Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Julius Kallmeyer der Grund für die Wenigachtung von Facilides in den weiteren Nachkriegsjahren zu suchen ist. Die geringen akquisitorischen Erfolge stützten sich auf gemeinschaftliche Altkontakte und ehemalige Bauherren des ehemaligen Architekturbüros Kallmeyer & Facilides. Wenige Jahre vor seinem Tod hob Wilhelm Facilides dessen ungeachtet ein für sich selbst sehr besonderes Gebäude aus der allgemeinen Bedeutungslosigkeit heraus. Ab 1957 leitete er den Wiederaufbau des teilweise zerstörten Wohn- und Geschäftshauses in der heutigen Magdeburger Straße 49. Dieses Gebäude, das über 50 Jahre der Geschäftssitz der Architekturbüros Knoch & Kallmeyer, dann Königer & Kallmeyer und schließlich Kallmeyer & Facilides gewesen war, lag ihm aus gutem Grund besonders am Herzen. Abb. 2.4-10: Wohn- und Geschäftshaus, Magdeburger Straße 49 in Halle, ehemaliger Geschäftssitz der Architekturbüros Knoch & Kallmeyer, Königer & Kallmeyer und Kallmeyer & Facilides. Die Aufnahme entstand 2008. Er selbst verbrachte über 20 Jahre seiner beruflichen Tätigkeit in den Geschäftsräumen nahe der halleschen Innenstadt. Durch Kriegszerstörung konnte das Gebäude über Jahre nicht für eine Nutzung freigegeben werden. Die ersten Planungen für den ehemaligen Geschäftssitz, welcher nach dem Zweiten Weltkrieg im Besitz der Erbengemeinschaft Königer & Kallmeyer lag,705 begannen im August 1957, indem Facilides die zerstörte Entwässerungsanlage in einigen Gebäudeteilen erneuern ließ. Zwei Jahre darauf begann die „Gesamtprojektierung für den Wiederaufbau unseres alten Geschäftshauses in der früheren Magdeburger Str. heute 705 StA Ha/BA: Magdeburger Straße 49. 286 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Leninstr.”706 schrieb Wilhelm Facilides 1960 an seinen Freund Heinz Hermann Beyer. Mitte des Jahres 1959 waren die Planungen für den Auf- und Umbau abgeschlossen und der Antrag auf Wiederaufbau gestellt. Die Gesamtkosten für das Projekt bezifferte Facilides in detaillierten Kostenüberschlägen auf stattliche 231.000 Mark. Am 22. Dezember 1959 erging die Baugenehmigung, sodass die Arbeiten im Winter und Frühjahr in Angriff genommen werden konnten. Facilides beschäftigte sich bis ins Detail mit dem Projekt. Er fertigte Feinstudien zur Fassade in mehreren Varianten sowie alle Entwurfszeichnungen verschiedenster Innentüren an und erarbeitete Bauzeitenpläne sowie detaillierte Kostenberechnungen für das Projekt. Im Gesamten entstanden durch die Umbauarbeiten des Eckgebäudes in der Magdeburger Straße/Ecke Halberstädter Straße neue, dringend benötigte Wohnungen. Die straff geplanten und durch Wilhelm Facilides überwachten Bauarbeiten konnten den ursprünglichen Zeitplan von einem Jahr Bauzeit aufgrund von Materiallieferschwierigkeiten und Arbeitskräfteentzug nicht einhalten. Die Rohbauabnahme fand am 13. April 1961 statt. Die Fertigstellung war Mitte des Jahres 1961 erreicht. Das Gebäude zeigt sich dem Betrachter heute zwar als substanziell gut erhalten und in jüngster Zeit saniert, jedoch steht es in seiner beschnittenen Gestalt unwirklich als ehemaliger Point de Vue der Straßenkreuzung im öffentlichen Raum. Sicher bewegte die Denkmalschutzbehörde Anfang der 1990er Jahre der verlorene Bestand zu keiner denkmalrechtlichen Einstufung des Gebäudes, auch wenn es dieses mit dem noch vorhandenen gestalterischen Potenzial durchaus verdient gehabt hätte. Somit zeigt das Gebäude heute keine Spur mehr aus seiner Zeit als Sitz der Architektengenerationen um den Namen Kallmeyer. Facilides beschäftigte sich noch bis 1962, ein Jahr vor seinem Tod im Alter von 80 Jahren, mit eigens geplanten und baugeleiteten Vorhaben. Sein tatsächlich letztes Projekt bildete der im Jahr 1960 geplante Garagenneubau für Herrn Johannes Magnus im Holleber Weg 7, der bis 1962 errichtet wurde. Die wesenhaft prestigevollen Aufgaben als Architekt im hohen Alter beschränkten sich auf wenige Projekte. Am Ende galt es, den jüngeren Jahrgängen und Ideen den Vorzug zu geben. Seinen Berufs- als auch Lebensalltag verbrachte Wilhelm Facilides in den letzten Jahren von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt – aber durch Einzelne beachtet – bis zu seinem Tod am 13. Dezember 1963.707 706 PrA E. Baron: Facilides, Wilhelm: Lebenslauf, Zweitschrift. Maschinenschreiben, aufgestellt im August 1960 in Halle/Saale, S. 4. Heinz Hermann Beyer (1903–1992) war interessierter Gebäudekundler sowie ein enger Freund und Nachbar von Wilhelm Facilides am Landrain. Die Aufstellung des Lebenslaufes geht auf die Initiative Beyers zurück, der bis in die 1980er Jahre hinein Texte und Bildmaterial über Facilides in halleschen Zeitungen veröffentlichte. 707 Facilides 1963-1. 