Sanierung Bezirksrathaus Bad Cannstatt

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Projekt
Achim Pilz
Abb. 1: Nach seiner umfassenden Sanierung ist das spätgotische Fachwerkgebäude
wieder leistungsfähig und ästhetisch.
Sanierung Bezirksrathaus Bad Cannstatt
Das Bezirksrathaus Bad Cannstatt ist heute leistungsfähiger als
in den 500 Jahren seines Bestehens. Das Architekturbüro Manderscheid hat das Denkmal modern und bauphysikalisch robust
interpretiert, seinen Charme erhalten und seinen Charakter intensiviert.
D
as Bad Cannstatter Bezirksrathaus wurde 1490/91 erbaut. Nach dem Ergebnis der Bauforschung wurde es
vermutlich als Kornhaus und Marktgebäude genutzt.
Im Stadtkreis Stuttgart ist es das mit Abstand größte erhaltene spätgotische Fachwerkgebäude – durchaus vergleichbar mit den Rathäusern von Esslingen und Tübingen. Seine
klare Grundriss- und Fassadengestaltung als Speicher wurde
damals auf hohem Niveau geplant und handwerklich-konstruktiv umgesetzt. Seine Struktur von fünf mal drei Achsquadraten mit Mittelflur erlaubte eine über 500 Jahre lange
Nutzung (Abb. 6). Während dieser Zeit wurde es mehrfach
grundlegend umgebaut und saniert, auch um gravierende
Setzungsschäden auszugleichen. Denn eine Ecke liegt über
einer Doline und ist um ca. 80 cm abgesunken. Im Laufe der
Jahre waren auch die Böden im Gebäude deshalb teilweise
aufgefüllt worden (Abb. 4).
Denkmalgerechte Sanierung
Seit 1966 ist das Rathaus ein im Denkmalbuch eingetragenes Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung. Schützenswerte Bauteile sind u. a. die historische Holz- und
12
Fachwerkkons­
truktion der Decken, Wände und des
Dachstuhls, die besondere Ausbildung einiger Holzstützen
und Unterzüge, Teile der Innenputze und der Glockenstuhl mit der Uhr. Bei der Sanierung wurden die Belange
des Denkmalschutzes auf ebenso hohem Niveau erfüllt
wie die der Bauherren. Es wurden ein neuer Eingang von
Osten, eine Infotheke, ein Fahrstuhl und ein neues Treppenhaus eingebaut, das Fundament aufwendig verstärkt,
Brand- und Schallschutz nachgebessert und neue Büroflächen geschaffen. Auch der Energieverbrauch wurde halbiert. Das Gebäude ist nun klarer, markanter und nach
allen Himmelsrichtungen geöffnet. Die städtebaulich
wichtige Fassade Richtung Marktplatz wurde repräsentativ
umgestaltet. Auch die historisch großzügigen Innenräume
des denkmalgeschützten Gebäudes stellte die Sanierung
wieder her. Heute sind sie licht und hell. Architektonisch
sind nicht nur unter dem Dach schöne Räume entstanden.
Zudem ziehen neue Details die Aufmerksamkeit auf sich.
Städtebau
Während des Entwurfsprozesses war es relativ schnell klar,
den alten Anbau auf der Ostseite, der Nebenräume beherbergt hatte, abzubrechen. Um diese und weitere Räume
unterzubringen, entwarf das Architekturbüro einen modernen Anbau in Form einer Ellipse auf dem Marktplatz. In
der Folge wurde zwischen dem elliptischen Anbau und ei-
Bausubstanz 1 | 2017
Abb. 2: Über 500 Jahre alt ist das Bad Cannstatter Bezirksrathaus. (Postkarte mit Rathaus vor 1925)
nem Ausbau des ersten Dachgeschosses abgewogen. Um den Blick auf die
denkmalgeschützte Stadtkirche freizuhalten, wurde der Dachgeschoss­
ausbau weiter bearbeitet und im Osten ein neues Portal geschaffen. Es
verleiht der Fassade eine repräsentative Erscheinung und stärkt die räumliche Verbindung zum gegenüberliegenden Verwaltungsgebäude (Abb. 3).
