Projekt Achim Pilz Abb. 1: Nach seiner umfassenden Sanierung ist das spätgotische Fachwerkgebäude wieder leistungsfähig und ästhetisch. Sanierung Bezirksrathaus Bad Cannstatt Das Bezirksrathaus Bad Cannstatt ist heute leistungsfähiger als in den 500 Jahren seines Bestehens. Das Architekturbüro Manderscheid hat das Denkmal modern und bauphysikalisch robust interpretiert, seinen Charme erhalten und seinen Charakter intensiviert. D as Bad Cannstatter Bezirksrathaus wurde 1490/91 erbaut. Nach dem Ergebnis der Bauforschung wurde es vermutlich als Kornhaus und Marktgebäude genutzt. Im Stadtkreis Stuttgart ist es das mit Abstand größte erhaltene spätgotische Fachwerkgebäude – durchaus vergleichbar mit den Rathäusern von Esslingen und Tübingen. Seine klare Grundriss- und Fassadengestaltung als Speicher wurde damals auf hohem Niveau geplant und handwerklich-konstruktiv umgesetzt. Seine Struktur von fünf mal drei Achsquadraten mit Mittelflur erlaubte eine über 500 Jahre lange Nutzung (Abb. 6). Während dieser Zeit wurde es mehrfach grundlegend umgebaut und saniert, auch um gravierende Setzungsschäden auszugleichen. Denn eine Ecke liegt über einer Doline und ist um ca. 80 cm abgesunken. Im Laufe der Jahre waren auch die Böden im Gebäude deshalb teilweise aufgefüllt worden (Abb. 4). Denkmalgerechte Sanierung Seit 1966 ist das Rathaus ein im Denkmalbuch eingetragenes Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung. Schützenswerte Bauteile sind u. a. die historische Holz- und 12 Fachwerkkons­ truktion der Decken, Wände und des Dachstuhls, die besondere Ausbildung einiger Holzstützen und Unterzüge, Teile der Innenputze und der Glockenstuhl mit der Uhr. Bei der Sanierung wurden die Belange des Denkmalschutzes auf ebenso hohem Niveau erfüllt wie die der Bauherren. Es wurden ein neuer Eingang von Osten, eine Infotheke, ein Fahrstuhl und ein neues Treppenhaus eingebaut, das Fundament aufwendig verstärkt, Brand- und Schallschutz nachgebessert und neue Büroflächen geschaffen. Auch der Energieverbrauch wurde halbiert. Das Gebäude ist nun klarer, markanter und nach allen Himmelsrichtungen geöffnet. Die städtebaulich wichtige Fassade Richtung Marktplatz wurde repräsentativ umgestaltet. Auch die historisch großzügigen Innenräume des denkmalgeschützten Gebäudes stellte die Sanierung wieder her. Heute sind sie licht und hell. Architektonisch sind nicht nur unter dem Dach schöne Räume entstanden. Zudem ziehen neue Details die Aufmerksamkeit auf sich. Städtebau Während des Entwurfsprozesses war es relativ schnell klar, den alten Anbau auf der Ostseite, der Nebenräume beherbergt hatte, abzubrechen. Um diese und weitere Räume unterzubringen, entwarf das Architekturbüro einen modernen Anbau in Form einer Ellipse auf dem Marktplatz. In der Folge wurde zwischen dem elliptischen Anbau und ei- Bausubstanz 1 | 2017 Abb. 2: Über 500 Jahre alt ist das Bad Cannstatter Bezirksrathaus. (Postkarte mit Rathaus vor 1925) nem Ausbau des ersten Dachgeschosses abgewogen. Um den Blick auf die denkmalgeschützte Stadtkirche freizuhalten, wurde der Dachgeschoss­ ausbau weiter bearbeitet und im Osten ein neues Portal geschaffen. Es verleiht der Fassade eine repräsentative Erscheinung und stärkt die räumliche Verbindung zum gegenüberliegenden Verwaltungsgebäude (Abb. 3). Statik Der Dachgeschossausbau hatte weitreichende statische Folgen: Im ersten Dachgeschoss kamen Nutzlasten hinzu; zudem wurden alle neuen Deckenkonstruktionen aus Brand- und Schallschutzgründen schwerer. Dadurch wurde eine aufwendige Verstärkung