ADHS Hauptvorlesung Psychiatrie SS16

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ADHS
Hauptvorlesung Psychiatrie SS16
J. M. Fegert, Ulm
12. Mai 2016
Gliederung
ADHS in den Schlagzeilen
ADHS Häufigkeit
ADHS Symptome
ADHS Pathophysiologie
ADHS medikamentöse Therapie
Emotionalisierung der Medikamentenverschreibungen
Kraftklub – Ritalin/Medikinet
Ich würd meine Lehrer gern mal wieder sehen
Ich hab so viel zu erzählen, so viel ist geschehen,
seit der 10.
Ich bin nicht mehr in der Pubertät, eigentlich unfassbar
War ja keine Phase, war ja mein Charakter
Alle kommen zu dir um zu retten, was zu retten ist
Du musst dich konzentrieren
Also nimm die scheiß Tabletten jetzt
Je mehr Ritalin, desto weniger Stress
A zu dem D zu dem H zu dem S
Nie, nie, nie, nie wieder Ritalin
Nie, nie, nie, nie wieder Medikinet
Nie wieder, nie wieder, nie wieder,
nie wieder Ritalin
Nie wieder, nie wieder, nie wieder,
nie wieder Medikinet
Kraftklub – Ritalin/Medikinet
Raus mit dir, stundenlang auf dem Gang vor der Tür
Bis er es irgendwann kapiert, danke dafür
Hat nichts gebracht, aber der Wille war der
1,2 Pillen am Tag und der Kerl ist normal
Vielleicht ein bisschen apathisch, gehört dazu
Solange er dasitzt und niemanden stört, ist alles gut
Wenn er sagt er hat Matsch im Kopf (Matschkopf)
Dann erhöhen wir die Dosis weil der Junge quatscht ja immer noch
Wir haben euch enttäuscht, Erwartungen nicht erfüllt
Wir tragen keine Westen und wir tragen keinen Müll
Wir wissen auch nicht was los ist, weil eigentlich haben wir
auch immer noch keinen einzigen Klositz gereinigt
Auf keiner Raststätte, wir haben nichts von alledem geschafft
Waren nie in der Klapse, waren nie im Knast
Wir nehmen nicht mal Drogen, jetzt nicht mehr
Die letzten Tabletten sind sechs Jahre her
http://www.youtube.com/watch?v=_Mv7sJxn0-A
There is no such thing as a free
lunch…
Angell
ADHS und ihre Behandlung
in den Schlagzeilen
Hyperaktive
Kinder
im
Pillenrausch
Der kleine Kreis.
34 Kilo. Die Menge,
die 1993 in
Deutschland
verschrieben wurde.
Ilustration F.A.S.
Der große Kreis.
1,8 Tonnen. Die
Menge an Wirkstoff,
die 2010 in
Deutschland
verschrieben wurde.
Sonntagszeitung vom
12. Februar 2012
DER SPIEGEL 31 / 2012
DER SPIEGEL 31 / 2012
ADHS
DER SPIEGEL
vom 15.7.2002
Der Struwwelpeter
Aquarellierte Federzeichnung von
Heinrich Hoffmann 1844.
Dr. Heinrich-Hoffmann-Medaille
Vorlesung Innere Medizin in Heidelberg
nach dem Mittagessen
Vorlesung des Internisten Friedrich August Puchelt an der Universität Heidelberg :
„So nach Tisch ist niemand aufgelegt, zuzuhören … War es ein Wunder, wenn es in
seinem Kolleg nach einer Viertelstunde … so aussah, wie ich es damals zu zeichnen
pflegte.“
Federzeichnung von Heinrich Hoffmann (um 1830)
Zusammenfassung Barmer GEK Report 2013
Gesamtanstieg der Diagnoseraten von hyperkinetischen
Störungen in Deutschland nach ICD-10 (nur sichere Diagnosen)
zwischen 2006 – 2012 um 49 %.
2006 wurden 2,9 % aller Jugendlichen im Alter von
0 – 19 Jahren mit einer hyperkinetischen Störung diagnostiziert
2011 waren es 4,14 %
Am häufigsten ist die Diagnose bei 9 – 11-Jährigen, 8,1 % der
Fälle.
