wird. Ziel dieses jährlichen Forums ist es,
eine immer größere Zahl von Menschen mit
progressiver Gesinnung aus den Hochschulen
und der Politik, den Gewerkschaften und der
Zivilgesellschaft, die aktiv mitwirken und sich dafür
einsetzen, dass progressive Wertvorstellungen auf
wirtschaftlichem und sozialem Gebiet europaund weltweit gestärkt und gefördert werden,
zusammenzubringen.
NEUE
AKTIVITÄTEN
PEAC: Das Projekt PEAC (Akademisches
Projekt für Progressive Economy) zielt darauf ab,
progressive wissenschaftliche Forschung und die
Vernetzung von wirtschaftlichen und sozialen
Belangen voranzutreiben sowie den Transfer
wissenschaftlicher Erkenntnisse in politische
Prozesse zu erleichtern, insbesondere indem
jährlich ein Aufruf zur Einreichung von Beiträgen
lanciert wird.
Ebene der EU, des Euro-Währungsraums und der
Mitgliedstaaten zu vertiefen und auszuweiten
sowie einen Beitrag zu einem grundlegenden
und dauerhaften Wandel der Wirtschaftsund Sozialpolitik im Sinne der gemeinsam
festgelegten Konzepte und Werte einer
progressiven Politik zu leisten. Für das Projekt
PEPA ist eine Jahresversammlung vorgesehen,
deren erstes Treffen am 4-5. Dezember 2013
stattfinden soll.
VERANSTALTUNGEN DER
PROGRESSIVEN WIRTSCHAFT:
Um einen Beitrag zu einem offenen und
umfassenden Austausch von Gedanken und
Erfahrungen zwischen progressiv eingestellten
Menschen europaweit zu leisten, wird im Rahmen
der Progressiven Wirtschaft ein reichhaltiges
Veranstaltungsprogramm in verschiedenen Teilen
Europas durchgeführt. Bis Ende 2013 sind bereits
Veranstaltungen in Lissabon, Brighton, Bordeaux,
Budapest, Rom und Stockholm geplant. Diese
werden ebenfalls in einem Zusammenhang mit
dem Projekt PEPA stehen.
POLITISCHE THEMEN:
Im Rahmen ihrer Tätigkeiten wird sich die
Initiative insbesondere mit folgenden vier
politischen Themen befassen: „Wachstum in
Zeiten der Krise“, „Progressive Arbeitsmärkte“,
„Gerechte Gesellschaft“ und „Globale
Progressive Economy“. Darüber hinaus ist
die Initiative darauf ausgerichtet, mittels
maßgeschneiderter Studien und einer Reihe von
Arbeitsgruppen sowohl dem Wissen als auch
den politischen Antworten in diesen Bereichen
mehr Substanz zu verleihen.
ZEITSCHRIFT FÜR EINE
Progressive Economy:
Die Tätigkeiten der Initiative werden in einer
regelmäßigen Online-Veröffentlichung vorgestellt
werden, die Beiträge von Wissenschaftlern,
Politikern und anderen wichtigen Akteuren
enthält; Ziel dabei ist, eine progressive Denkweise
zu verbreiten sowie Wissen und Vorstellungen
innerhalb des wissenschaftlichen und politischen
Umfelds zu übertragen.
Die Initiative wurde im November
2012 im Zuge der Unterstützung für die
Veröffentlichung des ersten unabhängigen
Jahreswachstumsberichts (iAGS) ins Leben
gerufen. In jedem Jahr werden verschiedene
Wirtschaftsinstitute (OFCE, IMK, ECLM) einen
jährlichen unabhängigen Jahreswachstumsbericht
veröffentlichen, in dem ausführliche Analysen,
Prognosen und Empfehlungen für die
europäische Wirtschaft bereitgestellt werden. Der
nächste unabhängige Jahreswachstumsbericht
PEPA: Das Projekt PEPA (Parlamentarische
Allianz für Progressive Economy) zielt darauf ab,
die demokratische Dimension der europäischen
wirtschaftlichen und sozialen Governance auf
WEBSITE: Die neue Website Progressive
Economy wird eine zentrale Aufgabe im Hinblick
auf die Entwicklung der Projekte PEAC und PEPA
erfüllen und in allgemeiner Hinsicht eine wichtige
Quelle für Information und Austausch über
wirtschaftliche und soziale Herausforderungen
für progressive Kräfte sein.
twitter.com/ProgressEcon
facebook.com/euprogressiveeconomy
www.progressiveeconomy.eu
Inhalte
Vorwort
07
 H
annes Swoboda, MdEP, und Stephen Hughes, MdEP,
Vorsitzender und Vizevorsitzender der Sozialdemokratischen
Fraktion im Europäischen Parlament
Hauptbeitrag
 Pervenche Berès MdEP, Vorsitzende des Ausschusses des
Europäischen Parlaments für Beschäftigung und soziale
Angelegenheiten, und Emilie Turunen, MdEP
10
E uropa: ein Kind der Wirtschaft, ein
Waisenkind der Politik
Die Autorinnen sind für eine neue progressive und proaktive Agenda in den
Arbeitsmärkten. In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und stark eingeschränkter
öffentlicher Ressourcen sind neoliberale Angriffe auf Regeln und Institutionen des
Arbeitsmarktes und auf die Löhne in einer Reihe von Mitgliedsstaaten nicht nur
gesellschaftlich, sondern auch wirtschaftlich schädlich. Der Erfolg der neoliberalen
Märchengeschichten, die den öffentlichen Diskurs dominieren, sollte für die
Progressiven ein schriller Weckruf sein.
Die Europäische Zentralbank und der
Progressive Arbeitsmarkt
 Jean-Paul Fitoussi, Professor für Wirtschaftswissenschaften,
LUISS-Universität, Rom
ieser Artikel weist auf die Gefahr von Regierungen hin, die sich zu sehr auf
D
Haushaltsdefizite als einzige Lösung für die komplexe sozioökonomische Krise
verlassen, in der sich die EU befindet. Anhand des Beispiels der Großen Depression
der 1930er Jahre argumentiert Fitoussi, dass die Gefahr besteht, dass die Geschichte
sich wiederholt, wenn nicht die richtigen Maßnahmen ergriffen werden.
Politische Themen
Progressive Arbeitsmärkte – ein altes
und ein neues Schlachtfeld
14
E uropa braucht eine Alternative zum
Neoliberalismus
 Stefano Fassina, Staatssekretär für wirtschaftliche
Angelegenheiten, Italien
Der Autor weist auf die Fehler der Vergangenheit hin, um die aktuelle Krise in
Europa zu verstehen. Er argumentiert, dass die öffentliche Verschuldung der
südeuropäischen Staaten schon lange vor der US-Finanzkrise 2007 ein Problem war.
Die Ungleichheiten bei den wirtschaftlichen Leistungen und Kapazitäten der Länder
der Eurozone haben einen Teufelskreis geschaffen, der sich durch die neoliberalen
Annahmen von einer raschen Erholung verschärft hat.
Wie soll die EU die Krise bewältigen?
 L ouka Katseli, Professorin für Wirtschaftswissenschaften,
Universität Athen, ehemalige Sozialministerin
Dieser Artikel bietet eine sachliche Erklärung der Wirtschaftskrise in Europa:
wie es dazu kam, was die sozioökonomischen Auswirkungen sind, und
wie diese Krise abgewendet werden kann. Statt die Entscheidungsfindung
bezüglich der Schuldensanierung aufzuschieben, plädiert sie für eine progressive
Herangehensweise der EU an Strukturreformen bei der Besteuerung, der Steuerung
der öffentlichen Verwaltung und bei Regulierungssystemen.
 Bernadette Ségol, Generalsekretärin des Europäischen
Gewerkschaftsbundes (EGB)
Die Autorin, die der aktuellen Herangehensweise der EZB an die Eurokrise
kritisch gegenübersteht, argumentiert, dass die vom Mainstream getragenen
wirtschaftlichen Vorstellungen von Wissenschaftlern einerseits und von Institutionen
wie dem IWF andererseits einander widersprechen. Sie weist auf vier zentrale
Grundsätze hin, die für einen Arbeitsmarkt unerlässlich sind: Stabilität, Sicherheit,
Gerechtigkeit und Fortschritt.
Ungleichheit verringern: ein unerlässlicher
Schritt für Entwicklung und Wohlergehen
 Kate Pickett, Professorin für Gesundheitswissenschaften,
Universität York
In diesem bahnbrechenden Artikel beschreibt die Autorin den Dominoeffekt
von Problemen, die als Folge sozialer und wirtschaftlicher Ungleichheiten
innerhalb von Gesellschaften geschaffen werden. Sie spricht Themen wie
Steuerhinterziehung an und argumentiert, dass die Verringerung von
Ungleichheiten der wichtigste Schritt ist, der gesetzt werden muss, um das
Wohlergehen der Bürger zu schützen und zu steigern.
Europäische Sozialunion: eine politische
Notwendigkeit und ein vordringliches
Forschungsprogramm
 Frank Vandenbroucke, Professor für Wirtschaftswissenschaften,
Katholische Universität Leuven, ehemaliger Minister für Soziale
Sicherheit, Krankenversicherung, Pensionen und Beschäftigung
er Autor bietet eine Plattform, um die Auswirkungen der Krise und ihre
D
Lösungen unter dem Aspekt der sozialen Dimension zu betrachten. Er
argumentiert, dass ein grundlegender EU-Konsens über den Wohlfahrtsstaat für
die wirtschaftliche Nachhaltigkeit in der Eurozone unlerässlich ist. Durch Initiativen
wie die Einführung eines gemeinsamen Mindestlohns führt das zu sozialen
Investitionen mit langfristigen Vorteilen für alle.
05
iAGS 2014 - Vorschau
51 Die EZB und Arbeitslosigkeit
 Charles Wyplosz, Professor für Internationale Wirtschaft, The
Graduate Institute, Genf
iAGS 2014 : die Wahl zwischen politischer
Koordinierung und struktureller
Verschiedenheit
Dieser Artikel ist eine Kritik an der EZB und ihrer Weigerung, die Bedeutung der
steigenden Arbeitslosigkeit in Europa zu akzeptieren. Statt in dieser Frage keine
Verantwortung zu übernehmen, wird eine Zwei-Säulen-Strategie in Bezug auf die
geldpolitische Strategie empfohlen.
 Lars Andersen, Direktor des ECLM Kopenhagen, Gustav Horn,
Direktor des IMK Düsseldorf, und Xavier Timbeau, Direktor des
OFCE Paris
ieser erste Einblick in den kommenden iAGS 2014 weist auf die Mängel in der
D
aktuellen Strategie der EU in Bezug auf die Wirtschaftskrise hin und betont, wie
wichtig es ist, die Koordinierung zwischen den WWU-Ländern zu verstärken, um
die bestehenden wirtschaftlichen Ungleichheiten zu verringern.
Sonderdebatte
55
K
ANN DIE EZB MEHR FÜR EUROPAS
ARBEITSLOSE TUN?
Mit Basket-Eurobonds könnte die EZB wie die
FED handeln
 Peter Bofinger, Professor für Volkswirtschaftslehre, Geld und
Wirtschaftsbeziehungen, Universität Würzburg
Dieser Artikel plädiert für sogenannte ‚Basket-Eurobonds‘. Der Autor argumentiert,
dass diese Anleihen den Druck auf krisengebeutelte Staaten wie Griechenland
mindern und die Fluidität des Wirtschaftsmarktes innerhalb der Eurozone erhöhen
werden, ohne in implizite staatliche Finanzierung zu verfallen.
A
rgumente für ein Doppelmandat für die
Europäische Zentralbank?
 Francesco Saraceno, Wirtschaftsexperte am OFCE, Paris
Der Autor hebt die Grenzen des aktuellen EZB-Ansatzes für die Bewältigung
der Krise hervor. Er plädiert dafür, das Doppelmandat für die EZB zu stärken, das
darin besteht, auf spezifische Bereiche abzuzielen, um die Gesamtsituation zu
verbessern und gleichzeitig eine stärkere Rechenschaftspflicht und eine allgemeine
Verbesserung auf lange Sicht sicherzustellen.
P
rogressive
Economy Höhepunkte
 Bevorstehende Veranstaltungen
 PEAC-Aufruf zur Einreichung von
Beiträgen 2013/2014
 Nächste Ausgabe
73
07
Vorwort
Hannes Swoboda,
MdEP, Österreich,
Vorsitzender der
Sozialdemokratischen
Fraktion im
Europäischen Parlament
Stephen Hughes,
MdEP, Vereinigtes
Königreich,
Vizevorsitzender der
Sozialdemokratischen
Fraktion im
Europäischen Parlament
Europas aktuelles Unglück ist
nicht nur die Tatsache, dass es von
der schwersten Finanzkrise seit
Jahrzehnten getroffen wurde. Es
rührt auch daher, dass diese Krise
zu einem Zeitpunkt hereinbrach,
als das wirtschaftliche Denken von
alten Konzepten und neoklassischen
Modellen beherrscht war – und das
ist es noch immer.
2008 und 2009 haben die
Überlebensinstinkte anfangs selbst extrem
neoklassische Politiker dazu getrieben, von Keynes
inspirierte Konjunkturbelebungsprogramme zu
unterstützen. Leider sind diese ersten Instinkte
jedoch rasch von fehlerhaften Prognosemodellen
und dem wirtschaftlichen Dogma, aus dem sie
ihre Inspiration bezogen, untergraben worden.
2010 änderten politische Entscheidungsträger
und Wirtschaftsexperten – zeitgleich mit einer
Erholung der Beschäftigungslage und der
Produktion in Europa – die Gangart, beendeten
die bis dahin funktionierenden Politiken
und nahmen einen drastischen politischen
Kurswechsel in Richtung Austerität vor. Der
Öffentlichkeit wurde erzählt, dass dies keinen
neuerlichen Einbruch der wirtschaftlichen
Tätigkeit und keine fortgesetzte Explosion
der Arbeitslosigkeit verursachen würde. Ihre
wirtschaftlichen Modelle, so sagten sie, zeigten,
dass große Kürzungen bei den öffentlichen
Ausgaben das Anlegervertrauen wiederherstellen
und uns aus der Rezession führen würden. Wie
wir jetzt wissen, ist das genaue Gegenteil passiert.
Wenig überraschenderweise ist die Rezession
noch immer da, das Vertrauen ist niedrig und
Arbeitslosigkeit und Ungewissheit nehmen weiter
zu.
Es geht um den Multiplikator, Dummkopf!
Der Skandal um den Finanzmultiplikator,
den der Internationale Währungsfonds (IWF)
schlussendlich aufgedeckt, die EU-Kommission
aber bis zum heutigen Tag nicht wirklich
anerkannt hat, wurde von der Kommission,
die sich um die erforderliche grundsätzliche
Überarbeitung drückt, unter einem Berg
von Wirrwarr und diskreten, oberflächlichen
Anpassungen des Modells begraben. Doch die
Zauberlehrlinge in der Kommission könnten
für ihre tragischen Fehler durchaus noch zur
Rechenschaft gezogen werden: Das Europäische
Parlament hat gerade eine Untersuchung der
Arbeit der Troika in den „Anpassungsländern“
der EU – also in den von der Krise am stärksten
getroffenen Ländern – gestartet.
Doch die neoklassische Wirtschaftslehre ist
nicht der Alleinschuldige. Die Krise hat auch auf
schmerzhafte Weise das Fehlen einflussreichen
alternativen Denkens aus der Welt der
Wissenschaft und der Politik aufgezeigt. Nicht,
dass es keine guten Ideen gäbe. Einige führende
Ökonomen wie beispielsweise Joseph Stiglitz oder
Jean-Paul Fitoussi haben ihrer kritischen Stimme
zumindest Gehör verschaffen können und
einen anderen Ansatz unterstützt. 2010 hat die
Sozialdemokratische Fraktion ein Grundsatzpapier
veröffentlicht, das mit jedem weiteren Jahr der
Rezession und der Stagnation voraussehender
erscheint. Es hat den Wechsel von der Erholung
zur Austerität angegriffen, ein weniger rasendes
Tempo bei der Haushaltskonsolidierung gefordert
und darauf bestanden, dass unerlässliche
Investitionen zweckgebunden werden sollten.
Das sind Schlüsselforderungen in der aktuellen
öffentlichen Debatte. Die Sozialdemokratische
Europas aktuelles Unglück ist nicht nur die
Tatsache, dass es von der schwersten Finanzkrise
seit Jahrzehnten getroffen wurde. Es rührt auch
daher, dass diese Krise zu einem Zeitpunkt
hereinbrach, als das wirtschaftliche Denken von
alten Konzepten und neoklassischen Modellen
beherrscht war – und das ist es noch immer.
Fraktion hat außerdem einen einsamen
Kampf gegen eine extreme, einseitig auf
Sparmaßnahmen ausgerichtete Version der
‚Six-Pack‘-Gesetzgebung im Jahr 2011 geführt.
Dabei handelt es sich um den Nachfolger des
sogenannten Stabilitätspaktes, der ein etwas
günstigeres politisches Umfeld für produktive
öffentliche Investitionen bietet.
Das waren aber Rufe in der Wüste.
So kann es nicht weitergehen! Die
Progressiven in der Gesellschaft müssen die
akademische und die öffentliche Debatte wieder
an sich reißen. Dafür ist eine neue, intensivere
und anhaltendere Interaktion zwischen der
progressiven Politik, der akademischen Welt
und den wichtigsten Interessengruppen –
insbesondere der Gewerkschaftsbewegung –
erforderlich.
Aus diesem Grund ist Progressive Economy ins
Leben gerufen worden.
Die erste Initiative von Progressive Economy
war die Unterstützung der Erstellung einer
ernsten und glaubwürdigen Alternative zum
sogenannten Jahreswachstumsbericht (AGS)
der EU-Kommission im November 2012. Weil
der AGS ein zentrales Dokument im jährlich
durchgeführten ‚europäischen Semester‘ ist, war
es unerlässlich, die ungesunde intellektuelle und
politische Vorherrschaft der Kommission über
die EU-weite makroökonomische Analyse, die
Prognosen und die politischen Empfehlungen zu
durchbrechen. Das ist die Rolle des sogenannten
unabhängigen Jahreswachstumsberichts (iAGS),
der jetzt jedes Jahr im November von drei
Wirtschaftsinstituten – OFCE, IMK und ECLM1
– erstellt wird, die in drei EU-Mitgliedsstaaten
angesiedelt sind.
Seither hat Progressive Economy neue
Initiativen entwickelt – zum einen in Richtung
der wissenschaftlichen Gemeinschaft durch
ihren prestigeträchtigen wissenschaftlichen
Beirat und dessen aktuellen Aufruf zur
Einreichung von Beiträgen; zum anderen in
Richtung der politischen Gemeinschaft, um ein
viel besseres gemeinsames Engagement der
progressiven Abgeordneten zum Europäischen
Parlament und in den nationalen Parlamenten
im Rahmen des europäischen wirtschaftsund sozialpolitischen Prozesses zu erreichen.
Diese Initiativen sollten einen anregenden und
bereichernden Austausch zwischen diesen
Gemeinschaften und mit den wichtigsten
Interessengruppen hervorrufen, insbesondere
durch dieses vierteljährliche Journal für eine
Progressive Economy und durch eine Reihe
von Veranstaltungen, deren Brennpunkt das
Jahresforum der Initiative Progressive Economy
im März sein wird.
Man kann fortschrittlich gesinnte Menschen
in Europa und anderswo, die glauben, sie
können etwas zum Wiederaufleben einer
starken und anregenden progressiven Agenda
im Wirtschafts- und Sozialbereich beitragen, nur
ermutigen, sich in jeder erdenklichen Weise den
Bemühungen dieser Initiative anzuschließen.
Observatoire Français de Conjoncture Economique (OFCE), Paris, Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Düsseldorf, und Economic Council of the Labour
Movement (ECLM), Kopenhagen.
1
Europa:
ein Kind der Wirtschaft,
ein Waisenkind der Politik
Jean-Paul Fitoussi,
Professor für
Wirtschaftswissenschaften, Institut
für Politikwissenschaft (SciencesPo), Paris, und
LUISS-Guido-CarliUniversität, Rom
Seit 1997 ist er Mitglied
des WirtschaftsanalyseRats des französischen
Premierministers und der
Wirtschaftskommission der
Nation.
Während wir in Richtung Zukunft
marschieren, sieht die Lage düster aus. Die
Beschlüsse, die auf mehreren aufeinander
folgenden EU-Gipfeln gefasst wurden, dürften
die strukturellen Mängel der Eurozone wohl nicht
beheben. Europa enttäuscht heute deswegen,
weil es ein Verfassungsproblem so behandelt, als
wäre es lediglich ein wirtschaftliches. Die Fiktion
von der Nachhaltigkeit Europas, das ein Kind der
Wirtschaft, aber ein Waisenkind der Politik ist,
höhlt die europäische Integration weiterhin aus.
Es stimmt sicher, dass die vorgeschlagene
Bankenunion echte Fortschritte macht. Aber
die Aufsicht über diese Union ist nur teilweise
festgelegt, und sie wird erst 2014 in Kraft
treten. Ihre anderen Bestandteile – die Lösung
der Bankenkrise und die Einlagensicherung –
verbleiben in nationaler Zuständigkeit, und ihre
europäische Zukunft ist sogar noch ungewisser.
Echte Solidarität ist notwendig – etwas, das
Europa am meisten fehlt.
Wir haben den Wachstumspakt und den
Vertrag über Stabilität, Koordinierung und
Steuerung. In welche Zukunft führen sie uns?
So, wie er unterzeichnet wurde, dürfte der
Wachstumspakt – Investitionsprojekte, die in
erster Linie durch bestehende Strukturfonds
und das erhöhte Kapital (zehn Milliarden
Euro) der Europäischen Investitionsbank
(EIB) finanziert werden – die Aktivität in der
Eurozone wohl kaum grundlegend verändern.
Wir reden über 120 Milliarden Euro; sogar
das ist die Mobilisierung von Mitteln, die noch
nicht verwendet wurden, um es der EIB zu
ermöglichen, 60 Milliarden Euro an Krediten zu
vergeben, indem ihre Kapitalerhöhung gehebelt
wird. Ob ein Anfang gemacht wurde oder nicht,
ist ein Rätsel. Deshalb erscheint der europäische
Wiederaufschwung mehr symbolisch als wirklich,
eine Wiederauflage der (im Jahr 1997 nach
harten Verhandlungen erreichten) Hinzufügung
der Wörter „und Wachstum“ zum Stabilitätspakt.
Denn im Moment haben die EU-Bestimmungen
und Bedingungen für die Unterstützung von
Ländern, die als labil betrachtet werden, diese
Länder in eine Depression gestürzt und die
Erholung der Eurozone verzögert. Haben wir
Griechenland wirklich geholfen, wenn wir uns
vor Augen halten, dass sein BIP derzeit um 20%
niedriger ist als am 1. Januar 2008?
Es ist schwierig, den Wachstumspakt
nicht als Beruhigungsbalsam zu betrachten,
der aufgetragen wird, um die Rauheit des
‚Fiskalpakts‘ zu glätten. Daher haben wir einen
Vertrag, der die finanzpolitische Einsamkeit
jedes einzelnen Mitgliedsstaats der Eurozone
etabliert, durch das Versprechen größerer
Solidarität, wenn sie sich fähig zeigen, ihre
eigenen Probleme zu lösen. Er zwingt die
Staaten, oder vielmehr verlangt er von ihnen,
sich selbst Sanktionen aufzuerlegen oder Strafen
zu riskieren, um finanzielle Regeln zu haben,
die weltweit in keiner anderen Demokratie
zu finden sind. Tatsächlich verschärft er das
europäische Demokratiedefizit und macht die
Mitgliedsstaaten noch föderaler und gleichzeitig
sogar noch mehr zu Waisen einer Föderation.
Regeln und Wahlmöglichkeit
neu überdacht
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs
debattieren Wirtschaftswissenschaftler
über die Frage, ob der Schwerpunkt in der
Wirtschaftspolitik auf Regeln oder auf das
Ermessen gelegt werden sollte. In den Vierzigern
hatte Milton Friedman sich bereits für die
Annahme geldpolitischer Regeln eingesetzt und
vorgeschlagen, ausgewogene finanzpolitische
11
Vorschriften in der Verfassung zu verankern.
Aber es waren die ‚Revolution‘ der rationalen
Erwartungen und die neoklassische Schule, die
‚endgültig‘ die Überlegenheit der Regeln über
die Auswahlmöglichkeit etablierten1. Diese
Schlussfolgerung, die in vielen Ländern die
Steuerung der Währungspolitik inspiriert hat,
erregte viel Aufmerksamkeit. Aber kein Land hat
seine finanzpolitische Souveränität oder auch seine
geldpolitische Souveränität aufgegeben, da in
allen Ländern (außer in Europa) die Zentralbanken
den nationalen Parlamenten gegenüber
rechenschaftspflichtig sind. Die neoklassische
Beweisführung würde nur für eine Welt ohne
Ungleichgewichte gelten, wo die Wirtschaftspolitik
dem Kampf Don Quichotes ähnelt.
Wie aber konnte Europa – vermutlich, ohne es
zu wissen – solch eine Doktrin befürworten?
Der Grund ist, dass die Annahme dieser
Doktrin den Regierungen die Hände so fesselt,
dass sie nicht mehr handeln können, sogar
unter Bedingungen wie heute, wo Untätigkeit
verantwortungslos ist. Das soziale Leid
verschlimmert sich, die Arbeitslosigkeit steigt, die
Rezession bedroht die Eurozone, und viele Länder
werden von einer Depression erfasst. Können wir
also nichts tun, um gegen diese Übel und gegen
die Verringerung des Haushaltsdefizits als einzige
makroökonomische Politik anzukämpfen?
Es stimmt, dass Misstrauen gegenüber der
Demokratie gelegentlich zu haushaltspolitischer
Tugendhaftigkeit in einigen Ländern führt. 2011
haben beispielsweise in den Vereinigten Staaten
die Republikaner versucht, im Kongress eine
Verfassungsbestimmung zu verabschieden, um
einen ausgeglichen Haushalt zu haben. Aber
wichtige Stimmen wurden erhört, und der Versuch
scheiterte.
In einem Brief an Präsident Obama
forderten der Vorsitzende des Kongresses, die
Anführer der Minderheit und der Mehrheit im
Repräsentantenhaus und im Senat und acht
der bedeutendsten Wirtschaftswissenschaftler
unserer Zeit den Kongress auf, den Antrag auf
Aufnahme einer Klausel über ein ausgeglichenes
Budget in die Verfassung abzulehnen. Ihre
Argumente fanden breite Zustimmung in der
Wirtschaftsgemeinde. Die Grundsätze sind es
wert, noch einmal bedacht zu werden.
1. Das Funktionieren automatischer
Stabilisatoren zu verhindern,
verschlimmert Rezessionen.
2. E s ist legitim – wie es auch für die anderen
Wirtschaftsakteure der Fall ist –, dem
Staat zu erlauben, Investitionsausgaben
durch Kredite zu finanzieren und folglich
ein Haushaltsdefizit zu haben.
3. E ine derartige Änderung würde
den Kongress ermutigen, die
Finanzaufwendungen, die er nicht
übernehmen kann, an die lokalen
Behörden weiterzugeben (die nicht die
Mittel haben). Sie wird außerdem kreative
Buchhaltung anregen, z.B. durch den
Verkauf öffentlicher Vermögenswerte.
Es wird Richtern überlassen bleiben,
die finanzielle Lage des Landes zu
interpretieren, was zu einer von den
Gerichten bestimmten Wirtschaftspolitik
führen könnte.
4. H
eutzutage ist es gefährlich,
zu versuchen, den Haushalt zu
rasch auszugleichen. Die äußerst
erheblichen Ausgabenkürzungen oder
Steuererhöhungen, die dafür erforderlich
wären, wären einer ohnehin noch
ungewissen Erholung sehr abträglich.
Siehe F.E. Kydland & E. Prescott (1977) : “Rules rather than discretion: the inconsistency of optimal plans”, Journal of political economy, Vol. 85, No. 3. und R.E. Lucas (1981): “Rules,
discretion and the role of the economic advisor”, in R.E. Lucas : Studies in Business cycle Theory, The MIT Press.
