Sonntag, 13. August 2017 15.04 – 17.00 Uhr Giuseppe Verdi Eine Sendereihe von Christine Lemke-Matwey 6. Folge: Paris, Paris! Sant' Agata! Nachrichten aus Europas Opernhauptstadt Wer im 19. Jahrhundert in der Oper etwas werden will, muss sich bewegen. Mailand, Venedig, Neapel, London und Wien sind sicher schön und gut, auch in Dresden, München und Berlin wird Operngeschichte geschrieben – wer allerdings wirklich etwas werden will, der muss nach Paris. Wobei es eine ganz andere Frage ist, wer es dort dann auch wirklich schafft. Herzlich willkommen zu unserer sechsten Folge: „Paris, Paris! Sant'Agata – Nachrichten aus Europas Opernhauptstadt“. Musik 1 Decca LC: 00171 478 4939 Track 101 Giuseppe Verdi „Jérusalem“: Vorspiel L'Ochèstre de la Suisse Romande Ltg.: Fabio Luisi 4'35 - Absage Was hat Verdi in dieser Oper für Paris nicht alles geändert! Das fängt beim Titel an: Aus „I lombardi alla prima cociata“ wird „Jérusalem“, und die Lombarden mutieren zu Kreuzfahrern aus Toulouse; gestrichen werden die Choreröffnung, das Violinsolo im dritten Akt und das zugegebenermaßen etwas einfältige Kreuzfahrerthema; hinzu kommen ein neues Vorspiel (das haben wir eben gehört) und diverse neue Nummern, darunter auch ein Ballett, das in keinem Fall fehlen durfte. Kurz und gut: Verdi legt es auf den Erfolg an. Er will nach Paris. Und er bringt dafür jeden erdenklichen Rückenwind mit: Seine Heimat Italien liegt ihm nach „Nabucco“ und „Ernani“ sowieso zu Füßen, gerade hat er auch in London für Furore gesorgt, wo gleich zwei Opernhäuser gleichzeitig seine „Foscari“ spielen, und wo er mit der Uraufführung der „Masnadieri“ unglaublich viel Geld verdient hat, das Vierfache seiner anzunehmenden italienischen Gage – da wäre es doch gelacht, wenn nicht auch Paris im Sturm zu nehmen sein sollte! Ist es aber nicht, jedenfalls nicht so leicht, wie Verdi sich das vorstellt. Prompt fängt er an zu jammern, die Grand Opéra (also die Institution) – die damals noch Academie Royale de la musique hieß und in der Rue Le Peletier beheimat war – sei ein „grässlicher Laden“ mit „schlechten“ Sängern und einem bestenfalls „mittelmäßigen“ Orchester. Seltsam, dass andere Komponisten diese Klage nicht erhoben, zumindest nicht so drastisch. Eine Frage der Mentalität, der Sitten und Gebräuche, der Gewöhnung – oder gar: der Nationalität? - Ansage (Frz., UA 1838) Musik 2 Virgin LC: 07873 7243 5 45706 29 Track 101 - Absage Hector Berlioz „Benvenuto Cellini“: Ouverture Orchèstre National de France Ltg.: John Nelson 11'09 Giuseppe Verdi – 6. Folge Seite 2 von 8 Das ist sozusagen die Geschmacksfolie, auf die der junge Verdi in Paris trifft, und wenn man böse wäre, würde man jetzt sagen: viel Lärm um nichts, ein irres Getöse, ein irrer Aufwand an Mitteln für einen doch eher zweifelhaften künstlerischen Ertrag. Aber das gehört wohl zum Wesen der Grand Opéra. Wobei ich mich hier an die eigene Nase fassen möchte: Unser Verständnis von Oper, von Musiktheater ist ganz wesentlich und bis heute durch die romantische Tradition in Deutschland geprägt, das darf man nicht vergessen, von Carl Maria von Weber her also und von Richard Wagner; an ihren ästhetischen Errungenschaften – an der Seelentiefe einer Musik, an ihrem dramatischen Überwältigungscharakter – messen wir ganz unwillkürlich, was gut ist und was nicht. Darunter