Julius Kallmeyer der Grund für die

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Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Julius Kallmeyer der Grund für die Wenigachtung von Facilides in den weiteren
Nachkriegsjahren zu suchen ist. Die geringen akquisitorischen Erfolge stützten sich auf
gemeinschaftliche Altkontakte und ehemalige Bauherren des ehemaligen Architekturbüros
Kallmeyer & Facilides.
Wenige Jahre vor seinem Tod hob Wilhelm Facilides dessen ungeachtet ein für sich selbst sehr
besonderes Gebäude aus der allgemeinen Bedeutungslosigkeit heraus. Ab 1957 leitete er den
Wiederaufbau des teilweise zerstörten Wohn- und Geschäftshauses in der heutigen
Magdeburger Straße 49. Dieses Gebäude, das über 50 Jahre der Geschäftssitz der
Architekturbüros Knoch & Kallmeyer, dann Königer & Kallmeyer und schließlich
Kallmeyer & Facilides gewesen war, lag ihm aus gutem Grund besonders am Herzen.
Abb. 2.4-10: Wohn- und Geschäftshaus, Magdeburger Straße 49 in Halle, ehemaliger Geschäftssitz der
Architekturbüros Knoch & Kallmeyer, Königer & Kallmeyer und Kallmeyer & Facilides. Die Aufnahme entstand 2008.
Er selbst verbrachte über 20 Jahre seiner beruflichen Tätigkeit in den Geschäftsräumen nahe der
halleschen Innenstadt. Durch Kriegszerstörung konnte das Gebäude über Jahre nicht für eine
Nutzung freigegeben werden. Die ersten Planungen für den ehemaligen Geschäftssitz, welcher
nach dem Zweiten Weltkrieg im Besitz der Erbengemeinschaft Königer & Kallmeyer lag,705
begannen im August 1957, indem Facilides die zerstörte Entwässerungsanlage in einigen
Gebäudeteilen erneuern ließ. Zwei Jahre darauf begann die „Gesamtprojektierung für den
Wiederaufbau unseres alten Geschäftshauses in der früheren Magdeburger Str. heute
705
StA Ha/BA: Magdeburger Straße 49.
286
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Leninstr.”706 schrieb Wilhelm Facilides 1960 an seinen Freund Heinz Hermann Beyer. Mitte des
Jahres 1959 waren die Planungen für den Auf- und Umbau abgeschlossen und der Antrag auf
Wiederaufbau gestellt. Die Gesamtkosten für das Projekt bezifferte Facilides in detaillierten
Kostenüberschlägen auf stattliche 231.000 Mark. Am 22. Dezember 1959 erging die
Baugenehmigung, sodass die Arbeiten im Winter und Frühjahr in Angriff genommen werden
konnten. Facilides beschäftigte sich bis ins Detail mit dem Projekt. Er fertigte Feinstudien zur
Fassade in mehreren Varianten sowie alle Entwurfszeichnungen verschiedenster Innentüren an
und erarbeitete Bauzeitenpläne sowie detaillierte Kostenberechnungen für das Projekt. Im
Gesamten entstanden durch die Umbauarbeiten des Eckgebäudes in der Magdeburger
Straße/Ecke Halberstädter Straße neue, dringend benötigte Wohnungen. Die straff geplanten
und durch Wilhelm Facilides überwachten Bauarbeiten konnten den ursprünglichen Zeitplan von
einem Jahr Bauzeit aufgrund von Materiallieferschwierigkeiten und Arbeitskräfteentzug nicht
einhalten. Die Rohbauabnahme fand am 13. April 1961 statt. Die Fertigstellung war Mitte des
Jahres 1961 erreicht.
Das Gebäude zeigt sich dem Betrachter heute zwar als substanziell gut erhalten und in jüngster
Zeit saniert, jedoch steht es in seiner beschnittenen Gestalt unwirklich als ehemaliger Point de
Vue der Straßenkreuzung im öffentlichen Raum. Sicher bewegte die Denkmalschutzbehörde
Anfang der 1990er Jahre der verlorene Bestand zu keiner denkmalrechtlichen Einstufung des
Gebäudes, auch wenn es dieses mit dem noch vorhandenen gestalterischen Potenzial durchaus
verdient gehabt hätte. Somit zeigt das Gebäude heute keine Spur mehr aus seiner Zeit als Sitz
der Architektengenerationen um den Namen Kallmeyer.
Facilides beschäftigte sich noch bis 1962, ein Jahr vor seinem Tod im Alter von 80 Jahren, mit
eigens geplanten und baugeleiteten Vorhaben. Sein tatsächlich letztes Projekt bildete der im
Jahr 1960 geplante Garagenneubau für Herrn Johannes Magnus im Holleber Weg 7, der bis 1962
errichtet wurde.
Die wesenhaft prestigevollen Aufgaben als Architekt im hohen Alter beschränkten sich auf
wenige Projekte. Am Ende galt es, den jüngeren Jahrgängen und Ideen den Vorzug zu geben.
Seinen Berufs- als auch Lebensalltag verbrachte Wilhelm Facilides in den letzten Jahren von der
Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt – aber durch Einzelne beachtet – bis zu seinem Tod am
13. Dezember 1963.707
706
PrA E. Baron: Facilides, Wilhelm: Lebenslauf, Zweitschrift. Maschinenschreiben, aufgestellt im August 1960 in
Halle/Saale, S. 4. Heinz Hermann Beyer (1903–1992) war interessierter Gebäudekundler sowie ein enger Freund und
Nachbar von Wilhelm Facilides am Landrain. Die Aufstellung des Lebenslaufes geht auf die Initiative Beyers zurück, der
bis in die 1980er Jahre hinein Texte und Bildmaterial über Facilides in halleschen Zeitungen veröffentlichte.
707
Facilides 1963-1.
287
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
3 Analyse und Einordnung ausgewählter Werke
288
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
In den folgenden Kapiteln stehen drei exemplarische Bauten des Baubüros Kallmeyer & Facilides
im Rahmen einer kritisch vertiefenden Betrachtung.
Die Wahl fiel auf ein Kaufhaus und zwei villenartige Einfamilienwohnhäuser, die in der Periode
der Hauptschaffenszeit, Mitte der 1920er bis Anfang der 1930er Jahre, entworfen und nach den
Ansprüchen des Neuen Bauens errichtet wurden. Somit zwangen sich die während dieses
Zeitraums entstandenen drei Schlüsselwerke der expressionistischen als auch sachlich modernen
Phase in ihrer jeweiligen Ausdruckskraft und zur Verdeutlichung der Architekturauffassung
beider Architekten geradezu auf.
Zur Einführung in den Themenkomplex der ausgewählten Architekturen sind Vorbemerkungen
zu den gebäudespezifischen Definitions- und Entwicklungsprozessen vorangestellt. Dies erschien
vor dem Hintergrund der ungleichen Nutzungsart, dem differierenden architektonischen
Gestaltungshintergrund, verschiedener bauherrenseitiger Anforderungskataloge und der
Einordnung im Baugeschehen der Zeit dem Verfasser als zweckmäßig.
3.1 Vorbemerkungen zum Kaufhausbau in Halle/Saale
Das Kaufhaus bezeichnet in der heutigen Auffassung ein großes, oftmals mehrstöckiges
Handelsgeschäft, in dem Waren verschiedener Art zum Verkauf angeboten werden. In Ergänzung
dazu steht das Warenhaus, in dem darüber hinaus auch Lebensmittel offeriert werden.708 „Ihre
Geschichte ist eng mit den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zuständen”709 Deutschlands
vor dem Hintergrund der Entwicklung des Einzelhandels verknüpft.
Das vorliegende Analyseobjekt verlangt aus seiner Definition heraus die Eingrenzung auf den
Themenkreis des Kaufhauses. Ebenfalls hat sich innerhalb des alltäglichen Sprachgebrauchs für
das Geschäftshaus der Gebrüder Artur und Franz Ebermann der unbefangene Titel des
Kaufhauses Schnee eingeprägt. Somit wird auf eine weiterführende Debatte bzgl. der
eigentlichen Warenhäuser zugunsten der Primärkategorie der Kaufhäuser verzichtet.
In den Metropolen der industrialisierten Länder entwickelten sich die klassischen
innerstädtischen Kauf- und Warenhäuser bereits im 19. Jahrhundert. Im Zuge der industriellen
Revolution mussten für die neuen Bedingungen und Bedürfnisse angepasste
Handelseinrichtungen geschaffen werden, die hinsichtlich ihrer Größe, der Sortimentbreite und
708
Grundsätzlich existiert in Deutschland innerhalb des Expertenkreises keine einhellige Meinung über die Definition
des Typus eines Warenhauses. Vielmehr hat sich aus diesem Umstand heraus eine gängige Begriffsauslegung etabliert.
Eine Sichtweise deklariert das Kaufhaus als Warenstapel, in dem eine oder mehrere artverwandte Artikel oder
Artikelgruppen verkauft werden. Im Gegensatz dazu steht das Warenhaus, das als gigantomaner Konsumtempel viele
Warenarten zum Verkauf darbietet.
709
Briesen 2001, S. 53.
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Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
der Betriebsorganisation dem gewachsenen Anspruch einer erstarkten Käuferschicht
entsprechen sollten.710 Besonderen Vorbildcharakter in Europa besaßen innerhalb dieses
Prozesses Frankreich und England, deren wirtschaftlicher Aufschwung etwas früher als in
Deutschland einsetzte. Innerhalb des Entwicklungsprozesses, dessen Anfang in den
konzentrierten Ansammlungen von Einzelhandelsgeschäften eines Kaufhofs oder der Passage zu
suchen ist, entwickelte sich darauf die eigentliche Betriebsform eines Einzelhandelskomplexes.
Wie kaum einer anderen Verkaufsform ist es den Warenhäusern bis dahin gelungen, die
Bevölkerung mit Gütern zu versorgen. Es erfüllte nicht nur den notwenigen Konsum, sondern
erweiterte stetig sein Angebot und übernahm damit eine wachsend kulturelle Funktion
innerhalb der Gesellschaft.
In Halle an der Saale entfaltete sich der breite typologische Umfang großer
Handelseinrichtungen, die im Vergleich zu Paris oder London, aber auch zu Berlin oder Leipzig in
Größe und Verkaufsvielfalt zurückstanden. „Trotz dieses aus der Sicht der heutigen
Konsumgesellschaft wohl unverzeihlichen Mangels hat Halle seinerzeit als Wirtschafts- und
Handelszentrum durchaus ohne die Anhäufung dutzender Filialen von in- und ausländischen
Warenhauskonzernen eine glänzende Entwicklung genommen”,711 nachdem sich zahlreiche
Kaufhäuser mit einem allerdings eingeschränkten Sortiment etablierten. Eine neue Ordnung der
Innenstadt, ermöglicht durch beträchtliche Stadterweiterungen nach Norden und Süden zum
Ende des 19. Jahrhunderts, verwandelte vornehmlich sowohl den zentralen Marktplatz der
Saalestadt als auch die Große Ulrich-, Große Stein- und Leipziger Straße zu
Einkaufspromenaden. Es entstanden oftmals für kleine Vorgängerbauten und im Zuge von
Grundstücksvergrößerungen publikumswirksame Geschäftshäuser von nicht selten
fünfgeschossiger
Mächtigkeit.
Die
wachsende
Zahl
der
sich
etablierenden
Einzelhandelsunternehmen stieg derartig an, dass sogar Straßen verbreitert und Gebäude
innerhalb weniger Jahrzehnte mehrmals überbaut wurden, um dem Kaufrausch Herr werden zu
können. Im Gegensatz zu zuvor entstandenen Mischformen der großen Geschäftshäuser mit
zusätzlichen Wohnungen oder Büroräumlichkeiten in den Obergeschossen eröffnete 1900712 in
Halle das erste reine Kaufhaus als Textilkaufhaus Weddy-Pönicke in der Leipziger Straße, das von
den Architekten Knoch & Kallmeyer entworfen wurde.713 Wiederkehrende Elemente in den
darauf folgend errichteten Kaufhausbauten bildeten die überwiegend symmetrisch und nach
den prominenten Berliner und Pariser Vorbildern angelegten Fassaden unterschiedlichster
Stilrezitation sowie ein zentraler Lichthof mit imposanter Erschließungstreppe über mehrere
Etagen, um die sich die einzelnen Verkaufsabteilungen gruppierten. Das geschäftige Treiben
pulsierte derart, dass dies zum Beginn des 20. Jahrhunderts innerhalb weniger Jahre zu einer
710
Dolgner 2000-2, S. 26.
Ebd.
712
Hauser 2006, S. 193.
713
Reindel 2000, S. 79 ff.
711
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Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Vielzahl von Kaufhausneubauten in Halle führte. Diese Entwicklung endete zunächst mit den
Jahren des Ersten Weltkrieges, die Rückgang und letztendlich Stillstand für das Gebäudegenre
darstellten.
Erst im Zuge der wirtschaftlichen Erholung und nach Überwindung der Inflation im Jahr 1925,
begann sich auch auf dem Sektor der Konsumbauten in Halle die neue Freiheit mit
Wiederbelebung und Aufschwung durchzusetzen. Allerdings erfolgte das mit dem damals
begründeten Anspruch an eine zeitgemäße Umsetzung. In diesem Zusammenhang setzte sich
unter Begründung der Mehrung von Licht und Luft die weitere Umstrukturierung der Innenstadt
unter Entbehrung historisch gewachsener Stadtstrukturen fort. Es sollte ein „zweckmäßiges
Straßensystem [geschaffen werden, dass den Automobilien] unter der Ausnutzung ihrer
natürlichen Geschwindigkeit“714 die Benutzung der Stadt erlaubt, forderte selbst Stadtbaurat
Heilmann. Man ging sogar so weit, dass für den Marktplatz und umliegende Straßen „nur eine
großzügige Verbreiterung aller Hauptverkehrsstraßen und, wenn möglich, der Durchbruch von
Parallelstraßen“715 eingefordert wurde. Der unlösbare Drang nach der Notwendigkeit der
Straßenverbreiterung auf der einen und die Vergrößerung der anliegenden Geschäftsbauten auf
der anderen Seite führten mitunter zu kuriosen Vorschlägen. Der Hallische Wirtschafts- und
Verkehrsverband forderte Kolonnadengänge in den Erdgeschosszonen der Geschäftsstraßen –
der entstehende „Mangel an Tageslicht könnte durch eine entsprechende Verbilligung der
Strompreise wieder ausgeglichen werden”.716 Der Architekt Martin Knauthe ging 1927 mit
seinem Ideenentwurf zur massiven Umgestaltung des Marktplatzes noch deutlich weiter. Bis auf
die Marktkirche und den Roten Turm sollten alle Gebäude abgerissen und durch neue Baukörper
in radikal moderner Gestaltung ersetzt werden.
Augenscheinlich änderte sich durch den einsetzenden Kaufhausbau in der zweiten Hälfte der
1920er Jahre das Erscheinungsbild der Innenstadt Halles wahrnehmbar. Ambitionierte
Architekten entwarfen Kaufhäuser in den Formen des Neuen Bauens. Als meistbeschäftigter
Baumeister für den Komsumgroßbau in Halle zeichnete der Architekt Bruno Föhre
verantwortlich. Unter seiner Regie entstand der expressionistisch gestaltete Baukörper des
Ritterkaufhauses in der Leipziger Straße in den Jahren 1927 bis 1928 sowie der sachlich streng
geprägte Umbau des Geschäftshauses Broskowski an der Ecke Leipziger Straße/Waisenhausring
von 1929 bis 1930 als sichtbares Zeichen der modernen Bauauffassung. Ferner übertrug man
ihm die Errichtung eines kolossalen Warenhausneubaus direkt an der Marktsüdseite. Als
bekennender Vertreter des Neuen Bauens entwarf er einen lang gestreckten, überwiegend
viergeschossigen Baukörper mit freigestelltem Kolonnadengang im Erdgeschoss zum Platz.
Nahezu die Hälfte der südseitigen Bestandsgebäude mussten dem neuen horizontal gegliederten
714
Heilmann 1928, S. 13.
Hage 1927, S. 19.
716
Ebd.
715
291
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Kaufhaus weichen. Außerdem entwarf Otto Steinkopf ein bis 1928 errichtetes, entschieden
kubisch-modern geprägtes Geschäftshaus an der Ostseite des Marktplatzes. Seinesgleichen
platzbildend gestaltete außerdem das Einzelhandelsunternehmen Huth die Nordseite des
Marktes um.717 Nach den Entwürfen von Wilhelm Ulrich und Gustav Wolff, zu der Zeit in
Bürogemeinschaft agierend, errichtete das Unternehmen bis 1928 einen ebenfalls sachlich
modernen Neubau. Ursprünglich mit Anklängen des Expressionismus entworfen, schob sich der
fertiggestellte Baukörper als kubische Masse über vier Ebenen und zwei aufgesetzten
Staffelgeschossen in Richtung des Marktplatzes. Auch Ulrich, wesenhaft ein Verfechter des
hexagonalen Entwurfsprinzips, legte sich in konsequenter Anwendung von stereometrischer
Klarheit, schmucklosen Fassaden mit fensterbandartigen Strukturen, verglasten
Erdgeschossbereichen und dem Flachdach auf die Maximen des Neuen Bauens fest.
In diesen Zusammenhang fällt auch das Engagement Julius Kallmeyers gegenüber der Firma
Huth, sich mit einem Erweiterungs- und Brückenbau in der rückseitigen Großen Steinstraße
vergrößern zu können. Kallmeyer & Facilides entwarfen 1927 in zwei Varianten zunächst einen
sachlich modernen Erweiterungsneubau, der durch ein Brückenbauwerk mit dem eigentlichen
Hauptgebäude verbunden werden sollte. Der überarbeitete Entwurf zu dem signifikanten Projekt
sah zudem die komplette Umgestaltung der gründerzeitlichen Bestandsfassaden in
gestalterischer Einheit mit dem Neubau vor. Einem strengen Entwurfsduktus sowohl kubischer
Baumassenfindung als auch Fassadengestaltung folgten beide Ansätze. Großflächige Verglasung
und schmucklose Fassaden unterstrichen den zeitgemäßen Charakter. Baupolizeilich wurde
dieses anspruchsvolle Projekt, auch nachdem der Kunstgewerbeschuldirektor Paul Thiersch einen
weiteren Entwurf anfertigte, jedoch nie genehmigt und somit auch nicht umgesetzt.
Im gleichen Jahr beendete die Architektengemeinschaft zwei weitere repräsentative Kaufhausbzw. Geschäftshausbauten. Zum einen wurde die Fassadenumgestaltung des Geschäftshauses
Arnold & Troitzsch in der Großen Ulrichstraße 1 abgeschlossen718 und zum anderen konnten die
Baumeister den ersten Kaufhausneubau der klassischen Moderne überhaupt in Halle an der nahe
gelegenen Ecke Neunhäuser/Brüderstraße für die Gebrüder Ebermann vollenden. Während die
Architekten im Zuge der Fassadenüberarbeitung für das Einrichtungshaus Arnold & Troitzsch auf
sämtlichen historischen Fassadenschmuck verzichteten und diese in schlichter horizontaler
Manier überformten, griffen sie beim Neubau des Kaufhauses Schnee für die Gebrüder
Ebermann zu bisher nicht gekannten Ausformungsvarianten. Sie nutzten die prägnante Lage zur
Ausformulierung einer signifikanten Eckbetonung als expressionistischen Kubatureinschnitt,
fügten
ebenso
Art-déco-Zier in den Fassadenentwurf als auch großflächige
Schaufensterverglasungen im Erdgeschossbereich ein. Insgesamt folgte die Gestaltung dem
Duktus durchaus sachlicher Züge. Ergänzend durch die Material- und Farbwahl der Innen- und
717
718
Vgl. Kapitel 2.3.2 der vorliegenden Abhandlung.
Ebd.
292
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Außenflächen sowie den kubischen Gesamtcharakter zählt es heute zu einem der markantesten
Beispiele klassisch moderner Kaufhäuser in Halle an der Saale.
3.2 Vorbemerkungen zum Villenbau in Halle/Saale
Zur Annäherung an den Themenkomplex der Wohngebäude bedarf es einer systematischen
Eingrenzung. Unter der Vielzahl der heute gekannten Wohnhaustypen erstrecken sich mitunter
ungezählte Subkategorien. Neben dem klassischen Einfamilienwohnhaus, das heute als Land-,
Guts-, Stadt-, schloss- oder villenartiges Haus kategorisiert wird, unterscheiden die weiteren
Wohnarten Zweifamilien-, Mehrfamilien- und Massenwohnhäuser in wiederum vielen
Gebäudegenres. Im vorliegenden Fall sollte die Situation der zu wertenden
Einfamilienwohnhäuser im städtischen Umfeld betrachtet werden, sodass an dieser Stelle auf
eine umfassend weiterführende Auslegung der Gesamtproblematik verzichtet wird. Dies sollte
späteren Veröffentlichungen vorbehalten sein und übersteigt den Rahmen dieser Arbeit bei
Weitem.
Es ist festzustellen, dass beide Analyseobjekte für überdurchschnittlich wohlhabende Bauherren
und ihre Familien sowie einige Angestellte der Hausherren errichtet wurden. Die Gebäude lagen
bauzeitlich in höchst vornehmen städtischen Randlagen und deuteten mit dem umgesetzten
Raumprogramm auf eine durchaus gutbürgerliche und einkommensstarke Wohnsituation.
„Bei aller vorhandenen und wohl bleibenden definitorischen Verschwommenheit hat sich
dennoch eine gewisse allgemeine Vorstellung darüber herausgebildet”,719 dass es sich beim
vorliegenden Wohnbautyp beider Bauten in ihrer eigentlichen Definition um Villen handeln
muss.
Ursprünglich bezeichnete die Villa ein meist frei stehendes repräsentatives Einfamilienhaus in
ländlichem Umfeld, das stets durch eine umliegende Gartenfläche Ergänzung fand und einen
üppigen Raumbedarf für seinen Besitzer, meist über zwei Vollgeschosse verteilt, beherbergte. Mit
ansteigendem Wohlstand diverser Bevölkerungskreise des Bürgertums im Zuge der
Industrialisierung stieg die Nachfrage nach repräsentativem Wohnraum seit dem Ende des
18. Jahrhunderts rapide an. Es entstanden neben den ländlichen auch zunehmend Villen in
vorstädtischer Lage, die wiederum abweichend zu ihren außerstädtischen Vorbildern keine oder
stark reduzierte landwirtschaftliche Ergänzungsbauten besaßen. Ab der Mitte des
19. Jahrhunderts erreichte der Villenbau eine derartige Entfaltung, dass innerhalb größerer
Städte ganze Stadtteile neu entstanden, die unverfälscht und einzig aus Villen oder villenartigen
719
Prof. Dieter Dolgner erwog eine Definition dieses Bautyps. Vgl.: Dolgner 1998-2, S. 7 ff.
293
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Gebäuden bestanden. Diese sogenannten Villenkolonien720 entstanden zunächst nach
städtebaulichem Entwurf auf dem Reißbrett und fanden Ergänzung durch Alleen,
architektonisch reizvolle Straßenmuster oder eine Vielzahl angelegter kleinerer und größerer
Plätze. Die Baustile der Villen zeigten dem Betrachter den Formen- und Genrereichtum der
wilhelminischen Epoche, der verschiedenste Stile in neoromantischer Art und Weise
nebeneinander platzierte und kombinierte. „Ein Vorfeld von Garten und Baumpark sowie die
Erhöhung durch Sockel, Souterraingeschosse und Terrassen schufen die nötige Distanz, den
Achtungsradius”.721 Zusätzlich schmückten offene Balkone, Erker und reich gestaltete
Dachlandschaften mit Türmchen und Zwerchhäusern in möglichst malerischem Arrangement
den charakteristischen Ausdruck einer städtischen Villa zum Ende des 19. und zu Beginn des
20. Jahrhunderts.
Auch in Halle gaben einflussreiche und vermögende bürgerliche Bauherren Villen in besten
städtischen Randlagen in Auftrag.722 Mit dem einsetzenden 20. Jahrhundert erlebte die seit der
Gründerzeit anhaltende Blütezeit des Villenbaus neuerlich einen Glanzpunkt, um dann mit dem
Ende des Ersten Weltkrieges schlagartig abzubrechen. In diese Zeit fällt die in qualitätvoller
Manier durch Wilhelm Facilides entworfene Villa im Hohen Weg 31 in Halle, für Prof. Holdefleiß
errichtet von 1912 bis 1914, oder die Konzeption des Wohnhauses für Herrn Bergrat Siemens am
Neuwerk 4 im Jahr 1913, die beide in den Formen der Reformarchitektur entstanden.723 Diese
weniger durch Zierrat ausgeschmückten Gebäude bedienten sich der langsam in Deutschland
einziehenden Reformideen, die durch die englische Wohnhausdebatte um Hermann Muthesius724
entstanden und eine einfachere, aber behagliche Wohnkultur des gut situierten Bürgertums
verlangte. Ebenfalls kommen die villenartigen Wohnhausarchitekturen Julius Kallmeyers, die
1911 am heutigen Rathenauplatz im Paulusviertel entstanden, den englischen Vorbildern und
der Befreiung von historisierenden Formen in der Saalestadt sehr nahe. Glatte Putzflächen,
Fensterläden oder weit heruntergezogene Steildächer mit nicht selten brettverkleideten Giebeln
charakterisieren den außerdem gelegentlich mit Schindeln versehenen Bautypus. Entgegen
diesem Bekenntnis zur Reformarchitektur wandte Kallmeyer jedoch wenig später für seine Villen
am Neuwerk oder der Ernst-König-Straße von 1913 bis 1925 wiederum den eklektizistisch
geprägten Historismus an.725
720
Solche Villenkolonien sind u. a. zu finden in: Dresden (Blasewitz, Weißer Hirsch), Hamburg (Marienthal), München
(Gern), Eisenach (Südviertel), Berlin (Lichterfelde-West, Alsen und Grunewald) oder in kleinerem Maßstab ebenfalls in
Halle (Friedrichstraßenviertel, Mühlwegviertel).
721
Dolgner 1998-2, S. 9.
722
Vereinzelt lässt sich zum ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert der Villenbau in Halle an der Saale
beobachten: z. B. am Kirchtor, am Neuwerk und um das Solbad Wittekind. Eine große Villenkolonie entstand in der
Saalestadt jedoch nie.
723
Vgl. Kapitel 2.2.2 der vorliegenden Abhandlung.
724
Adam Gottlieb Hermann Muthesius (1861–1927) war preußischer Geheimrat, Architekt und Architekturtheoretiker.
Seine Vision zur Umsetzung englischer Reformideen im Wohnhausbau ließen ihn Kritiker des Jugendstils, Verfechter
der Gartenstadtidee in Deutschland und Mitbegründer des Deutschen Werkbundes sein.
725
Vgl. Kapitel 2.2.1 der vorliegenden Abhandlung.
294
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem neuen Zeitalter der Demokratie wurden die
meisten Wohnhäuser der schlechten wirtschaftlichen Lage entsprechend zunächst in kleineren
Maßstäben und evident weniger repräsentativ ausgeführt. Die Villa konnte sich durch die
wirtschaftlichen Zwangslagen der beginnenden 1920er Jahre in Deutschland als Bauform nur
vereinzelt durchsetzen. In Halle an der Saale basierte die Villenarchitektur jener Jahre im
Wesentlichen „auf der klassischen Überlieferung [von] klaren und geschlossenen, aus Zweck und
Material abgeleiteten“726 Formen. Die Architekten Hermann Frede, Bruno Föhre und Georg
Lindner schenkten Halle mit ihren konservativ-traditionalistischen Anschauungen Anfang der
1920er Jahre durchaus achtbare Architekturen. Zwar bediente sich Frede wiederholt abstrakter
bildhauerischer Zierden in Form von außenwirksamen Tür- und Fensterdekorationen, gab aber
das tradiert-gediegene Gefüge seiner Bauten nicht auf. Allerdings muss festgestellt werden, dass
bis auf ein exemplarisches Beispiel kein rein expressionistischer Wohnhausbau in Manier
bekennender Expressionisten727 im Stadtgebiet Halles entstanden ist. Einzig Wilhelm Ulrich
gelang in Umsetzung seiner Visionen zum Sechseck-Bauen eine beachtliche Leistung seiner
eigenen Villa am Ratswerder,728 indem der Baukörper konsequent durch das hexagonale
Entwurfssystem geprägt wurde und überregionale Bekanntheit, ja sogar Wertschätzung
genoss.729
Für Julius Kallmeyer oder Wilhelm Facilides bedeuteten die beginnenden 1920er Jahre bis zur
Überwindung der Inflation, keine Bauaufgabe vom Typus einer Villa, selbst nicht eines
Wohnhauses in Halle an der Saale übertragen bekommen zu haben. Der erste Versuch, ihren
gehobenen Wohngebäuden zeitgemäße Modernität zu verleihen, ist daher ausschließlich durch
eine expressionistisch geprägte und von 1924–1925 errichtete Villa in Gardelegen belegt. Erst
infolge der wirtschaftlichen Erholung gelang es der Architektengemeinschaft, für das gut
situierte Bürgertum Villen in der Stadtlandschaft Halles zu errichten. Der Neubau des
Wohnhauses in der Ernst-König-Straße 10 in Halle, erbaut 1925 bis 1926, zeugte von dem
Umstand, den noch verhaltenen Hang zu Reformarchitektur mit expressionistischer Schönheit zu
verbinden.730
Das ab 1925 in das nahe gelegene Dessau verzogene Bauhaus und die städtische
Kunstgewerbeschule an der Burg Giebichenstein bekämpften zwar mit ihren Architekturklassen
das dringend benötigte Ausbildungsdefizit, konnten jedoch – wenn überhaupt – nur innerhalb
der unter hiesigen Architekten geführten Diskussion zu einer nachhaltigen Entwicklung des
Neuen Bauens für Halle an der Saale führen. Johannes Niemeyer, Professor an der halleschen
Kunstgewerbeschule, entwarf sich seine klassisch moderne Villa als markant avantgardistische
726
Dolgner 1998-2, S. 29.