1
Zum Glück ist der Kreis des Wahnsinns dieses
Mal auf Europa begrenzt. Andere Teile der Welt
scheinen ihre Lehren aus der Weltwirtschaftskrise
der 1930er Jahre gezogen zu haben.
Diese Argumente sind gut in der Theorie
und können auch auf den Vertrag über
Stabilität, Koordinierung und Steuerung
angewendet werden.
Alle Argumente, die die amerikanischen
Ökonomen in ihrem Brief an Präsident Obama
vorgebracht haben, gelten auch für europäische
Regeln. Natürlich könnte man sagen, dass
der Vertrag auf das strukturelle Defizit schaut
und nicht auf das nominelle, und folglich das
Funktionieren der automatischen Stabilisatoren
nicht behindert. Da er aber die Mitgliedsstaaten
verpflichtet, ab jetzt einen Konvergenzpfad
festzulegen und anzuwenden, und darüber
hinaus die Länder zwingt, die Lücke zwischen
ihren tatsächlichen Schulden und dem vom
Stabilitätspakt tolerierten Niveau (60% des
BIP) jährlich um ein Zwanzigstel zu verringern,
blockiert er die automatischen Stabilisatoren
zumindest teilweise. Das ist eine andere Art,
zu sagen, dass er die Länder zwingt, eine –
unter Berücksichtigung der aktuellen Lage
– prozyklische Politik zu betreiben, die in einer
Rezessionsphase restriktiv wirkt.
Der Vertrag stellt den Gerichtshof in
den Mittelpunkt der Maßnahmen, wie die
oben genannten Ökonomen befürchteten.
Außerdem schreibt er den Mitgliedsstaaten
vor, eine unabhängige nationale Institution
zur Überwachung der Durchsetzung des
Vertrags einzurichten. Und schließlich verlangt
er von den Ländern, deren Defizite als exzessiv
angesehen werden, die Durchführung eines
‚Partnerschaftsprogramms‘ unter Aufsicht
der EU-Institutionen. Es gibt Anzeichen einer
Verringerung der haushaltspolitischen Rolle
des Parlaments, was die Demokratie unter
technokratische Vormundschaft stellt. Statt
unter die Vormundschaft eines zweifellos
legitimen Bundesstaats werden die Länder unter
”The Relation of Home Investment to Unemployment”, 1931, Economic Journal.
2
die Kontrolle unabhängiger Institutionen mit
schwacher demokratischer Legitimität gestellt.
In Ermangelung einer Vereinbarung zur
‚Reparatur‘ der europäischen Verfassung
(die EZB zu einer voll funktionsfähigen
Zentralbank machen; Schulden bündeln, um
Marktarbitrage unmöglich zu machen, so
wie die Einheitswährung – also das Bündeln
von Währungen – der Spekulation auf
innereuropäische Wechselkurse ein Ende
bereitet hat) sind die europäischen Staaten nach
den geltenden Verträgen auch gezwungen,
Schulden zu reduzieren. Hier haben die Ängste
vor einer langen Rezession in Europa ihre
Wurzeln.
Sind wir dazu verdammt, die gleichen
Fehler zu wiederholen? 1929, am Tag nach der
Krise, veröffentlichte die britische Regierung ein
Weißbuch, das als The Treasury View bekannt
ist, um im Wesentlichen zu sagen, dass die
staatliche Investitionspolitik keine anderen
Auswirkungen hätte, als die Staatsfinanzen zu
schädigen, und dass es insgesamt die klügste
Politik wäre, ein ausgeglichenes Budget zu
haben. Diese Doktrin wurde nicht nur in
England, sondern auch in Deutschland und in
den Vereinigten Staaten (bis zum New Deal)
angewendet. Die zur Debatte stehende Frage
konzentrierte sich somit auf Möglichkeiten
zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und
öffentlicher Investitionen, die von einigen
Ökonomen verfochten wurden. Richard Kahn
erfand noch vor Keynes das Konzept des
Beschäftigungsmultiplikators2. Aber The Treasury
View sagte, dass höhere öffentliche Ausgaben
weder die Aktivität noch die Beschäftigung
beeinflussen können. Die Theorie beruhte
auf der Verdrängungswirkung: Eine solche
Erhöhung würde eine Abnahme in gleichem
Ausmaß bei den Privatausgaben bewirken,
13
sodass die Inlandsproduktion nicht zunehmen
könne (weil die Produktionskapazität ausgelastet
wäre), oder höhere öffentliche Investitionen
würden zu einem Anstieg der Zinssätze3 führen,
was private Investitionen entmutigt. Diese
Theorie basiert auf dem Say‘schen Gesetz,
auch bekannt als Gesetz der Märkte4: „Das
Angebot schafft sich seine eigene Nachfrage“.
Anders gesagt, es gäbe keine Probleme mit den
Märkten, und es wäre sinnlos, zu versuchen,
die Nachfrage zu steigern, um die Wirtschaft
wiederzubeleben. Nur Maßnahmen auf der
Angebotsebene würden zu so einem Ergebnis
führen. Es ist klar, dass Keynes dieses Gesetz zu
seinem ärgsten Feind gemacht hat. Wir können
aber verstehen, warum The Treasury View die
Depression herbeigeführt hat, weil wir wissen,
was passiert ist.
Acht Jahrzehnte später vertritt Europa die
gleiche Meinung: nicht nur, dass die Rettung
nicht durch einen öffentlichen Investitionsschub
kommen werde, sondern auch, dass die
öffentlichen Ausgaben reduziert und die Steuern
erhöht werden sollten, um die Voraussetzungen
für einen zukünftigen Aufschwung zu
schaffen. So viel zur globalen Nachfrage!
Stattdessen muss eine Politik des Angebots
vorangetrieben werden. Das Tohuwabohu
rund um die Frage der Wettbewerbsfähigkeit
rührt von diesem Dekret her. Der GalloisBericht in Frankreich und der anschließende
Plan für Wettbewerbsfähigkeit zeigen dies.
Der Wettbewerbsschock, von dem ein Wunder
erwartet wird, führt dazu, dass, sagen wir
20 Milliarden Euro von den Haushalten an
die Unternehmen transferiert werden. Die
Kaufkraft der Ersteren und die Arbeitskosten
der Letzteren werden sich dementsprechend
verringern. Die französischen Unternehmen
würden folglich wettbewerbsstärker werden,
aber zusätzliche Märkte können sie sich nicht
von der (erlahmenden) französischen Nachfrage
erwarten, sondern von der ausländischen
– und insbesondere von der europäischen –
Nachfrage. Doch die Binnennachfrage der
anderen europäischen Länder ist schwach, da sie
alle die gleiche Politik verfolgen und versuchen,
ihre Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Das
sicherste Ergebnis dieser sich überschneidenden
Strategien ist ein Zusammenbruch der
Nachfrage, aber dennoch sind das die einzigen
Strategien, die die europäischen Regeln
zulassen. Welche nützlichen Maßnahmen kann
eine Regierung, die gezwungen wird, ihre
Ausgaben zu senken und Steuern zu erhöhen
(ohne ihre Währung abzuwerten), ergreifen,
um das Wachstum anzukurbeln? Wir finden in
diesem Zusammenhang die gleichen Zutaten,
die zur Vertiefung der Großen Depression der
1930-er Jahre geführt haben: zuerst Abwertung
aus Wettbewerbsgründen, dann Handelskriege
und Protektionismus. Es gibt eine merkwürdige
Ähnlichkeit zwischen The Treasury View
von damals und der Doktrin, die heute zum
Fiskalpakt geführt hat.
Zum Glück ist der Kreis des Wahnsinns
dieses Mal auf Europa begrenzt. Andere
Teile der Welt scheinen ihre Lehren aus der
Weltwirtschaftskrise der 1930-er Jahre gezogen
zu haben. Ebenfalls ein Glück ist, dass die Kraft
konventioneller Ideen mehr zu umfassen scheint
als nur die Steuerpolitik. Die Zentralbanken
haben viel gelernt und sind bereit, die
heterodoxesten Strategien voranzutreiben,
um die Zukunft zu sichern. Aber werden die
Europäischen Verträge die EZB in Ruhe lassen?
Und werden die Regierungen sich mit einem
verlorenen Jahrzehnt des Wachstums abfinden,
das schon mehr als zur Hälfte vorbei ist? ■
Der Staat muss Kredite aufnehmen, um Investitionen zu finanzieren. Das erhöht die Nachfrage nach Krediten und folglich auch die Zinssätze.
Oder zumindest eine grob vereinfachende Interpretation dieses Gesetzes, siehe Robert W. Clower: “Trashing J.B. Say: The Story of a Mare’s Nest” in K. Vela Velupillai:
Macroeconomic Theory and Economic Policy, Essays in honour of Jean-Paul Fitoussi, Routledge, 2004.
4
5
Europe:
In need of an alternative
to neoliberalism
Fast sechs Jahre nach dem Ausbruch der
Subprime-Krise wächst die US-Wirtschaft
in einem verhaltenen Tempo, während die
europäische Wirtschaft immer noch ihre
schlimmste Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg
durchmacht. Insbesondere die Eurozone steckt
in einer erneuten Rezession („Double Dip“)
fest, die das Wohlergehen von Millionen
Menschen ernsthaft gefährdet.
Stefano Fassina,
italienischer
Stellvertretender
Wirtschafts- und
Finanzminister.
Von 2009 bis 2013 war
er Leiter der Wirtschaftsund Arbeitsabteilung der
Demokratischen Partei
Italiens. Zuvor diente er
als IWF-Volkswirt und als
Wirtschaftsberater für
verschiedene nationale
und internationale
Institutionen.
Warum richtet eine Krise, die
anderswo ihren Ursprung hat,
Europa zugrunde?
Die Antwort auf diese Frage liegt einem
fehlerhaften wirtschaftlichen Paradigma, das
die letzten 30 Jahre beherrscht hat. Das hat
wiederum zu einer fehlerhaften Konstruktion
der Eurozone und folglich zu fehlerhaften
politischen Entscheidungen geführt.
Vor allem hat dieses Wirtschaftsmuster
eine große Rolle gespielt bei der Schaffung von
günstigen wirtschaftlichen Voraussetzungen
für den Abschwung: der blinde Glaube an die
Freiheit des Marktes – starke Deregulierung der
Arbeits- und Finanzmärkte, der Handels- und
Kapitalströme, die eine ernsthafte Schwächung
der Verhandlungsstärke der Arbeitnehmer und
der staatlichen Interventionsmöglichkeiten
(Umverteilung) bewirkt haben. In Folge
dessen gab es drei Jahrzehnte immer größerer
Ungleichheit, auch wenn deren negative
Auswirkungen auf das Wachstum durch den
enormen Anstieg der privaten Verschuldung
verschleiert wurden. Die Subprime-Krise kann
als Alarmglocke für die langfristig fehlende
Nachhaltigkeit dieses Weges bezeichnet werden.
Zusätzlich – und, was noch wichtiger ist,
in der Krise der Eurozone – spielte das gleiche
Wirtschaftsmuster die fundamentale Rolle
einer bewussten Fehldeutung der Krise selbst.
Was ganz klar eine Krise der ausländischen/
privaten Schuldenzahlungsbilanz ist, wurde als
Staatsschuldenkrise ausgegeben – aufgrund
der Verschwendung der Regierungen in den
südlichen Mitgliedsstaaten der Eurozone.
Diese Interpretation steht im Widerspruch zu
den Daten: Mit Ausnahme Griechenlands, mit
den „methodologischen Problemen“ seiner
Finanzberichte, hatten 2007 alle PIIGS solide
oder besser werdende öffentliche Finanzen.
Italiens Bruttostaatsverschuldung lag im Jahr
2000 bei 108,5% des BIP und im Jahr 2007 bei
103,3% (heute 132,3%!); in Portugal stieg sie
in der ersten Hälfte des neuen Jahrhunderts,
betrug aber vor der Krise immer noch rund 65%
des BIP; die spanische Staatsschuldenquote lag
2007 bei 36,3% (59.4% in 2000, 93.7% in
2013); in Irland war sie im Jahr 2007 bei unter
25% des BIP (123.3% in 2013). Im Durchschnitt
erreichten diese Länder im Zeitraum 20002007 beachtliche Primärüberschüsse, während
Deutschland von 2001 bis 2005 fünf Jahre
nacheinander Primärdefizite zu verzeichnen
hatte.
In den Jahren vor der Krise war den PIIGS
gemein, dass ihr Auslandsvermögensstatus
sich rapide und in alarmierender Weise
verschlechtert hat. Der Grund dafür lag in der
Anhäufung großer Leistungsbilanzdefizite, die
beinahe gänzlich von den nördlichen Ländern
finanziert wurden. Anders gesagt: Seit der
Schaffung der Eurozone haben die Randstaaten
die Inflationsunterschiede zu den Kernländern
verringert, aber nicht beseitigt, aufgrund der
großen strukturellen Verschiedenartigkeit
und des Fehlens einer echten wirtschaftlichen
und institutionellen Konvergenzpolitik
innerhalb der Eurozone. Zudem hat die
15
starke Lohnkomprimierung in Deutschland im
letzten Jahrzehnt die Handelsbedingungen
für die südlichen Länder verschlechtert. In
Folge dessen hatte Deutschland im Jahr 2007
einen Leistungsbilanzüberschuss von 7,5%
des BIP; im gleichen Jahr hatten alle PIIGS ein
Leistungsbilanzdefizit (von -1,3% in Italien bis
-14,6% in Griechenland). Diese Zahlen waren
im vorherigen Jahrzehnt nicht so viel anders.
Um über die Runden zu kommen, finanzierten
Kapitalflüsse vom Kern in die Peripherie die
Leistungsbilanzungleichgewichte, was zu
enormen Profiten für die Überschussländer
und zu enormer Auslandsverschuldung für
die Defizitländer führte. Die Eurozone war
eine unhaltbare Transferunion. Die „Heiligen“
waren abhängig von den „Sündern“.
Als der amerikanische Finanzcrash
geschah, führte die Klemme der globalen
Kapitalmärkte zu einem abrupten Stopp
der Finanzierung der Ungleichgewichte der
Eurozone. Rettungsmechanismen, die aus
den öffentlichen Haushalten bezahlt wurden
(vor allem, um die Banken der Kernländer zu
retten), waren notwendig, um eine europäische
Bankenkatastrophe zu verhindern. Die scharfe
Rezession, die auf die finanziellen Tumulte
und die Aktivierung der automatischen
Stabilisatoren folgte, verursachte eine weitere
Verschlechterung der finanziellen Position der
Randstaaten: Eine private Schuldenkrise – im
Wesentlichen auf eine zutiefst ungleiche
Umverteilung von Löhnen zu Gewinnen
zurückzuführen – war schlussendlich zu einer
Staatsschuldenkrise geworden.
Das neoliberale Denken, das die
europäischen Institutionen durchdringt,
hat den südlichen Ländern finanzielle
Verantwortungslosigkeit vorgeworfen
und ihnen einen völlig asymmetrischen
Anpassungspfad aufgezwungen: eine rigorose
Sparpolitik im öffentlichen wie im privaten
Sektor, mit einer starken internen Abwertung
zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit
gegenüber den Kernländern. Ohne die implizite
Garantie bedingungsloser Transferzahlungen
innerhalb des Gebiets, ohne eine Zentralbank
als Kreditgeber letzter Instanz und ohne ein
gut funktionierendes Bankensystem war es
klar, dass die gemeinsame Entschuldung
(Deleveraging) des öffentlichen und privaten
Sektors zu einer schweren Rezession führen
würde.
Einflussreiche europäische Funktionäre
und politische Spitzenkräfte – leider nicht
nur im konservativen Lager – zeigten
sich unlängst zufrieden mit den jüngsten
makroökonomischen Daten: Technisch
gesehen ist die Rezession vorbei, und die
Leistungsbilanzen verbessern sich – dank
der Lohnabwertung. Das Bild sieht lediglich
gut aus, weil es extrem unvollständig
ist. Es ignoriert die Tatsache, dass die
durchschnittliche Staatsverschuldung in der
Eurozone um 30% des BIP angestiegen
ist (von 65% in 2007 auf 95% in 2013).
Nach sechs Jahren enormer sozialer und
wirtschaftlicher Kosten (in Italien und Irland
ist die Gesamtarbeitslosenquote über 12%; in
Griechenland und Spanien liegt sie weit über
25%, während die Jugendarbeitslosenquote
deutlich über 50% beträgt und der IWF bis
2017-2018 ähnliche Zahlen vorhersagt) ist
man weit davon entfernt, die übergeordneten
Haushaltsziele zu erreichen. Angesichts der
mittelfristigen Konjunkturaussichten werden
die Staatsschulden in mehreren Ländern
der Eurozone untragbar. Kurzum, der
finanzpolitische Sparkurs ist selbstzerstörerisch.
„Eine private Schuldenkrise – im Wesentlichen auf
eine zutiefst ungleiche Umverteilung von Löhnen
zu Gewinnen zurückzuführen – war schlussendlich
zu einer Staatsschuldenkrise geworden.“
Trotzdem haben die Politikempfehlungen
der Europäischen Kommission weiterhin
den gleichen Schwerpunkt: weitere
„Strukturreformen“ (stärkere Flexibilisierung
der Arbeitsmärkte, Verkleinerung der
Regierung und des Wohlfahrtsstaats, usw.)
und Haushaltskonsolidierung. Es ist keineswegs
klar, dass genau dieser Politikansatz der Krise
zugrundeliegt. Es wird beispielsweise auch nicht
berücksichtigt, dass die reale BIP-Wachstumsrate
in Deutschland 2013 nahe Null ist, doch wird
vorausgesagt, dass sie lange Zeit sehr niedrig
bleiben wird (im Durchschnitt 1,2% für den
Zeitraum 2014-2018). Die Daten zeigen,
dass sich nicht alle Mitglieder der Eurozone
gleichzeitig auf die externe Nachfrage stützen
können (während die interne Nachfrage durch
Lohnkomprimierung und Kürzungen bei den
staatlichen Ausgaben abgewürgt wird): In einer
hoch integrierten Freihandelszone gibt es einen
leicht vorhersehbaren Fehlschluss vom Teil aufs
Ganze; sie vergrößert die Werte der fiskalischen
Multiplikatoren der offenen Volkswirtschaft
(das erklärt auch die unterschätzten negativen
Auswirkungen der simultanen Sparprogramme).
Das gilt umso mehr, wenn man sich die rasch
sinkenden Wachstumsraten der Schwellenländer
ansieht.
Auf kurze Sicht sind wesentliche politische
Änderungen notwendig: Wie der IWF in seinem
letzten Weltwirtschaftsausblick (Oktober 2013)
andeutet, muss in den Randstaaten „das Tempo
der Anpassung nachlassen“, und die EZB sollte
„zusätzliche finanzielle Unterstützung durch
niedrigere Leitzinsen, vorausschauende Beratung
über zukünftige Zinssätze (einschließlich der
längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte zu
fixen Zinssätzen), negative Einlagenzinssätze
oder andere unkonventionelle politische
Maßnahmen“ bereitstellen. In der Zwischenzeit
wäre eine Mindestanforderung an die Kernländer,
Lohnzuwächse und Reflation (mit einer
expansiven Fiskalposition) zu begünstigen, die
Binnennachfrage zu stärken und den Randstaaten
auf halbem Wege entgegenzukommen. Für die
Finanzierung produktiver Investitionen, die von
der EU-Kommission genehmigt sind, sollte eine
Goldene Regel vereinbart werden.
Es ist aber noch viel mehr erforderlich.
Eine ausgereifte Bankenunion muss vollendet
werden, Euro-Projektanleihen zur Finanzierung
transeuropäischer Netze müssen lanciert, und
Sozial- und Umweltstandards für Handels- und
Kapitalströme festgelegt werden.
Der soziale und wirtschaftliche Erfolg der
Europäischen Union als Ganzes setzt eine kulturelle
und theoretische Alternative zum Neoliberalismus
voraus. Nur eine erneuerte ideologische Basis
kann den europäischen Integrationsprozess weiter
führen. Ansonsten wird die „Titanic Europa“ auf
den Eisberg des Nationalismus prallen. ■
Wie soll die EU die
Krise bewältigen?
Prof. Louka T. Katseli,
Universität Athen.
Präsidentin von
„Social Pact“
Sie war griechische
Ministerin für Arbeit
und soziale Sicherheit
(2010-2011) und
Ministerin für Wirtschaft,
Wettbewerbsfähigkeit und
Schifffahrt (2009-2010).
Vier Jahre nach dem Ausbruch einer
beispiellosen Finanz- und Wirtschaftskrise
befindet sich Europa in einer kritischen Phase. Die
Wirtschaftstätigkeit ist praktisch zum Stillstand
gekommen. Die Arbeitslosigkeit in den EUMitgliedsstaaten liegt bei über zehn Prozent.
Ungleichheits- und Armutsraten steigen auf
Rekordniveaus.
Europa wird zusehends segmentiert.
Ein tiefer Graben tut sich auf zwischen den
Überschussländern im Norden und den
Defizitländern im Süden. Im Norden bleibt
die Arbeitslosigkeit niedrig und die sozialen
Sicherheitsnetze nahezu unversehrt. Im Süden
zerbröckeln die Sozialsysteme, und große Teile
der Gesellschaft werden ausgegrenzt. Jeder
zweite Jugendliche in Griechenland oder Spanien
ist arbeitslos, und die Gesamtarbeitslosenrate
ist auf 30% angestiegen. Über 400.000
Familien mit Kindern in Griechenland versuchen,
über die Runden zu kommen, obwohl kein
einziges erwachsenes Familienmitglied Arbeit
hat. Drastische Rückgänge der persönlichen
verfügbaren Einkommen oder Pensionen nach
Steuern haben dazu geführt, dass Familien
aus der Mittelschicht in Portugal, Spanien und
Griechenland ihre Schulden und Hypotheken
nicht mehr zurückzahlen können. Sie rutschen
rasch in Überschuldung oder gar in die Armut ab.
Immer mehr junge Berufstätige suchen eine Stelle
im Ausland – in Deutschland, im Vereinigten
Königreich und in anderen europäischen
Ländern.
Das Vertrauen in die Fähigkeit der nationalen
Regierungen, der traditionellen politischen
Parteien und der EU-Institutionen, glaubwürdige
Politiken zu verfolgen, um die Lebensstandards
zu verbessern, ist ernsthaft ausgehöhlt worden.
Ausländerfeindlichkeit und Europaskepsis sind
in ganz Europa auf dem Vormarsch. Im Süden
werden die Sparmaßnahmen als ungerecht und
unwirksam empfunden, oder sie wurden – so die
Wahrnehmung in der Bevölkerung – auferlegt,
um die Gläubiger auf Kosten der schwächsten
Gruppen in der Gesellschaft zu bedienen. Im
Norden, speziell in Ungarn, den Niederlanden,
Finnland, Österreich, Frankreich und Dänemark,
wird den Einheimischen weisgemacht, dass
sie eine hohe Rechnung bezahlen müssen,
um ihre verschwenderischen südeuropäischen
Ko-Mitglieder zu retten, während sie selber
mit immer schlechteren wirtschaftlichen
Bedingungen fertig werden müssen. Der IPSOS/
CGI-Umfrage vom Mai 2013 zufolge glauben
drei von vier Europäern, dass die Wirtschaftskrise
sich in ihrem Land verschlechtern wird. Ihrer
Ansicht nach sind die europäischen Institutionen
nicht in der Lage, den Trend umzukehren und die
wachsende Kluft zwischen Nord und Süd wieder
zu verkleinern.
Kann die EU aus dieser wirtschaftlichen,
politischen und sozialen Krise herauskommen?
Die Antwort ist positiv – vorausgesetzt, dass
die Ursache der europäischen Krise richtig
diagnostiziert wird und geeignete Maßnahmen
und Initiativen ergriffen werden, um die
geeignete Kur zu verschreiben.
Die Diagnose
Die Ursachen der europäischen Krise
sind von vielen Autoren eingehend analysiert
worden. Das Debakel des SubprimeHypothekenmarkts, das 2007 in den
USA losging, weitete sich rasch auf den
europäischen Finanz- und Bankensektor aus.
Genau wie ihre amerikanischen Pendants
hatten große internationale europäische
Banken – praktisch unreguliert und überzeugt,
dass sie bei Bedarf von den nationalen
19
Regierungen gerettet würden – billige Kredite
an Staaten, Kommunalbehörden und an den
Privatsektor vergeben und ihre möglichen
Risiken durch Derivate und/oder die Verbriefung
von Krediten abgesichert. Wie Lewis (2011)
und andere dokumentiert haben, erkannten
Hedgefonds-Manager und Spekulanten sehr
bald, dass einige europäische Staaten, nämlich
Griechenland, Irland, Italien, Portugal und
Spanien, bei einem Angriff nicht mehr in
der Lage wären, durch die Aufnahme neuer
Kredite eine Staatspleite abzuwenden oder ihre
Banken zu retten. Die angehäuften Schulden
überstiegen bei weitem ihre geplanten
Steuereinnahmen. Eine mögliche Krise bei
Staatsanleihen würde auch den Euro und die
Eurozone erschüttern. Ende 2008 begann der
Markt für Versicherungen gegen Staatspleiten
und Kreditausfallversicherungen (Credit Default
Swaps) zu boomen. Die Spekulation gegen den
Euro nahm zu.
Griechenland wurde Ende 2009 als erstes
angegriffen. Seine Herabstufung durch die
Ratingagenturen im November und Dezember
2009 bewirkte einen beispiellosen Anstieg
der Risikoaufschläge. Schlussendlich war
das Land von den internationalen Märkten
abgeschnitten und sah sich gezwungen, im Mai
2010 um ein erstes Rettungspaket anzusuchen.
In der Zwischenzeit stiegen die griechischen
Kreditausfallversicherungen zwischen 2008 und
2011 von 11 Basispunkten auf 2300! Für jede
Wette von 1100 $, die 2008 abgeschlossen
wurde, erhielt man in wenigen Jahren 700.000
$ (Lewis, 2011, p xiv) – die Marktteilnehmer
machten enorme Profite.
Das beispiellose Haushaltskonsolidierungsund Sparpaket, das in drei aufeinander
folgenden Absichtserklärungen zwischen
Griechenland und seinen Gläubigern im
Gegenzug für 240 Milliarden Euro an Krediten
vereinbart wurde, stürzte die Wirtschaft in
eine tiefe Rezession. Die Finanzkrise bewirkte
eine Liquiditätskrise im Inland, sodass
Haushalte und Unternehmen keine Kredite
erhalten konnten. Die Kreditklemme führte
in Verbindung mit dem drastischen Rückgang
der verfügbaren Einkommen dazu, dass sie
ihre Verbindlichkeiten nicht mehr zurückzahlen
konnten. Die untragbare griechische
Staatsschuldenkrise verwandelte sich somit in
eine inländische Bankenkrise.
In Irland waren die irischen Banken
die Schuldigen. Sie waren dazu
übergegangen, astronomisch hohe Beträge
– einigen Schätzungen zufolge (Lewis,
2011, p.85) rund 106 Milliarden Euro – an
Bauunternehmer zu verleihen. Die darauf
folgende Immobilienblase zerplatzte 2008.
Die Entscheidung der Regierung, für alle
Schulden der betroffenen Banken zu bürgen,
bewirkte einen enormen Anstieg des
Haushaltsdefizits und den Zusammenbruch
einer gesamten Volkswirtschaft. Aus den
irischen Bankenschulden wurden irische
Staatsschulden. Die folgende inländische
Liquiditätskrise, verschärft durch die
auferlegten Sparmaßnahmen, führte zu einer
schweren Rezession und verschlimmerte das
Schuldenproblem insgesamt.
In Spanien, Portugal, Italien, Zypern und
anderen EU-Mitgliedsstaaten gab es ähnliche
Entwicklungen zu beobachten.Öffentliche oder
private Überschuldung, angetrieben von einem
ungeregelten Finanzsektor und der Illusion
von „stillschweigenden Garantien“ und einer
risikolosen Eurozone, lösten Vertrauenskrisen
in den Märkten für Vermögenswerte und
spekulative Angriffe in den Märkten für
Staatsanleihen aus. Angesichts des Verbots
finanziellen Beistands für gefährdete
Mitgliedsländer (No-Bailout-Klausel in der
EZB-Charta und im Lissabon-Vertrag) führte
dies zu großen Rettungsprogrammen für
europäische Staaten durch die neu geschaffene
Europäische Finanzstabilisierungsfazilität
(EFSF) und in der Folge durch den dauerhaften
Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM)
– im Gegenzug für strenge Sparmaßnahmen
und Haushaltskonsolidierungsprogramme.