287 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne 3 Analyse und Einordnung ausgewählter Werke 288 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne In den folgenden Kapiteln stehen drei exemplarische Bauten des Baubüros Kallmeyer & Facilides im Rahmen einer kritisch vertiefenden Betrachtung. Die Wahl fiel auf ein Kaufhaus und zwei villenartige Einfamilienwohnhäuser, die in der Periode der Hauptschaffenszeit, Mitte der 1920er bis Anfang der 1930er Jahre, entworfen und nach den Ansprüchen des Neuen Bauens errichtet wurden. Somit zwangen sich die während dieses Zeitraums entstandenen drei Schlüsselwerke der expressionistischen als auch sachlich modernen Phase in ihrer jeweiligen Ausdruckskraft und zur Verdeutlichung der Architekturauffassung beider Architekten geradezu auf. Zur Einführung in den Themenkomplex der ausgewählten Architekturen sind Vorbemerkungen zu den gebäudespezifischen Definitions- und Entwicklungsprozessen vorangestellt. Dies erschien vor dem Hintergrund der ungleichen Nutzungsart, dem differierenden architektonischen Gestaltungshintergrund, verschiedener bauherrenseitiger Anforderungskataloge und der Einordnung im Baugeschehen der Zeit dem Verfasser als zweckmäßig. 3.1 Vorbemerkungen zum Kaufhausbau in Halle/Saale Das Kaufhaus bezeichnet in der heutigen Auffassung ein großes, oftmals mehrstöckiges Handelsgeschäft, in dem Waren verschiedener Art zum Verkauf angeboten werden. In Ergänzung dazu steht das Warenhaus, in dem darüber hinaus auch Lebensmittel offeriert werden.708 „Ihre Geschichte ist eng mit den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zuständen”709 Deutschlands vor dem Hintergrund der Entwicklung des Einzelhandels verknüpft. Das vorliegende Analyseobjekt verlangt aus seiner Definition heraus die Eingrenzung auf den Themenkreis des Kaufhauses. Ebenfalls hat sich innerhalb des alltäglichen Sprachgebrauchs für das Geschäftshaus der Gebrüder Artur und Franz Ebermann der unbefangene Titel des Kaufhauses Schnee eingeprägt. Somit wird auf eine weiterführende Debatte bzgl. der eigentlichen Warenhäuser zugunsten der Primärkategorie der Kaufhäuser verzichtet. In den Metropolen der industrialisierten Länder entwickelten sich die klassischen innerstädtischen Kauf- und Warenhäuser bereits im 19. Jahrhundert. Im Zuge der industriellen Revolution mussten für die neuen Bedingungen und Bedürfnisse angepasste Handelseinrichtungen geschaffen werden, die hinsichtlich ihrer Größe, der Sortimentbreite und 708 Grundsätzlich existiert in Deutschland innerhalb des Expertenkreises keine einhellige Meinung über die Definition des Typus eines Warenhauses. Vielmehr hat sich aus diesem Umstand heraus eine gängige Begriffsauslegung etabliert. Eine Sichtweise deklariert das Kaufhaus als Warenstapel, in dem eine oder mehrere artverwandte Artikel oder Artikelgruppen verkauft werden. Im Gegensatz dazu steht das Warenhaus, das als gigantomaner Konsumtempel viele Warenarten zum Verkauf darbietet. 709 Briesen 2001, S. 53. 289 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne der Betriebsorganisation dem gewachsenen Anspruch einer erstarkten Käuferschicht entsprechen sollten.710 Besonderen Vorbildcharakter in Europa besaßen innerhalb dieses Prozesses Frankreich und England, deren wirtschaftlicher Aufschwung etwas früher als in Deutschland einsetzte. Innerhalb des Entwicklungsprozesses, dessen Anfang in den konzentrierten Ansammlungen von Einzelhandelsgeschäften eines Kaufhofs oder der Passage zu suchen ist, entwickelte sich darauf die eigentliche Betriebsform eines Einzelhandelskomplexes. Wie kaum einer anderen Verkaufsform ist es den Warenhäusern bis dahin gelungen, die Bevölkerung mit Gütern zu versorgen. Es erfüllte nicht nur den notwenigen Konsum, sondern erweiterte stetig sein Angebot und übernahm damit eine wachsend kulturelle Funktion innerhalb der Gesellschaft. In Halle an der Saale entfaltete sich der breite typologische Umfang großer Handelseinrichtungen, die im Vergleich zu Paris oder London, aber auch zu Berlin oder Leipzig in Größe und Verkaufsvielfalt zurückstanden. „Trotz dieses aus der Sicht der heutigen Konsumgesellschaft wohl unverzeihlichen Mangels hat Halle seinerzeit als Wirtschafts- und Handelszentrum durchaus ohne die Anhäufung dutzender Filialen von in- und ausländischen Warenhauskonzernen eine glänzende Entwicklung genommen”,711 nachdem sich zahlreiche Kaufhäuser mit einem allerdings eingeschränkten Sortiment etablierten. Eine neue Ordnung der Innenstadt, ermöglicht durch beträchtliche Stadterweiterungen nach Norden und Süden zum Ende des 19. Jahrhunderts, verwandelte vornehmlich sowohl den zentralen Marktplatz der Saalestadt als auch die Große Ulrich-, Große Stein- und Leipziger Straße zu Einkaufspromenaden. Es entstanden oftmals für kleine Vorgängerbauten und im Zuge von Grundstücksvergrößerungen publikumswirksame Geschäftshäuser von nicht selten fünfgeschossiger Mächtigkeit. Die wachsende Zahl der sich etablierenden Einzelhandelsunternehmen stieg derartig