Exemplarisch seien genannt: Walter Gropius (Haus Sommerfeld in Berlin), Otto Bartning (Wohnhaus in Zeipau, Haus
Wylerberg bei Kleve) oder Wilhelm Riphahn (Haus in Köln-Braunsfeld).
728
Vgl. weiterführend: Klug 2008.
729
Müller-Wulckow 1928, S. 32.
730
Vgl. Kapitel 2.3.2 der vorliegenden Abhandlung.
727
295
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Architekturschöpfung in der Prägung der Entwürfe eines frühen Thilo Schoders.731 Trotz dieses
ersten Zeichens verlief sich kein Bauhausmeister in die Saalestadt, um größere klassisch moderne
Villen zu bauen. Einzig der bis 1934 fertiggestellte Doppelhausbau kleineren Ausmaßes von Hans
Wittwer und Erich Consemüller in dem durch Villen geprägten Umfeld im Kirschbergweg 27/29
gab ein ausgeprägt modernes, aber spätes Zeichen kubischer Architekturauffassung für seine
Bauherren Erwin Hahs und Lili Schultz,732 nachdem Wittwer 1927 das Bauhaus verließ, um fortan
an der Burg Giebichenstein zu lehren.
Somit verhalfen sich die ansässigen Architekten in gekonnt eigenständiger Art zu ihrem Glück,
sodass die strenge Silhouette des sachlichen Bauens bezeichnenderweise achtbaren Eingang in
die großbürgerliche Villenarchitektur Halles fand. Richard Schmieder setzte im Jahr 1928 mit
seinem Projekt eines mittelgroßen Wohngebäudes am Habichtsfang 13 in der Nietlebener
Gartenstadt unter Verwendung von Putzflächen, dem Flachdach und einer asymmetrischen
Anordnung des Baukörpers ein sachlich-modernes Zeichen in malerischem Landschaftsgefüge.
Kurios erscheint, dass der Architekt und bekennende Avantgardist Paul Thiersch, seines Zeichens
seit 1915 Leiter der modernen staatlich-städtischen Kunstgewerbeschule, kein einziges Gebäude
in Halle umsetzte. Selbst die wenigen Bauten auswärtiger Architekten, wie die durch Otto Rudolf
Salvisberg entworfene Villa im Kirschbergweg 10 aus den Jahren 1929 bis 1930, lassen in summa
weit weniger als ein Dutzend qualitätvolle Wohngebäude in den Formen des Neuen Bauens in
Halle an der Saale erkennen.
Einzig Kallmeyer & Facilides brachen aus diesem marginalen Kanon mit gleich drei
bemerkenswerten sachlich-modernen Villen, in jeweils eigener Interpretation des Neuen Bauens,
heraus. Neben der Villa in der Heinrich-Heine-Straße 6, erbaut von 1929 bis 1930, stehen die
Villen in der Dölauer Straße 82, erbaut 1929 bis 1931, sowie die Villa in der Ernst-Grube-Straße
24, erbaut 1930, für die zusammenhängendste der klassisch modernen Architekturauffassungen
einer halleschen Architektengemeinschaft im Kontext großbürgerlicher Villen für Halle an der
Saale.
Die ohnehin bescheidene Entwicklung der Moderne in Halle an der Saale brach schließlich mit
der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 gänzlich ab.
731
Die Ähnlichkeiten des Niemeyer-Wohnhauses in Halle zum Haus Stross in Reichenberg (heute Liberec, Tschechien),
erbaut 1923 von Thilo Schoder, sind verblüffend. Weite Dachüberstände und stark gerundete Dachtrauflinien
charakterisieren eine insgesamt additiv strukturierte Baumasse.
732
Vgl.: Wittwer 1985.
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Kallmeyer & Facilides
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3.3 1926–1927 Kaufhaus für die Kaufleute Ebermann, Halle/Saale
Am 14. September 1838 kaufte der stadtbekannte Garnhändler Heinrich Gottlieb Schnee,
geboren 1797 in Blankenheim bei Sangerhausen, das Haus Nr. 178733 in der Großen Steinstraße
im Zentrum Halles von der dort ansässigen Witwe Torothee Lanieck für 2.330 Taler.734 Er setzte
nunmehr seine Kaufmannskarriere, die bis dahin am Neumarkt mit einem kleinen Laden
stattfand,735 fort und ließ sein umgezogenes Geschäft für „Garne, Strümpfe, Unterzeuge und
wollene Waren“736 in das preußische Handelsregister der Stadt Halle eintragen.737 Im Jahr 1863
erbte sein Sohn Carl Heinrich Schnee nach dem Tode seines Vaters das Textilwarengeschäft und
führte es anschließend neun Jahre weiter, ehe er es aufgrund seiner Kinderlosigkeit und sich
mehrender gesundheitlicher Probleme738 im Jahr 1872 mit einer angestellten Arbeitskraft an den
Handelsmann Kaufmann August Ebermann weiterveräußerte. Ebermann, der die Firma unter
dem Namen H. Schnee Nachfolger bis zu seinem Tode über 50 Jahre leitete, gab seine
Geschäftsteile schließlich an seine Söhne Franz und Arthur weiter. Er vergrößerte das Geschäft
beträchtlich. Ebermann kaufte das ehemalige Halloria-Gebäude in der Brüderstraße 2 hinzu,
verband beide Geschäftshäuser durch einen Neubau in den Jahren 1886 bis 1896 und konnte
nunmehr auf über 70 Angestellte zurückgreifen. Selbst Ebermanns Familie wohnte in den
umgebauten Räumlichkeiten über ihrem Geschäft in der Brüderstraße 2.739 Nachdem sich die
Geschäfte durch den preiswerten Verkauf qualitativ guter Textilwaren stetig vergrößerten, kam
1911 das neue Geschäftsfeld der Sportartikel hinzu.
Die wirtschaftliche Stagnation der Jahre des Ersten Weltkrieges gingen auch nicht an der Firma
H. Schnee Nachf. spurlos vorbei. Erst mit Überwindung der Wirtschaftskrise und einhergehender
Inflation erstarkte das Handelsunternehmen erneut so weit, dass die Eigentümer im Jahr 1926
erwogen, ihre Geschäftsräumlichkeiten in der Großen Steinstraße und der Brüderstraße 2 um
einen stattlichen Bau zu erweitern. Vordringlichstes Anliegen sollte neben der
Weiterentwicklung in Richtung Marktplatz die Vergrößerung der Geschäftsflächen darstellen.
Schließlich vergaben sie die Entwurfs- und Bauleitungsaufgaben an Julius Kallmeyer,740 dessen
vormaliges Büro bereits in guter Erfahrung die Neubauvorhaben der Jahre 1886 bis 1896,
seinerzeit als Knoch & Kallmeyer, für die Gesellschaft H. Schnee Nachf. durchgeführt hatte.
733
Die Hausnummer bezieht sich auf das Kaufjahr. Später wechselte die Nummer öfter, so zwischenzeitlich Nr. 68 und
heute Nr. 84.
734
Rückblick 1929.
735
Der Bereich des Neumarktes kann heute auf den Bereich der Geiststraße festgelegt werden.
736
StA Ha: Häuserarchiv, Geschäftsanzeige zum 100-jährigen Jubiläum der Fa. H. Schnee Nachfolger vom
14. September 1938.
737
Rühlmann 2003, S. 8.
738
Halloria 2007.
739
StA Ha/BA: Brüderstraße 2.
740
Zu dieser Zeit noch als Architektur- und Ingenieurbüro Königer & Kallmeyer auftretend.
297
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Links: Abb. 3.3-1: Brüderstraße in Richtung Ecke Neunhäuser. Mittig das Geschäftshaus der Firma H. Schnee Nachf. in
dem Halloria-Geschäft. Die Aufnahme entstand um 1893. Rechts: Abb. 3.3-2: Vorgängerbau in der Brüderstraße/Ecke
Neunhäuser, kurz vor dem Abriss zum Neubau. Die Aufnahme entstand Anfang September 1926.
Mit der nach der wirtschaftlichen Entspannung zeitnah geplanten Geschäftserweiterung
besaßen die Gebrüder Arthur und Franz Ebermann Vorbildcharakter für den gesamten halleschen
Kaufmannsstand. Ihr Projekt sollte der erste Kaufhausneubau in Überwindung historischer
Formenlitanei nach den Konzepten des Neuen Bauens in Halle an der Saale sein.
3.3.1 Projektanalyse
Das Bauvorhaben platzierte sich in der zentralen Innenstadt Halles. Nur wenige Schritte vom
Marktplatz entfernt, bildete es in städtebaulich reizvoller Lage den baulichen Eckbereich der sich
verbindenden Neunhäuser und Brüderstraße inmitten eines durch überwiegend mehrgeschossige
Wohn- und Geschäftsbauten geprägten Innenstadtviertels.
Die Straße Neunhäuser als Verbindungsweg zwischen der Brüder- und der Großen Steinstraße
entstand bereits nach beabsichtigter Stadtplanung im 15. Jahrhundert,741 um die anwohnenden
741
Neunhäuser 1970.
298
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Kaufleute der dicht bebauten Brüderstraße an die geschäftige Große Steinstraße anzubinden.742
Der zweigeschossige Vorgängerbau auf dem Eckgrundstück, seinerzeit im Besitz eines gewissen
Herrn Haberland, wurde ursprünglich Anfang des 19. Jahrhunderts errichtet und beherbergte in
den 1920er Jahren sowohl ein Lederwarengeschäft als auch einen Juwelierladen des Kaufmanns
Gustav Häder (Abb. 3.3-1). Nachdem die Textilwarenhändler Ebermann die Immobilie nach
einem unerwarteten Verkaufsangebot im Jahr 1926 erworben hatten,743 eröffnete sich die
Möglichkeit, das mit zwei Vollgeschossen bisher sehr kleine Bauwerk abzutragen und durch
einen Neubau zu ersetzen (Abb. 3.3-2). Die städtebauliche Fehlstelle konnte somit in Anlehnung
an die umstehenden drei- bis viergeschossigen Gebäude durch Errichtung eines entsprechenden
Neubaus an die Trauflinien der Nachbargebäude angeglichen werden.
Östlich grenzte bauzeitlich ein Geschäftshaus an das Gebäude, welches infolge von
Bombentreffern im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war und später abgetragen wurde.
Lediglich die nördlich angrenzende Bebauung eines kleineren zwei- bis dreigeschossigen Wohnund Geschäftshauses an der Neunhäuser befindet sich heute in saniertem Zustand.
Der Entwurfserarbeitung nahm sich Wilhelm Facilides unmittelbar nach dem Kauf des
Grundstückes und der sich anschließenden Beauftragung im Frühjahr des Jahres 1926 in
Verantwortung und Beschäftigung des Architektur- und Ingenieurbüros Königer & Kallmeyer an,
nachdem Julius Kallmeyer für weitere parallele Projektierungsaufgaben des Baubüros
verantwortlich war. Von Anfang an hielten die Bauherren an einem engen Zeitrahmen fest,
sodass die Entwurfsarbeiten für den Neu- und Erweiterungsbau bis zum 20. Juli 1926 von der
Architektengemeinschaft fertiggestellt und durch den Bauherrn bei der städtischen Baupolizei
zur Genehmigung eingereicht wurden.744 Die anstehenden Prüfungsfristen veranlassten
vermutlich Franz Ebermann, für den „Um- und Erweiterungsbau unseres Geschäftshauses“745 das
Spezialabbruchunternehmen Lindner & Richter vorab und ohne Genehmigung mit den
Abrissarbeiten zu betrauen. Es erfolgte prompt eine Rüge durch die Baupolizei, mit den
Bauarbeiten bis zur Ausstellung des Bauerlaubnisscheins zu warten. Facilides reichte schließlich
das Abbruchgesuch zum 26. August 1926 ein. Die Genehmigung zum Um- und Erweiterungsbau
wurde am 22. September 1926 mit der Ausstellung des lang erwarteten Bauerlaubnisscheins
erteilt. Der Baukörper sollte die Verkaufsflächen des Geschäftshauses der Brüderstraße 2
ergänzen und zu einem Ganzen mit dem Nachbargebäude vereint werden.
742
Die Namensgebung ist nicht abschließend geklärt. Während der hallesche Stadtchronist Dreyhaupt den Namen mit
„neun Grundstücken“ für die neuen Gebäude erklärte, ist ebenso wahrscheinlich, dass die „neuen Häuser“ der Straße
ihren Namen verliehen. Vgl.: Piechocki 1977.
743
Halloria 2007.
744
Sämtliche Planunterlagen für den Bauantrag zum Um- und Erweiterungsbau vom 20. Juli 1926 sind durch einen
Wasserschaden unkenntlich geworden. Die Entwurfszeichnungen, der Erläuterungsbericht und die Statik weisen als
Datum bereits den 15. Juli 1926 aus.
745
So der offizielle Titel des Baugesuchs. Soweit nicht abweichend gekennzeichnet, sind diese und nachfolgende Daten
und Anmerkungen zu dem Gebäude der Bauakte entnommen. StA Ha/BA: Brüderstraße 2.
299
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Die nunmehr einsetzende Bautätigkeit war durch ein rasantes Vorankommen geprägt. Noch kurz
vor Weihnachten strahlte der Richtkranz von dem Gebäude und galt als Signal für die künftige
Bautätigkeit in der Saalestadt. Die Saale-Zeitung schrieb zum Richtfest des stattlichen Bauwerks
nur drei Monate später am 22. Dezember 1926, dass „seit Jahren die Bautätigkeit im Inneren
unserer Stadt fast vollständig geruht“746 hatte. Weiter hieß es: „Auch jetzt haben sich schon
einzelne andere Firmen zu größeren Neubauten entschlossen. Wir wollen hoffen, dass durch den
Neubau der Herren Ebermann der Anfang zu einer allgemeinen größeren Bautätigkeit gemacht
ist, dass wieder bessere Jahre für unsere Bauarbeiter, Bauhandwerker sowie Bauunternehmer
und Baumeister kommen”.747
Die Rohbauarbeiten waren bis Ende Januar 1927 abgeschlossen. Am 27. Mai 1927 war das
Kaufhaus Schnee, wie es sich im Sprachgebrauch der Hallenser umgangssprachlich einstellte, für
die Herren Artur und Franz Ebermann fertiggestellt.
a Gebäudebeschreibung
Das Gebäude präsentierte sich in städtebaulich eindrucksvoller Ecklage als viergeschossige und
voll unterkellerte Baumasse. Überragt von einem flach gedeckten Pyramidendach bildete der
Entwurf zu den angrenzenden Straßen und in seiner Ausrichtung keine Hauptfront aus
(Abb. 3.3-3). Diese Äquivalenz war besonders den beiden gleichrangigen Straßen zu verdanken.
Die betont angelegte Eingangssituation orientierte sich bewusst über Eck und in Richtung des
Marktplatzes. Als blockrandschließende Geometrie nahm es in Fortführung der angrenzenden
Gebäude die Baufluchten straßenbegleitend auf. Während zur Neunhäuser ein gestalterischer
Abschluss der Baumasse zum Nachbargebäude gesucht wurde, erreichte die Verzahnung der
Räumlichkeiten zum anliegenden Bestandsbau in der Brüderstraße 2 eine differenzierte
Ausformung in Grund- und Aufriss.
Der in Mischweise errichtete Baukörper ruhte auf Stampfbeton- bzw. Säulenfundamenten. Als
Tragkonstruktion wählten die Architekten abweichend zu ihrer ursprünglichen Baubeschreibung
zum Baugesuch eine Stahlkonstruktion, die durch Mauerwerk ausgefacht und schließlich mit
Werkstein und Klinker verblendet wurde.
746
747
Richtefest 1926.
Ebd.
300
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Abb. 3.3-3: Kaufhaus H. Schnee Nachf. in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in Halle, erbaut 1926–1927. Die
Aufnahme entstand um 1930.
301
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Die Entmaterialisierung der Ecksituation im Erdgeschoss führte möglicherweise zu diesem
Entschluss, sodass ohne schwergewichtige Stützkonstruktionen im Eingangsbereich gearbeitet
werden konnte. Alle übrigen Wände waren aus Ziegelsteinen und hydraulischem Kalkmörtel
gefertigt. Sämtliche Deckenkonstruktionen bildete man ebenfalls in einer Mischkonstruktion als
Stahl-Hohlstein-Decken aus. Der Dachstuhl wurde aus Holz in Konstruktion eines stehenden
Stuhls mit Schieferdeckung auf Schalung erbaut.
Insgesamt schätzte Facilides die entstehenden Baukosten auf rund 40.000 Reichsmark, ein
Kostenansatz, der für das Resultat als nicht sehr üppig zu bezeichnen ist.
b Baukörper und Fassade
Grundsätzlich folgte die Baumassenverteilung den Prinzipien einer kubischen Grundform. Wenn
auch nicht ein vollkommen quadratisches Grundstück mit dem Baukörper bebaut wurde, so
erweckte das Haus bereits beim flüchtigen Betrachten eine forcierte Gleichseitigkeit. Während
sich die Fassadenbreiten im Westen auf ca. 10 m und im Süden auf ca. 8 m für das aufsteigende
Gebäude aus der Bestandssituation des Grundstücks heraus in einem dezent überspannten
rechten Winkel ergaben, reagierte die Fassadensymmetrie hingegen im Detail in ideenreicher
Verschiedenartigkeit. Mittels gestalterischer Vielfalt entwickelten die Architekten eine
Eckdramaturgie, die sich hinsichtlich ihrer Funktion der Eingangsakzentuierung offensichtlich als
eigentliche Hauptseite erklärt. Somit strebt die Architektur im Sinne des Betrachtens klar nach
einer Perspektivwirkung und negiert die Zweidimensionalität (Abb. 3.3-4).
Ebenso ausdrucksvoll gelang dem Entwurf die fassadenseitige Auseinandersetzung mit der
Viergeschossigkeit. Betont stufenweise entwickelte sich die Gestaltung innerhalb der Geschosse
an den Schaufassaden. Während im Erdgeschoss aus der Funktion des Verkaufsraumes heraus
großzügige raumhohe Schaufensteranlagen angeordnet waren, nahm das erste und zweite
Obergeschoss fensterbandartige Strukturen auf. Das dritte Obergeschoss reagierte durch den
Ansatz einer Lochfassade. Die somit sichtbare Gliederung der Fassadenbereiche entsprach den
inneren Funktionen.
Im Erdgeschoss befand sich der repräsentative Verkaufsraum, der durch die großzügigen Fenster
Licht und eine breite Präsentationsfläche erhielt. Das erste Obergeschoss beherbergte Büroräume
und Räumlichkeiten der Abfertigung. Für die kleinteilige Raumstruktur sahen die Architekten ein
Fassadensystem vor, das folglich eine Umsetzung von Trennwänden ermöglichte. Die
Lagerräumlichkeiten des zweiten Obergeschosses provozierten wiederum eine fensterreiche
Bandstruktur, während im dritten Obergeschoss die Zimmer einer Wohnung angeordnet waren
302
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
und einzelne Fenster benötigten.748
Im Detail stellte sich die Formgebung der Fassaden jedoch weitaus differenzierter dar. Dabei
reagierten drei grundsätzliche Parameter im Einklang der Gestaltungsabsicht. Erstens ging die
Architektengemeinschaft bewusst mit dem Spiel der Schaumaterialitäten um. Zweitens bot die
Ausformung und Gliederung in verschiedener Art und Weise die Möglichkeit der gezielten
Betonung. Drittens ergänzten abgestimmte Details die gestalterische Absicht.
Abb. 3.3-4: Kaufhaus H. Schnee Nachf. in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in Halle, erbaut 1926–1927, West- und
Südansicht zum Umbauantrag vom 9. November 2006.
Im Erdgeschoss sahen Kallmeyer & Facilides in Ergänzung der Schaufenster, wohl als Anlehnung
der Materialitäten des Nachbargebäudes in der Brüderstraße 2,749 rot eingefärbten Werkstein
vor. Der über Eck gesetzte Eingang wurde zur Kubaturgrenze eingerückt und im 45°-Winkel
angeordnet. Die dadurch entstandenen rundbogigen raumhohen Auslagen des Eingangs boten
zusätzlich Präsentationsfläche hinter gewölbtem Glas. Markant griff der Werkstein zusätzlich
eine rahmende Funktion auf. Als dreifach gewinkelter Werksteinmäander ausgeführt, umspielte
dieser die Schaufensteranlagen und führte zum Eingang. Dieses Detail bewirkte den vertikalen
Abschluss zu den angrenzenden Bestandsgebäuden gründerzeitlichen Charakters und die
horizontale Umgrenzung der heterogen gestalteten Obergeschosse. Weiterführende Plastizität
erzeugten horizontal geschichtete Holzlamellen, die den Eingang ausdrücklich eckführend
flankierten.
748
Dieser Umstand führte zum eigentlichen Ergebnis, dass es sich nicht wie fälschlicherweise in der halleschen
Bevölkerung angenommen um ein reines Kaufhaus handelt, sondern vielmehr um ein Wohn- und Geschäftshaus.
749
Rühlmann 2003, S. 8.
303
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Abb. 3.3-5: Kaufhaus H. Schnee Nachf. in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in Halle, erbaut 1926–1927, Detail
Fensterband im ersten Obergeschoss vor der Sanierung. Die Aufnahme entstand im Oktober 2006.
Mit dem ersten Obergeschoss setzte sich die Gesamtkubatur der oberen Etagen gestalterisch auf
den Mäander des Erdgeschosses. Grundsätzlich ließen die Architekten die Baumasse in
hellgrauen Klinkern eines gleichmäßig laufenden Verbands verblenden, die dann in
expressionistischer Ausdrucksweise eingeschnitten, überformt und baukünstlerisch gestaltet
wurde. Die nahezu quadratischen Fenster750 reihten sich an den Schauseiten in Richtung Süden
zu drei Achsen und in Richtung Westen zu vier Achsen eines insgesamt liegenden
Fensterbandsystems aneinander. Horizontal betonende kräftige Werksteingliederungen –
ebenfalls in Übereinstimmung mit dem Erdgeschoss in Rot – rahmten das Fensterband
(Abb. 3.3-5).
Ergänzung fand die Gestaltung durch zwei Elemente im Detail. Die Werksteinpfosten zwischen
den viergeteilten Holzfenstern griffen vertikale Gliederungen auf und setzten eine markant
organische, gleichfalls stilisierte Ornamentreihung über das Fensterband. Kallmeyer & Facilides
nahmen damit baulichen Bezug zum Art déco. Welche Absichten oder gar weiterführende
Aufgabe hinter dieser Manifestation stand, kann heute nicht mehr rekonstruiert werden.
In Fortführung des Einschnitts der Eingangssituation des Erdgeschosses fand sich gleichfalls ein
Rücksprung der Fensterachse im ersten Obergeschoss, wenngleich mit weniger Tiefe ausgeführt,
um einen Übergang zur aufsteigenden Ecke herstellen zu können, sodass das obere
Werksteingesims bereits den Abschluss der Kubaturkerbung bildete.
750
In den Obergeschossen waren bauzeitlich Kastenfenster mit Einscheibenverglasung verbaut.
304
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Abb. 3.3-6: Kaufhaus H. Schnee Nachf. in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in Halle, erbaut 1926–1927, Detail
Eckausbildung der Obergeschosse vor der Sanierung. Die Aufnahme entstand im Oktober 2006.
Die Fassade des zweiten Obergeschosses griff in ähnlicher, wenn auch verhaltener Manier erneut
die Gestaltungsabsicht auf. Gleichartige Holzfenster reihten sich um die kräftigen roten
Werksteingliederungen in einer fensterbandartigen Struktur (Abb. 3.3-6 & 7). Vertikal betonende
Werksteinpfeiler zwischen den nun zweigeteilten Holzfenstern formen die Tiefe des
Fassadenbereichs zusätzlich aus. Eine Weiterführung der Eckbetonung lässt sich lediglich durch
den massiveren Werksteineckpfeiler erahnen. Baumasseneinschnitte gibt es im zweiten
Obergeschoss ebenso nicht mehr wie auch ornamentierende Art-déco-Friese. Besonders
erwähnenswert sind die fassadenseitig angebrachten Jalousien im ersten und zweiten
Obergeschoss, die beweglich gelagert waren und nach außen versetzt ausgefahren werden
konnten, sodass neben dem Sonnenschutz eine Raumbelüftung bei vollständig ausgefahrener
Jalousie möglich war. Das dritte Obergeschoss zeigte dem Betrachter zwar noch die
Werksteinrahmung der Fenster, die der übrigen Gestaltung ungeachtet als Lochfassade mit
dreigeteilten Holzfenstern abgebildet wurde.
Den Abschluss der Kubatur bildete ein kräftiges, dreifach abgewinkeltes Werksteingesims,
ebenfalls porphyrfarben angelegt, über dem sich die eingerückte Dachkonstruktion mit
Schieferdeckung und aufgesetzten orthogonalen Schleppgauben befand. Die gewählte
Dachform vermittelte in der Art ihres Aufbaus zuweilen den sichtgerechten Eindruck, es könne
sich um ein Flachdach handeln, da aus den engen Perspektiven vor den Schaufenstern mitunter
kein Dach wahrzunehmen war. Hier zeigte sich einmal mehr das gestalterische Geschick der
305
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Architektengemeinschaft.
Ergänzung fand die Fassadengestaltung des Gebäudes durch eine Fassadenbeleuchtung,
plastische Werbeschriftzüge751 oberhalb der Schaufensteranlage des Erdgeschosses und kleinere
Werbeausleger, die noch von Kallmeyer & Facilides entworfen wurden. Wenige Jahre später
fügte man dem werbewirksamen Auftritt des Kaufhauses H. Schnee Nachf. einen ausgeprägt
sichtbaren Leuchtreklameschriftzug oberhalb des dritten Obergeschosses an der Westfassade
hinzu.
Links: Abb. 3.3-7: Kaufhaus H. Schnee Nachf. in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in Halle, erbaut 1926–1927, Detail
Fassadenanschluss Neunhäuser vor der Sanierung. Rechts: Abb. 3.3-8: Unsanierte Eingangssituation. Die Aufnahmen
entstanden im Oktober 2006.
Der somit bugartig in die Straßenecke vorstoßende Klinkerbau mit kräftig akzentuierten
horizontalen Werksteingliederungen und über Eck geführten Fensterbändern vereint
Gestaltungsabsichten des Expressionismus mit plastisch geprägtem Baudekor im Einklang einer
charakteristischen Eckdramaturgie, die dem Gebäude einen beträchtlich gewichtslosen Eindruck
verlieh (Abb. 3.3-8).
751
Vermutlich handelte es sich bei den Schriftzügen oberhalb der Schaufenster des Erdgeschosses um Metallletter.
306
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
c Innere Struktur und Ausgestaltung
Zum heutigen Tage sind nahezu sämtliche innenräumlichen Strukturen durch einige
Grundrissüberformungen infolge teilweiser Kriegszerstörung und nachträglicher Umbauten
zerstört. Auch lässt sich der ursprüngliche Grundrisszuschnitt lediglich durch Planunterlagen
verschiedener Erweiterungsvorhaben der 1930er Jahre nachvollziehen, da die entsprechende
Bauakte keine verwertbaren Risse der Erbauungszeit von 1926 bis 1927 aufzeigt.752
Abb. 3.3-9: Kaufhaus H. Schnee Nachf. in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in Halle, erbaut 1926–1927, Grundriss
Erdgeschoss der geplanten Erweiterung, datiert 12. Januar 1937. Beachte den ursprünglichen Neubau auf dem Plan
links.
Die Raumsituation folgte strikt den Funktionen. Als Verkaufsraum war das Erdgeschoss durch
seine Großflächigkeit geprägt und erstreckte sich ausgehend vom Eckneubau über angegliederte
752
Sämtliche Planunterlagen des betreffenden Zeitraums von 1926–1927 der Errichtung des Kaufhauses H. Schnee
Nachf. sind durch einen Wasserschaden infolge eines Bombenangriffs auf das Stadtarchiv im Zweiten Weltkrieg
unkenntlich geworden. Vgl.: StA Ha/BA: Brüderstraße 2.
307
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Bereiche im hinteren Bestandsgebäudetrakt (Abb. 3.3-9). Keinerlei Wände störten den
Innenraum. Alle belichteten Seiten zu den Straßenfronten erhielten eine großformatige
Schaufensterverglasung, die innenraumseitig durch eine Podestebene leicht erhöht zur
Straßenebene lag. Dadurch erreichten Kallmeyer & Facilides zusätzlich die natürliche Belichtung
des Kellergeschosses, welches als Warenlager diente. Lediglich zwei verkleidete Stahlstützen,
eingerückt vor der Fassade, waren aus statischen Gründen zur Lastabtragung der oberen Decken
notwendig und bildeten gleichzeitig den räumlichen Anfang des Schaufensterpodestes. Der
Raum zeichnete sich vor allem durch den hohen Lichteinfall und die großzügige Einsicht von
Außen aus.