Statik
Der Dachgeschossausbau hatte weitreichende statische Folgen: Im ersten
Dachgeschoss kamen Nutzlasten hinzu; zudem wurden alle neuen Deckenkonstruktionen aus Brand- und Schallschutzgründen schwerer. Dadurch
wurde eine aufwendige Verstärkung
der Bestandskonstruktion notwendig.
Wo es ging, wurde der wider Erwarten
umfangreiche Bestand an historischen
Bauteilen wie Lehmwickel und Dielen
erhalten. Da sich das Haus an seiner
südöstlichen Ecke um 80 cm gesenkt
hatte, waren das dortige Fachwerk
und das Treppenhaus stark deformiert.
Ein Betonturm, der an ihrer Stelle ins
Gebäude eingesetzt wurde, überträgt
die Kräfte in eine neue Abfangung
Bausubstanz 1 | 2017
Abb. 3: Lageplan
(Abb. 4). Die alten Fundamente wurden hier unterfangen und durch vorgespannte Streichbalken verstärkt. Eine
brückenartig auskragende Fundamentkonstruktion leitet die Last des Betonturms über Gründungspfeiler in den
tragfähigen Neckarkies (Abb. 5). Der
Turm wurde in die historische Struktur
von fünf mal drei Achsquadraten mit
Mittelflur eingepasst (Abb. 10 und 13).
Der Dachstuhl darüber konnte erhalten bleiben.
Ablesbare Geschichte
Das Gebäude soll durch die Sanierung
seine abwechslungsreiche Geschichte
erzählen – markant, wie mit den angedeuteten Fensterläden des Treppenhauses (Abb. 16). Diese ab­
strahieren
die historischen Klappläden in modernem Streckmetall und können Fragen
aufwerfen: Warum sehen sie so ähnlich wie die übrigen Läden aus, aber
doch ganz anders? Die Antwort gibt
bei näherer Betrachtung der Bau selbst.
Die Fenster des neuen Treppenhauses
aus Beton sind aus Brandschutzgründen nicht zu öffnen. Klappläden wären nicht zu nutzen gewesen. Darauf
weist das Streckmetall hin. Der erste
Abb. 4: Statisch aufwendig war das neue Treppenhaus inklusive Betonunterfangung über einer Doline.
Hier war der Altbau um 80 cm abgesunken.
Abb. 5: Gründungsplan
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Projekt
Abb. 6: Grundriss EG
Abb. 7: Grundriss 1. OG
Abb. 8: Grundriss 2. OG
Abb. 9: Grundriss 1. DG
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Entwurf hierzu sah Putzreliefs vor, die
etwas zurückhaltender gewesen wären. Die Bauherren entschieden sich
für die deutlichere Variante.
Über die Baugeschichte informiert
auch eine kleine Tafel unter einem
gerahmten historischen Fachwerkfeld aus der Erbauungszeit in der Ostfassade. Auch es erzählt Geschichte:
Beim Rückbau des Anbaus war dieses
altehrwürdige Bauteil mit handwerklichen Spuren auf dem Tragwerk und
authentischem Putz mit Resten alter
Bemalung wieder sichtbar geworden –
eine der vielen Überraschungen des
Altbaus. Der Architekt entschied sich
für eine zurückhaltende Inszenierung
als »Fenster in die Geschichte«, das
Nutzer und Passanten Baugeschichte
erleben lässt (Abb. 17). Die Denkmalpflege hätte es lieber für die Bauforschung konserviert und geschützt.