an, dass sogar Straßen verbreitert und Gebäude innerhalb weniger Jahrzehnte mehrmals überbaut wurden, um dem Kaufrausch Herr werden zu können. Im Gegensatz zu zuvor entstandenen Mischformen der großen Geschäftshäuser mit zusätzlichen Wohnungen oder Büroräumlichkeiten in den Obergeschossen eröffnete 1900712 in Halle das erste reine Kaufhaus als Textilkaufhaus Weddy-Pönicke in der Leipziger Straße, das von den Architekten Knoch & Kallmeyer entworfen wurde.713 Wiederkehrende Elemente in den darauf folgend errichteten Kaufhausbauten bildeten die überwiegend symmetrisch und nach den prominenten Berliner und Pariser Vorbildern angelegten Fassaden unterschiedlichster Stilrezitation sowie ein zentraler Lichthof mit imposanter Erschließungstreppe über mehrere Etagen, um die sich die einzelnen Verkaufsabteilungen gruppierten. Das geschäftige Treiben pulsierte derart, dass dies zum Beginn des 20. Jahrhunderts innerhalb weniger Jahre zu einer 710 Dolgner 2000-2, S. 26. Ebd. 712 Hauser 2006, S. 193. 713 Reindel 2000, S. 79 ff. 711 290 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Vielzahl von Kaufhausneubauten in Halle führte. Diese Entwicklung endete zunächst mit den Jahren des Ersten Weltkrieges, die Rückgang und letztendlich Stillstand für das Gebäudegenre darstellten. Erst im Zuge der wirtschaftlichen Erholung und nach Überwindung der Inflation im Jahr 1925, begann sich auch auf dem Sektor der Konsumbauten in Halle die neue Freiheit mit Wiederbelebung und Aufschwung durchzusetzen. Allerdings erfolgte das mit dem damals begründeten Anspruch an eine zeitgemäße Umsetzung. In diesem Zusammenhang setzte sich unter Begründung der Mehrung von Licht und Luft die weitere Umstrukturierung der Innenstadt unter Entbehrung historisch gewachsener Stadtstrukturen fort. Es sollte ein „zweckmäßiges Straßensystem [geschaffen werden, dass den Automobilien] unter der Ausnutzung ihrer natürlichen Geschwindigkeit“714 die Benutzung der Stadt erlaubt, forderte selbst Stadtbaurat Heilmann. Man ging sogar so weit, dass für den Marktplatz und umliegende Straßen „nur eine großzügige Verbreiterung aller Hauptverkehrsstraßen und, wenn möglich, der Durchbruch von Parallelstraßen“715 eingefordert wurde. Der unlösbare Drang nach der Notwendigkeit der Straßenverbreiterung auf der einen und die Vergrößerung der anliegenden Geschäftsbauten auf der anderen Seite führten mitunter zu kuriosen Vorschlägen. Der Hallische Wirtschafts- und Verkehrsverband forderte Kolonnadengänge in den Erdgeschosszonen der Geschäftsstraßen – der entstehende „Mangel an Tageslicht könnte durch eine entsprechende Verbilligung der Strompreise wieder ausgeglichen werden”.716 Der Architekt Martin Knauthe ging 1927 mit seinem Ideenentwurf zur massiven Umgestaltung des Marktplatzes noch deutlich weiter. Bis auf die Marktkirche und den Roten Turm sollten alle Gebäude abgerissen und durch neue Baukörper in radikal moderner Gestaltung ersetzt werden. Augenscheinlich änderte sich durch den einsetzenden Kaufhausbau in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre das Erscheinungsbild der Innenstadt Halles wahrnehmbar. Ambitionierte Architekten entwarfen Kaufhäuser in den Formen des Neuen Bauens. Als meistbeschäftigter Baumeister für den Komsumgroßbau in Halle zeichnete der Architekt Bruno Föhre verantwortlich. Unter seiner Regie entstand der expressionistisch gestaltete Baukörper des Ritterkaufhauses in der Leipziger Straße in den Jahren 1927 bis 1928 sowie der sachlich streng geprägte Umbau des Geschäftshauses Broskowski an der Ecke Leipziger Straße/Waisenhausring von 1929 bis 1930 als sichtbares Zeichen der modernen Bauauffassung. Ferner übertrug man ihm die Errichtung eines kolossalen Warenhausneubaus direkt an der Marktsüdseite. Als bekennender Vertreter des Neuen Bauens entwarf er einen lang gestreckten, überwiegend viergeschossigen Baukörper mit freigestelltem Kolonnadengang im Erdgeschoss zum Platz. Nahezu die Hälfte der südseitigen Bestandsgebäude mussten dem neuen horizontal gegliederten 714 Heilmann 1928, S. 13. Hage 1927, S. 19. 716 Ebd. 715 291 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Kaufhaus weichen. Außerdem entwarf Otto Steinkopf ein bis 1928 errichtetes, entschieden kubisch-modern geprägtes Geschäftshaus an der Ostseite des Marktplatzes. Seinesgleichen platzbildend gestaltete außerdem das Einzelhandelsunternehmen Huth die Nordseite des Marktes um.717 Nach den Entwürfen von Wilhelm Ulrich und Gustav Wolff, zu der Zeit in Bürogemeinschaft agierend, errichtete das Unternehmen bis 1928 einen ebenfalls sachlich modernen Neubau. Ursprünglich mit Anklängen des Expressionismus entworfen, schob sich der fertiggestellte Baukörper als kubische Masse über vier Ebenen und zwei aufgesetzten Staffelgeschossen in Richtung des Marktplatzes. Auch Ulrich, wesenhaft ein Verfechter des hexagonalen Entwurfsprinzips, legte sich