Spectrum Für die Nase bauen

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Volksschule
Kirchdorf 2
6933 Doren, Österreich
Für die Nase bauen
SAMMLUNG
Wie man zeitgenössische Architektur mitten in eine traditionelle Dorfstruktur setzt;
und wie man kreativ die Schulbauverordnung unterläuft: ein Lehrbeispiel aus
Vorarlberg von Cukrowicz.Nachbaur.
ARCHITEKTIN
von Liesbeth Waechter-Böhm
Moderne, zeitgenössische Architektur mitten in eine traditionelle Dorfstruktur zu setzen ist
ein Problem. Oft eine Frage des Maßstabs, immer eine Frage des architektonischen
Ausdrucks. In der kleinen Gemeinde Doren (1000 Einwohner) im Vorderen Bregenzerwald
lässt sich dieses Thema wieder einmal studieren: am Beispiel einer Volksschule mit
Kindergarten und Turnhalle, die, von "Cukrowicz.Nachbaur Architekten" geplant, im
"Herzen" des Dorfes, gleich neben Kirche und Friedhof, realisiert wurde.
Spectrum
Cukrowicz Nachbaur Architekten
BAUHERRIN
Gemeinde Doren
STATIK
Mader & Flatz
ÖRTLICHE BAUAUFSICHT
Albrecht Bau- und Projektmanagement
FUNKTION
Bildung
PLANUNG
2001 - 2003
Man muss vielleicht vorweg sagen, dass das landschaftliche Umfeld einfach spektakulär
ist. Die Schule ist auf einem Hang errichtet, der vom tiefsten Punkt an der Straße bis hinauf AUSFÜHRUNG
2002 - 2003
zum Kinderspielplatz immerhin ein Gefälle von 20 Metern hat. Aber wenn man da oben,
sozusagen auf dem höchsten Punkt des Schulgeländes, nur ein paar Schritte weitergeht,
MITARBEIT PLANUNG
Markus Cukrowicz, Georg Bechter
übrigens vorbei an Roland Gnaigers Kinderspielhaus, dann kommt da ein Wasserfall von
den Bergen herunter, und man steht wirklich vor einem beeindruckend malerischen
Aufgrund der Bildrechte kann es zu Unterschieden
"Natur-Bild". Noch viel eindrucksvoller ist aber der Fernblick: An schönen Tagen sieht man zwischen der HTML- und der Printversion kommen.
da fünf Bergrücken hintereinander gestaffelt!
Den Architekten war das natürlich bewusst. Es wird einem sofort klar, wenn man durch ihr
Gebäude geht. Die geschoßweise unterschiedliche Orientierung hat auch mit diesem
Fernblick zu tun: Man steht immer wieder vor einem anderen durch die Öffnungen in der
Fassade quasi gerahmten Landschaftsbild.
Aber das ist gewissermaßen nur ein angenehmer Nebenaspekt des Entwurfs von
"Cukrowicz.Nachbaur Architekten". Was wirklich wichtig dabei ist, was auch über diesen
speziellen Bau hinausweist, das ist einerseits die Frage des Umgangs mit der Kubatur, das
ist andererseits die Art und Weise des Innenausbaus.
Man muss sich vorstellen, dass der Bauplatz ziemlich klein ist. Es stand dort eine
Volksschule, die aber in so schlechtem Zustand war, dass sie auf jeden Fall abgerissen
werden musste. Schwierig war allerdings das Programm: Turnhalle, Kindergarten, Räume
für die Lehrer, Mehrzweckraum, vier Klassenzimmer, zwei Werkräume - das ist nicht ganz
leicht unterzubringen, wenn man kaum Platz hat. Das Kinderhaus von Roland Gnaiger
wurde daher auch für den Abbruch freigegeben. "Cukrowicz.Nachbaur Architekten" haben
von dieser Möglichkeit - man möchte sagen "natürlich", denn es handelt sich um eine
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architektonische Ehrensache unter Kollegen - keinen Gebrauch gemacht. Sie haben
vielmehr ein unheimlich kompaktes Gebäude entwickelt, das all die unterschiedlichen
Funktionen auf fünf Geschoßen - im Dorf an sich eine unmögliche Gebäudehöhe unterbringt, aber mit so viel Geschick, auch unter Ausnutzung der Hanglage, dass selbst
vom tiefsten Punkt an der Straße nur vier Geschoße sichtbar sind.
Jedenfalls fiel die Entscheidung der Jury im Wettbewerb von 2001 auch auf Grund dieser
Voraussetzungen klar und eindeutig aus. Alle anderen Projekte haben einfach viel mehr
Platz beansprucht.
Das Gebäude ist aus Sichtbeton und hat ein Flachdach. Rundherum sind natürlich
Satteldächer, Sichtbeton gibt es sowieso keinen. Letzterer ist, man weiß es, das
Lieblingsmaterial heutiger Architekten, der Großteil der Bevölkerung tut sich trotzdem
schwer damit. In Doren kann man aber studieren, was dieses Material auch in Bezug auf
den architektonischen Ausdruck in einem traditionellen Umfeld leistet: Es drängt sich
überhaupt nicht vor, es gebärdet sich geradezu bescheiden.