Ähnlich wurden die unerwartet aufgetauchten Gesimse aus dem 19. Jahrhundert an der Nordfassade sichtbar
gemacht (Abb. 22). Zwei Holzstützen
mit geschnitztem Kapitell aus dem
ehemaligen Ratssaal des 19. Jahrhunderts im zweiten Obergeschoss behandelt Manderscheid besonders umsichtig: Er umfährt sie in respektvollem
Abstand. Die massiven, auf ihrer Achse
liegenden Wandstücke, die neue Büros
zum Flur abtrennen, minimiert er und
schafft so Raum. Den Versatz der dahintergestellten Wände betont er mit
einer Glasfuge. Der abgestufte Stuckfries über dem zentralen Kapitell darf
verschiedene Varianten innerhalb der
Nutzungszeit zeigen. Andere Fehlstellen des historischen Stucks wurden
durch einen dünnen Strich mit dem
Bestand verbunden. Der Strich fährt die
alten Formen ab – ein ruhiger, geschlossener Anblick (Abb. 20). Nur noch die
Abb. 10: Längssschnitt 1
Abb. 11: Längssschnitt 2
Abb. 12: Längssschnitt 3
Bausubstanz 1 | 2017
Projekt
Abb. 13: Querschnitte
Stuckfriese verweisen heute interessierte Beobachter auf die repräsentative
Größe des Ratssaals. Auch hier ist die
Geschichte des Gebäudes ablesbar gemacht, ohne zu historisieren.
Neues einfügen
Die gestalterische Grundhaltung des
in Altbausanierung erfahrenen Büros
beschreibt Christoph Manderscheid:
»Neues soll als solches erkennbar sein.
Je wertvoller die Substanz, umso zurückhaltender wird das neue Bauteil
eingefügt.« Diese Haltung zieht sich
durch das gesamte Gebäude. Sie betrifft Details ebenso wie die große
Form, etwa des Treppenhauses. Mitunter sieht man sie an schönen Details, die Übergänge schaffen, an der
Verwendung von Halbzeugen, die ihre
Materialhaftigkeit betonen und Fugen, die Raum schaffen zwischen Alt
und Neu. Ein schönes Beispiel dafür
ist die einfache Absturzsicherung vor
den historischen Fenstern im Dachgeschoss (Abb. 21). Hier dürfen die
industriellen Halbzeuge in ihrer Eigenheit weiterleben. Mitunter entstehen
so moderne Ornamente: So rahmt
das Streckmetall am Treppenhaus den
Ausblick mit mäandernden Zacken.
Hinter dem Streckmetall verspringt der
Putz in Bändern, die auf die Schräge
Bausubstanz 1 | 2017
Abb. 14: Ansicht Süd
der angrenzenden Bestandswand eingehen. Auch die Stahlkonstruktion
der Treppe ist an mehreren Stellen
abgestuft. Die Tür des Ostportals ist
verspielt mit flächigen und grafischen
Elemente aus Kupfer gestaltet, die das
Licht weicher machen (Abb. 23). Sie
lenken den Blick, wie die geschnitzten Ornamente der historischen Eingangstür auf der Westseite. Mitunter
bilden selbst die Verbindungsmittel
eine Art Ornament wie die Schrauben
in den Eichengewänden der Türen in
den schrägen Bestandswänden. Sie erzählen davon, wie sie gefügt sind und
betonen ihre räumliche Funktion. Bei
solchen wichtigen Details entwirft das
Büro im kleinen Maßstab. So sind die
Wände, die den ehemaligen Ratssaal
teilen, aus Holz, Glas und Blenden aus
Eiche. Andere Details verstärken die
räumliche Großzügigkeit. So sind die
sehr viel Last tragenden Stützen im
Erdgeschossflur dennoch dezent und
leicht. Die filigranen Fugen der Feuerschutzverglasung des Treppenhauses
sind kaum sichtbar.
