Georg Solti - kulturradio vom rbb

Werbung
Sonntag, 13. August 2017
15.04 – 17.00 Uhr
Giuseppe Verdi
Eine Sendereihe von Christine Lemke-Matwey
6. Folge:
Paris, Paris! Sant' Agata!
Nachrichten aus Europas Opernhauptstadt
Wer im 19. Jahrhundert in der Oper etwas werden will, muss sich bewegen. Mailand,
Venedig, Neapel, London und Wien sind sicher schön und gut, auch in Dresden, München
und Berlin wird Operngeschichte geschrieben – wer allerdings wirklich etwas werden will,
der muss nach Paris. Wobei es eine ganz andere Frage ist, wer es dort dann auch wirklich
schafft. Herzlich willkommen zu unserer sechsten Folge: „Paris, Paris! Sant'Agata –
Nachrichten aus Europas Opernhauptstadt“.
Musik 1
Decca
LC: 00171
478 4939
Track 101
Giuseppe Verdi
„Jérusalem“: Vorspiel
L'Ochèstre de la Suisse Romande
Ltg.: Fabio Luisi
4'35
- Absage
Was hat Verdi in dieser Oper für Paris nicht alles geändert! Das fängt beim Titel an: Aus „I
lombardi alla prima cociata“ wird „Jérusalem“, und die Lombarden mutieren zu
Kreuzfahrern aus Toulouse; gestrichen werden die Choreröffnung, das Violinsolo im dritten
Akt und das zugegebenermaßen etwas einfältige Kreuzfahrerthema; hinzu kommen ein
neues Vorspiel (das haben wir eben gehört) und diverse neue Nummern, darunter auch ein
Ballett, das in keinem Fall fehlen durfte. Kurz und gut: Verdi legt es auf den Erfolg an. Er
will nach Paris. Und er bringt dafür jeden erdenklichen Rückenwind mit: Seine Heimat
Italien liegt ihm nach „Nabucco“ und „Ernani“ sowieso zu Füßen, gerade hat er auch in
London für Furore gesorgt, wo gleich zwei Opernhäuser gleichzeitig seine „Foscari“
spielen, und wo er mit der Uraufführung der „Masnadieri“ unglaublich viel Geld verdient
hat, das Vierfache seiner anzunehmenden italienischen Gage – da wäre es doch gelacht,
wenn nicht auch Paris im Sturm zu nehmen sein sollte! Ist es aber nicht, jedenfalls nicht so
leicht, wie Verdi sich das vorstellt. Prompt fängt er an zu jammern, die Grand Opéra (also
die Institution) – die damals noch Academie Royale de la musique hieß und in der Rue Le
Peletier beheimat war – sei ein „grässlicher Laden“ mit „schlechten“ Sängern und einem
bestenfalls „mittelmäßigen“ Orchester. Seltsam, dass andere Komponisten diese Klage
nicht erhoben, zumindest nicht so drastisch. Eine Frage der Mentalität, der Sitten und
Gebräuche, der Gewöhnung – oder gar: der Nationalität?
- Ansage (Frz., UA 1838)
Musik 2
Virgin
LC: 07873
7243 5 45706
29
Track 101
- Absage
Hector Berlioz
„Benvenuto Cellini“: Ouverture
Orchèstre National de France
Ltg.: John Nelson
11'09
Giuseppe Verdi – 6. Folge
Seite 2 von 8
Das ist sozusagen die Geschmacksfolie, auf die der junge Verdi in Paris trifft, und wenn
man böse wäre, würde man jetzt sagen: viel Lärm um nichts, ein irres Getöse, ein irrer
Aufwand an Mitteln für einen doch eher zweifelhaften künstlerischen Ertrag. Aber das
gehört wohl zum Wesen der Grand Opéra. Wobei ich mich hier an die eigene Nase fassen
möchte: Unser Verständnis von Oper, von Musiktheater ist ganz wesentlich und bis heute
durch die romantische Tradition in Deutschland geprägt, das darf man nicht vergessen, von
Carl Maria von Weber her also und von Richard Wagner; an ihren ästhetischen
Errungenschaften – an der Seelentiefe einer Musik, an ihrem dramatischen
Überwältigungscharakter – messen wir ganz unwillkürlich, was gut ist und was nicht.