Dabei sind "Cukrowicz.Nachbaur Architekten" äußerst überlegt damit umgegangen. Es gibt
ihn nur da, wo er tragend ist, also an den Fassaden und in Form raumüberspannender
Träger, die über die gesamte Gebäudetiefe reichen und in die jeweils eine große Öffnung
geschnitten ist - da liegt die Erschließung. Hinzugefügt werden muss unbedingt: Die
Qualität des Sichtbetons ist sensationell, da stimmt jede Kante. Und selbst ein winziges
Detail wie die bündig in der Wand des Stiegenhauses sitzenden Handläufe - 20 Zentimeter
Einsparung bei der Gebäudetiefe, aber wie kompliziert für die Schalung! - wurde perfekt
umgesetzt.
Straßenseitig betritt man das Gebäude, kommt in einen Windfang und danach in ein Foyer.
Zuvor sieht man schon von außen, links vom Eingang durch große Verglasungen in den
eingegrabenen Turnsaal, eine Kleinturnhalle mit fünf Metern Raumhöhe bei zehn mal 18
Metern Grundfläche; das Foyer selbst hat übrigens nur eine Raumhöhe von 2,30 Metern.
Das ist aber gar nicht unangenehm, und durch den Ausblick in den Turnsaal mit seiner
großen Raumhöhe ist man schon darauf eingestimmt, dass dahinter andere, höhere
Räume kommen.
Die Architekten haben da wirklich etwas geleistet. Denn sie haben die Vorarlberger
Schulbauverordnung in zweierlei Hinsicht unterlaufen. Erstens haben sie - und das ist
insofern überraschend, als es wirklich positiv verbucht werden muss - die Raumhöhen um
zehn Prozent reduziert, also von 3,20 Metern auf 2,90. Und zweitens haben sie
durchgesetzt, dass zum ersten Mal in Österreich in einer Schule unbehandelte
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Oberflächen - Holzoberflächen aus Weißtanne, auf dem Boden sogar sägerau zugelassen wurden.
Zunächst zur Raumhöhe: Die Reduktion hat natürlich maßgeblich dazu beigetragen, dass
der Baukörper so minimiert ist. Sie wurde allerdings nur möglich, weil die Architekten eine
kontrollierte Be- und Entlüftung vorgeschlagen haben. Die bisherige, eigentlich zwingend
vorgeschriebene Raumhöhe basiert auf der Voraussetzung einer Fensterlüftung. Heute
gibt es dazu Alternativen. Und wenn man die in ihren Auswirkungen durchdenkt, dann stellt
sich die Einsicht ein, dass man diese Raumhöhen gar nicht braucht. Volksschüler sind
klein, und die Lehrer sind auch nicht so groß, dass sie über drei Meter hohe Räume
zwingend brauchen würden. Für den Bau - und sein Verhältnis zur Umgebung - hat diese
Maßnahme wirklich etwas gebracht. Ich frage mich, ob es in der Bundeshauptstadt auch
so einsichtige Behörden und Bauherrn gibt . . .
Und dann dieser Innenausbau mit der Weißtanne! Die unbehandelten Oberflächen! Das ist
ja die reinste Geruchsarchitektur! In diesen Räumen gibt es einen Duft, nicht aufdringlich,
aber so wohltuend - die Kinder sind zu beneiden. Und man glaubt es nicht: Die Böden sind
derartig sauber - die Architekten sagen, sie sind selbstreinigend -, dass man sich kaum
vorstellen kann, dass die Schule längst in Betrieb ist.
Übrigens sind die Klassen ganz besonders schön: Die Kinder sitzen an Einzeltischen eines
Schweizer Herstellers, die mit einem Handgriff höhenverstellbar und auch in der
Tischplattenneigung verstellbar sind. Das ist natürlich viel teurer als ein herkömmliches
Programm. Aber es ist halt auch viel besser. Und der Schuldirektor, der Bürgermeister,
alle, die bei diesem Bau mitzureden hatten, haben eingesehen, dass damit etwas
gewonnen ist: Wohlbefinden. Gerade für die Kleinsten.
Ich glaube nicht, dass man im Osten Österreichs derzeit ein solches Projekt - in dieser
Qualität - umsetzen könnte. Vorarlberg ist wirklich, es gibt keinen Zweifel, ein gesegnetes
Architektur-Land.
Spectrum, 11.10.2003
WEITERE TEXTE
Volksschule, Az W, 26.09.2003
Eine Schule des Geruchs, Renate Breuß, zuschnitt, 15.09.2004
Volksschule in Doren, Renate Breuß, Sandra Hofmeister, Baumeister, 05.09.2005
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