Luftdichtheit
Die Fenster wurden abgedichtet. Der
Außenputz stellt nicht nur den Schlagregenschutz, sondern auch die Winddichtigkeit des Gebäudes her. Durch
diese verbesserte Abdichtung steigt
der Dampfdruck in dem Denkmal. Un-
Abb. 15: Anischt Ost und West
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Projekt
Abb. 16: Das neue Treppenhaus ist anders konstruiert
und gedämmt als der übrige Bau – ablesbar an der
abgestuften Dämmung und den abstrahierten Läden
aus Streckmetall.
dichtigkeiten könnten nun das Konstruktionsholz empfindlich schädigen.
Deshalb wurde mitunter für das Denkmalamt unüblich detailliert. Eine He­
rausforderung waren etwa geschnitzte
Balkenköpfe aus dem 19. Jahrhundert
(Abb. 22). Sie tauchten bei den Sanierungsarbeiten unter den nördlichen
Dachgesimsen auf. Ihr altes Holz ist gerissen – ein bauphysikalisches Problem,
weil warme und feuchte Luft durch die
Risse nach außen gelangen und dabei
die Feuchtigkeit im Holz kondensieren
würde. Zudem sollten sie außen sichtbar gemacht werden. Bei einem Termin
mit der Denkmalpflege erklärten die
Bauphysiker, wie wichtig eine innen
durchgehende Dampfbremsebene an
dieser Stelle ist, denn der Dampfdruck
steigt nicht nur mit der verbesserten
Abdichtung, sondern auch mit der Gebäudehöhe. Deshalb wurden die Stiche
innen durchgesägt, ausgebaut, die Folie durchgezogen und die Balkenköpfe
wieder eingebaut.
Abb. 19: Auch im neu ausgebauten ersten Dachgeschoss gibt es einen Terrazzo als Boden.
Abb. 17: Das Fenster in die Baugeschichte zeigt
ein gut erhaltenes historisches Fachwerkfeld. Ein
Unterdruck in den angrenzenden Räumen in der
Heizperiode sorgt für trockene Hölzer trotz Rissigkeit.
Bei dem historischen Sichtfachwerkfeld auf der Ostseite sind die
Hölzer älter und damit erhaltenswerter (Abb. 17). Hier durften die Balkenköpfe nicht durchtrennt werden. Stattdessen wurde die Folie um die rissigen
Hölzer geklebt. Um den Dampfdruck
zu reduzieren, laufen in den Toiletten
der angrenzenden Innenräume Lüfter
in der Heizperiode durch. So entsteht
ein Unterdruck, der kalte und trockene Außenluft nach innen zieht. Auch
in der großen Nordgaube (Abb. 1), in
der sich heute eine Teeküche befindet, wurde so detailliert. Da hier der
Dampfdruck höher ist, wurden zudem
die Fugen der Hölzer mit Kalkmörtel
geschlossen. Er kann anfallendes Kondenswasser kapillar puffern. Die Nutzer wurden darüber aufgeklärt, damit
sie die Lüftung nicht etwa irgendwann
abschalten.
Dachflächenfenster
Abb. 18: Blick ins Dachgeschoss mit neuen Dachflächenfenstern
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Die neuen Büros im Dachgeschoss
belichten Dachflächenfenster, deren
Schuppenstruktur gut zu der Dachdeckung mit Bieberschwänzen passt
(Abb. 18). Aus der Fußgängerperspektive verändern sie kaum etwas
an dem Denkmal. Ihre Lamellen mit
Zweifach-Wärmeschutzgläsern lassen
sich individuell motorisch öffnen. Auf
der Südseite erhielten die Fenster ge-
lochte Metallfolien als Sonnenschutz.
Im Gegensatz zu sonst oft üblichen
getönten Folien sind sie durch ihre
gerichtete Lochung farbecht und ermöglichen zudem einen guten Ausblick in der Horizontalen. Die in den
Gläsern liegenden Folien verschatten
besonders im Sommer effizienter als
getönte Scheiben und sind günstiger
im Unterhalt als außen liegende Verschattungen. Im Winter ist ihr g-Wert
knapp doppelt so hoch wie im Sommer. In den Sommernächten können
die Fenster motorisch aufgefahren
werden. Durch einen kleinen, effizienten Ventilator verstärkt, kann so
gut quer gelüftet werden. So kühlt das
Dachgeschoss nachts immer wieder
herunter und die Temperatur schaukelt sich nicht auf. Messungen an
mehreren heißen Sommertagen bestätigen, dass die tags angestiegenen
Raumtemperaturen nachts wieder
sinken.