Die Ergebnisse waren für große Teile der
europäischen Gesellschaft verheerend.
Das Ergebnis
Die Tabellen 1 und 2 zeigen die
hervorstechenden Merkmale der
Hauptrisikoländer zwischen 2008 und 2012.
Die offiziellen Schuldenquoten
(Schuldenstand im Verhältnis zum
Bruttoinlandsprodukt) sind in allen Ländern
angestiegen und haben die Prognosen
weit überschritten. Trotz der strengen
Budgetkonsolidierungsprogramme sind
die Defizitquoten (im Verhältis zum BIP)
entweder unverändert geblieben (Irland,
Griechenland) oder in die Höhe geschossen
(Portugal, Spanien). Die Finanzsektoren
sind in Folge der Staatsschuldenkrise, von
Liquiditätsengpässen, Kapitalflucht und
zunehmenden notleidenden Krediten anfälliger
geworden. Die Bruttoanlageinvestitionen sind
in fast allen Ländern um über zehn Prozent
gesunken, außer in Portugal, wo der Rückgang
bei rund acht Prozent lag. Die Wachstumsraten
sind in allen Ländern mit Ausname Irlands
negativ, und die Arbeitslosenraten sind
hochgeschnellt. Der massive Rückgang
der Binnennachfrage, einschließlich der
Investitionsnachfrage, hat vorübergehend
zu Verbesserungen in den Leistungsbilanzen
geführt, die jedoch nicht haltbar sein werden,
wenn das Wachstum wieder einsetzt. Die
allgemeine preisliche Wettbewerbsfähigkeit
hat sich in Wirklichkeit verschlechtert. Trotz
massiver Lohnkürzungen hat eine Kombination
aus höheren Energiekosten, Steuererhöhungen
und Produktivitätsrückgängen zu einer
Höherbewertung des tatsächlichen effektiven
Wechselkurses beigetragen. Nicht zuletzt
schaffen es große Teile der europäischen
Gesellschaft bei beispiellos rasant ansteigender
Armut und Ungleichheit nicht mehr, über die
Runden zu kommen. Zusammenfassend muss
man sagen, dass die auferlegten Programme
desaströse Folgen haben.
Die Kur
Mittlerweile setzt sich langsam die
Erkenntnis durch, dass politische Fehler
sowohl die Volkswirtschaften als auch die
Gesellschaften schwer beschädigt haben. Die
oben beschriebene Diagnose weist auf die
geeignete Kur hin, um sich von der Krise zu
erholen.
Notwendig ist eine Überarbeitung und
Erneuerung der Politiken sowie institutionelle
Veränderungen, die zusammen das Problem
des Schuldenüberhangs, die Investitionsflaute,
den Liquiditätsengpass und die soziale Krise
angehen würden.
21
Tabelle 1: Wirtschaftliche Hauptmerkmale: Italien, Portugal, Spanien, Irland, Griechenland, EU (2008)
Gesamtstaatliche Bruttoverschuldung**
BIP*
PORTUGAL
0.0
SPANIEN
71.6
Jährliche
reale effektive
Wechselkurse
vs. Euroraum***
Gesamtstaatlicher Haushaltssaldo**
-12.6
101.94
-3.6
22.5
8.5
Leistungsbilanz**
Bruttoanlageinvestitionen in %
des BIP*
Arbeitslosenrate*
0.9
40.1
-9.6
102.84
-4.5
28.7
11.3
IRLAND
-3.0
44.3
-5.6
94.48
-7.3
21.8
6.3
GRIECHENLAND
-0.2
113.0
-17.9
103.84
-9.8
22.6
7.7
ITALIEN
-1.2
106.1
-2.9
101.35
-2.7
21.0
6.7
EU17
0.4
70.2
-1.5
100.00
-2.1
21.5
11.4
EU27
0.4
62.3
-2.1
-
-2.4
21.0
10.5
* Jährliche Veränderung in Prozent
** Als Prozentsatz des BIP
*** 2005=100 (Preisdeflator, Exporte von Waren und Dienstleistungen)
Tabelle 2: Wirtschaftliche Hauptmerkmale: Italien, Portugal, Spanien, Irland, Griechenland, EU (2012)
Gesamtstaatliche Bruttoverschuldung**
BIP*
PORTUGAL
-3.2
SPANIEN
IRLAND
Leistungsbilanz**
Jährliche
reale effektive
Wechselkurse
vs. Euroraum***
Gesamtstaatlicher Haushaltssaldo**
Bruttoanlageinvestitionen in %
des BIP*
Arbeitslosenrate*
123.6
-1.9
102.61
-6.4
16
15.9
-1.4
84.2
-0.9
103.51
-10.6
19,2
25.0
0.9
117.6
5.0
96.35
-7.6
10,0
14.7
GRIECHENLAND
-6.4
156.9
-5.3
111.02
-10.0
13,1
24.3
ITALIEN
-2.5
127
-0.7
100.88
-3.0
17,9
10.7
EU17
-0.7
90.6
1.2
100
-3.7
18.3
11.4
EU27
-0.4
85.3
0.3
-
-4.0
17.9
10.5
* Jährliche Veränderung in Prozent
** Als Prozentsatz des BIP
*** 2005=100 (Preisdeflator, Exporte von Waren und Dienstleistungen), nur für das Jahr 2012
Prognosen 2013 in Klammern
Quelle: European Economic Forecast, EUROPEAN ECONOMY 2|2013, Spring 2013
Wenn die extremen Sparmaßnahmen nicht
so bald wie möglich rückgängig gemacht
werden, besteht ein großes Risiko, dass die
Eurozone zusammenbricht, das europäische
Projekt diskreditiert und gestoppt und Europa
als Weltmacht deutlich geschwächt wird.
Die Eurozone muss aufhören, sich wie
ein Klub von Gläubigern aufzuführen. Das
griechische Programm ist ein Zeugnis für diese
Behauptung. Zwischen 2010 und 2013 hat
Athen von der Troika 219,2 Milliarden Euro
ausgeliehen. Über 97% dieser Mittel wurden
verwendet, um die Gläubiger zu bedienen und
den Rekapitalisierungbedarf zu decken. Die
Auferlegung nichtvergünstigter Zinssätze auf
offizielle Schulden hat die Schuldendynamik
verschärft. In vier Jahren wurden weniger
als acht Milliarden Euro verwendet, um
dringende innerstaatliche Haushaltsbedürfnisse
zu unterstützen oder Liquidität in einen
darbenden Markt zu schleusen. Was wichtiger
ist: Alles Geld aus einem Primärüberschuss
oder aus Privatisierungen muss auf einem
Treuhandkonto bei der griechischen
Nationalbank hinterlegt werden, um zukünftige
Zinszahlungen zu bedienen, während in den
Kreditverträgen rechtlich vorgeschrieben ist,
dass Gläubiger im Fall von Zahlungsunfähigkeit
Staatsvermögen pfänden können.
Stattdessen muss die Eurozone
ein Verwalter von menschenwürdigen
Existenzgrundlagen, Wachstum, Beschäftigung
und besseren Chancen für die jüngere
Generation werden.
Was sollten die Elemente einer progressiven
Agenda für Europa und für die Eurozone sein,
um die Krise zu überwinden? Wir brauchen
dringend eine dreigleisige Strategie:
a)Stärkung der gegenseitigen
Anpassung, der Bankenaufsicht
und der Solidarität
Die Bewältigung der Krise bedingt,
dass symmetrischere makroökonomische
Anpassungsregeln in Überschuss- und
Defizitländern angestrebt werden, um im
Rahmen eines verstärkten Stabilitätspaktes
große Ungleichgewichte zu korrigieren.
Eine weitere Voraussetzung sind neue
Finanzinstrumente zur Vergemeinschaftung
der Risiken und zur Förderung notwendiger
Investitionen – dazu zählen eine Europäische
Garantiefazilität, Eurobonds oder von der
Europäischen Investitionsbank garantierte
Entwicklungsbonds. Rechtzeitiges Handeln und
institutionelle Initiativen sind erforderlich, damit
die Märkte überzeugt sind, dass die EZB und
der ESM gegen spekulative Attacken wirksam
einschreiten werden, um ohne langwierige
politische Verfahren oder politisch motivierte
Verzögerungen die finanzielle Stabilität zu
sichern. Um die Märkte zu beruhigen, bedurfte
es sowohl der Erklärung des EZB-Gouverneurs,
dass er alles tun werde, um den Euro zu retten,
als auch der Ankündigung, dass die EZB bereit
sei, durch geldpolitische Outright-Geschäfte
unbegrenzt in Staatsschuldenmärkten zu
intervenieren, gemäß den Auflagen, die einem
unter Stress geratenen Land aufgezwungen
wurden. Hätte die Europäische Zentralbank
ein ähnliches Signal an die Investoren und
Spekulanten gesandt, die im Jahr 2010 mit
Leerverkäufen gegen griechische Anleihen
spekulierten, hätte der Zugang zu den Märkten
gewahrt werden können, und die Kosten der
Krise wären vermindert worden.
23
Des Weiteren muss der Finanzierungsbedarf
nationaler Bankensysteme von den
inländischen öffentlichen Finanzen entkoppelt
werden. Banken, die vor einer erheblichen
Verschlechterung ihrer Finanzlage stehen,
müssen aufhören, die Last auf die Steuerzahler
abzuwälzen. Die Richtlinie vom Juni 2013, die
eine Reihe von Instrumenten zur Bekämpfung
möglicher Bankenkrisen geschaffen hat,
darunter auch Bailout-Klauseln, war ein
Schritt in die richtige Richtung. Sie könnte
sich jedoch als unzureichend erweisen, wenn
eine Bank als „too big to fail“ betrachtet wird
und Ansteckungsrisiken bestehen. In solch
einem Fall würde die direkte Übergabe einer
Bank an den ESM, damit der ESM selbst und
nicht die nationale Regierung eine vollständige
Rekapitalisierung und zügige Abwicklung
vornimmt, die „tödliche Umarmung zwischen
insolventen nationalen Bankensystemen und
zahlungsunfähigen Mitgliedsstaaten aufbrechen“
(Varoufakis et al. 2013). Eine derartige
Maßnahme sollte nicht bis zur Vollendung einer
Bankenunion, deren Umsetzung Zeit brauchen
wird, warten müssen.
Und schließlich ist eine wirksame Aufsicht
des Europäischen Bankensystems dringend
erforderlich, um Transparenz, Wettbewerb und
ethische Bankenpraktiken zu gewährleisten.
Die massive Konzentration von Ressourcen und
Macht in den Händen großer internationaler
Banken, die mit einer minimalen Regulierung
arbeiten, ist zu einem Nährboden für
toxische Finanzprodukte, unangemessene
Kreditvergabe, extraktive Praktiken,
Korruption und Krisen ohne Ende geworden.
Steuerprüfungen für Bankmanager, regelmäßige
Berichterstattung über Boni und Überwachung
der Kreditvergabepraktiken zum Schutz
der Verbraucher sind wichtige Bestandteile
eines effizienteren Regelungsrahmens. Das
war die zentrale Botschaft des CDP-Berichts
1998 (UNO, 1998), der sich für die Schaffung
einer Weltfinanzorganisation ausspricht, die
einheitliche Verhaltensregeln für Finanzgeschäfte
aufstellen soll.
b) Den Schuldenüberhang angehen
und die Finanzierung der
nachhaltigen Entwicklung
sichern
Um die Krise auf nachhaltige Art zu
überwinden, müssen der Schuldenüberhang,
die innerstaatliche Liquiditätsknappheit und die
Investitionsflaute wirksam angegangen werden.
Die Tragfähigkeit des Schuldenstandes
ist eine Voraussetzung für Investitionen und
Wachstum. Ein großer Schuldenüberhang
hält potenzielle Investoren ab, verlängert die
finanzielle Labilität und bringt das Wachstum
zum Stillstand. Wenn Schulden – wie in
Griechenland und heute vielleicht in Portugal
– als nicht mehr bedienbar beurteilt werden,
ist eine Umschuldung dringend vonnöten.
Die Entscheidung aufzuschieben verschärft
lediglich die Schuldendynamik und vertieft
die Rezession, wie die jüngsten Erfahrungen
gezeigt haben. Dadurch, dass sie sich
geweigert haben, rechtzeitig – entweder 2010
oder 2011 – Umschuldungsmaßnahmen zu
ergreifen, haben die europäischen Staats- und
Regierungschefs die europäischen Banken vor
möglichen Verlusten aufgrund ihrer großen
Exponiertheit gegenüber südeuropäischen
Staatsschulden beschützt, welche sie dann
rasch veräußert haben; auf diese Weise
haben sie enorme Kosten auf die europäischen
Lohnempfänger, Pensionisten, individuelle
Anleiheninhaber und Steuerzahler abgewälzt.
Die gleiche kostspielige Trägheit ist auch heute
vorhanden, da offizielle Gläubiger sich weigern,
die Notwendigkeit einer offiziellen Umschuldung
einzugestehen – und das, obwohl der IWF das
Gegenteil verkündet.
Abgesehen von der Umschuldung muss auch
der Zugang wirtschaftlich gesunder Unternehmen
– insbesondere der Klein- und Mittelbetriebe –
zu angemessenen und preisgünstigen Krediten
dringend wieder hergestellt werden. Unter den
gegenwärtigen Bedingungen wird es lange
dauern, bevor Liquidität durch die gestressten
nationalen Bankensysteme in Richtung
Haushalte und KMU geschleust wird. Öffentliche
Maßnahmen zur Schaffung von unabhängigen
Vehikeln für wiederverwendbare Kredite,
finanziert durch eine Kombination von offiziellen
und privaten Ressourcen und/oder unterstützt
mit Garantien von EU-Institutionen (z.B. KFW
oder der Europäische Investitionsfonds), würden
die rezessionären Auswirkungen auf die
Liquiditätsknappheit mildern. Das Vorhandensein
starker Genossenschaftsbanken oder öffentlicher
Entwicklungsbanken kann sich ebenfalls als
wertvoll für die Förderung des Wettbewerbs
und die Kanalisierung der Liquidität in die
Realwirtschaft sowie für angemessene Projektund Entwicklungsfinanzierung erweisen.
Zu guter Letzt würde ein wirksames
Ressourcenmanagement zur Erreichung
realistischer Primärüberschüsse die
Wiederaufnahme von Investitionen und
Wachstum erleichtern. Das ist nicht nur eine
nationale, sondern auch eine europäische
Priorität: Die Existenz ungeregelter Steueroasen
und Offshore-Plattformen, das Fehlen
europaweiter Abkommen über die Offenlegung
von Informationen und die steuerliche
Behandlung gegenüber Nicht-EU-Mitgliedern wie
der Schweiz, die systematische Überbewertung
oder Unterbewertung von unternehmensinternen
Geschäften für Steuervorteile – all
das fördert die Kapitalflucht und die
Steuerhinterziehung. Diese Probleme erfordern
ein gemeinsames europäisches Handeln, um
die dringend benötigten innerstaatlichen
Strukturreformen in den Bereichen Besteuerung,
öffentliche Verwaltung, Governance und
Regulierungssysteme zu vervollständigen.
c) Die Austerität umkehren, soziale
Sicherheitsnetze bereitstellen
und eine kohärente Politik
für Wettbewerbsfähigkeit und
Beschäftigung fördern
Angesichts globalisierter Märkte kann
Europas Wettbewerbsfähigkeit nicht auf der
Grundlage drastisch gesenkter Löhne und Preise
für Vermögenswerte, steigender Arbeitslosigkeit
und starker Rückgänge der Kaufkraft gestärkt
werden. Einerseits sind Entwicklungsländer und
selbst zahlreiche Schwellenländer in einer besseren
Position als die europäischen Länder, um von den
Wettbewerbsvorteilen niedriger Arbeitskosten
zu profitieren. Andererseits bewirken strenge
Sparmaßnahmen und interne Abwertungen
schlussendlich gegenteilige Ergebnisse: Der
drastische Rückgang der verfügbaren Einkommen
und die massiven Unternehmensschließungen
führen dazu, dass immer mehr Haushalte und
Firmen nicht mehr in der Lage sind, Steuern,
Sozialversicherungsbeiträge oder Bankschulden
und Hypotheken zu bezahlen – mit negativen
Auswirkungen auf die Budgets, die Schulden und
die Produktivität.
25
Die massive Konzentration von Ressourcen und
Macht in den Händen großer internationaler
Banken, die mit einer minimalen Regulierung
arbeiten, ist zu einem Nährboden für toxische
Finanzprodukte, unangemessene Kreditvergabe,
extraktive Praktiken, Korruption und Krisen ohne
Ende geworden.
Langfristig kann daher Europas
Wettbewerbsfähigkeit nur durch
produktivitätssteigernde Investitionen, Forschung
und Entwicklung und ständige Innovation gestärkt
werden. Das sind die Triebkräfte, die Europa
zu einem bevorzugten Ziel für weltweit tätige
Unternehmen, zu einem Exporteur von Produkten
und Diensten mit hohem Mehrwert und zu
einem Anbieter von hochwertigen Arbeitsplätzen
machen würden. Die Umsetzung einer solchen
progressiven Vision erfordert weitsichtige
und sorgfältig geplante Strukturreformen zur
Öffnung der Märkte und zur Verringerung der
administrativen Kosten für Geschäftstätigkeiten
sowie Reformen im öffentlichen Sektor, im
Bildungsbereich und/oder bei den Arbeitsmärkten.
Weiters sind ein gerechtes Steuersystem, ein
wachsender Haushalt für öffentliche Investitionen
und rechenschaftspflichtige, transparente
Regierungssysteme erforderlich. Zu guter
Letzt müssen solche Reformen angesichts
von Haushaltskonsolidierungsprogrammen
mittels kohärenter Politiken zur Sicherung
von menschenwürdigen Existenzgrundlagen
durch aktive Beschäftigungsmaßnahmen, die
geordnete Restrukturierung ausstehender
Kredite, kostengünstigen Zugang zu den
Gesundheitssystemen und die Ausweitung von
sorgfältig geplanten Sozialleistungen ergänzt
werden.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die
aktuellen Sparmaßnahmen umgekehrt werden
müssen, wenn die EU die Krise überwinden
soll. Denn schlussendlich unterhöhlen sie nicht
nur den Prozess der Haushaltskonsolidierung
und die Wettbewerbsfähigkeit, sondern auch
den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die
Demokratie.
Eine progressive alternative Agenda für ein
wettbewerbsstarkes und von Zusammenhalt
geprägtes Europa, das menschenwürdige
Existenzgrundlagen, Arbeitsplätze und Demokratie
als oberste Prioritäten festsetzt, gibt es tatsächlich.
Was es bisher nicht gibt, ist eine gemeinsame
Entschlossenheit, die gesellschaftlichen und
politischen progressiven Kräfte quer durch
Länder und Interessengruppen hindurch zu
mobilisieren, um eine Europäische Progressive
Front Für Menschenwürdige Arbeitsplätze
Und Existenzgrundlagen zu errichten. Das
ist die Herausforderung unserer Zeit für alle
fortschrittlichen Europäer. ■
Literaturhinweise:
Lewis, Michael (2011), Boomerang: The Meltdown
Room, Allen Lane
United Nations, Committee for Development
Planning, (1998), “Asia’s Financial Crises: Lessons
for Policy” Economic and Social Council, Official
Records, Supplement, No. 14, pp.1-11.
Varoufakis, Yanis, Stuart Holland and James
K. Galbraith , (2013), “A Modest Proposal for
Resolving the Eurozone Crisis, Version 4.0”,
(varoufakis.files.worldpress.com/2013/07/amodest-proposal-for-resolving-the-eurozone-crisisversion-4.0-final1.pdf)
27
Progressive Arbeitsmärkte ein altes und ein neues
Schlachtfeld
Die Progressiven müssen neue
und überzeugende Argumente
für Arbeitsmärkte finden, die
sowohl integrativ als auch
wettbewerbsfähig sind.
Pervenche Berès,
MdEP, Vorsitzende
des Ausschusses des
Europäischen Parlaments
für Beschäftigung und
soziale Angelegenheiten
Emilie Turunen,
ist ein Mitglied des
Europäischen Parlament
aus Dänemark, ebenfalls
ist X ein Mitglied der
Wirtschaftsabteilung.
Innerhalb der S&D Gruppe
ist sie verantwortlich für
eine Initiative im Bereich
Jobs.
Zu Beginn der 1990-er Jahre wurden
Dänemark und Schweden – unter
sozialdemokratisch angeführten Regierungen
– die fortschrittlichsten Labors für eine neue
und dynamische Herangehensweise an
Arbeitsmärkte. Durch eine Neudefinierung des
eigentlichen Begriffs der Arbeitsplatzsicherung
in einer sich globalisierenden und schnell
verändernden Welt haben es ihre Regierungen
geschafft, eine historische Veränderung der
Arbeitsmarktvorschriften und öffentlichen Politik
zu bewirken und dabei ihren sozialdemokratischen
Werten treu zu bleiben. Dies haben sie in enger
Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften erzielt.
Das Resultat war ein enormer Rückgang der
Arbeitslosenrate und ein starker Auftrieb für die
nationale Wirtschaftsleistung.
Bereits Mitte der 90-er wurde der dänische
und schwedische Ansatz in Brüssel aufgegriffen
und schon bald zum neuen Rückgrat der
europäischen Beschäftigungsstrategie,
größtenteils dank des ehemaligen schwedischen
Finanzministers Allan Larsson, der Leiter der
Generaldirektion (GD) der Kommission für
Beschäftigung und soziale Angelegenheiten
geworden war (1995-2000). Gegen Ende des
Jahrzehnts, zu einer Zeit der sozialdemokratischen
Dominanz im EU-Ministerrat, inspirierte dasselbe
Denken die im Jahr 2000 lancierte und nun
nicht mehr existierende Lissabon-Strategie. Im
Nachhinein betrachten waren dies die guten
Zeiten…
Eine politische Machtverschiebung in Europa
nach rechts und das zum Teil dadurch bedingte
Versäumnis, die Lissabon-Strategie auf nationaler
Ebene ordentlich umzusetzen, leiteten jedoch
eine Veränderung des Diskurses darüber ein, wie
Beschäftigungsmärkte funktionieren sollen und
wie die zuständigen Behörden Arbeitslosigkeit
bekämpfen sollen.
Dieser Richtungswechsel unter Anführung
der Europäischen Kommission unter dem Etikett
„Strukturreform“ ist mitten in der Krise am
deutlichsten geworden, vor allem in den am
stärksten betroffenen Ländern. Dies ist umso
überraschender, da die Kommissionsagenda
zur Deregulierung des Arbeitsmarkts von der
OECD im Jahre 2006 fallengelassen wurde1.
Das Festhalten der Kommission an der Agenda
wird schockierend angesichts der Anhäufung
von Beweisen in den letzten Jahren für
die Tatsache, dass allenfalls ein schwacher
und unsicherer Zusammenhang zwischen
Arbeitsmarktderegulierung und dem Ausmaß der
Arbeitsplatzbeschaffung besteht2. Der heutige
Frontalangriff auf Arbeitsmarktregelungen,
Tarifverhandlungspraktiken und Lohnniveaus der
peripheren und südlichen Mitgliedsstaaten steht
im deutlichen Gegensatz zu der progressiven
Beschäftigungsagenda, die vor zwanzig Jahren in
den nordischen Mitgliedsstaaten entstand.
Dieser Artikel soll kein nostalgischer
Versuch sein, die 90-er wieder zu erleben.
Diese Reformen müssen unsere Inspiration
sein, können aber nicht alle Fragen
beantworten. Seit damals hat der weltweite
Konkurrenzkampf zugenommen; Millionen
von Jobs wurden ausgelagert, viele davon
dauerhaft; wir haben eine ausgewachsene
Finanzkrise, ein auf Privatschulden
aufbauendes, nicht aufrecht zu erhaltendes
Wachstumsmodell und eine Aushöhlung
OECD, Mehr Arbeitsplätze, höhere Einkommen - Politiklektionen aus der Neubeurteilung der OECD-Beschäftigungsstrategie, 2006.
Avdagic S. and Salardi P (2013) Teneous link: labour market institutions and unemployment in advanced and new market economies; Socio-economic Review
1
2
der Mittelschicht erlebt; und unflexible
Arbeitsmärkte sind durch Unsicherheit und
Brutalisierung des Beschäftigungsmarktes
ersetzt worden. Unsere Vision eines
progressiven Arbeitsmarktes muss diese neue
Realität widerspiegeln.
Lasst uns in die Offensive gehen
Es ist Zeit, dass Europas Staats- und
Regierungschefs aufhören, die Arbeiter
und Angestellten als Sündenböcke für die
verabsäumte Bekämpfung der Arbeitslosigkeit
seitens der Regierungen und EU-Institutionen
abzustempeln. Europa wird sich nicht aus
der Krise befreien, indem es hart arbeitende
Menschen in Armut und Unsicherheit drängt.
Die Früchte der gegenwärtigen ideologisch
motivierten Politik dieses konservativ geführten
Europas kann man in sozialer und politischer
Instabilität finden, die zu einem weiteren
Rückfall der Wirtschaft führen. Die Europäische
Kommission hat sich wirkungslosen
Pseudoabhilfen verschrieben, die im
Widerspruch zu allen Beweisen stehen, während
die Arbeitslosigkeit im Großteil Europas weiterhin
ansteigt und Langzeit- und Jugendarbeitslosigkeit
Höchststände erreicht haben.
Um dieser gesellschaftlich und
wirtschaftlich destruktiven Agenda
entgegenzuwirken, müssen sich die
Progressiven auf einem klaren alternativen
Pfad in Richtung hoher Qualität und
Vollbeschäftigung vereinen. Jetzt, im
Vorfeld der nächsten Europawahlen, ist
ein besonders guter Zeitpunkt dafür. Als
Beitrag zu diesem Kampf hat die Progressive
Economy einen Reflexionsprozess genau zu
diesem Thema in Gang gesetzt, während die
Sozialdemokratische Fraktion derzeit an einer
Beschäftigungsinitiative arbeitet, die ihre
Position zum Thema Beschäftigung und zu
Arbeitsmarktfragen aktualisieren und schärfen
soll. Des Weiteren soll sie eine breitere
Debatte über die Rolle anregen, die Europa
bei der Schaffung von mehr und besseren
Arbeitsplätzen spielen kann.
Es ist möglich, Grundsätze festzulegen, die
zu den heutigen Herausforderungen passen,
und gleichzeitig grundlegende Werte wie
den Schutz der Arbeiter, Solidarität, gleichen
Lohn, gleiche Rechte und den Wohlfahrtsstaat
zu respektieren. Deswegen haben wir uns
beispielsweise für die Jugendgarantie so
stark eingesetzt – eine Maßnahme, die
diese Prinzipien reflektieren muss, wenn
sie wirklich die sehr neue Herausforderung
der Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit
meistern soll.
Was sind nun progressive
Arbeitsmärkte?
Zuerst einmal ist es nicht genug,
einfach irgendwelche Jobs zu schaffen – es
müssen menschenwürdige Arbeitsplätze
sein. Dies ist ein Hauptanliegen besonders
jener, die in unterbezahlten, gering
qualifizierten Jobs mit wenig Aussicht auf
Aufstiegsmöglichkeiten arbeiten. Darum
fordern die sozialdemokratischen Arbeits- und
Sozialminister gemeinsam eine europäische
Rahmenverordnung für ein Existenzminimum,
die gewährleisten würde, dass in jedem
EU-Mitgliedsstaat Vollzeitarbeiter einen
Lohn über der Armutsgrenze bekommen
– entweder durch Tarifverhandlungen
oder gesetzlich festgelegt. Wie der
amerikanische Wirtschaftswissenschaftler
29
und Nobelpreisträger Professor Joseph
Stiglitz betont, sind menschenwürdige Löhne
nicht nur für sozialen Zusammenhalt und
Gerechtigkeit wichtig, sondern auch für das
Aufrechterhalten einer starken Wirtschaft.
Das systematische Aushöhlen der Löhne
des Mittelstands, das wir in den westlichen
Gesellschaften in den letzten Jahrzenten
gesehen haben, wird zu Nachfragerückgang
und sinkendem Wirtschaftswachstum führen.