der Bestandskonstruktion notwendig. Wo es ging, wurde der wider Erwarten umfangreiche Bestand an historischen Bauteilen wie Lehmwickel und Dielen erhalten. Da sich das Haus an seiner südöstlichen Ecke um 80 cm gesenkt hatte, waren das dortige Fachwerk und das Treppenhaus stark deformiert. Ein Betonturm, der an ihrer Stelle ins Gebäude eingesetzt wurde, überträgt die Kräfte in eine neue Abfangung Bausubstanz 1 | 2017 Abb. 3: Lageplan (Abb. 4). Die alten Fundamente wurden hier unterfangen und durch vorgespannte Streichbalken verstärkt. Eine brückenartig auskragende Fundamentkonstruktion leitet die Last des Betonturms über Gründungspfeiler in den tragfähigen Neckarkies (Abb. 5). Der Turm wurde in die historische Struktur von fünf mal drei Achsquadraten mit Mittelflur eingepasst (Abb. 10 und 13). Der Dachstuhl darüber konnte erhalten bleiben. Ablesbare Geschichte Das Gebäude soll durch die Sanierung seine abwechslungsreiche Geschichte erzählen – markant, wie mit den angedeuteten Fensterläden des Treppenhauses (Abb. 16). Diese ab­ strahieren die historischen Klappläden in modernem Streckmetall und können Fragen aufwerfen: Warum sehen sie so ähnlich wie die übrigen Läden aus, aber doch ganz anders? Die Antwort gibt bei näherer Betrachtung der Bau selbst. Die Fenster des neuen Treppenhauses aus Beton sind aus Brandschutzgründen nicht zu öffnen. Klappläden wären nicht zu nutzen gewesen. Darauf weist das Streckmetall hin. Der erste Abb. 4: Statisch aufwendig war das neue Treppenhaus inklusive Betonunterfangung über einer Doline. Hier war der Altbau um 80 cm abgesunken. Abb. 5: Gründungsplan 13 Projekt Abb. 6: Grundriss EG Abb. 7: Grundriss 1. OG Abb. 8: Grundriss 2. OG Abb. 9: Grundriss 1. DG 14 Entwurf hierzu sah Putzreliefs vor, die etwas zurückhaltender gewesen wären. Die Bauherren entschieden sich für die deutlichere Variante. Über die Baugeschichte informiert auch eine kleine Tafel unter einem gerahmten historischen Fachwerkfeld aus der Erbauungszeit in der Ostfassade. Auch es erzählt Geschichte: Beim Rückbau des Anbaus war dieses altehrwürdige Bauteil mit handwerklichen Spuren auf dem Tragwerk und authentischem Putz mit Resten alter Bemalung wieder sichtbar geworden – eine der vielen Überraschungen des Altbaus. Der Architekt entschied sich für eine zurückhaltende Inszenierung als »Fenster in die Geschichte«, das Nutzer und Passanten Baugeschichte erleben lässt (Abb. 17). Die Denkmalpflege hätte es lieber für die Bauforschung konserviert und geschützt. Ähnlich wurden die unerwartet aufgetauchten Gesimse aus dem 19. Jahrhundert an der Nordfassade sichtbar gemacht (Abb. 22). Zwei Holzstützen mit geschnitztem Kapitell aus dem ehemaligen Ratssaal des 19. Jahrhunderts im zweiten Obergeschoss behandelt Manderscheid besonders umsichtig: Er umfährt sie in respektvollem Abstand. Die massiven, auf ihrer Achse liegenden Wandstücke, die neue Büros zum Flur abtrennen, minimiert er und schafft so Raum. Den Versatz der dahintergestellten Wände betont er mit einer Glasfuge. Der abgestufte Stuckfries über dem zentralen Kapitell darf verschiedene Varianten innerhalb der Nutzungszeit zeigen. Andere Fehlstellen des historischen Stucks wurden durch einen dünnen Strich mit dem Bestand verbunden. Der Strich fährt die alten Formen ab – ein ruhiger, geschlossener Anblick (Abb. 20). Nur noch die Abb. 10: Längssschnitt 1 Abb. 11: Längssschnitt 2 Abb. 12: Längssschnitt 3 Bausubstanz 1 | 2017 Projekt Abb. 13: Querschnitte Stuckfriese verweisen heute interessierte Beobachter auf die repräsentative Größe des Ratssaals. Auch hier ist die Geschichte des Gebäudes ablesbar gemacht, ohne zu historisieren. Neues einfügen Die gestalterische Grundhaltung des in Altbausanierung erfahrenen Büros beschreibt Christoph Manderscheid: »Neues soll als solches erkennbar sein. Je wertvoller die Substanz, umso zurückhaltender wird das neue Bauteil eingefügt.