Darunter leidet, wiederum bis heute, die französische Oper, die ganz anderen Kriterien
gehorcht und mehr nach Repräsentativität fragt, mehr nach dem kollektiven als nach dem
individuellen Ich.
Aber auch das lässt sich offenbar nicht einfach so mit der Muttermilch einsaugen:
„Benvenuto Cellini“, die Geschichte des gleichnamigen florentinischen Bildhauers, ist ein
Flop. Die Partitur ist viel zu umfangreich, das Orchester viel zu dick besetzt, nicht nur die
Sänger schreien Zeter und Mordio, das Publikum auch, nach der Uraufführung zieht Berlioz
das Werk zurück. Bis heute tut sich die Opernwelt damit schwer, daran ändern auch die
diversen Fassungen nichts, die sich im Umlauf befinden. Nach Rezept funktioniert sie also
nicht, die französische Oper. Aber ein paar Dinge gibt es schon, die man beachten kann und
die, wenn man sie beachtet, Erfolg versprechen. Diese Erfahrung macht 1840, zwei Jahre
nach „Benvenuto Cellini“, Gaetano Donizetti mit „La favorite“ auf ein Libretto u.a. von
Eugène Scribe.
- Ansage
Musik 3
Warner
LC: 04281
2564 61888-2
Track 207
Gaetano Donizetti
„La favorite“: „Oh mon Fernand!“
Marilyn Horne, Mezzosopran
Orchèstre Philharmonique de Monte Carlo
Ltg.: Lawrence Foster
8'47
Ein Mönch, der aus dem Kloster austritt, um seiner Liebe zu leben, und drei Akte später
wieder eintritt ins Kloster, weil sich seine Ehefrau Leonora als Mätresse des Königs erweist
– das ist, in aller Kürze, der etwas rüde Stoff von Donizettis „Favoritin“.
- Absage
Ob Giuseppe Verdi das Werk seines Landsmannes kannte, wissen wir nicht. Möglich ist es,
ja sogar wahrscheinlich, denn bis 1904 wird „La favorite“ an der Pariser Oper rund 650
Mal gespielt. Eine enorme Zahl. Und eine enorme Ermutigung, schließlich ist Donizetti
weder der erste noch der einzige Italiener, der in Paris reüssiert. Rossini zum Beispiel
bekleidete in der französischen Metropole sogar Ämter, zunächst das des Leiters der
italienischen Oper in Paris, danach das eines königlichen Hofkomponisten, und schließlich
und endlich ernannte man ihn sogar zum Generalinspekteur des Gesangs in Frankreich.
Kein Wunder, dass man ihn, zunächst jedenfalls, auch in Paris begraben hat, auf dem
berühmten Friedhof Père-Lachaise, 20 Jahre später wurden seine Gebeine dann nach
Florenz überführt. Paris hat also eine italienische Tradition, und keine kleine. Trotzdem
bleibt es seltsam, dass Verdi sich aufgrund dieser Tradition Hoffnungen zu machen scheint:
Tritt er zuhause in Italien nicht gegen den Belcanto an, den Rossini, Bellini und Donizetti
verkörpern? Soll bei ihm nicht alles ganz anders sein? Nun, vielleicht setzt er ja auf die
Progressivität der Franzosen, auf ihren Ehrgeiz, gerade in Opernfragen die Nase vorn
haben zu wollen.
- Ansage
© kulturradio vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb)
www.kulturradio.de
Giuseppe Verdi – 6. Folge
Musik 4
Decca
LC: 00171
478 4939
Track 116
Giuseppe Verdi
„Jérusalem“: „Mais quel tumulte!“ Finale 1. Akt
Roberto Scandiuzzi, Bass
Simon Edwards, Bass
Marcello Giordani, Tenor
Marina Mescheriakova, Sopran
u.a.
