Über den Abbau von Serumalbumin durch Hypochlorit V o n H A N S HERKEN u n d JOSEF SCHUNK Aus dem Pharmakologischen Institut der Universität Berlin (Z. Naturforschg. 4 b, 19—£1 [1949]; eingegangen am 14. Dezember 1948) Auf Grund von Untersuchungen an synthetischen niedermolekularen Eiweißkörpern schien Hypochlorit zum Nachweis qualitativer Veränderungen an hochmolekularen Proteinen geeignet. Es wurde die Wirkung bekannter Mengen Hypochlorit auf Serumalbumin im Warburg-Apparat untersucht und die dabei entstehende Kohlensäure sowie der gasförmige Stickstoff gemessen. Bei bestimmten Erkrankungen wurden erheblich vom Normalen abweichende Werte gefunden. ntersuchungen an synthetischen Substraten hatten ergeben, daß die Spaltung von Peptidbindungen durch Hypochlorit, je nach Struktur der Eiweißkörper, mit verschiedener Geschwindigkeit erfolgt. So wurden z.B. Leucyltyrosin und Glycylleucin sehr viel schneller gespalten als Alanyl-, Valyl- und Leucylglycin. Die Verlängerung der Peptidkette um ein Glycinmolekül, zum entsprechenden Tripeptid, änderte offenbar auch die Stabilität der Bindung zwischen Alanin bzw. Leucin und dem folgenden Glycin, denn beide Tripeptide wurden in der gleichen Zeit weit besser abgebaut als die analogen Dipeptide 1 . Zur Auslösung der Reaktion ist eine freie a-Aminogruppe notwendig, denn Carbobenzoxy-glycylalanin wurde ebenso wie Cfes-i-Leucin und Benzoylglykokoll unter gleichen Bedingungen nicht angegriffen. WTeitere Untersuchungen haben wir im Warburg-Apparat an Serumproteinen durchgeführt, wobei die Geschwindigkeit des Abbaues durch Messung der gebildeten CO2 und des gasförmigen Stickstoffes verfolgt wurde. Den Unterschieden in der chemischen Zusammensetzung entsprechend 2 , ergaben sich besonders deutliche Differenzen zwischen dem am leichtesten fällbaren Globulinanteil und dem Albumin. Auf Grund dieser Befunde schien das Verfahren zum Nachweis qualitativer Veränderungen an Serumproteinen geeignet. W i r haben daher die Reaktionen bestimmter Mengen Hypochlorit mit Serumalbumin bei verschiedenen Erkrankungen geprüft. Der größte Teil der Globuline wurde durch Fällung bei einer Konzentration von 24,5 g Na 2 S0 4 in 100 H „ 0 entfernt. Bei dem zur Untersuchung gelangenden Eiwreißkörper handelt es U 1 H. H e r k e n u. J. S c h u n k , Naunyn-Schmiedebergs Arch. exp. Pathol. Pharmakol. 206, 102 [1949]. sich also nicht um ein einheitliches Protein, sondern um ein vorwiegend aus Albumin und einem kleineren Anteil des sog. Pseudoglobulins bestehendes Gemisch. Bei den Untersuchungen, die in der von 0 . W a r b u r g angegebenen Apparatur durchgeführt wurden, ergaben sich zunächst einige Schwierigkeiten, weil zur Spaltung von Peptidbindungen z. Tl. ein erheblicher Überschuß von NaOCl notwendig war. Die Versuchsbedingungen mußten in den meisten Fällen so gewählt werden, daß die Umsetzungen bei annähernd neutraler Reaktion abliefen. Dadurch wurde eine zu schnelle Zerstörung von Hypochlorit vermieden, die die manometrischen Versuche natürlich erheblich gestört hätte. Andererseits durften die Lösungen nicht zu alkalisch sein, um die Messung der freiwerdenden