leidet, wiederum bis heute, die französische Oper, die ganz anderen Kriterien gehorcht und mehr nach Repräsentativität fragt, mehr nach dem kollektiven als nach dem individuellen Ich. Aber auch das lässt sich offenbar nicht einfach so mit der Muttermilch einsaugen: „Benvenuto Cellini“, die Geschichte des gleichnamigen florentinischen Bildhauers, ist ein Flop. Die Partitur ist viel zu umfangreich, das Orchester viel zu dick besetzt, nicht nur die Sänger schreien Zeter und Mordio, das Publikum auch, nach der Uraufführung zieht Berlioz das Werk zurück. Bis heute tut sich die Opernwelt damit schwer, daran ändern auch die diversen Fassungen nichts, die sich im Umlauf befinden. Nach Rezept funktioniert sie also nicht, die französische Oper. Aber ein paar Dinge gibt es schon, die man beachten kann und die, wenn man sie beachtet, Erfolg versprechen. Diese Erfahrung macht 1840, zwei Jahre nach „Benvenuto Cellini“, Gaetano Donizetti mit „La favorite“ auf ein Libretto u.a. von Eugène Scribe. - Ansage Musik 3 Warner LC: 04281 2564 61888-2 Track 207 Gaetano Donizetti „La favorite“: „Oh mon Fernand!“ Marilyn Horne, Mezzosopran Orchèstre Philharmonique de Monte Carlo Ltg.: Lawrence Foster 8'47 Ein Mönch, der aus dem Kloster austritt, um seiner Liebe zu leben, und drei Akte später wieder eintritt ins Kloster, weil sich seine Ehefrau Leonora als Mätresse des Königs erweist – das ist, in aller Kürze, der etwas rüde Stoff von Donizettis „Favoritin“. - Absage Ob Giuseppe Verdi das Werk seines Landsmannes kannte, wissen wir nicht. Möglich ist es, ja sogar wahrscheinlich, denn bis 1904 wird „La favorite“ an der Pariser Oper rund 650 Mal gespielt. Eine enorme Zahl. Und eine enorme Ermutigung, schließlich ist Donizetti weder der erste noch der einzige Italiener, der in Paris reüssiert. Rossini zum Beispiel bekleidete in der französischen Metropole sogar Ämter, zunächst das des Leiters der italienischen Oper in Paris, danach das eines königlichen Hofkomponisten, und schließlich und endlich ernannte man ihn sogar zum Generalinspekteur des Gesangs in Frankreich. Kein Wunder, dass man ihn, zunächst jedenfalls, auch in Paris begraben hat, auf dem berühmten Friedhof Père-Lachaise, 20 Jahre später wurden seine Gebeine dann nach Florenz überführt. Paris hat also eine italienische Tradition, und keine kleine. Trotzdem bleibt es seltsam, dass Verdi sich aufgrund dieser Tradition Hoffnungen zu machen scheint: Tritt er zuhause in Italien nicht gegen den Belcanto an, den Rossini, Bellini und Donizetti verkörpern? Soll bei ihm nicht alles ganz anders sein? Nun, vielleicht setzt er ja auf die Progressivität der Franzosen, auf ihren Ehrgeiz, gerade in Opernfragen die Nase vorn haben zu wollen. - Ansage © kulturradio vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) www.kulturradio.de Giuseppe Verdi – 6. Folge Musik 4 Decca LC: 00171 478 4939 Track 116 Giuseppe Verdi „Jérusalem“: „Mais quel tumulte!