« Diese Haltung zieht sich durch das gesamte Gebäude. Sie betrifft Details ebenso wie die große Form, etwa des Treppenhauses. Mitunter sieht man sie an schönen Details, die Übergänge schaffen, an der Verwendung von Halbzeugen, die ihre Materialhaftigkeit betonen und Fugen, die Raum schaffen zwischen Alt und Neu. Ein schönes Beispiel dafür ist die einfache Absturzsicherung vor den historischen Fenstern im Dachgeschoss (Abb. 21). Hier dürfen die industriellen Halbzeuge in ihrer Eigenheit weiterleben. Mitunter entstehen so moderne Ornamente: So rahmt das Streckmetall am Treppenhaus den Ausblick mit mäandernden Zacken. Hinter dem Streckmetall verspringt der Putz in Bändern, die auf die Schräge Bausubstanz 1 | 2017 Abb. 14: Ansicht Süd der angrenzenden Bestandswand eingehen. Auch die Stahlkonstruktion der Treppe ist an mehreren Stellen abgestuft. Die Tür des Ostportals ist verspielt mit flächigen und grafischen Elemente aus Kupfer gestaltet, die das Licht weicher machen (Abb. 23). Sie lenken den Blick, wie die geschnitzten Ornamente der historischen Eingangstür auf der Westseite. Mitunter bilden selbst die Verbindungsmittel eine Art Ornament wie die Schrauben in den Eichengewänden der Türen in den schrägen Bestandswänden. Sie erzählen davon, wie sie gefügt sind und betonen ihre räumliche Funktion. Bei solchen wichtigen Details entwirft das Büro im kleinen Maßstab. So sind die Wände, die den ehemaligen Ratssaal teilen, aus Holz, Glas und Blenden aus Eiche. Andere Details verstärken die räumliche Großzügigkeit. So sind die sehr viel Last tragenden Stützen im Erdgeschossflur dennoch dezent und leicht. Die filigranen Fugen der Feuerschutzverglasung des Treppenhauses sind kaum sichtbar. Luftdichtheit Die Fenster wurden abgedichtet. Der Außenputz stellt nicht nur den Schlagregenschutz, sondern auch die Winddichtigkeit des Gebäudes her. Durch diese verbesserte Abdichtung steigt der Dampfdruck in dem Denkmal. Un- Abb. 15: Anischt Ost und West 15 Projekt Abb. 16: Das neue Treppenhaus ist anders konstruiert und gedämmt als der übrige Bau – ablesbar an der abgestuften Dämmung und den abstrahierten Läden aus Streckmetall. dichtigkeiten könnten nun das Konstruktionsholz empfindlich schädigen. Deshalb wurde mitunter für das Denkmalamt unüblich detailliert. Eine He­ rausforderung waren etwa geschnitzte Balkenköpfe aus dem 19. Jahrhundert (Abb. 22). Sie tauchten bei den Sanierungsarbeiten unter den nördlichen Dachgesimsen auf. Ihr altes Holz ist gerissen – ein bauphysikalisches Problem, weil warme und feuchte Luft durch die Risse nach außen gelangen und dabei die Feuchtigkeit im Holz kondensieren würde. Zudem sollten sie außen sichtbar gemacht werden. Bei einem Termin mit der Denkmalpflege erklärten die Bauphysiker, wie wichtig eine innen durchgehende Dampfbremsebene an dieser Stelle ist, denn der Dampfdruck steigt nicht nur mit der verbesserten Abdichtung, sondern auch mit der Gebäudehöhe. Deshalb wurden die Stiche innen durchgesägt, ausgebaut, die Folie durchgezogen und die Balkenköpfe wieder eingebaut. Abb. 19: Auch im neu ausgebauten ersten Dachgeschoss gibt es einen Terrazzo als Boden. Abb. 17: Das Fenster in die Baugeschichte zeigt ein