Kohlensäure nicht zu beeinträchtigen. Die Versuche wurden daher unter folgenden Bedingungen durchgeführt: Ansätze in kegelförmigen Warburg-Gefäßen bei 38°. Inhalt: 200 y Serumprotein-N (in 0,5 cm 3 0,9-proz. NaCl-Lösung), 1,5 cm3 m/10-Phosphatpuffer p H 6,3, 0,5 cm 3 NaOCl-Lösung (deren Hypochloritmenge in der Tabelle angegeben ist) im seitlichen Anhang, die nach Temperatur- und Druckausgleich in den Hauptraum der Gefäße eingekippt wurde. Die stark alkalische NaOCl-Lösung wurde unmittelbar vor dem Versuch mit m-Essigsäure auf p H 7,7 eingestellt. Die Messung der Wasserstoffionenkonzentration geschah mit der Glaselektrode. Der gasförmige Stickstoff wurde jeweils in Parallelversuchen ermittelt, bei denen die Gefäße 1 cm3 10-proz. KOH in einem zum Zwecke der schnellen C0 2 -Absorption stark vergrößerten Einsatz enthielten. Untersuchungen an Aminosäuren ergaben, daß unter den gewählten Bedingungen keine Retention von C 0 2 stattfand. 2 E. B r a n d , B. K a s s e 11 u. L. J. S a i d e 1, J. clin. Invest. 23, 437 [1944]. Dieses Werk wurde im Jahr 2013 vom Verlag Zeitschrift für Naturforschung in Zusammenarbeit mit der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V. digitalisiert und unter folgender Lizenz veröffentlicht: Creative Commons Namensnennung-Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz. This work has been digitalized and published in 2013 by Verlag Zeitschrift für Naturforschung in cooperation with the Max Planck Society for the Advancement of Science under a Creative Commons Attribution-NoDerivs 3.0 Germany License. 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Es ist möglich, daß sie auf einer Änderung der räumlichen Anordnung der Peptidketten in den Sphäroproteinen beruhen, die den Ablauf der Reaktion von Hypochlorit mit Proteinen vor allem dann sehr stark beeinflussen könnte, wenn durch Strekkung der Peptidketten basische Gruppen frei würden 3. Bei Versuchen mit Monobenzoylargininamid hat sich nämlich gezeigt, daß die Spaltung der CO-NH.,-Bindung durch die Reaktion von Hypochlorit mit den freien basischen Gruppen im Guanidinanteil dieser Aminosäure beschleunigt wird. In den angeführten Versuchen wurde das zur Fällung der Globuline benutzte Neutralsalz durch Dialyse gegen 0,9-proz. NaCl-Lösung bei 0 ° in einem Schaukeldialysator entfernt. Folgende Ergebnisse wurden erhalten: Serumalbumin 200 y N NaOCl in mg 1. Normal 2. Normal Normal 3. Normal 4. Normal 5. Normal . • . . . Normal 6. Chron.Hungerödem . 7. Chron. Hungerödem . 8. Lipophile Dystrophie 9. Chron. Nephritis . . 10. Chron. Nephritis . . 11. Lipoidnephrose . . 7,5 7,5 3,7 3,7 7,5 3,7 1,8 7,5 7,5 3,7 7,5 3,7 3,7 C0 2 N2 in mm 3 in mm3 141 146 112 126 102 108 24 24 16 72 123 120 88 20 20 15 35 27 32 20 1 3 9 29 21 110 Tab. 1. Einwirkung von Hypochlorit auf verschiedene Serumalbumine. Versuchszeit bei 1—10 90 Min., bei 11 60 Minuten. Bei der Einwirkung von Hypochlorit auf normales Serumalbumin sind zwischen den Mengen 7,5 und 3,7 mg auf 200 y Protein N keine Unterschiede zu erkennen. Erst bei 1.8 mg ist die CO„Entwicklung stark vermindert. Die bei den chronischen Hungerödemen und der von H. \Y. B a n s i 4 Vgl. G. A. B a 1 1 o u , P. D. B o v e r , J. M. L u c k u. F. (1. L i n n , -7. clin. luvest. 