In der Altersgruppe der 10-Jährigen:
- knapp 12 % der Jungen,
- knapp 4,4 % der Mädchen
Verordnungsraten
Im Alter von 0 – 19 Jahren erhielten 2 % eine ADHS spezifische
Arzneimittelverordnung
Höchste Verordnungsrate für Methylphenidat im Alter von
10 – 14 Jahren (7 % der Jungen, 2 % der Mädchen)
Erneute Anfrage bei Helsana nach schweizer Daten (diesmal
keine Auskunft, da man in der Schweiz, zusammen mit anderen
Krankenversicherungen etwas ähnliches wie den Barmer GEK
Report plane)
Well, I'm not going to give my baby
any more dangerous drugs. From now
on, it's nothing but fresh air, lots of
hugs, and good old-fashioned Ritalin.
Verunsicherungen in der Pharmakotherapie und
Auswirkungen auf Praxis
•Verschiedene „Skandale“ und Entwicklungen in
den letzten Jahren zeigen (große)
Wissenslücken über Pharmakotherapie bei
Minderjährigen auf
•► Verunsicherung der Eltern/Patienten
•► „Lieber abwarten, bevor ein Medikament
gegeben wird“
•► Trend zu „sicherer“ Naturheilkunde
•► Angst vor klinischen Prüfungen, die aber
notwendig sind, um die Arzneimittelsituation für
Minderjährige zu verbesern
Definition
Kernsymptome
Unaufmerksamkeit
Motorische Hyperaktivität
Mangelnde Impulskontrolle
•
•
•
•
•
Beginn in Kindheit
Nicht Alter, Intelligenz entsprechend
Dauer (mindestens 6 Monate)
Beeinträchtigungen in mind. 2 Lebensbereichen
Nicht durch eine andere psychische Störung
erklärbar
Klinische Relevanz
ADHS ist eine häufige Störung: 3-6%
ADHS ist eine chronische Störung
– 30-60% Persistenz frühes Erwachsenenalter
Assoziierte Störungen sind der Regelfall
– Ca. 65-80 % mind. 1 assoziierte Störung
– > 50 % mindestens 2 assoziierte Störungen
ADHS führt oft zu psychosozialen Beeinträchtigungen
– Z.B. schulische & berufliche Entwicklung, soziale Beziehungen,
Unfallrisiko, Delinquenz
Epidemiologische Prävalenz
ADHS ist eine häufige Störung: 3-6%
Polanczyk et al., 2007
Deutschland:
Diagnoseprävalenz im
internationalen Vergleich
im Mittelfeld
JAACAP, 2013
Was kennzeichnet ADHS / ADS oder HKS?
Unaufmerksamkeit
Hyperaktivität
Impulsivität
Symptome treten mindestens in zwei unterschiedlichen
settings auf (meist Schule und zu Hause)
Manifestation vor dem 7. Lebensjahr und Dauer von mindestens 6 Monaten
Nach DSM-5 (Diagnostic and Statistical Manual,
American Psychiatric Association, 1994) gibt es
3 Subtypen:
Der unaufmerksame Typ (IN),
der hyperaktive-impulsive Typ (HI),
der kombinierte Typ (CB)
CB entspricht am ehesten der
hyperkinetischen Störung nach ICD 10 (F 90)
In der ICD 10 kann die häufige Komorbidität mit
Störung des Sozialverhalten extra diagnostiziert werden
Symptomatik
Die zehn wichtigsten Symptome bei ADHS:
Unaufmerksamkeit und leichte Ablenkbarkeit
Hyperaktiv und/oder verträumt
Impulsivität
Vergesslichkeit und schlechtes Kurzzeitgedächtnis
das Kind wirkt zerstreut und chaotisch
große Probleme beim Einhalten von Regeln
Schul- und Lernprobleme, Vermeidungsverhalten beim Lernen
Große Stimmungsschwankungen in kurzer Zeit
Geringer Selbstwert Problematisches Sozialverhalten, gliedert sich nicht in
Gruppen ein
Häufigste Komorbiditäten und
Differentialdiagnosen
 Teilleistungsstörungen*
 Lernbehinderung