Abb. 3.3-10: Kaufhaus H. Schnee Nachf. in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in Halle, erbaut 1926–1927,
Verkaufsraum im Erdgeschoss während der Sanierung. Die Aufnahme entstand im Dezember 2007.
Eine elegante zweiläufige Treppenanlage führte in das erste Obergeschoss (Abb. 3.3-10). Diese
war in Eichenfurnier braun lasiert gehalten und mit gebogener, geschlossener Brüstung und
aufgesetztem Rundholzhandlauf auf vernickelten Eisenkonsolen in quadratischer Gestalt
montiert.753 Ferner legten die Architekten die Erschließungsführung der Treppenanlage an die
Brandwand des angrenzenden Gebäudes und inszenierten diese einer abstrakten Plastik gleich
als raumbildende Komponente um einen weiteren integrierten Stützpfeiler.
Ebenso wie die Treppenanlage arrangierte sich passend die Ladeneinrichtung in Eichenfurnier
753
Schöne 2006, S. 4.
308
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
mit braunem Lasuranstrich.754 Die Innentüren wurden als gegliederte Kassettentüren mit einem
weißen, deckenden, seidenmatten Ölanstrich versehen (Abb. 3.3-11 & 12),755 während sämtliche
Schaufensteranlagen und die Eingangstüren aus Holz gefertigt und im Innen- und Außenraum
mit einem braunen, deckenden, seidenmatten Anstrich umgesetzt wurden.
Glattputz an den Wänden in gebrochenen weißen, zudem teilweise hellolivgrünen
Ölfarbanstrichen sowie Decken in ebenfalls gebrochenen Weißtönen aus Leimfarben
beherrschten neben dem dunklen Bodenbelag in Ausführung eines Linoleums das markante
Erscheinungsbild.
Links: Abb. 3.3-11: Kaufhaus H. Schnee Nachf. in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in Halle, erbaut 1926–1927, Tür
im zweiten Obergeschoss vor der Sanierung. Die Aufnahme entstand 2006. Rechts: Abb. 3.3-12: Rekonstruierte Tür im
ersten Obergeschoss in originaler Farbfassung. Die Aufnahme entstand im Dezember 2007.
Das erste Obergeschoss umfasste interne Bereiche der Verwaltung mit Schreibstube, einen
Abfertigungsbereich und Lager. So ließen die Bauherren durch die Architekten ein
754
Für die Ladeneinrichtung gibt es keine gesicherten Aussagen, dass diese auf die Urheberschaft der
Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides zurückzuführen ist. Dies ist jedoch wahrscheinlich, da bis zum Tag der
Eröffnung unter höchstem Zeitdruck gearbeitet und eine Drittbeauftragung zu unnötigem Zeitverlust geführt hätte.
Zudem entsprach die Einrichtung den Farbtönen der Treppenanlage. Die Ladeneinrichtung ist leider restlos vernichtet.
755
Schöne 2006, S. 6
309
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Großraumbüro zu den Straßenseiten mit der Hälfte der Grundrissfläche planen und den
Raumzuschnitt mittels leichter Trennwände umsetzen. Diese Raumvorstellung, überwiegend im
späten 20. Jahrhundert im Bürogebäudebau angewendet, war durch den Gebäudezuschnitt
ermöglicht, zumal kein interner Flur gewollt zu sein schien. Die Raumbildung war nach
funktionellen Zusammenhängen angelegt und folgte keiner strikten Geometrie. Folglich kann
die resultierende Grundrissgeometrie als ein Bestreben nach Flexibilität gewertet werden. Ein
Umstand, der durch die Wahl des ausgefachten Stahltragwerks, das keine internen oder
aussteifenden Wände benötigte, resultierte (Abb. 3.3-13).
Abb. 3.3-13: Kaufhaus H. Schnee Nachf. in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in Halle, erbaut 1926–1927, Grundriss
erstes Obergeschoss der geplanten Erweiterung, datiert 12. Januar 1937. Beachte den ursprünglichen Neubau auf dem
Plan links.
Auch hier dominierte das dezent gehaltene Farb- und Materialkonzept. Glattputz an den
Wänden und Decken in gebrochenem Weiß und teilweise hellolivgrüne Öl- bzw.
Leimfarbanstriche fanden Ergänzung durch ein ebenfalls dunkles Linoleum. Zu vermuten gilt
310
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
hier, dass die Büroräume ohne Einfluss der Architekten kostensparend eingerichtet und
ausgestattet wurden.756 Die Fenster erhielten in Kontrast zum Erdgeschoss einen gebrochenen
weißen, seidenglänzend auftrocknend, deckenden Anstrich aus Ölfarben.757 Als gestalterische
Besonderheit führte die zentrale Treppenanlage in abgeänderter Gestaltung zum zweiten
Obergeschoss. Die Treppenwangen und Geländer wurden in einem hellen olivgrünen
Ölfarbanstrich mit seidenfarbener Oberfläche deckend gestrichen. Der Handlauf erhielt einen
seidenglänzenden rotbraunen Anstrich, während sämtliche Eisenkonsolen in Schwarz gestrichen
waren. Überdies wählten die Architekten für die Innentüren des ersten und zweiten
Obergeschosses einen hellen, graugrünlich wirkenden, seidenglänzenden Deckanstrich aus
Ölfarben.758
Abb. 3.3-14: Kaufhaus H. Schnee Nachf. in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in Halle, erbaut 1926–1927, Grundriss
zweites Obergeschoss, datiert 15. Juli 1926.
Ebenso dominierte im zweiten Obergeschoss die Großflächigkeit und Flexibilität der
entstandenen Räumlichkeit. Leider lässt die durch einen Wasserschaden nahezu unkenntlich
verblasste Zeichnung keine eindeutige Raumidentifizierung mehr zu (Abb. 3.3-14), sodass
vermutlich die hier angeordneten Lager und Büros in Anlehnung einer ähnlichen Struktur des
756
Vgl.: Wiener 1912, S. 330. Architekten beklagten bereits in den Vorkriegsjahren das gängige Prozedere, nicht in die
Einrichtungsplanung einbezogen zu werden.
757
Schöne 2006, S. 4.
758
Ebd., S. 6
311
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
ersten Obergeschosses ausgeführt wurden.
Während der im zweiten Obergeschoss gewählte Farb- und Materialkanon dem des ersten
Obergeschosses gleichkam, lehnten sich die Materialien im dritten Obergeschoss ihrer Nutzung
einer Dreiraumwohnung an. Dieser über ein Treppenhaus759 im hinteren Bestandsgebäude
erschlossene Wohnbereich (Abb. 3.3-15) erhielt einen Dielenfußboden und Tapeten, während für
die Küche und Nassräume ein Fliesenbelag in nicht mehr zu rekonstruierender Fassung verlegt
war. Sämtliche Türanlagen – wie auch die Fenster – ließen die Architekten in gedecktem Weiß,
seidenmatt streichen.760
Abb. 3.3-15: Kaufhaus H. Schnee Nachf. in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in Halle, erbaut 1926–1927, Aufgang
zum dritten Obergeschoss. Die Aufnahme entstand 2006.
Eine Rekonstruktion des Grundrisses des dritten Obergeschosses ist nicht mehr möglich. Es sind
keinerlei Fotografien oder identifizierbares Planmaterial vorhanden. Überdies zeigt sich der
Bestand durch die Überformungen der ersten Nachkriegsjahre und der letzten Sanierung als
stark verändert.
759
Das Treppenhaus fiel infolge der Grundrissumstrukturierung und behördlicher Auflagen zum Brandschutz während
der denkmalgerechten Sanierung weg.
760
Schöne 2006, S. 6
312
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
d Bau- und Nutzungsgeschichte
Noch im September 1926 – die Bauarbeiten zum Neubau hatten noch nicht begonnen –
reichten Kallmeyer & Facilides im Auftrag ihrer Bauherren bereits weitere Umbaugesuche für die
direkten Anschlussräumlichkeiten zum Neubaukörper in der Brüderstraße ein.761 Die enge
räumliche Verzahnung der Verkaufsflächen des Einzelhandelsunternehmens H. Schnee Nachf.
prägte die Strukturen im Erd- und ersten Obergeschoss der angrenzenden Gebäude nachhaltig
und führte zu weitreichenden funktionalen Zusammenhängen der Räume. Im Ergebnis sollte
eine großzügige Verkaufsfläche von der Großen Steinstraße über die Geschäftshäuser in der
Brüderstraße bis zum Neubau des Eckgebäudes ermöglicht werden. Bereits für 1928 finden sich
erste kleinere Umbaumaßnahmen in den Bauakten, die lange Zeit die Einzigen an dem
Nachbargebäude blieben. Der Anschluss an das Bestandsgebäude zur Neunhäuser 4 musste
infolge von Dacharbeiten korrigiert werden.
Noch vor den Festlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen des Geschäftes im Jahr 1938 erbaten
Franz und Arthur Ebermann mit Schreiben vom 12. Januar 1937 in einem durch
Kallmeyer & Facilides angefertigten Baugesuch um eine „grundsätzliche Stellungnahme [zur]
1. Verlegung der Durchfahrt, 2. Umbau der Schaufenster, 3. Verbindung mit dem Laden der
Firma H. Schnee an den Ecken Brüderstraße/Neunhäuser durch Ausbrechen der
Zwischenwände”.762 Entgegen der Absicht zur weiteren Vergrößerung erfuhr die Anfrage eine
Ablehnung. Zunächst forderte die Baupolizei Nachforderungen und Anpassungen ein, dann
erfolgte durch das für die Arbeitskräftezuteilung verantwortliche Arbeitsamt in Bezug auf den
Vierjahresplan keine Entscheidung.763 Schließlich schlossen sich Bedenken gegen das Vorhaben
an, wenn es nicht aufgrund der allgemeinen Rohstofflage zurückgezogen würde. Nach
mehrmaligen Um- und Reduzierungsplanungen sowie Beschwerden von Bauherren und
Architekten gegen die Blockierung der vorgesehenen Umbauarbeiten zog die Bauherrenschaft
am 9. September 1937 das eingereichte Baugesuch zum Umbau des Ladens auf dem Grundstück
Brüderstraße 2 endgültig zurück, zumal wenig später das Arbeitsamt mit Schreiben vom
9. Oktober 1937 „die Durchführung des Vorhabens aus Gründen der Rohstofflage vom
Standpunkt der allgemeinen Wirtschaft als nicht erwünscht“764 deklarierte.
761
Die Bauantragseinreichung erfolgte am 2. September 1926 zum Umbau von drei Ladenräumen auf dem Grundstück
der Brüderstraße 2 (Halloria). Der Bauschein erging am 16. Oktober 1926. Ergänzung fand das Umbaugesuch durch
einen Nachtrag zum Bauantrag vom 22. September 1926, der die Vergrößerung der Ladenfenster im Erdgeschoss zum
Inhalt hatte. Auch hier erging sieben Tage später die Bauerlaubnis.
762
Soweit nicht abweichend gekennzeichnet, sind diese und nachfolgende Anmerkungen den Bauakten entnommen.
Vgl.: StA Ha/BA: Brüderstraße 2.
763
Das Arbeitsamt musste die sogenannte Unbedenklichkeitserklärung ausstellen, die für den Umfang der Arbeiten
aufgrund von Rohstoffmangel nicht erteilt wurde.
764
StA Ha/BA: Brüderstraße 2.
313
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Abb. 3.3-16: Kaufhaus H. Schnee Nachf. in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in Halle, erbaut 1926–1927, Südansicht
zum Umbaugesuch der geplanten Erweiterung, Überarbeitungsvariante, datiert 19. Mai 1937.
Somit erfolgte der Verkauf der Waren nach wie vor in verschiedenen, teilweise sehr verwinkelten
Räumlichkeiten. Zwar versuchten die Kaufleute Ebermann wiederholt, neue Anträge zum Umbau
der inneren Erdgeschossstrukturen im direkten Anschluss an den Kaufhausneubau in den Jahren
1938 und 1939 genehmigen zu lassen, die jedoch wiederholt wegen Bedenken des Arbeitsamtes
abgelehnt wurden. Schließlich kam es zu keiner der angedachten Baumaßnahmen.
Einen Höhepunkt bildete das am 14. September 1938 öffentlichkeitswirksam gefeierte
100-jährige Jubiläum der Gesellschaft, für das der verklinkerte Bau festlich mit Grüngirlanden,
Fahnen und einer runden Plakette mit Jubiläumszahl über dem Eingang geschmückt wurde.765
Die Geschäfte liefen über Jahre stetig gut, selbst während der Kriegszeiten beschaffte die
Geschäftsführung, wenn auch beschränkt, dringend benötigte Waren.
Der 501. Fliegeralarm seit Beginn des Zweiten Weltkrieges in der Saalestadt brachte am
31. März 1945 schwerste Bombentreffer auf die Geschäftshäuser der Firma H. Schnee Nachf. in
der Großen Steinstraße und der Brüderstraße. Wie durch ein Wunder widerstand der erste
Kaufhausneubau des Neuen Bauens in Halle dem Inferno. Während die übrigen Wohn- und
765
Bomben 2006.
314
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Geschäftshäuser im näheren Umfeld aufgrund ihrer völligen Zerstörung abgerissen werden
mussten, veranlassten die Geschäftsinhaber bereits zwei Monate nach dem Ende des Zweiten
Weltkrieges ihren nunmehr allein agierenden Architekten Wilhelm Facilides zur Aufstellung
eines Projektes für die Instandsetzung des verbliebenen Gebäudes.766 Nachdem der
Warenverkauf notgedrungenerweise zwischenzeitlich in die Leipziger Straße verlagert wurde,
reichte Ebermann am 26. Juli 1945 den entsprechenden Antrag bei der städtischen Baupolizei
ein.767 Die im September ausgesprochenen Genehmigungen der Arbeiten umfassten zunächst das
notdürftige Schließen eines zusammengestürzten Deckenbereiches über dem Erdgeschoss, das
Richten des Dachstuhls infolge eines Brandschadens768 sowie die Aufmauerung einiger
Außenwände. Doch dies reichte dem Bauherrn nicht. Er wollte seine Waren wiederum am
angestammten Ort präsentieren, sodass der Neuaufbau eines kleineren zusätzlichen Gebäudeteils
in der Brüderstraße, der eine „wesentliche Verbesserung hinsichtlich Mehrgewinnung von
wertvollem Nutzraum“769 ermöglichte, forciert wurde. Rund ein Jahr dauerten die
Instandsetzungsarbeiten an dem Gebäude und angrenzender Gebäudeteile früherer
Nachbarbauten. Facilides reichte die entsprechende Unterlage am 14. September 1946 nach der
Gebrauchsabnahme ein. Eine in die rote Steinverkleidung eingelassene Steinplatte mit dem
Wortlaut „Wiederaufgebaut 1945/46“ erinnert bis heute an Zeiten größter Knappheit an
Material und Geld stolz auf die Leistung.
Die inneren Strukturen des eigentlichen Kaufhauses verblieben zunächst im Bestand. Facilides
ordnete wiederverwendbare Bestandstüren um, ließ neue Holzfenster und für den neu
aufgebauten Teilbereich des dritten Obergeschosses sogar bleiverglaste Fenster zur Straße
anfertigen. Insgesamt ein klassisches Mangelprojekt, aus dem alle Beteiligten versuchten, das
Beste zu gewinnen. Diese ursprünglich temporäre und behelfsmäßige Maßnahme sollte die
betroffenen, aber gut erhaltenen Bereiche für den Geschäftsbetrieb wieder nutzbar machen und
später vervollständigt werden.
Seit diesem Neuanfang entwickelte sich der Umsatz für das Geschäft wiederum stetig gut. In
den Nachkriegsjahren brachte sich vermehrt Rosa Ebermann,770 eine Tochter des letzen
Geschäftsinhabers, in den Betrieb ein. Schließlich war es ihrer Tatkraft zu verdanken, dass das
Kaufhaus wieder neu Fuß fasste. Sie engagierte Richard Höhne als Geschäftsführer, ein
Urgestein in der Firma, der 1923 als Lehrling im Hause Ebermann seine Laufbahn begonnen
hatte. Dieser beharrlich in weißem Kittel gekleidete Mann führte die Geschäfte des nunmehrigen
Sportgeschäfts über Jahre mit nötigem Geschick und Einfallsreichtum, stellte in bewährter Weise
das schwer zu beschaffende Warensortiment ausgesuchter Sportartikel zusammen und ist als
766
Vgl. Kapitel 3.3 der vorliegenden Abhandlung.
Sämtliche Zeichnungen und Erläuterungen sind eigenständig von Wilhelm Facilides bearbeitet und auf den
20. Juli 1945 datiert.
768
StA Ha/BA: Brüderstraße 2.
769
Ebd.
770
Ebermann 1979.
767
315
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
überdurchschnittlich freundlich in Erinnerung geblieben. Nach dem Tode Rosa Ebermanns im
Jahr 1979 übernahm er schließlich die Aufgaben von der letzten Inhaberin. Während dieser
Jahre pflegte das Personal sowohl das Gebäude als auch die noch bauzeitlich vorhandene
Innenausstattung der Verkaufsräume. Schließlich gab auch Höhne seinen Laden nach über
60 Jahren 1986 aus gesundheitlichen Gründen auf.771
Nach der politischen Wende richtete sich im Jahr 1992 die HypoVereinsbank im Erd- und ersten
Obergeschoss des Gebäudes ein772 und etablierte in den ehemaligen Verkaufsräumen eine kleine
Schalterhalle für den Kundenbetrieb, während im Obergeschoss Büroräumlichkeiten hergerichtet
wurden. Leider ließen die neuen Eigentümer die qualitätvolle Inneneinrichtung entfernen und
durch Einheitsware ersetzen, sodass diese endgültig verloren ist. Die Bankgesellschaft nutzte
unter dem Filialdirektor Alexander Graf Castell773 die Räumlichkeiten noch bis in das Jahr 1998
hinein,774 ohne weitere mittlerweile dringend notwendige Instandsetzungen durchführen zu
lassen.
Nach achtjährigem Leerstand kaufte 2006 die HochTief Construction AG Leipzig das Gebäude im
Zuge einer quartierübergreifenden Neubaumaßnahme. Nach dem Beginn notweniger
Abbruchmaßnahmen angesichts behördlicher und Brandschutzauflagen, brachte sich der
Verfasser dieser Abhandlung als federführender Architekt in das Sanierungsvorhaben des
Bauwerks ein. Oberste Zielsetzung war, soweit bauzeitlich noch vorhanden, sämtliche der durch
Kriegszerstörung verschont gebliebene Gebäudeteile einer vollständigen und vor allem
denkmalgerechten Restauration zu unterziehen. Die Fassade wurde aufwendig gereinigt und
nach detaillierter Schadenskartierung in ihren Materialien repariert und ergänzt. Auf sämtliche
Werbebanner wurde im Hinblick auf die künftige Nutzung allerdings verzichtet. Einzig die
Namenszüge der ehemaligen Besitzer Arthur und Franz Ebermann finden sich noch oberhalb des
Eingangs. Die Außentüren, Fenster und Fassadenschmuckteile aus Holz ließ der Architekt nach
bauzeitlicher Befundung in ihrer Profilierung, Teilung und Farbgebung nachbauen. Ebenfalls
reparierte man vollständig den Brandschaden des Dachgeschosses und ließ das Dach nach
bauzeitlicher Verlegeart eindecken775 (Abb. 3.3-17).
Etwas anspruchsvoller verhielt es sich mit der innenräumlichen Gestaltung, da eine Vielzahl von
Faktoren in die Umsetzung einbezogen werden musste. Zum einen waren durch die
Kriegszerstörungen, den anschließenden Neuaufbau und die Grundrissüberformung Anfang der
1990er Jahre im Ober- und vor allem im Erdgeschoss die historischen Strukturen stark gestört
sowie die entstehungszeitliche Ladeneinrichtung gänzlich vernichtet. Zum anderen konnte die
Erschließungsführung im Bestand nicht mehr den brandschutzrelevanten Regeln und Prüfungen
771
Höhne 1991.
Es ist eine Bauantragsstellung zur Einrichtung eines Banklokals, datiert 17. März 1992, überliefert. Vgl.: StA Ha/BA:
Brüderstraße 2.
773
Rosendahl 1992.
774
Rühlmann 2003, S. 8.
775
Sämtliche Maßnahmen fanden unter ständiger Abstimmung mit der Unteren Denkmalschutzbehörde Halle statt.
772
316
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
standhalten, sodass ein Treppenhausneubau im Osten die einzige Schlussfolgerung war, um alle
Ebenen unabhängig voneinander erreichen zu können.
Abb. 3.3-17: Kaufhaus H. Schnee Nachf. in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in Halle, erbaut 1926–1927, nach
denkmalgerechter Sanierung. Die Aufnahme entstand 2008.
Außerdem sollte das Ergebnis in Zuschnitt und Anordnung den heutigen Anforderungen an den
Büroalltag gerecht werden. Die Umsetzung ermöglichte, nach Farbbefundung einzelner
erhaltener Bauteile durch den halleschen Restaurator Peter Schöne, ein aufschlussreiches Bild
für die innenräumliche Konzeption. Schließlich gelang es, sämtliche Innentüren entsprechend
weniger erbauungszeitlich vorhandener Originaltüren nachzubauen und in dem seinerzeit
verwendeten Hellolivfarbton streichen zu lassen. Es wurde die repräsentative, aber in weiten
Teilen zerstörte Haupttreppe vom Erd- in das Obergeschoss aufwendig rekonstruiert und
ergänzt. Schließlich konnte zum 1. Januar 2008 die Übergabe des vollständig sanierten Hauses
an eine Krankenkasse erreicht werden, die es seitdem als Bürogebäude nutzt.
317
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Für die Zukunft wäre eine innenräumliche Rekonstruktion in sämtlichen Farb- und
Materialnuancen wünschenswert. Zumindest sollte angestrebt werden, das instand gesetzte
Erdgeschoss für interessierte Besucher zu besonderen Anlässen zu öffnen.
Heute unterliegt das Gebäude dem Denkmalschutz und wird im städtischen Denkmalverzeichnis
des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalts als „viergeschossiger,
flachgedeckter und bugartig gegen die Straßenecke vorstoßender Klinkerbau mit kräftig
akzentuierten, horizontalen Werksteingliederungen [sowie] über Eck geführten Fensterbändern
mit expressionistisch-konstruktivistisch geprägtem Baudekor“776 beschrieben.
3.3.2 Vertiefende Gedanken zum Gebäude
Das bemerkenswerte Kaufhaus vereinte entstehungszeitlich mehrere parallel nebeneinander als
auch miteinander in Korrelation stehende Nutzungsarten. Neben dem erdgeschossigen
eigentlichen Verkaufsraum, der zur Anspielung der Nutzung der Begrifflichkeit eines Kaufhauses
einlud, war es Büro-, Lager- und Wohnhaus. Somit verwundert das sich umgangssprachlich
festgesetzte Axiom für das Gebäude umso mehr – sollten Kaufhäuser nicht die eigentlichen
Konsumtempel in nutzungsreiner Absicht sein?777 Oder ist es nicht vielmehr ein erster
multifunktionaler Bau, der aus den differenzierten Umständen der Grundstücksgröße, der Lagerund Büroraumknappheit der Nutzergesellschaft sowie dem Zwangspunkt, Wohnraum schaffen
zu müssen, heraus diese Vorgaben beispielgebend bewältigt!
Kallmeyer & Facilides erreichten für die Bauherren ein mitunter vordringliches Ziel vorsatzlos en
passant. Seit dem Tag seiner Eröffnung war das expressionistische Bauwerk das wesenhafte und
hauptsächliche Synonym für das Einzelhandelsunternehmen H. Schnee Nachf. der Gebrüder
Ebermann. Über Jahrzehnte hatten sich die Kaufleute in der maßgeblich dominierenden Großen
Steinstraße und der kleineren Brüderstraße zwar mit Geschäftshäusern stadtweit bekannt
etabliert, keines identifizierte aber die Marke derart stark wie das Kaufhaus in der
Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in den Folgejahren nach seiner Erbauung. Bleibt die
Fragestellung, wie und warum die Architektengemeinschaft auf diese Themen eine gestalterische
und letztendlich marktgerechte Lösung fand.
Der Schlüssel liegt bis heute in der weitreichend kunst- und sinnvollen Fassadenphysiognomie.
Ihrer Ausformung ist es zu verdanken, dass es von außen als ein repräsentatives und vor allem
wiedererkennbares Gebäude wahrnehmbar und von innen multifunktional im Sinne des
vielförmigen Gebrauchs genutzt werden konnte.
Zunächst gilt festzustellen, dass neben aller Material- und Detailverliebtheit drei grundsätzliche
776
777
Brülls/Honekamp 1996, S. 337.
Vgl. Kapitel 3.1 der vorliegenden Abhandlung.
318
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Parameter den Fassadenaufriss prägen. Erstens erregt die Verwendung der eingesetzten Farbund Materialqualitäten einen gewünschten Kontrast. Das Erdgeschoss ist massiv wirkend in
porphyrfarbenem Sand- und Werkstein verkleidet. Ulrike Rühlmann verweist in ihrem Artikel
über das Kaufhaus, dass die Fassade „entsprechend dem Altbau Brüderstraße 2 in den unteren
Geschossen mit Werkstein und darüber mit hellen Klinkern“778 verblendet wurde, und nimmt
Bezug auf die dem Entwurf beiliegende Beschreibung. Vielmehr muss jedoch präzisiert werden,
dass es sich ausschließlich um die Materialrezitation des angrenzenden Gebäudes in der
Brüderstraße handelte und dies keineswegs nur eine Materialfortführung im städtebaulichen
Sinn darstellte. Ein Zitat der Materialien angrenzender Häuser der Neunhäuser wurde
methodisch vermieden. Vielmehr bot die Aufnahme der verwendeten Fassadenmaterialitäten die
Möglichkeit, beide in ihrer Nutzung zusammengehörigen Bauten optisch zu verbinden. In dem
Nachbargebäude befanden sich bereits seit 1896 Verkaufs- und Lagerräume des Unternehmens
sowie Wohnraum, die im Zuge der Erweiterung zusammengelegt wurden. Kallmeyer & Facilides
schufen aufgrund der Notwendigkeit einer Signifikanz und dem Einklang der mitunter schwer zu
vereinenden Baustile eine Konnektivität beider Problemstellungen. Zweitens prägt entscheidend
der nunmehr bugartig in den Straßenraum vortretende Baukörper den gesamten Straßenzug.
Die Architekten setzten das auffallende Moment der geradlinigen Kubatur an den Anfang der
Häuserzeile in alle drei Dimensionen. Hilfreich war außerdem die Ausbildung von vier
Vollgeschossen, die diesen Umstand nachhaltig unterstützten und die blockartige Geometrie in
ihrem gewünscht stereometrischen Charakter hervorhoben. Das auf-, aber visuell zurückgesetzte
Walmdach war zwar optisch präsent, sollte aber allein durch die angedachte gestalterische
Umsetzung in seiner Betrachtung zurücktreten. Nicht zuletzt finden sich vermehrt
zeitgenössische Fotografien, die in ihrer Perspektivfindung dieses Bauteil wenig wirksam
erscheinen lassen. Drittens arbeiteten die Architekten mit einer gewissermaßen experimentellen
Plastizität. Diese dem architektonischen Expressionismus eigene Gestaltungsabsicht, Baumassen
durch Sprünge, Versätze oder auch Furchen zu strukturieren, nahmen sich Kallmeyer & Facilides
an. Jedes Geschoss erhielt in geschickter Schichtung einer kompositorischen Ordnung eine
eigene Prägung. Im Einklang der Farb- und Materialwirkung, der kubischen
Baumassenauffassung und der Plastizität entsteht Kontrast, der zur Sichtbarmachung der
gestalterischen Entwicklung von unten nach oben führt und somit die Assoziation zur
Schwerelosigkeit bejaht. Somit dürfte ebenfalls vordringliches Ziel die Entkräftung der
physikalischen Massenverhältnisse im Einklang mit den Gestaltungskonstanten gewesen sein.
Den Auftakt des Refugiums bildete der taktisch versiert gestaltete, sowohl über Eck als auch
stark in die Baumasse zurückgesetzte Eingang, der damit eine Sogwirkung provozierte. Ein
778
Rühlmann 2003, S. 8.
319
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
allemal in Halle779 auch häufig vor dem Ersten Weltkrieg angewendetes Prinzip für
Kaufhausbauten, das sich zum einen in der strikten Teilung der Erschließungsführung der
Besucher und des Personals widerspiegelte und zum anderen an das gekannte Bild eines Kaufoder Warenhauses erinnerte. Ein weiterer auffallender Umstand bildete die Nachtansicht. Blickte
man bei Dunkelheit auf das Kaufhaus, erstrahlte die Leuchtschrift am oberen Ende des Kubus –
ganz im Sinne des neuen Zeitalters – in hellen Lettern. Zusätzlich fügten Kallmeyer & Facilides
oberhalb des ersten Obergeschosses eine Fassaden- und Schaufensterbeleuchtung hinzu und
beschränkten diese nicht nur auf den Neubaukörper, sondern bezogen das angrenzende
Geschäftshaus in der Brüderstraße mit ein. Ohnehin spielte der Baukörper mit einer Divergenz
seiner Bestimmung. Durch seine Gestaltung bedingt, forderte er die harte Grenze zur
Anschlussbebauung im Norden an der Neunhäuser und dem fließenden Übergang in der
Brüderstraße im Osten. Zwar half natürlich die zitierte Materialität, aber baulich verzahnte sich
Neues Bauen und Gründerzeit zumindest fassadenseitig gewollt im Erdgeschoss. Leider griff der
Umfang des Vorhabens nicht die zusammengehörenden inneren Strukturen an der gesamten
Fassade auf und führte dadurch zwangsläufig zur dringend benötigten Signifikanz des in
Wahrheit lediglich scheinbaren Kaufhauses.