in konsequenter Anwendung von stereometrischer Klarheit, schmucklosen Fassaden mit fensterbandartigen Strukturen, verglasten Erdgeschossbereichen und dem Flachdach auf die Maximen des Neuen Bauens fest. In diesen Zusammenhang fällt auch das Engagement Julius Kallmeyers gegenüber der Firma Huth, sich mit einem Erweiterungs- und Brückenbau in der rückseitigen Großen Steinstraße vergrößern zu können. Kallmeyer & Facilides entwarfen 1927 in zwei Varianten zunächst einen sachlich modernen Erweiterungsneubau, der durch ein Brückenbauwerk mit dem eigentlichen Hauptgebäude verbunden werden sollte. Der überarbeitete Entwurf zu dem signifikanten Projekt sah zudem die komplette Umgestaltung der gründerzeitlichen Bestandsfassaden in gestalterischer Einheit mit dem Neubau vor. Einem strengen Entwurfsduktus sowohl kubischer Baumassenfindung als auch Fassadengestaltung folgten beide Ansätze. Großflächige Verglasung und schmucklose Fassaden unterstrichen den zeitgemäßen Charakter. Baupolizeilich wurde dieses anspruchsvolle Projekt, auch nachdem der Kunstgewerbeschuldirektor Paul Thiersch einen weiteren Entwurf anfertigte, jedoch nie genehmigt und somit auch nicht umgesetzt. Im gleichen Jahr beendete die Architektengemeinschaft zwei weitere repräsentative Kaufhausbzw. Geschäftshausbauten. Zum einen wurde die Fassadenumgestaltung des Geschäftshauses Arnold & Troitzsch in der Großen Ulrichstraße 1 abgeschlossen718 und zum anderen konnten die Baumeister den ersten Kaufhausneubau der klassischen Moderne überhaupt in Halle an der nahe gelegenen Ecke Neunhäuser/Brüderstraße für die Gebrüder Ebermann vollenden. Während die Architekten im Zuge der Fassadenüberarbeitung für das Einrichtungshaus Arnold & Troitzsch auf sämtlichen historischen Fassadenschmuck verzichteten und diese in schlichter horizontaler Manier überformten, griffen sie beim Neubau des Kaufhauses Schnee für die Gebrüder Ebermann zu bisher nicht gekannten Ausformungsvarianten. Sie nutzten die prägnante Lage zur Ausformulierung einer signifikanten Eckbetonung als expressionistischen Kubatureinschnitt, fügten ebenso Art-déco-Zier in den Fassadenentwurf als auch großflächige Schaufensterverglasungen im Erdgeschossbereich ein. Insgesamt folgte die Gestaltung dem Duktus durchaus sachlicher Züge. Ergänzend durch die Material- und Farbwahl der Innen- und 717 718 Vgl. Kapitel 2.3.2 der vorliegenden Abhandlung. Ebd. 292 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Außenflächen sowie den kubischen Gesamtcharakter zählt es heute zu einem der markantesten Beispiele klassisch moderner Kaufhäuser in Halle an der Saale. 3.2 Vorbemerkungen zum Villenbau in Halle/Saale Zur Annäherung an den Themenkomplex der Wohngebäude bedarf es einer systematischen Eingrenzung. Unter der Vielzahl der heute gekannten Wohnhaustypen erstrecken sich mitunter ungezählte Subkategorien. Neben dem klassischen Einfamilienwohnhaus, das heute als Land-, Guts-, Stadt-, schloss- oder villenartiges Haus kategorisiert wird, unterscheiden die weiteren Wohnarten Zweifamilien-, Mehrfamilien- und Massenwohnhäuser in wiederum vielen Gebäudegenres. Im vorliegenden Fall sollte die Situation der zu wertenden Einfamilienwohnhäuser im städtischen Umfeld betrachtet werden, sodass an dieser Stelle auf eine umfassend weiterführende Auslegung der Gesamtproblematik verzichtet wird. Dies sollte späteren Veröffentlichungen vorbehalten sein und übersteigt den Rahmen dieser Arbeit bei Weitem. Es ist festzustellen, dass beide Analyseobjekte für überdurchschnittlich wohlhabende Bauherren und ihre Familien sowie einige Angestellte der Hausherren errichtet wurden. Die Gebäude lagen bauzeitlich in höchst vornehmen städtischen Randlagen und deuteten mit dem umgesetzten Raumprogramm auf eine durchaus gutbürgerliche und einkommensstarke Wohnsituation. „Bei aller vorhandenen und wohl bleibenden definitorischen Verschwommenheit hat sich dennoch eine gewisse allgemeine Vorstellung darüber herausgebildet”,719 dass es sich beim vorliegenden Wohnbautyp beider Bauten in ihrer eigentlichen Definition um Villen handeln muss. Ursprünglich bezeichnete die Villa ein meist frei stehendes repräsentatives Einfamilienhaus in ländlichem Umfeld, das stets durch eine umliegende Gartenfläche Ergänzung fand und einen üppigen Raumbedarf für seinen Besitzer, meist über zwei Vollgeschosse verteilt, beherbergte. Mit ansteigendem Wohlstand diverser Bevölkerungskreise des Bürgertums im Zuge der Industrialisierung stieg die Nachfrage nach repräsentativem Wohnraum seit dem Ende des 18. Jahrhunderts rapide an. Es entstanden neben den ländlichen auch zunehmend Villen in vorstädtischer Lage, die wiederum abweichend zu ihren außerstädtischen Vorbildern keine oder stark reduzierte landwirtschaftliche Ergänzungsbauten besaßen. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts erreichte der Villenbau eine derartige Entfaltung, dass innerhalb größerer Städte ganze Stadtteile neu entstanden, die unverfälscht und einzig aus Villen oder villenartigen 719 Prof. Dieter Dolgner erwog eine Definition dieses Bautyps. Vgl.: Dolgner 1998-2, S. 7 ff. 293 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Gebäuden bestanden. Diese sogenannten Villenkolonien720 entstanden zunächst nach städtebaulichem Entwurf auf dem Reißbrett und fanden Ergänzung durch Alleen, architektonisch reizvolle Straßenmuster oder eine Vielzahl angelegter kleinerer und größerer Plätze. Die Baustile der Villen zeigten dem Betrachter den Formen- und Genrereichtum der wilhelminischen Epoche, der verschiedenste Stile in neoromantischer Art und Weise nebeneinander platzierte und kombinierte. „Ein Vorfeld von Garten und Baumpark sowie die Erhöhung durch Sockel, Souterraingeschosse und Terrassen schufen die nötige Distanz, den Achtungsradius”.721 Zusätzlich schmückten offene Balkone, Erker und reich gestaltete Dachlandschaften mit Türmchen und Zwerchhäusern in möglichst malerischem Arrangement den charakteristischen Ausdruck einer städtischen Villa zum Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Auch in Halle gaben einflussreiche und vermögende bürgerliche Bauherren Villen in besten städtischen Randlagen in Auftrag.722 Mit dem einsetzenden 20. Jahrhundert erlebte die seit der Gründerzeit anhaltende Blütezeit des Villenbaus neuerlich einen Glanzpunkt, um dann mit dem Ende des Ersten Weltkrieges schlagartig abzubrechen. In diese Zeit fällt die in qualitätvoller Manier durch Wilhelm Facilides entworfene Villa im Hohen Weg 31 in Halle, für Prof. Holdefleiß errichtet von 1912 bis 1914, oder die Konzeption des Wohnhauses für Herrn Bergrat Siemens am Neuwerk 4 im Jahr 1913, die beide in den Formen der Reformarchitektur entstanden.723 Diese weniger durch Zierrat ausgeschmückten Gebäude bedienten sich der langsam in Deutschland einziehenden Reformideen, die durch die englische Wohnhausdebatte um Hermann Muthesius724 entstanden und eine einfachere, aber behagliche Wohnkultur des gut situierten Bürgertums verlangte. Ebenfalls kommen die villenartigen Wohnhausarchitekturen Julius Kallmeyers, die 1911 am heutigen Rathenauplatz im Paulusviertel entstanden, den englischen Vorbildern und der Befreiung von historisierenden Formen in der Saalestadt sehr nahe. Glatte Putzflächen, Fensterläden oder weit heruntergezogene Steildächer mit nicht selten brettverkleideten Giebeln charakterisieren den außerdem gelegentlich mit Schindeln versehenen Bautypus. Entgegen diesem Bekenntnis zur Reformarchitektur wandte Kallmeyer jedoch wenig später für seine Villen am Neuwerk oder der Ernst-König-Straße von 1913 bis 1925 wiederum den eklektizistisch geprägten Historismus an.725 720 Solche Villenkolonien sind u. a. zu finden in: Dresden (Blasewitz, Weißer Hirsch), Hamburg (Marienthal), München (Gern), Eisenach (Südviertel), Berlin (Lichterfelde-West, Alsen und Grunewald) oder in kleinerem Maßstab ebenfalls in Halle (Friedrichstraßenviertel, Mühlwegviertel). 721 Dolgner 1998-2, S. 9. 722 Vereinzelt lässt sich zum ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert der Villenbau in Halle an der Saale beobachten: z. B. am Kirchtor, am Neuwerk und um das Solbad Wittekind. Eine große Villenkolonie entstand in der Saalestadt jedoch nie. 723 Vgl. Kapitel 2.2.2 der vorliegenden Abhandlung. 724 Adam Gottlieb Hermann Muthesius (1861–1927) war preußischer Geheimrat, Architekt und Architekturtheoretiker. Seine Vision zur Umsetzung englischer Reformideen im Wohnhausbau ließen ihn Kritiker des Jugendstils, Verfechter der Gartenstadtidee in Deutschland und Mitbegründer des Deutschen Werkbundes sein. 725 Vgl. Kapitel 2.2.1 der vorliegenden Abhandlung. 294 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem neuen Zeitalter der Demokratie wurden die meisten Wohnhäuser der schlechten wirtschaftlichen Lage entsprechend zunächst in kleineren Maßstäben und evident weniger repräsentativ ausgeführt. Die Villa konnte sich durch die wirtschaftlichen Zwangslagen der beginnenden 1920er Jahre in Deutschland als Bauform nur vereinzelt durchsetzen. In Halle an der Saale basierte die Villenarchitektur jener Jahre im Wesentlichen „auf der klassischen Überlieferung [von] klaren und geschlossenen, aus Zweck und Material abgeleiteten“726 Formen. Die Architekten Hermann Frede, Bruno Föhre und Georg Lindner schenkten Halle mit ihren konservativ-traditionalistischen Anschauungen Anfang der 1920er Jahre durchaus achtbare Architekturen. Zwar bediente sich Frede wiederholt abstrakter bildhauerischer Zierden in Form von außenwirksamen Tür- und Fensterdekorationen, gab aber das tradiert-gediegene Gefüge seiner Bauten nicht auf. Allerdings muss festgestellt werden, dass bis auf ein exemplarisches Beispiel kein rein expressionistischer Wohnhausbau in Manier bekennender Expressionisten727 