“ Finale 1. Akt Roberto Scandiuzzi, Bass Simon Edwards, Bass Marcello Giordani, Tenor Marina Mescheriakova, Sopran u.a. Choeur du Grand Théâtre de Genève L'Ochèstre de la Suisse Romande Ltg.: Fabio Luisi Seite 3 von 8 9'20 - Absage Alle Bemühungen Verdis um die musikalische Haute couture, um das passende französische Kostüm aber nutzen nichts: „Jérusalem“ bringt es nicht zu mehr als zu einem Achtungserfolg. Die Gründe dafür mögen vielschichtig sein, wie immer am Theater: Zum einen soll bei der Uraufführung der Tenor indisponiert gewesen sein, zum zweiten wartete ganz Paris eigentlich nur auf Giacomo Meyerbeers neue Oper aus dem Wiedertäufer-Milieu, die „Der Prophet“ heißen sollte, und zum dritten war und ist mit der Pariser Kritik sowieso nicht gut Kirschen essen: Sie maulte und mäkelte herum, fand es arrogant, ja größenwahnsinnig, dass ein junger Italiener es mit so gestandenen Genies wie Meyerbeer, Rossini, Halévy und Auber aufnehmen wollte. Inhaltlicher Kernpunkt der Kritik: Verdis Musik sei schwerfällig, unelegant, das Ganze wirke seelenlos und konstruiert. Das ließ dieser sich nicht zweimal sagen – und revanchierte sich: Verdi „Ich gestehe, dass mir Paris nicht gefällt und ich eine tödliche Antipathie gegen die Boulevards habe, weil man dort Freunde trifft, Feinde, Priester, Spitzel, Mörder, kurz, von allem ein bisschen. Ich begreife, dass ich un straniero, ein Fremder, sein werde … Auf der anderen Seite gefällt mir Paris, und mir ist inmitten eines solchen Trubels, als befände ich mich in der Wüste. Ich genieße eine Freiheit, die ich noch nirgendwo auf der Welt genossen habe.“ Genau diese Atmosphäre, diese Freiheit und Freizügigkeit im Chaos der Großstadt fängt wenige Jahrzehnte später Giacomo Puccini ein, Verdis Schüler im Geiste, wenn man so will – wir befinden uns im Quartier Latin .. Musik 5 Decca Giacomo Puccini LC: 00171 „La Bohème“: „Aranci, datteri, caldi i marroni!“ 2. Akt 478 0254 Luciano Pavarotti, Tenor Track 111 + Mirella Freni, Sopran 112 Nicolai Ghiaurov, Bass (ausblenden mit Gianni Maffeo, Bariton Beginn 113) Chor der Deutschen Oper Berlin Berliner Philharmoniker Ltg.: Herbert von Karajan 6'05 - Absage Ob das auch Verdis Wahrnehmung von Paris ist? Den Pariser Winter jedenfalls kennt er gut, insbesondere den des Jahres 1853. Da sitzt er in der Stadt und wartet auf das Libretto seiner ersten originär französischsprachigen Oper, „Les vêpres siciliennes“, ein Auftragswerk des Théâtre Impérial de l'Opéra, wie die Oper inzwischen heißt. Kein © kulturradio vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) www.kulturradio.de Giuseppe Verdi – 6. Folge Seite 4 von 8 Geringerer als Eugène Scribe soll den Text schreiben, der Librettist Meyerbeers, allerdings hat man sich auf einen betagten Stoff geeinigt, den sowohl Halévy als auch Donizetti schon in den Fingern hatten: die Geschichte des sizilianischen Aufstands gegen die französische Besatzung aus dem Jahr 1282. Sind das nun gute oder schlechte Voraussetzungen für den heiß ersehnten Pariser Erfolg? Als das Libretto zu Silvester 1853 endlich eintrifft, tut Verdi sich mit dem Komponieren schwer. In Italien hat er sich in die Textarbeit immer einschalten können, um es moderat zu formulieren – in Paris wird er mehr oder weniger vor vollendete Tatsachen gestellt. Scribe ist ein berühmter Mann in seinem Fach, offenbar hält er es nicht für nötig, mit Verdi zu kommunizieren oder gar dessen Änderungswünschen nachzukommen. Verdi versucht mehrfach, den Vertrag wieder zu lösen, am Ende fühlt er sich ausgelaugt wie nie und ist heilfroh, die Sache hinter sich zu haben. Interessant ist, dass ihm sein ursprüngliches Vorhaben, eine Grand Opéra zu schreiben, während der Arbeit regelrecht abhanden kommt. Oder wollte er das vielleicht gar nicht, ist das alles nur Tarnung? Statt spektakulärer Tableaus und Massenszenen durchziehen vor allem Duette das Werk, im Tête-à-tête entfaltet sich, was Verdi wirklich interessiert – und sei es im Têteà-tête zwischen zwei Feinden. - Ansage Musik 6 Teldec LC: 06019 8573-86386-2 Track 15 Giuseppe Verdi „Les vêpres siciliennes“: „Quel est ton nom?