 Störung des Sozialverhaltens
 oppositionelle Verhaltensstörung
 Angststörung
 Zwangstörung
 posttraumatische Belastungsstörung
 Depression
 bipolare Störung
 Tic-Störungen
 Anpassungsstörungen
*
- Rezeptive Sprachstörungen
- Lese- und Rechtschreibstörung
- Umschriebene Entwicklungsstörung
der motorischen Funktionen
Gen – Umwelt Interaktionen
Wechselwirkungen zwischen Risikofakoren
sind von entscheidender Bedeutung
Theorien zur Entstehung von ADHS
Genetik
Umwelteinflüsse
Veränderungen im
neuronalen Netzwerk
Pränatale Infektionen
und Stress
Epigenetische Veränderungen
Veränderungen in
Neurotransmittersystemen
Toxische Schädigung
Ernährung
Pathophysiologie
Krankheitsgene
Umweltfaktoren
Neurobiologische
Abweichungen
Endophänotypen
Neuropsychologische
Abweichungen
Phänotyp
Keine ADHS
ADHS
Unterschiedlicher Ausprägungsgrad
Modifiziert nach Williams et al., Am J Psychiatry, 2012
ADHS: Genetik
Zwillingsstudien zeigen eine hohe genetische
Vulnerabilität
(> 2000 Paare, monozygote 50-80% Konkordanz,
Dizygote 35%)
Adoptionsstudien zeigten einen stärkeren
Genetischen Einfluss als gemeinsame Umwelt.
Geschwister: Prävalenz 2-4x höher
Eltern: Prävalenz 8 – 10x höher
Kinder von Eltern mit ADHS: 60%
Integrated Genome-Wide Association Study Findings:
Identification of a Neurodevelopmental Network for ADHD
Ergebnisse: 45 von 85 der „top-ranked“ ADHS Kandidatengene lassen sich in ein
neuronales Entwicklungsnetzwerk einfügen, das direkt in Neuritenwachstum
involviert ist.
Poelmans et al., Am J Psychiatry, 2011
ADHS: Umweltfaktoren
- Frühgeburtlichkeit (Hypoxie)
- Nikotin und Alkohol, Drogen,
Medikamente in utero
- psychosozialer Stress in der
Schwangerschaft
- Blei (?)
- Diät(?)
Das Dopaminerge Belohnungssystem
Bei ADHS
Mechanismus des MPH Effekts
H+ Cl-
DA
Ca++
DA
Ca++
ATP
MPH
DA
MPH
Na+
Na+ Cl-
DAT
Na+
DA Na+ ClDA
DA
DA
DA
DIAGNOSTIK I
Psychiatrische Anamnese des Kindes
Psychopathologischer Befund
Fremdanamnese der Bezugspersonen
Familiengespräch
Körperlich – neurologische Untersuchung
EEG, EKG, MRT, Labor
Anamnese
(Eltern / Lehrer / Kind)
– Aktuelle Anamnese
– Aktuelle hyperkinetische Symptomatik des Kindes / Jugendlichen
– Spezifische psychische Komorbidität / differentialdiagnostische
Abklärung
– Relative Stärken und Interessen des Kindes / Jugendlichen
– Störungsspezifische Entwicklungsgeschichte / Biographische
Anamnese
– z. B.: pränatale Alkohol-, Nikotinexposition, Geburtskomplikationen,
Meilensteine frühkindlicher Entwicklung, somatische
Vorerkrankungen, schulische und psychosoziale Entwicklung
– Familienanamnese
– Rahmenbedingungen in Familie / Kindergarten / Schule und
Gleichaltrigengruppe
DIAGNOSTIK II
Häufig eingesetzte Fragebögen
-
YSR / CBCL / TRF
-
ILK, BDI, (Beschwerdefragebogen,
Depressionsfragebogen)
-
ADHS – Fragebogen (DYSIPS, Döpfner, Köln)
-
Kiddie-SADS (Standardisiertes Interview)
DIAGNOSTIK III
Testpsychologische Untersuchungen:
– Leistungstests: Intelligenztests
(K-ABC, WISC, WIE)
– Aufmerksamkeitstests (d2, Ki-TAP)
– Wisconsin Card Sorting Test für Evaluation
der exekutiven Funktionen
Verhaltenseinschätzung
Verhaltensbeobachtung
(direkt und/oder mit Videoaufnahme des Patienten)