Auffällig ist außerdem der augenscheinliche Hang zum Gesamtkunstwerk. Materialien,
wechselnde Fenstermotive und die rasante Fassadentopografie wurden durch expressionistische
Details sowie Art-déco-Reliefmuster ergänzt, die den unbedingten Willen assoziieren, dem
Gestaltungsanspruch der Zeit genügen zu wollen. Ein nicht unbedingt ungewöhnlicher Mix für
expressionistische Architektur, der aber in seiner experimentellen Vielfältigkeit einmalig im Werk
der Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides ist. Dies lässt darauf schließen, dass die
Architekten, und vor allem Facilides als namentlich benannter Entwurfsverfasser, experimentell
ihre eigenen bauschöpferischen Vorsätze sondierten. Mit den Gebrüdern Ebermann fanden sie
verständige Bauherren, die den Experimenten offenkundig und wohlwollend folgten. Fast ein
wenig überladen suchte das Bauwerk nach architektonischer Anerkennung seiner Urheber, fand
sie zeitgenössisch allerdings weniger in den Berufsreihen der Architekten als vielmehr bei der
halleschen Bevölkerung und Wirtschaft. Die „zu einem Verkehrsweg erster Ordnung aufgerückte
Neunhäuser hat durch den modernen, in rotem Sandstein und grauen Ziegeln gehaltenen, vor
kurzem vollendeten Neubau des Hauses Schnee Nachf. eine entscheidende Umgestaltung
erfahren”,780 schrieb Dr. Johannes Hage als städtischer Kunst- und Architekturliebhaber an die
halleschen Einwohner in einer Beilage zur städtischen Tageszeitung.781
Kallmeyer & Facilides beschritten mit dem Gebäude für sich selbst als Architekten, für die
779
Selbst in Julius Kallmeyers architektonischer Vergangenheit lassen sich Analogien finden. Z. B. entwarf er das
Kaufhaus an der Großen Steinstraße 16 (1912–1923) mit ähnlich eingezogenem, aber mittig liegendem
Besuchereingang in den Formen des verhaltenen Jugendstils. Vgl. Kapitel 2.2.1 der vorliegenden Abhandlung.
780
Hage 1927, S. 19.
781
Dr. Johannes Hage war der Geschäftsführer des Hallischen Wirtschafts- und Verkehrsverbandes. Er gab Mitte der
1920er Jahre im halleschen Raum die kunst- und architekturkritische Zeitschrift „Die Baulaterne“ mit heraus.
320
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
hallesche Architektenschaft und die Betrachter neue, bisher ungekannte Wege, probierten
unkonventionelle Gestaltungen aus und entsprachen damit gänzlich den modernen Tugenden
der Architektur der klassischen Moderne. Die Tatsache, dass mit dem Kaufhaus Schnee Mitte der
1920er Jahre das erste öffentlichkeitswirksame Bauvorhaben nach der Wirtschaftskrise und
Inflation im Zentrum Halles entstand, provozierte in seiner prägnanten Architektursprache eine
entsprechende Vorbildwirkung für die halleschen Baumeister.
3.3.3 Einordnung in das Gesamtschaffen
Die Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides absolvierte in Anbetracht ihrer eigenen
Gestaltungsfindung eine ständige Suche und Entwicklung nach schöpferischer Qualität und
Form. Betrachtet man im Zuge der Analyse der Werksgeschichte die vier resultierenden
Gestaltungsperioden und ordnet diesen entsprechend ihrer Zeitspanne die sowohl umgesetzten
als auch gedachten Projekte zu, kommt man sehr schnell zu der Schlussfolgerung, dass die
Architekten, nachdem sie zu ihrer Bürogemeinschaft zusammengefunden hatten, eifrig und
ohne Rückblick Gestaltungskonzepte prüften, probierten, anwendeten und wiederholt
revidierten. Somit findet sich keine eindeutig stringente und wiederkehrende Architektursprache
im Wirken des Baubüros. Im Ergebnis ist es wohl vielmehr als Ausrichtungssuche zu begreifen,
die durch verschiedene Parameter gestützt und weiterentwickelt wurde.
Erste und wichtigste Station war zunächst der gegenseitige Einfluss, nachdem sich Facilides Zug
um Zug im Büro Königer & Kallmeyer etabliert hatte. In diese erste Phase fällt das Bauvorhaben
für die Gebrüder Ebermann in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in Halle und bildet gleichzeitig
den Höhe- und Schlusspunkt des expressionistischen Diskurses der Architektengemeinschaft.
Dezenter vor- und niemals nachher fand sich an und in den Gebäuden der
Architektengemeinschaft dieser ausgeprägte Expressionismus, welcher mit der ungewöhnlich
weiterführenden Gestaltung des Art déco kombiniert wurde. Gleichzeitig lässt sich am Baukörper
bereits das Bekenntnis zu reduzierten und kubischen Formen der zweiten Periode klar ablesen.
Somit nimmt dieses Bindeglied innerhalb des internen Gestaltungsdiskurses des Baubüros einen
besonderen Stellenwert ein. Auf die Fragestellung, warum gerade das Gebäude in dieser Art
Gestaltung erfuhr, kann nur gemutmaßt werden. Natürlich sollte es aus Sicht der Architekten
und der Bauherren als erster neu errichteter Kaufhausbau in der halleschen Innenstadt nach der
großen Wirtschaftskrise beispielgebend sein. Ebenso begann in jenen Jahren für Julius Kallmeyer
und vielmehr Wilhelm Facilides eine neue Ära, in der sie sich nicht nur erproben, sondern auch
beweisen wollten.
321
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Abb. 3.3-18: Erich Mendelsohn: Haus Dr. Sternefeld in Berlin, erbaut 1923.
Links: Abb. 3.3-19: Erich Mendelsohn: Seidenhaus Weichmann in Gleiwitz, erbaut 1921–1922. Rechts: Abb. 3.3-20:
Erich Mendelsohn: Doppelvilla am Karolingerplatz in Berlin, erbaut 1922.
Dabei nutzte Facilides, wie viele andere Berufskollegen, wohl auch publizierte Entwürfe, Bauten
und Aufsätze als Inspirationshilfe seiner eigenen Projekte. Es lassen sich eindeutige Parallelen
der Gestaltung des Kaufhauses Schnee zu frühen Bauten Erich Mendelsohns finden (Abb. 3.3-18,
19 & 20). Mendelsohn, der sich nicht gänzlich aus der „verstandesgemäßen Auslegung der
322
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Bedürfnisse der Zeit und den Erfordernissen der Technik“782 leiten ließ, vertraute seiner
künstlerischen Eingebung. In den Augen Facilides’ verwies er zu Recht die Architektur Gropius´,
Mies´ oder Corbusiers als reine Konstruktion in die Schranken.783 Demnach entwickelte sich die
Architektur nicht nur gänzlich aus den inneren Notwendigkeiten.
Facilides übernahm die Fensterbänder Mendelsohns, ein fast zum Dogma erhobenes Merkmal.
Die kräftig durch Werk- und Sandstein oder Klinker betonten und über Eck geführten
Fensterbänder finden sich an den frühen und wiederholt in der Fachpresse gezeigten Bauten
Mendelsohns wieder. Während an dem Haus Dr. Sternefeld in Berlin (1923) das Motiv zwar
angewendet wurde, bestimmte die Außenwand jedoch als tragende Konstruktion das
eingeschränkte Erscheinungsbild durch breite Massivbereiche. Die kubische Baumasse sowie das
rahmende Element für die Fenster griff Facilides ebenso auf wie die letztendlich resultierende
Farbwirkung von Rot und Hellgrau. Das entstehungszeitlich seinesgleichen beliebte Motiv784 der
entmaterialisierten Eckpartie formte Mendelsohn an seinem Doppelwohnhaus am
Karolingerplatz in Berlin anmutig aus, Facilides nutzte es für die Baumassenausformung des
Eckeingangs.
In ähnlicher Ecklage und als innerstädtisches Kaufhaus konzipiert, ließ Mendelsohn für den
Textil- und Seidenhändler Erwin Weichmann von 1921 bis 1922 ein Geschäftshaus in Gleiwitz785
erbauen. Offenkundig zitierte Facilides von diesem Bauwerk das in Stein verkleidete Erdgeschoss,
die kräftig akzentuierten Fensterbänder über Eck sowie den Wechsel von Schaufensteranlage
über Fensterbandstruktur zur Lochfassade des kubischen Gebäudes. Natürlich kann beim
direkten Vergleich wohl kaum die Rede von einer Replik sein,786 aber die experimentelle
Modernität des Mendelsohnschen Gebäudes war dem der halleschen Architektenschaft um Jahre
voraus. Letztlich gilt es, neben den erbauungszeitlichen Vorbildern vielmehr den
Entstehungszeitraum und die regionale Vorbildwirkung des halleschen Kaufhauses im eigenen
architektonischen Umfeld herauszustellen.
782
Eckhardt 1962, S. 6. Von Eckhardt beschreibt, dass Mendelsohns intuitive Entwürfe „immer von dem anderen Pol –
dem rationalen – in der Waage gehalten“ wurden. Weiter heißt es: „Mendelsohn stimmte mit Gropius, Mies und Le
Corbusier überein: „gewiss, das primäre Element der Architektur ist die Funktion”. Aber er fügte hinzu: „Funktion ohne
sinnlichen Beistrom bleibt Konstruktion. Geht die Phantasie einen Schritt weiter in die Ratio, will der Verstand nicht
ganz das Blut töten, so sind sie vereint. Sonst konstruiert sich der eine in den kühlen Tod, dynamisiert sich die andere
in den Verbrennungszauber”.
783
Beyer 1961. Zitat aus einem Brief an seine Frau aus dem Jahr 1923.
784
Eine Baumassenzäsur durch das Einschneiden der Eckbereiche lässt sich in einer Vielzahl expressionistischer
Architekturen nachweisen. Berühmtestes Beispiel dürfte das Chilehaus von Fritz Höger in Hamburg, erbaut
1922–1924, sein.
785
Heute: Gliwice, Polen.
786
Brülls und Dietzsch sprechen im Architekturführer der Stadt Halle an der Saale in Bezug auf das Kaufhaus Schnee
von einer Replik des Seidenhauses Weichmann. Dem kann somit nicht gefolgt werden. Vgl.: Brülls/Dietzsch 2000, S. 39.
323
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
3.4 1929-1930 Wohnhaus für die Familie Dr. Bennewiz, Halle/Saale
Dr. Bernd Bennewiz, ein in der Saalestadt angesehener Rechtsanwalt und Notar,787 heiratete
Mitte der 1920er Jahre eine aus wohlhabendem Elternhaus stammende Fabrikantentochter.
Seine Frau Käte brachte ein beträchtliches Vermögen mit in die Ehe, die es beiden ermöglichte,
aus der gemeinsamen Wohnung im ersten Obergeschoss der Großen Steinstraße 76 auszuziehen
und ein Wohnhaus errichten zu lassen.
Sie entschieden sich für ein leicht zur Straße abfallendes Grundstück in gediegener Wohnlage
unweit des Stadtzentrums der Saalestadt. Der Bauplatz befand sich im gründerzeitlich
strukturierten Paulusviertel im Nordosten der Stadt Halle an der Saale. Unweit der Pauluskirche,
dem baulichen Zentrum des Quartiers, lag es auf einem Eckgrundstück am Ende der wenig
befahrenen heutigen Heinrich-Heine-Straße788/Ecke Steffenstraße789
inmitten
eines
aufgelockerten und durchgrünten städtischen Gefüges. Das nahe Umfeld wurde bauzeitlich
durch villenartige Bebauungen geprägt, das sich heute gleichwohl durch verschiedenartige
Neubauten und ausgedehnte Kleingartenanlagen in zergliederter und damit konturloser Fügung
offenbart.
3.4.1 Projektanalyse
Das Eckgrundstück mit einer Gesamtfläche von 2.325 m2790 kam vermutlich im Laufe des Jahres
1928 in das Eigentum der Familie Bennewiz.791 Unmittelbar nach dem Kauf des Baugrundes
beauftragten die Eheleute Bennewiz die Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides mit der
Erarbeitung von Entwürfen für ein angemessenes Wohnhaus. Julius Kallmeyer war für die
Entwurfserarbeitung verantwortlich, die im Frühjahr 1929 begann.
Als Fabrikantentochter war Frau Bennewiz Reichtum gewöhnt. Ihr Vater gab schließlich das
787
Rechtsanwalt & Notar Dr. Bernd Bennewiz (geb. 17. Oktober 1887 in ? – gest. ? Oktober 1961 in Halle) war das
zweite Kind von Margarethe und Rechtsanwalt & Notar Hermann Bennewiz aus Halle. Er interessierte sich neben
seinen juristischen Berufen für Literatur und Kunst. Der Bibliophile sammelte leidenschaftlich Bücher und verfügte als
Kunstliebhaber über eine anerkannte Gerhart-Hauptmann-Sammlung sowie Fotos, Grafiken, Plastiken, Medaillen,
Autografen, Bücher, Zeitungen, Kritiken und Bildmaterial verschiedenster Künstler, u. a. Originale mit Darstellungen
Hauptmanns und handschriftlichen Widmungen der Künstler: Emil Orlik, Ferdinand Staeger, Hans Meid, Max
Liebermann, Johannes M. Avenarius, Lovis Corinth sowie zwei Hauptmann-Plastiken. Nach Bennewiz´ Tod kaufte im
November 1967 das Märkische Museum in Berlin die nachgelassenen Bücher und Papiere. Seine ehemalige Sammlung
befindet sich noch immer dort. Überdies war Bennewiz seit 1940 offizieller Förderer der Leopoldina und ab 1948
Vorstandsmitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher. Vgl.: Firchow 1975, S. 254 ff. – MG. 1969, S. 156.
788
Die entstehungszeitliche Anschrift lautete: Paulusstraße 6, Halle/Saale.
789
Bauzeitlich: Cecilienstraße.
790
Soweit nicht abweichend gekennzeichnet, sind diese und nachfolgende Daten und Anmerkungen zu dem Gebäude
der Bauakte entnommen. Vgl.: StA Ha/BA: Heinrich-Heine-Straße 6.
791
Der heutige Eigentümer, Herr Siegfried Winkler, teilte dies dem Verfasser in einem persönlichen Gespräch am
28. Oktober 2007 mit.
324
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
gesamte Kapital für das Wohnhaus als Hochzeitsgeschenk mit in die Ehe.792 Dementsprechend
konnte es für die Bauherren nicht luxuriös genug sein. Kallmeyer entwarf ein Familienwohnhaus
in villenartiger Ausdehnung. Allein die überbaute Grundfläche erreichte mit mehr als 230 m2
enorme Ausmaße. Insgesamt enthielt die geschickt komponierte, zum größten Teil unterkellerte
Baumasse ein Erd- und ein Obergeschoss sowie ein teilweise ausgebautes Dachgeschoss. Es
waren ursprünglich Vorratsräume und die Heizungsanlage im Keller untergebracht. Kallmeyer
ordnete drei größere Wohnräume, die Küche und tangierende Räumlichkeiten im Erdgeschoss,
fünf Wohn- und Schlafräume sowie zwei Badezimmer im Obergeschoss und Mädchenkammern,
eine Plättstube und den Trockenboden im Dachgeschoss an.
Die innerfamiliären Projektbesprechungen gingen an dem Brautvater nicht spurlos vorbei, der
nach Sichtung der ersten Entwürfe nachdrücklich eine Vergrößerung des Hauses einforderte und
dies seiner Tochter gegenüber damit begründete, dass der Bau „viel zu klein sei, mein Kind”.793 Im
Laufe der Beratungen mit der Familie Bennewiz und den Architekten kamen ein Küchenanbau
und eine Vollunterkellerung zum Vorhaben dazu. Noch heute ist die im Entwurfsprozess später
hinzugefügte, eigenständig additive Kubatur des nördlichen Wirtschaftstraktes eindeutig
erkennbar.
Außerdem erleichterten die Bauherren ihren Lebensalltag mit Hausangestellten, sodass eine
zusätzliche Hausmannswohnung im Keller und der vergrößerte Seitenbau mit zusätzlichem
Dienstboteneingang die entsprechende Schlussfolgerung war. Zwar entwickelten sich die
ursprünglich geplanten Baukosten von 70.000 Reichsmark auf nahezu 160.000 Reichsmark im
Ganzen794 exorbitant nach oben, aber einen Abbruch des gesamten Vorhabens bedingte dies
ebenso wenig wie Kürzungen in Umfang oder Ausstattung.
Die Familie Bennewiz übersandte schließlich mit Datum vom 21. August 1929 die aufgestellten
Bauentwürfe für das nunmehr allen Ansprüchen gerecht gewordene Wohnhaus mit der Bitte zur
Erteilung der Bauerlaubnis an die städtische Baupolizei. „Da ich den Wunsch habe, noch in
diesem Herbst den Bau in Angriff zu nehmen und bis zum Winter unter Dach zu bringen, bitte
ich um möglichste Beschleunigung”,795 schrieb Dr. Bennewiz mit Bedacht auf die noch fehlenden
statischen Nachweise. Die relativ lange Prüffrist von sieben Wochen nutzte die
Architektengemeinschaft und forderte das Vermessungsamt im Auftrag des Bauherrn um
Festsetzung der Baufluchtlinie auf, sodass der beauftragte Landvermesser Emil Ferber aus Halle
das Bauvorhaben entsprechend einmessen und abstecken konnte.
Schließlich stellte die Baupolizei mit der Aufforderung einiger Nachträge zur Statik den
Bauerlaubnisschein am 8. Oktober 1929 aus. Die Nachforderungen führten daraufhin zur
Überarbeitung einzelner Stahlträger und weniger gestalterischer Änderungen zu einem
792
Eda.
Eba.
794
PrA S. Winkler: Kostenzusammenstellung des Bauvorhabens, zusammengestellt von Kallmeyer & Facilides.
795
StA Ha/BA: Heinrich-Heine-Straße 6.
793
325
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Baukonsens. So wurde unter anderem die Ostterrasse in Richtung des Gartens im ersten
Obergeschoss um die Dachfläche des Wirtschaftstraktes erweitert.
Die Bauarbeiten begannen und wurden für den Rohbau von den Firmen Grote Spezial und
Tiefbau, F. G. Weisse & Co. sowie Schönemann & Schwarz796 ausgeführt. Die sich anschließenden
sehr umfangreichen Ausbauarbeiten brachten über 30 verschiedene Unternehmen auf die
Baustelle. Eine ungeheuer achtbare logistische und abrechnungstechnische Leistung der
bauüberwachenden Architekten, die diesen Umstand in Kauf nahmen, da den künftigen
Besitzern nur die besten Stoffe und edelsten Materialien sowie Ausstattungsgegenstände
willkommen waren. Es muss daher für Facilides und vielmehr Kallmeyer im Zusammenspiel der
Entwurfserarbeitung, Durchplanung und anschließender Ausstattungsfindung sowie
Bemusterung einer der wohltuenden Augenblicke im beruflichen Alltag eines Architekten
gewesen sein.
Schließlich baten Kallmeyer & Facilides mit Schreiben vom 11. Juni 1930 um Schlussabnahme
„noch im Laufe dieser Woche”.797 Der zuständige Baubeamte Schmidt nahm das Gebäude mit
zwei Mängeln und entsprechender Auflage zur Nacharbeit ab, die Mitte August 1930 durch die
Architekten Kallmeyer & Facilides als erledigt angezeigt wurden.798
Das Wohngebäude war in seiner wesenhaft schlichten Schönheit außergewöhnlich. Für die
Architektengemeinschaft bedeutete es das steingewordene Bekenntnis zum Neuen Bauen.
a Gebäudebeschreibung
Das Wohngebäude platzierte sich wirkungsvoll auf dem leicht abfallenden Grundstück als
straßenbegleitender, voll unterkellerter, zweigeschossiger sowie flach gedeckter Baukörper mit
aufgesetztem Attikageschoss. Bestimmend für die kubische Massenverteilung waren additiv
angeordnete geometrische Grundkörper. Zur Steffenstraße im Norden schob sich der
eingeschossige, von der Heinrich-Heine-Straße kaum wahrnehmbare Wirtschaftstrakt an den
orthogonalen Putzbau. Der mittig angeordnete verklinkerte Treppenturm über
halbkreisförmigem Grundriss arrangierte sich straßenseitig spannungsreich in den Vordergrund.
Ihre Analogie fand diese Form in dem seitlich nach Süden versetzten eingeschossigen
Wintergarten mit opulenter Sonnenterrasse im ersten Obergeschoss zur Gartenseite.
Die betont zurückhaltend und kaum einsehbar angelegte Eingangssituation erschloss das
Gebäude für die Hausherren in leicht asymmetrischer Stellung neben dem zylindrischen
Treppenturm (Abb. 3.4-1). Zwei weitere nördlich angelegte Personaleingänge für
796
Die Angaben zu den ausführenden Firmen stammen aus der Kostenzusammenstellung der Architektengemeinschaft
Kallmeyer & Facilides aus dem Besitz des Hausherrn.
797
StA Ha/BA: Heinrich-Heine-Straße 6.
798
Ebd.
326
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Hausmannswohnung und Küchenbereich mit eigenem Zugang von der Straße unterstrichen die
gewünschte Hierarchietrennung der Eigentümer nachhaltig.
Abb. 3.4-1: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930, Perspektive von
Südwesten. Die Aufnahme entstand 1930.
In allen Teilen massiv ausgeführt, ruhte das Haus auf Streifenfundamenten in Stampfbeton.
Sämtliche aufgehenden Wände wurden in Ziegeln gemauert, die nach außen teilweise einen
farbigen Edelputz, teilweise eine Verklinkerung erhielten. Die Decken wurden überwiegend als
Mischkonstruktion massiv zwischen Eisenträgern erbaut.799 Die Geschossdecke über dem
Attikageschoss entwarfen die Architekten in Holz, ebenso wie den Dachstuhl, der eine
Brettschalung mit Schieferdeckung erhielt. Letztlich führten möglicherweise zwei zwingende
Gründe zu dem Entschluss, massive Decken für die Wohnbereiche einzusetzen. Zum einen
erhoffte man sich eine bessere Schalldämmung und damit Ruhe im Haus800 und zum anderen
799
Die genaue Deckenkonstruktion konnte nicht ermittelt werden und bedarf einer dezidierten bautechnischen
Untersuchung mit Öffnung verschiedener Befundungsstellen im Gebäude. Vermutlich handelte es sich um eine
Stahlsteindecke in der Ausführung als Kleine`sche Decke, die bereits 1892 entwickelt wurde und zu den
kostengünstigsten Bauarten massiver Decken gehörte.
800
Vgl. Fußnote 791.
327
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
musste eine Lösung für die ca. 5 m umfassende Deckenspannweite der großen
Erdgeschossräumlichkeiten gefunden werden.
Gerahmt wurde das Anwesen durch die vorbildlich in das gestalterische Gesamtkonzept
einbezogene Einfriedung, die sich in Form einer vielfach gestaffelten Umfassungsmauer mit
Drahtgitterelementen zwischen Klinkerpfosten zur damaligen Paulusstraße darstellte.
b Baukörper und Fassade
Kallmeyer entwarf das Wohnhaus nach streng gestalterischer Ordnung. Das Konzept
strukturierte sich aus einer additiven Baumassenordnung. Im optischen Vordergrund stand
unverkennbar der sachlich kubische Grundkörper, der zunächst eine Zweigeschossigkeit nach
außen projizierte und sich parallel zur Straßenführung auf dem Grundstück niederließ. Mit einer
Ausdehnung von 20 x 10 m überspannte er immerhin 200 m2 Grundfläche pro Ebene. Der Block
war entstehungszeitlich mit einem durchgefärbten mineralischen, durch Glimmer verfeinerten
Edelputz auf Kalkbasis in gedeckt lindgrüner Farbgebung versehen.801 Der dadurch vornehm
wirkende Eindruck kam besonders bei näherem Betrachten einem funkelnden Smaragd nahe.
Warum Kallmeyer dieses Verfahren zur Anwendung brachte, bleibt fraglich. De facto kann
zumindest die Farbwirkung des kontrastreduzierten hellen Oliv- bis Lindgrüns nicht
ausschließlich auf einen Bauherrenwunsch zurückgeführt werden, da das ein Jahr später durch
Facilides entworfene Wohnhaus in der heutigen Ernst-Grube-Straße802 in Halle exakt die gleiche
Farbgebung für den Hauptkörper vorsah.803 Somit pflegten Kallmeyer und auch Facilides die
Leidenschaft zur Farbe und setzten sich mit ihrer Wirkung in Bezug auf verwendete Materialien
und Bauteile auseinander. Den Beweis lieferte der dogmatisch durchgearbeitete Fassadenkanon
für das Bauvorhaben.
Sämtliche Seitenansichten des Bauwerks unterschieden sich trotz der gleichen Materialitäten
und des gestalterischen Grundansatzes. Zur Straßenseite, allen üblichen Bekundungen zum Trotz
die nachdrücklich nicht von Kallmeyer favorisierte Schauseite,804 arrangierte sich in einem fast
„klassizistischen Massenaufbau“805 mittig der abgesetzte und bugartig in den Straßenraum
vortretende Treppenturm über halbrundem Grundriss und das dezent zurückgesetzte, gleichwohl
schmal wirkende Attikageschoss. Beide Geometrien ließ Kallmeyer in kontrastierender
801
Nach Angaben des heutigen Eigentümers dem Verfasser gegenüber am 15. Oktober 2007. Heute stellt sich der
Hauptkubus dementgegen in einer weißen Farbfassung dar.
802
Vgl. Kapitel 3.5 der vorliegenden Abhandlung.
803
Zudem lässt sich anhand bauzeitlicher Aufnahmen für die Mehrfamilienwohnhäuser an der damaligen Huttenstraße
ebenfalls ein ähnlicher Grünton der Fassaden wiederfinden.
804
Julius Kallmeyer ließ das Gebäude bevorzugt aus südöstlicher Richtung fotografisch für Publikationen oder
Ausstellungsmaterial darstellen.
805
Brülls und Dietzsch sprechen in Bezug auf die Fassadenkomposition der Straßenseite von einem „klassizistischen
Massenaufbau“. Vgl.: Brülls/Dietzsch 2000, S. 107.
328
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
dunkelroter Klinkerverblendung anlegen, sodass der Hauptblock die zugedachte Präsenz für sich
bewahrte. Diese betont stufenweise Entwicklung der Geschosse, oder vielmehr der
umzusetzenden Flächenvorgaben, entwickelte der Architekt ausdrucksvoll aus dem Ansatz
heraus, so wenig wie möglich wahrnehmbare Baumasse schaffen zu müssen. Der dadurch in
seiner Konsequenz liegende Gesamtkörper erhielt konträr zum symmetrischen Aufbau der
Baumassenstruktur eine auflockernd asymmetrische Fensterverteilung, die in Notwendigkeit der
inneren Räumlichkeiten das Fassadenbild effektvoll überspielte.
Selbst die Rahmenfarben der Fenster und Türen korrespondierten zu den Fassaden in
kontrastreicher Art miteinander. Während die Holzprofile in dem Putzkörper sämtlich in
seidenmattem, deckendem, dunkelbraunem Anstrich gefasst waren, setzten sich alle in den
verklinkerten Flächen angeordneten Fenster in seidenmattem, deckend weißem Anstrich ab.
Kallmeyer ging noch weiter. Er überspitzte die als modern empfundene Horizontalität in vielen
gestaltprägenden Details. So verwendete er schmale Klinkerformate und ließ die Lagerfuge
2,5 cm breit ausführen, während die Setzfuge so gering wie möglich angelegt wurde. Zudem sah
er für die zu erreichende Horizontalbetonung den Mörtel der Setzfuge in Ziegelfarbe vor. Im
Ergebnis stellte sich ein beeindruckender Effekt aneinandergereihter Schichtungen dar, der die
Materialität des Klinkers fast vergessen lässt.
Im Vergleich mit früheren Entwürfen erscheint die architektonische Komposition in neuer
Qualität. Ausgehend von der Mittenbetontheit, einer klassischen Kompositionsmethode, legte
Kallmeyer Wert auf die formal geschlossene Gestalt des Baukörpers.
Überwiegend als Lochfassade angelegt, zeigte sich lediglich am südwestlichen Bereich des
Hauptblockes eine fensterbandartige Struktur, die über Eck geführt wurde. In ihrer Verteilung
greift sie kein Schema auf und erfolgt aus der axialen Ausrichtung des Grundrisses, der die
einzelnen Räumlichkeiten aufnahm. Somit resultiert eine freie Anordnung der Öffnungen aus
der inneren Struktur heraus – ein Hauptaugenmerk der funktional gedachten Architektur der
Moderne. Ausgehend von den Nutzungen wurde die Öffnungsgröße entwickelt.