“ 1. Akt Jerry Hadley, Tenor (Henri) Thomas Hampson, Bariton (Guy de Montfort) Orchestra of the Welsh National Opera Ltg.: Carlo Rizzi 7'35 So begegnen sich beim mittleren Verdi zwei Männer, die augenscheinlich nichts miteinander verbindet. Der eine ist Franzose, der andere Sizilianer, der eine ist adelig, der andere nicht, der eine ist Besatzer, der andere leidet, wie sein ganzes Volk, unter dieser Fremdherrschaft und Besatzung. - Absage Sie hören die sechste Folge unserer Sendereihe zu Giuseppe Verdi: „Paris! Paris! Sant'Agata – Nachrichten aus Europas Opernhauptstadt“. Ich bin Christine Lemke-Matwey und freue mich, dass Sie uns zuhören. Aber Verdi wäre nicht Verdi, wenn da nicht noch etwas anderes wäre, was diese beiden Männer miteinander verbindet. Wer es weiß, mag es vielleicht sogar schon ihrer ersten Begegnung anmerken, dem Duett, das wir eben gehört haben: Guy de Montfort und Henri sind nämlich Vater und Sohn. Entdeckt wird dies im dritten Akt, als Montfort einen Brief erhält, den Brief einer Sizilianerin, die er vor 18 Jahre „entehrt“ hat, wie es heißt, und die ihn nun wissen lässt, dass sein ärgster Feind Henri ihr gemeinsames Kind ist. Montfort ist entsetzt und berührt zugleich und verspürt plötzlich heftige väterliche Gefühle. Henri aber fühlt sich als Verräter an seinen Lands-leuten und will von diesen Gefühlen und der ganzen Offenbarung nichts wissen und ergreift die Flucht. Wie Verdi diese Szene im dritten Akt gestaltet, wie er dem grausamen Unterdrücker Montfort ein Herz gibt, eine Seele, und zwar ganz aufrichtig, und wie er Henri, den Guten, dagegen plötzlich ganz kleinmütig aussehen lässt, das ist von einer dramatischen Finesse, von einem geradezu leidenschaftlichen Wissen um die Menschen getragen, dass es einem fast unpariserisch vorkommen könnte .. - Ansage (ital. Fassung!) © kulturradio vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) www.kulturradio.de Giuseppe Verdi – 6. Folge Musik 7 Decca LC: 00171 478 4957 Track 202 203 Seite 5 von 8 Giuseppe Verdi „Les vêpres siciliennes“: „Sogno, a son desto? … Ma che? Fuggi il mio sguardo, i figlio?“ 3. Akt + Giorgio Zancanaro, Bariton Chriss Merritt, Tenor Orchestra del Teatro alla Scala Ltg.: Riccardo Muti 11'00 Verdi als Meister der Psychologie und des Melodramma … - Absage Die Uraufführung der „Sizilianischen Vesper“ findet am 13. Juni 1855 statt, in Paris, mit gut einem halben Jahr Verspätung, und sie bringt abermals nicht den erhofften Triumph. Das Pariser Publikum erkennt zwar an, dass und wie Verdi sich hier um den französischen Stil bemüht, so richtig warm aber wird es weder mit dem Sujet noch mit der Musik. Fast könnte man die „Vesper“ ja anti-französisch lesen, wenn am Ende ein blutiges Gemetzel den kurzen Traum von Liebe und Frieden zerstört (die Sizilianer metzeln die Franzosen, wohlgemerkt). Nach der Premiere werden „Les vêpres“ immerhin 50 Mal gespielt, auch in