Choeur du Grand Théâtre de Genève
L'Ochèstre de la Suisse Romande
Ltg.: Fabio Luisi
Seite 3 von 8
9'20
- Absage
Alle Bemühungen Verdis um die musikalische Haute couture, um das passende
französische Kostüm aber nutzen nichts: „Jérusalem“ bringt es nicht zu mehr als zu einem
Achtungserfolg. Die Gründe dafür mögen vielschichtig sein, wie immer am Theater: Zum
einen soll bei der Uraufführung der Tenor indisponiert gewesen sein, zum zweiten wartete
ganz Paris eigentlich nur auf Giacomo Meyerbeers neue Oper aus dem Wiedertäufer-Milieu,
die „Der Prophet“ heißen sollte, und zum dritten war und ist mit der Pariser Kritik sowieso
nicht gut Kirschen essen: Sie maulte und mäkelte herum, fand es arrogant, ja
größenwahnsinnig, dass ein junger Italiener es mit so gestandenen Genies wie Meyerbeer,
Rossini, Halévy und Auber aufnehmen wollte. Inhaltlicher Kernpunkt der Kritik: Verdis
Musik sei schwerfällig, unelegant, das Ganze wirke seelenlos und konstruiert. Das ließ
dieser sich nicht zweimal sagen – und revanchierte sich:
Verdi
„Ich gestehe, dass mir Paris nicht gefällt und ich eine tödliche Antipathie gegen die
Boulevards habe, weil man dort Freunde trifft, Feinde, Priester, Spitzel, Mörder, kurz, von
allem ein bisschen. Ich begreife, dass ich un straniero, ein Fremder, sein werde … Auf der
anderen Seite gefällt mir Paris, und mir ist inmitten eines solchen Trubels, als befände ich
mich in der Wüste. Ich genieße eine Freiheit, die ich noch nirgendwo auf der Welt genossen
habe.“
Genau diese Atmosphäre, diese Freiheit und Freizügigkeit im Chaos der Großstadt fängt
wenige Jahrzehnte später Giacomo Puccini ein, Verdis Schüler im Geiste, wenn man so will
– wir befinden uns im Quartier Latin ..
Musik 5
Decca
Giacomo Puccini
LC: 00171
„La Bohème“: „Aranci, datteri, caldi i marroni!“ 2. Akt
478 0254
Luciano Pavarotti, Tenor
Track 111 + Mirella Freni, Sopran
112
Nicolai Ghiaurov, Bass
(ausblenden mit Gianni Maffeo, Bariton
Beginn 113)
Chor der Deutschen Oper Berlin
Berliner Philharmoniker
Ltg.: Herbert von Karajan
6'05
- Absage
Ob das auch Verdis Wahrnehmung von Paris ist? Den Pariser Winter jedenfalls kennt er
gut, insbesondere den des Jahres 1853. Da sitzt er in der Stadt und wartet auf das
Libretto seiner ersten originär französischsprachigen Oper, „Les vêpres siciliennes“, ein
Auftragswerk des Théâtre Impérial de l'Opéra, wie die Oper inzwischen heißt. Kein
© kulturradio vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb)
www.kulturradio.de
Giuseppe Verdi – 6. Folge
Seite 4 von 8
Geringerer als Eugène Scribe soll den Text schreiben, der Librettist Meyerbeers, allerdings
hat man sich auf einen betagten Stoff geeinigt, den sowohl Halévy als auch Donizetti schon
in den Fingern hatten: die Geschichte des sizilianischen Aufstands gegen die französische
Besatzung aus dem Jahr 1282. Sind das nun gute oder schlechte Voraussetzungen für den
heiß ersehnten Pariser Erfolg? Als das Libretto zu Silvester 1853 endlich eintrifft, tut
Verdi sich mit dem Komponieren schwer. In Italien hat er sich in die Textarbeit immer
einschalten können, um es moderat zu formulieren – in Paris wird er mehr oder weniger vor
vollendete Tatsachen gestellt. Scribe ist ein berühmter Mann in seinem Fach, offenbar hält
er es nicht für nötig, mit Verdi zu kommunizieren oder gar dessen Änderungswünschen
nachzukommen. Verdi versucht mehrfach, den Vertrag wieder zu lösen, am Ende fühlt er
sich ausgelaugt wie nie und ist heilfroh, die Sache hinter sich zu haben. Interessant ist, dass
ihm sein ursprüngliches Vorhaben, eine Grand Opéra zu schreiben, während der Arbeit
regelrecht abhanden kommt. Oder wollte er das vielleicht gar nicht, ist das alles nur
Tarnung? Statt spektakulärer Tableaus und Massenszenen durchziehen vor allem Duette
das Werk, im Tête-à-tête entfaltet sich, was Verdi wirklich interessiert – und sei es im Têteà-tête zwischen zwei Feinden.