Eine wesentliche Voraussetzung für dauerhaftes
Wachstum ist daher die Gewährleistung
eines Existenzminimums – und dadurch einer
erheblichen Kaufkraft – für europäische
Arbeitnehmer.
Arbeitsplatzqualität ist in einer
wissensintensiven Wirtschaft entscheidend.
Hohe Arbeitsproduktivität und rasche Innovation
beruhen auf qualifizierten, anpassungsfähigen
und engagierten Arbeitskräften mit
menschenwürdigen Gesundheits- und
Sicherheitsstandards, einem Gefühl der Sicherheit
und zumutbaren Arbeitszeiten. Diese Ziele, die
der Dreh- und Angelpunkt des wirtschaftlichen
Erfolges sein werden, sind auch unerlässliche
Ziele für das Wohlergehen unserer Gesellschaft.
Progressive Arbeitsmärkte werden auch
durch eine stärkere Rolle für Tarifverhandlungen
und dreiseitige Vereinbarungen geprägt sein.
Die zwischen den Sozialpartnern ausgehandelte
interne Flexibilität war eine der Grundlagen der
Widerstandsfähigkeit Deutschlands in der Krise.
Wir brauchen sozialen Dialog auf europäischer,
nationaler und lokaler Ebene zur Umsetzung
der Jugendgarantie und zur Entwicklung dualer
Ausbildungssysteme. Die Behörden haben auch
eine wichtige Rolle: Sie müssen den dreiseitigen
sozialen Dialog einleiten und lenken und die
zwischen den Sozialpartnern vereinbarten
Abkommen einhalten.
Bei progressiver Arbeitsmarktpolitik geht es
jedoch auch um die Nachfrageseite. Wie vom
ehemaligen portugiesischen Arbeitsminister
Maria João Rodrigues hervorgehoben wurde,
„ist es nicht genug, das Arbeitskräfteangebot
zu aktivieren, auch die Nachfrage nach
Arbeitskräften muss angeregt werden.“3
Maßnahmen gegen dieses Ungleichgewicht
zwischen Qualifikationsangebot und
Qualifikationsnachfrage auf dem Arbeitsmarkt
sollten nicht nur auf eine Umschulung
der Arbeiter und eine Reformierung des
Bildungssystems abzielen. Sie müssen auch
daran arbeiten, die Arbeitsplatzqualität zu
verbessern, ein anregendes Arbeitsumfeld
zu schaffen sowie lebenslanges Lernen
und die Ausbildung am Arbeitsplatz zu
fördern.4 Umschulung sollte z.B. durch
Kostenaufteilungsvereinbarungen für die
Ausbildung und durch öffentliche Regelungen
zur Anerkennung nicht formeller und
informeller Kompetenzen gefördert werden.
Aber nicht alle Arbeitslosen brauchen eine
Umschulung: Oft ist die fehlende Zutat eine
individualisierte Karriereplanung und Beratung,
speziell für Langzeitarbeitslose. Das erfordert
Investitionen in gut ausgebildete Mitarbeiter
in den staatlichen Arbeitsämtern sowie in
Profilerstellungsmethoden, um auf den Stärken
jeder einzelnen Person aufzubauen.5
Aktive Arbeitsmarktmaßnahmen sollten
durch eine echte Bankenunion ergänzt
werden, die eine Wiederherstellung der
Investitionskapazität ermöglicht und das
Arbeitsplatzschaffungspotenzial umfassend
berücksichtigt. Dies sollte gleichermaßen durch
eine industriepolitische Strategie zur Förderung
der Schaffung von Arbeitsplätzen durch
intelligente Spezialisierung, Förderung neuer
innovativer Sektoren und einen Übergang zu
Maria João Rodrigues, “How can Europe create jobs?” Note pour la commission spéciale du Parlement européen pour la crise financière, économique et sociale, avril 2010
Pouliakas, Konstantinos, “Chapter 6: The skill mismatch challenge in Europe” in European Commission, Employment and Social Developments in Europe 2012, Brussels, November 2012, pp. 351-394
5
cf. exemple du Ballymun Job Centre à Dublin en Irlande, http://www.bmunjob.ie/index.php/guidance-tools-e-learn-platform
3
4
Es ist Zeit, dass Europas Staats- und
Regierungschefs aufhören, die Arbeiter und
Angestellten als Sündenböcke für die verabsäumte
Bekämpfung der Arbeitslosigkeit seitens der
Regierungen und EU-Institutionen abzustempeln.
Europa wird sich nicht aus der Krise befreien,
indem es hart arbeitende Menschen in Armut und
Unsicherheit drängt.
einer umweltfreundlicheren und nachhaltigeren
Wirtschaft ergänzt werden. Daher erfordert ein
progressiver Arbeitsmarkt einen kohärenten
Policy-Mix, der makroökonomische und
strukturelle Maßnahmen kombiniert.
Solide Arbeitsmarkteinrichtungen – nicht
segmentierte Arbeitsmärkte, Koordinierung
der Tarifverhandlungen und gut ausgestattete
Sozialsysteme (die als automatische
Stabilisatoren fungieren) – haben sich für
das Abfedern von Konjunkturschocks als
unerlässlich erwiesen.
Zur Stärkung der
Arbeitsmarkteinrichtungen in den von
der Krise am stärksten betroffenen
Mitgliedsstaaten sind Strukturreformen
nötig, aber es wird eine Zeit dauern, bis
diese Reformen Früchte tragen. Daher
ist es entscheidend, makroökonomische
Politik anzuwenden, um ihre Umsetzung
zu erleichtern. Und anstatt institutionelle
Reformen isoliert zu behandeln, müssen
sie in Übereinstimmung gebracht werden.
Die Kommission beispielsweise, die sich
auf eine verzerrte und denaturierte Version
des dänischen “Flexicurity”-Modells des
Arbeitsmarktes stützt, hat oft auf ein
niedrigeres Beschäftigungsschutzniveau
gedrängt. Sie ignoriert jedoch die Bedeutung
eines gut-durchdachten Arbeitsschutzes.
So können beispielsweise längere
Kündigungsfristen Arbeitsmärkte effizienter
machen, indem sie Arbeitern helfen, sich
auf den Übergang einzustellen. Auch
andere Schlüsselelemente des dänischen
Systems werden links liegengelassen –
großzügige Arbeitslosenunterstützung, aktive
Arbeitsmarktmaßnahmen, die Möglichkeit
der Inanspruchnahme von Urlaub für
Fortbildungszwecke.
Eine progressive Arbeitsmarktpolitik
erfordert ein Überdenken der verbilligten
und degradierten Flexicurity-Version
der Kommission, um eine kohärente
Beschäftigungspolitik für Anpassungsfähigkeit
und Sicherheit zu etablieren. Wir brauchen
echte Strukturreformen, nicht die Zerstörung,
die die Kommission fälschlicherweise als
„Strukturreform“ kennzeichnet. Wir brauchen
echte Reformen, die die Gesellschaft
reformieren, die die Arbeitsmärkte reformieren
und gleichzeitig Gerechtigkeit und echte
Chancen für alle fördern.
Dies sind zusammenfassend
unsere Forderungen:
 eine aktiven Null-Toleranz-Ansatz
gegenüber Arbeitslosigkeit, speziell bei
jungen Menschen. Wir streben immer
Vollbeschäftigung an und werden weiterhin
das Recht auf Lebenschancen durch
Bildung und Arbeit schützen.
 erhebliche Investitionen in Qualifikationen
und Bildung – speziell durch Programme für
Lebenslanges Lernen (LLL).
 eine gerechtere Verteilung von Rechten und
Pflichten – zwischen den Generationen,
den Geschlechtern und den Beschäftigten
im öffentlichen/privaten Sektor. Menschen
sollen nicht gegeneinander ausgespielt
werden, wie es bis jetzt der Fall war.
 Die Sozialpartner müssen aktiv an der
Entwicklung politischer Regelungen
beteiligt sein – wir brauchen dreiseitige
Verhandlungen, wenn wir bessere
Ausbildungsprogramme und stärkere
Arbeitsmarktregelungen erreichen wollen.
31
 Wir müssen den durch den globalen
Wettbewerb verursachten Druck
auf die Löhne angehen – durch
Mindestlohnsysteme, die Schaffung
und Erhaltung einer qualifizierten
Arbeiterschaft und eine Verlagerung
der steuerlichen Belastung weg
vom Geringverdiener und hin zu
nachhaltigeren Steuern, wie z. B.
eine einheitliche Körperschaftssteuer,
die Finanztransaktionssteuer und die
Kohlendioxidbesteuerung.
 Sozialdumping muss verhindert werden.
Wir brauchen bessere und schärfere
Arbeitsaufsichtsbehörden und höhere
Strafen gegen Missbrauch. Außerdem
muss das Prinzip der gewerkschaftlichen
Organisierung geschützt werden.
 die Mitwirkung aller Teile der Gesellschaft
– wenn dies gewährleistet werden soll,
müssen wir beispielsweise dafür sorgen,
dass Kinderbetreuungseinrichtungen
bereitgestellt werden, wenn auch Frauen
ihr Potential ausschöpfen sollen. Und
Bildung wird sicherstellen, dass auch junge
Menschen eine Chance im Leben haben.
Europäischen Kommission hervorgehoben wird,
„kann die allgemeine Strategie zur Ausweitung
der Beschäftigungsmöglichkeiten nicht nur darin
bestehen, ‚die Arbeiter für den Markt fit zu
machen‘, sondern sie muss auch ‚den Markt fit für
die Arbeiter machen‘”6. Der Erfolg progressiver
Arbeitsmarktmaßnahmen hängt von einem
kohärenten Ansatz ab, der auf sozialem Dialog
aufbaut und die EU-Ebene verwendet, um die
Bemühungen zu koordinieren und en sozialen
Fortschritt zu steuern. Eine soziale Säule der
Wirtschafts- und Währungsunion (WWU), die
diesen Namen verdient, würde dazu beitragen,
diese Kohärenz zu erreichen. Deshalb muss der
unlängst von der Kommission als Grundpfeiler
der sozialen Säule vorgeschlagene WWUSozialanzeiger zuerst verbindlich gemacht werden,
so wie auch der Anzeiger für makroökonomische
Ungleichgewichtsverfahren verbindlich ist.
Es ist möglich, das System so zu reformieren,
dass es die Werte, die uns als Sozialdemokraten
wichtig sind, beschützt. Die Jugendgarantie ist das
aktuellste Beispiel eines Arbeitsmarkteingriffs, der
helfen wird, Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Eine
echte soziale Säule der WWU wird zeigen, dass wir
dieses Ziel erreichen können. ■
Die Jugendgarantie ist ein erster
Schritt in Richtung der Anerkennung der
individuellen Rechte auf Ausbildung und
Beschäftigungssicherheit. Implizite oder explizite
mehrdimensionale „Sozialpakte“, in den
1980ern und 1990ern von den Niederlanden
und Dänemark erfolgreich entwickelt, würden
dabei helfen, mehr Zusammenhalt und größere
Akzeptanz unter den Arbeitnehmern zu erreichen.
Schließlich müssen progressive Arbeitsmärkte
Teil einer progressiven Wirtschaft und einer
progressiven Gesellschaft sein. Wie in einer
aktuellen Veröffentlichung der GD Forschung der
Commission européenne, New skills and jobs in Europe: Pathways towards full employment, DG Research, 2012, p.48
6
33
Die Europäische Zentralbank
und der progressive
arbeit smarkt
Kann die Europäische Zentralbank
mehr tun, um Europas
Arbeitslosen zu helfen? Das ist die
entscheidende Frage, die in dieser
Publikation aufgeworfen wird.
Bernadette Ségol,
Generalsekretärin
des Europäischen
Gewerkschaftsbundes
(EGB)
Die EZB wird kein Problem haben, diese
Frage zu beantworten. Die Standardantwort
wird sein, zu sagen, dass nicht nur der beste,
sondern auch der einzige Beitrag, den eine
Zentralbank zu Wachstum und Beschäftigung
beisteuern kann, die Förderung der
Preisstabilität ist. Die Bank wird zudem einen
politischen Rat anfügen. Sie wird vorschlagen,
dass – insbesondere in einem von Divergenzen
und Ungleichgewichten geprägten einheitlichen
Währungsgebiet - alle Starrheiten, die das
Funktionieren der Arbeitsmärkte behindern,
beseitigt werden müssen, wenn die Wirtschaft
einen Prozess des Wachstums und der starken
Arbeitsplatzbeschaffung in Angriff nehmen soll.
Wenn Europas Zentralbanker über flexible
Arbeitsmärkte sprechen, ist es ihnen ernst.
Die Auffassung der EZB von Flexibilität ist
umfassend: Jede Arbeitsmarktinstitution
order Regulierung, die verhindern könnte,
dass die Preise (Lohnkürzungen) und Mengen
(Streichung von Arbeitsplätzen, Entlassung
von Arbeitnehmern) sinken, wird in Frage
gestellt, von Mindestlöhnen oder sektoriellen
Tarifvereinbarungen bis zu Regeln, die einen
gewissen Arbeitsplatzschutz bieten. Außerdem
ist die EZB, wie wir in den letzten Jahren in
den finanziell Not leidenden Volkswirtschaften
der Eurozone gesehen haben, auch bereit,
ihre Macht als ‚Kreditgeber letzter Instanz‘ zu
nutzen, um gemeinsam mit dem IWF und der
GD ECOFIN Strukturreformen aufzuerlegen, die
in einzelnen Mitgliedsstaaten die Arbeitsmärkte
und vor allem die Lohnfestsetzungsverfahren
deregulieren.
Wo sind die Beweise?
Die EZB hat sicherlich den wirtschaftlichen
Mainstream auf ihrer Seite. Tatsächlich
haben seit Anfang der 90-er Jahre viele
Schriften – von Wirtschaftswissenschaftlern
und Institutionen wie OECD und IWF
– argumentiert, dass Arbeitslosigkeit
durch Arbeitsmarktinterventionen wie
Arbeitsplatzschutz, Arbeitslosenunterstützung
und Tarifvereinbarungsstrukturen erklärt werden
könne. Dieser Ansicht zufolge ist Arbeitslosigkeit
ein strukturelles Phänomen, das nur durch
eine Änderung (sprich: Deregulierung) der
Arbeitsmärkte reduziert werden kann.
An dieser Stelle ist es nützlich, in Erinnerung
zu rufen, dass bis vor einigen Jahren das gleiche
Gremium der Mainstream-Wirtschaftstheorie
auch der Meinung war, dass die Finanzmärkte
‚effizient‘ seien. Da die Mainstream-Ökonomie
der Ansicht war, dass die Finanzmärkte bei
der Suche nach dem richtigen Preis für jede
Investition sehr gut funktionieren, wurde eine
Finanzmarktregulierung als unnötig und sogar
schädlich angesehen. Die Finanzkrise von
2008/2009 hat diese Ansicht völlig diskreditiert.
Etwas Ähnliches geschieht mit
der vorherrschenden Ansicht über
Arbeitsmarktregulierung. Eine genauere
Analyse der reichlich vorhandenen Literatur,
die behauptet, dass strukturelle Arbeitslosigkeit
(der ökonomische Fachbegriff: NAIRU bzw.
die inflationsstabile Arbeitslosenquote) durch
‚starre‘ Arbeitsmarktinstitutionen verursacht
werde, enthüllt, dass die Beweise ziemlich
schwach oder sogar inexistent sind.
Tatsächlich hat im Jahr 2005 eine Gruppe
von Wirtschaftswissenschaftlern eine kritische
Analyse der wirtschaftlichen Literatur über
flexible Arbeitsmärkte durchgeführt und alle
wichtigen Mainstream-Studien seit Anfang
der 1990-er Jahre untersucht (Howell 2005).
Sie kamen zur Schlussfolgerung, dass es bei
den überprüften Studien zahlreiche Probleme
gibt. Insbesondere wurden ökonometrische
Regressionen für ‚nicht robust‘ befunden.
Das bedeutet, dass bei Verwendung der
gleichen Daten bescheidene Veränderungen
der Messwerte von Institutionen, Ländern
oder des erfassten Zeitraums zu Null oder
statistisch nicht signifikant oder gar zu
geänderten Koeffizienten führten. Im Fall
von einer Studie, die viel Einfluss darauf
hatte, dass diese Diskussion über strukturelle
Arbeitslosigkeit und Arbeitsmarktinstitutionen
eröffnet worden ist, konnten die Resultate unter
Verwendung der gleichen Spezifikation, aber
mit einem durch den Autor selbst verbesserten
Datensatz nicht reproduziert werden (ähnlich
dem jüngsten Reinhard/Rogoff-Vorfall in
Bezug auf ihre Studie über die 90%-BIPSchwelle der Staatsverschuldung). Eine andere
Schlussfolgerung: Während der Zusammenhang
zwischen Arbeitslosigkeit und Faktoren wie
Kündigungsschutz, Arbeitslosenunterstützung
und Gewerkschaftsdichte sehr fragwürdig ist,
konnten positive oder regulatorische Praktiken
wie koordinierte Tarifverhandlungen und
aktive arbeitsmarktpolitische Maßnahmen
die unterschiedlichen Ergebnisse bei der
Arbeitslosigkeit viel besser erklären.
In einer Wiederholung der Unfähigkeit der
Mainstream-Ökonomie, überzeugend solide
Beweise für die Vorteile der Deregulierung
der Arbeitsmärkte vorzulegen, musste die
OECD in ihrem Beschäftigungsausblick 2006
zugeben, dass sie keine Beweise finden konnte,
dass niedrige Beschäftigungsschutzsysteme
zu niedrigerer Arbeitslosigkeit führen
würden. Das war eine eher peinliche
Schlussfolgerung, wenn man bedenkt, dass
die OECD seit ihrer Arbeitsplatzstudie 1995
sich systematisch für eine Verringerung
der Beschäftigungsschutzbestimmungen
ausgesprochen hatte, um die
Beschäftigungskrise zu bekämpfen.
In jüngerer Zeit, in 2012, hat ein anderes
Team von Ökonomen (Storm, Naastepad
2012) eine Aktualisierung der Analyse von
Baker/Howell/Schmitt (2005) vorgenommen.
Sie fanden heraus, dass verschiedene
Studien so stark unterschiedliche Ergebnisse
hervorbrachten, dass sie nicht plausibel waren.
Beispielsweise haben sechs von neun Studien
absolut keine statistisch signifikante Auswirkung
von stärkeren Kündigungsschutzregelungen
auf die Arbeitslosigkeit gefunden. Zudem
widersprechen die Forschenden einander,
wobei einige sogar behaupten, dass höhere
Arbeitslosenunterstützung zu niedrigerer
und nicht zu höherer Arbeitslosigkeit führe.
Eine Studie kam zu dem Ergebnis, dass das
Niveau des Beschäftigungsschutzes statistisch
nicht signifikant sei, während eine Erhöhung
des Beschäftigungsschutzniveaus sich sehr
wohl auf die Senkung der Arbeitslosigkeit
auswirke – ein Resultat, das wieder dem
weitverbreiteten Glauben an die Vorteile der
Arbeitsmarktderegulierung widerspricht.
Zusammenfassend ist zu sagen, dass
entgegen dem Konsens, der sowohl in der
Mainstream-Ökonomie als auch in der Politik
herrscht, Beweise für die Behauptung, dass eine
umfassende Deregulierung der Arbeitsmärkte
Jobs schaffen und die Arbeitslosigkeit verringern
werde, einfach nicht existieren.
35
Warum die europäischen
Zentralbanker progressive
Arbeitsmärkte unterstützen und
nicht demontieren sollten
Die tiefere Ursache für diese Vorliebe für
flexible Arbeitsmärkte ist, dass viele Zentralbanker
der Ansicht sind, dass die Regulierung des
Arbeitsmarkts ihrem Preisstabilitätsauftrag
widerspricht. Ihrer Meinung nach stärken
Arbeitsmarktinstitutionen wie Mindestlöhne,
hohe Erfassungsraten von Tarifverträgen
oder Kündigungsschutzregelungen die
Verhandlungsstärke der Arbeitnehmer und führen
folglich zu inflationären Lohnsteigerungen.
Der Europäische Gewerkschaftsbund vertritt
jedoch die gegenteilige Auffassung. Unserer
Ansicht nach beruht ein progressiver Arbeitsmarkt
auf vier zentralen Prinzipien: Stabilität, Sicherheit,
Gerechtigkeit und Fortschritt. Das sind
Prinzipien, an denen auch eine Zentralbank aus
ihrer typischen Perspektive der Förderung der
Preisstabilität interessiert sein sollte.
Stabilität: Während Zentalbanken
Stabilität unter dem Aspekt der Wertsicherung
von Finanzinvestitionen sehen, wollen die
Arbeitnehmer Stabilität in Bezug auf ihre
Löhne. Die Löhne sind die Grundlage, mit
der Haushalte einen guten Lebensstandard
sicherstellen. Wenn die Arbeitgeber
die Macht haben, Löhne nach ihrem
Gutdünken zu kürzen, ist die Stabilität der
Lebensbedingungen nicht mehr gewährleistet.
Die Vorteile der ‚Lohnstabilität‘ gehen über
den einzelnen Arbeitnehmer und Haushalt
hinaus. Die Stabilität der Nominallöhne
funktioniert auch als Anker für die gesamte
Wirtschaft. Wenn das Nominallohngebäude
nicht einstürzen kann, können auch die
Preise nicht einbrechen, und die Wirtschaft
kann nicht in eine Abwärtsspirale aus
fallenden Löhnen und Preisen geraten.
Das sollte ein Hauptanliegen jeder
Zentralbank sein. Tatsächlich funktioniert
das Preisstabilitätsmandat der Bank in beide
Richtungen: Eine galoppierende Inflation muss
ebenso vermieden werden wie der Prozess der
Deflation, bei dem das allgemeine Preisniveau
zu sinken beginnt.
Tatsächlich sollte eine Zentralbank gegen
Deflation sogar allergischer sein als gegen
Inflation, da die Erstere zur Entmachtung
der Geldpolitik führt. Ab dem Moment, da
der Nominalzinssatz Null erreicht und das
Preisniveau zu sinken beginnt, steht die
Zentralbank vor einer Situation, in der die
realen Zinssätze mitten in einer Rezession
zu steigen beginnen. Keine angesehene
Zentralbank würde sich in einer derartigen Lage
wiederfinden wollen.
Anders gesagt, die EZB sollte aufpassen,
was sie sich wünscht. Einen Kreuzzug zu
starten, um das fehlende Instrument einer
Währungsabwertung durch ultraflexible Löhne
und Arbeitsmärkte zu ersetzen, ist eine sehr
schlechte Idee.
Sicherheit: Arbeitnehmer wollen
auch Stabilität in ihren Jobs. Sie wollen
nicht in einer Situation sein, wo sie jeden
Morgen aufwachen und sich fragen, ob
sie noch einen Job haben. Zusammen
mit der Stabilität der Nominallöhne sind
stabile Arbeitsverhältnisse das Rückgrat
angemessener Lebensstandards.
Die EZB sollte aufpassen, was sie sich wünscht.
Einen Kreuzzug zu starten, um das fehlende
Instrument einer Währungsabwertung durch
ultraflexible Löhne und Arbeitsmärkte zu
ersetzen, ist eine sehr schlechte Idee.
Stabile Beschäftigungsverhältnisse haben
auch Vorteile für die Gesamtwirtschaft. Ein
Vorteil ist, dass sie die Aufgabe der Zentralbank
erleichtern, die Wirtschaft wiederzubeleben (und
die Gefahr der Deflation abzuwenden). Wenn die
Gesamtnachfrage sich nach einer Krise zu erholen
beginnt, ist es wichtig, dies in einen sich selbst
verstärkenden Kreislauf aus neuen Arbeitsplätzen,
die noch mehr Nachfrage bewirken, zu
übertragen. Wenn jedoch bei einer Erholung
der Nachfrage die Arbeitgeber gleichzeitig gute
Arbeitsplätze durch schlechte Arbeitsverträge
mit viel niedrigeren Löhnen ersetzen, besteht
das Risiko, dass dieser Wachstumskreislauf nicht
zustande kommt, was zu einem schwachen und
anfälligen Aufschwung führt. Kurzum, prekäre
Arbeitsplätze bedeuten prekäre Erholung und ein
schwierigeres Leben für die Zentralbank, die die
Wirtschaft wiederbeleben möchte.
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Outlook Paris
Gerechtigkeit: Ein Arbeitsmarkt kann nicht
fortschrittlich sein, wenn er durch hohe und
steigende Lohn- und Einkommensungleichheiten
belastet wird.
Wieder gibt es solide und rein wirtschaftliche
Gründe, warum eine Zentralbank sich auch
um Lohnungleichheiten Sorgen machen
sollte. Da Besserverdienende dazu neigen,
mehr zu sparen und weniger zu verbrauchen
(verhältnismäßig), führen hohe und zunehmende
Ungleichheiten dazu, dass die Nachfrage aus
der Wirtschaft ‚ausläuft‘. Um eine gedämpfte
Wachstumsentwicklung zu vermeiden, greift die
Politik oft auf Preisblasen von Vermögenswerten
und durch Schulden finanzierte Blasen zurück,
um die Gesamtnachfrage wieder anzukurbeln
und die wegen der Ungleichheiten aus der
Wirtschaft ‚ausgelaufene‘ Nachfrage zu
kompensieren. Nichts könnte dies besser
veranschaulichen als das berühmte Zitat
des ehemaligen US-Notenbankchefs Alan
Greenspan: „Wenn wir die Löhne nicht erhöhen
können, erhöhen wir doch die Schulden der
Arbeitnehmer!“
Nach der globalen Finanzkrise von
2009 ist es noch immer schockierend, seine
Aussage zu lesen.
Im Interesse längerfristiger Stabilität im
gesamten Wirtschafts- und Finanzsystem würden
Zentralbanken – einschließlich der EZB – gut
daran tun, einem Trend hoher und zunehmender
Ungleichheiten entgegenzuwirken anstatt
geldpolitische Feuerkraft zu verwenden, um eine
Deregulierung der Arbeitsmärkte zu fördern. Es
ist besser, die Löhne zu erhöhen und die Früchte
des wirtschaftlichen Fortschritts gerecht zu teilen,
als sich ständig auf schuldengetriebene ‚BoomAnd-Bust-Zyklen‘ einzulassen.
Fortschritt: Arbeitnehmer und
Gewerkschaften sind durchaus für
‚Veränderung‘, aber sie soll positiv sein.
Berufliche Mobilität ist für Arbeiter kein
Schimpfwort, solange Mobilität bedeutet,
aufzusteigen und nicht jeden Arbeitsplatz –
sogar Jobs, die keinen menschenwürdigen
Lebensstandard ermöglichen – akzeptieren zu
müssen.
Hier kommen wir wieder zur Tatsache zurück,
dass Stabilität im Beschäftigungsverhältnis
auf vielfältige Weise gut für Produktivität
und Innovation ist. Arbeitnehmer mit
einer gewissen Beschäftigungsdauer sind
mit den Produktionsabläufen und der
Unternehmensorganisation besser vertraut.
Arbeiter mit sicheren Verträgen werden dem
Unternehmen gegenüber loyaler sein als solche
mit ‚Wegwerfverträgen‘. Sie werden auch eher
bereit sein, an Innovationen mitzuarbeiten und
ihre Kollegen nach der Methode ‚Learning
37
by doing‘ (Praxislernen) auszubilden, wenn sie
wissen, dass dadurch nicht ihr eigener Arbeitsplatz
gefährdet wird. Arbeitnehmer wiederum, die sich
bewusst sind, dass Arbeitnehmer zu entlassen
finanzielle Kosten mit sich bringt, werden
motiviert sein, ihren Arbeitskräften Aus- und
Weiterbildungsmöglichkeiten anzubieten, um
die unternehmensinterne Flexibilität zu fördern
und auf Konkurrenzschocks zu reagieren, indem
sie Produkte und Produktabläufe aktualisieren
und verbessern, anstatt einfach Produktlinien zu
beenden.
Letztendlich wirkt Arbeitsplatzschutz
– auch, wenn Arbeitgeber und MainstreamÖkonomen ihn als eine weitere überholte
Rigidität betrachten – als eine ‚vorteilhafte
Einschränkung‘. Er zwingt die Unternehmen,
auf Konkurrenzdruck mit dem Königsweg
der robusten Produktivität und der intensiven
Innovation zu reagieren.