der darauffolgenden Saison noch 12 Mal, dann aber verschwindet das Stück von der Bildfläche, im Grunde bis heute, mit wenigen Ausnahmen. Kaum besser erging es der italienischen Fassung, die im selben Jahr 1855 in Parma uraufgeführt wurde und sich bis auf ein paar Umdichtungen des Librettos nicht von der französischen Fassung unterscheidet. War das Projekt Paris für Verdi damit gescheitert? Verdi „Wenn ich mich zum Beispiel mit einer neuen Oper im Foyer eines italienischen Theaters präsentiere, wagt niemand, eine Meinung, ein Urteil zu äußern, bevor er gut verstanden hat .... Man achtet das Werk und den Autor und lässt das Publikum entscheiden. Im Foyer der Opéra hingegen flüstert man nach vier Akkorden überall „olà ce n'est pas bon … c'est commun, ce n'est pas de bon goût … ca n'ira pas à Paris!“. Was bedeuten nur diese armseligen Worte wie commun … bon goût … Paris …, wenn Ihr es mit einem Kunstwerk zu tun habt, dass universal sein muss? Die Folgerung aus all dem ist, dass ich kein Komponist für Paris bin.“ Musik 8 Decca LC: 00171 478 4957 Track 312 Giuseppe Verdi 7'59 „Les vêpres siciliennes“: „In fra noi due s'oppone una barriera eterna!“ Finale 5. Akt Cheryl Studer, Sopran Chriss Merritt, Tenor Giorgio Zancanaro, Bariton Ferrucio Furlanetto, Bass Coro e Orchestra del Teatro alla Scala Ltg.: Riccardo Muti Die Universalität des Kunstwerks, wie Verdi sie sich Mitte der 1850er Jahre vorstellt .. - Absage In Paris hat er damit, wie gesagt, nur bedingt Erfolg. Die Gründe? Vielleicht sind „Les vêpres siciliennes“ in der Tat nicht Verdis überzeugendste Oper, vielleicht stehen sie zwischen zu vielen Stühlen auf einmal. Zwischen Italien und Frankreich, die Oper im 19. Jahrhundert ist immer auch eine nationale Angelegenheit; zwischen der Erfüllung eines prominenten Auftrags und den eigenen künstlerischen Visionen; zwischen Wort und Ton, zumal die Wahl des Stoffs sicher nicht die allerglücklichste ist und sich die Zusammenarbeit © kulturradio vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) www.kulturradio.de Giuseppe Verdi – 6. Folge Seite 6 von 8 mit Eugène Scribe schwierig gestaltet; und – last but not least – zwischen Tradition und Erfolg, zwischen dem Melodrama, aus dem er kommt, und der Grand Opéra. Was an der „Vesper“ aber sehr schön deutlich wird, finde ich, ist die Tatsache, dass Verdi sich nicht korrumpieren lässt. Er geht nicht nach Paris und zieht ein Rezept aus der Tasche, um sich lieb Kind zu machen in Europas Opernhauptstadt Nummer eins; nein, er geht nach Paris, macht Konzessionen an den fremden Geschmack, durchaus – und arbeitet ansonsten einfach weiter. Verdis ästhetisches Interesse gilt der Wahrheit der Gefühle und nicht irgendwelchen historischen oder historistischen Effekthaschereien. Nichts anderes zeigt seine „Sizilianische Vesper“, trotz und wegen der obligatorischen Balletteinlagen, vor denen sie sich nicht scheut. Musik 9 Decca LC: 00171 478 4994 Track 207 Giuseppe Verdi „Le quattro stagioni“ aus „I vespri siciliani“: „L'estate“ Guido Toschi, Oboe Orchestra del Teatro Communale di Bologna Ltg.: Riccardo Chailly 4'59 Warum hat die französische Oper im dritten Akt immer ein Ballett? Ganz einfach: Damit die Herrschaften, die zwischendrin gerne soupieren gehen, während des Balletts möglichst unauffällig zu ihren Plätzen zurückkehren