Historische Öffnungen
Auf der Südseite gibt es mehrere sehr
kleinen Gauben. Sowohl eine Außenals auch eine Innendämmung hätte
sie verunstaltet. Sie wurden deshalb
handwerklich instand gesetzt und die
dazugehörigen historische Fenster repariert. Zur Wärmedämmung wurde
innen in der Ebene der Sparren, in
der auch das Dach gedämmt ist, eine
zusätzliche Wärmeschutzverglasung
eingebaut. Zur Belüftung kann sie geöffnet werden.
In den Giebeln befinden sich historische Fenster (Abb. 18 und 21). Diese
Bausubstanz 1 | 2017
Abb. 22: Für eine hohe Dichtigkeit wurden die
historischen Balken mit den geschnitzten Köpfen
abgetrennt, die Dampfbremse innen durchgezogen
und die Köpfe wieder aufgesetzt.
Abb. 20: Schlanke Holzprofile und vorgeblendete
Sprossen zeichnen die neuen Fenster aus.
wurden weitgehend erhalten und repariert. Sie erhielten ab dem unbeheizten zweiten Dachgeschoss keine Wärmeschutzverglasung. Im beheizten
ersten Dachgeschoss wurde das obere
Halbkreisfenster erhalten und mit einer innen vorgesetzten, demontierbaren Wärmeschutzverglasung zu einer
Art Kastenfenster umgebaut.
Fensterprofile
In der Fassade waren vereinzelt
Rahmen aus dem 19. und frühen
20. 
Jahrhundert erhalten geblieben.
Diese wurden repariert. Die übrigen
bestehenden Fenster waren in den
1970er-Jahren eingebaut worden und
wurden komplett erneuert. Bei den
Profilen der neuen Fensterrahmen
rang das Büro um jeden Millimeter.
Die heute üblichen Fensterprofile
sind so groß, dass Glasfläche verloren
geht. Bei den relativ kleinen, historischen Fenstern fällt das besonders ins
Gewicht. In Bad Cannstatt wurden
besonders schlanke Profile in Anlehnung an den IV-56-Standard verwendet (Abb. 20). Sie lassen deutlich mehr
Licht herein, als die bei Altbauten
meist verwendeten IV-68-Profile aus
Holz. Die Kanten der neuen Holzprofile wurden erst nach dem Zusammenbauen gebrochen. Damit bleiben
die Stoßfugen zwischen den Profilen
geschlossen. Dieses Detail wird heute
oft wegen des rationelleren Zusammenbaus anders ausgeführt. Wasser
kann bei geschlossenen Stoßfugen
schlechter eindringen und das Holz
zerstören. Die Rahmen sind dauer-
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Abb. 21: Detailreichtum: der obere Teil dieser historischen Giebelfenster wurden mit einer Isolierverglasung zu einer Art Kastenfenster aufgerüstet.
hafter. Die Holzlamellenläden aus
den 1970er-Jahren wurden aufgearbeitet bzw. ergänzt. Sie können den
sommerlichen Wärmeschutz verbessern. Kritische Fenster bzw. solche
mit Läden, die wegen Blumenkästen
schlecht geschlossen werden können,
erhielten zusätzlich hochwertige Sonnenschutzgläser und innen liegende
Flächenvorhänge als Blend- und Sonnenschutz. Mit all diesen Maßnahmen sind die historischen »Augen«
des Gebäudes wiederhergestellt.