- Ansage
Musik 6
Teldec
LC: 06019
8573-86386-2
Track 15
Giuseppe Verdi
„Les vêpres siciliennes“: „Quel est ton nom?“ 1. Akt
Jerry Hadley, Tenor (Henri)
Thomas Hampson, Bariton (Guy de Montfort)
Orchestra of the Welsh National Opera
Ltg.: Carlo Rizzi
7'35
So begegnen sich beim mittleren Verdi zwei Männer, die augenscheinlich nichts
miteinander verbindet. Der eine ist Franzose, der andere Sizilianer, der eine ist adelig, der
andere nicht, der eine ist Besatzer, der andere leidet, wie sein ganzes Volk, unter dieser
Fremdherrschaft und Besatzung.
- Absage
Sie hören die sechste Folge unserer Sendereihe zu Giuseppe Verdi: „Paris! Paris!
Sant'Agata – Nachrichten aus Europas Opernhauptstadt“. Ich bin Christine Lemke-Matwey
und freue mich, dass Sie uns zuhören.
Aber Verdi wäre nicht Verdi, wenn da nicht noch etwas anderes wäre, was diese beiden
Männer miteinander verbindet. Wer es weiß, mag es vielleicht sogar schon ihrer ersten
Begegnung anmerken, dem Duett, das wir eben gehört haben: Guy de Montfort und Henri
sind nämlich Vater und Sohn. Entdeckt wird dies im dritten Akt, als Montfort einen Brief
erhält, den Brief einer Sizilianerin, die er vor 18 Jahre „entehrt“ hat, wie es heißt, und die
ihn nun wissen lässt, dass sein ärgster Feind Henri ihr gemeinsames Kind ist. Montfort ist
entsetzt und berührt zugleich und verspürt plötzlich heftige väterliche Gefühle. Henri aber
fühlt sich als Verräter an seinen Lands-leuten und will von diesen Gefühlen und der ganzen
Offenbarung nichts wissen und ergreift die Flucht. Wie Verdi diese Szene im dritten Akt
gestaltet, wie er dem grausamen Unterdrücker Montfort ein Herz gibt, eine Seele, und zwar
ganz aufrichtig, und wie er Henri, den Guten, dagegen plötzlich ganz kleinmütig aussehen
lässt, das ist von einer dramatischen Finesse, von einem geradezu leidenschaftlichen
Wissen um die Menschen getragen, dass es einem fast unpariserisch vorkommen könnte ..
- Ansage (ital. Fassung!)
© kulturradio vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb)
www.kulturradio.de
Giuseppe Verdi – 6. Folge
Musik 7
Decca
LC: 00171
478 4957
Track 202
203
Seite 5 von 8
Giuseppe Verdi
„Les vêpres siciliennes“: „Sogno, a son desto? … Ma che?
Fuggi il mio sguardo, i figlio?“ 3. Akt
+ Giorgio Zancanaro, Bariton
Chriss Merritt, Tenor
Orchestra del Teatro alla Scala
Ltg.: Riccardo Muti
11'00
Verdi als Meister der Psychologie und des Melodramma …
- Absage
Die Uraufführung der „Sizilianischen Vesper“ findet am 13. Juni 1855 statt, in Paris, mit
gut einem halben Jahr Verspätung, und sie bringt abermals nicht den erhofften Triumph.