können .. - Absage Und diese kleine Klangmalerei hört sich fast ein bisschen nach Sant'Agata an, finden Sie nicht? Erst im Dezember 1855 kehrt Verdi dorthin, nach Hause zurück, erschöpft und frustriert. Er streitet sich mit Ricordi, seinem Verleger, er streitet sich mit den Parisern wegen nicht gezahlter Tantiemen, er streitet sich mit Giuseppina Strepponi, seiner Lebensgefährtin, das sowieso, er hat Magenschmerzen und, wie so oft, keine Lust mehr. Seine geliebte Einöde hilft ihm dabei offenbar wenig. Verdi „Ich beschäftige mich mit nichts, lese nicht, schreibe nicht. Von morgens bis abends spaziere ich über die Felder und versuche mich zu erholen. Verfluchte, verfluchte Opern!“ Folgende These: Verdi verflucht in dieser Situation nicht so sehr das Komponieren an sich oder die absolutistischen Gepflogenheit der Opernmetropole Paris (von wegen im ersten Akt zum Soupé und zum dritten wieder da), Verdi verflucht seine eigene Ahnung, die zur Gewissheit wird: Was wenn das, was seine ästhetische Vision ist, die Erlösung des Musiktheaters aus seinem starren Nummernwerk, den erstarrten Formen, seine Erweckung zur „Wahrheit“ hin, was, wenn das mit dem Geschmack der Zeit – egal ob in Frankreich oder in Italien – nicht kompatibel sein sollte? Verdi führt einen künstlerischen Zweifrontenkrieg: Zuhause gegen die Belcantisten und in Paris gegen die sensationellen Erfolge Giacomo Meyerbeers. Spätestens seit „Robert le Diable“ 1831 wird der gebürtige Deutsche mit der Pariser Oper identifiziert und sie mit ihm. Ein Triumph jagt den nächsten, die zeitlichen Abstände dürfen da nicht täuschen: 1836 folgen die „Hugenotten“, 1849 der „Prophet“ und 1865 die „Afrikanerin“. Meyerbeer erobert Europa. - Ansage Musik 10 Myoto MCD 90318 LC: keine Track 317 Giacomo Meyerbeer „Le Prophète“: Finale 4. Akt Marylin Horne, Nicolai Gedda u.a. Orchestra Sinfonica e Coro die Torino della RAI Ltg. Henry Lewis © kulturradio vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) 4’20 www.kulturradio.de Giuseppe Verdi – 6. Folge Seite 7 von 8 „In dieser Zeit sah ich denn auch zum ersten Male den Propheten – den Propheten der neuen Welt: ich fühlte mich glücklich und erhoben, ließ alle wühlerischen Pläne fahren, die mir so gottlos erschienen .. Kommt das Genie und wirft uns in andere Bahnen, so folgt ein Begeisterter gern überall hin, selbst wenn er sich unfähig fühlt, in diesen Bahnen etwas leisten zu können.“ - das sagt nicht etwa Verdi, sondern Richard Wagner, in einem Brief an seinen Freund und Vertrauten Theodor Uhlig 1850. Natürlich bevor er in Paris selber so richtig auf die Nase fällt. - Absage Im Gegensatz zu Wagner aber, der später in wüsteste Beschimpfungen über Meyerbeer und Paris ausbricht und keinen Fuß mehr nach Frankreich setzt, hält Verdi Paris die Treue, und zwar lebenslang. Das ist interessant. Während Wagner sich nur für sich verwirklichen kann, auf dem Grünen Hügel von Bayreuth, pocht Verdi auf den sich wandelnden französischen Geschmack und darauf, dass seine Musik sich eines Tages schon durchsetzen werde. Was den „Propheten“ betrifft (insofern ist er ein gutes Beispiel), gibt es zeitgenössische Stimmen, die Meyerbeer bereits ein Nachlassen seiner Schaffenskraft unterstellen. Auch sorgen immer mehr komische Opern für Furore, es kündigt sich also ein kultureller