Durch die handwerklich gekonnte
Verarbeitung ist eine lange Lebensdauer zu erwarten.
stand. Auch im Erdgeschoss spielte
Christoph Manderscheid mit dem
Thema Fenstergliederung und teilte
die großen Öffnungen durch ein mit
Abstand davor gesetztes senkrechtes
Stahlprofil.
Denkmalverträgliche Dämmung
Die Dämmungen wurden denkmalverträglich ausgearbeitet. Die Bodenplatte wurde gedämmt, auf die Decke
zum oberen, unbeheizten Dachraum
wurde eine Dämmung aufgelegt. Das
ausgebaute erste Dachgeschoss erhielt
eine Zwischensparrendämmung, die
Außenwände einen außen liegenden
Dämmputz. Zur Verbesserung des
Wärmeschutzes und zum Schutz des
Fenstersprossen
In den Obergeschossen forderte das
Denkmalamt zwei­
flügelige Holzfenster mit einer angemessenen Feingliederung durch Sprossen. »Echte«
Sprossen hätten allerdings das Wärmeschutzglas geteilt und den Primärenergiebedarf des Gebäudes um
knapp 3 % erhöht. Auch innerhalb
des Wärmeschutzglases eingebaute
Sprossen sind energetisch nicht optimal und für das Büro gestalterisch
fragwürdig. Um die Wärmeverluste
zu reduzieren, wurden die Sprossen
durch mit Abstand vorgesetzte Metallprofile ausgebildet. Zum Reinigen
der Fenster haben sie ausreichend Ab-
Abb. 23: An Stelle des östlichen Anbaus öffnet eine
mit Licht spielende Tür das Gebäude zum Marktplatz.
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Projekt
Holzfachwerks erhielten sie ca. 7 cm Putz aus Kalk-Zement
mit Perlit als Leichtzuschlag. Der abschließende Deckputz
ist aus reinem Kalk, ungestrichen. Damit bleibt die altbautypische Lebendigkeit der Fassade erhalten. Eine Herausforderung war es, das neue Treppenhaus aus Leichtbeton
mit dem gleichen reinen Kalk-Deckputz zu versehen. Als
Wärmedämmung wurden deshalb zementgebundene Holzfaserplatten mit einem Kern aus Mineralwolle verwendet.
Für diese gibt es eine Verarbeitungsnorm (DIN 1102), sodass
nicht nach Systemzulassung gearbeitet werden muss. Sie
wurden an die schrägen Bestandswände angepasst in Stärken von 5 bis 20 cm (mehrlagig) aufgedübelt.
Kritik
Details zu reich?
Das Bezirksrathaus in Bad Cannstatt zeigt mit einer vielschichtigen Gestaltung eine komplexe Architektur. Gerade durch die
eins zu eins entworfenen Details und die neu eingesetzten, historischen Materialien bleibt es unverwechselbar. Durch sie gibt
es für die Nutzer des Gebäudes Neues und Altes mit allen Sinnen zu entdecken. Manchem Kritiker ist dieser Detailreichtum
zu viel. Mit diesem Tenor wurde die Sanierung beim Ludwigsburger Architektur-Quartett Ende 2013 kritisiert. Amber Sayah,
Kulturredakteurin der Stuttgarter Zeitung, leitete die Diskussion.
In einem Zeitungsartikel hatte sie schon das pädagogische Prinzip des Gebäudes bemängelt und bissig die Läden aus Streckmetall als »selige Klappläden-Geister« bezeichnet. Ihr sind die
Decken im Inneren nicht gerade genug und ihre Neugestaltung
erscheint ihr »wie Schädlingsbefall«. Dr.-Ing. Wolfgang Bachmann, ehemaliger Chefredakteur des Baumeisters, schlug beim
Architektur-Quartett in diese Bresche und meinte, es gebe viele Details, die an anderer Stelle schon besser realisiert worden
wären. Hier zeigt sich eine Allianz der Theoretiker, die einer
reduzierten Architektur und einer minimalistischen Ästhetik das
Wort reden. Ist es, weil sie zu viele Architekturgazetten im Kopf
haben, bei denen alles schön aufgeräumt und einfach erscheinen
muss? Beim Architektur-Quartett bestätigt der einzige Praktiker
in der Runde, Kilian Kada von kadawittfeldarchitektur, dem Ge­
bäude durchaus Charme. Auch die Architekturkritikerin Dr.-Ing.