Verhaltensbeschreibungen
– aus mehreren Quellen (Situationen des alltäglichen Lebens)
– möglichst von mehreren Personen
– Stärken/Kompetenzen
– Schwächen, Defizite und Exzesse
Beobachtung in verschiedenen Kontexten ist
wesentlich
Symptomatik mitunter nicht beobachtbar bei
 interessanten, belohnenden Aktivitäten oder
 in hochstrukturierten oder neuen Situationen
Medizinische Untersuchungen
Körperliche Untersuchungen
– Kardiologischer (internistischer) Status
– Puls, Blutdruck, Größe, Gewicht, somat. Stigmata (z.B. FAS)
– Kinderneurologische Untersuchung
– Grob- und Feinmotorik
– Überprüfung von Hören und Sehen
Bei Indikation (Differentialdiagnostik)
– EEG, EKG
– Laborparameter
– Genetik
Differentialdiagnosen
Hohes, noch altersentsprechendes Aktivitätsniveau
Umschriebene Entwicklungsstörung
– Lese-, Schreib- und Rechenschwäche
Andere psychische Störungen
–
–
–
–
–
–
–
–
Störung des Sozialverhaltens
Depressive Episode
Angststörung
Tic-Störung
Zwangsstörung
Bindungsstörung mit Enthemmung
Psychosen (u. a. bipolare Störungen; Prodromi)
Autismusspektrum (z. B. Asperger-Syndrom)
Mentale Retardierung
– Fragiles X-Syndrom
Somatische Erkrankungen
–
–
–
–
Anfallsleiden
Hyperthyreose
Schlafapnoesyndrom
Restless-Legs-Syndrom
Medikamentennebenwirkungen
– z. B. Antikonvulsiva, Steroide, Antihistaminika, Sympathomimetika
Neuropsychologie
Störung exekutiver Funktionen
• Hemmung (motorisch, kognitiv + emotional)
• Planungsfähigkeit
• Arbeitsgedächtnis
• Aufmerksamkeit & Flexibilität
Scientific American, 1998
1. Exekutive Dysfunktionen: nicht störungsspezifisch
2. Nur 50% der Betroffenen zeigen ausgeprägte exekutive
Auffälligkeiten
3. Auch beeinträchtigte Motivations- & Lernprozesse,
Regulation der Aktivierung
Erhöhte Reaktionszeitvariabilität: stabilster Befund
z. .B.: Nigg et al., 2005; Doyle et al., 2005
Behandlung
Behandlungsbausteine
Aufklärung & Beratung (obligat)
Elterntraining
Verhaltenstherapie, z.B.
– Soziales Kompetenztraining
– Übungsbehandlung
Pharmakotherapie
Psychosoziale Maßnahmen / Schulzentrierte
Interventionen
Therapiemöglichkeiten in der KJP
ambulante, teilstationäre, stationäre Behandlung
MULTIMODALES THERAPIEKONZEPT:
- Psychotherapie, psychosoziale Interventionen,
Medikation
Psychotherapie:
verbal
nonverbal
Psychoedukation
Kunsttherapie
VT/ CBT, analytisch
Musiktherapie
Familientherapie
Ergotherapie
tiergestützte Therapie
Bewegungstherapie
Multimodale Behandlung
(Schulalter)
Diagnose ADHS/HKS
Starke Ausprägung mit
krisenhafter Zuspitzung
immer
ja
Aufklärung und Beratung,
wiederholt auch im Verlauf
Pharmakotherapie
ja
nein
Probleme vorwiegend
in der Schule
zusätzlich
ja
nein
Intervention in der Schule,
evtl. Pharmakotherapie
zusätzlich
Probleme vorwiegend
in der Familie
ja
Elterntraining, Intervention
in der Familie
Zusätzlich:
Persistierende, assoziierte
Störung
ja
Therapie der
assoziierten Störung
Noch
ausgeprägte
Symptomatik
Psychosoziale Interventionen
- Elterntraining
- Schule
- ambulante oder stationäre Jugendhilfemassnahmen
(sozialpädagog. Familienhilfe,
Erziehungsbeistand, Jugendhilfeeinrichtung)
- Gruppentrainingprogramme
- Konzentrationstraining
Evidenzgrade