Hier liegt der Vorteil für die Zentralbanken
darin, dass produktiver und innovativer
Fortschritt ein viel besserer Weg für
die Anpassung der Wirtschaft ist als
Lohnkürzungen. Letztere bergen das Risiko, die
Wirtschaft in den Abgrund der Deflation und
der Depression zu stürzen, während ersteres
der Wirtschaft ermöglicht, ihre Probleme durch
Wachstum zu überwinden.
Schlussfolgerung: Es ist noch nicht so
lange her, dass EZB-Präsident Mario Draghi
behauptet hat, das ‚Soziale Europa ist vorbei‘.
Das bezeugt anschaulich, wie sehr die Bank eine
Deregulierung der Arbeitsmärkte bevorzugt. Herr
Draghi und seine Kollegen in der EZB täten gut
daran, es sich noch einmal zu überlegen und die
Vorteile eines progressiven Arbeitsmarktes für
die Geldpolitik und die Preis- und Finanzstabilität
wiederzuentdecken. ■
39
Ungleichheit verringern:
ein unerlässlicher Schritt für
Entwicklung und Wohlergehen
Kate Pickett,
PhD FRSA FFPH
University of York,
The Equality Trust
& the Alliance for
Sustainability and
Prosperity
Ungleichheit entpuppt sich
als zentrales Thema für die
Entwicklungsagenda nach 2015
und die Festlegung der Ziele für
eine nachhaltige Entwicklung.
Ungleichheiten bei Einkommen
und Vermögen verursachen
wirtschaftliche Instabilität und
eine Reihe von gesundheitlichen
und sozialen Problemen und
schaffen Hürden für die Annahme
von umweltfreundlichen
Strategien und Verhaltensweisen.
Gesellschaftliche und
wirtschaftliche Ungleichheiten
zerstören das soziale Gefüge,
untergraben den gesellschaftlichen
Zusammenhalt und verhindern
das Aufblühen von Nationen,
Gemeinschaften und Personen.
Die Folgen der Ungleichheit
Gesellschaftliche und wirtschaftliche
Ungleichheit verstärken die Macht und
Bedeutung der sozialen Hierarchie, des Status
und der Klasse1. In Folge dessen sind viele
Probleme, die weiter unten auf der sozialen Leiter
– beispielsweise in ärmeren Wohngegenden
– häufiger zu finden sind, in Gesellschaften
mit größeren Einkommensunterschieden
zwischen Arm und Reich viel stärker verbreitet2-4
(ABBILDUNG 1). Obwohl die Folgen der
Ungleichheit tendenziell weiter unten auf
der sozialen Leiter am schwerwiegendsten
sind, sind die Ergebnisse sogar unter den
Bessergestellten noch schlechter, weil die
Ungleichheit das ganze soziale Gefüge
einer Gesellschaft beschädigt und dabei
soziale Spaltungen, Statusunsicherheit und
Statuskonkurrenz verstärkt2. Gerade weil eine
große Mehrheit der Bevölkerung – nicht nur
die Armen – von Ungleichheit betroffen ist,
sind die Leistungsunterschiede zwischen mehr
oder weniger gleichen Gesellschaften so groß.
Das Ausmaß der Unterschiede variiert von
einem gesundheitlichen oder sozialen Problem
zum anderen, aber alle sind in Gesellschaften
mit mehr Ungleichheit zwischen doppelt und
zehnmal so häufig wie in Gesellschaften mit
mehr Gleichheit.
Obwohl in den reichen Industrieländern die
Einkommensungleichheit im Zusammenhang
mit Indikatoren für Gesundheit und
soziales Wohlergehen steht, ist dies bei den
Durchschnittseinkommen (BIP pro Kopf) nicht
der Fall. Die Verringerung der Ungleichheit ist
der wichtigste Schritt, den diese Länder setzen
können, um das Wohlbefinden der Bevölkerung
zu steigern. In den Entwicklungs- und
Schwellenländern sind sowohl mehr Gleichheit
als auch Verbesserungen der Lebensstandards
erforderlich, damit die Bevölkerungen aufblühen
können.
Bestens bekanntes, umfangreiches
Beweismaterial zeigt, dass sehr große
Einkommensunterschiede innerhalb von
Ländern schädlich sind. Analysen umfassen
Querschnittsforschung und Studien über
Änderungen der Einkommensverteilung im
Laufe der Zeit. Besonders umfangreiches
Schlimmer
Gesundheitliche und soziale Probleme sind in Ländern mit mehr
Ungleichheit schlimmer
Index der gesundheitlichen und
sozialen Probleme
USA
Portugal
UK
Der Index umfasst:
Greece
Austria
Ireland
France
Germany
Belgium
Finland
Norway
Canada
New Zealand
Australia
Italy
Spain
Switzerland
Netherlands
Besser
Sweden
• Lebenserwartung
• Mathe, Lesen, Schreiben
• Kindersterblichkeit
• Morde
• Gefängnisstrafen
• Geburten im Teenageralter
• Vertrauen
• Fettleibigkeit
• Geisteskrankheit (inkl. Drogenund A Alkoholabhängigkeit)
• Soziale Mobilität
Japan
Niedrig
Einkommensungleichheit
Hoch
Abbildung 1
41
Angesichts all dessen, was wir jetzt über die
Auswirkungen von Ungleichheit wissen, scheint es
klar, dass wir Ungleichheit überwachen und uns
gleichzeitig zu realistischen, aber mutigen Zielen
für ihre Verringerung verpflichten müssen.
Beweismaterial gibt es für den Zusammenhang
zwischen Ungleichheit und schlechterer
Gesundheit der Bevölkerung. Hunderte
Studien zeigen uns, dass in Ländern mit mehr
Gleichheit die Lebenserwartung länger und die
Sterblichkeit niedriger ist3 5-9, Kindersterblichkeit,
Geisteskrankheiten und Fettleibigkeit sind zweibis viermal höher4 10-13, und – in Entwicklungswie in Industrieländern – nimmt die Verbreitung
von HIV-Infektionen mit der Ungleichheit zu14 15.
Es gibt auch solide Hinweise auf einen
Zusammenhang zwischen mehr Gleichheit
und besseren sozialen Beziehungen innerhalb
von Gesellschaften – das Niveau des
gesellschaftlichen Zusammenhalts, einschließlich
Vertrauen und soziales Kapital, ist höher in
Ländern mit mehr Gleichheit16-20. Indikatoren
für den Status und die Gleichberechtigung
der Frauen sind generell besser1 21, und die
Raten für Eigentumsdelikte und Gewalttaten –
insbesondere für Tötungsdelikte – steigen mit
zunehmenden Einkommensunterschieden17 22-27.
Ungleichheit vergeudet Humankapital
und Humanpotenzial. Der UNICEF-Index zum
Wohlbefinden von Kindern ist in Gesellschaften
mit mehr Gleichheit wesentlich höher28, so
wie auch das Niveau der Bildungsabschlüsse;
weniger Jugendliche steigen aus Bildung,
Beschäftigung und Weiterbildung aus, und
weniger Mädchen im Teenager-Alter werden
Mütter4 28 29. Vor allem ist die soziale Mobilität
in sehr ungleichen Gesellschaften eingeschränkt
– Chancengleichheit wird geprägt durch
Ergebnisgleichheit4 30.
Zusätzlich zu ihren Auswirkungen
auf gesundheitliche und gesellschaftliche
Ergebnisse ist mehr Gleichheit auch mit
wirtschaftlichem Fortschritt und Stabilität
verbunden. Die Verringerung der Armut –
und folglich die Entwicklung – wird durch
Einkommensungleichheit beeinträchtigt31
32
. In reichen und armen Ländern korreliert
Ungleichheit stark mit kürzeren Perioden
wirtschaftlichen Wachstums und weniger
Wachstum im Laufe der Zeit33 34 und mit
häufigeren und heftigeren ‚Boom-AndBust-Zyklen‘, die die Volkswirtschaften
volatiler und krisenanfälliger machen34.
Oder wie es im Bericht des Internationalen
Währungsfonds heißt: Ungleichheit verringern
und langfristigeres Wirtschaftswachstum
unterstützen könnten ‚zwei Seiten der gleichen
Medaille‘ sein33.
Mehr Gleichheit spielt eine wichtige Rolle
bei dem notwendigen weltweiten Übergang zu
nachhaltigen Volkswirtschaften. Ungleichheit
bewirkt Statuskonkurrenz, was wiederum
private Verschuldung und Konsumdenken
antreibt1 35-38. Und Konsumdenken ist natürlich
eine große Bedrohung für die Nachhaltigkeit.
Stärkeres Gemeinschaftsleben in Gesellschaften
mit mehr Gleichheit bedeutet auch, dass die
Menschen eher bereit sind, für das Gemeinwohl
zu wirken: Sie recyceln mehr, geben mehr
für Entwicklungshilfe aus und erreichen
bessere Werte im Globalen Friedensindex1,
und Wirtschaftsführer in Ländern mit
mehr Gleichheit stufen internationale
Umweltabkommen höher ein39.
Ungleichheit verringern
Einkommensunterschiede können durch
Umverteilung über Steuern und Sozialleistungen
oder durch eine Minderung der Unterschiede bei
den Einkommen vor Steuern verringert werden.
Internationale Vergleiche legen nahe, dass
mehr Gleichheit einer Gesellschaft die gleichen
Vorteile bringt, egal, durch welchen dieser beiden
Ansätze sie erreicht worden ist1.
Allgemein sind die Spitzensteuersätze,
die in den 1970-er Jahren in vielen Ländern
(einschließlich der USA) über 80% lagen,
drastisch reduziert worden, und es gibt Raum für
die Wiederherstellung progressiverer Steuern.
Die Bekämpfung von Steueroasen und anderer
Methoden, mit deren Hilfe reiche Personen und
große Unternehmen Steuern vermeiden, ist
unerlässlich. Der Betrag, den Entwicklungsländer
an Steueroasen verlieren, übersteigt die gesamte
internationale Entwicklungshilfe40 41. Das erhöht
nicht nur die weltweite Ungleichheit, sondern
bedeutet auch, dass ein höherer Anteil an den
öffentlichen Ausgaben durch Steuerzahler
in den niedrigeren Einkommensgruppen
finanziert werden muss. In vielen Ländern
hat das Steuersystem keine wesentliche
Umverteilungsfunktion mehr.
Formen wirtschaftlicher Demokratie – wie
Mitarbeiterbeteiligung, Arbeitnehmervertretung
in Aufsichts- und Verwaltungsräten,
Arbeitnehmerkapitalbeteiligung,
Gegenseitigkeitsvereine und Genossenschaften
– verringern tendenziell das Ausmaß der
Einkommensungleichheit und helfen dabei,
Gleichheit in einer Gesellschaft stärker zu
verankern. Das sind langlebigere kulturelle
Veränderungen, als man durch Feineinstellungen
an der Abgabenordnung erreichen kann. Diese
Arten von Wirtschaftsinstitutionen bieten eine
stabilere Basis für das Gemeinschaftsleben und
schneiden auch in ethischer Hinsicht gut ab.
Fortschritte verzeichnen
Angesichts all dessen, was wir jetzt über die
Auswirkungen von Ungleichheit wissen, scheint
es klar, dass wir Ungleichheit überwachen und
uns gleichzeitig zu realistischen, aber mutigen
Zielen für ihre Verringerung verpflichten
müssen. Ein Kernziel des Post-2015Entwicklungsrahmenplans und der nachhaltigen
Entwicklungsziele sollte die Reduzierung der
Ungleichheit innerhalb von Ländern sein42.
Die Rahmenpläne sollten als oberstes Ziel die
Verringerung von Ungleichheiten beinhalten,
insbesondere Einkommensungleichheiten. Das
sollte zusätzlich zu getrennten Indikatoren und
Zielvorgaben in jedem anderen Ziel sein, um
gleichberechtigten Fortschritt in verschiedenen
gesellschaftlichen Gruppen auf dem Weg zu
vereinbarten Entwicklungszielen sicherzustellen.
Ein Ungleichheitsziel könnte auf Palmas
Verhältnis des Einkommensanteils der oberen
10% einer Bevölkerung zu den unteren
40% beruhen. In Gesellschaften mit mehr
Gleichheit wird dieses Verhältnis bei eins
oder darunter liegen, was bedeutet, dass
die oberen 10% keinen größeren Anteil am
nationalen Einkommen erhalten als die unteren
40%. In sehr ungleichen Gesellschaften kann
dieses Verhältnis bis zu sieben ansteigen43.
Ein mögliches Ziel könnte die Halbierung
der nationalen Palma-Quotienten bis 2030
im Vergleich zu 2010 und die drastische
Verringerung des weltweiten Palma-Quotienten
sein, der derzeit bei 32 liegt.
Der Bekämpfung der Ungleichheit
auf diese Art Vorrang einzuräumen wird
gewährleisten, dass die wirtschaftlichen und
entwicklungspolitischen Strategien wirklich
integrativ sind und den menschlichen Fortschritt
in Richtung Nachhaltigkeit und Wohlergehen
vorantreiben können.
Quellen für weitere Informationen
Alliance for Sustainability and Prosperity (ASAP):
www.asap4all.org
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45
Europäische Sozialunion:
eine politische Notwendigkeit und
ein vordringliches Forschungsprogramm
Frank Vandenbroucke,
Frank Vandenbroucke
ist Professor an der
KULeuven. Er hat den
Den-Uyl-Lehrstuhl
an der Universität
Amsterdam inne und
ist auch Inhaber des
Deleeck-Lehrstuhls
an der Universität
Antwerpen.
Progressive Economy analyse
sollte zu einem schlüssigen
Konzept der Gründe hinter einer
Europäischen Sozialunion und
der diesbezüglichen Agenda und
Steuerung beitragen. Ich gebrauche
aus folgenden Gründen ganz
bewusst die Wörter ‚Europäische
Sozialunion‘. Erstens wäre es
falsch, zu behaupten, dass die EU
heute keine soziale Dimension hat.
Die Koordinierung der
Sozialversicherungsansprüche
grenzüberschreitend mobiler Arbeiter,
Normen für die Gesundheit und Sicherheit
am Arbeitsplatz, einige Richtlinien zu den
Arbeitnehmerrechten – all das stellt einen
nicht unwesentlichen Besitzstand (Acquis) von
50 Jahren Fortschritt dar, der Stück für Stück
erreicht worden ist. Die EU hat auch eine solide
rechtliche Grundlage für die Durchsetzung der
Nichtdiskriminierung zwischen EU-Bürgern
entwickelt. Die Idee einer ‚Europäischen
Sozialunion‘ basiert nicht auf der Verleugnung
dieses positiven Acquis: Das wäre intellektuell
falsch und politisch kontraproduktiv. Aber obwohl
die nächsten Schritte, die wir setzen müssen,
auf diesem Acquis aufbauen können, stellen
deren Natur und Begründung Antworten auf
eine neue Herausforderung dar. Eine Sozialunion
würde die nationalen Wohlfahrtsstaaten auf
einer systemischen Ebene in einigen ihrer
Schlüsselfunktionen (wie die makroökonomische
Stabilisierung) unterstützen. Durch allgemeine
Sozialstandards und Zielvorgaben, die die Wege
und Mittel der Sozialpolitik den Mitgliedsstaaten
überlassen, würde eine Sozialunion auf der
Grundlage einer operationellen Definition des
‚Europäischen Sozialmodells‘ die wesentliche
Entwicklung der nationalen Wohlfahrtsstaaten
lenken. Anders gesagt, die europäischen Länder
würden in einer Union mit einer ausdrücklichen
sozialen Zielvorgabe zusammenarbeiten – daher
der Ausdruck ‚Europäische Sozialunion‘ (ESU).
Mein Argument ist, dass die derart konzipierte
ESU nicht nur wünschenswert, sondern
notwendig ist (Vandenbroucke, 2013). Diese
Analyse vorzunehmen bedeutet noch nicht,
dass ein einsatzbereites Konzept der ESU schon
auf dem Tisch liegt. Im Gegenteil: Wichtige
Fragen müssen geklärt werden, intellektuell
wie politisch. Die Festlegung, was eine ESU in
der Praxis bedeuten würde, ist eine zentrale
Forschungsfrage für Progressive Economy
swissenschaftler, Soziologen und Politologen.
1. Übermäßige soziale
Ungleichgewichte in der
Eurozone
Warum brauchen wir eine Europäische
Sozialunion? Das erste Argument bezieht sich
auf die Zukunftsfähigkeit der Europäischen
Währungsunion (EWU): ‚Übermäßige
soziale Ungleichgewichte‘ bedrohen die
Währungsunion ebenso sehr wie ‚übermäßige
wirtschaftliche Ungleichgewichte‘. Die sozialen
Ungleichgewichte, von denen ich spreche,
sind nicht einfach ‚ähnliche Probleme‘ in
einer Teilmenge von leistungsschwachen
Mitgliedsstaaten. Sie sollten ein gemeinsames
Anliegen aller Mitglieder der Eurozone sein.
Eine Europäische Sozialunion ist nicht nur
wünschenswert, sondern notwendig. Damit ein
solcher Konsens breite politische Unterstützung
hervorruft, muss er jedoch an den gemeinsamen
Zielsetzungen der europäischen Wohlfahrtsstaaten
festhalten. Er kann nicht im Gegensatz zu
den normativen Grundlagen der europäischen
Wohlfahrtsstaaten stehen. Diese Idee – die
Vorstellung von einer echten ESU – funktionsfähig zu
machen, stellt sowohl eine politische Notwendigkeit
als auch ein dringliches Forschungsprogramm dar.
Jugendarbeitslosigkeit und Kinderarmut sind
zwei Beispiele. Das Argument ist zuallererst ein
politisches. Wenn die Vertiefung des europäischen
Projekts – in diesem Fall die Schaffung einer
Währung – nicht von einer Annäherung statt
einem weiteren Auseinanderdriften begleitet wird,
steht die politische Legitimität des europäischen
Projekts auf dem Spiel. Sowohl in ‚versagenden‘
als auch in ‚erfolgreichen‘ Eurozonen-Mitgliedern
wird die Unzufriedenheit der öffentlichen
Meinung angesichts zunehmender Divergenzen
größer werden. Das Denken in den Kategorien
‚wir‘ und ‚die‘ – ‚Süden‘ gegen ‚Norden‘ – wird
unweigerlich Legitimität erlangen, während die
Union an Legitimität verlieren wird. Dadurch
wird es immer schwieriger werden, die
notwendigen Maßnahmen zur langfristigen
Konsolidierung der Eurozone – wie ein kollektives
Vorgehen bei einem Teil der Staatsschulden und
stabilisierende Finanztransfers – zu ergreifen.
Kurzum, das Auseinanderklaffen der Gesellschaft
in der Eurozone unterhöhlt die Legitimität der
europäischen Zusammenarbeit in ihrer heutigen
Form und beschädigt die auf Vertrauen beruhende
Legitimität, die für ihr besseres Funktionieren in
der Zukunft erforderlich sein wird. Deshalb sollten
diese Ungleichheiten ein gemeinsames Anliegen
für alle Länder der Eurozone sein und folglich ein
angemessenes Gewicht bei der Steuerung der
Eurozone erhalten.
Neben dem Problem, das sie für die
politische Legitimität des europäischen Projekts
schaffen, können die Ungleichheit und das
Auseinanderdriften im Bereich der Kinderarmut
(um bei diesem Fall zu bleiben) als Zeichen
objektiver wirtschaftlicher Probleme gesehen
werden, die sich auf die Zukunftsfähigkeit
der Eurozone auswirken. Ein vergleichsweise
hohes Maß an Kinderarmut ist gleichbedeutend
mit einem Investitionsdefizit, das Ursache
und Wirkung in einem Teufelskreis aus
leistungsschwachen Arbeitsmärkten und
Bildungssystemen sein könnte. Heutzutage sehen
wir enorme Ungleichgewichte in der Eurozone
in Bezug auf Arbeitsmarktergebnisse, formale
Bildungsabschlüsse und Bildungsergebnisse. Wenn
einige Mitglieder der Eurozone in einen Teufelskreis
aus leistungsschwachen Arbeitsmärkten und
Bildungssystemen geraten, schafft ein derartiges
‚schlechtes Gleichgewicht‘ ein objektives Problem
hinsichtlich der wirtschaftlichen Symmetrie, die
unter den Mitgliedern einer Währungsunion
erforderlich ist.
Letzteres Argument passt zu einer
breiteren Debatte über die Konsequenzen einer
Währungsvereinheitlichung. Die Mitglieder eines
Währungsraums sind mit einem Zielkonflikt
zwischen Symmetrie und Flexibilität konfrontiert.
Flexibilität wird im Sinne von Lohnflexibilität und
Mobilität und Migration der Arbeitskräfte erklärt,
die die ‚interne‘ Anpassungsfähigkeit eines
Landes im Falle eines asymmetrischen Schocks
bestimmen. Weniger Symmetrie erfordert der
Theorie optimaler Währungsräume zufolge mehr
Flexibilität. Es gibt aber einen zweiten Zielkonflikt:
Wenn die Möglichkeit besteht, asymmetrische
Schocks durch budgetäre Transfers zwischen
den Mitgliedsstaaten aufzufangen, ist weniger
Flexibilität erforderlich.
In wissenschaftlichen Lehrbüchern, die
diese Zielkonflikte erklären, wird Symmetrie
rein wirtschaftlich erklärt. Die langfristige
Aufrechterhaltung der Symmetrie kann jedoch ein
gewisses Maß an gesellschaftlicher Annäherung
voraussetzen. Weder Flexibilität noch Symmetrie
noch der Transfer von Haushaltsmitteln
sind sozial neutrale Entscheidungen. Die
langfristigen Kompromisse1, die eine
Währungsvereinheitlichung bedingt, zwingen den
teilnehmenden Ländern einen Konsens über die
Zusätzlich zu den beschriebenen Kompromissen gibt es noch andere Voraussetzungen für die Zukunftsfähigkeit einer Währungsunion. Eine davon ist derzeit besonders aktuell: eine
Bankenunion.
1
47
Gesellschaftsordnung auf, der die Währungsunion
zu dienen hat. Diese Analyse führt nicht zu
eindeutigen normativen Schlussfolgerungen über
die Art von Sozialmodell, das die EU entwickeln
sollte. Es zeigt jedoch die Unvermeidbarkeit
eines grundlegenden Konsenses zwischen den
Mitgliedern der Eurozone, der sowohl kognitive als
auch normative Elemente umfasst:
 Kognitiv: In welchem Ausmaß setzt
wirtschaftliche Symmetrie auch soziale
Annäherung voraus? Welche Freiheitsgrade
gibt es in Bezug auf Pensionssysteme
und Pensionsalter, Bildungsabschlüsse,
Kinderarmut,…?
 Normativ: Wenn wir uns darüber einig sind,
dass wirtschaftliche Symmetrie in manchen
Bereichen gesellschaftliche Annäherung
bedingt, dann müssen gemeinsame
Bezugspunkte als Ziele gesetzt werden, um
eine derartige Annäherung zu organisieren.
 Kognitiv und normativ: Was ist unsere
Ansicht über die Rolle der Flexibilität und
gesamteuropäische Transfers?
Die letzte Frage – bezüglich
gesamteuropäischer Transfers – bezieht sich auf
die makroökonomische Stabilisierung in der EWU.
Kann ein europäischer Stabilisierungsmechanismus
zur Wiederherstellung der systemischen
Stabilisierungsfähigkeit nationaler
Wohlfahrtsstaaten beitragen, welche jetzt durch
die Währungsvereinheitlichung eingeschränkt
ist? Viele stimmen darin überein, dass die EWU
einen Stabilisierungsmechanismus erfordert. Die
Ausarbeitung dieser Idee wirft komplexe Fragen
auf: Einige Forscher betonen asymmetrische
Schocks und schlagen eine durch wirtschaftliche
Indikatoren ausgelöste ‚zwischenstaatliche
Versicherung‘ vor (Enderlein e.a., 2013; Drèze
und Durré, 2013). Andere Forscher sprechen sich
für eine europäische Arbeitslosenversicherung
aus, die sowohl auf asymmetrische als auch auf
symmetrische Konjunkturschocks reagieren würde
(Dullien, 2013). Diese wichtige Debatte ist noch
lange nicht abgeschlossen.
Ich behaupte nicht, dass die Währungsunion
nur überleben wird, wenn sie die Anforderungen
der sozialen Gerechtigkeit, so wie ich sie
definiere, erfüllt. Mein Anspruch ist begrenzter:
Die Zukunftsfähigkeit dieser Union setzt einen
Konsens über die soziale Dimension voraus. Damit
ein solcher Konsens aber auf einer breiten Basis
beruht, muss er mit den gemeinsamen Zielen
der europäischen Wohlfahrtsstaaten in Einklang
stehen. In der Vergangenheit ist oft betont
worden, dass die europäischen Wohlfahrtsstaaten
so verschieden sind, dass es unmöglich ist, das
europäische Sozialmodell genau zu definieren.
Doch egal wie unterschiedlich die Realität der
europäischen Wohlfahrtsstaaten auch sein mag
– zum jetzigen Zeitpunkt ist ein Minimalkonsens
über gemeinsame, normativ geladene Ziele der
Sozialpolitik erforderlich.
2. Nationaler Zusammenhalt
und gesamteuropäischer
Zusammenhalt: zwei
Perspektiven in Bezug auf
Solidarität
Übermäßige soziale Ungleichgewichte
und die funktionellen Folgen der
Währungsintegration sind nicht die einzigen
Probleme, die ein Konzept der ESU anregen
sollten. Diskussionen über das soziale Europa
beziehen sich oft auf die Vermeidung von
Sozialdumping und andererseits auf den Erhalt
der nationalen Souveränität im Bereich der
Sozialpolitik. In diesem kurzen Beitrag kann ich
der Debatte über diese Themen nicht gerecht
werden. Obwohl meine Meinung zu dieser
Angelegenheit nuanciert ist, glaube ich, dass es
eine kritische Wechselwirkung zwischen dem
Fehlen gesamteuropäischer Sozialstandards und
einer reduzierten rechtlichen Souveränität der
Mitgliedsstaaten geben kann. Ein Beispiel betrifft
Mindestlöhne und entsandte Arbeitnehmer. Im
Hinblick auf die Arbeitsmarktregulierung müssen
zwei Probleme auf EU-Ebene angegangen
werden: Alle Mitgliedsstaaten sollten ein
universelles System von Mindestlöhnen
haben, die hinsichtlich ihres (nationalen)
durchschnittlichen Lohnniveaus angemessen
sind; und die Entsendung von Arbeitnehmern
darf die nationalen Tarifverhandlungssysteme
– beispielsweise in Bezug auf Mindestlöhne –
nicht untergraben.
Die bisher skizzierten Argumente über
exzessive soziale Ungleichgewichte und die
Folgen der Währungsvereinheitlichung, über
spezifische Fragen des Sozialdumpings und
die nationale sozialpolitische Souveränität
weisen in unterschiedliche Richtungen, aber
wenn sie auf stimmige Weise angewendet
werden, schließen sie einander nicht aus. Die
Argumente im Zusammenhang mit der EWU
beruhen auf der Idee, dass die Abstimmung
von Wirtschaftsstrategien ein Mindestmaß an
Abstimmung der Sozialpolitik erfordert. Folglich
ist die Suche nach einem starken Konsens über
den Inhalt des Europäischen Sozialmodells nicht
länger ein überflüssiger Luxus, sondern eine
Notwendigkeit. Die Abstimmung der sozialen
Strategien in Europa muss jedoch nicht zur
Anwendung einer undifferenzierten Sozialpolitik
führen. Sie ist auch nicht unvereinbar mit
der Vorstellung, dass die Mitgliedsstaaten
in einzelnen Bereichen ihre Souveränität
beibehalten sollten (z.B. bei der Rechtssetzung
oder Verhandlung von Mindestlöhnen, die
Organisation des Gesundheitswesens): Die
Mitgliedsstaaten müssen die Verantwortung,
die sie tragen, wirksam wahrnehmen können.