An der Nordseite fügte sich der Wirtschaftstrakt mit Dienstboteneingang und Zugang zur
Hausmannswohnung in Form eines fassadenbegleitenden Abgangs zum vollständig verklinkerten
Kellergeschoss an. Auch hier setzte Kallmeyer die Anordnung der Fenster innerhalb des
eingeschossigen verputzten Körpers nach der inneren Nutzung fort, entwickelte sie jedoch in
Größe und Form angelehnt an das Standardmaß von 1,35 m Höhe. Lediglich für untergeordnete
Nebenräume kamen kleinere Formate zur Anwendung (Abb. 3.4-2).
329
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Abb. 3.4-2: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930, Perspektive von
Nordwesten. Die Aufnahme entstand 1930.
Nur drei gleichformatige asymmetrisch arrangierte Öffnungen mit zweigeteilten Holzfenstern
von 1,6 m x 1,25 m Größe im Obergeschoss und eine größere Fensteranlage zum
Damenwohnzimmer von 1,6 m x 3,4 m Größe im Erdgeschoss charakterisierten den verputzten
Hauptblock Richtung Westen. Etwas gedrungener sah Kallmeyer die Öffnungsstruktur innerhalb
der verklinkerten Bereiche vor. So wie der Treppenturm Holzfenster größeren Formats, weist
auch das Attikageschoss liegende Formate kleinerer Bauart auf (Abb. 3.4-3).
Der Betrachtende der Straßenseite hatte beiläufig den Eindruck, dass die Verteilung der
Fensteröffnungen nicht inflationär, sondern gut überlegt vorgenommen sei. Es kann daher
vermutet werden, dass Familie Bennewiz wenig Einblicke in ihr häusliches Privatleben wünschte.
Diesen Umstand bestätigt die hervorzuhebende, sorgfältig aus dem Entwurfsduktus heraus
entwickelte Lösung der Einfriedung. Sie qualifizierte sich ebenfalls aus den gesetzten
Ansprüchen heraus und griff mithilfe der zitierten Verklinkerung die illusionäre
Schichtenbildung des Gebäudes wiederkehrend auf. Darüber hinaus unterteilte sie Hausherrenund Personalzugang in der bauzeitlichen Paulusstraße, indem zwei separate Eingangspforten die
Wegeführung trennten. Der familiäre Haupteingang wurde absichtlich durch verklinkerte
Wandscheiben für die Passanten uneinsehbar gestaltet und mit Rankgrün bepflanzt. Diesem
Duktus folgend erhielt die Fassade des unmittelbaren Eingangsbereiches ebenfalls eine
Verklinkerung. Sämtliche übrigen Bereiche stellten sich, dem Geländeverlauf folgend, als vielfach
gestufte Umfassungsmauer aus Klinkern dar, deren Zaunfelder zwischen Klinkerpfeilern mit hell
330
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
gestrichenen Metallgittern806 eines mitsamt liegenden Formates gefüllt waren. Bemerkenswert
war der dem Fußweg folgende gerundete Eckbereich der Umfriedung, der durch seine
rundbogige verklinkerte Gestaltung Übereinstimmung mit dem ebenfalls verklinkerten und
rundbogigen Treppenturm suchte.
Abb. 3.4-3: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930, Straßenansicht zum
Baukonsens vom 8. Oktober 1929, datiert 12. November 1929.
Die Fassade der Gartenseite griff im Gegensatz zur mittenbetonten Eingangsseite eine ungleich
sublime Gestaltungshaltung auf. Diese ausgesprochene Lieblingsseite des entwerfenden
Architekten807 ordnete sich zunächst durch den seitlich nach Süden versetzten, über dem
halbkreisförmigen Grundriss stehenden eingeschossigen Wintergarten an, der im ersten
Obergeschoss eine Sonnenterrasse mit schließbaren Vorhängen anbot. Abweichend zum
zylindrischen Treppenturm der Westseite ließ Kallmeyer den Wintergarten in der Farb- und
Materialfassung des Hauptblocks verputzen. An der nordöstlichen Ecke fand sich in
gegensätzlicher Korrespondenz ein Freisitz unter eckiger Bedachung.
806
Die Farbwirkung ist den zeitgenössischen Fotografien entnommen. Eine exakte Farbbestimmung kann nur durch
restauratorische Befundung originaler Gitter erreicht werden.
807
Vgl.: HN. 43. Jg. (1931), Nr. 22, 10. 06. 1931. – BG. 12. Jg. (1930), Heft 18, S. 1700–1712. Überdies bereicherte es als
Ausstellungsexponat die Sonderschau des Bundes Deutscher Architekten der Deutschen Bauausstellung 1931 in Berlin,
ebenfalls mit einem Foto aus dieser Perspektive. Die Auswahl der gezeigten Beiträge zur Sonderschau übernahmen im
Übrigen Prof. Kreis und Prof. Poelzig.
331
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Abb. 3.4-4: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930, Gartenansicht zum
Baukonsens vom 8. Oktober 1929, datiert 12. November 1929.
Abb. 3.4-5: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930, Perspektive von
Südosten. Die Aufnahme entstand 1930.
Die Öffnungsstruktur zeigt sich an der Ostseite entsprechend der Entwurfsmethodik, einer aus
der inneren Ordnung abgeleiteten Gestaltung, offener. Großzügige Verglasungen im Erdgeschoss
der Wohnräume wurden durch Türanlagen ergänzt. Entsprechend der grundrisstypologischen
Abläufe erhielt der eigentliche Hauptwohnraum ein Panoramaholzfenster von 3,4 m Breite und
332
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
tief liegender Brüstung mit integrierter Tür zum Betreten der angelagerten Terrasse. Für die
Bibliothek schlug Kallmeyer ein großzügiges, mit normaler Brüstungshöhe versehenes
dreigeteiltes Fenster vor, das sich in der Breitenausdehnung in den Öffnungsstrukturen des
Obergeschosses reflektiert. Schließlich war der Wintergarten, dem Bogen folgend, dreiseitig
verglast und mit Vertikalschiebefenstern versehen (Abb. 3.4-4).
Gestaltprägend ordnete Kallmeyer außerdem eine über die gesamte Fassadenbreite reichende,
frei auskragende Balkonanlage des ersten Obergeschosses an, die selbst über dem
Wirtschaftstrakt im Norden wirkungsvoll über Eck geführt wurde. Die angebrachte
Absturzsicherung erinnerte in ihrer Ausformung an eine lange Schiffsreling und wurde als auf
der Spitze stehende Quadratstahlkonstruktion projektiert (Abb. 3.4-5).
Abb. 3.4-6: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930, Perspektive von
Nordosten. Die Aufnahme entstand 1930.
Im Ergebnis verteilten sich die Fensteröffnungen nach funktionellen Kriterien der
Grundrissstruktur an der Fassade, wenngleich durch die symmetrische Anordnung von drei
Schlafräumen im Obergeschoss die entsprechenden Fenster- und Balkontüranlagen axial verteilt
erschienen.
Die Fensteranlagen boten Ausblick in den kunstvoll gestalteten Garten. Ohnehin folgte das bis
ins Detail gestaltete Grundstück entwerferischen Idealen des zugehörigen Wohnhauses. Es lassen
sich lang gezogene Geraden oder Wege mit Halbkreisausformung wiederfinden (Abb. 3.4-6).
333
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Kallmeyer & Facilides, die stets den landschaftsplanerischen Entwurf für ihre Objekte mit
übernahmen, verwoben den von der Firma Adolf Sachse808 angelegten Freiraum geschickt mit
dem Wohngebäude. Die Terrasse des Erdgeschosses wurde mit Porphyrsteinen befestigt und –
ebenso wie der Eingang und sämtliche Wegeanlagen um das Gebäude – mit Sandsteinplatten,
belegt. Selbst aufwendig gestaltete Drückergarnituren in sachlich moderner Gestalt der Firma
Otto Seyffart aus Altenburg809, die ebenfalls in den Wohnräumen zu finden waren, ließ
Kallmeyer für die Gartenpforten verbauen.
Dieses exzellente Beispiel des Neuen Bauens im Bereich des gehobenen Wohnhausbaus810 weist
die Architekten Julius Kallmeyer und Wilhelm Facilides als profiliert zeitgemäße Baumeister aus.
Die Komplexität des gestalterischen Gesamtansatzes lässt auch für dieses Vorhaben erneut drei
grundsätzliche Konstanten zur Findung der Gestaltungsabsicht sowohl des Fassaden- als auch
des baumassentypologischen Ansatzes herausarbeiten. Erstens setzten die Architekten die
gewählten Schaumaterialitäten gewohnt elegant in gestalterischen Kontrast. Zweitens nutzten
sie additive Gliederungselemente geometrischer Grundformen zur gezielten Betonung. Drittens
ergänzten ästhetisch aufeinander abgestimmte Details das Gesamtprojekt.
Der straßenbegleitend angelegte Putzbau mit verklinkertem Treppenturm und aufgesetztem
Attikageschoss zeigt somit einmal mehr in außergewöhnlich schöner Ausformung den
gesamtheitlichen
Gestaltungsansatz
des
Neuen
Bauens
im
Repertoire
der
Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides.
c Innere Struktur und Ausgestaltung
Die heute nahezu unveränderte Grundrissstruktur811 lässt den innenräumlich bauzeitlichen
Aufbau sehr gut nachempfinden.
Als gutbürgerliche Repräsentations- und Wohnebene umfasste das Erdgeschoss alle zum
behaglichen Leben dienlichen Räume. In Anlehnung an klassische Villengrundrisse aufgebaut,
strukturierte sich das Raumgefüge um den mittig angeordneten Erschließungsbereich im
Westen. Hier erschloss der Bewohner über einen kleinen Windfang den vestibülartigen und in
Solnhofener Sandsteinplatten ausgelegten Dielenraum mit angelagerter Garderobe, Besucher-
808
Der Landschaftsbauer Adolf Sachse unterhielt während der 1920er und 1930er Jahre in Halle an der Saale ein
Unternehmen für Freianlagengestaltung und -bau.
809
Die Firma Otto Seyffart aus Altenburg war ein landesweit bekanntes Unternehmen zur Herstellung von
Metallbeschlägen, das neben eigenen Entwürfen auch durch zeitgenössisch moderne Künstler und Architekten
entworfene Muster produzierte. Dazu gehörten: Firma Otto Seyffart Messing- und Bronzewarenfabrik (1923–1938)
sowie Firma Otto Seyffart Metallwarenfabrik und Gießerei (1923–1936). Otto Seyffart war Mitglied im Deutschen
Werkbund.
810
Brülls/Honekamp 1996, S. 207.
811
Bezüglich der Änderungen im Gebäudebestand siehe das folgende Kapitel zur Bau- und Nutzungsgeschichte.
334
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
WC und den frei zugänglichen, in lindgrünen Steinzeugfliesen gefassten Erfrischungsbereich.
Abb. 3.4-7: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930, Grundriss Erdgeschoss
zum Baukonsens vom 8. Oktober 1929, datiert 12. November 1929.
Gleichzeitig schob sich der Treppenturm wirkungsvoll in dieses Raumgefüge hinein und
übernahm mit der aus Kiefernholz812 gefertigten und vermutlich seidenmatt, dunkelbraun,
deckend gestrichenen813, zweiläufigen Treppenanlage die Erschließungsführung in die oberen
Etagen (Abb. 3.4-7). Eine Besonderheit bildeten die durch Kallmeyer & Facilides vorzugsweise in
Treppenhäusern verbauten Bleiverglasungen. Bei dem Projekt für Familie Bennewiz übernahm
die Ausführung der verwendeten farbigen Bleiverglasungen der Gestalter Richard Scheibe.814 Die
812
Die Materialangaben sind, wenn nicht abweichend durch die Bestandsbegehung des Verfassers aufgenommen, der
Baubeschreibung des Baugesuchs vom 21. August 1929 entnommen.
813
Leider ist nach einigen, auch innenräumlichen Sanierungen die von der Architektengemeinschaft
Kallmeyer & Facilides vorgesehene Farbkonzeption nur in geringen Teilen im Original nachzuvollziehen. Daher soll aus
der Erfahrung mit zeitgleich entstandenen Projekten ähnlichen Duktus dem Leser ein Empfinden für die
innenräumliche Wirkung vermittelt werden. Die Umsetzung des in vielen hellen Grünschattierungen angelegten
Farbkonzepts bestätigte der heutige Eigentümer dem Verfasser gegenüber.
814
Über Richard Scheibe konnte nichts Näheres in Erfahrung gebracht werden. Als wahrscheinlich gilt, dass es sich
nicht um seinen Namenvetter Richard Scheibe (1879–1964), Bildhauer und Lehrer von Gerhard Marcks, handelte.
335
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Architekten arbeiteten mit einem abgestimmten Farbkonzept für sämtliche Räume des
Gebäudes, die vorwiegend in hellen Lind- bis Olivgrünfarbtönen angelegt waren.815 Gern
akzentuierten sie besondere Punkte, wie in Olivgrün, seidenmatt, deckend gestrichene
Türrahmen, um die Türblätter wiederum in hellerem Lindgrün abzusetzen.
Abb. 3.4-8 & Abb. 3.4-9: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930, Details
der Sofittenleuchten im Damenwohnzimmer. Die Aufnahmen entstanden 2007.
Über die Diele erschloss man das an südwestlicher Ecke befindliche Wohn- oder auch
Damenwohnzimmer.816 Der heute als Schlafzimmer genutzte Raum verfügt über eine der
wenigen bauzeitlich erhaltenen Beleuchtungsanlagen im Gebäude, die eindrucksvoll das
klassisch moderne Innenraumkonzept unterstrichen haben. In allen vier Raumecken waren
orthogonal über Eck geführte und in Messing gefasste Leuchtfaden- oder Sofittenleuchten
angebracht (Abb. 3.4-8 & 9).
Diesen und sämtliche Hauptwohnräume im Erdgeschoss ließ Julius Kallmeyer in stabweise
verlegtem Eichenparkett im auf die Spitze gestellten Schachbrettmuster und mit umlaufendem
Fries in Naturfarben verlegen. Ebenso erhielten sie Doppelfenster mit Rolljalousien sowie
Massivholztüren, die in glatter ornamentloser Ausführung das gestalterische Konzept
815
Vgl. das vollständig restauratorisch befundete und rekonstruierte Farbkonzept zum Wohnhaus in der
Ernst-Grube-Straße 24 im Kapitel 3.5 der vorliegenden Abhandlung.
816
Die Begrifflichkeit geht auf eine Mitteilung von Siegfried Winkler zurück, dem heutigen Eigentümer.
336
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
unterstrichen. Sämtliche Wände und Decken waren in den Wohnräumen verputzt, verspachtelt
und gestrichen.
Dem funktional zusammenhängend strukturierten Grundrissaufbau folgend ordneten die
Architekten an der Gartenseite große Aufenthalts- und Wohnräume an. Diese ebenfalls durch
den Eingangsbereich zu erschließenden Räumlichkeiten folgen einer exakt symmetrischen
Teilung. Jeweils über 40 m2 groß, befand sich im Süden die Bibliothek mit angelagertem
Wintergarten.
Abb. 3.4-10: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930, Bibliothek mit Blick
nach Süden. Die Aufnahme entstand um 1935.
Kallmeyer & Facilides ließen dieses eigentliche Arbeitszimmer des Herrn Dr. Bennewiz mit extra
entworfenen Einbauregal- und Schranksystemen ausstatten (Abb. 3.4-10 & 11). Diese in
kontrastierender, dunkel lasierter Eiche gefertigte Einrichtung war umlaufend und raumhoch
konzipiert. Lediglich die Türen und Fenster erhielten Aussparungen. Kallmeyer entwarf für die
Decke eine in den Ecken rund ausgeführte Stufenvoute, die den gesetzten Charakter der
Bibliothek nochmals herausstellte. Dem Arbeits- und Bibliothekszimmer schloss sich mit
großzügiger Verbindungstür das Speise- und Wohnzimmer an. Ebenfalls mit außergewöhnlichem
Blick durch ein Panoramafenster in den Garten, verfügte es über einen direkten Ausgang auf die
Terrasse. Sämtliche mit Feinsteinzeug ausgelegten Wirtschaftsräume, wie die sich funktional im
Norden anschließende Küche oder das Lager, waren für das Personal und die Hausherren vom
Esszimmer uneingeschränkt schnell erreichbar.
337
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Abb. 3.4-11: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930, Detail Tür zwischen
Damenwohnzimmer und Bibliothek. Die Aufnahme entstand um 1935.
Das gesamte Gebäude strahlte bis in seine gestalterischen Details hinein das Schönheitsbedürfnis
der Zeit aus. Jedweden Türdrücker und selbst die Huthaken der Garderobe lieferte die
Metallwerkstatt Otto Seyffart aus Altenburg, die für ihre klassisch modernen Stücke anerkannt
und geschätzt war. Mit Bedacht ordneten die Architekten exklusiver gestaltete Exemplare in den
Wohnräumen und einfachere Ausführungen an den Türen der Nebenräume an (Abb. 3.4-12 &
13). Herauszustellen gilt aber die Durchgängigkeit, da bis zu den Gartentoren stimmige
Beschläge bemustert und verwendet wurden.
Eine weitere Leidenschaft der Architektengemeinschaft bildete die Bestückung ihrer Gebäude
mit Beleuchtungskörpern. Sie unterschieden in ihrer Wahl und Empfehlung für den Bauherrn in
fest eingebaute und aufgestellte Leuchten in stets zeitgemäßem Charakter.817 Der
Leuchtkörperhersteller Bruno Reimer aus Halle818 z. B. lieferte, wie auch die Firma Bünte &
Rommer aus Frankfurt, Deckenleuchten für das Vorhaben. Für besondere Bereiche oder die
dekorativen Wohnräumlichkeiten wählten Kallmeyer & Facilides Steh-, Tisch- und
817
Im Zuge der Jahre sind bis auf wenige Ausnahmen die bauzeitlichen Beleuchtungskörper im Gebäude
verlorengegangen.
818
Bruno Reimer, Leuchtkörper - Leichmetall - Eisenbau, Geiststr. 19, Halle.
338
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Raumbeleuchtung des renommierten Frankfurter Herstellers G. Schanzenbach & Co.819 Diverse
weitere Innenausstattungen wie Tapeten, Kokosmatten und Textilausstattungen lieferte das für
viele Vorhaben der Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides auftretende Einrichtungshaus
Arnold & Troitzsch aus Halle.
Abb. 3.4-12 & Abb. 3.4-13: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930,
Türdrückerdetails, links: Tür zum Gäste-WC, rechts: Terrassentür des Speisezimmers. Die Aufnahmen entstanden 2007.
Im ersten Obergeschoss setzte sich der symmetrisch angelegte Gebäudeaufbau in der
Grundrissstruktur fort. Betrachtet man den Grundriss genauer, fällt deutlich das
Ordnungsprinzip der zweihüftigen Struktur auf. Im ersten Obergeschoss lässt sich somit die
Entwurfsidee konkret ablesen.
Der sehr einfache und höchst funktionale Zuschnitt resultiert aus dem in beiden Dimensionen
mittig geteilten Grundriss. Während in Nord-Süd-Richtung eine tragende Wand das Volumen so
aufteilt, dass in der Raumbildung drei gleichartige Schlafräume gen Osten mit großen
Fensteranlagen und Austritten auf die Terrasse entstanden, resultierte aus der Anordnung des
Treppenturmes eine zentrale Erschließung mit kurzen Wegebeziehungen. Zwei Bäder, jeweils für
die Eltern und die Kinder, flankierten den Treppenturm. Auch die Genügsamkeit des Hausherrn
spiegelte sich in der Verteilung der Schlafräume wider. Er gab sich mit dem kleinsten Schlafraum
zur Straße zufrieden, während seine Frau und seine beiden Kinder den Blick auf den Garten nach
Osten genossen. Ergänzung fand die Komposition in dem nach Norden gelegten Fremdenzimmer
(Abb. 3.4-14).
819
G. Schanzenbach & Co. aus Frankfurt war eine Spezialfabrik für elektrotechnische und lichttechnische Produkte, die
am 1. Oktober 1899 in München als „Fabrik elektrotechnischer Installationsartikel“ gegründet wurde und mit ihren
klassisch modernen Leuchten in den 1920er und 1930er Jahren Weltruf genoss. Heute sind die Produkte unter
Sammlern begehrt.
339
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Abb. 3.4-14: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930, Grundriss erstes
Obergeschoss zum Baukonsens vom 8. Oktober 1929, datiert 12. November 1929.
Auch aus baukonstruktiver Sicht gewährte das Entwurfsprinzip strukturelle Vorteile, da gleiche
Deckenspannweiten entstanden und folglich vorwiegend übereinstimmende Eisenträger verbaut
werden konnten.
In der inneren Ausgestaltung orientierten sich die Materialitäten an dem gehobenen Standard.
Die Fußböden waren in den Bädern mit Feinsteinzeug und in den übrigen Räumen mit Linoleum
belegt. Alle Wände und Decken waren gespachtelt und nach dem Farbkonzept gestrichen. Die
Fenster zu den Wohnräumen ließen die Architekten als Doppelfenster ausführen und mit einer
Jalousieanlage zum Sonnenschutz versehen. Außerdem prägten die für Kallmeyer & Facilides
typischen Einbauschränke die Räumlichkeiten. Sowohl zwischen den Schlafzimmern des Herrn
und der Dame als auch dem Kinder- und Fremdenzimmer fanden sich die in den vor- und
zurückspringenden Wänden eingelassenen Schrankanlagen. Somit erreichten die Architekten,
dass kein Möbelkorpus im Raum stand und im Gesamten eine Wandflächenebenheit für das
Raumgefüge umgesetzt wurde. Die für die Familie Bennewiz ausschließlich in den
Hauptgeschossen vorgesehenen Räume ergänzten im Attikageschoss zwei Zimmer für die
Kindermädchen, eine Plättstube, Waschküche und ein Trockenboden, während im Keller die
Hausmannswohnung, Lager und Haustechnikräume untergebracht waren.
340
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Abb. 3.4-15: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930, Grundriss
Attikageschoss zum Baukonsens vom 8. Oktober 1929, datiert 12. November 1929.
Im Attikageschoss ermöglichte der strenge Entwurfsgrundsatz zwar eine funktionale
Strukturierung der Räume (Abb. 3.4-15), die für die Mädchenzimmer in der Raumwirkung durch
Größe, Blickbeziehungen, eine lichte Höhe von ca. 2,2 m und karger Ausstattung eher
bescheiden ausfielen.
d Bau- und Nutzungsgeschichte
Die Familie Bennewiz bewohnte das 1930 fertiggestellte Gebäude für über ein Jahrzehnt, ehe
das Ende des Zweiten Weltkrieges für die Eigentümer eine merkliche Zäsur bedeutete. Nachdem
die russische Stadtkommandantur infolge der Besetzung der Saalestadt das gesamte mit Villen
durchzogene Paulusviertel noch im Jahr 1945 beschlagnahmte, musste die Familie Bennewiz in
341
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
die Hausmannswohnung des Kellers ziehen.820 Zwischenzeitlich wohnten bis zu 27
Sowjetsoldaten gleichzeitig in dem Haus, die nach abendlichen Trinkgelagen noch heute
sichtbare Schussübungen an der Ausstattung vornahmen.
Abb. 3.4-16: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930, Gartenansicht. Die
Aufnahme entstand um 1960.
Kurze Zeit später wurde das Haus für Umsiedler und Flüchtlinge freigegeben. Darüber hinaus
begann man, den Bau in seinen großzügigen Räumlichkeiten zu zergliedern, um den zahlreichen
Neueinbürgerungen und Flüchtlingen Unterkunft bieten zu können.
Bereits Anfang der 1960er Jahre konnte Familie Bennewiz hingegen wieder über ihr gesamtes
Haus eigenverantwortlich verfügen, da inzwischen die Umsiedlerfamilien aus dem Gebäude
ausnahmslos ausgezogen waren. Nachdem Herr Dr. Bernd Bennewiz im Oktober 1961 verstorben
war,821 lebten seine Frau Käte und auch die unterdessen mit dem Produktdesigner Albert
Krause822 verheiratete Tochter des Paares in dem Gebäude weiter zusammen.823
820
Vgl. Fußnote 791.
MG. 1969, S. 156.
822
Albert Krause, Produktdesigner, war Dozent am Institut für Entwurf und Entwicklung der Burg Giebichenstein in
Halle an der Saale. Er lehrte ab den 1950er Jahren an der Kunsthochschule. Krause, der vornehmlich Produktdesign für
Alltagsgegenstände betrieb, genoss aufgrund seines Kunststoffdesigns in der DDR einen guten Ruf.
823
Vgl. Fußnote 801.
821
342
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Frau Käte Bennewiz, Referentin der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina in Halle,
stellte im August 1963 einen Umbauantrag für das Gebäude.824 Die Maßnahmen umfassten die
bauliche Teilung der Bibliothek im Erdgeschoss in drei Räume und einen kleinen Flur.
Gleichzeitig brach man in die Südfront zwei zusätzliche Fenster und ließ das Damenwohnzimmer
durch einen kleineren WC-Raum ergänzen, der ebenfalls ein zusätzliches Fenster zur
Straßenfront nach Westen erhielt. Die entscheidende Zäsur für das Gebäude blieb dennoch die
vollständige Putzerneuerung an den Außenfassaden825 sowie einiger Innenflächen. Dass im
Gesamten dadurch nicht nur das Bibliotheksinventar stark dezimiert, sondern auch das äußere
Erscheinungsbild nachhaltig negativ geprägt wurde, bleibt bisher hinzunehmende Realität.
Das entstehungszeitlich mit Schiefer gedeckte Dach führte durch die geringe Dachneigung dazu,
dass Wasser in Mauerwerksfugen eindrang und eine Neueindeckung notwendig wurde. Somit
ließ die Eigentümerin das Dach zu einem Bitumenschindeldach umbauen. Nachdem die
Bauarbeiten beendet waren, lebte Frau Bennewiz noch bis in die 1980er Jahre826 hinein in einer
kleinen Wohnung in dem Haus, während die Hauptflächen durch Familie Albert Krause bewohnt
wurden.
Im Jahr 1985 verkauften die bisherigen Besitzer mit Wirkung vom 26. März des Jahres die Villa
in der ehemaligen Paulusstraße 6 an den Bauingenieur im Postdienst Siegfried Winkler und seine
Frau Ute, geb. Berthold. Bezeichnenderweise erleichterte Herr Krause das Wohnhaus um nahezu
sämtliche Beleuchtungskörper und viele Beschläge der klassisch modernen Ausstattung.
Auch die Neueigentümer gestalteten das Gebäude nach dem Erwerb nach ihren Vorstellungen
um. Erste Maßnahme war der am 9. Mai 1985 beantragte Umbau des Hauses zum Einbau einer
Garage in das Kellergeschoss. Nach der Genehmigung legte die Familie Winkler eine Böschung
im Vorgarten zur Heinrich-Heine-Straße an und ließ eine großflächige Fassadenöffnung für das
Garagentor anstatt eines ursprünglichen kleinen Fensters in die Außenwand brechen, sodass
ehemalige Räumlichkeiten der Hausmannswohnung zur Garage umgebaut werden konnten. Ab
September 1985 schlossen sich weitere Arbeiten an. Neben der Erneuerung der
Schornsteinköpfe, dem Nachfugen der Verklinkerungen am Gebäude und der Einfriedung
erneuerte Familie Winkler den Zugang, ließ die Holzfenster überholen und besserte den
Außenputz nach.827 Leider wurden zum Nachteil des Erscheinungsbildes nicht das bauzeitlich
verwendete schmale Klinkerformat vervollständigt, sondern Steine im Normalformat ergänzt.
Darüber hinaus wählten die Eigentümer, abweichend zum kontrastierenden Materialkonzept,
824
StA Ha/BA: Heinrich-Heine-Straße 6. Die Gesamtkosten der Umbaumaßnahmen beliefen sich auf 10.000 Mark aus
Eigenmitteln. Der Bauschein wurde am 11. Oktober 1963 ausgestellt. Beauftragter Bauunternehmer war die
Produktionsgenossenschaft des Bauhandwerks „Bauhütte“.
825
Der bauzeitliche Edelputz wurde vollständig entfernt und durch einen Kratzputz ersetzt. Es entstanden in dem Zuge
an den Fenstern rahmende Faschen, die entstehungszeitlich nicht vorhanden waren.
826
Nach den Angaben des heutigen Eigentümers verstarb Frau Käte Bennewiz Mitte bis Ende der 1980er Jahre.
827
Zum 17. September 1985 beantragte Siegfried Winkler die Instandsetzungsarbeiten. Insgesamt häuften sich
Leistungen am Gebäude um Umfang von über 18.000 DDR-Mark an.
343
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
eine einheitliche dunkelbraune Fenster- und Türrahmenfarbe zum Außenraum. Außerdem wurde
der ursprüngliche Grundrisszuschnitt der Bibliothek wiederhergestellt. Allerdings hatte Herr
Krause die angefertigten Einbauschränke teilweise ausbauen lassen, sodass der Gesamteindruck
des Raumes bis heute stark beeinträchtigt ist. Ebenfalls hielt man an dem Konzept zur Nutzung
als Zweifamilienwohnhaus fest und teilte die Hauptgeschosse im Treppenhaus durch
eingezogene Glas-Holz-Wände ab. Sämtliche sanitären Einbauten wurden im Obergeschoss
erneuert und das ehemalige mittlere Kinderzimmer erhielt zur Nutzungserleichterung der
eigenständigen Wohnung einen kleinen Flureinbau. Das Dach wurde gedämmt und mit
Bitumenschweißbahnen anstatt Schiefer neu eingedeckt.