Ursula Baus lobt die Sanierung in ihrer Besprechung bei freie04:
»Pragmatismus und spielerische Gelassenheit […] werden dem
Rathaus bestens gerecht.«
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Im Sockelbereich war eine schwierige Wärmebrücke
zu entschärfen: Die Außenwand ist sehr dick. Da auf der
Bodenplatte gedämmt worden war, war die Kehle zwischen Boden und Wand kaum tauwasserfrei nach Norm
zu bekommen. Der Bauherr wollte dort 11 °C trotz der
verwendeten Kalkmaterialien nicht akzeptieren. Deshalb
wurde diese Wärmebrücke mit den direkt vor der Außenwand verlegten Zuleitungen der Heizkörper beheizt.
Heizung
Im Technikraum des Dachgeschosses wurde eine Gasbrennwerttherme zur Wärmeversorgung der Heizung eingebaut.
Aufgrund ihrer Leistung bis maximal 60 kWh bleibt der
Technikraum nur ein »Aufstellraum für Feuer­stätten«, ohne
weiter gehende brandschutztechnische Anforderungen. Zur
Wärmeverteilung wurden in den meisten Fällen neue Gliederheizkörper unter den Fenstern eingebaut, im Dachgeschoss Konvektoren unter den Dachfenstern (Abb. 21). Eine
BAUDATEN
Sanierungsobjekt: Bezirksrathaus Bad Cannstatt
Konstruktion: spätgotisches Fachwerkgebäude
Erbauung: 1491
Planung und Ausführung: 2007 bis 2013
Sanierungsbauherr: Stadt Stuttgart, Hochbauamt
Architektur: Manderscheid Architekten, www.manderscheid-architekten.de
HLS-Planung: Schreiber Ingenieure Gebäudetechnik GmbH,
www.schreiber-ingenieure.de
Bauphysik: Höfker Nocke Bückle Partnerschaft, www.hnb-bauphysik.de
Brutto-Rauminhalt (BRI): 5850 m3
Netto-Grundfläche (NGF): 1084 m2
Dachfenster: Uw ≤ 2,00 W/(m²K) mit Mikroshade Sonnenschutz nach Süden
Fenster: Uw = 1,40 W/(m2K)
Bodenplatte: U = 0,30 W/(m2K) (mit 12 cm EPS 040)
Außenwände: 0,87 W/(m2K) (im Mittel; mit 5 cm Wärmedämmputz)
Decke zu unbeheiztem Dachraum: 0,13 W/(m2K) (6 cm MW 035, feuchte­
variable Dampfbremse, 20 cm MW 035, diffusionsoffene Unterdeckbahn)
Dach mit Zwischensparrendämmung: 0,24 W/(m2K) (im Mittel; mit 3,5 cm
Holzwolle-Leichtbauplatten, 3 cm MW 035, feuchtevariable Dampfbremse,
15 cm MW 035, diffusionsoffene Unterdeckbahn)
Heizkörper: Röhrenheizkörper, Radiavektoren, Radiapanele
Fotos: Christian Kandzia, Esslingen
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Projekt
Einzelraumregelung koppelt die raumweise steuer­bare Heizung mit den Fenstern. Das heißt, beim Öffnen des Fensters zum Lüften werden die im Raum befindlichen Thermostatventile geschlossen. Damit bleibt die individuelle
Fensterlüftung möglich, unnötige Wärmeverluste werden
jedoch reduziert. Auch dieser Zusammenhang wurde den
Bauherren erläutert und in einer Beschreibung festgehalten.