Letztere Idee ist wiederum nicht unvereinbar
mit der Vorstellung, dass die EU gewisse
Mindestnormen festsetzen sollte, beispielsweise
im Hinblick auf die universelle Anwendbarkeit
menschenwürdiger Mindestlöhne in jedem
Mitgliedsstaat. Wie die Stabilisierungsfunktion
des Wohlfahrtsstaats wiederhergestellt werden
kann, wie soziale Ungleichgewichte in ganz
Europa verringert werden können, wie weit
politische Feinabstimmung gehen sollte und
wie sie demokratisch organisiert werden
kann, wie streng Mindestanforderungen sein
könnten und in welchem Ausmaß zwischen
Ländern innerhalb und außerhalb der
Eurozone unterschieden werden sollte… all
das sind keineswegs einfache Fragen. Aber die
Notwendigkeit einer Europäischen Sozialunion,
die all diese verschiedenen Elemente umfasst,
muss ganz oben auf unserer Agenda stehen.
Die obigen Betrachtungen zeigen, dass
eine Europäische Sozialunion zwei Blickwinkel
über die Bedeutung von ‚Solidarität in Europa‘
beinhaltet: Die Argumente im Hinblick auf
die EWU bedingen eine gesamteuropäische
Vorstellung von Solidarität; andere Argumente
sind vor allem durch den Wert des nationalen
Zusammenhalts und der nationalen,
inländischen Solidarität begründet. Historisch
betrachtet hat die Europäische Kommission
diese beiden Ziele – die Stärkung des nationalen
und des gesamteuropäischen Zusammenhalts
– immer gleichzeitig verfolgt.
49
3. S oziale Investitionen auf
die Tagesordnung
Wie können wir einen positiven Kreislauf
schaffen, in dem sowohl der gesamteuropäische
Zusammenhalt als auch der nationale
Zusammenhalt gestärkt werden? Wenn es
heute einen Bereich gibt, wo die Europäische
Union einen ‚Pakt‘ braucht, um im Geiste der
Gegenseitigkeit langfristige Ziele zu setzen,
dann ist es der Bereich der sozialen Investitionen
(Vandenbroucke, Hemerijck, und Palier, 2011).
Sozialinvestitionen konzentrieren sich auf
Maßnahmen, die Einzelpersonen, Familien
und Gesellschaften darauf ‚vorbereiten‘, sich
an verschiedene Transformationen anzupassen
– wie beispielsweise sich verändernde
Karrieremuster und Arbeitsbedingungen, die
Entstehung neuer sozialer Gefahren und die
Überalterung der Bevölkerung –, statt nur
darauf, die Schäden einfach zu ‚reparieren‘, die
durch Marktversagen, soziales Unglück oder
gesundheitliche Probleme verursacht werden.
Das Konzept der sozialen Investitionen ist nicht
neu, aber die grundlegenden gesellschaftlichen
Trends, die diesen Ansatz notwendig gemacht
haben, sind heute ebenso relevant und
bedeutend wie vor zehn Jahren – oder aufgrund
der ungünstigen Bevölkerungsentwicklung
vielleicht sogar noch wichtiger. Die Agenda
umfasst hochwertige Kinderbetreuung;
Investitionen in berufliche und schulische
Bildung, auf allen Ebenen des Bildungssystems;
Unterstützung für die Kombination von
Erwerbsarbeit und Familienleben; einen
späteren und flexiblen Eintritt in den Ruhestand,
entsprechend der Lebenserwartung; Nutzung
der Chancen, die sich durch die Migration
ergeben, u.a. durch eine richtige Integration
in das Bildungssystem und den Arbeitsmarkt;
und Mindesteinkommensschutz sowie,
allgemein, die Befähigung zur Bereitstellung
von Dienstleistungen. Die Hinzufügung
des ‚Mindesteinkommensschutzes‘ ist nicht
überflüssig: Wir müssen soziale Investitionen
und den Sozialschutz als einander ergänzende
Pfeiler ausbauen. Das eine kann das andere
nicht ersetzen, und einer einseitigen Sichtweise
sollte Widerstand entgegengesetzt werden. Das
ist die Lehre, die Bea Cantillon und ich aus den
Erfahrungen der Vergangenheit ziehen, in einem
neuen Buch über Armut und Arbeit in der EU
(Cantillon und Vandenbroucke, 2014).
Die EU-Kommission hat vor kurzem ein
Sozialinvestitionspaket verabschiedet (Europäische
Kommission, 2013), das eine wichtige Wendung
im gegenwärtigen Denken zumindest eines
Teils der Kommission markiert. Natürlich ist die
Frage der sozialen Investitionen eine langfristige
Agenda. Es wäre naiv zu glauben, dass sie
die kurzfristigen Probleme lösen könnte, die
die anhaltende Wirtschafts- und Finanzkrise
verursacht. Die politische Herausforderung
besteht darin, langfristige soziale Investitionen
und mittelfristige Haushaltskonsolidierung so zu
gestalten, dass sie sich gegenseitig unterstützen
und nachhaltig sind, im Rahmen einer
verbesserten Finanz- und Wirtschaftssteuerung.
Das erfordert eine ausgewogenere
Herangehensweise an die makroökonomische
Koordinierung selbst und eine enge Verknüpfung
zwischen wirtschaftlicher und sozialer Steuerung.
Beispielsweise könnte der Zeitplan für die
Haushaltskonsolidierung in Ländern, die mit
Nullwachstums-Aussichten konfrontiert sind und
sich wirklich um höherwertige Ausgaben und
eine bessere Verwaltung bemühen, überarbeitet
werden (Tillhaye, 2013).
Literaturhinweise
Cantillon, B. & Vandenbroucke,
F. (eds.) (2014). Reconciling Work
and Poverty Reduction. How
successful are European welfare
states?, Oxford: Oxford University
Press, à paraître.
Drèze, J. & Durré, A. (2013),
Fiscal integration and growth
stimulation in Europe, document
de discussion CORE 2013/13.
Dullien, S. (2013), A euro-area
unemployment insurance, rapport
préparé pour la DG Emploi,
Affaires sociales et Inclusion de la
Commission européenne.
Enderlein, H., Guttenberg, L. &
Spiess, J. (2013), Blueprint for a
cyclical shock insurance in the
Euro area, Notre Europe, Etudes
et rapports.
Commission européenne (2013).
Towards Social Investment for
Growth and Cohesion - including
implementing the European Social
Fund 2014-2020. Communication
de la Commission au Parlement
européen, au Conseil, au Comité
économique et social et au Comité
des régions : COM(2013) 83.
Tillhaye, R. (2013). Gearing EU
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Network, mars 2013.
Vandenbroucke, F., Hemerijck, A.,
Palier, B. (2011). The EU needs a
social investment pact. Avis pour
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Vandenbroucke, F., Diris, R.,
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of welfare states in the EU.
Euroforum, KULeuven.
Vandenbroucke, F. (2013), A
European Social Union: Why we
need it, what it means, Rivista
Italiana di Politiche Pubbliche,
2/13, pp. 221-247.
Der Drang nach Reformen in den
Mitgliedsstaaten sollte auf echter
Gegenseitigkeit beruhen. Offensichtlich ist
die Leistung der Wohlfahrtsstaaten vor allem
eine Verantwortlichkeit der Mitgliedsstaaten
selbst. Auf gesamteuropäischer Ebene
besteht jedoch ein gemeinsames Interesse
daran, leistungsfähige Wohlfahrtsstaaten zu
haben. Tatsächlich lässt sich nicht so einfach
erklären, warum Länder bei der Kinderarmut
so unterschiedlich abschneiden: Es gibt viele
Hinweise, aber keine exakte Wissenschaft,
die politische Überlegungen übertrumpfen
kann (Vandenbroucke et al., 2013). Daraus
ergibt sich, dass ein vertraglicher (auf
Gegenseitigkeit beruhender) Ansatz weit
entfernt sein sollte von einem Top-DownAnsatz und einer Einheitslösung für den
sozialpolitischen Entscheidungsprozess in
den Mitgliedsstaaten. Benötigt wird eine
Kombination aus (i) mehr Spielraum und
Unterstützung für Mitgliedsstaaten, die
sich für eine Sozialinvestitionsstrategie
entscheiden, und (ii) politischer
Orientierungshilfe auf der Grundlage klarer
und ausreichend strenger und zwingender
Zielvorgaben im Hinblick auf genau
definierte soziale Ergebnisse einerseits
und echten Spielraum für Erkundung und
gegenseitiges Lernen über die Wege und
Mittel, um diese Ergebnisse zu erzielen,
andererseits.
4. S chlussfolgerung: Eine Idee
weiterentwickeln, die nicht
mehr Luxus, sondern eine
Notwendigkeit ist
Eine ESU bedeutet, dass die EU die
systemischen Stabilisierungsfunktionen der
nationalen Wohlfahrtsstaaten unterstützen
und ihre wesentliche Entwicklung durch
allgemeine Sozialnormen und soziale
Zielvorgaben unterstützen würde, wobei
sie die Mittel und Wege der Sozialpolitik
den Mitgliedsstaaten überlässt. Das
setzt einen hinreichenden Konsens
über die Ziele der Sozialpolitik voraus.
Solch ein grundlegender Konsens kann
verschiedene Formen annehmen, je
nach dem zugrundeliegenden Konzept
von sozialer Gerechtigkeit und der
ihr beigemessenen Bedeutung. Damit
ein solcher Konsens breite politische
Unterstützung hervorruft, muss er jedoch
an den gemeinsamen Zielsetzungen der
europäischen Wohlfahrtsstaaten festhalten.
Er kann nicht im Gegensatz zu den
normativen Grundlagen der europäischen
Wohlfahrtsstaaten stehen. Diese Idee
– die Vorstellung von einer echten
Europäischen Sozialunion – funktionsfähig
zu machen, stellt sowohl eine politische
Notwendigkeit als auch ein dringliches
Forschungsprogramm dar. ■
49
53
IAGS-2014 - die Wahl zwischen
politischer Koordinierung und
struktureller Verschiedenheit
Lars Andersen,
directeur de l’ECLM
de Copenhague
Gustav Horn,
directeur d’IMK de
Düsseldorf
Xavier Timbeau,
directeur de l’OFCE de
Paris
Die jüngsten wirtschaftlichen
Entwicklungen haben neue
Hoffnungen geweckt, dass die
Eurozone endlich einem weiteren
Jahr der Rezession entkommen
kann. Aber eine positive BIPWachstumsrate macht noch
keinen Aufschwung. Die Finanz-,
Wirtschafts- und Sozialkrise hat
ihre Spuren hinterlassen. Die
Spaltung Eurozone zu verhindern
bedeutet nicht, ihrer Zersplitterung
zu entkommen. Auch wenn
einige makroökonomische
Ungleichgewichte sicherlich
verringert wurden, bauen sich neue,
soziale Ungleichgewichte auf.
Das Ziel des unabhängigen
Jahreswachstumsberichts (iAGS) 2014 ist
es, die Wurzeln des Aufschwungs in den
Konjunkturaussichten und die neu auftretenden
Schwierigkeiten zu beleuchten. Die Rückkehr zum
Wachstum ist notwendig, reicht aber nicht aus,
um alle großen Herausforderungen zu bewältigen,
denen die Eurozone gegenübersteht. Eine
proaktive Politik muss ergänzt werden und sollte
sich auf eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen
Ländern stützen. Sie sollte kurzfristig höheres
Wachstum fördern und die Zukunftsaussichten für
potentielles Wachstum verbessern.
Die Wachstumsraten des
Bruttoinlandsprodukts im zweiten Viertel
2013 waren eine angenehme Überraschung.
Sie passen zu den jüngsten verbesserten
Wirtschaftsprognosen. Das Vertrauen in die
Industrie und das Vertrauen der Haushalte
haben Auftrieb erhalten. Die Aufschläge für
Staatsanleihen sind in Italien und Spanien
zurückgegangen; und die Ängste vor einem Zerfall
der Eurozone sind langsam verschwunden. Die
Geldpolitik ist immer noch expansiv. Auch wenn
die EZB mehr tun hätte können, hat sie doch
einen enormen Liquiditätsengpass verhindert, der
zu einem Zusammenbruch großer europäischer
Banken führen hätte können. Des Weiteren
hat die EU-Kommission neue Fristen für die
Korrektur übermäßiger Defizite vorgeschlagen.
Auch wenn sie noch nicht offiziell anerkannt hat,
dass die Sparpolitik gescheitert ist, werden die
neuen Zielvorgaben die für 2014 angestrebten
Haushaltskonsolidierungsbemühungen verringern.
Von den Zahlen her betrachtet ist die
Rezession in der Eurozone im zweiten
Quartal 2013 zu Ende gegangen. Das
Bruttoinlandsprodukt ist nach sechs
aufeinanderfolgenden negativen Quartalen um
0.3% gewachsen. Diese Leistung ist größtenteils
Deutschland und Frankreich zuzuschreiben.
Trotzdem wird das jährliche Wachstum in der
Eurozone 2013 im negativen Bereich verbleiben
und soll den Erwartungen zufolge erst 2014
wieder positiv werden. Das Wachstum ist nicht
stark genug, um als Aufschwung betrachtet zu
werden. In Ländern mit hoher Arbeitslosigkeit
wird das Wachstum schwächer sein als in der
übrigen Eurozone: Dieser Impuls wird nicht
ausreichen, um die Arbeitslosigkeit wesentlich
zu verringern. Ein Grund dafür ist, dass die
südlichen Staaten, also Spanien, Griechenland
und Portugal, immer noch Sparprogramme
durchführen. Auch wenn die Arbeitslosigkeit
niedriger wäre, werden dem Verständnis der
Kommission zufolge die Sparmaßnahmen das
Haushaltseinkommen am stärksten beeinflussen,
weil der Druck auf viele Betriebe gelockert wurde,
um die Wettbewerbsfähigkeit zu fördern. Die
Binnennachfrage in diesen Ländern wird reduziert,
und deflationäre Prozesse werden weitergehen.
Der Grund dafür sind die hohe Arbeitslosigkeit und
„strukturelle“ Reformen, die die Arbeitsmärkte
liberalisieren. Als Ausweg aus der Krise wird
die Auslandsnachfrage der Binnennachfrage
vorgezogen.
Die zwecks Stärkung des langfristigen
Wachstums und für die Verbesserung der
Wettbewerbsfähigkeit zu Strukturreformen
gedrängte Eurozone ist dabei, eine neue Krankheit
zu entwickeln. Die Wettbewerbsfähigkeit ist besser
geworden, aber die private Nachfrage bleibt
niedrig. Folglich beruht das Wachstum einzig
auf dem positiven Beitrag der Außenwirtschaft,
und Investitionen von Unternehmen werden
schrittweise wieder vorgenommen werden. Weil
jedoch alle Länder der Eurozone bei der Suche
nach Wachstum dieselben Mittel verwenden,
würden die erwarteten Gewinne allenfalls
klein ausfallen, wenn alle Bemühungen zur
Förderung der Wettbewerbsfähigkeit miteinander
verrechnet werden. Keine Behörde, kein
Koordinierungsgremium kann eine durchgängige
Politik durchsetzen. Jedes Land erwartet, dass
die anderen seine Exporte kaufen. Das wird die
Eurozone zu einem schlechten Gleichgewicht
führen, bei dem die Binnennachfrage – ohne
einen Zugewinn bei der Auslandsnachfrage
– geopfert wird. Die externe Nachfrage nach
Exporten der Eurozone wird niemals ausreichen,
um die Situation herumzudrehen und den
Schaden zu beheben, der der Binnennachfrage
zugefügt wurde. Dafür ist der Euroraum zu groß
und zu verschlossen. Hohe Arbeitslosigkeit und
das blinde Rennen um Wettbewerbsfähigkeit
werden die Deflation und die Zersplitterung
schüren. Neue Ungleichgewichte werden die
vorherigen ersetzen: Armutsgefährdung und
Ungleichheiten werden zunehmen, was wiederum
die gesellschaftliche Instabilität nähren wird. Bei
nominaler Abwertung der Einkommen werden
die Privatschulden zunehmen, was wiederum die
weitere Vergesellschaftung von Bankverlusten
erfordern wird. Die öffentlichen Einnahmen
werden durch geringere Einkommen schmelzen,
was wiederum mehr Sparmaßnahmen und eine
bessere Wettbewerbsfähigkeit erfordert. Die
Wurzeln dieses Prozess aus Steuerwettbewerb und
interner Devaluation liegen in der Konstruktion der
Eurozone. Die gegenwärtige Krise wird nie zuvor
gekannte Ausmaße erreichen.
Folglich wird die Divergenz zwischen den
EWU-Staaten zunehmen. Das Paradox ist, dass
der Versuch, makroökonomische Ungleichheiten
zu beseitigen, größere und allgemeinere
Ungleichheiten hervorbringen wird. Trotz positiven
Wachstums wird der Aufholprozess für Länder in
Südeuropa umgekehrt werden. Lohndeflation im
Süden wird die Peripherie dorthin zurückbringen
wo sie, relativ gesehen, vor ein paar Jahrzehnten
war. Das BIP-Wachstum wird in Deutschland
höher sein als im Rest der Eurozone. Interne und
externe Nachfrage werden die Wirtschaftstätigkeit
in Deutschland stützen, wo die Bundesregierung
und die Unternehmen es geschafft haben,
die Wettbewerbsfähigkeit zu bewahren und
wo die geringe Arbeitslosigkeit Spielraum für
Lohnerhöhungen gelassen hat. Im Gegensatz zu
den meisten Ländern der Eurozone könnte die
Wachstumsrate dort in der Nähe ihres Potentials
liegen, während sie in den meisten anderen
Ländern, einschließlich Frankreichs, darunter liegen
könnte.
Tatsächlich ist Frankreich an der Grenze
zwischen deflationären Ländern und strukturell
wettbewerbsfähigen Ländern, wird aber
wahrscheinlich keines von beiden sein können.
Folglich wird es seine politische Überzeugung
in Bezug auf einen alternativen Weg für Europa
verlieren. Nichts wird die wirtschaftliche,
55
Die Eurozone sollte sich nicht fürchten,
mehr zu investieren und öffentliche und
koordinierte Investitionen zu entwickeln.
gesellschaftliche und politische Zersplitterung
Europas verhindern. Diese Ungleichgewichte
nähren unterschiedliche Interessen und soziale
Herausforderungen, die das europäische Projekt
der Gefahr der Auflösung aussetzen.
Es handelt sich hier um einen Notfall:
Die Länder der Eurozone müssen sowohl mit
größeren geographischen Ungleichheiten als
auch mit größeren Einkommensungleichheiten
fertigwerden. Bisher war die derzeitige
Steuerung der Eurozone nicht sehr hilfreich,
was die Bewältigung dieses Problems angeht.
Finanzpolitische Regeln wurden größtenteils
verwendet, um Haushaltsdefizite zu senken. Das
anschließende Versagen wurde im iAGS-Bericht
2013 stark betont. Bisher wurde das Verfahren
bei makroökonomischen Ungleichgewichten
(MIP, im Anzeiger enthalten) hauptsächlich
in Anspruch genommen, um die Länder zur
Verbesserung ihrer Wettbewerbsfähigkeit
aufzufordern, was zu Deflationsdruck in Südeuropa
beiträgt. Eine andere Strategie muss erwogen
werden. Sie sollte auf engerer Koordinierung
zwischen den EWU-Ländern beruhen. Eine
Mindestlohnpolitik könnte ein Mittel sein, um
die Deflation zu stoppen, Ungleichheiten zu
verringern und die nominale Wettbewerbsfähigkeit
sowie Leistungsbilanzungleichgewichte zu
begrenzen. Jedes Land hätte ein spezifisches
Verfahren zur Kontrolle der Mindestlöhne, was
sowohl dezentralisierte als auch zentralisierte
Verhandlungen ermöglichen würde. Das Niveau der
Norm könnte für jedes Land unterschiedlich sein
und somit die verschiedenen Produktivitätsniveaus
oder die unterschiedlichen Strukturen des
Produktionssektors widerspiegeln. Alle Länder
werden jedoch ein dynamisches Ziel festlegen, das
für das Verhältnis von Mindestlohn zu mittlerem
Lohn nützlich ist und auf gerechte Ungleichheiten
und menschenwürdige Entlohnung abzielt.
Zudem müssten Länder mit
Leistungsbilanzüberschüssen jedes Jahr ihre
Mindestlohnnormen stärker erhöhen als
Defizitländer, um zu versuchen, makroökonomische
Ungleichheiten zu verringern. Das Verfahren bei
makroökonomischen Ungleichgewichten könnte
zu diesem Zweck genutzt werden, da es eine
Reihe von Indikatoren bietet, die Ungleichheiten
messen sollen. Es sind jedoch zwei Verbesserungen
erforderlich: Erstens sollte das MIP symmetrisch
verwendet werden, und zweitens sollten soziale
Variablen stärker gewichtet werden, speziell die
Arbeitslosenrate. Über die Analyse der aktuellen
Schwächen der milden Erholung der Eurozone
hinaus wird der iAGS-Bericht 2014 ein klares Bild
der existierenden Mindestlohnregelungen in der EU
liefern, und er wird eine Mindestlohnnorm für alle
EWU-Länder festlegen.
Eine weitere Herausforderung für Europa
ist die Förderung von Investitionen durch
einen koordinierten Plan. Die Förderung
einer ehrgeizigen Initiative ist kurzfristig zur
Unterstützung des Wachstums und mittelfristig
zur Verbesserung des Potenzials erforderlich.
Die wichtigsten Ziele wurden bereits in der
Europa-2020-Strategie und im Rahmen des
im Juni 2012 vereinbarten Wachstums- und
Beschäftigungspaktes festgelegt. Vor allem bringt
dies Investitionen in erneuerbare Energien,
energieeffiziente Gebäudesanierung und Verkehr
mit sich. Von 2013 bis 2020 könnte sich das auf
eine Gesamtinvestition von rund 200 Milliarden
Euro pro Jahr belaufen. Solch eine Initiative bedingt
nicht nur politischen Willen, sondern auch die
Bereitstellung europäischer Mittel. Projektanleihen
bieten schon einen Mechanismus zur Stützung
von Investitionen, aber die Eurozone sollte sich
nicht fürchten, mehr zu investieren und öffentliche
und koordinierte Investitionen zu entwickeln. Der
iAGS-Bericht 2014 wird die möglichen Kosten
und voraussichtlichen Gewinne einer derartigen
Initiative erklären. ■
57
Kann die EZB
mehr für Europas
Arbeitslose tun?
Mit Basket-Eurobonds könnte die EZB wie
die FED handeln
I. Der Euroraum leidet
an ungenügender
makroökonomischer
Stabilisierung
Peter Bofinger,
Universität
Würzburg und
Sachverständigenrat
der deutschen
Regierung
Peter Bofinger ist derzeit
Ordentlicher Professor
für Volkswirtschaftslehre,
Geld und
Wirtschaftsbeziehungen
(C4-Lehrstuhl) an der
Universität Würzburg.
Seit März 2004 ist
er auch Mitglied des
Sachverständigenrats
der deutschen Regierung
zur Begutachtung der
gesamtwirtschaftlichen
Entwicklung.
Ende 2009 lagen die Arbeitslosenraten
des Euroraums und der Vereinigten Staaten
bei 10%. Seither ist die Arbeitslosigkeit
in den USA auf 7,3% gefallen, während
sie im Euroraum auf 12% gestiegen ist.
Das ist nicht überraschend, denn das reale
Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den USA liegt
jetzt um 9,0% über dem Stand von 2009, aber
im Euroraum ist es nur um 2,4% höher.
Diese Ergebnisse hängen sehr eng mit
sehr unterschiedlichen makroökonomischen
Ansätzen zusammen. Die US-Fiskalpolitik
hat versucht, die Wirtschaft mit sehr
hohen Defiziten zu stimulieren. Das USHaushaltsdefizit lag in den Jahren 2010 bis
2013 durchschnittlich bei 8,7% des BIP. Das ist
doppelt so hoch wie das Defizit des Euroraums,
das nur 4,3% des BIP betrug. Im Gegensatz
zu den Vereinigten Staaten, die ausgiebigen
Gebrauch von ihrer Finanzkapazität machten,
war der Euroraum – und insbesondere
die vom wirtschaftlichen Abschwung am
stärksten betroffenen Mitgliedsstaaten –
folglich gezwungen, eine restriktive Politik zu
verfolgen, die die Rezession verschärft hat.
Unterschiedliche Ansätze sind auch
im Bereich der Geldpolitik festzustellen.
Nahezu sofort nach dem Zusammenbruch von
Lehman hat die amerikanische Notenbank
FED die Zinssätze auf die Null-ProzentUntergrenze herabgesetzt. Die Europäische
Zentralbank (EZB) hat einen viel vorsichtigeren
Ansatz verfolgt. Nach Lehman ist die EZB
mit ihrem eigenen Zinssatz nicht unter 1%
gegangen – stattdessen hat sie ihn im Juli
2011 in zwei Schritten wieder auf 1,50%
angehoben. Es dauerte fast zwei weitere
Jahre, bevor der Zinssatz der Eurozone
auf 0,50% gesenkt wurde. Die aktivere
Vorgehensweise der FED spiegelt sich auch in
ihrer quantitativen Lockerungspolitik wider.
Seit Draghis starkem Statement am 26. Juli
2012 sind die Anleihebestände der EZB von
602 Milliarden Euro auf 600 Milliarden Euro
zurückgegangen. Zur gleichen Zeit hat die
FED ihr Anleihenportfolio von 2472 Milliarden
Dollar auf 2844 Milliarden Dollar erhöht.
Vor diesem Hintergrund ist die Schwäche
des Euroraums nicht nur durch strukturelle
Probleme zu erklären. Vielmehr hat sie mit
einer ungenügenden makroökonomischen
Antwort auf eine schwere makroökonomische
Krise zu tun. Das zeigt sich auch in einem
Vergleich mit dem Vereinigten Königreich, das
sämtlichen Indikatoren zufolge das EU-Land
mit dem flexibelsten Güter-, Dienstleistungsund Arbeitsmarkt ist. Dennoch war zur
Stabilisierung seiner Wirtschaft in den Jahren
2010 bis 2013 ein durchschnittliches
Haushaltsdefizit von 0,8% notwendig, und die
Anleihenaufkäufe der Bank of England waren
sogar noch aggressiver als die quantitative
Lockerung der FED.
Natürlich reflektiert die eher schwache
makroökonomische Stabilisierung in der
Eurozone großteils die spezifischen politischen
und institutionellen Rahmenbedingungen
dieses Währungsraums. Im Gegensatz zu
den Vereinigten Staaten und zum Vereinigten
Königreich sind die Mitgliedsstaaten der
Eurozone in einer Währung verschuldet, die
sie nicht unter ihrer nationalen Autonomie
drucken können.
Strukturreformen können hilfreich sein, um
die Wettbewerbsfähigkeit des Euroraums
zu verbessern. Aber ohne ein dynamisches
makroökonomisches Umfeld werden
Verbesserungen auf der mikroökonomischen
Ebene nicht eintreten.
Das setzt sie der Gefahr einer
Zahlungsunfähigkeit aus, was für andere
entwickelte Länder wie die USA, das Vereinigte
Königreich oder Japan nicht der Fall ist. In
Folge dessen sahen sich die schwächeren
Mitglieder der Eurozone in den Jahren 2010
bis 2012 mit einem Run globaler Anleger
auf Anleihen konfrontiert, der im Fall von
Griechenland, Irland und Portugal nur durch
ein Rettungsprogramm gestoppt werden
konnte, das eine sehr restriktive Stabilisierung
unter der Ägide der Troika erforderte.
Was die EZB anbelangt, ist ihre
Fähigkeit, ein umfassendes quantitatives
Lockerungsprogramm im Stile der FED oder
der Bank of England durchzuführen, durch die
Tatsache begrenzt, dass es keinen integrierten
Markt für Eurobonds gibt. Vor allem in
Deutschland werden Käufe von Anleihen
einzelner Länder durch die EZB als eine
verschleierte Form der staatlichen Finanzierung
kritisiert, die durch europäische Verträge
verboten ist.
II. Basket-Eurobonds: Ein Weg, den
deutschen Widerstand gegen
Eurobonds zu überwinden
Vorerst sind keine grundlegenden Änderungen
des institutionellen Rahmens der Eurozone
zu erwarten. Daher müssen wir uns die Frage
stellen, wie ein besseres makroökonomisches
Management innerhalb der gegenwärtigen
rechtlichen Beschränkungen erreicht werden
könnte.