Das Pariser Publikum erkennt zwar an, dass und wie Verdi sich hier um den französischen
Stil bemüht, so richtig warm aber wird es weder mit dem Sujet noch mit der Musik. Fast
könnte man die „Vesper“ ja anti-französisch lesen, wenn am Ende ein blutiges Gemetzel
den kurzen Traum von Liebe und Frieden zerstört (die Sizilianer metzeln die Franzosen,
wohlgemerkt). Nach der Premiere werden „Les vêpres“ immerhin 50 Mal gespielt, auch in
der darauffolgenden Saison noch 12 Mal, dann aber verschwindet das Stück von der
Bildfläche, im Grunde bis heute, mit wenigen Ausnahmen. Kaum besser erging es der
italienischen Fassung, die im selben Jahr 1855 in Parma uraufgeführt wurde und sich bis
auf ein paar Umdichtungen des Librettos nicht von der französischen Fassung
unterscheidet. War das Projekt Paris für Verdi damit gescheitert?
Verdi
„Wenn ich mich zum Beispiel mit einer neuen Oper im Foyer eines italienischen Theaters
präsentiere, wagt niemand, eine Meinung, ein Urteil zu äußern, bevor er gut verstanden hat
.... Man achtet das Werk und den Autor und lässt das Publikum entscheiden. Im Foyer der
Opéra hingegen flüstert man nach vier Akkorden überall „olà ce n'est pas bon … c'est
commun, ce n'est pas de bon goût … ca n'ira pas à Paris!“. Was bedeuten nur diese
armseligen Worte wie commun … bon goût … Paris …, wenn Ihr es mit einem Kunstwerk zu
tun habt, dass universal sein muss? Die Folgerung aus all dem ist, dass ich kein Komponist
für Paris bin.“
Musik 8
Decca
LC: 00171
478 4957
Track 312
Giuseppe Verdi
7'59
„Les vêpres siciliennes“: „In fra noi due s'oppone una
barriera eterna!“ Finale 5. Akt
Cheryl Studer, Sopran
Chriss Merritt, Tenor
Giorgio Zancanaro, Bariton
Ferrucio Furlanetto, Bass
Coro e Orchestra del Teatro alla Scala
Ltg.: Riccardo Muti
Die Universalität des Kunstwerks, wie Verdi sie sich Mitte der 1850er Jahre vorstellt ..
- Absage
In Paris hat er damit, wie gesagt, nur bedingt Erfolg. Die Gründe? Vielleicht sind „Les
vêpres siciliennes“ in der Tat nicht Verdis überzeugendste Oper, vielleicht stehen sie
zwischen zu vielen Stühlen auf einmal. Zwischen Italien und Frankreich, die Oper im 19.
Jahrhundert ist immer auch eine nationale Angelegenheit; zwischen der Erfüllung eines
prominenten Auftrags und den eigenen künstlerischen Visionen; zwischen Wort und Ton,
zumal die Wahl des Stoffs sicher nicht die allerglücklichste ist und sich die Zusammenarbeit
© kulturradio vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb)
www.kulturradio.de
Giuseppe Verdi – 6. Folge
Seite 6 von 8
mit Eugène Scribe schwierig gestaltet; und – last but not least – zwischen Tradition und
Erfolg, zwischen dem Melodrama, aus dem er kommt, und der Grand Opéra. Was an der
„Vesper“ aber sehr schön deutlich wird, finde ich, ist die Tatsache, dass Verdi sich nicht
korrumpieren lässt. Er geht nicht nach Paris und zieht ein Rezept aus der Tasche, um sich
lieb Kind zu machen in Europas Opernhauptstadt Nummer eins; nein, er geht nach Paris,
macht Konzessionen an den fremden Geschmack, durchaus – und arbeitet ansonsten
einfach weiter. Verdis ästhetisches Interesse gilt der Wahrheit der Gefühle und nicht
irgendwelchen historischen oder historistischen Effekthaschereien. Nichts anderes zeigt
seine „Sizilianische Vesper“, trotz und wegen der obligatorischen Balletteinlagen, vor
denen sie sich nicht scheut.
Musik 9
Decca
LC: 00171
478 4994
Track 207
Giuseppe Verdi
„Le quattro stagioni“ aus „I vespri siciliani“: „L'estate“
Guido Toschi, Oboe
Orchestra del Teatro Communale di Bologna
Ltg.: Riccardo Chailly
4'59
Warum hat die französische Oper im dritten Akt immer ein Ballett? Ganz einfach: Damit die
Herrschaften, die zwischendrin gerne soupieren gehen, während des Balletts möglichst
unauffällig zu ihren Plätzen zurückkehren können ..