Strahlungsheizkörper unter der Infotheke (Abb. 24) verbessern die Aufenthaltsqualität dieser offenen Arbeitsplätze in
der kalten Jahreszeit. Das öffentliche WC erhielt eine Fußbodenheizung, um stehendes Wasser abdunsten zu lassen.
Materialien
Abb. 24: Die neue Infotheke im Erdgeschoss
Die Materialien schaffen positive Angebote für alle Sinne.
Der Kalkputz im Innenraum ist mit Kalk weiß getüncht.
So werden die Wände ein angenehmes Raumklima schaffen und die Luftfeuchtigkeit ausgleichen. Dämmputz und
Oberputz der Fassade sind aus reinem Kalk und enthalten
keine Biozide. Die Sandsteingewände der Eingangstür sind
sparsam restauriert. Die Substanz ist gereinigt, gefestigt und
gesichert, aber nicht ergänzt. Die Gewände des Treppenhauses sind aus sandgestrahltem Beton. Bei der Produktion
wurde schwarzer Splitt in die Schalung eingestreut, sodass
ihre Oberfläche besonders lebendig ist.
sticht aus dem umgebenden Weiß hervor und macht so den
Raum plastischer (Abb. 19). Das Leitsystem nimmt das Thema Streckmetall grafisch auf und fasst alle Informationen
übersichtlich zusammen. Es fügt sich in die Gestaltung ein
und ist angenehm sachlich. Außen wirkt der reine Kalkputz
mit etwas hellem Ocker und Zuschlägen aus schwarzem
Marmorsplitt edel. Die alten, geflickten Sandsteingewände
sind direkt und klar im Ton des Putzes überstrichen.
Die gründliche Sanierung, in enger Abstimmung mit
den Denkmalschutzbehörden, erzeugt mehr Nutzungskomfort und lässt angenehme Materialien und handwerkliche Oberflächen erleben.
Farbgestaltung
Das zurückhaltende Farbkonzept konzentriert sich auf ein
Veronesergrün der Fensterrahmen und ein damit korrespondierendes Blau. Dieses betont die Treppenkonstruktion
und die Steelen vor wichtigen Einrichtungen. Die Fenster
rahmen Ton in Ton den Blick auf die Kastanien des Marktplatzes. Zudem gibt es noch ein ganz lichtes Grün auf den
Türen, vom Architekten »Malachit« genannt. Es erscheint
wie der Widerschein des Tageslichts, das an den Fensterrahmen reflektiert wird. Dieser Hauch liegt auch auf den hinter
die historischen Stützen gestellten Wänden. Sonst strahlt
fast alles in klarem Kalkweiß, das den Raum vergrößert. Der
Beton des Treppenhauses ist durch eine fette Kalkschlämme
zurückhaltend mit dem übrigen, gekalkten Gebäude verbunden. In den unteren Geschossen sind auch die alten,
plastischen Holzstützen mitsamt ihrer Sandsteinbasen weiß
gestrichen, was den Raum zu einer Einheit verbindet. Nur
im Dachgeschoss ist das Holztragwerk dunkel belassen. Es
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INFO/KONTAKT
Dipl.-Ing. Architekt Achim Pilz
Ausbildung zum Physiklaboranten; Architekturstudium an den Universitäten
Wien, Aachen, Stuttgart; Mitarbeit in deutschen (u. a. Johannes Manderscheid)
und indischen Architekturbüros (u. a. Laurie Baker); seit 2000 Redakteur; seit
2002 freier Journalist, Buchautor (z.B. von »Lehm im Innenraum«, Fraunhofer
IRB Verlag) und Referent; Schwerpunkte: nachhaltiges Bauen, Sanieren und
Gestalten sowie Bauen mit Lehm und Baubiologie; Chefredakteur von
»Wohnung + Gesundheit«.
Bau|Satz Architektur|Journalismus
Mahatma-Gandhi-Straße 29
70376 Stuttgart
Tel.: 0711 25399964
E-Mail: [email protected]
Internet: www.bau-satz.net
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