gut erhaltenes historisches Fachwerkfeld. Ein Unterdruck in den angrenzenden Räumen in der Heizperiode sorgt für trockene Hölzer trotz Rissigkeit. Bei dem historischen Sichtfachwerkfeld auf der Ostseite sind die Hölzer älter und damit erhaltenswerter (Abb. 17). Hier durften die Balkenköpfe nicht durchtrennt werden. Stattdessen wurde die Folie um die rissigen Hölzer geklebt. Um den Dampfdruck zu reduzieren, laufen in den Toiletten der angrenzenden Innenräume Lüfter in der Heizperiode durch. So entsteht ein Unterdruck, der kalte und trockene Außenluft nach innen zieht. Auch in der großen Nordgaube (Abb. 1), in der sich heute eine Teeküche befindet, wurde so detailliert. Da hier der Dampfdruck höher ist, wurden zudem die Fugen der Hölzer mit Kalkmörtel geschlossen. Er kann anfallendes Kondenswasser kapillar puffern. Die Nutzer wurden darüber aufgeklärt, damit sie die Lüftung nicht etwa irgendwann abschalten. Dachflächenfenster Abb. 18: Blick ins Dachgeschoss mit neuen Dachflächenfenstern 16 Die neuen Büros im Dachgeschoss belichten Dachflächenfenster, deren Schuppenstruktur gut zu der Dachdeckung mit Bieberschwänzen passt (Abb. 18). Aus der Fußgängerperspektive verändern sie kaum etwas an dem Denkmal. Ihre Lamellen mit Zweifach-Wärmeschutzgläsern lassen sich individuell motorisch öffnen. Auf der Südseite erhielten die Fenster ge- lochte Metallfolien als Sonnenschutz. Im Gegensatz zu sonst oft üblichen getönten Folien sind sie durch ihre gerichtete Lochung farbecht und ermöglichen zudem einen guten Ausblick in der Horizontalen. Die in den Gläsern liegenden Folien verschatten besonders im Sommer effizienter als getönte Scheiben und sind günstiger im Unterhalt als außen liegende Verschattungen. Im Winter ist ihr g-Wert knapp doppelt so hoch wie im Sommer. In den Sommernächten können die Fenster motorisch aufgefahren werden. Durch einen kleinen, effizienten Ventilator verstärkt, kann so gut quer gelüftet werden. So kühlt das Dachgeschoss nachts immer wieder herunter und die Temperatur schaukelt sich nicht auf. Messungen an mehreren heißen Sommertagen bestätigen, dass die tags angestiegenen Raumtemperaturen nachts wieder sinken. Historische Öffnungen Auf der Südseite gibt es mehrere sehr kleinen Gauben. Sowohl eine Außenals auch eine Innendämmung hätte sie verunstaltet. Sie wurden deshalb handwerklich instand gesetzt und die dazugehörigen historische Fenster repariert. Zur Wärmedämmung wurde innen in der Ebene der Sparren, in der auch das Dach gedämmt ist, eine zusätzliche Wärmeschutzverglasung eingebaut. Zur Belüftung kann sie geöffnet werden. In den Giebeln befinden sich historische Fenster (Abb. 18 und 21). Diese Bausubstanz 1 | 2017 Abb. 22: Für eine hohe Dichtigkeit wurden die historischen Balken mit den geschnitzten Köpfen abgetrennt, die Dampfbremse innen durchgezogen und die Köpfe wieder aufgesetzt. Abb. 20: Schlanke Holzprofile und vorgeblendete Sprossen zeichnen die neuen Fenster aus. wurden weitgehend erhalten und repariert. Sie erhielten ab dem unbeheizten zweiten Dachgeschoss keine Wärmeschutzverglasung. Im beheizten ersten Dachgeschoss wurde das obere Halbkreisfenster erhalten und mit einer innen vorgesetzten, demontierbaren Wärmeschutzverglasung zu einer Art Kastenfenster umgebaut. Fensterprofile In der Fassade waren vereinzelt Rahmen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert erhalten geblieben. Diese wurden repariert. Die übrigen bestehenden Fenster waren in den 1970er-Jahren eingebaut worden und wurden komplett erneuert. Bei den Profilen