im Stadtgebiet Halles entstanden ist. Einzig Wilhelm Ulrich gelang in Umsetzung seiner Visionen zum Sechseck-Bauen eine beachtliche Leistung seiner eigenen Villa am Ratswerder,728 indem der Baukörper konsequent durch das hexagonale Entwurfssystem geprägt wurde und überregionale Bekanntheit, ja sogar Wertschätzung genoss.729 Für Julius Kallmeyer oder Wilhelm Facilides bedeuteten die beginnenden 1920er Jahre bis zur Überwindung der Inflation, keine Bauaufgabe vom Typus einer Villa, selbst nicht eines Wohnhauses in Halle an der Saale übertragen bekommen zu haben. Der erste Versuch, ihren gehobenen Wohngebäuden zeitgemäße Modernität zu verleihen, ist daher ausschließlich durch eine expressionistisch geprägte und von 1924–1925 errichtete Villa in Gardelegen belegt. Erst infolge der wirtschaftlichen Erholung gelang es der Architektengemeinschaft, für das gut situierte Bürgertum Villen in der Stadtlandschaft Halles zu errichten. Der Neubau des Wohnhauses in der Ernst-König-Straße 10 in Halle, erbaut 1925 bis 1926, zeugte von dem Umstand, den noch verhaltenen Hang zu Reformarchitektur mit expressionistischer Schönheit zu verbinden.730 Das ab 1925 in das nahe gelegene Dessau verzogene Bauhaus und die städtische Kunstgewerbeschule an der Burg Giebichenstein bekämpften zwar mit ihren Architekturklassen das dringend benötigte Ausbildungsdefizit, konnten jedoch – wenn überhaupt – nur innerhalb der unter hiesigen Architekten geführten Diskussion zu einer nachhaltigen Entwicklung des Neuen Bauens für Halle an der Saale führen. Johannes Niemeyer, Professor an der halleschen Kunstgewerbeschule, entwarf sich seine klassisch moderne Villa als markant avantgardistische 726 Dolgner 1998-2, S. 29. Exemplarisch seien genannt: Walter Gropius (Haus Sommerfeld in Berlin), Otto Bartning (Wohnhaus in Zeipau, Haus Wylerberg bei Kleve) oder Wilhelm Riphahn (Haus in Köln-Braunsfeld). 728 Vgl. weiterführend: Klug 2008. 729 Müller-Wulckow 1928, S. 32. 730 Vgl. Kapitel 2.3.2 der vorliegenden Abhandlung. 727 295 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Architekturschöpfung in der Prägung der Entwürfe eines frühen Thilo Schoders.731 Trotz dieses ersten Zeichens verlief sich kein Bauhausmeister in die Saalestadt, um größere klassisch moderne Villen zu bauen. Einzig der bis 1934 fertiggestellte Doppelhausbau kleineren Ausmaßes von Hans Wittwer und Erich Consemüller in dem durch Villen geprägten Umfeld im Kirschbergweg 27/29 gab ein ausgeprägt modernes, aber spätes Zeichen kubischer Architekturauffassung für seine Bauherren Erwin Hahs und Lili Schultz,732 nachdem Wittwer 1927 das Bauhaus verließ, um fortan an der Burg Giebichenstein zu lehren. Somit verhalfen sich die ansässigen Architekten in gekonnt eigenständiger Art zu ihrem Glück, sodass die strenge Silhouette des sachlichen Bauens bezeichnenderweise achtbaren Eingang in die großbürgerliche Villenarchitektur Halles fand. Richard Schmieder setzte im Jahr 1928 mit seinem Projekt eines mittelgroßen Wohngebäudes am Habichtsfang 13 in der Nietlebener Gartenstadt unter Verwendung von Putzflächen, dem Flachdach und einer asymmetrischen Anordnung des Baukörpers ein sachlich-modernes Zeichen in malerischem Landschaftsgefüge. Kurios erscheint, dass der Architekt und bekennende Avantgardist Paul Thiersch, seines Zeichens seit 1915 Leiter der modernen staatlich-städtischen Kunstgewerbeschule, kein einziges Gebäude in Halle umsetzte. Selbst die wenigen Bauten auswärtiger Architekten, wie die durch Otto Rudolf Salvisberg entworfene Villa im Kirschbergweg 10 aus den Jahren 1929 bis 1930, lassen in summa weit weniger als ein Dutzend qualitätvolle Wohngebäude in den Formen des Neuen Bauens in Halle an der Saale erkennen. Einzig Kallmeyer & Facilides brachen aus diesem marginalen Kanon mit gleich drei bemerkenswerten sachlich-modernen Villen, in jeweils eigener Interpretation des Neuen Bauens, heraus. Neben der Villa in der Heinrich-Heine-Straße 6, erbaut von 1929 bis 1930, stehen die Villen in der Dölauer Straße 82, erbaut 1929 bis 1931, sowie die Villa in der Ernst-Grube-Straße 24, erbaut 1930, für die zusammenhängendste der klassisch modernen Architekturauffassungen einer halleschen Architektengemeinschaft im Kontext großbürgerlicher Villen für Halle an der Saale. Die ohnehin bescheidene Entwicklung der Moderne in Halle an der Saale brach schließlich mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933 gänzlich ab. 731 Die Ähnlichkeiten des Niemeyer-Wohnhauses in Halle zum Haus Stross in Reichenberg (heute Liberec, Tschechien), erbaut 1923 von Thilo Schoder, sind verblüffend. Weite Dachüberstände und stark gerundete Dachtrauflinien charakterisieren eine insgesamt additiv strukturierte Baumasse. 732 Vgl.: Wittwer 1985. 