23. 454 11944]. 3 Puffer Serumalbumin 200} N Serumalbumin 200 -N Harnalbumin 200) N Harnalbumin 200; N Phosphatpuffer PH 6,3 Bernsteinsäureboratp.^jj 4,6 Phosphatpuffer pR 6,3 Bernsteinsäureboratp.^u 4,6 C0 2 N2 in mm 3 in mm 3 33 110 63 103 58 139 57 134 Tab. 2. Einwirkung von Hypochlorit auf Serum- und Harnalbumin bei Lipoidnephrose. Angewandt 1,8 mg NaOCl während 10 Minuten. Serumalbumin 200 y N Puffer 1. Normal . . . Normal . . . 2. Chron. Nephritis 3. Lipoidnephrose Bernsteinsäureboratp. 4,6 Phosphatpuffer p R 6,3 Bernsteinsäureboratp. 4,6 Bernsteinsäureboratp. j9 h 4,6 C0 2 : N» in mm 3 in mm3 2 0 1,5 0 o 0 13,5 134 Tab. 3. Einwirkung sehr geringer Hypochloritmengen (2 cm3 10-proz. Lösung von Chloramin T ) während 20 Minuten. beschriebenen sogenannten lipophilen Dystrophie gegenüber Normalen gefundenen Differenzen sind so erheblich, daß sie nicht auf etwa wechselnde Anteile Albumin/Pseudoglobulin in der untersuchten Fraktion zurückgeführt werden können, sondern nur durch qualitative Veränderungen zu erklären sind. Diese Befunde stützen frühere, mit anderer Methode gewonnene Ergebnisse 5 . Wegen der auffallenden Reaktion des Serumalbumins bei der Lipoidnephrose, die ja schon häufig Anlaß zu Untersuchungen über Strukturveränderungen der verschiedenen Serumproteinkomponenten gegeben hat, haben wir weitere Versuche mit geringen Mengen Hypochlorit unter Variation der Versuchsbedingungen durchgeführt, wobei zum Vergleich auch der Abbau des mit dem Harn ausgeschiedenen Proteins geprüft wurde. 1.8 mg ergeben mit 200 y Serumalbumin N der Lipoidnephrose einen wesentlich stärkeren Abbau als mit dem unter gleichen Bedingungen geIL W. B a n s i , Med. Kl in. 1 9 4 7 . 317. H. H e r k e n u. II. R e m m e r , Klin. Wschr. 1 9 4 7 . 211. 469. 4 5 wonnenen Normalserumprotein. Zwischen Harnund Serumalbumin bestehen keine erheblichen Differenzen. Das Albumin der Lipoidnephrose ist ein besonders leicht spaltbares Protein, wie der folgende Versuch mit p-Toluolsulfonchlorid-Natrium zeigt, das bekanntlich in wäßriger Lösung Hypochlorit entwickelt. Diese Hypochloritmengen sind offenbar sehr gering, denn bei der Reaktion mit dem gleichen Eiweißanteil von Gesunden und auch von Patienten mit chron. Nephritis läßt sich keine C 0 o - oder N 2 -Entwicklung nachweisen. Wie sich der Abbau der Proteine im einzelnen vollzieht, muß noch näher untersucht werden. Doch hat schon D a k i n " darauf hingewiesen, daß bei der Einwirkung von Chloramin T auf Aminosäuren intermediär verschiedene Reaktionsprodukte entstehen können. Die vorliegenden Ergebnisse sprechen dafür, daß bei manchen Erkrankungen Proteine vorkommen, die gegenüber Hypochlorit resistenter sind als normale und solche, die wesentlich leichter zerstört werden. Die Ursachen für dieses verschiedene Verhalten sind noch nicht klar. Wahrscheinlich können sie in strukturellen Veränderungen der Proteine gesucht werden. » H. D. D a k i n , Biochemie. J. 11, 79 [1917]. Tri- und Tetrazoliumsalze als Reduktionsindikatoren bei Meerestieren in verschiedenen Entwicklungsstadien V o n H A N S - J O A C H I M BIELIG u n d HANS QUERNER Aus dem Kaiser-Wilhelm-Institut für medizinische Forschung Heidelberg, Institut für Chemie, und dem Zoologischen Institut der Universität Heidelberg (Z. Naturforschg. 