der neuen Fensterrahmen rang das Büro um jeden Millimeter. Die heute üblichen Fensterprofile sind so groß, dass Glasfläche verloren geht. Bei den relativ kleinen, historischen Fenstern fällt das besonders ins Gewicht. In Bad Cannstatt wurden besonders schlanke Profile in Anlehnung an den IV-56-Standard verwendet (Abb. 20). Sie lassen deutlich mehr Licht herein, als die bei Altbauten meist verwendeten IV-68-Profile aus Holz. Die Kanten der neuen Holzprofile wurden erst nach dem Zusammenbauen gebrochen. Damit bleiben die Stoßfugen zwischen den Profilen geschlossen. Dieses Detail wird heute oft wegen des rationelleren Zusammenbaus anders ausgeführt. Wasser kann bei geschlossenen Stoßfugen schlechter eindringen und das Holz zerstören. Die Rahmen sind dauer- Bausubstanz 1 | 2017 Abb. 21: Detailreichtum: der obere Teil dieser historischen Giebelfenster wurden mit einer Isolierverglasung zu einer Art Kastenfenster aufgerüstet. hafter. Die Holzlamellenläden aus den 1970er-Jahren wurden aufgearbeitet bzw. ergänzt. Sie können den sommerlichen Wärmeschutz verbessern. Kritische Fenster bzw. solche mit Läden, die wegen Blumenkästen schlecht geschlossen werden können, erhielten zusätzlich hochwertige Sonnenschutzgläser und innen liegende Flächenvorhänge als Blend- und Sonnenschutz. Mit all diesen Maßnahmen sind die historischen »Augen« des Gebäudes wiederhergestellt. Durch die handwerklich gekonnte Verarbeitung ist eine lange Lebensdauer zu erwarten. stand. Auch im Erdgeschoss spielte Christoph Manderscheid mit dem Thema Fenstergliederung und teilte die großen Öffnungen durch ein mit Abstand davor gesetztes senkrechtes Stahlprofil. Denkmalverträgliche Dämmung Die Dämmungen wurden denkmalverträglich ausgearbeitet. Die Bodenplatte wurde gedämmt, auf die Decke zum oberen, unbeheizten Dachraum wurde eine Dämmung aufgelegt. Das ausgebaute erste Dachgeschoss erhielt eine Zwischensparrendämmung, die Außenwände einen außen liegenden Dämmputz. Zur Verbesserung des Wärmeschutzes und zum Schutz des Fenstersprossen In den Obergeschossen forderte das Denkmalamt zwei­ flügelige Holzfenster mit einer angemessenen Feingliederung durch Sprossen. »Echte« Sprossen hätten allerdings das Wärmeschutzglas geteilt und den Primärenergiebedarf des Gebäudes um knapp 3 % erhöht. Auch innerhalb des Wärmeschutzglases eingebaute Sprossen sind energetisch nicht optimal und für das Büro gestalterisch fragwürdig. Um die Wärmeverluste zu reduzieren, wurden die Sprossen durch mit Abstand vorgesetzte Metallprofile ausgebildet. Zum Reinigen der Fenster haben sie ausreichend Ab- Abb. 23: An Stelle des östlichen Anbaus öffnet eine mit Licht spielende Tür das Gebäude zum Marktplatz. 17 Projekt Holzfachwerks erhielten sie ca. 7 cm Putz aus Kalk-Zement mit Perlit als Leichtzuschlag. Der abschließende Deckputz ist aus reinem Kalk, ungestrichen. Damit bleibt die altbautypische Lebendigkeit der Fassade erhalten. Eine Herausforderung war es, das neue Treppenhaus aus Leichtbeton mit dem gleichen reinen Kalk-Deckputz zu versehen. Als Wärmedämmung wurden deshalb zementgebundene Holzfaserplatten mit einem Kern aus Mineralwolle verwendet. Für diese gibt es eine Verarbeitungsnorm (DIN 1102), sodass nicht nach Systemzulassung gearbeitet werden muss. Sie wurden an die schrägen Bestandswände angepasst in Stärken von 5 bis 20 cm (mehrlagig) aufgedübelt. Kritik Details zu reich? Das Bezirksrathaus in Bad Cannstatt zeigt mit einer vielschichtigen Gestaltung eine komplexe Architektur. Gerade durch die eins zu eins entworfenen Details und