296 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne 3.3 1926–1927 Kaufhaus für die Kaufleute Ebermann, Halle/Saale Am 14. September 1838 kaufte der stadtbekannte Garnhändler Heinrich Gottlieb Schnee, geboren 1797 in Blankenheim bei Sangerhausen, das Haus Nr. 178733 in der Großen Steinstraße im Zentrum Halles von der dort ansässigen Witwe Torothee Lanieck für 2.330 Taler.734 Er setzte nunmehr seine Kaufmannskarriere, die bis dahin am Neumarkt mit einem kleinen Laden stattfand,735 fort und ließ sein umgezogenes Geschäft für „Garne, Strümpfe, Unterzeuge und wollene Waren“736 in das preußische Handelsregister der Stadt Halle eintragen.737 Im Jahr 1863 erbte sein Sohn Carl Heinrich Schnee nach dem Tode seines Vaters das Textilwarengeschäft und führte es anschließend neun Jahre weiter, ehe er es aufgrund seiner Kinderlosigkeit und sich mehrender gesundheitlicher Probleme738 im Jahr 1872 mit einer angestellten Arbeitskraft an den Handelsmann Kaufmann August Ebermann weiterveräußerte. Ebermann, der die Firma unter dem Namen H. Schnee Nachfolger bis zu seinem Tode über 50 Jahre leitete, gab seine Geschäftsteile schließlich an seine Söhne Franz und Arthur weiter. Er vergrößerte das Geschäft beträchtlich. Ebermann kaufte das ehemalige Halloria-Gebäude in der Brüderstraße 2 hinzu, verband beide Geschäftshäuser durch einen Neubau in den Jahren 1886 bis 1896 und konnte nunmehr auf über 70 Angestellte zurückgreifen. Selbst Ebermanns Familie wohnte in den umgebauten Räumlichkeiten über ihrem Geschäft in der Brüderstraße 2.739 Nachdem sich die Geschäfte durch den preiswerten Verkauf qualitativ guter Textilwaren stetig vergrößerten, kam 1911 das neue Geschäftsfeld der Sportartikel hinzu. Die wirtschaftliche Stagnation der Jahre des Ersten Weltkrieges gingen auch nicht an der Firma H. Schnee Nachf. spurlos vorbei. Erst mit Überwindung der Wirtschaftskrise und einhergehender Inflation erstarkte das Handelsunternehmen erneut so weit, dass die Eigentümer im Jahr 1926 erwogen, ihre Geschäftsräumlichkeiten in der Großen Steinstraße und der Brüderstraße 2 um einen stattlichen Bau zu erweitern. Vordringlichstes Anliegen sollte neben der Weiterentwicklung in Richtung Marktplatz die Vergrößerung der Geschäftsflächen darstellen. Schließlich vergaben sie die Entwurfs- und Bauleitungsaufgaben an Julius Kallmeyer,740 dessen vormaliges Büro bereits in guter Erfahrung die Neubauvorhaben der Jahre 1886 bis 1896, seinerzeit als Knoch & Kallmeyer, für die Gesellschaft H. Schnee Nachf. durchgeführt hatte. 733 Die Hausnummer bezieht sich auf das Kaufjahr. Später wechselte die Nummer öfter, so zwischenzeitlich Nr. 68 und heute Nr. 84. 734 Rückblick 1929. 735 Der Bereich des Neumarktes kann heute auf den Bereich der Geiststraße festgelegt werden. 736 StA Ha: Häuserarchiv, Geschäftsanzeige zum 100-jährigen Jubiläum der Fa. H. Schnee Nachfolger vom 14. September 1938. 737 Rühlmann 2003, S. 8. 738 Halloria 2007. 739 StA Ha/BA: Brüderstraße 2. 740 Zu dieser Zeit noch als Architektur- und Ingenieurbüro Königer & Kallmeyer auftretend. 297 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Links: Abb. 3.3-1: Brüderstraße in Richtung Ecke Neunhäuser. Mittig das Geschäftshaus der Firma H. Schnee Nachf. in dem Halloria-Geschäft. Die Aufnahme entstand um 1893. Rechts: Abb. 3.3-2: Vorgängerbau in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser, kurz vor dem Abriss zum Neubau. Die Aufnahme entstand Anfang September 1926. Mit der nach der wirtschaftlichen Entspannung zeitnah geplanten Geschäftserweiterung besaßen die Gebrüder Arthur und Franz Ebermann Vorbildcharakter für den gesamten halleschen Kaufmannsstand. Ihr Projekt sollte der erste Kaufhausneubau in Überwindung historischer Formenlitanei nach den Konzepten des Neuen Bauens in Halle an der Saale sein. 3.3.1 Projektanalyse Das Bauvorhaben platzierte sich in der zentralen Innenstadt Halles. Nur wenige Schritte vom Marktplatz entfernt, bildete es in städtebaulich reizvoller Lage den baulichen Eckbereich der sich verbindenden Neunhäuser und Brüderstraße inmitten eines durch überwiegend mehrgeschossige Wohn- und Geschäftsbauten geprägten Innenstadtviertels. Die Straße Neunhäuser als Verbindungsweg zwischen der Brüder- und der Großen Steinstraße entstand bereits nach beabsichtigter Stadtplanung im 15. Jahrhundert,741 um die anwohnenden 741 Neunhäuser 1970. 