In den letzten Jahren sind mehrere Vorschläge für
Euroanleihen oder Quasi-Eurobonds, wie z.B. der
Tilgungspakt des deutschen Sachverständigenrats,
ausgearbeitet worden. Bisher war es aber nicht
möglich, die deutschen Politiker und die deutsche
Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass eine
gesamtschuldnerische Haftung für die Schulden
der Eurozone erforderlich ist, um das Überleben
des Euro zu garantieren, und dass die Risiken
eines solchen Schritts unter Kontrolle gehalten
werden können. Außerdem bringt jede Form von
gesamtschuldnerischer Haftung ernste rechtliche
Herausforderungen mit sich.
Ein möglicher Ausweg könnte ein
synthetischer Eurobond sein, der als ein Korb
aus nationalen Bonds gestaltet wird, bei dem
jedes Land nur für seinen Anteil am Korb bürgt.
Zwar würde solch ein Basket-Eurobond (BEB) als
einheitliches Schuldinstrument ausgegeben und
gehandelt, aber jeder Teilnehmer wäre nur für die
Zinszahlungen und die Tilgung gemäß seinem
Anteil an der Anleihe haftbar und nicht für die
Schulden der anderen Emittenten (Favero und
Missale 2010, S. 99). Vorschläge für ein derartiges
Instrument haben bereits die Giovannini-Gruppe
(2000) und der Verband der Europäischen
Primärhändler (2008) gemacht.
Ein entscheidendes Element eines solchen
Basket-Eurobonds ist der Anteil der einzelnen
Mitglieder. Er könnte entweder durch die BIPGewichte der Mitgliedsländer oder durch den
Anteil ihrer ausstehenden Staatsschulden an den
gesamten Staatsschulden des Euroraums bestimmt
werden. Ein Korb gemäß dem Schuldengewicht
würde Italien einen höheren Anteil geben als
sein BIP-Anteil. Ein Korb auf der Grundlage von
BIP-Anteilen würde Deutschland das größte
Gewicht geben, während Italiens Anteil kleiner
wäre als sein Schuldenanteil (Tabelle 1). Für die
Vertrauenswürdigkeit des Basket-Eurobonds wäre
ein großer deutscher Anteil vorteilhafter für die
Eurozone. Außerdem würde für die EZB nur ein
Eurobond mit BIP-Anteilen der Kritik der impliziten
staatlichen Finanzierung vorbeugen.
59
Land
Schuldenanteil BIP-Anteil
BE
4.4
4.0
DE
24.2
28.1
EE
0.0
0.2
IE
2.3
1.7
GR
3.5
2.0
ES
10.1
10.8
FR
20.9
21.4
IT
22.8
16.5
CY
0.2
0.2
LU
0.1
0.5
MT
0.1
0.1
NL
4.8
6.3
AT
2.5
3.2
PT
2.3
1.7
SI
0.2
0.4
SK
0.4
0.8
FI
1.2
2.0
Tabelle 1: Anteile der
Mitgliedsländer des Euroraums an
einem Basket-Eurobond (2012)
Basket-Eurobonds könnten gemeinsam mit
einer beträchtlichen Menge von nationalen
Anleihen begeben werden. Alternativ dazu
könnte man eine Lösung ins Auge fassen, bei
der nahezu alle neuen Schuldverschreibungen
der Mitgliedsstaaten als Basket-Bonds
begeben werden. Eine große Emission
von Basket-Bonds hätte den Vorteil eines
liquiden Marktes mit entsprechend niedrigen
Zinssätzen. Ein voll entwickelter BEB-Markt
wäre viel liquider als jeder der bestehenden
nationalen Märkte. Zudem würden dadurch
Wechsel von Anlegern von einem nationalen
Anleihemarkt zu einem anderen – in den
letzten Jahren eine wichtige Quelle der
Instabilität – begrenzt.
Eine starke Ausweitung des BEB-Marktes
könnte erreicht werden, wenn alle neuen
deutschen Anleihen als Basket-Bonds
begeben würden. Mit einem Korb gemäß
den BIP-Anteilen würde dies bedeuten,
dass Länder mit einem Schuldenanteil, der
ihren BIP-Anteil übersteigt (Italien, Irland,
Portugal und Griechenland), gezwungen
wären, zusätzlich eine relativ geringe Zahl
an Anleihen als eigenständige nationale
Anleihen auszugeben. Da diese Länder aber
in der Lage wären, einen sehr hohen Anteil
an der neuen Emission unter dem Schirm
des Basket-Bonds aufzunehmen, wäre das
Risiko für die verbleibenden Bonds ziemlich
begrenzt. Außerdem könnte eine gewisse
von den Finanzmärkten ausgeübte Disziplin
beibehalten werden, wenn die Länder
verpflichtet sind, Anleihen selbst zu begeben.
Für Länder mit einer Schuldenquote
unter der deutschen Quote bedeutet
ein BIP-gewichteter Korb, dass sie mehr
Geld am Kapitalmarkt aufnehmen als ihr
Finanzierungsbedarf. Die Differenz könnte
durch die ausgebende Institution (EuroSchuldenagentur) in Vermögenswerte
investiert werden, die das gleiche Rating
haben wie die entsprechenden Länder.
Aus deutscher Sicht könnte das
Hauptproblem eines Basket-Bonds in den
höheren Finanzierungskosten liegen. Der
Zinssatz für den Basket-Bond wäre höher
als jener für eine traditionelle deutsche
Anleihe. Dieses Problem könnte gelöst
werden, indem man die Zinszahlungen
für die Teilnehmer ihrem individuellen
Schuldenniveau entsprechend differenziert.
Beispielsweise könnte für jeden Prozentpunkt,
den die nationale Schuldenquote unter
dem Durchschnitt der Eurozone liegt, ein
bestimmter Abschlag auf den Zinssatz des
Basket-Bonds gewährt werden. Für Länder mit
überdurchschnittlichen Verschuldungsniveaus
würde ein entsprechender Zuschlag
angewendet. Dieser Mechanismus würde
bessere Anreize und Negativanreize bieten als
die Anleihemärkte, die viele Jahre lang nicht
auf die Unterschiede bei den Schuldenniveaus
reagiert haben und dann nach Ausbruch der
Krise 2010 überreagierten.
III. Das quantitative
Lockerungspotenzial der EZB
Ein gut entwickelter Markt für BasketEurobonds würde es der EZB leichter machen,
eine Politik der quantitativen Lockerung
nach dem Muster der Zentralbanken anderer
großer Währungsgebiete zu verfolgen. Mit
einer ausdrücklichen Verpflichtung der EZB,
eine bestimmte Anzahl an Basket-Bonds über
einen längeren Zeitraum aufzukaufen, könnte
der durchschnittliche langfristige Zinssatz der
Eurozone gesenkt werden. Seit dem Ausbruch
der Finanzkrise ist dieser Zinssatz wesentlich
höher als die langfristigen Anleiherenditen
anderer großer Währungsgebiete (siehe
Grafik). Grundsätzlich ist dieser Aufschlag
nicht gerechtfertigt, da das durchschnittliche
Defizit der Eurozone niedriger ist als das
Defizit anderer großer Währungsräume.
Gleichzeitig ist das Verschuldungsniveau
der Eurozone mehr oder weniger identisch
mit jenem der USA und des Vereinigten
Königreichs, aber viel niedriger als das
Schuldenniveau Japans.
Langfristige Anleiherenditen
UK
12
Japan
USA
10
Euro Area
8
6
4
2
Jan 2014
Jan 2012
Jan 2010
Jan 2008
Jan 2006
Jan 2004
Jan 2002
Jan 2000
Jan 1998
Jan 1996
Jan 1994
Jan 1992
0
61
Obwohl der IWF für die Eurozone 2014 eine
Rückkehr zum Wachstum erwartet und in den
folgenden Jahren Wachstumsraten von rund 1,5%
vorsieht, wird die Arbeitslosenrate 2014 auf 12%
ansteigen und bis 2017 bei über 11% verharren.
Natürlich hat die Ankündigung der EZB
vom Juli 2012 über geldpolitische OutrightGeschäfte (Outright Monetary Transaction,
OMT) bereits geholfen, den durchschnittlichen
Zinssatz beträchtlich zu senken. Es besteht
aber ein Risiko, dass diese Verpflichtung
getestet werden könnte, und dass die
Aufkäufe nationaler Anleihen durch die EZB
durch rechtliche Bedenken beschränkt werden
könnten. Mit Käufen von BEB könnte die EZB
hingegen argumentieren, dass dies eine rein
geldpolitische Operation ist, da hierbei keine
einzelnen Länder begünstigt werden.
Derzeit machen die Anleihebestände der EZB
6,3% des Bruttoinlandsprodukts der Eurozone
aus, während sich die Anleihebestände
der FED auf 17,5% des BIP belaufen. Der
monatliche Bruttoabsatz von Staatsanleihen von
Mitgliedsländern der Eurozone beträgt rund
200 Milliarden Euro. Nach der Schaffung von
BEB könnte die EZB also monatliche Ankäufe
von 50 Milliarden Euro für einen Zeitraum von
12 Monaten ankündigen. Der Gesamtbetrag
von 600 Milliarden Euro würde rund 6% des
BIP der Eurozone entsprechen. Das würde
die Anleihebestände der EZB verdoppeln
und helfen, den durchschnittlichen Zinssatz
für Anleihen der Eurozone zu senken, da es
gleich lange dauern wird, bis eine große Zahl
von BEB verfügbar wird. Die EZB könnte ihr
OMT-Programm durch den Ankauf nationaler
Anleihen gemäß den BIP-Gewichten der
Mitgliedsstaaten starten.
Natürlich würde die Umsetzung eines BEB
eine Reihe technischer Fragen aufwerfen,
vor allem bezüglich des rechtlichen Status der
Euro-Schuldenagentur, der zeitlichen Planung
von Emissionen und der Laufzeit der BEB.
Nichtsdestotrotz sind BEB die einzige Form von
Eurobonds, die keine gesamtschuldnerische
Haftung erfordern, und folglich sind sie
das einzige Instrument, das innerhalb des
derzeitigen institutionellen Rahmens umgesetzt
werden kann.
IV. Hoffnung für die Arbeitslosen
Trotz einiger positiver Signale ist die
wirtschaftliche Gesamtsituation der Eurozone
immer noch eher düster. Die HVPI-Inflationsrate
liegt jetzt bei nur 1,1%, was beinahe schon
deflationär anmutet, da dies unter dem EZBZiel von rund 2% ist. Obwohl der IWF für die
Eurozone 2014 eine Rückkehr zum Wachstum
erwartet und in den folgenden Jahren
Wachstumsraten von rund 1,5% vorsieht, wird
die Arbeitslosenrate 2014 auf 12% ansteigen
und bis 2017 bei über 11% verharren.
Natürlich können Strukturreformen
behilflich sein, um die Wettbewerbsfähigkeit
des Euroraums zu verbessern. Aber ohne
ein dynamisches makroökonomisches
Umfeld werden Verbesserungen auf der
mikroökonomischen Ebene nicht eintreten.
Mit dem derzeitigen Rechtsrahmen wird der
finanzpolitische Spielraum der Mitgliedsstaaten
der Eurozone sehr beschränkt bleiben. Daher
wird die EZB der einzige starke Akteur auf der
Makroebene bleiben. Ihre Verpflichtung auf
OMT hat bereits bemerkenswerte Auswirkungen
auf die Finanzmärkte gezeigt. Mit der Ausgabe
von Basket-Eurobonds könnte die Fähigkeit der
EZB, eine Politik der quantitativen Lockerung zu
verfolgen, wesentlich gestärkt werden. Zudem
könnten Aufkäufe solcher Anleihen nicht mehr
als eine Form impliziter staatlicher Finanzierung
kritisiert werden. ■
Literaturhinweise
European Primary Dealers
Association, Securities
Industry and Financial
Market Association (2008),
“A Common European
Government Bond”, Discussion
Paper, September 2008
Favero, C.A. et A. Missale
(2010), “EU Public Debt
Management and Eurobonds”,
Direction générale des
Politiques internes du
Parlement européen
Groupe Giovannini (2000),
“Co-ordinated Public
Debt Issuance in the Euro
Area”, http://ec.europa.eu/
economy_finance/publications/
publication6372_en.pdf
63
Argumente für ein
Doppelmandat für die
Europäische Zentralbank?
Francesco Saraceno,
OFCE- Sciences Po,
Paris und Luiss School
of European Political
Economy, Rom
http://fsaraceno.wordpress.com
. Twitter: @fsaraceno
Die kürzlich von Präsident
Obama verkündete Ernennung
von Janet Yellen zur nächsten
Vorsitzenden des Federal Reserve
System hat eine interessante
Diskussion über die Absichten
der Fed in den nächsten
Monaten und Jahren entfacht.
Kommentatoren spekulieren
insbesondere über die Frage, wie
Yellen den Übergang von den
derzeitigen außerordentlichen
Umständen zu normaleren
Verhältnissen bewältigen will
und wie sie mit dem ‚Tapering‘,
der Umkehr des als ‚Quantitative
Lockerung‘ bekannten Programms
zum Ankauf von Anleihen,
umgehen will.
Yellen ist dafür bekannt, dass sie für
Arbeitslosigkeit und Wachstum sensibel ist –
daher wird ihre Ernennung höchstwahrscheinlich
eine langsamere Straffung der Geldpolitik
bedeuten. Diese Diskussion ist offensichtlich
relevant für die Aussichten der Weltwirtschaft,
aber sie bietet auch interessante Einsichten
für die Diskussion über die Tätigkeit der EZB
in Bezug auf die Geldpolitik in der Eurozone.
Tatsächlich würde man eine Konfrontation
zwischen ‚Tauben‘ und ‚Falken‘ wie bei Sitzungen
des Offenmarktausschusses der Federal Reserve
im EZB-Rat kaum erleben, wo die Vielfalt der
Ansichten – vorausgesetzt, es gibt sie – im
Allgemeinen die politischen Entscheidungen
nicht verändern würde. Der Grund für diesen
Unterschied liegt möglicherweise in der
Debatte über die makroökonomische Politik,
wahrscheinlicher aber in institutionellen
Unterschieden jenseits des Atlantiks.
1. Die theoretischen Grundlagen
der Inflationssteuerung
Bekanntermaßen weist der MaastrichtVertrag der EZB einen strikten Inflationsauftrag
zu, und trägt ihr auf, nur „soweit dies ohne
Beeinträchtigung der Preisniveaustabilität
möglich ist, die allgemeine Wirtschaftspolitik
in der Gemeinschaft zu unterstützen“ (Art.
2). In den Vereinigten Staaten hingegen
hat das Gesetz zur Vollbeschäftigung und
zum ausgewogenen Wachstum von 1978
(Humphrey-Hawkins Act) den Federal Reserve
Act dahingehend abgeändert, dass es für die
Geldpolitik ein doppeltes Ziel der Preisstabilität
und der Vollbeschäftigung geschaffen hat. Diese
unterschiedliche institutionelle Aufstellung ist kein
Zufall, sondern widerspiegelt das intellektuelle
Umfeld, in dem sie zustande gekommen ist. Das
Humphrey-Hawkins-Gesetz stammt aus einer
Periode, als die keynesianische Dominanz in den
akademischen und politischen Kreisen eine Rolle
für die makroökonomische Politik postulierte.
Folglich konnte und sollte Vollbeschäftigung
eines der Ziele der Geldpolitik sein.
Der Maastricht-Vertrag andererseits stellte
die Ablehnung aktiver makroökonomischer
Politiken in den Mittelpunkt der europäischen
wirtschaftspolitischen Steuerung: Die EZB
hat nur ein Mandat für Preisstabilität und
beträchtliche Autonomie bei der Verfolgung
Ein Überdenken des EZB-Mandats könnte ein
wichtiger Schritt nach vorne in Richtung eines
Bundesstaats sein, der heute als einzige dauerhafte
Lösung der europäischen Leiden erscheint.
dieses Ziels. Zudem zwingen der ‚Stabilitätsund Wachstumspakt‘ von 1997 und der neu
umgesetzte ‚Fiskalpakt‘ die Länder (die sogar
innerhalb der Wirtschafts- und Währungsunion
für die Fiskalpolitik zuständig bleiben) dazu,
sich für die Abfederung wirtschaftlicher
Schwankungen einzig auf automatische
Stabilisatoren zu verlassen. Dieser ‚BerlinWashington-Konsens‘ (Fitoussi und Saraceno
2013) hat seine theoretischen Grundlagen in
der neoklassischen walrasianischen Theorie.
Kurz gesagt postuliert diese Theorie die zentrale
Stellung der Märkte, die von vernünftig
handelnden Akteuren (rationale Agenten)
bevölkert sind, welche – wenn sie ohne
Verzerrungen frei wirken können – dazu neigen,
‚optimale‘ Gleichgewichte zu bevorzugen,
für die der volle Einsatz der Ressourcen und
die Maximierung des Wohlergehens eines
stellvertretenden Agenten (Pareto-Effizienz)
kennzeichnend sind. Preis- und Lohnstabilität
stellen dann sicher, dass die Nachfrage sich
an das Angebot von Vollbeschäftigung
anpasst. Der Schwerpunkt der Theorie liegt
dann auf angebotsseitigen Maßnahmen, die
in der Lage sind, die Produktionskapazität
der Wirtschaft zu steigern. Abgesehen von
außergewöhnlichen Umständen betrachtet diese
Sichtweise die Steuerung der Gesamtnachfrage
als nutzlos, wenn nicht gar schädlich.
Und sollten angebotsseitige Maßnahmen,
Lohnsenkungen und Sozialschutz sich auf die
private Nachfrage negativ auswirken, würde
dies durch ein exportgestütztes, durch erhöhte
Wettbewerbsfähigkeit angeregtes Wachstum
mehr als wettgemacht.
Innerhalb des walrasianischen Rahmens
können Gleichgewichte gereiht werden, mit
einem überlegenen Gleichgewicht, zu dem die
Marktwirtschaft spontan tendiert, wenn die
geeigneten Voraussetzungen erfüllt sind. Das
hat eine sehr starke politische Auswirkung:
Die einzige Rolle der Politik besteht darin,
dafür zu sorgen, dass Hemmnisse für den
freien Wettbewerb (Monopole, asymmetrische
Information, Starrheit) durch ‚strukturelle
Reformen‘ beseitigt werden, damit die Märkte
auf den Pfad des optimalen Gleichgewichts
zusammenlaufen. Politik sollte keine Wahl
treffen, sondern nur Hindernisse für die freie
Entfaltung der Marktkräfte beseitigen, was
zu einem Zustand führt, der per Definition
die beste aller möglichen Welten darstellt.
Technokraten sind Politikern vorzuziehen,
nicht nur, weil sie angeblich kompetenter
sind, sondern auch und vor allem, weil sie frei
von persönlichen Interessen und politischer
Voreingenommenheit sind, die zu Verzerrungen
der Marktanreize führen könnten. Außerdem
sind sie weniger durch die ‚Fesseln und Zwänge‘
der Demokratie eingeschränkt als Politiker.
Eine entscheidende logische Folge des
walrasianischen Rahmens ist die Tatsache, dass
Geld, dessen eigentlicher Nutzwert Null ist, nur
für Transaktionsmotive nachgefragt wird. Daraus
leitet sich ab, dass – zumindest auf lange Sicht
– Geld neutral ist, d.h. es hat keine Auswirkung
auf den realen Sektor und beeinflusst nur die
Preise und die Inflation. Auf kurze Sicht mag
das Vorhandensein von Starrheiten nahelegen,
dass Geldpolitik reale Auswirkungen hat,
wie es zum Beispiel bei neo-keynesianischen
Modellen der Fall ist (siehe z.B. Woodford 2003).
Langfristige Neutralität schreibt jedoch vor,
dass selbst in diesen Fällen die Zentralbanken
am besten strikte Inflationsziele einhalten und
folglich die Erwartungen des Privatsektors
verankern und Abweichungen vom optimalen
Weg der Wirtschaft minimieren. Regeln (egal
ob finanz- oder geldpolitisch) werden nach der
65
gleichen Logik gerechtfertigt: Sie verhindern
politisch bedingte Ungewissheit, minimieren das
Risiko von Voreingenommenheit bei staatlichen
Tätigkeiten und bieten ein stabiles Umfeld für
Investitionen und Wachstum.
Es ist allerdings viel schwieriger, eine
Regierung durch Technokraten oder Regeln
zu akzeptieren, wenn jemand gemäß der
keynesianischen Tradition glaubt, dass
wirtschaftliche Prozesse unweigerlich durch
Misserfolge und Mängel – von Märkten
oder politischen Entscheidungsträgern –
gekennzeichnet sind. Wenn wir die platonische
Idee eines überlegenen, walrasianischen
Gleichgewichts aufgeben, sind wir gezwungen,
die Existenz einer Vielzahl von möglichen
Verlaufskurven für die Wirtschaft zu akzeptieren,
die aus dem Zusammenspiel von Märkten,
Institutionen und staatlichen Politiken resultieren.
Diese Vielzahl von Wegen zum Gleichgewicht,
nicht unbedingt nach Wohlfahrt gereiht, zwingt
die politischen Entscheidungsträger, sich für einen
bestimmten Verlauf zu entscheiden und damit,
unter anderem, für eine der vielen Möglichkeiten
der Verteilung von Ressourcen zwischen den
verschiedenen am wirtschaftlichen Prozess
beteiligten Akteuren.
Während der aktuellen Krise ist noch
offensichtlicher geworden, wie wichtig es
ist, geldpolitische Entscheidungsträger mit
der Fähigkeit auszustatten, (manchmal
harte) Entscheidungen zu treffen. Eine echte
Funktion als Kreditgeber letzter Instanz und
die außerordentlichen Maßnahmen, die eine
Liquiditätsfalle erforderlich macht, bedingen,
dass die Zentralbank sich voll am Streben nach
Wachstum und Beschäftigung beteiligt und nicht
nur Preisstabilität anstrebt, die letzten Endes ein
Zwischenziel bleibt.
2. EZB-Politik in Krisenzeiten
In Übereinstimmung mit ihrem Mandat
hat die EZB seit 1999 nur selten eine
Wachstumspolitik verfolgt. Wenn sie es doch
tat, dann nie ausdrücklich, um den Preis
einer oft barocken und undurchsichtigen
Kommunikationsstrategie. Die weltweite Krise
war keine Ausnahme. Im August 2007 traf
die Krise den Finanzsektor ohne Rücksicht
auf die tatsächliche Zahlungsfähigkeit
der einzelnen Institutionen und erhöhte
dadurch das systemische Risiko drastisch. In
diesem Zusammenhang ist die Geldpolitik
richtigerweise dafür gelobt worden, dass sie
effizient und rechtzeitig einen Zusammenbruch
des Bankensektors verhindert hat. Was die
makroökonomische Stabilisierung anbelangt,
ergab sich jedoch ein anderes Bild: Während die
Fed alle konventionellen und unkonventionellen
Instrumente einsetzte, um die Liquiditätsfalle
zu umgehen, in die die Weltwirtschaft getappt
war, verhielt sich die EZB zaghafter und kehrte
rasch zu ihrem gewohnten Ruf nach Vorsicht
vor Inflationsdruck zurück. Selbst während
‚Phase zwei‘ der Staatsschuldenkrise der
Eurozone wich die EZB nicht von ihrem Mantra
(Haushaltskonsolidierung und Strukturreformen)
ab. Sie weigerte sich, auf die Frage ihres
möglichen Vorgehens als Käufer/Kreditgeber
letzter Instanz für Regierungen (durch geeignete
Vertragsänderungen) einzugehen, um so die
Staatsschulden der Eurozone den anderen
großen Volkswirtschaften anzugleichen und sie
vor Spekulation zu schützen. Die Argumente
waren, dass die Bestimmungen des Vertrags
das verböten, und dass dies das Risiko eines
moralischen Fehlverhaltens erhöhen würde. Das
im September 2012 angekündigte Programm
für geldpolitische Outright-Geschäfte stellte
eine hochwillkommene Haltungsänderung
dar (die auch wirksam war: Die Versicherung
der EZB garantierte eine dauerhafte Senkung
der Renditenaufschläge für Staatsanleihen).
Mario Draghi war jedoch gezwungen, strenge
Bedingungen und das Versprechen der
monetären Sterilisation an seine Verpflichtung
zum unbegrenzten Aufkauf von Anleihen zu
knüpfen – aus Angst, inflationäre Politiken zu
sehr zu unterstützen (was im gegenwärtigen
Kontext ehrlich gesagt sehr unwahrscheinlich
ist).
Um zum Schluss zu kommen: Das
institutionelle Gefüge der WWU hat zu
einer übermäßigen Trägheit der EZB (und
der Finanzpolitik) vor und während der
Krise geführt. Und als die EZB dann doch
Wachstum und Beschäftigung anpeilte, musste
sie dies mit umständlichen Strategien und
ohne Unterstützung durch eine wirksame
Kommunikation tun. Das doppelte Mandat der
Fed hingegen ermöglichte ein viel wirksameres
und transparenteres Vorgehen, das an die
Ausnahmezeit, die wir durchmachen, angepasst
ist. Die Krise hat außerdem gezeigt, dass es in
Zeiten wirtschaftlicher Not bei weitem nicht
reicht, die Erwartungen des Privatsektors zu
verankern, um Wachstum und Beschäftigung
wiederherzustellen.
3. Ein Doppelmandat für die EZB
Zusammengefasst kann man sagen,
dass die Argumente für eine strikte
Inflationsorientierung schwach erscheinen,
wenn man zugibt, dass die Geldpolitik eine
Auswirkung auf die wirtschaftliche Tätigkeit
haben kann, was bedingt, dass die politischen
Entscheidungsträger sich zwischen manchmal
widersprüchlichen Zielen entscheiden. Zudem
hat das Inflationsmandat das Vorgehen der
EZB beeinflusst, sowohl hinsichtlich ihrer
Reaktivität (insbesondere während der
Krise) als auch bezüglich der Transparenz
ihrer Kommunikationsstrategie, die ein
entscheidendes Element der Wirksamkeit von
Zentralbanken darstellt. Es gibt aber mindestens
zwei weitere Argumente für die Annahme eines
Fed-ähnlichen Doppelmandats.
Das erste ist ein einfaches
Zuweisungsproblem. Laut Mundell (1961)
sollte die Aufgabe von Währungsbehörden
darin bestehen, auf gemeinsame Schocks zu
reagieren. Die optimale geldpolitische Reaktion
auf idiosynkratische Schocks ist „nichts tun“
(Lane 2000) und die Aufgabe den nationalen
Finanzpolitiken überlassen, die dezentralisiert
bleiben. Das strikte Inflationsziel und das Fehlen
einer Bundesregierung, die fähig ist, die WWUFinanzpolitiken umzusetzen, entzieht einem der
Ziele der makroökonomischen Politik, nämlich
der Reaktion auf gemeinsame Schocks, das
Instrument. Entweder die Finanzpolitik (durch
ein echtes EU-Budget) oder die Geldpolitik
(durch ein Doppelmandat) sollten diesem Ziel
zugewiesen werden. Die Analyse von StandardLehrbüchern legt nahe, dass eine Kombination
der beiden Instrumente am wirksamsten wäre.
Das zweite Argument ist nicht auf
Währungsunionen beschränkt. Wie die Debatte
zwischen Falken und Tauben zeigt, bedeutet
ein Doppelmandat nicht zwangsläufig, dass
der Preisstabilität nicht genug Aufmerksamkeit
gewidmet wird. Das Doppelmandat gab es
schon, als der Vorsitzende Paul Volcker Anfang
der 1980-er Jahre eine mutige antiinflationäre
Geldpolitik durchführte. Und erst vor zwei
Jahren, inmitten der Finanzkrise, beschwerte
sich der Präsident der Chicago Fed, Charles
Evans, dass der Inflation und den öffentlichen
67
Defiziten zu viel Beachtung geschenkt werde,
und er schloss mit der Aussage: „Wenn 5%
Inflation unser Haar in Brand setzen, sollte
das bei 9% Arbeitslosigkeit auch der Fall
sein“ (Evans 2011). Anders gesagt, nichts
hindert Zentralbanken, im Rahmen eines
Doppelmandats die Inflation zu bekämpfen;
aber sie können die Arbeitslosigkeit nicht
innerhalb der Inflationssteuerung bekämpfen.
Eine institutionelle Regelung kann die andere
durch die geeignete Gewichtung umschließen,
aber umgekehrt gilt das nicht. Die tiefgründige
Rechtfertigung einer ausschließlichen
Fokussierung auf die Preisstabilität kann nur
darin bestehen, eine neoklassische platonische
Welt zu akzeptieren, wo makroökonomische
Politik unwirksam ist und folglich Regierungen
keine Wahl treffen müssen.