I Harte Evidenz, systematisches Review, verschiedene
randomisierte Studien mit gutem Design
II Harte Evidenz, mindestens eine randomisierte Studie
mit gutem Design
III Evidenz beruhend auf nicht-randomisierten Studien mit
gutem Design
IV Evidenz beruhend auf nicht-experimentellen Studien
mit
gutem Design, mehr als 1 Zentrum oder Forschergruppe
V Meinung respektierter Experten, deskriptive Studien,
Berichte von Expertenkomitees
Nichtmedikamentöse Therapie bei ADHS
Multimodale Behandlung der hyperkinetischen
Symptomatik
Psychoedukation (Aufklärung und Beratung) (III)
Elterntraining / Familieninterventionen (I)
Schul-/Kindergarten-Interventionen (I)
Selbstinstruktionstraining / Selbstmanagementtraining (II)
Behandlung komorbider Störungen
Soziales Kompetenztraining (opp./aggr. Verhalten) (II)
Einzel- / Gruppentherapie (Selbstwertgefühl, Kontaktstörungen)(V)
(tiefenpsychologisch / non-direktiv / verhaltenstherapeutisch)
Übungsbehandlungen (Teilleistungsstörungen) (I-V)
(Evidenzgrad)
Psychopharmakologische Therapie: Ethische Bedenken
„I´d rather be myself,” he said.
“Myself and nasty. Not somebody else, however jolly.”
[Aldous Huxley, 1932]
ADHS: Medikation
- Psychostimulanzien
Methylphenidat (Ritalin®,
Medikinet®,Equasym®,
Methylphenidat Hexal®,
Retardpräparate:
Ritalin LA®, Concerta®, Medikinet
ret®, Equasym ret®)
Dexamfetaminhemisulfat
(Attentin®)
Lisdexamfetamin (Elvanse ®)
- Selektive Noradrenalin Wiederaufnahmehemmer
Atomoxetin (Strattera®)
[Reboxetin (Edronax®)]
- Adrenerge alpha2-Agonisten
Clonidin (Catapresan®), Guanfacin
(Intuniv®)
(zentral u peripher, Aktivitätshemmung noradrenerger Neurone im LC)
METHYLPHENIDAT, Dopamintransporterblocker
Dosierung: kaum kontrollierte Studien für Kinder unter 6 Jahren
- Alter über 6 Jahre: Beginn morgens 5mg, zweite mittägliche Dosis 5 mg
allmähliche Dosissteigerung um 5-10 mg pro Woche,
maximale Tagesdosis liegt bei 60 mg.
übliche optimale Dosis: 0,5 – 1,0 mg/kg, verteilt auf 2-3 Tagesgaben
Unerwünschte Wirkungen:
Häufig: Schlafstörungen, Einschlafstörungen,
verminderter Appetit, unspezifische gastrointestinale Beschwerden,
Reizbarkeit, erhöhte Herzfrequenz
Selten: Sozialer Rückzug, Depressive Verstimmung, Auslösung von Tics,
erhöhter Blutdruck, Schwindel, Übelkeit, Obstipation, Kribbelparästhesien,
eingeschränkte kognitive Leistungsfähigkeit bei sehr hohen Dosen
(> 1mg/kg/d), z.B. Einengung der Aufmerksamkeit, verminderte Flexibilität im
Denken, schlechtere Problemlösestrategien
Medikamentöse Therapie
Wirkmechanismen
•
Stimulanzien
•
Atomoxetin
– Methylphenidat:
– DL-Amphetaminsulfat,
Lisdexamphetamin
Dopamine/
Noradrenalin
Transporter
Postsynapse
Rezeptoren
nach Stahl 2003
DA (MPH, AMP) bzw. NA (ATX) Transporter-Blockade
Erhöhte Freisetzung von Monoaminen in Synapse (AMP)
Nebenwirkungserfassung nach Barkley
Probleme beim Einschlafen und andere Schlafstörungen
Alpträume
Starrt ins Leere, Tagträume
Spricht wenig mit anderen
Interessiert sich wenig für andere
Hat wenig Appetit
Ist empfindlich und reizbar
Hat Magenschmerzen
Hat Kopfschmerzen
Klagt über Schwindel
Ist traurig; weint schnell
Ist ängstlich
Kaut exzessiv Fingernägel