die neu eingesetzten, historischen Materialien bleibt es unverwechselbar. Durch sie gibt es für die Nutzer des Gebäudes Neues und Altes mit allen Sinnen zu entdecken. Manchem Kritiker ist dieser Detailreichtum zu viel. Mit diesem Tenor wurde die Sanierung beim Ludwigsburger Architektur-Quartett Ende 2013 kritisiert. Amber Sayah, Kulturredakteurin der Stuttgarter Zeitung, leitete die Diskussion. In einem Zeitungsartikel hatte sie schon das pädagogische Prinzip des Gebäudes bemängelt und bissig die Läden aus Streckmetall als »selige Klappläden-Geister« bezeichnet. Ihr sind die Decken im Inneren nicht gerade genug und ihre Neugestaltung erscheint ihr »wie Schädlingsbefall«. Dr.-Ing. Wolfgang Bachmann, ehemaliger Chefredakteur des Baumeisters, schlug beim Architektur-Quartett in diese Bresche und meinte, es gebe viele Details, die an anderer Stelle schon besser realisiert worden wären. Hier zeigt sich eine Allianz der Theoretiker, die einer reduzierten Architektur und einer minimalistischen Ästhetik das Wort reden. Ist es, weil sie zu viele Architekturgazetten im Kopf haben, bei denen alles schön aufgeräumt und einfach erscheinen muss? Beim Architektur-Quartett bestätigt der einzige Praktiker in der Runde, Kilian Kada von kadawittfeldarchitektur, dem Ge­ bäude durchaus Charme. Auch die Architekturkritikerin Dr.-Ing. Ursula Baus lobt die Sanierung in ihrer Besprechung bei freie04: »Pragmatismus und spielerische Gelassenheit […] werden dem Rathaus bestens gerecht.« 18 Im Sockelbereich war eine schwierige Wärmebrücke zu entschärfen: Die Außenwand ist sehr dick. Da auf der Bodenplatte gedämmt worden war, war die Kehle zwischen Boden und Wand kaum tauwasserfrei nach Norm zu bekommen. Der Bauherr wollte dort 11 °C trotz der verwendeten Kalkmaterialien nicht akzeptieren. Deshalb wurde diese Wärmebrücke mit den direkt vor der Außenwand verlegten Zuleitungen der Heizkörper beheizt. Heizung Im Technikraum des Dachgeschosses wurde eine Gasbrennwerttherme zur Wärmeversorgung der Heizung eingebaut. Aufgrund ihrer Leistung bis maximal 60 kWh bleibt der Technikraum nur ein »Aufstellraum für Feuer­stätten«, ohne weiter gehende brandschutztechnische Anforderungen. Zur Wärmeverteilung wurden in den meisten Fällen neue Gliederheizkörper unter den Fenstern eingebaut, im Dachgeschoss Konvektoren unter den Dachfenstern (Abb. 21). Eine BAUDATEN Sanierungsobjekt: Bezirksrathaus Bad Cannstatt Konstruktion: spätgotisches Fachwerkgebäude Erbauung: 1491 Planung und Ausführung: 2007 bis 2013 Sanierungsbauherr: Stadt Stuttgart, Hochbauamt Architektur: Manderscheid Architekten, www.manderscheid-architekten.de HLS-Planung: Schreiber Ingenieure Gebäudetechnik GmbH, www.schreiber-ingenieure.de Bauphysik: Höfker Nocke Bückle Partnerschaft, www.hnb-bauphysik.de Brutto-Rauminhalt (BRI): 5850 m3 Netto-Grundfläche (NGF): 1084 m2 Dachfenster: Uw ≤ 2,00 W/(m²K) mit Mikroshade Sonnenschutz nach Süden Fenster: Uw = 1,40 W/(m2K) Bodenplatte: U = 0,30 W/(m2K) (mit 12 cm EPS 040) Außenwände: 0,87 W/(m2K) (im Mittel; mit 5 cm Wärmedämmputz) Decke zu unbeheiztem Dachraum: 0,13 W/(m2K) (6 cm MW 035, feuchte­ variable Dampfbremse, 20 cm MW 035, diffusionsoffene Unterdeckbahn) Dach mit Zwischensparrendämmung: 0,24 W/(m2K) (im Mittel; mit 3,5 cm Holzwolle-Leichtbauplatten, 3 cm MW 035, feuchtevariable Dampfbremse, 15 cm MW 035, diffusionsoffene Unterdeckbahn) Heizkörper: Röhrenheizkörper, Radiavektoren, Radiapanele Fotos: Christian Kandzia, Esslingen Bausubstanz 1 | 2017 Projekt Einzelraumregelung koppelt die raumweise