Abb. 3.4-17: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930. Die Aufnahme
entstand 1997.
Nachdem das ausnahmslos wuchernde Rankgrün der Gartenfassade Mitte der 1990er Jahre
entfernt war, erhielt der Putzkörper des Wohngebäudes im Jahr 1997 letztlich einen gedeckt
weißen Anstrich (Abb. 3.4-17).
Ungeachtet der reich erhalten gebliebenen Details an dem Bauwerk zeigt es sich seinem
Betrachter
innen-
und
außenräumlich
als
entstellt.
Es
ist
dennoch
dem
architekturhistoriografischen Bedürfnis der Familie Winkler zu verdanken, dass das Gebäude in
der Stadtlandschaft Halles vor größerem Schaden bewahrt blieb. Gleichwohl sollte in Zukunft
Wert auf eine denkmalgerechte Sanierung gelegt werden, die im Zuge einer restauratorisch
begleiteten, vollständigen Instandsetzung die Mangelhaftigkeiten und gestalterischen Fehler des
344
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Außenputzes, der Fenster- und Türanlagen, des innenräumlichen Farb- und Materialkonzepts,
der Ausstattung sowie der Gartenanlage und Einfriedung beseitigt.
Heute steht das Gebäude unter Denkmalschutz und wird im städtischen Denkmalverzeichnis des
Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalts als „zweigeschossiger,
flachgedeckter Putzbau mit verklinkertem Attikageschoss und bugartig vortretendem
Treppenturm, über halbkreisförmigem Grundriss [...] [sowie als] exzellentes Beispiel des Neuen
Bauens im Bereich des gehobenen Wohnhausbaus“828 begründet.
3.4.2 Vertiefende Gedanken zum Gebäude
Den Idealen der sachlichen Gestaltung folgend, gilt das Gebäude als eines der „wenigen guten
Leistungen des Neuen Bauens in Halle an der Saale”,829 notierten Holger Brülls und Thomas
Dietzsch im Rahmen der Aufstellung eines Architekturführers für die Saalestadt.
Sicherlich führten zu diesem architektonischen Resultat eine Reihe nebeneinanderstehender und
dennoch untrennbar miteinander verwobener Fakten. Für den künstlerisch gebildeten und
Literatur liebenden Dr. Bennewiz eröffnete die Hochzeit mit seiner überaus wohlhabenden Frau
die Erfüllung seiner baulichen Fantasien. Kallmeyer & Facilides standen beruflich auf ihrem Zenit
und ließen durch die stadtweit anerkannten Architekturen ihre offenkundige Neigung zur
modern sachlichen Gestaltung eindrucksvoll erkennen. Bleibt die Frage, warum Bennewiz die
Architektengemeinschaft mit der Aufstellung der Entwürfe zu seinem exklusiven Wohnhaus
beauftragte?
Es muss wohl vielmehr konstatiert werden, dass Julius Kallmeyer durch seine jahrelange Arbeit
als Vorsitzender der Ortsgruppe des Bundes Deutscher Architekten für den
Architekturinteressierten eine Führungsrolle in Halle vorgab. Zudem galt Kallmeyer spätestens
seit der Mitinhaberschaft bei Knoch & Kallmeyer als eng mit der Wirtschaft und der
Lokalprominenz vernetzt. Dass er allein, oder auch in Gemeinschaft mit Wilhelm Facilides, das
gewünschte Feingefühl für die Lösung der Aufgabe mit einbrachte, vermittelt das Gebäude bis
heute bemerkenswert.
Das Gestaltungskonzept vereint Wohlgeformtes mit Disharmonien. Ganz wie in der Musik,
begehrt der Kontrapunkt einen Stimmungs- oder hierbei Formenwechsel. Mit dem an streng
klassisch mittig betonte Villenanlagen erinnernden Fassadenkonzept der Straßenfront gelang es
ihm, durch das Beiwerk Interesse zu wecken. Der asymmetrisch orientierte Eingang nimmt die
Materialität der Einfriedung auf und führt somit in der Wegebeziehung beide Bauteile
zueinander. Das Wechselspiel zweier in Kontrast stehender Fassadenmaterialien gilt als Signet
828
829
Brülls/Honekamp 1996, S. 207.
Brülls/Dietzsch 2000, S. 107.
345
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
der Architektengemeinschaft, hier wünschte man sich eine deutlicher der reduzierten Neuen
Sachlichkeit verpflichtete Architektursprache in einer Materialität, wie es z. B. die Entwürfe für
das Tuberkulosekrankenhaus in Harzgerode aufzeigen.830
Für Kallmeyer bedeutete der Klinker an diesem Bau das Ornament! In dem Material formte er
seine additiv dem Putzhauptkörper beigestellten Formationen des Treppenturmes und des
aufgesetzten Attikageschosses, vornehmlich zur Straßenseite. Im Gegensatz dazu findet man an
der Gartenfront ein weniger verunklartes Bild. Das Additiv des Wintergartens folgt in seiner
Materialität dem Putzkörper. Die aus der Anordnung resultierende Asymmetrie setzt sich in der
Fensterverteilung fort. Somit war auch diese Fassade der begründet festgelegte
Fassadengünstling Kallmeyers, der sich nicht in großem Umfang dem Ornament zu bedienen
brauchte und in seiner Materialklarheit nach bekannten Vorbildern strebte.
In seiner detailverliebten Durcharbeitung greift das Vorhaben geläufige Assoziationen des Neuen
Bauens auf. Ein flaches Dach, zumindest in der Perspektivwirkung (!), und die Betonung der
Horizontalen formten zusätzlich den gesamtheitlichen Ansatz eines überaus anerkennenswerten
Beispiels des Neuen Bauens in Halle an der Saale.
Für den privaten Wohnhausbau gilt das in den Grüntönen überlieferte Farbkonzept für das
Gebäude als eindrucksvoller Beweis, dass die Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides
nicht nur auf eine außenräumliche Wirkung beschränkt war, sondern gezielt die Harmonie von
Außen und Innen suchte. Warum ausnahmslos in dem Spektrum eines Grüns gearbeitet wurde,
kann heute nicht mehr eindeutig geklärt werden. Als sicher gilt aber, dass sich die Farbwirkung
über Schaffensperioden und verschiedenste Bauherren entwickelte und erhielt. Die erste belegte
Anwendung eines hellen grüngrauen Farbtons für ein Wohnhaus geht auf das Gebäude für
Dr. Seydel in der heutigen Ernst-König-Straße 10 zurück. 831 Seinerzeit zeichnete Facilides für die
Entwurfsbearbeitung verantwortlich, ein Indiz dafür, dass die Farbvorstellungen durch ihn
geprägt sein könnten und in die Architektengemeinschaft einflossen. Kallmeyer jedoch
überspitzte die Farbauffassung nicht nur, er entwickelte sie weiter. Durch die Verwendung eines
durchgefärbten Edelputzes bekräftigte er dieses Konzept bemerkenswert.
Dass sich die Berufskollegen Dr. Seydel und Dr. Bennewiz kannten, ist zweifelsfrei sicher. Ob
allerdings das vier Jahre zuvor entstandene Wohnhaus letztendlich Bennewiz inspirierte,
Kallmeyer & Facilides mit den Entwürfen zu seinem Bau zu beauftragen, ist nicht belegt,
obgleich sich dieses Szenario als durchaus vorstellbar offenbart.
Für Kallmeyer & Facilides zeigt das Gebäude aussagekräftig ihr Bekenntnis zur architektonischen
Moderne und weist die Architekten als profilierte Vertreter des Wohnhausbaus in den Formen
des Neuen Bauens aus.
830
831
Vgl. Kapitel 2.3.2 der vorliegenden Abhandlung.
Ebd.
346
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
3.4.3 Einordnung in das Gesamtschaffen
Mit dem Wohnhaus für die Familie Bennewiz gelang der Architektengemeinschaft ein
überregional anerkanntes Ergebnis architektonischen Schaffens. Das teuerste Einfamilienhaus
für einen privaten Bauherrn im Werk der Architektengemeinschaft erhielt besonderes Gewicht
durch die publizistische Anerkennung nach Fertigstellung. Im Besonderen zeigte die Ausstellung
des Bundes Deutscher Architekten das Projekt während der Deutschen Bauausstellung 1931 in
Berlin. Auch innerhalb der Architektengemeinschaft machte das Wohnhaus schon damals den
Eindruck, ein Lieblingsobjekt zu sein. Zumindest Kallmeyer, der durch den Einfluss seiner
führenden Ämter beim Bund Deutscher Architekten gewiss positive Einflussnahme nehmen
konnte, schien Veröffentlichungen des Gebäudes forciert zu haben. Kein anderes privates
Wohngebäude der Architektengemeinschaft fand entstehungszeitlich Einzug in die Presse.832
Selbst Facilides nahm es, so wie auch andere Bauten Kallmeyers, in seine nach dem Zweiten
Weltkrieg und dem Tod Kallmeyers aufgestellte Werkliste mit auf.833 Es zählt zu den anerkannt
guten Leistungen des Neuen Bauens und nimmt daher eine Sonderstellung im Œuvre der
Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides ein.
Das Gebäude reagierte durch die Gestaltung auf die Bedürfnisse seiner Bewohner, entsprach
damit dem Zeitgeist und zitierte allgemein anerkannte Gestaltungsmittel in jedoch
ungewöhnlicher Weise und Kombination.
Das Herausstellen eines Treppenturmes z. B. kommt einer Zurschaustellung der
Erschließungswege gleich. Eine bewusst gewählte Analogie. Die Betonung erscheint zunächst
bizarr und könnte im Ansatz auf Parallelen zu den z. B. hervorgehobenen und freigestellten
Treppenräumen der Fagus-Werke von Walter Gropius in Alfeld, erbaut 1911 bis 1914, deuten.
Darüber hinaus entdeckten Architekten der Büro- und Verwaltungsgebäude des Neuen Bauens
dieses angenehm akzentuierende Gestaltungsmittel.
Auch wenn es für Bennewiz’ Wohngebäude keinen eindeutigen Paten zu geben scheint, zitierte
die Baukunst in der damaligen Architektur publizierte Ideale. Exemplarisch soll ein unter
anderem gewähltes Gestaltungsbeispiel norddeutscher Architekten Analogien zu dem halleschen
Projekt aufweisen. Die Architekten Fritz Block und Ernst Hochfeld834 aus Hamburg zeigten mit
einem Verwaltungsgebäude in der Hansestadt ähnliche Gestaltungsmuster, die Kallmeyer
832
HN. 43. Jg. (1931), Nr. 22, 10. 06. 1931. – BG. 12. Jg. (1930), Heft 18, S. 1700–1712. – Fotografisches
Ausstellungsexponat der Sonderschau des Bundes Deutscher Architekten der Deutschen Bauausstellung 1931 in Berlin.
833
PrA E. Baron: Facilides, Wilhelm: Handschriftliches Werkverzeichnis, aufgestellt am 10. 09. 1960 in Halle. Dem
Verfasser liegt eine Kopie des unveröffentlichten Maschinenschreibens vor.
834
Dr.-Ing. Fritz Block (1889–1955) und Ernst Hochfeld (1890–1985) waren deutsche Architekten. Block, der 1915 in
Dresden sein Architekturstudium abschloss, tat sich in einer Bürogemeinschaft mit Hochfeld in Hamburg zusammen.
Beide gehörten zu den führenden Vertretern des Neuen Bauens und haben das Stadtbild der Hansestadt entscheidend
geprägt. Vgl. weiterführend: Jaeger 1996.
347
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
aufgriff. Ein kubischer Grundkörper mit herausgeschobenem Treppenturm, einem dazu
asymmetrisch versetzten Eingang und die unregelmäßige Verteilung von Fenstern in Größe und
Anordnung nach den inneren Funktionen weisen auf anerkannte, aber auch allgemein
authentische Gestaltungen des Neuen Bauens Ende der 1920er Jahre (Abb. 3.4-18).
Links: Abb. 3.4-18: Fritz Block & Ernst Hochfeld: Verwaltungsgebäude in Hamburg, erbaut 1927. Rechts: Abb. 3.4-19:
Fritz Fuß: Haus Z. in Refrath, erbaut 1928–1929.
Abb. 3.4-20: Rudolf Fränkel: Landhaus Lange in Bad Saarow, erbaut 1929–1932.
348
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Ebenfalls setzte der Architekt Rudolf Fränkel835 bei seinem Landhaus Lange in Bad Saarow,
erbaut 1929 bis 1932, additive Rundvolumen eines eindrucksvoll ähnlich geformten
Wintergartens an den Baukörper (Abb. 3.4-20). Diese Elemente kombinierte Kallmeyer mit dem
Materialkontrast der Putz- und Klinkerflächen. Maßgeblich steigerte er die Horizontale durch
das Verwenden schmaler Steine und die breite Ausführung der Lagerfuge, ein Motiv, das sich
wiederholt in Bauten führender Architekten finden ließ. Fritz Fuß836 aus Köln, ebenfalls ein durch
seine Bauten bekennender Modernist, griff bei einem Wohnhaus in Refrath bei Köln – kurze Zeit
vor der Umsetzung des Hauses Dr. Bennewiz in Halle – ebenfalls das die Horizontale betonende
Gestaltungsmittel der überhöhten Lagerfugen der Klinker, dagegen aber in einer Zweireihigkeit
auf (Abb. 3.4-19).
Jedes einzelne dieser beispielhaft angemerkten Motive stellte für sich genommen in der
gestalterischen Vielfalt und gegenseitigen Rezitation der Baumeister des Neuen Bauens an sich
keine Besonderheit dar. In ihrer Gesamtheit fügte sich dennoch ein klassisch modernes
Wohnhaus, das modernen Villenbauten vornehmer Hamburger oder Berliner Stadtteile um
Nichts nachstand.
835
Rudolf Fränkel (14. Juni 1901–23. April 1974) war ein deutscher Architekt mit Sitz in Berlin. Überdies arbeitete er in
Rumänien, England und Amerika. Er war in folgenden Institutionen Mitglied: BDA (1925–1933), Deutscher Werkbund
(1926–1933), Society of Industrial Artists & Designers, England (1937–1950), Vereinigung Deutscher und
österreichischer Architekten und Ingenieure „Circle“ (1943, Gründungsmitglied), Ausschuss „Architects for the
Redevelopment of Distressed Areas“ (1945), RIBA (1947–1974), American Institute of Planners (1950–1974). Vgl.
weiterführend: Thomson 2007.
836
Friedrich Karl Wilhelm Wolf (gen. Fritz) Fuß (1889–1945) war ein deutscher Architekt mit Bürositz in Köln. Er war in
folgenden Institutionen Mitglied: BDA, Deutscher Werkbund, Architekten- & Ingenieurverein und Gründungsmitglied
des Blocks Kölner Baukünstler. Fuß studierte in Dresden bei Prof. Wilhelm Kreis Architektur. Als Architekt in Köln
zählte er zu den anerkannten Persönlichkeiten der Stadt. Vgl. weiterführend: Meißner 2003.
349
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
3.5 1930 Wohnhaus für die Familie Paris, Halle/Saale
Der umtriebige Geschäfts- und Kaufmann Bruno Paris gründete 1919 in Halle an der Saale ein
Ladengeschäft für den Verkauf von Betten. Das später am Domplatz 9 ansässige Geschäft
expandierte innerhalb eines Jahrzehnts stark und erweiterte ständig sein Angebot. Während in
der Kleinen Ulrichstraße 2 die sogenannte Abteilung I. (Bettenhaus) und die Abteilung II.
(Ruhebett- und Matratzenwerkstätten mit Bettenreinigung, Polsterei und Zupferei) ansässig
waren, befanden sich die Abteilung III. (Kinderwagenhaus) und die Abteilung IV.
(Wintersportgeräte) in der Brüderstraße 3. Zusätzlich betrieb der Kaufmann bis 1926 in der
Leipziger Straße 12 ein Ladengeschäft und unterhielt eine Zweigniederlassung mit vollständigem
Angebot im Breiten Weg 3b837 in Magdeburg.
Mit dem Hauptgeschäft „Betten-Paris“ in einem alten Speicher am Domplatz sicherte sich Paris
eines der wenigen und zudem charakteristischen Lagergebäude des 19. Jahrhunderts in
innerstädtisch repräsentativer Lage. Seine Geschäfte machten ihn über die Jahre zu einem
wohlhabenden und angesehenen Kaufmann in und um Halle sowie in Magdeburg, sodass sich
die Familie schließlich entschied, ein neues, stattlich angemessenes Wohnhaus errichten zu
lassen.
Bruno Paris und seine Frau Adelheid838 kauften Ende der 1920er Jahre ein Grundstück in
vornehm ruhiger Lage im Nordwesten Halles. Das leicht zur Straße ansteigende Grundstück von
ca. 2.600 m2 Größe und rechteckigem Zuschnitt befand sich inmitten villenartiger
Nachbarbebauungen in städtebaulich gelöster Umgebung eines insgesamt ländlichen Charakters.
Die entstehungszeitlich bezeichnete Saarlandstraße verfügte lediglich über eine einseitig
angelegte Bebauung, sodass sich ein angenehmer Blick über das sich anschließende Freigelände
für die ansässigen Bewohner anschloss.
3.5.1 Projektanalyse
Vermutlich beauftragte das Unternehmerpaar Paris die Architektengemeinschaft
Kallmeyer & Facilides bereits Mitte 1929 mit der Aufstellung von Entwürfen für das Wohnhaus
in der heutigen Ernst-Grube-Straße 24. Die Entwurfsbearbeitung übernahm Wilhelm Facilides,
der ein entsprechendes Konzept für das Wohngebäude in opulent villenartiger Größe aufstellte.
Als überbaute Fläche gab Facilides nach Erarbeitung der Zeichnungen beachtliche 263 m2 an.839
837
Das ehemalige Gebäude des Bettenhauses Bruno Paris, Breiter Weg 3b in Magdeburg, wurde durch einen
Luftangriff in Jahr 1945 vollständig zerstört.
838
Zu den Bauherren Adelheid und Bruno Paris konnten keine weiterführenden, persönlichen Daten ermittelt werden.
839
Soweit nicht abweichend gekennzeichnet, sind diese und folgende Anmerkungen der Bauakte entnommen. Vgl.:
StA Ha/BA: Ernst-Grube-Straße 24.
350
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Das Gebäude positionierte sich weit an die Straße versetzt, lediglich 6 m von der
Grundstücksgrenze entfernt und die Bauflucht der anliegenden Gebäude aufnehmend, mittig
auf dem Baugrund. Das hatte den Charme, einen großzügigen Garten hinter dem Haus anlegen
zu können und verhältnismäßig wenig Fläche für den Vorgarten vorsehen zu müssen. Insgesamt
entwarf Facilides ein vollständig unterkellertes Gebäude mit zwei Wohnebenen und einem
Dachgeschoss, das durch eine geschickt in die Baumassengestalt einformulierte Garage sowie
Auf- und Eingangsbauwerk ergänzt wurde.
Abb. 3.5-1: Ehepaar Adelheid und Bruno Paris, die Bauherrenschaft zum Wohnhaus in der Ernst-Grube-Straße 24 in
Halle, im Rahmen einer Familienfeier. Die Aufnahme entstand um 1950.
Für den Entwurfsprozess ist überliefert, dass die Bauherrenschaft den Architekten nahezu alle
Freiheiten für Grund- und Aufriss gab. Adelheid und Bruno Paris (Abb. 3.5-1) gehörten zu den
durchsetzungsstarken und anspruchsvollen, aber weniger kunstversierten Persönlichkeiten
Halles.840 Folglich überließen sie nach intensiven Abstimmungen dem Architekten die
gestalterische Freizügigkeit und überwachten akribisch das Finanzielle, sodass die Erarbeitung
der Entwürfe reibungslos verlief. Schließlich waren die Zeichnungen zum Ende Januar 1930
fertiggestellt, sodass der Bauherr diese zunächst am 27. Januar und endgültig überarbeitet zum
840
Diese Anmerkungen bestätigte der heutige Eigentümer, Herr Dr. Dr. Jürgen Metzner, dem Verfasser gegenüber am
14. November 2007, anhand eines Gedächtnisprotokolls zu einem Gespräch mit der Tochter des Ehepaares Paris.
351
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
28. März 1930 zur Genehmigung an die städtische Baupolizei einreichte.
Das Projekt war, wie weitere zweifelsohne ebenso, unter Zeitdruck entstanden. Offenkundig
zeigte sich dieser Umstand, da bereits drei Tage nach der überarbeiteten Bauantragseinreichung
Bruno Paris mit Schreiben vom 31. März an die Behörden eindringlich persönlich um Erteilung
des Ausschachtungsscheins bat. Der aufgebaute Druck wirkte. Am 4. April 1930 stellte die
hallesche Baupolizei den „Bau-Erlaubnisschein zur Errichtung des Wohnhauses, Saarlandstraße
Nr. 24“ mit kleineren Auflagen aus. Demnach waren lediglich zwei bewohnbare Geschosse für
den Neubau geduldet, die mit weiteren zwei Räumen eines ständigen Aufenthaltes im
Dachgeschoss ergänzt werden durften. Es sollte ein Vorgarten angelegt und mit einer
abschließenden Einfriedung versehen als auch Putz- und Farbproben der Fassaden zur
Begutachtung und Abnahme angelegt werden. Außerdem fehlte vorübergehend die statische
Berechnung für das Gesamtvorhaben, aber Facilides setzte zunächst sämtliche Forderungen
innerhalb des Entwurfes um.841 Schließlich stellte die hallesche Baupolizei nach kleineren
Anpassungen den Bauschein erneut am 25. April 1930 aus, sodass die Bauarbeiten beginnen
konnten.
Das Tiefbauunternehmen unter dem Maurermeister Otto Katzsche aus Halle führte den Erdbau
und die Ausschachtungen aus, während das Baugeschäft von Wilhelm Mennicke & Sohn aus
Brachwitz die Mauerarbeiten fertigte und den Dachstuhl setzte. Schließlich ergänzten die
Lieferungen des Verblendklinkers durch die Firma Martin Kuhne den Rohbau. Trotz einiger
nachträglich genehmigter Anpassungen an Gebäudelage und Statik842 war der Rohbau Anfang
Juli 1930 fertiggestellt. Zur entsprechenden Abnahme am 18. Juli erhielten die Architekten unter
anderem die erneute Auflage zur Begutachtung von Farb- und Putzproben des Außenputzes, die
am 8. August durch alle Beteiligten in Augenschein genommen wurde. Schließlich verständigte
man sich darauf, den zunächst vorgesehenen farbig gestrichenen Edelputz durch einen
eingefärbten Edelputz als Spritzputz843 zu ersetzen. Somit sollte der ebenfalls am Wohnhaus für
Dr. Bennewiz verwendete Putz für dieses Vorhaben Anwendung finden.
Mitte September schlossen die Ausbauarbeiten zu dem Vorhaben ab, sodass am
27. September 1930 das Wohnhaus baupolizeilich abgenommen und anschließend durch die
Familie Paris bezogen wurde.
841
Folgende Einreichungen fanden statt: 13. April 1930 die Statik wurde eingereicht und am 24. April 1930 geprüft;
14. April 1930 Einreichung der Unterlagen für die Straßeneinfriedung; 14. April 1930 Übersendung der Be- und
Entwässerungsunterlagen an die städtische Baupolizei.
842
Bruno Paris bat mit Schreiben vom 25. April 1930 an die Baupolizei um das Verschieben seines Hauses nach Osten
um 1,58 m, was mit Bauerlaubnisschein vom 29. April 1930 genehmigt wurde. Kallmeyer & Facilides baten mit
Schreiben vom 15. Juli 1930 um Anpassung der Statik für Wand- und Fensterüberlagsträger, was mit
Bauerlaubnisschein vom 21. Juli 1930 genehmigt wurde.
843
Schöne 1997, S. 2.
352
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
a Gebäudebeschreibung
Das Gebäude platzierte sich straßenbegleitend und die Baufluchten der Nachbargebäude
aufnehmend repräsentativ auf dem zur Straße dezent abfallenden Grundstück als voll
unterkellerter, zweigeschossiger sowie mit teilweise überbautem Attikageschoss versehener,
flach gedeckter Baukörper (Abb. 3.5-2). Die überwiegend verputzte Baumasse strukturierte sich
aus rein kubisch orthogonalen Grundkörpern. Klar und offenkundig bildhaft zur Schaufassade
arrangiert, bestand das Gebäude aus dem östlich gelegenen Hauptvolumen über insgesamt vier
Ebenen über nahezu quadratischem Grundriss sowie der westlich angefügten dreietagigen
Baumasse über rechteckiger Anordnung. Beide Kuben bildeten in asymmetrischer Ordnung ein
optisches Kräftepaar, das der leicht abfallenden Straße entgegenzuwirken schien. Der aus der
Mitte versetzte und risalitartig vor die Baumasse nach Norden springende Treppenturm baute
auf dieser Grundhaltung auf und akzentuierte sowie strukturierte die Schaufassade zugleich.
Abb. 3.5-2: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Straßenfassade. Die Aufnahme
entstand um 1932.
Der seitlich angelagerte Haupteingang mit weit auskragendem Vordach und vorgesetzter
Treppenanlage störte dieses harmonisch komponierte Bild in keiner Weise. Ebenfalls dem
Geländeverlauf folgend, platzierten die Architekten auf dem Niveau des Kellergeschosses die
Garagenanlage neben dem Eingang mit entsprechender Einfahrt in Richtung Norden. Im
Gesamten bildete diese Vielgliedrigkeit der Sockelebene im Zusammenhang mit der
vorgelagerten Einfriedungsmauer einen Kontrapunkt zu dem aufsteigenden Putzkörper des
353
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Wohnhauses.
In der Konstruktionswahl griff Facilides als federführender Architekt auf die bekannten
Methoden der Massivbauweise zurück. Die auf Streifenfundamenten in Stampfbeton ruhenden
Wände ließ der Architekt in Ziegeln aufmauern, welche nach außen größtenteils einen Edelputz
sowie an den sichtbaren Außenwänden der Sockelebene sowie ausgesucht reduzierten Bereichen
eine Verklinkerung erhielten. Die Decken wurden abweichend zum kurz zuvor fertiggestellten
Bennewiz-Projekt überwiegend als Holzdecken vorgesehen. Lediglich in ausgewählten Bereichen
wie z. B. der Bäder, WCs oder der Kellerdecke wurde eine Massivdecke zwischen eisernen Trägern
ausgeführt. Nicht zuletzt versah man den in Holz gearbeiteten Dachstuhl des flach geneigten
Pyramidendaches mit einer Brettschalung und Schieferdeckung.
Ergänzung fand das Ensemble in der grundstücksabschließenden Einfriedung zur Straße, die in
beispielhafter Qualität das gestalterische Gesamtkonzept unterstützte und aus einer
verklinkerten Umfassungsmauer mit partiell angeordneten Drahtgitterfüllungen zwischen
verklinkerten Mauerpfeilern ausgeführt wurde.
b Baukörper und Fassade
Der Entwurf überrascht in seiner klaren Durcharbeitung und Ehrlichkeit gegenüber den
gestalterischen Idealen des Neuen Bauens. Letztlich überstrahlte das Gebäude durch die kubische
Entwurfshaltung sämtliche vorangehenden Bauten der Architektengemeinschaft
Kallmeyer & Facilides und ist heute ebenfalls als eine der besten Leistungen der klassisch
modernen Wohnhausarchitektur in Halle an der Saale zu bezeichnen.
Facilides stellte trotz der inneren Zusammenhänge eine additiv wirkende Baumassenstruktur in
den Vordergrund seines Gestaltungsansatzes. Somit leitete sich das gesamte, auch
innenräumliche Konzept aus der gestalterischen Ordnung der zwei Hauptkörper heraus ab. Auch
bei diesem Vorhaben unterschied sich die Straßen- von der Gartenfassade durchaus, obwohl die
Schaufassade eindeutig in Richtung bauzeitlicher Saarlandstraße nach Norden orientiert war.
Das bauordnungsrechtliche Grundanliegen zur Zweigeschossigkeit löste Facilides, indem das Erdund Obergeschoss in voller Geschosshöhe umgesetzt wurden und sich das Attikageschoss nur
über den Hauptkörper erstreckte. Für dieses Geschoss wurde außerdem eine lichte Raumhöhe
von lediglich 2,2 m angesetzt. Somit erreichte das Gebäude auch visuell die
bauordnungsrechtlich geforderten Maßstäbe und bildete zunächst eine Zweigeschossigkeit für
den Betrachter in Richtung zur Straße nach Norden ab. Dass sich der Bau allerdings beim
genaueren Mustern aus insgesamt vier Ebenen strukturiert, verwundert und erstaunt zugleich.
Der sachlich kubische Bau war entstehungszeitlich mit einem Kalk-Zement-Putz in zwei Lagen
354
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
und einem Edeldeckputz als Spritzputz in hellgrüner Farbgebung versehen.844 Die
Fassadengestaltung ergänzten unverputzte Klinkerflächen im Sockelbereich, am Eingangsvorbau,
am Risalit der Nordfassade, in Höhe der Treppenhausfester, an Pfeilern und Brüstung der
Terrasse sowie auf der Dachterrasse. Die Anordnung erfolgte nach dem Grundsatz, dass die
additiven Bauteile des Eingangs- sowie Garagenvorbaus und des Freisitzes zur Gartenseite durch
das Material des Klinkers akzentuiert und damit in Kontrast zu den Putzflächen gesetzt wurden.