- Absage
Und diese kleine Klangmalerei hört sich fast ein bisschen nach Sant'Agata an, finden Sie
nicht? Erst im Dezember 1855 kehrt Verdi dorthin, nach Hause zurück, erschöpft und
frustriert. Er streitet sich mit Ricordi, seinem Verleger, er streitet sich mit den Parisern
wegen nicht gezahlter Tantiemen, er streitet sich mit Giuseppina Strepponi, seiner
Lebensgefährtin, das sowieso, er hat Magenschmerzen und, wie so oft, keine Lust mehr.
Seine geliebte Einöde hilft ihm dabei offenbar wenig.
Verdi
„Ich beschäftige mich mit nichts, lese nicht, schreibe nicht. Von morgens bis abends
spaziere ich über die Felder und versuche mich zu erholen. Verfluchte, verfluchte Opern!“
Folgende These: Verdi verflucht in dieser Situation nicht so sehr das Komponieren an sich
oder die absolutistischen Gepflogenheit der Opernmetropole Paris (von wegen im ersten
Akt zum Soupé und zum dritten wieder da), Verdi verflucht seine eigene Ahnung, die zur
Gewissheit wird: Was wenn das, was seine ästhetische Vision ist, die Erlösung des
Musiktheaters aus seinem starren Nummernwerk, den erstarrten Formen, seine Erweckung
zur „Wahrheit“ hin, was, wenn das mit dem Geschmack der Zeit – egal ob in Frankreich
oder in Italien – nicht kompatibel sein sollte? Verdi führt einen künstlerischen
Zweifrontenkrieg: Zuhause gegen die Belcantisten und in Paris gegen die sensationellen
Erfolge Giacomo Meyerbeers. Spätestens seit „Robert le Diable“ 1831 wird der gebürtige
Deutsche mit der Pariser Oper identifiziert und sie mit ihm. Ein Triumph jagt den nächsten,
die zeitlichen Abstände dürfen da nicht täuschen: 1836 folgen die „Hugenotten“, 1849 der
„Prophet“ und 1865 die „Afrikanerin“. Meyerbeer erobert Europa.
- Ansage
Musik 10
Myoto
MCD 90318
LC: keine
Track 317
Giacomo Meyerbeer
„Le Prophète“: Finale 4. Akt
Marylin Horne, Nicolai Gedda u.a.
Orchestra Sinfonica e Coro die Torino della RAI
Ltg. Henry Lewis
© kulturradio vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb)
4’20
www.kulturradio.de
Giuseppe Verdi – 6. Folge
Seite 7 von 8
„In dieser Zeit sah ich denn auch zum ersten Male den Propheten – den Propheten der
neuen Welt: ich fühlte mich glücklich und erhoben, ließ alle wühlerischen Pläne fahren, die
mir so gottlos erschienen .. Kommt das Genie und wirft uns in andere Bahnen, so folgt ein
Begeisterter gern überall hin, selbst wenn er sich unfähig fühlt, in diesen Bahnen etwas
leisten zu können.“ - das sagt nicht etwa Verdi, sondern Richard Wagner, in einem Brief an
seinen Freund und Vertrauten Theodor Uhlig 1850. Natürlich bevor er in Paris selber so
richtig auf die Nase fällt.
- Absage
Im Gegensatz zu Wagner aber, der später in wüsteste Beschimpfungen über Meyerbeer und
Paris ausbricht und keinen Fuß mehr nach Frankreich setzt, hält Verdi Paris die Treue, und
zwar lebenslang. Das ist interessant. Während Wagner sich nur für sich verwirklichen kann,
auf dem Grünen Hügel von Bayreuth, pocht Verdi auf den sich wandelnden französischen
Geschmack und darauf, dass seine Musik sich eines Tages schon durchsetzen werde. Was
den „Propheten“ betrifft (insofern ist er ein gutes Beispiel), gibt es zeitgenössische
Stimmen, die Meyerbeer bereits ein Nachlassen seiner Schaffenskraft unterstellen. Auch
sorgen immer mehr komische Opern für Furore, es kündigt sich also ein kultureller Wandel
an. Überhaupt muss man sich ja fragen, was das Publikum bei Meyerbeer mehr beeindruckt
hat, die Macht der Musik, die Wucht der Stoffe – oder nicht doch eher der Hokuspokus der
Inszenierung? Im „Propheten“ etwa kam seinerzeit eine ganz neue Lichttechnik zum
Einsatz, transparente Bilder, so genannte Dioramen, wurden von hinten beleuchtet und
ergaben einen gleichsam illusionistischen Effekt. Massenauftritte und ausgefeilte
Choreografien taten ein Übriges. Für Wagner mag das anfangs alles verführerisch gewesen
sein; Verdi empfand es schnell als zu grob und zu laut – und wer weiß, vielleicht sogar als
Bestätigung seiner eigenen, so ganz anders gearteten Pläne.