Ist über die Maßen fröhlich oder euphorisch
Ist müde
Hat nervöse Zuckungen, Tics
Hat Haarausfall
Nebenwirkungen im Langzeitverlauf
In der MTA Studie führte die Exposition über 6 Jahre
bis in die frühe Adoleszenz
– nicht zu Effekten auf Puls und Blutdruck
– Das Gewicht war im 3 Jahresverlauf geringer
aber nicht mehr am Ende des 6 Jahres Zeitraums
– zu einem Wachstumsverminderungseffekt
(height z-scores both by medication quartile and by
original group assignment, with maximum affect at 3 years)
Kontraindikationen
relative
absolute
Schwangerschaft/ Stillzeit
Manifeste Psychosen
Akute Angstzustände
Arterieller Hochdruck
Kardiale Arrhythmien
Tic-Störung, Tourette Syndrom
Anfallsleiden
Medikamenten- und
Drogenabusus
Atomoxetin
- Selektiver Noradrenalinwiederaufnahmehemmer
Blockade des NERTs sofort,
Wirkeintritt dauert bis zu 8 Wochen
- unterscheidet sich in der chemischen Struktur kaum von Fluoxetin,
war primär ebenfalls als Antidepressivum entwickelt
- dann als Mittel für ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter
getestet und zugelassen
- Gravierendste NW ähnlich wie SSRIs: Suizidalität
- Gute Alternative zu Methylphenidat bei komorbiden Ticstörungen und
bei emotionalen Störungen des Kindesalters
Lisdexamfetamin (Elvanse®)
20mg, 50mg, 70mg Hartkapseln
Gewichtsabnahme
In einer 4-wöchigen kontrollierten Studie mit Elvanse bei Kindern im Alter
von 6 bis 12 Jahren betrug der mittlere Gewichtsverlust
von der Ausgangssituation (Baseline) bis zum Endpunkt der Studie bei
den Patienten, welche mit 30mg, 50 mg bzw. 70 mg Elvanse behandelt
wurden, 0,4, 0,9 bzw. 1,1 kg.
Demgegenüber zeigte sich eine Gewichtszunahme von 0,5 kg bei den
Patienten der Placebo-Gruppe. Eine 4-wöchige Behandlung
mit höheren Dosen waren mit einem größeren Gewichtsverlust
verbunden.
Sorgfältige Gewichtskontrollen bei Kindern im Alter von 6 bis 12 Jahren,
die Elvanse über 12 Monate erhielten, lassen den Schluss zu, dass eine
kontinuierliche Behandlung (d. h. eine Behandlung an 7 Tagen pro
Woche während des gesamten Jahres) die anhand des Körpergewichts
ermittelte Wachstumsrate verlangsamt. Dies wurde anhand einer altersund geschlechtsnormalisierten mittleren Änderung der Perzentile
von – 13,4 nach einem Jahr im Vergleich zu Baseline belegt. Die
durchschnittlichen Perzentile während der Ausgangssituation
(Baseline) (n=271) und nach 12 Monaten
(n=146) betrugen 60,9 bzw. 47,2.
Guanfacin
Guanfacin, Abkömmling vom Clonidin, α2a-Adreno-Rezeptoren-Agonisten
Zentral wirksame Antihypertensiva
Guanfacin stimuliert direkt die postsynaptischen α2a-Adreno-Rezeptoren –
erhöht auf diese Weise die noradrenerge Neurotransmission.
Stimulation der α2a-Adrenorezeptoren im präfrontalen Kortex führt zur
Verbesserung kognitiver Funktionen.
Verbesserung von Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnisleistung und Lernen
konnte in Tierstudien dargestellt werden.
Einfluss auf Impulsivität/Entscheidungen ist im Tierversuch (Ratte)
assoziiert mit Modulation des noradrenergen Metabolismus im ventralen
Hippocampus.
Take Home Message
1. ADHS ist eine neuronale Entwicklungsstörung
KEINE MODE-ERKRANKUNG!
ADHS beruht nicht auf falscher Erziehung!