Wandel an. Überhaupt muss man sich ja fragen, was das Publikum bei Meyerbeer mehr beeindruckt hat, die Macht der Musik, die Wucht der Stoffe – oder nicht doch eher der Hokuspokus der Inszenierung? Im „Propheten“ etwa kam seinerzeit eine ganz neue Lichttechnik zum Einsatz, transparente Bilder, so genannte Dioramen, wurden von hinten beleuchtet und ergaben einen gleichsam illusionistischen Effekt. Massenauftritte und ausgefeilte Choreografien taten ein Übriges. Für Wagner mag das anfangs alles verführerisch gewesen sein; Verdi empfand es schnell als zu grob und zu laut – und wer weiß, vielleicht sogar als Bestätigung seiner eigenen, so ganz anders gearteten Pläne. Musik 11 BMG LC: 00316 74321 40626 2 Track 219 Giacomo Meyerbeer „Die Afrikanerin“: „... Land so wunderbar“ Lauritz Melchior, Tenor (1929) 3'24 - Absage („O paradiso“) Es ist schon seltsam: Im 19. und noch im frühen 20. Jahrhundert ist die Oper ohne Giacomo Meyerbeer schlicht nicht denkbar. Heute hingegen müssen wir uns arg bemühen, ihn nicht ganz zu vergessen; heute ist die Oper ohne Verdi nicht denkbar (und ohne Wagner natürlich erst recht nicht). Das große klingende Historiengemälde à la Meyerbeer erfüllte seinerzeit offenbar alle Wünsche und Sehnsüchte der Grande Nation nach Glanz und Repräsentation, und bis zu einem gewissen Grad ließen sich diese Dimensionen sicher steigern. Das politische Zeitgeschehen, die Revolutionen von 1830 und 1848, änderten daran äußerlich wenig, zunächst jedenfalls: Das Bürgertum übernahm nicht nur die Herrschaft, sondern auch die alten Sehnsüchte. Innerlich aber änderte sich etwas, das Erstarken der Opéra comique habe ich schon erwähnt. Die Zukunft gehörte leichteren, liedhafteren, gefälligeren Genres, und Komponisten wie Ambroise Thomas oder Charles Gounod nahmen diese Tendenz begierig auf, zur Comique oder Bouffe gesellte sich ab den 1860er Jahren die Opéra Lyrique. Eine Entwicklung, die, wie man meinen sollte, Verdi entgegenkam, ihm buchstäblich in die Hände arbeitete. Doch was macht er, als er sich mit Schillers „Don Carlos“ 1867 noch einmal der Pariser Oper aussetzt und stellt? Er schreibt eine große historische Oper, mit allem, was dazugehört, als wollte er die Geister der Vergangenheit ein für allemal bannen. - Ansage © kulturradio vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) www.kulturradio.de Giuseppe Verdi – 6. Folge Musik 12 Decca LC: 00171 478 4975 Track 210 Seite 8 von 8 Giuseppe Verdi 9'14 „Don Carlos“: „Sire, la dernière heure a-t-elle donc sonné? ...“ Finale 3. Akt Ruggiero Raimondi, Bass Katia Riciarelli, Sopran Leo Nucci, Bariton Placido Domingo, Tenor Orchestra e Coro del Teatro alla Scala Ltg.: Claudio Abbado - Absage Mehr über „Don Carlos“ und sein Schicksal erfahren Sie am nächsten Sonntag. „Paris, Paris! Sant'Agata – Nachrichten aus Europas Opernhauptstadt“ - so hieß die sechste Folge unserer Sendereihe zu Giuseppe Verdi. Auch dieses Manuskript finden Sie wie alle anderen unter kulturradio.de im Internet. Mit Nummer sieben geht es nächste Woche hier weiter, dann beschäftige ich mich mit der Frage, warum Verdi doch kein Leierkastenmusiker ist – „Der Sog des Hm-tata“. Ich bin Christine Lemke-Matwey und wünsche Ihnen noch einen schönen Sonntag. © kulturradio vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) www.kulturradio.de