4b, 21—23 [1049]; eingegangen am 7. März 1949) ach K u h n und J e r c h e 1 1 reduzieren Bakterien, Hefen, keimende Samen, Keimpflanzen und die Wurzelspitzen von Kressepflanzen farblose Tetrazoliumsalze vom Typ I—III zu roten Formazanen. Die elektive Rotfärbung durch Triphenylformazan (I) bei Embryonen verschiedener Pflanzensamen bildet nach L a k o n 2 die Grundlage eines von der „Keimreife" des Samens unabhängigen Keimfähigkeitsnachw^eises. Rötung mit 5 - Furfuryl - 2.3 - diphenyl - tetrazoliumchlorid geben u. a. auch der Liquor des Stierspermas sowie Chalazen und Blastoderm des Hühnereies 3 . Der Test wurde ferner auf normales und neoplastisches menschliches Gewebe angewandt 4 . In Coli- und Typhusbakterien findet man das Formazan an spezifischen „Reduktionsorten", die Gebiete hoher Nucleinsäure-Konzentration (Nucleoide) einschließen und der Einwirkung von Bakteriophagen Widerstand leisten5. N 1 R. K u h n u. D. J e r c h e 1, Ber. dtsch. ehem. Ges. 74, 949 [1941]. — D. J e r c h e l , Naturforschg. u. Medizin in Deutschland 1939—1946, Bd. 39, S. 59, Wiesbaden 1947. 2 G. L a k o n , Ber. dtsch. bot. Ges. 60, 299, 343 [1942]. — R. H. P o r t e r , M. D u r r e l l u. H. J. Romm, Plant Physiol. 22, 149 [1947]. — H. J. C o 11 r e 1 1, Nature [London] 159, 748 [1947], — T. D. W a u g h , Science [New Y o r k ] 108, 275 [1948]. 3 A. M. M a t t s o n , C. 0 . J e n s e n u. R. A. D u t c l i e r , Science [New Y o r k ] 106, 294 [1947]. Unsere Untersuchungen an der Biologischen Anstalt Helgoland (z. Zt. List/Sylt) haben jetzt ergeben, daß sich Tri- und Tetrazoliumsalze auch bei Tieren in verschiedenen Entwicklungsstadien als Reduktionsindikatoren bewähren. Die Triazoliumsalze (vgl. V I ) wurden von L u d o 1 p h y 8 dargestellt. Sie werden von keimfähigen Pflanzensamen zu roten Amino-azokörpern der Naphthalinreihe reduziert. Geprüft wunde die Einwirkung der folgenden Substanzen auf einige Arten von Echinodermen, Mollusken, Anneliden, Coelenteraten, Crustaceen und Protozoen: 2.3.5-Triphenyltetrazoliumchlorid(I), 5-Methyl-2.3-diphenyl-tetrazoliumchlorid (II), 5 - Äthyl - 2.3 - diphenyl - tetrazoliumchlorid (III), 5.5' -Dimethyl-3.3' -diphenyl2.2' -di -p-diphenylen-ditetrazoliumchlorid (IV) 6 , 2.2' - Diphenyl - 3.3' - bis - (4 - carbaethoxy - phenyl) 5.5'-p-phenyl-ditetrazoliumchlorid ( V ) 7 und 1 Phenyl -2-(p-carboxyphenyl)-(naphtho -1'.2': 4.5 triazolium)-chlorid ( V I ) 6 . Soweit die in Meerwasser (p H —8,4) gelösten Substanzen bei den 4 F. H. S t r a u s , N. D. C h e r o n i s u. E. St r a u s , Science [New Y o r k ] 108, 113 [1948]. 5 H.-J. B i e 1 i g , G. A . K a u s c h e u. H. H a a r d i c k , Z. Naturforschg. 4b, im Druck [1949], ü E. L u d o l p h y , Diplomarbeit Univ. Heidelberg 1947. 7 D. J e r c h e 1 u. II. F i s c h e r , Liebigs Ann. Chem., im Druck [1949].