ADHS = Hirnreifungsstörung
Hirnmaturierung ist deutlich verzögert
2. ADHS ist sehr „heterogen“  möglicherweise ein
„Sammelbecken“ unterschiedlichster Pathophysiologien
TAKE HOME MESSAGE
ADHS ist eine neuronale Entwicklungsstörung mit den
Kardinalsymptomen Hyperaktivität, Aufmerksamkeitsdefizit und
Impulsivität.
Bildgebungsstudien und genetische Untersuchungen geben
mittlerweile sehr deutliche Hinweise, dass es sich um eine
Hirnreifungsstörung handelt mit multigenetischem Hintergrund.
Hauptrisikofaktoren neben genetischer Disposition sind
Substanzkonsum und psychosozialer Stress in der
Schwangerschaft sowie perinatale Hypoxien.
Eine medikamentöse Behandlung (Psychostimulanzien, Atomoxetin,
Alpha 2A Agonisten) gehört eingebettet in ein multimodales
therapeutisches Gesamtkonzept mit psychosozialen, pädagogischen
und psychotherapeutischen Interventionen.
Take Home Message
Wir behandeln nach dem multimodalen Therapiekonzept.
Medikamentöse Unterstützung ist vom Evidenzgrad
- kontrollierte klinische Studien und Langzeitstudien – die beste und
effektivste Therapie.
Trotzdem ist die Prognose für die Gesamtgruppe der AHDS Kinder
deutlich schlechter als für gesunde Vergleichsgruppen.
Und trotzdem ist es unbedingt zu akzeptieren, wenn Eltern für ihre
Kinder keine psychopharmakologische Behandlung wünschen!!!
Umso mehr muss versucht werden, das gesamte Umfeld
der betroffenen Kinder und Jugendlichen in die Behandlung
miteinzubeziehen.
Zum Schluss noch eine kleine Bitte...
• Im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung wird am Universitätsklinikum Ulm momentan der Online‐Kurs „Kinderschutz in Institutionen – ein Kerncurriculum für Leitungs‐ und Führungskräfte“ entwickelt
• Dieser Online‐Kurs soll auch hinsichtlich seiner Wirksamkeit wissenschaftlich untersucht werden, u.a. In Bezug auf den Wissenszuwachs der Teilnehmenden
• In diesem Kontext wird gerade ein Wissenstest
entwickelt und in einer Pilotphase bzgl. seiner Qualität erprobt
 Wir suchen Probanden, die uns bei der Entwicklung dieses Wissenstests durch die Beantwortung der Fragen unterstützen!
Verbundprojekt ECQAT: Leitungskurs
KJPP Uniklinik Ulm 2015
72
Zum Schluss noch eine kleine Bitte...
• Es handelt sich um 37 Multiple‐Choice‐Fragen; Bearbeitungszeit ca. 30 Minuten
• In den nächsten Tagen erhalten Sie per Email einen Link zu der Befragung
• Teilnehmende können eines von drei Bücherpaketen
bestehend aus „Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen – ein Handbuch zur Prävention und Intervention für Fachkräfte im medizinischen, psychotherapeutischen und pädagogischen Bereich“ sowie „Kompendium `Sexueller Missbrauch in Institutionen´ – Entstehungsbedingungen, Prävention und Intervention“ gewinnen
Vielen Dank!
Verbundprojekt ECQAT: Leitungskurs
KJPP Uniklinik Ulm 2015
73
XXXV. Kongress der Deutschen Gesellschaft für
Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie
„Dazugehören“
Bessere Teilhabe für traumatisierte und psychisch belastete Kinder
und Jugendliche
22. – 25. März 2017
Ulm
Kongresszentrum CCU und Maritim Hotel Ulm
Kongresspräsident: Prof. Dr. Jörg M. Fegert
Wissenschaftlicher Kongresssekretär: PD Dr. Paul Plener
Politische und organisatorische Kongresssekretärin: Dr. Daniela Harsch
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit
Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/
Psychotherapie des Universitätsklinikums Ulm
Ärztlicher Direktor Prof. Dr. Jörg M. Fegert
Steinhövelstr. 5
89075 Ulm
www.uniklinik-ulm.de/kjpp
www.deutsche-traumastiftung.de
www.comcan.de
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