Musik 11
BMG
LC: 00316
74321 40626 2
Track 219
Giacomo Meyerbeer
„Die Afrikanerin“: „... Land so wunderbar“
Lauritz Melchior, Tenor
(1929)
3'24
- Absage („O paradiso“)
Es ist schon seltsam: Im 19. und noch im frühen 20. Jahrhundert ist die Oper ohne
Giacomo Meyerbeer schlicht nicht denkbar. Heute hingegen müssen wir uns arg bemühen,
ihn nicht ganz zu vergessen; heute ist die Oper ohne Verdi nicht denkbar (und ohne Wagner
natürlich erst recht nicht). Das große klingende Historiengemälde à la Meyerbeer erfüllte
seinerzeit offenbar alle Wünsche und Sehnsüchte der Grande Nation nach Glanz und
Repräsentation, und bis zu einem gewissen Grad ließen sich diese Dimensionen sicher
steigern. Das politische Zeitgeschehen, die Revolutionen von 1830 und 1848, änderten
daran äußerlich wenig, zunächst jedenfalls: Das Bürgertum übernahm nicht nur die
Herrschaft, sondern auch die alten Sehnsüchte. Innerlich aber änderte sich etwas, das
Erstarken der Opéra comique habe ich schon erwähnt. Die Zukunft gehörte leichteren,
liedhafteren, gefälligeren Genres, und Komponisten wie Ambroise Thomas oder Charles
Gounod nahmen diese Tendenz begierig auf, zur Comique oder Bouffe gesellte sich ab den
1860er Jahren die Opéra Lyrique. Eine Entwicklung, die, wie man meinen sollte, Verdi
entgegenkam, ihm buchstäblich in die Hände arbeitete. Doch was macht er, als er sich mit
Schillers „Don Carlos“ 1867 noch einmal der Pariser Oper aussetzt und stellt? Er schreibt
eine große historische Oper, mit allem, was dazugehört, als wollte er die Geister der
Vergangenheit ein für allemal bannen.
- Ansage
© kulturradio vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb)
www.kulturradio.de
Giuseppe Verdi – 6. Folge
Musik 12
Decca
LC: 00171
478 4975
Track 210
Seite 8 von 8
Giuseppe Verdi
9'14
„Don Carlos“: „Sire, la dernière heure a-t-elle donc sonné?
...“ Finale 3. Akt
Ruggiero Raimondi, Bass
Katia Riciarelli, Sopran
Leo Nucci, Bariton
Placido Domingo, Tenor
Orchestra e Coro del Teatro alla Scala
Ltg.: Claudio Abbado
- Absage
Mehr über „Don Carlos“ und sein Schicksal erfahren Sie am nächsten Sonntag. „Paris,
Paris! Sant'Agata – Nachrichten aus Europas Opernhauptstadt“ - so hieß die sechste Folge
unserer Sendereihe zu Giuseppe Verdi. Auch dieses Manuskript finden Sie wie alle anderen
unter kulturradio.de im Internet. Mit Nummer sieben geht es nächste Woche hier weiter,
dann beschäftige ich mich mit der Frage, warum Verdi doch kein Leierkastenmusiker ist –
„Der Sog des Hm-tata“. Ich bin Christine Lemke-Matwey und wünsche Ihnen noch einen
schönen Sonntag.
© kulturradio vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb)
www.kulturradio.de
Herunterladen