steuer­bare Heizung mit den Fenstern. Das heißt, beim Öffnen des Fensters zum Lüften werden die im Raum befindlichen Thermostatventile geschlossen. Damit bleibt die individuelle Fensterlüftung möglich, unnötige Wärmeverluste werden jedoch reduziert. Auch dieser Zusammenhang wurde den Bauherren erläutert und in einer Beschreibung festgehalten. Strahlungsheizkörper unter der Infotheke (Abb. 24) verbessern die Aufenthaltsqualität dieser offenen Arbeitsplätze in der kalten Jahreszeit. Das öffentliche WC erhielt eine Fußbodenheizung, um stehendes Wasser abdunsten zu lassen. Materialien Abb. 24: Die neue Infotheke im Erdgeschoss Die Materialien schaffen positive Angebote für alle Sinne. Der Kalkputz im Innenraum ist mit Kalk weiß getüncht. So werden die Wände ein angenehmes Raumklima schaffen und die Luftfeuchtigkeit ausgleichen. Dämmputz und Oberputz der Fassade sind aus reinem Kalk und enthalten keine Biozide. Die Sandsteingewände der Eingangstür sind sparsam restauriert. Die Substanz ist gereinigt, gefestigt und gesichert, aber nicht ergänzt. Die Gewände des Treppenhauses sind aus sandgestrahltem Beton. Bei der Produktion wurde schwarzer Splitt in die Schalung eingestreut, sodass ihre Oberfläche besonders lebendig ist. sticht aus dem umgebenden Weiß hervor und macht so den Raum plastischer (Abb. 19). Das Leitsystem nimmt das Thema Streckmetall grafisch auf und fasst alle Informationen übersichtlich zusammen. Es fügt sich in die Gestaltung ein und ist angenehm sachlich. Außen wirkt der reine Kalkputz mit etwas hellem Ocker und Zuschlägen aus schwarzem Marmorsplitt edel. Die alten, geflickten Sandsteingewände sind direkt und klar im Ton des Putzes überstrichen. Die gründliche Sanierung, in enger Abstimmung mit den Denkmalschutzbehörden, erzeugt mehr Nutzungskomfort und lässt angenehme Materialien und handwerkliche Oberflächen erleben. Farbgestaltung Das zurückhaltende Farbkonzept konzentriert sich auf ein Veronesergrün der Fensterrahmen und ein damit korrespondierendes Blau. Dieses betont die Treppenkonstruktion und die Steelen vor wichtigen Einrichtungen. Die Fenster rahmen Ton in Ton den Blick auf die Kastanien des Marktplatzes. Zudem gibt es noch ein ganz lichtes Grün auf den Türen, vom Architekten »Malachit« genannt. Es erscheint wie der Widerschein des Tageslichts, das an den Fensterrahmen reflektiert wird. Dieser Hauch liegt auch auf den hinter die historischen Stützen gestellten Wänden. Sonst strahlt fast alles in klarem Kalkweiß, das den Raum vergrößert. Der Beton des Treppenhauses ist durch eine fette Kalkschlämme zurückhaltend mit dem übrigen, gekalkten Gebäude verbunden. In den unteren Geschossen sind auch die alten, plastischen Holzstützen mitsamt ihrer Sandsteinbasen weiß gestrichen, was den Raum zu einer Einheit verbindet. Nur im Dachgeschoss ist das Holztragwerk dunkel belassen. Es Bausubstanz 1 | 2017 INFO/KONTAKT Dipl.-Ing. Architekt Achim Pilz Ausbildung zum Physiklaboranten; Architekturstudium an den Universitäten Wien, Aachen, Stuttgart; Mitarbeit in deutschen (u. a. Johannes Manderscheid) und indischen Architekturbüros (u. a. Laurie Baker); seit 2000 Redakteur; seit 2002 freier Journalist, Buchautor (z.B. von »Lehm im Innenraum«, Fraunhofer IRB Verlag) und Referent; Schwerpunkte: nachhaltiges Bauen, Sanieren und Gestalten sowie Bauen mit Lehm und Baubiologie; Chefredakteur von »Wohnung + Gesundheit«. Bau|Satz Architektur|Journalismus Mahatma-Gandhi-Straße 29 70376 Stuttgart Tel.: 0711 25399964 E-Mail: [email protected] Internet: www.bau-satz.net 19