4. Fazit
Die Krise der Eurozone ist eine Gelegenheit
für institutionelle Reformen, die bisher das
Festhalten der WWU-Steuerung am BerlinWashington-Konsens noch verstärkt haben.
Die eine große Innovation, der Fiskalpakt,
hat die Zwänge für die Haushaltspolitiken
der Mitgliedsstaaten verstärkt. Der deutsche
Widerstand gegen jeden Versuch der
Schaffung von Transfermechanismen (seien
es Eurobonds, ein europäisches System der
Arbeitslosenunterstützung oder eine stärkere
Rolle für das EU-Budget) hat Fortschritte
auf dem Weg zu einer stärker föderalen
Währungsunion blockiert, die mit den
notwendigen Instrumenten ausgestattet wäre,
um systematische Divergenzen zu vermeiden.
Deutschland und die europäischen Institutionen
fördern ein Wirtschaftsmodell auf der Grundlage
von Komprimierung der Binnennachfrage und
exportgestütztem Wachstum. Das wird eher
unwirksam sein: Jede große Volkswirtschaft
muss ein ausgewogenes Verhältnis zwischen
Auslands- und Inlandsnachfrage finden, wie
sogar die chinesische Führung anerkannt hat.
Der durch die Krise ausgelöste
Reformprozess der EU-Institutionen sollte nicht
nur deswegen gestoppt werden, weil er bisher
in die falsche Richtung gegangen ist. Er sollte
im Gegenteil ehrgeiziger gestaltet werden.
Ein Überdenken des EZB-Mandats könnte ein
wichtiger Schritt nach vorne in Richtung eines
Bundesstaats sein, der heute – wenn auch
politisch unrealistisch – als einzige dauerhafte
Lösung der europäischen Leiden erscheint.
Eine mächtigere und ‚politische‘ EZB müsste
selbstverständlich verantwortlicher gemacht
werden. Die im Doppelmandat eingeschlossenen
Kompromisse würden zur Wahl spezifischer
Wege mit wahrscheinlich unterschiedlichen
Auswirkungen in den Mitgliedsstaaten führen.
Das erklärt den Widerstand der politischen
Entscheidungsträger in Europa gegen eine
Änderung des EZB-Mandats, der nur durch
die Stärkung der Rechenschaftspflicht der
Zentralbank überwunden werden könnte.
Einmal mehr nach dem Vorbild der Fed könnte
dies erreicht werden, indem die EZB einer
stärkeren Kontrolle durch das Europäische
Parlament unterstellt wird, welches derzeit
in Bezug auf die Tätigkeit der EZB so gut wie
nichts zu sagen hat. ■
Literaturhinweise
Evans, Charles. 2011.
“The Fed’s Dual Mandate
Responsibilities and
Challenges Facing U.S.
Monetary Policy.” . European
Economics and Financial
Centre Distinguished
Speaker Seminar London, UK
7 septembre, 2011. Accédé
en ligne à : http://tinyurl.
com/ktk9tm3
Fitoussi, Jean-Paul, et
Francesco Saraceno. 2013.
“European Economic
Governance: The BerlinWashington Consensus.”
Cambridge Journal of
Economics 37 (3): 479–496.
Lane, Philip. 2000.
“Asymmetric and Monetary
Shocks Policy in a Currency
Union.” Scandinavian
Journal of Economics 102
(4): 585–604.
Mundell, RA. 1961. “A
Theory of Optimum Currency
Areas.” The American
Economic Review 51 (4):
657–665.
Woodford, Michael.
2003. Interest and Prices:
Foundations of a Theory of
Monetary Policy. Princeton
University Press
69
Die EZB
und Arbeitslosigkeit
Einführung
Charles Wyplosz,
The Graduate
Institute, Genf, und
CEPR
Charles Wyplosz
ist Professor für
Internationale Wirtschaft
am Universitätsinstitut
für Hohe Internationale
Studien in Genf, wo er
zugleich Direktor des
International Centre
for Money and Banking
Studies ist. Er ist Mitglied
der Gruppe unabhängiger
wirtschaftspolitischer
Berater des Präsidenten
der EU-Kommission,
des Expertengremiums
des Währungs- und
Wirtschaftsausschusses des
Europäischen Parlaments
und der „Bellagio-Gruppe“.
Seit 2007 hat sich die schon davor
inakzeptabel hohe Arbeitslosigkeitsrate im
Euroraum um mehr als 50% erhöht. Natürlich
erklärt die weltweite Finanzkrise in 2007/2008,
von historischem Ausmaß, diese Erhöhung
teilweise. Abbildung 1 zeigt, dass der Anstieg
in der Eurozone viel schlimmer war als in den
anderen entwickelten Ländern, die unter
dem Finanzschock litten. Daher ist es nicht
überraschend, dass die Bürger nach den
Verantwortlichen für diese totale Katastrophe
fragen. Das Ausmaß der Katastrophe kann an
der Zahl der Arbeitsplatzverluste gemessen
werden; ganz gleich welche Zahlen, die
individuell oder in der Familie erlebte Notlage,
die unweigerlich tiefe und auch dauerhafte
politische Konsequenzen haben wird, wird
verborgen bleiben. Des Weiteren kann die
Auswirkung der Finanzkrise durch entgangene
Einnahmen, die man höchstwahrscheinlich nie
wieder zurückbekommen kann, erfasst werden.
Im Wesentlichen sind wir Zeugen eines massiven
Diebstahls, der selbst die größten kriminellen
Machenschaften klein aussehen lässt.
Abbildung 1. Arbeitslosenraten in 2007 und 2013
14
2007
2013
12
10
8
6
4
2
0
UK
USA
Euro Area
Total OECD
Die Antwort beinhaltet zwei separate Fragen.
Erstens: Warum ist diese Krise geschehen?
Zweitens: Warum waren ihre Auswirkungen
so tief und dauerhaft? Die Liste potentieller
Schuldiger umfasst Wirtschaftswissenschaftler,
Regierungen und Zentralbanker. Meine Antwort
auf beide Fragen ist, dass die Regierungen ihre
Bevölkerung im Stich gelassen haben, und zwar
nirgendwo mehr als in der Eurozone.
Den Ökonomen kann mangelndes
Verständnis der wirtschaftlichen Mechanismen
vorgeworfen werden. Ich bin überzeugt, dass in
100 Jahren künftige Wirtschaftswissenschaftler
auf unseren derzeitigen Erkenntnisstand mit
Verachtung herabschauen werden, aber so
funktioniert Fortschritt eben. Dennoch haben
wir genügend Wissen, um diese Krise zu
verstehen, und manche (darunter der aktuelle
Nobelpreisträger Robert Shiller) haben sie
tatsächlich schon im Vorhinein ziemlich genau
beschrieben. Dies entlastet im Großen und
Ganzen den Berufsstand, der es kollektiv
verabsäumt hat, starke Warnsignale zu
geben. Zumindest hat der Berufsstand nach
Ausbruch der Krise politische Maßnahmen
vorgeschlagen. Dennoch gab und gibt es
Meinungsverschiedenheiten, die zu Verwirrungen
beigetragen haben.
Die Regierungen waren für die Regulierung
und Überwachung des Bankensektors
verantwortlich. Sie haben versagt. Sie waren für
politische Antworten zuständig und haben – in
unterschiedlichem Maße – auch dabei versagt.
Noch schlechter war die Situation im Euroraum,
wo die Finanzkrise zu einer Schuldenkrise
mutierte, die immer noch schlecht gehandhabt
wird. Auch die Zentralbanken waren für politische
Reaktionen verantwortlich. Der Rest des Artikels
stellt eine Bewertung ihrer Aktionen dar, mit
Fokus auf die EZB.
Die Zentralbanken während
der Krise
Bekanntlich haben die Zentralbanken
während der Krise außerordentliche
Maßnahmen ergriffen. Sehr schnell haben sie
ihre Zinspolitik auf die Null-Prozent-Untergrenze
gesenkt, um die kontraktiven Auswirkungen
der Bankenkrise zu entschärfen1. Außerdem
haben sie den Banken reichlich Liquidität zur
Verfügung gestellt, um den Interbankenmarkt,
in dem Banken voneinander Geld ausleihen,
um Haushalten und Firmen Kredite geben
zu können, wieder in Gang zu setzen. Als
sich dies als unzureichend erwies, haben die
Zentralbanken direkt Kredite an einzelne Banken
vergeben. Die EZB hat sich sogar verpflichtet,
den Banken jeden beliebigen Betrag zu einem
im Voraus angekündigten, sehr niedrigen
Zinssatz bereitzustellen. Die Beträge, die in
die Wirtschaft injiziert wurden, waren enorm,
weitaus höher als alles zuvor. Abbildung 2 zeigt
die „Größe“ der EZB und der US-Notenbank
(die Größe ihrer Bilanzen) und weist deutlich auf
diese außergewöhnlichen Maßnahmen hin.
Abbildung 2 zeigt auch einige wichtige
Unterschiede zwischen der EZB und der USNotenbank (Federal Reserve) auf. Während
die Größe der Liquiditätsspritzen im Großen
und Ganzen in derselben Größenordnung
liegt, ist die zeitliche Planung unterschiedlich.
Die Federal Reserve hat im September 2008,
als Lehman Brothers zusammenbrach,
schneller und entschiedener gehandelt. Die
Tatsache, dass diese Krise ihren Ursprung in
der Wall Street hatte, erklärt wahrscheinlich
diesen Unterschied. Danach allerdings hat
die Fed die Liquidität weiter ausgebaut – ein
Prozess, den sie quantitative Lockerung (oder
Die EZB erhöhte im Juni 2008 zu einem ungünstigen Zeitpunkt ihren Zinssatz, bevor sie ihren Fehler erkannte, ohne ihn jedoch anzuerkennen.
1
71
QL) nannte. Währenddessen hat die EZB
jede Unterstützung der Banken mit einem
Liquiditätsabzug in gleicher Höhe kompensiert.
Die EZB hat jede Art einer quantitativen
Lockerungspolitik ausdrücklich abgelehnt,
obwohl die wirtschaftliche Wiederbelebung
der Eurozone der Erholung der Vereinigten
Staaten hinterherhinkte. Der Ausbruch der
Staatsschuldenkrise in der Eurozone hat keine
Veränderung in der EZB-Politik bewirkt, obwohl
der Euroraum in eine zweite Rezession geriet.
Erst als die Krise in der zweiten Hälfte des Jahres
2011 alarmierende Ausmaße annahm, begann
die EZB, ihr Programm für die Bereitstellung von
Liquidität wieder auszubauen.
In den USA war QL ausdrücklich dazu
bestimmt, die wirtschaftliche Erholung zu
unterstützen und die Arbeitslosigkeit zu senken.
Die EZB hingegen war immer der Ansicht, dass
ihr politischer Kurs expansiv genug sei. Ihre
Aktivitäten zur Liquiditätsbereitstellung sollten
ausdrücklich dazu dienen, die Banken im Jahr
2008 zu unterstützen und den Druck auf
die Staatsschulden in den Jahren 2011/2012
zu verringern. Deswegen hat die EZB immer
beteuert, dass ihre Maßnahmen nicht in der
Art von QL seien. Das bedeutet, dass die EZB
– zumindest offiziell – sich keine oder weniger
Sorgen um die steigende Arbeitslosigkeit
machte als die Federal Reserve.
Abbildung 2. G
röße der Zentralbanken (Gesamtvermögen in Milliarden
der jeweiligen Währung)
3500
3000
2500
2000
1500
EZB
1000
Federal Reserve
Bank
500
0
Juni
2006
Juni
2007
Juni
2008
Juni
2009
Juni
2010
Juni
2011
Juni
2012
Juni
2013
Diese Auslegung wird durch die Tatsache
bestätigt, dass die EZB nach Juni 2012 ihre
Größe verringert hat, womit gemeint ist, dass
sie rund 500 Milliarden Euro wieder absorbiert
hat. Das ist der Monat, in dem der EZB-Präsident
das Programm für Offenmarktgeschäfte
(OMT) verkündete, mit dem die Zentralbank
zu verstehen gegeben hat, dass sie „alles
Notwendige“ tun werde, um die Zinssätze
für die Krisenländer zu begrenzen. Das OMTProgramm stellt eine Verpflichtung dar, durch
uneingeschränkte Ankäufe als Sicherheitsnetz
für Staatsschulden zu dienen. Es hat die Angst,
von der die Finanzmärkte seit Anfang 2010 – als
die Krise in Griechenland begann – beherrscht
wurden, deutlich verringert. Der Markt hat
sofort reagiert. Allein diese Ankündigung, die
bisher noch durch keine Maßnahme unterstützt
wurde, hat sich als ausreichend erwiesen,
um die Krise – zumindest bis zum Zeitpunkt,
als dieser Artikel geschrieben wurde – zu
entschärfen. Obwohl die Arbeitslosigkeit nach
Juni 2012 weiterhin angestiegen ist, hat die
EZB einen Teil ihrer Liquiditätsunterstützung
zurückgezogen.
Das Mandat der EZB
Wie kann man nun diesen Unterschied
zwischen den politischen Maßnahmen der EZB
und der Federal Reserve erklären? Die gängige
Deutung bezieht sich auf die unterschiedlichen
Mandate dieser zwei Zentralbanken. Das vom
US-Kongress festgelegte Mandat der Federal
Reserve ist ein doppeltes: Die Zentralbank ist
offiziell verpflichtet, zum Erreichen „maximaler
Beschäftigung“ und „stabiler Preise“
beizutragen. Das im Vertrag von Maastricht
niedergeschriebene Mandat der EZB ist anders. Es
legt die Preisstabilität als oberstes Ziel fest, wobei
„die Unterstützung der Wirtschaftspolitik der
Union“ nur zweitrangig ist und nur berücksichtigt
werden kann, wenn die Preisstabilität nicht in
Gefahr ist. In diesem Sinne muss die EZB nichts
gegen die Arbeitslosigkeit unternehmen, wenn
sie der Meinung ist, dass Inflation droht.
Diese Auslegung überzeugt jedoch nicht
vollständig. Frühere Studien, z.B. Ullrich
(2003), die das tatsächliche Verhalten beider
Zentralbanken vor der Krise untersucht haben,
legen nahe, dass sie nicht sehr unterschiedlich
gehandelt haben. Demzufolge hat die EZB
sowohl auf die Inflation als auch auf das
Beschäftigungsniveau reagiert. Eine neuere
Studie, die den Zeitraum der Krise umfasst (Belke
und Klose, 2010), bestätigt die Ähnlichkeit im
Verhalten vor der Krise, aber Abweichungen
nach deren Ausbruch. Die Federal Reserve hat
demnach stärker auf das Beschäftigungsniveau
reagiert, während die EZB mehr um die Inflation
besorgt erschien. Nicht zuletzt sorgt sich die
EZB laut der Studie um Kredite, was mit ihrer
Bilanzsumme zusammenhängt.
Dies sind nur erste Resultate, die vielleicht
nicht durch weitere Studien bestätigt werden.
Doch sie beziehen sich auf das, was die EZB
als ihre geldpolitische „Zwei-Säulen“-Strategie
bezeichnet. Von Anfang an hat die EZB die
Tradition der Bundesbank übernommen, sich
um die Inflation – die erste Säule – und um die
Geldmenge – die zweite Säule – zu kümmern.
Diese Strategie, die höchst umstritten war
(Wyplosz, 2000), kann Abbildung 2 erklären:
Die EZB erachtet es als notwendig, die Liquidität
weiter auszubauen, um die Krise einzudämmen,
fühlt sich dabei aber nicht wohl. Die Rolle
der Liquidität ist Gegenstand lehrmäßiger
Debatten, und die EZB ist einzigartig, was die
Aufrechterhaltung dieser Säule betrifft.
73
Schlussfolgerung
Der Anstieg der Arbeitslosigkeit in der
Eurozone wird vor allem von der seit 2010
betriebenen strengen Haushaltspolitik
vorangetrieben. Jedoch kann die Ablehnung
der QL seitens der EZB als Beschränkung ihrer
Maßnahmen zur Stabilisierung der Aktivität
und der Beschäftigung betrachtet werden.
In gewisser Hinsicht ist dies im Einklang mit
ihrem Mandat, aber ihr Verhalten vor der Krise
legt nahe, dass die EZB de facto wie viele
andere Zentralbanken gehandelt und sich
in Wirklichkeit doch um die Beschäftigung
gekümmert hat. Ihre Aktionen während der
Krise könnten durch ihre Zwei-Säulen-Strategie
wohl besser erklärt werden.
Diese Unterscheidung ist äußerst wichtig.
Es ist höchst unwahrscheinlich, dass das
offizielle Mandat der EZB geändert werden
kann, da dafür ein neuer Vertrag notwendig
wäre. Andererseits jedoch ist die Zwei-SäulenStrategie eine rein interne Angelegenheit der
EZB und kann ohne weitere Schwierigkeiten
verändert werden. Diese Strategie wird stark
kritisiert und kann als Weiterführung der alten
Tradition der Bundesbank angesehen werden,
die selber der zweiten Säule immer weniger
Beachtung geschenkt hat. Das größte Hindernis
für die Annahme einer zeitgemäßeren Strategie
ist, dass dadurch ausdrücklich das geistige Erbe
der Bundesbank zurückgewiesen würde.
Die Krise hat jedoch gezeigt, dass eine
weitere Säule, die seitens der EZB lange Zeit
unberücksichtigt blieb, von entscheidender
Bedeutung ist. Zentralbanken können nun ihre
Verantwortung für die finanzielle Stabilität
nicht mehr herunterspielen2. Tatsächlich
ist die EZB jetzt für den Einheitlichen
Aufsichtsmechanismus verantwortlich.
Daher muss die EZB ihre geldpolitische
Strategie neu definieren. Das bietet eine
einzigartige Gelegenheit, eventuelle
interne Hindernisse für eine quantitative
Lockerung zu beseitigen und einen
beschäftigungsfreundlicheren politischen Kurs
einzuschlagen. Dass dies nicht auf Kosten
der Preisstabilität geschehen muss, haben
Erfahrungen in anderen Ländern weltweit
gezeigt. ■
Literaturhinweise
Belke, Ansgar & Jens Klose (2010) “(How) Do
the ECB and the Fed React to Financial Market
Uncertainty? The Taylor Rule in Times of Crisis”,
document de réflexion 972, DIW, Berlin.
Ullrich, Katrin (2003) “A Comparison Between
the Fed and the ECB: Taylor Rules” document de
réflexion n° 03-19, ZEW, Mannheim.
Wyplosz, Charles (2000) “Briefing Paper for the
Committee of Economic and Monetary Affairs”,
Parlement européen.
Wir sind Zeugen eines massiven
Diebstahls, der selbst die größten
kriminellen Machenschaften klein
aussehen lässt.
Der ehemalige EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hat mehrfach behauptet, dass „Preisstabilität der beste Beitrag der EZB zur finanziellen Stabilität“ sei.
2
75
Öffentliche Veranstaltung
PARLAMENTARISCHE JAHRESVERSAMMLUNG
EUROPÄISCHES PARLAMENT – BRÜSSEL
MITTWOCH, 4. UND DONNERSTAG, 5. DEZEMBER 2013
Die erste Parlamentarische Jahresversammlung der Progressiven Wirtschaft wird den progressiven
Abgeordneten nationaler Parlamente und des Europäischen Parlaments eine neue Gelegenheit bieten,
in Form einer offenen Konferenz sowohl untereinander als auch mit führenden Wirtschaftsexperten
und anderen politischen Entscheidungsträgern über wirtschafts- und sozialpolitische Maßnahmen,
Herausforderungen und Entwicklungen in Europa zu debattieren.
Im ersten halbtägigen Teil dieser Konferenz wird der neue Unabhängige Jahreswachstumsbericht
2014 (iAGS) von seinen Autoren zum ersten Mal öffentlich vorgestellt. Der iAGS 2014 wird Analysen,
Prognosen und Politikempfehlungen zu den makroökonomischen Perspektiven, den zunehmenden
Ungleichheiten auf den Arbeitsmärkten und zur Lohnentwicklung sowie Handlungsvorschläge zur
Steuerung der Eurozone bieten. Der zweite halbtägige Teil der Konferenz wird sich mit der Rolle der
Steuerpolitik bei der Bekämpfung von Ungleichheiten und bei der Unterstützung von nachhaltigem
Wachstum und Beschäftigung befassen. Über diese Themen werden Abgeordnete nationaler
Parlamente und des Europäischen Parlaments mit führenden Experten auf diesem Gebiet debattieren.
TAG 1: KONFERENZ ÜBER WACHSTUM UND BESCHÄFTIGUNG
MITTWOCH, 4. DEZEMBER 2013, 14.30-18.00
14.30-14.45
BEGR
ÜSSUNG UND EINFÜHRUNG DURCH HANNES SWOBODA,
VORSITZENDER DER SOZIALDEMOKRATISCHEN FRAKTION
14.45-15.15
IMPULSVORTRAG VON JEAN-PAUL FITOUSSI, PROFESSOR FÜR
WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFTEN AN DER LUISS-UNIVERSITÄT, ROM, UND
MITGLIED DES WISSENSCHAFTLICHEN BEIRATS VON Progressive Economy
15.15-15.45
P RÄSENTATION DES UNABHÄNGIGEN JAHRESWACHSTUMSBERICHTS 2014
(iAGS) DURCH DIE AUTOREN VON DEN WIRTSCHAFTSINSTITUTEN OFCE,
ECLM UND IMK
15.45-16.00
K
AFFEEPAUSE
16.00-18.00
P OLITISCHE DEBATTE – PERSPEKTIVEN UND POLITISCHE STRATEGIEN FÜR
WACHSTUM UND BESCHÄFTIGUNG IN EUROPA UND IN DER EUROZONE
 Karine Berger, Abgeordnete zur französischen Nationalversammlung
 Elisa Ferreira, Abgeordnete zum Europäischen Parlament,
wirtschaftspolitische Koordinatorin der Sozialdemokratischen Fraktion
 Paolo Guerrieri, Abgeordneter zum italienischen Senat
 Valeriano Gomez, Sprecher, Wirtschafts- und Währungsausschuss,
Spanisches Parlament
 Olli Rehn, EU-Kommissar für Wirtschafts- und Währungsangelegenheiten
 Charles Wyplosz, Professor für Wirtschaftswissenschaften am Graduate
Institute, Genf, und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats von Progressive
Economy
Offene Debatte, moderiert von Jacki Davis Geschäftsführerin, Meade Davis Communications
TAG 2: KONFERENZ ÜBER STEUERN UND UNGLEICHHEIT
DONNERSTAG, 5. DEZEMBER 2013, 9.00-12.30
9.00-10.30
STEUERHINTERZIEHUNG UND STEUERBETRUG WIRKLICH BEENDEN!
IST DIE G20-AGENDA GUT GENUG?
Einleitender Beitrag von Xavier Harel, Journalist und Autor der TVDokumentation “Evasion fiscale: Le hold-up du siècle”, gefolgt von Beiträgen
der Podiumsteilnehmer:
 Vieri Ceriani, Berater des italienischen Wirtschaftsministers
 Eurico Dias, Nationaler Sekretär für Wirtschaftsfragen der Sozialistischen
Partei Portugals
 Mojca Kleva, Abgeordnete zum Europäischen Parlament, Berichterstatterin
für Steuerhinterziehung und Steuerbetrug
 Richard Murphy, Gründer des Netzwerks Steuergerechtigkeit und Direktor
von Tax Research
 Carsten Schneider, Abgeordneter zum Deutschen Bundestag
Offene Debatte, moderiert von Jacki Davis Geschäftsführerin, Meade Davis
Communications
10.30-12.00
UNGLEICHHEIT IN DER GESELLSCHAFT DURCH STEUERPOLITIK
BEKÄMPFEN - FESTLEGUNG EINER NEUEN PROGRESSIVEN
STEUERSTRATEGIE
Einleitender Beitrag von Professor Thomas Piketty, Paris School of
Economics, gefolgt von Beiträgen der Podiumsteilnehmer:
 Magdalena Andersson, wirtschaftspolitische Sprecherin der schwedischen
Sozialdemokraten
 Thomas Jensen, Abgeordneter zum dänischen Parlament
 Pierre-Alain Muet, Abgeordneter zur französischen Nationalversammlung
 Ahmed Laaouej, Abgeordneter zum belgischen Senat
 Evelyn Regner, Abgeordnete zum Europäischen Parlament
Offene Debatte, moderiert von Jacki Davis
12.00-12.30
SCHLUSSREDE - PAUL MAGNETTE
SENATOR UND VORSITZENDER DER SOZIALISTISCHEN PARTEI BELGIENS
D
IESE PARLAMENTARISCHE KONFERENZ FINDET AN BEIDEN TAGEN IN DEN RÄUMLICHKEITEN DES
EUROPÄISCHEN PARLAMENTS, RAUM P3C050, GEBÄUDE PAUL HENRI SPAAK, STATT.
SIMULTANÜBERSETZUNG IN 22 SPRACHEN.
TEILNEHMER MÜSSEN SICH VOR KONFERENZBEGINN ÜBER UNSERE WEBSITE ANMELDEN:
www.progressiveeconomy.eu
77
FORUM Progressive Economy 2014
EUROPÄISCHES PARLAMENT, BRÜSSEL
5-8 MÄRZ 2014
Europa kämpft noch immer mit der Krise, die vor über fünf Jahren ausgebrochen ist. Abgesehen
vom unverantwortlichen Verhalten großer Teile der Finanzbranche liegt die tiefere Ursache der Krise
in zunehmenden Ungleichheiten, die die einseitige Sparpolitik nur noch weiter vertieft hat, sowohl
innerhalb der Nationalstaaten als auch zwischen ihnen.
Auf die Lohnniveaus und wesentliche Bestandteile der nationalen Wohlfahrtssysteme und
Arbeitsmarktregelungen wird starker politischer Druck ausgeübt. Dabei werden nicht nur wichtige
Lehren ignoriert, die aus der Krise zu ziehen sind, sondern es wird auch bewusst über die immer
stärkeren wissenschaftlichen Beweise für die positive Rolle einer gerechteren Einkommensverteilung
oder guter Gesundheitssysteme hinweggesehen.
Deshalb ist Ungleichheit das Leitthema des Forums der Progressiven Wirtschaft 2014. Das Forum
soll progressives wissenschaftliches und politisches Denken und Handeln erkunden und entwickeln, um
auf die Herausforderung der Ungleichheit zu antworten und um zu helfen, gleichberechtigtere und
daher besser funktionierende Gesellschaften zu errichten.
Das Forum bietet den Progressiven aller Gemeinschaften, die sich in unterschiedlicher Weise für die
Bewältigung wirtschaftlicher und sozialer Herausforderungen einsetzen, eine einzigartige Gelegenheit,
in wissenschaftliche und politische Dialoge einbezogen zu sein, die darauf ausgerichtet sind, progressive
Ideen auf nationaler, europäischer und globaler Ebene zu stärken und zu fördern.
as Forum umfasst eine Wissenschaftliche Konferenz am 5./6. März und eine Politische Konferenz
D
am 7./8. März.
Weitere Informationen und Anmeldung unter:
www.progressiveeconomy.eu
APPEL À
CONTRIBUTIONS
Progressive Economy organise
un grand appel à contributions
sur quatre thèmes de recherche
sous l’autorité de son conseil
scientifique, qui comprend des
universitaires tels que JeanPaul Fitoussi, Joseph Stiglitz,
Peter Bofinger, Kate Pickett,
James Galbraith, Gosta EspingAndersen, Lucrezia Reichlin et
Charles Wyplosz.
POUR EN SAVOIR PLUS
PROGRESSIVEECONOMY.EU
Soumission des résumés avant
le 25 Novembre 2013.
LES QUATRE THÈMES
DE RECHERCHE SONT
LES SUIVANTS:
 INÉGALITÉS ET
CRISE;
 ALTERNATIVES
À L’AUSTÉRITÉ;
 LA RÉFORME DE
LA GOUVERNANCE
ÉCONOMIQUE
EUROPÉENNE;
 REPENSER
LA POLITIQUE
ÉCONOMIQUE.
Pour plus d’information,
visitez notre site:
progressiveeconomy.eu
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Sonderausgabe
Ungleichheit
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