Auch bei diesem Vorhaben griff Facilides auf eine starke Betonung der Horizontalen zurück.
Diesen Gestaltungsanspruch der Straßenfassade zeigten Fensterbänder am Hauptkörper, das
Panoramafenster des Westkörpers sowie gleichermaßen die liegenden Fensterstrukturen des
Treppenrisalits.
Abb. 3.5-3: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Ansicht der Straßenfassade, datiert
28. März 1930.
Die Öffnungsstruktur der Fassade präsentiert sich somit vielschichtig, mutet aber zur Schauseite
teilweise gewollt geordnet an (Abb. 3.5-3). Bemerkenswert ist in dem Zusammenhang, dass
zusätzlich zu der provozierten Asymmetrie des Baukörpers die Verteilung der Fenster zwar nach
der inneren Ordnung erfolgte, aber in ihrer Anordnung sowohl gerichtet als auch aufgelockert
verteilt erschien.
Vielmehr überrascht, dass die großformatigen, exakt aneinander ausgerichteten Fensteranlagen
des Hauptkörpers in Richtung der Straße lediglich Nebenfunktionen wie Küche, Speisekammer
oder Bäder belichteten. Diese fensterbandartigen Strukturen von 5,6 m Ausdehnung assoziierten
in Bezug auf Größe und Gewichtigkeit innerhalb des Fassadenentwurfes vielmehr eine
großzügige Wohnfunktion. Demnach muss dem Grundsatz der funktionalen Verteilung der
844
Schöne 1997, S. 136. Eine Anwendung eines gestrichenen Edelputzes kam nach Begutachtung des Architekten, der
Bauherrenschaft und der Baupolizei zur Rohbauabnahme des Gebäudes nicht zur Ausführung.
355
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Fenster der Zusatz der außenwirksamen Erscheinung zueinander beigefügt werden. Es ging somit
nicht mehr nur um die Ideale einer funktional korrekten Anordnung der Öffnungen. Das ist ein
wesentliches Indiz dafür, dass die Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides in dieser
späten Phase ihrer sachlich modernen Architektur die architektonische Komposition als Ganzes
stets im Vordergrund sahen und erinnert grundsätzlich an klassische Kompositionsmethoden.
Konträr dazu steht das Öffnungskonzept der Wohnbereiche, die sich zunächst in Richtung der
Straße zurücknahmen. Lediglich eine über Eck geführte Fensteranlage des Musikzimmers
lockerte den sonst geschlossenen Kubus auf.
Links: Abb. 3.5-4: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Detail Eingangsbereich. Rechts:
Abb. 3.5-5: Detail Vergitterungen der Kellerfenster. Die Aufnahmen entstanden 2007.
Sämtliche Fenster wiesen einen grauen Ölfarbanstrich auf und waren zu den Wohnräumen mit
außen liegenden, in den Fassadenaufbau integrierten Jalousien ausgestattet. Die Eingangstür im
Eingangsvorbau der Nordfassade war, wie das Garagentor, abweichend in Eichenholz mit einer
teakfarbenen Lasur versehen845 (Abb. 3.5-4). Als Drückergarnituren wählten die Architekten
einen vernickelten Messingdruckguss in moderner Formung aus dem Repertoire der Firma Otto
Seyffart aus Altenburg.846
Desgleichen rahmten aussagekräftige Details die Fassadengestaltung. Kallmeyer & Facilides
legten besonderen Wert auf den Entwurf und die Ausbildung dieser letztendlich schmückenden
Bestandteile des Bauwerks. Prägendstes war zweifelsohne die akzentuierende Verklinkerung. Die
845
Ebd., S. 2.
Die Angaben zu den ausführenden Firmen stammen aus der Kostenzusammenstellung der Architektengemeinschaft
Kallmeyer & Facilides aus dem Besitz des Hausherrn. Dem Verfasser liegt eine Kopie der Unterlagen vor.
846
356
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Architektengemeinschaft wählte einen schmalen dunkelroten Klinker,847 der mit einer ca. 1 cm
breiten, dunkelrot eingefärbten Stoßfuge vermörtelt eingebaut wurde. Die ca. 2,5 cm hoch
ausgeführte Lagerfuge erhielt einen hellen Fugenmörtel, sodass diese Ausführungsvariante das
Erscheinungsbild der Fassaden um eine konsequent horizontal gestreifte Betonung bereicherte.
Sämtliche Vergitterungen der Kellerfenster waren als grau gestrichene Flachstahlkonstruktionen
in liegender Anordnung durch den halleschen Schlossermeister Rudolf Speck nach den
Entwürfen der Architekten angefertigt und unterstützten das waagerecht akzentuierte
Erscheinungsbild (Abb. 3.5-5).
Zudem zeigte die auskragende Decke des Eingangsbereichs auf ihrer Unterseite eine
schachbrettartige Scharrierung und erinnerte somit in der Ausführung als bewehrter und
geschalter Kunststein an die Verlegung von quadratischen Steinplatten des Bodens.848
Hervorzuheben sind außerdem die an allen vier Gebäudeecken platzierten bauzeitlich von Bruno
Reimer849 aus Kupfer gefertigten Außenleuchten mit zylindrischem Opalglaskörper, die in Höhe
der Fensterbänke des ersten Obergeschosses im 45°-Winkel angebracht waren, als auch die
ausnahmslos quadratischen Fallrohre in verzinktem Stahlblech, die durch den Klempnermeister
Walter Schumann ausgeführt wurden und das funktionale Gesamtbild entscheidend prägten.
Die Gartenfassade zeigte sich abweichend zwar unter Berücksichtigung sämtlicher
gestaltprägender Details, dennoch unspektakulärer. Durch das Fehlen des markanten
Treppenturmes traten die verputzten Volumen des Hauptkörpers und des westlich angelagerten
Kubus offenkundig hervor. Hier zeigte sich eindrucksvoll die Fensterverteilung, die weniger den
optisch wirksamen Prämissen folgend, sondern nach den inneren Raumstrukturen
herausgearbeitet wurde.
Während der nahezu quadratisch wirkende Hauptblock mit zurückversetztem Attikageschoss
eine Fensterverteilung mit verschiedenen, meist liegenden Formaten zeigte, öffnete sich der
angelagerte Kubus durch großflächige Verglasungen und Austritt zum Garten. Den verklinkerten
Sockelbereich fortführend, umgriff eine sich anschließende Einfriedungsmauer die breite, dem
Gebäude vorgelagerte Terrasse, die ihre Ergänzung in dem westlich vorgestellten und
verklinkerten Sitzplatz mit Sonnenterrasse für das erste Obergeschoss erhielt.
847
Das Klinkerformat beträgt ca. 5 x 10 x 21 cm. Fachsprachig: Niederländisches Standardformat, oder auch
Oldenburger-Format (OF).
848
Schöne 1997, S. 3.
849
Bruno Reimer, Leuchtkörper - Leichmetall - Eisenbau, Geiststr. 19, Halle.
357
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Abb. 3.5-6: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Ansicht der Gartenfassade. Zeichnung
zum Bauantrag, datiert 28. März 1930.
Insgesamt wirkte die Gartenfassade deutlich nüchterner als ihr Pendant zur Straße. Das
resultierte aus dem Umstand der bewusst nach den inneren Funktionen gestalteten sowie ihrer
Aufgabe entsprechenden Südfassade. Für Facilides kam die wiederholte Rezitation geschönter
Geometrien, wie man sie an der Straßenfassade mit Treppenturm und Fensterverteilung fand, an
der Gartenfront offenkundig nicht zur Anwendung. Wenngleich nicht qualitätsmindernd
gestaltet, offenbarte sich in dieser Ansicht die Hinwendung zu den Idealen des Neuen Bauens.
Funktional, sodass die Räume gut belichtet wurden, ordnete sich das Gesamtbild. Während aus
den inneren Funktionszusammenhängen heraus das Kinderspielzimmer und das Speise/Wohnzimmer die Ergänzung ihrer Fensteranlage durch einen Terrassentüraustritt erhielten, sah
Facilides für das mittig liegende Herrenzimmer ein lediglich ca. 2,5 m langes, mit normaler
Brüstungshöhe versehenes Kastenfenster vor. Hervorzuheben ist die einer Schaufensteranlage
gleichkommende, nahezu raumhohe Verglasung des Speisezimmers zum Freisitz, die sich über
die gesamte Raumbreite nach Süden erstreckte und den Blick in den angrenzenden Garten
freigab (Abb. 3.5-7).
Die Öffnungen der Schlaf- und Wohnräume im Obergeschoss waren dessen ungeachtet kleiner
und jeweils von gleicher Größe vorgesehen. Einzig die über dem Freisitz angeordnete
Sonnenterrasse schloss sich dem elterlichen Rückzugsbereich im ersten Obergeschoss mit einer
verglasten Türanlage an. Im Gesamten bedeutete die ungleiche Fassadenkomposition, zunächst
dem Repräsentationswillen des Bauherrn und gewiss auch des Architekten gerecht werden zu
können, und erklärte die Straßenfront zur Schaufassade.
Den Abschluss des Baukörpers bildete das brettgeschalte und mit hellblauem Thüringer
Dachschiefer erster Wahl bekleidete, sehr flach geneigte Pyramidendach über dem Hauptkörper.
Schiefer- & Ziegeldeckmeister Otto Sendewitz aus Halle belieferte Bruno Paris und deckte das
Material aus den Staats-Schieferbrüchen Lehesten als Doppeldach in englischer Deckung.
358
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Abb. 3.5-7: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Gartenfassade mit Blick zum Freisitz.
Die Aufnahme entstand um 1935.
Dieses in den Formen des Neuen Bauens entworfene Gebäude zeigt sich als die versiert beste
Leistung der klassisch modernen Wohnhausarchitektur der Architektengemeinschaft
Kallmeyer & Facilides. Keinerlei verunklarende Elemente stören den Gestaltungsduktus und
weisen die Architekten einmal mehr als profilierte Baumeister des Neuen Bauens aus.
Die gestalterische Gesamtkomposition lässt ebenso für dieses Gebäude einen Fassaden- als auch
baumassentypologischen Ansatz herausarbeiten, indem die Architekten bewährt auf ihren
Entwurfsgrundsatz vertrauten. Dieser stellte die gewählten Schaumaterialitäten der additiven
Gliederungselemente elegant in gestalterischen Kontrast und ergänzte die Konzeption durch die
Öffnungsverteilung und -struktur sowie ästhetisch aufeinander abgestimmte und aufbauende
Details.
c Innere Struktur und Ausgestaltung
Das Gebäude präsentiert sich heute in restauriertem Originalzustand mit nahezu unveränderter
359
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Grundrissstruktur,850 die im Zusammenhang mit der wiederhergestellten bauzeitlichen Farb- und
Materialfassung einen beispiellosen Eindruck der innenräumlichen Entwurfs- und
Gestaltungsprämissen der Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides zulässt.
Der innere Aufbau strukturierte sich in insgesamt vier Ebenen. Über dem Kellergeschoss
befanden sich zwei Wohngeschosse, die teilweise von einem Dachgeschoss überragt wurden. Als
Hauptwohngeschoss umfasste das Erdgeschoss sowohl Räumlichkeiten des gutbürgerlichen
Alltags- und Repräsentationsgebrauchs als auch Zimmer, die ausschließlich für die Familie
vorgesehen waren. Der klassische Grundrissaufbau orientierte sich mit seinen Raumfolgen an der
Villenarchitektur des 19. Jahrhunderts und gruppierte sich um das zentrale Vestibül (Abb. 3.5-8).
Abb. 3.5-8: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Grundriss Erdgeschoss, datiert
28. März 1930.
Dieses wurde von Osten durch den seitlich vorgelagerten Eingangsvorbau erschlossen, der mit
Solnhofener Platten ausgelegt war und neben dem Windfang Platz für das Besucher-WC bot.
Über einen Vorraum, der nochmals den inneren Bereich abgrenzte, gelangte man in die große,
mittig gelegene Diele, an die sich nördlich das offene Treppenhaus mit zweiläufiger Treppe
raumbildend repräsentativ anschloss.851
Über die großzügige Diele im Erdgeschoss erschloss der Bewohner sämtliche für ihn relevanten
850
851
Bezüglich der Änderungen im Gebäudebestand siehe das nachfolgende Kapitel zur Bau- und Nutzungsgeschichte.
Die Treppenanlage wurde durch die halleschen Tischler Clauss & Rühl errichtet.
360
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
weiteren Wohn- und Aufenthaltsräume. Als großzügige Raumfolge angelegt, ordnete sich
beginnend mit dem Musikzimmer im Nordwesten das Speisezimmer als Bindeglied zwischen
Innen und Außen sowie als zentraler Ort vor dem überdachten Freisitz an. Beide Räume waren
mit einer weiträumigen Schiebetüranlage verbunden. Darauf folgend sah Facilides ein
Herrenzimmer mit Verbindungstür zum Speisezimmer und schließlich auch das durch Familie
Paris verlangte Kinderspielzimmer mit Ausgang zur Terrasse und Garten vor. Sämtliche dieser
Räumlichkeiten erhielten entstehungszeitlich ein Eichenstabparkett mit umlaufendem Fries.
Neben glatt gespachtelten und vornehmlich in gedeckten hellgrün oder weiß gestrichenen
Wänden sowie in seidenmatt, weiß gestrichenen Doppelfensterinnenseiten schmückten
wirkungsvolle Details besondere Zimmer.
So war in dem 34 m2 großen Esszimmer ebenso wie in dem angrenzenden Herrenzimmer eine
tradiert wirkende Deckenverkleidung mit mittiger Rosette in mittelbraun lasiertem Farbton
verbaut. Ob dieses der Innenarchitektur zuweilen gegenläufig ungewöhnliche Gestaltungsmittel
durch eine Bauherrenvorgabe nachträglich selbst oder durch Facilides bauzeitlich vorgesehen
wurde, ist fraglich. Großzügige Panoramafenster in den Wohnräumen und eine Glasfassade mit
Glastüranlage im Speisezimmer ermöglichten außerdem einen schönen Blick in Richtung Süden
in den angrenzenden weitläufigen Garten.
Dem funktional strukturierten Grundrissaufbau folgend, ordneten die Architekten an der
Nordostseite des Erdgeschosses die Wirtschaftsräume mit Küche, Vorratsraum und Anrichte an,
die durch den Vorflur separat erschlossen werden konnten und somit im Betrieb keine
Verbindung zum Vestibül benötigten.
Als Grundlage für das in grünen und beigen Farbtönen über das gesamte Gebäudeinnere
konzipierte Farbkonzept sahen die Architekten mit einigen Ausnahmen852 glatt gespachtelte
Wand- und Deckenflächen vor, die mit Emulsionsfarben gestrichen wurden. Die Wandflächen
des Vestibüls und des Treppenhauses wiesen einen hellgrünen Anstrich auf, der im Bereich der
wandseitigen Treppenwangen mit einem ca. 6 cm hohen beigefarbenen Wischsockel ergänzt
wurde.853 Die Decken und die Treppenuntersichten besaßen ebenfalls einen beigefarbenen
Anstrich (Abb. 3.5-9). Tritt- und Setzstufen der Treppe sowie die Treppenwangen und die
Fußbodendielen waren bauzeitlich in hellgrauem Ölfarbanstrich vorgesehen. Sämtliche
Türblätter sah man in Hellgrün, die Blendrahmen in dunklem Lindgrün vor. Für die
Treppenhausfensteranlagen überlegte Facilides ein entsprechendes Konzept, welches sich in der
Farbdurchwirkung der kunstvollen Bleiverglasungen übertrug und von Richard Scheibe854 in
852
In einigen Wohnräumen wurden auf Wunsch des Bauherrn Tapeten angebracht. Z. B. hat sich im Musikzimmer des
Erdgeschosses im Zuge der restauratorischen Befundung ein bauzeitlicher Tapetenrest in illusionistisch
rotbroncefarbener Seidenstruktur erhalten.
853
Sämtliche nachfolgende Farbangaben beruhen auf der restauratorischen Untersuchung des halleschen Restaurators
Peter Schöne, die im Zuge der denkmalgerechten Sanierung befundet wurden. Vgl.: Schöne 1997.
854
Über den Bleiglaskünstler Richard Scheibe aus Halle konnten keine weiteren Informationen in Erfahrung gebracht
werden.
361
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
differenziert lindgrüner, beigefarbener und klar-transluzenter Fassung angefertigt wurden.
Während die Fensterrahmen des Treppenhauses zwischen Erd- und Obergeschoss in Hellgrün
sowie die Fensterflügel in Hellgelb angelegt wurden, bildeten die Fensterrahmen zwischen Oberund Dachgeschoss in beige-grünlicher Farbgebung sowie die Fensterflügel in Hellgrau einen
stimmungsvollen Kontrast (Abb. 3.5-10).
Links: Abb. 3.5-9: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Vestibül mit Blick nach Westen.
Rechts: Abb. 3.5-10: Detail Treppenhaus zwischen Ober- und Dachgeschoss. Die Aufnahmen entstanden 2007.
Es herrschten abweichende Farben in dem Wirtschaftstrakt zu den grünen und beigen Tönen der
Wohnräume vor. Rote Steinzeugfliesen und rotes Linoleum deuteten auf die Arbeitsumgebung
der Hausangestellten der Familie Paris. Insgesamt waren zwei Hausmädchen ständig anwesend
und kümmerten sich um die drei Kinder und das leibliche Wohl der Familie.
Für das gesamte Gebäude galt das Schönheitsbedürfnis der Zeit als ausschlaggebend bis in seine
gestalterischen Details hinein. Massivholztüren in glatter ornamentloser Ausführung betonten
das gestalterisch moderne Innenraumkonzept. Exklusiv modern gestaltete vernickelte Türdrücker
zierten die Außentüren und sämtliche Türen der Wohnräume, die ihre stimmungsvolle
Ergänzung in entsprechend gestalteten Garnituren an den Eingangs- und Zufahrtspforten
erhielten. Diese ausnahmslos durch die Metallwerkstatt Otto Seyffart gelieferten Stücke wurden
durch einfachere Ausführungen der Türen in den Nebenräumen vervollständigt (Abb. 3.5-11 &
12). Die Firma Seyffart, selbst Mitglied im Deutschen Werkbund, war landesweit für ihr exquisitmodernes Beschlags- und Metallwarensortiment geschätzt und bildete für viele Bauten der
Architektengemeinschaft eine gern verwendete Ressource, die durchgängig für das gesamte
Wohnhaus Paris zur Anwendung kam.
Diverse weitere Innenausstattungen wie aufwendige Tapeten der Wohnräume, Kokosmatten und
Textilausstattungen lieferte, nach vorheriger gemeinsam mit der Familie Paris und dem
Architekten durchgeführter Bemusterung, das Einrichtungshaus Arnold & Troitzsch aus Halle.
362
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Abb. 3.5-11 & Abb. 3.5-12: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Türdrückerdetails,
links: Tür zum Windfang im Erdgeschoss, rechts: Drückergarnituren an der Terrassendoppeltür des Kinderspielzimmers.
Die Aufnahmen entstanden 2007.
Leider haben sich bis auf wenige Außenleuchten keine innenräumlichen Beleuchtungskörper
erhalten.855 Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Leuchtkörperbemusterung durch die
Architektengemeinschaft erfolgte und die Stücke durch verschiedenste Nutzer im Laufe der
Jahre verloren gingen.856 Für das Baubüro Kallmeyer & Facilides bedeutete gerade das
gestalterische Detail der bewusst gewählten Leuchten eine gewichtige Antwort auf
gestaltbildende Fragen. Einzig am Wohnhaus der Familie Bennewiz sind bis zum heutigen Tag
charakteristisch bauzeitliche Beleuchtungskörper erhalten und zeigen in ihrer Ausformung,
Materialität und nicht zuletzt Anordnung das klassisch moderne und entwerferische Ideal der
Architekten Kallmeyer & Facilides.857
Im ersten Obergeschoss setzte sich der grundsätzliche Gebäudeaufbau in seiner
Grundrissausformung fort. Um die zentral angeordnete obere Diele, die in grünem Linoleum
ausgelegt war, gruppierten sich in Richtung Süden und Westen die weiteren Wohn- und
Schlafzimmer. Dabei unterteilte Facilides den Eltern- vom Kinderbereich. Die drei benötigten,
nahezu gleich großen Kinderzimmer ordnete der Architekt in Zusammengehörigkeit im Westen
an, während das elterliche Schlafzimmer mit angrenzendem zusätzlichem Wohnzimmer und
Austritt zur Sonnenterrasse ebenfalls eine eigenständige Einheit bildete (Abb. 3.5-13).
855
Gemäß Angaben der Kinder des Ehepaares Paris während eines Besuches nach der Sanierung der Jahre 1997 bis
2000 waren entstehungszeitlich im Wohn- und Musikzimmer sowie vermutlich im Herrenzimmer imposante
Kronleuchter aufgehängt, die dem tradierten Bild der vertäfelten Decken entsprachen.
856
Im Zuge einer weiteren Aufarbeitung sollte es Anspruch sein, die innenräumlichen Ausstattungsdetails der
Beleuchtungskörper anhand von zeitgenössischen Fotografien wiederherzustellen. Oft verwendete die
Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides Artikel der Firmen Bünte & Rommer sowie G. Schanzenbach & Co aus
Frankfurt.
857
Vgl. dazu Kapitel 3.4 der vorliegenden Abhandlung.
363
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Abb. 3.5-13: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Grundriss Obergeschoss, datiert
28. März 1930.
Diese Funktionszusammenhänge charakterisierten das formal funktionale Entwurfsschema und
setzten sich in den Bädern fort. Sowohl die Eltern als auch die Kinder erhielten ihren eigenen
sanitären Bereich, der im Nordosten über dem Wirtschaftstrakt des Erdgeschosses angeordnet
war. Ergänzung fand die Grundrisskomposition in einem ebenfalls nach Norden angeordneten
Fremdenzimmer.
Dabei unterschieden die Architekten nicht nur in der Größe, sondern auch in der inneren
Ausgestaltung beide Bereiche pathetisch voneinander. Die durch die Gebrüder Stelzer aus Halle
ausgeführten Fliesenarbeiten sahen nach den Entwürfen der Architektengemeinschaft Kallmeyer
& Facilides für das von der Diele zugängliche Kinderbad einen im Schachbrettmuster schwarzweiß verlegten Boden in Feinsteinzeug vor, obgleich die Wandgestaltung in grünen und weißen
Majolinkafliesen der Karlsruher Keramikmanufaktur ausgeführt wurde (Abb. 3.5-14). Das vom
Schlafzimmer aus begehbare Elternbad sah ebenfalls einen schachbrettartig angelegten
Fliesenboden in weißem und schwarzem Feinsteinzeug vor, während die Wände mit goldgelblich durchwirkten Majolinkafliesen türhoch mit abschließend dunkelblauer Borte gefliest
waren, die ebenfalls aus der Karlsruher Manufaktur bezogen wurden (Abb. 3.5-15).
364
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Abb. 3.5-14 & Abb. 3.5-15: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Bäder. Links:
Kinderbad nach der Sanierung. Die Aufnahme entstand 2007. Rechts: Elternbad vor der Sanierung. Die Aufnahme
entstand 1997.
Die Architekten ließen in den Räumlichkeiten die für sie typischen Einbauschränke durch den
Tischlermeister Hermann Bergmann aus Halle verbauen, die z. B. als Trennwand zwischen zwei
Kinderzimmern jeweils von beiden Seiten zugänglich waren. Es wurde bei diesen
Wandschrankanlagen, die außerdem dem innenräumlichen Farbkonzept in hellen grünlichen
Anstrichen folgten, größter Wert auf die Flächenbündigkeit gelegt, sodass kein Schrankkorpus
das Raumerlebnis störte.
Die für die Familie Paris uneingeschränkt in den Hauptgeschossen vorgesehenen Räumlichkeiten
vervollständigten im Dachgeschoss nebengeordnete Räume. Zwei Mädchenkammern in Richtung
des Gartens, eine Schrankkammer, zusätzliche Sanitärflächen und ein Trockenboden gruppierte
Facilides um eine wiederum große mittige Diele. Zudem besaß diese eine Austrittsmöglichkeit für
die großräumige Terrasse über dem westlichen Baukörper (Abb. 3.5-16).
Auffällig günstige Vorteile der inneren Funktionsabläufe erreichte die Ausformung des nahezu
quadratischen Grundrisses. Es entstand selbst für die Hausangestellten ein eigener Kosmos, der
durch den Dachaustritt außergewöhnlich an Qualität gewann. Die Architektengemeinschaft
nutzte geschickt die verbliebenen Restflächen des niedrigen Dachgeschosses aus. Ebenfalls als
andienende Zimmer geplant, befanden sich im Kellergeschoss Vorratsräume, die Heizung, eine
Waschküche mit Plättstube sowie ein separater Wirtschaftsausgang in Richtung Osten.
365
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Abb. 3.5-16: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Grundriss Dachgeschoss, datiert 28.
März 1930.
d Bau- und Nutzungsgeschichte
Nachdem das Gebäude 1930 fertiggestellt war, bewohnte die Familie Paris ihr Eigentum für
lediglich 15 Jahre, ehe die Front des Zweiten Weltkrieges Halle an der Saale erreichte. Nachdem
die alliierten Streitkräfte in die Stadt einrückten, beschlagnahmte im Frühjahr 1945 die
US-Armee das gesamte Gebäude für eigene Zwecke, während die Familie Paris ausziehen
musste.858 Nach kurzer Zeit entwickelte es sich von einer Offiziersabsteige zu einem im
Volksmund propagierten „Offizierspuff”.859 Im Spätsommer 1945 übernahm schließlich die
russische Armee das Gebäude als Kommandantur und Offiziersunterkunft. Sie bauten hinter der
Garage kleinere Schweineställe zur Selbstverpflegung, die dann wenige Jahre später nach
858
Soweit nicht abweichend gekennzeichnet, sind diese und folgenden Anmerkungen zur Gebäudegeschichte einem
unveröffentlichten Manuskript des heutigen Eigentümers entnommen. PrA J. Metzner: An potentielle Nachfahren Grundstück Ernst-Grube-Straße 24. Halle, 20. 07. 2000.
859
Vgl. Fußnote 840.
366
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
erneutem Nutzerwechsel wieder abgetragen wurden.860
Nach fünfjähriger Besetzung übergab das russische Militär das ehemalige Wohnhaus an das dem
Ministerium für Leichtindustrie unterstellte Kombinat Lederwaren der DDR. Daraufhin zog die
Leitung des staatlich kontrollierten volkseigenen Betriebes von 1950 bis 1955 ein. Noch im Jahr
1955 bauten die wiederum neuen Mieter das Haus zur Entbindungsklinik „Adelheidsruh“861 des
Bezirkskrankenhauses Halle-Dölau um und richteten im ehemaligen Herrenzimmer den Kreißsaal
ein.
Abb. 3.5-17: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Zustand vor der Sanierung. Die
Aufnahme entstand 1997.
Der über die Jahre angefallene Renovierungs- und Instandsetzungsbedarf deckte die geringe
Miete an die Familie Paris für ihr Gebäude in keiner Weise. Daher entschloss sie sich schließlich,
das ehemalige Wohngebäude 1972 für ca. 70.000 DDR-Mark an die Stadt Halle zu verkaufen.
Mitte der 1970er Jahre wechselte die Nutzung nochmals von der Entbindungsklinik zu einer
Station für Psychotherapie des Bezirkskrankenhauses Halle-Dölau, die sich bis zu ihrer Auflösung
in den Wendejahren 1989/1990 in dem Haus befand.
Anfang der 1990er Jahre gab es nach langer Nichtnutzung ein Bieterverfahren der Stadt Halle
zur Veräußerung des Gebäudes mit einem damals festgelegten Schätzwert von 1,2 Mio.
Deutsche Mark, an dem sich auch die Familie Paris hätte beteiligen können. Diese lehnte aber
860
861
Im Zuge der Sanierung von 1997 bis 2000 wurden noch die Grundmauern vorgefunden.
Vermutlich war die Bennennung eine Anspielung auf die ehemalige Hausherrin Adelheid Paris.
367
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
mit der Begründung ab, dass „man nicht sein eigenes Haus zurückkaufen wolle“.862 Im Mai 1993
stellte daraufhin der heutige Eigentümer einen Antrag auf Übernahme bei der Stadt Halle, der
jedoch zunächst nicht zum erhofften Erfolg führte.
Nach jahrelangen Verhandlungen und ständigem Leerstand verfiel das Haus zusehends weiter.
Schließlich kauften die Apothekerin Gisela Metzner und der Arzt Dr. Dr. Jürgen Metzner im
Dezember 1996 das seit sechs Jahren leer stehende und in einem vollkommen desolaten Zustand
befindliche Gebäude und Grundstück in der Ernst-Grube-Straße 24 von der Stadt Halle für
750.000 Deutsche Mark.
Abb. 3.5-18: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Gartenfront. Die Aufnahme entstand
2007.
Die sich anschließende Sanierung erfolgte unter Berücksichtigung denkmalschutzrechtlicher
Belange. Unter Hinzuziehung eines Restaurators rekonstruierte man die äußere und innere
entstehungszeitliche Farb- und Materialwirkung und begann im Frühjahr 1997 die
restauratorische Rekonstruktion. Wichtige bauzeitlich erhalten gebliebene Zeugnisse ließ der
Bauherr aufarbeiten und wiederverwenden. So konnten viele originale Fenster mit den
historischen Fensterbeschlägen und -gestängen gehalten werden, die im Zuge der Sanierung
sandgestrahlt, neu vernickelt und wiederverbaut wurden. Desgleichen erhielten sich zahlreiche
Innentüren mit entsprechenden Garnituren, die in ihren reduziert modernen Formen den
862
Das Zitat entstammt einer Aussage der Kinder der Familie Paris, die diese dem heutigen Eigentümer gegenüber
tätigten. Vgl. Fußnote 840.
368
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
klassisch modernen Charakter prägen. Der Eigentümer ließ das befundete Farb- und
Materialkonzept im Innen- und Außenraum wiederherstellen. Wenngleich der Dielenfußboden
vollständig erneuert werden musste, setzte man die graue Farbwirkung im Vestibül nicht wieder
um. Ebenfalls ließ der Eigentümer einige raumverbindende Türen im Erd- und Obergeschoss
schließen und den ehemaligen Freisitz zum Garten als verglasten Raum ausführen, um das
angedachte Nutzungskonzept umsetzen zu können. Weniger erfolgreich stellte sich die
Rekonstruktion der bauzeitlich innenräumlichen verwendeten Beleuchtungskörper und
Einrichtung dar, da diese über die Jahre verloren gingen und keinerlei fotografische
Innenaufnahmen überliefert sind.
Die aufwendige und im Detail verliebte Sanierung dauerte schließlich über drei Jahre und war
im Sommer 2000 abgeschlossen. Heute sind die Räumlichkeiten in dem als Privatklinik genutzten
Gebäude für Büro-, Verwaltungs- und Klinikbetrieb ausgerichtet und für insgesamt 18
Probanden- und Patientenbetten ausgelegt.
Anhand der anerkennenswerten Leistung dieser detailliert ausgeführten Instandsetzung stellt
sich das ehemalige Wohngebäude seinen Betrachtern heute als markant schöne Leistung des
Neuen Bauens im Stadtbild der Saalestadt dar. Es ist vor allem der an klassisch moderner
Architektur interessierten Familie Metzner zu verdanken, dass das Gebäude der Nachwelt in
diesem exzellenten Zustand erhalten blieb.
Heute steht das Gebäude unter Denkmalschutz. Das Landesamt für Denkmalpflege und
Archäologie Sachsen-Anhalt charakterisierte den „zwei- bis dreigeschossigen, kubischen Putzbau
mit Flachdach und Klinkerbändern [als] qualitätvolles Beispiel des Neuen Bauens“863 und nahm
ihn folglich in das Denkmalverzeichnis der Stadt Halle auf.
3.5.2 Vertiefende Gedanken zum Gebäude
Die nahezu zeitgleich entstandenen Wohngebäude der Familien Paris und Bennewiz zeigen
offenkundig deutliche Parallelen an Gestaltung und Entwurfskonzept, obwohl für ungleiche
Bauherren entworfen und errichtet.
Beide Architekturen wählten einen additiven Duktus der Baumassenformung, verwendeten
ähnliche, selbst in den überwiegenden Detailausformungen gleiche Materialien und zeigen sogar
in der Raumprogrammumsetzung Analogien. Für die Grundrissführung und -organisation ließen
die Architekten abermals die Erkenntnisse der wilhelminischen Zeit mit einfließen. Es gibt so gut
wie keine verschachtelten oder mehreckigen Räume, vielmehr Raumfolgen mit großzügigen
Verbindungstüren, die in ihrer Ausstattung einen herrschaftlichen Eindruck hinterließen.
863
Brülls/Honekamp 1996, S. 121.
369
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Abb. 3.5-19: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Straßenfront. Die Aufnahme
entstand 2007.
Abb. 3.5-20: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Straßenfront. Die Aufnahme
entstand 2007.
370
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Als entwurfsverfassendem Architekten gelang Wilhelm Facilides mit dem Gebäude nochmals
eine Weiterentwicklung zum sachlich Funktionalen des Neuen Bauens. Es stellt außerdem den
Abschluss der baulichen Auseinandersetzung mit den Entwurfsprinzipien dieser Epoche
innerhalb der Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides dar.
Einer mittig betonten Fassadenphysiognomie für das Haus Dr. Bennewiz zur Straßenseite
folgend, ging Facilides mit dem Projekt für den Kaufmann Paris einen Schritt voran. Er griff den
Grundsatz der kompositorischen Romantik der geschickt arrangierten Gartenfassade des
Kallmeyer-Projekts auf und legte für seine Schaufassade ähnliche Maßstäbe fest. Offenkundig
war eine ausgewogen harmonische Fassadengestaltung in Baumassenordnung und
Fensterverteilung der Straßenseite wichtiger als der nüchterne Ansatz, sämtliche Gestaltung aus
der inneren Funktion heraus abzuleiten. So weit ging es bei Kallmeyer und auch Facilides nicht,
zumindest bei den Schauseiten der Gebäude. Ferner erreicht das Arrangement different
proportionierter Kuben eine geschickte Gliederung, die es erlaubt, nicht ausschließlich auf die
Perspektivwirkung zu gründen. Vielmehr sucht gerade dieses Gebäude in seiner sachlich
nüchternen Gestaltung nach klassisch zentral orthogonalen Sichten, die das letztlich
harmonische Fügen von Kuben in der Zweidimensionalität offenbaren.
Ganz anders stellt sich die Gartenfassade des Wohnhauses Paris dar. Eindringlich folgt hier die
Gestaltung in der Kubaturausformung den Funktionen und Raumaufteilungen hinter der
Fassade, zumal sich in differenzierten Formaten eine vertraut aufgelockerte Fensterverteilung
offenbarte.
Herauszustellen ist jedoch, dass Facilides sein Fassadenkonzept für das gesamte Wohngebäude
aus der Baumassenbildung heraus abgeleitet sowie seine Architektur ausschließlich mit
scharfkantigen Elementen gebildet hat. Während Kallmeyer das rundbogige Element für die
Grundriss- und Kubaturformung benötigte, verzichtete Facilides im Rückgriff auf Orthogonalität
darauf gänzlich. Daher fand sich keine Rundung, kein Bogen an oder in dem Gebäude und
unterstreicht auf diese Weise abermals bemerkenswert seine Kompositionsmethodik.
Kallmeyer & Facilides zeigen mit den Wohnhäusern für Dr. Bernd Bennewiz und nicht zuletzt
fortgesetzt für Bruno Paris eine nachdrücklich moderne Entwurfshaltung. Ihre sachliche
Wohnhausarchitektur präsentiert sich im Stadtgefüge Halles dementsprechend restlos profiliert
und zeigt Julius Kallmeyer und Wilhelm Facilides zum Ende der 1920er und Anfang der 1930er
Jahre als außergewöhnliche Vertreter des Neuen Bauens.
3.5.3
Einordnung in das Gesamtschaffen
Die ab 1927 einsetzende Periode einer werkschaffend sachlich modernen Baukunst der
Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides folgte damit verhältnismäßig spät dem Anspruch
der Neuen Sachlichkeit, was sich jedoch sowohl im lokalen als auch landesweiten Vergleich als
nicht ungewöhnlich darstellt.
371
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Im Ergebnis zeigt nunmehr das Wohnhaus für Familie Paris den nachvollziehbar klarsten Ansatz
der sachlichen Architektur für Kallmeyer & Facilides. Es steht im Zuge seiner Fassadengestaltung,
anders als noch das Wohnhaus für Familie Bennewiz, weniger in der Tradition klassischer
Villenbauten des 19. Jahrhunderts. Vielmehr geht es direkt durch seine asymmetrischen
Formungen in Kubatur in Opposition solcher Entwürfe. Gleichzeitig bedeutet diese
uneingeschränkte Hinwendung zum Neuen Bauen eine Offenbarung an Bekanntes und
Wiederholtes. Somit kann es in seiner Schlüsselstellung als ein Hauptwerk der
Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides bezeichnet werden.
Kubische, additiv verputzte Baumassen, Terrassierungen und auskragende Dachplatten
bedeuteten keinesfalls ein Alleinstellungsmerkmal für die Architektur des halleschen Baubüros.
Im stadt-, selbst landesweiten Vergleich verweist das eigentliche Formenrepertoire in seiner
nüchtern sachlichen Architektursprache auf ähnliche Aufgabenstellungen und Entwürfe
zeitgenössischer Architekten.
Die Leistung der Architekten Kallmeyer & Facilides besteht vielmehr zweifelsohne darin, dass sie
es innerhalb eines kleinen, aber durchaus stark umkämpften Marktes binnen weniger Jahre
geschafft haben, verschiedenste Bauherren für ihre gestalterischen Lösungen des Neuen Bauens
zu überzeugen.
Der ohnehin magere Bestand privater Wohnbauten in den Formen des Neuen Bauens in Halle an
der Saale ist somit nachhaltig durch die Architekturen der Architektengemeinschaft
Kallmeyer & Facilides geprägt.
372
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
4 Resümee und Schlussbetrachtung
373
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Es erscheint erstaunlich, wie sich die Spuren von Julius Kallmeyer und Wilhelm Facilides
verwischt haben. Immerhin gehörten die halleschen Architekten seinerzeit zu den am meisten
geachteten Baumeistern in der Saalestadt.
Das dargelegte, ungewöhnlich umfangreiche Werk durchströmt, ausgehend von
Gestaltungslösungen des Historismus über den Heimatstil und die Reformarchitektur, die
Bandbreite der Anfänge des Neuen Bauens in den 1920er Jahren bis zum Ende der
baukünstlerischen Avantgarde Anfang der 1930er Jahre. Scheinbar stellte diese Entwicklung ein
„notwendiges Durchgangsstadium für die Mehrzahl der modernen Architekten“864 dar. Mit weit
über 100 Bauten und Projekten, allein während des gemeinsamen Zeitabschnitts, zählen
Kallmeyer & Facilides damit heute als überdurchschnittlich viel beschäftigt. Addiert man die
Projekte der Früh- und Spätwerke hinzu, arbeiteten die Baumeister während ihrer Karrieren an
ca. 200 Vorhaben kleinsten bis größeren Ausmaßes.
Trotzdem erforderte es 130 Jahre nach den Geburts- und 50 Jahre nach den Todestagen einige
Fantasie und Mut, sich angesichts der lückenhaften Fakten und überlieferten Bruchstücke der
Thematik des Lebens und Werks der Architekten zu nähern. Beide Persönlichkeiten hinterließen
keine direkten Äußerungen, keinen direkten sprachlichen Beleg für ihre Ideologie, keine
Tagebücher oder private Aufzeichnungen. Selbst das zeitgenössische umfangreiche Projektarchiv
wurde 1945 – wie sämtliche Räumlichkeiten des Baubüros – unwiederbringlich zerstört.
Lediglich die Dokumentationen der eingereichten Bauten in den verschiedensten
mitteldeutschen Archiven und die selten rekonstruierten Bauten gaben schließlich den erhofften
Zugang zum architektonischen Gesamtwerk.
Weniger erfolgreich waren die Bemühungen um die grafische und malerische Hinterlassenschaft
der Baumeister. So konnte zumindest für Facilides ein deutlich lückenhafter Katalog erarbeitet
werden. Sämtliche künstlerischen Werke Kallmeyers sind verschollen.
Die Jahre 1925 bis 1932 gehörten zu den erfolgreichsten der Architektengemeinschaft. Neben
den alltäglichen Aufgaben eines Architekten für private Bauherren widmeten sie sich
öffentlichen Bauvorhaben und großen Wettbewerben. Ungewöhnlich zahlreiche Konkurrenzen
konnte das Baubüro in der Summe für sich entscheiden oder zumindest einen der Preise
erringen – sie schienen sich in diesem Metier wohlzufühlen.
Beide lösten sich zunächst zaghaft von den expressionistischen Gestaltungsmitteln, die sie
Anfang bis Mitte der 1920er Jahre für ihre Architektur entdeckt hatten. Dieser Umstand verklärt
sie nicht etwa zu späten Modernisten. Vielmehr erprobte die Architektengemeinschaft
unterschiedliche Formulierungen der Elemente des Neuen Bauens an ihren Bauten und
entwickelte sie zu ihrer persönlichen Gestaltungsauffassung heraus.
864
Dolgner 1999, S. 5.
374
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Kallmeyer & Facilides erwiesen sich als Meister der geordneten Grundrisse. Es muss festgestellt
werden, dass sich mit diesem ersten Schritt in der funktionalen Gesamtkonzeptfindung nahezu
alles Weitere ableitete. Im Einklang ergänzten sich landschaftsplanerische, städtebauliche,
bauherrenseitige und sonstige Parameter, die jedem Entwurf seine eigene Ausdruckskraft gaben.
Somit gleicht in dem weiten Repertoire kein Projekt dem anderen.
Neben den asymmetrischen Schichtungen kubischer Elemente von Wilhelm Facilides kombinierte
Kallmeyer in diesen Jahren gern differenzierte Grundkörper zu einer Baumasse. Gleich blieb
beiden Architekten das Farbempfinden, welches sich über die jahrelange Zusammenarbeit heraus
entwickelt hatte und sachlichen Regeln folgte. Während die äußere Erscheinung durch ihre
materialeigenen Farbigkeiten oder in gestrichenen grünen Putzfassaden wirkte, ließen die
Architekten den Innenraum in vielfältigsten Pastellfarben streichen und kombinierten
Ausbaumaterialien, wie Linoleum oder Feinsteinzeug, entsprechend den thematisiert angelegten
Räumlichkeiten.
Dass sämtliche auf dem Höhepunkt des Schaffens entstandene Architektur ausschließlich
„sachlich“ oder „modern“ geprägt war, ist eindeutig zu verneinen. Sicher erwogen
Kallmeyer & Facilides im Anbeginn des Entwurfes zunächst ihr persönliches Idealmaß der
Architektur an erster Stelle, das durch verschiedenste, zumeist Bauherrenzwänge im Laufe der
Durcharbeitung restrukturiert wurde. Eine monodimensionale Fokussierung in die Richtung, dass
ausschließlich eine den hinlänglich bekannten „sachlichen“ Maßstäben entsprechende
Architektur nur dann modern sei, wenn diese auch unverfälscht zur Anwendung käme, kann als
Klischee sowohl für das Werk Kallmeyers & Facilides´ als auch der gesamtdeutschen
Architektenschaft verneint werden. Vielmehr orientierten sich die Architekten mit Sicherheit an
publizierten Entwürfen bekannter Architekten und erreichten durch persönliche gestalterische
Vorlieben eine ureigene Anschauung, welche wiederum zu einem bemerkenswert breiten
Spektrum der klassisch modernen Architektur der 1920er Jahre in Deutschland führte.
Der mittlerweile zur Geschichte der modernen Architektur frühzeitig gehörende Versuch einer
hierarchisierenden Kategorisierung in Groß- und Kleinmeister der modernen Avantgarde kann
nicht ausschließlich richtig sein.865 Mit zunehmender zeitlicher Entfernung ist es daher adäquat,
einen genaueren Blick auf die Moderne zu wagen und die etablierte Hierarchie zu hinterfragen.
Das Dilemma des mangelnden Verständnisses für die einzelnen Leistungen der Architekten ist
somit aktueller als je zuvor. Repräsentieren doch Namen wie Wilhelm Riphahn in Köln, Karl
Schneider in Hamburg, Hubert Ritter in Leipzig oder eben Kallmeyer & Facilides in Halle die
865
Bereits 1932 schrieben Henry-Russell Hitchcock und Philip Johnsen von den vier Führern der modernen Architektur
(Le Corbusier, Oud, Gropius und Mies van der Rohe) in ihrer Publikation „The International Style”. Nikolaus Pevsners
„Pioneer of Modern Design“ erschien 1936 und erläuterte ebenfalls die Reihe der Großmeister. Schließlich führte
Giedion mit „Time, Space and Architecture“ im Jahr 1941 zu dem kanonisierenden Umstand, das die moderne
Architektur anhand einer begrenzten Auswahl an Architekten vorstellte.
375
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Stationen einer sachlich geprägten Architekturauffassung und gehören damit zu den
Architekten, die heutzutage nur noch im lokalen Raum – letztendlich als vergessene
Repräsentanten der Moderne in der Stadt – die Beachtung einer architekturhistorisch
interessierten Minderheit finden.
Arbeitet man abschließend den Stellenwert der Architektengemeinschaft innerhalb ihres
Berufsstandes heraus, wird man am ehesten dem Phänomen Kallmeyer & Facilides gerecht,
indem eine vergleichende Betrachtung der lokal erreichten Leistungen zur architektonischen
Moderne, gemessen an ihren ungleich bekannteren städtischen Fachkollegen wie Wilhelm
Ulrich,866 Alfred Gellhorn,867 Martin Knauthe,868 Paul Thiersch869 oder Hermann Frede,870
vorgenommen wird.
Links: Abb. 4-1: Martin Knauthe und Alfred Gellhorn: Bürohaus Sernau in der Forsterstraße 29 in Halle, erbaut
1921–1922. Rechts: Abb. 4-2: Wilhelm Ulrich und Gustav Wolff: Kaufhaus Huth am Markt in Halle, erbaut 1928.
Sowohl Gellhorn als auch Knauthe, beide bekennende Modernisten (Abb. 4-1), besaßen ihr
gemeinsames Architekturbüro allerdings nur fünf Jahre bis 1926 in der Saalestadt und
erreichten durch den Bürohausneubau in der Forsterstraße in Halle ein frühzeitig beachtetes
Werk der Moderne. Prof. Paul Thiersch, Leiter der Kunstgewerbeschule an der Burg
Giebichenstein in Halle und ebenfalls frühzeitiger Baumeister der Avantgarde, konnte sich kaum
mit gebauten Resultaten durchsetzen und verstarb bereits 1928, ohne ein Gebäude in Halle
hinterlassen zu haben (Abb. 4-3). Hermann Frede genießt zwar in der jüngeren Vergangenheit
866
Vgl.: Klug 2008.
Vgl. für Gellhorn: Bußmann 2003.
868
Vgl.: Herrmann 1999. – Scharfe 1979.
869
Vgl.: Fahrner 1970.
870
Vgl.: Lipsdorf 1998.
867
376
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
wie auch die Brüder Föhre, Wilhelm Ulrich (Abb. 4-2) und Richard Schmieder (Abb. 4-4)
vermehrtes Interesse, doch gilt gerade Frede als verhalten moderner Traditionalist.
Abb. 4-3: Paul Thiersch: Stadthalle und Universität in Halle-Cröllwitz, entworfen 1925.
Links: Abb. 4-4: Richard Schmieder: Wohnhaus am Habichtsfang 13 in Halle, erbaut 1928. Rechts: Abb. 4-5:
Erich Mendelsohn: Kaufhaus Benjamin und Brummer in der Großen Ulrichstraße 22–25 in Halle, entworfen 1929.
Punktuell nahmen sich darüber hinaus bekannte Architekten baukünstlerischer
Problemstellungen privater und öffentlicher Bauherren an.
Für Erich Mendelsohn ist ein nicht ausgeführter Kaufhausentwurf dokumentiert (Abb. 4-5), Otto
Rudolf Salvisberg baute eine sachlich kubische Villa (Abb. 4-6) und Hans Wittwer entwarf in
Zusammenarbeit mit Erich Consemüller ein Doppelwohnhaus in Halle (Abb. 4-7). Weniger als
eine Handvoll Bauten erreichte auch die international bekannte Architekturelite in der
Saalestadt nicht. Gleichwohl zeigt sich die architektonische Moderne innerhalb der
Stadtlandschaft Halles als punktuell vorhanden und in ihrer Gestaltung qualitätvoll differenziert.
So lässt sich feststellen, dass die Architektur der klassischen Moderne vorwiegend durch lokal
ansässige Architekten über die Stadtfläche geprägt wurde – so auch in beträchtlichem Maße
durch Kallmeyer & Facilides.
377
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Worin bestand aber nun das Erfolgsrezept der Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides?
Widmet man sich im Einzelnen den Belangen, welche die Architektengemeinschaft zu ihrer
Leistung führte, können verschiedene Themenkomplexe herausgearbeitet werden.
Links: Abb. 4-6: Otto Rudolf Salvisberg: Wohnhaus im Kirschbergweg 12 in Halle, erbaut 1929–1930. Rechts:
Abb. 4-7: Hans Wittwer und Erich Consemüller: Doppelwohnhaus im Kirschbergweg 27/29 in Halle, erbaut 1930–1934.
Anhand umfassender architektonischer Projekte, wie den Wettbewerben für eine Stadthalle auf
dem Lehmannsfelsen in Halle oder dem Tuberkulosekrankenhaus in Harzgerode, lässt sich
erkennen, dass sie größten Wert auf die Entwicklung eines übergeordneten Konzepts legten.
Dabei spielten landschaftliche Gegebenheiten ebenso eine Rolle wie das städtebauliche Umfeld,
das vorgesehene Raumprogramm, die besonderen Eigenarten und Wünsche des Auftraggebers.
Kallmeyer & Facilides vermochten mit geradezu spielerischer Leichtigkeit die geforderten Räume
in oft geometrischen und symmetrisch angelegten Grundrisslösungen zu strukturieren. Sie
bevorzugten während ihres Schaffenshöhepunktes Ende der 1920er Jahre die klar ausgeformte,
massive und allseitig geschlossene Baumassenstruktur, die über dem exakt gedachten und bei
öffentlichen Gebäuden häufig symmetrischen Grundriss entstand. Das daraus resultierende
Ordnungssystem von Axialität, Symmetrie und zuweilen Asymmetrie erstreckte sich zunehmend
auch auf die kleineren Privatvorhaben.
Ihre gestalterischen Motive im Detail suchten die Architekten in der Durchbildung des Sockels
als Bindeglied zu weiteren Elementen sowie in Baumassenöffnungen, die aus ihrer konstruktiven
und funktionellen Ordnung heraus ergänzt wurden. Sparsam verwendeten Kallmeyer & Facilides
sonstige Architekturglieder wie Säulen, Pilaster oder Verdachungen. Wenn, dann gaben die
verwendeten Materialien, überwiegend der Klinker, die Möglichkeit einer reduzierten
Ornamentik. Der ganzheitliche Anspruch einer einheitlichen Gestaltung findet sich daraus
ableitend bei einer Vielzahl der geplanten Außenanlagen privater und öffentlicher Projekte. In
baukünstlerischer Einheit des Gesamtprojekts entwickelte sich darüber hinaus die Lösung der
entsprechenden Einfriedung.
Betrachtet man resümierend und ungeachtet aller wiederholten Zwangslagen der
Wirtschaftlichkeit, bauordnungsrechtlicher Belange oder bauherrenseitiger Einschränkungen an
Entwurf, Aufstellung und auch Durchführung der Projekte die Architektengemeinschaft
378
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Kallmeyer & Facilides, bleibt in ihrer Arbeit die unmissverständliche Konstante der ständigen
Orientierung in die gestalterische Zukunft präsent. Zwar erlaubten zuweilen Rückgriffe auf
gekannte architektonische Muster Gestaltungsgrundsätze zu beeinflussen, die dann aber
wiederum in ihrer gestalterischen Durchbildung konterkariert wurden und zu eigenwillig Neuem
führten. Man begegnet diesem Motiv bei einer Vielzahl der gemeinsam durch Julius Kallmeyer
und Wilhelm Facilides betreuten Bauten und über die unterschiedlichen Gestaltungsperioden
hinweg, während sich dieser Prozess sowohl in Grundriss, Aufriss als auch Detail verdeutlichen
konnte.
Die drei innerhalb der Analyse vorgestellten Bauten legen im näheren Studium diesen Entwurfsund Gestaltungsgrundsatz dar, der sich als eigentliche ideelle Konstante der
architekturtheoretischen Auffassung der Protagonisten zeigt. Während das Kaufhaus Schnee in
Form von Rezitation Mendelsohnscher Detailausbildung die Fassadenentwicklung aufgreift,
nimmt das Wohnhaus für Dr. Bennewiz den mittenbetonten Treppenturm in neoklassizistischer
Anordnung für seine Gestaltbildung auf. Nicht zuletzt können auch in den Grundrissen der
Wohnhäuser Dr. Bennewiz und Paris Abbilder klassischer Raumfolgen herrschaftlicher Villen des
19. Jahrhunderts entdeckt werden. Maßgeblich kennzeichnete zudem jede dieser
Baumaßnahmen die spezifisch neu arrangierte Formenwelt des Neuen Bauens.
Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass Kallmeyer oder Facilides nie zu gestalterischen und
architekturtheoretischen Problemfeldern der Zeit Stellung nahmen. Beide waren keine
Theoretiker, die ihre Erkenntnisse der Bauaufgaben zu einer übergeordneten
architekturtheoretischen These zusammenfassten. Somit kann abschließend kein erkennbarer Stil
im Œuvre der Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides ausgemacht werden, vielmehr
verlangt das weder ausgesprochene noch aufgeschriebene architekturtheoretische Bekenntnis
beider Architekten aus seinem natürlichen Typus heraus nach der Definition eines
resorbierenden Neuen Bauens, das Historisches und Neues miteinander vereint.
Die anhaltende Fülle an Bauaufgaben der Architektengemeinschaft, die sich über drei politisch
grundsätzlich verschiedene Systeme hinweg entwickelte, zeigt offenkundig die Anpassung von
Julius Kallmeyer und auch Wilhelm Facilides an Gesellschaft, Politik und Bauherren. Das
berufliche Bestehen der Architekten im Kontext dieser differenzierten zeitgeschichtlichen
Situation deckt eine Entwicklung aus den äußeren Umständen heraus auf.
Das betraf nicht nur die politisch dem System angepasste und somit wechselnde Orientierung,
die bei beiden Architekten eindrucksvoll zu einer kritischen Charakterisierung ermahnte. Sie
waren gesellschaftlich anerkannt und geschäftlich weitreichend verknüpft, was wohl letztlich
durch ihre veränderte politische Ausrichtung notwendigerweise auch dazu führen sollte.
Trotzdem gelten beide Baukünstler nicht als der politischen Ideologie verfallen. Lediglich
verhielten sich Kallmeyer und Facilides politisch korrekt, um bauen zu können.
Vielmehr offenbart die gestalterische Entwicklung, ausgehend vom Kaiserreich über die
Weimarer Republik bis zur Diktatur des Nationalsozialismus, ein ständiges Suchen, Begutachten,
379
Kallmeyer & Facilides
eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne
Anwenden und Verwerfen anerkannter Gestaltungstopoi der jeweiligen Epochen. Bedenkt man,
dass die Architekturkarrieren im frühen 20. Jahrhundert begannen, ist im Lebenswerk der
Baukünstler eine erstaunliche Entwicklung zu verzeichnen.
Beiden Architekten soll daher dieses Moment der Selbstfindung im Kontext ihrer Entwicklung zu
einer „gemäßigten Moderne“ zugestanden sein. Sie waren keine frühen „Modernisten“, gehörten
aber dennoch zu den leistungsfähigen sowie zeitgenössisch beachteten Gestaltern im Raum
Halle und wirkten nachhaltig umweltprägend. Dennoch trat die Architektur aus dem nationalen
Baugeschehen jener Jahre nicht hervor.
Es ist eine Tatsache, dass Julius Kallmeyer und Wilhelm Facilides bisher wenig im Sinne der
wissenschaftlichen Geschichtsschreibung berücksichtigt wurden. Merkwürdigerweise reflektierte
die hallesche Öffentlichkeit beide, trotz des beachtlichen Umfangs ihrer baulichen Leistungen in
der Saalestadt, bis heute ebenfalls kaum.
Das Bild, welches diese Dissertation vom individuellen Weg sowohl Kallmeyers als auch Facilides’
entwirft, ist somit differenziert angelegt und präsentiert erstmals eine breit angelegte Forschung
zu beiden Persönlichkeiten.
Blickt man auf das Ausgeführte zurück, konnte dennoch keine umfassende Sicht auf die
Baukünstler erreicht werden. Offenkundig deckt die unbefriedigend große Lücke der Forschung
zu Julius Kallmeyer und Wilhelm Facilides Fehlendes oder Verschollenes auf. So lassen sich
lediglich aus dem Gebauten heraus skizzenhaft ihre Denkweisen und architekturtheoretischen
Ideale entwickeln. Ferner kann durch die unzulängliche Überlieferungssituation, verursacht
durch die Projektarchivzerstörung des Geschäftshauses am 6. April 1945, keine abschließende
Aussage zum Umfang des künstlerischen und architektonischen Werks gegeben werden.
Dass für die Analyse lediglich drei zeitlich eng aufeinander folgende Bauten der 1920er und
1930er Jahre herangezogen wurden, soll keinen Versuch begründen, Kallmeyer & Facilides zu
ausschließlichen Protagonisten des Neuen Bauens zu verklären. Vielmehr stellten sich die
Gebäude bei näherer Untersuchung als die maßgeblich gebauten Hauptwerke der
Werksgeschichte heraus. Gleichwohl erweisen sich daher Kallmeyer & Facilides als Architekten,
die einen anerkennenden Platz in der Baugeschichte der klassischen Moderne einnehmen.
Doch sollte künftig gerade zum besseren Verständnis der wenig überlieferten Projekte in der
eigenständig frühen Werkphase beider Persönlichkeiten fortgesetzt nachhaltige
Forschungsarbeit betrieben werden. Hierzu soll diese Dissertation der zu Unrecht vergessenen
Baumeister und Künstler anregen.
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