298 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Kaufleute der dicht bebauten Brüderstraße an die geschäftige Große Steinstraße anzubinden.742 Der zweigeschossige Vorgängerbau auf dem Eckgrundstück, seinerzeit im Besitz eines gewissen Herrn Haberland, wurde ursprünglich Anfang des 19. Jahrhunderts errichtet und beherbergte in den 1920er Jahren sowohl ein Lederwarengeschäft als auch einen Juwelierladen des Kaufmanns Gustav Häder (Abb. 3.3-1). Nachdem die Textilwarenhändler Ebermann die Immobilie nach einem unerwarteten Verkaufsangebot im Jahr 1926 erworben hatten,743 eröffnete sich die Möglichkeit, das mit zwei Vollgeschossen bisher sehr kleine Bauwerk abzutragen und durch einen Neubau zu ersetzen (Abb. 3.3-2). Die städtebauliche Fehlstelle konnte somit in Anlehnung an die umstehenden drei- bis viergeschossigen Gebäude durch Errichtung eines entsprechenden Neubaus an die Trauflinien der Nachbargebäude angeglichen werden. Östlich grenzte bauzeitlich ein Geschäftshaus an das Gebäude, welches infolge von Bombentreffern im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war und später abgetragen wurde. Lediglich die nördlich angrenzende Bebauung eines kleineren zwei- bis dreigeschossigen Wohnund Geschäftshauses an der Neunhäuser befindet sich heute in saniertem Zustand. Der Entwurfserarbeitung nahm sich Wilhelm Facilides unmittelbar nach dem Kauf des Grundstückes und der sich anschließenden Beauftragung im Frühjahr des Jahres 1926 in Verantwortung und Beschäftigung des Architektur- und Ingenieurbüros Königer & Kallmeyer an, nachdem Julius Kallmeyer für weitere parallele Projektierungsaufgaben des Baubüros verantwortlich war. Von Anfang an hielten die Bauherren an einem engen Zeitrahmen fest, sodass die Entwurfsarbeiten für den Neu- und Erweiterungsbau bis zum 20. Juli 1926 von der Architektengemeinschaft fertiggestellt und durch den Bauherrn bei der städtischen Baupolizei zur Genehmigung eingereicht wurden.744 Die anstehenden Prüfungsfristen veranlassten vermutlich Franz Ebermann, für den „Um- und Erweiterungsbau unseres Geschäftshauses“745 das Spezialabbruchunternehmen Lindner & Richter vorab und ohne Genehmigung mit den Abrissarbeiten zu betrauen. Es erfolgte prompt eine Rüge durch die Baupolizei, mit den Bauarbeiten bis zur Ausstellung des Bauerlaubnisscheins zu warten. Facilides reichte schließlich das Abbruchgesuch zum 26. August 1926 ein. Die Genehmigung zum Um- und Erweiterungsbau wurde am 22. September 1926 mit der Ausstellung des lang erwarteten Bauerlaubnisscheins erteilt. Der Baukörper sollte die Verkaufsflächen des Geschäftshauses der Brüderstraße 2 ergänzen und zu einem Ganzen mit dem Nachbargebäude vereint werden. 742 Die Namensgebung ist nicht abschließend geklärt. Während der hallesche Stadtchronist Dreyhaupt den Namen mit „neun Grundstücken“ für die neuen Gebäude erklärte, ist ebenso wahrscheinlich, dass die „neuen Häuser“ der Straße ihren Namen verliehen. Vgl.: Piechocki 1977. 743 Halloria 2007. 744 Sämtliche Planunterlagen für den Bauantrag zum Um- und Erweiterungsbau vom 20. Juli 1926 sind durch einen Wasserschaden unkenntlich geworden. Die Entwurfszeichnungen, der Erläuterungsbericht und die Statik weisen als Datum bereits den 15. Juli 1926 aus. 745 So der offizielle Titel des Baugesuchs. Soweit nicht abweichend gekennzeichnet, sind diese und nachfolgende Daten und Anmerkungen zu dem Gebäude der Bauakte entnommen. StA Ha/BA: Brüderstraße 2. 299 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Die nunmehr einsetzende Bautätigkeit war durch ein rasantes Vorankommen geprägt. Noch kurz vor Weihnachten strahlte der Richtkranz von dem Gebäude und galt als Signal für die künftige Bautätigkeit in der Saalestadt. Die Saale-Zeitung schrieb zum Richtfest des stattlichen Bauwerks nur drei Monate später am 22. Dezember 1926, dass „seit Jahren die Bautätigkeit im Inneren unserer Stadt fast vollständig geruht“746 hatte. Weiter hieß es: „Auch jetzt haben sich schon einzelne andere Firmen zu größeren Neubauten entschlossen. Wir wollen hoffen, dass durch den Neubau der Herren Ebermann der Anfang zu einer allgemeinen größeren Bautätigkeit gemacht ist, dass wieder bessere Jahre für unsere Bauarbeiter, Bauhandwerker sowie Bauunternehmer und Baumeister kommen”.747 Die Rohbauarbeiten waren bis Ende Januar 1927 abgeschlossen. Am 27. Mai 1927 war das Kaufhaus Schnee, wie es sich im Sprachgebrauch der Hallenser umgangssprachlich einstellte, für die Herren Artur und Franz Ebermann fertiggestellt. a Gebäudebeschreibung Das Gebäude präsentierte sich in städtebaulich eindrucksvoller Ecklage als viergeschossige und voll unterkellerte Baumasse. Überragt von einem flach gedeckten Pyramidendach bildete der Entwurf zu den angrenzenden Straßen und in seiner Ausrichtung keine Hauptfront aus (Abb. 3.3-3). Diese Äquivalenz war besonders den beiden gleichrangigen Straßen zu verdanken. Die betont angelegte Eingangssituation orientierte sich bewusst über Eck und in Richtung des Marktplatzes. Als blockrandschließende Geometrie nahm es in Fortführung der angrenzenden Gebäude die Baufluchten straßenbegleitend auf. Während zur Neunhäuser ein gestalterischer Abschluss der Baumasse zum Nachbargebäude gesucht wurde, erreichte die Verzahnung der Räumlichkeiten zum anliegenden Bestandsbau in der Brüderstraße 2 eine differenzierte Ausformung in Grund- und Aufriss. Der in Mischweise errichtete Baukörper ruhte auf Stampfbeton- bzw. Säulenfundamenten. Als Tragkonstruktion wählten die Architekten abweichend zu ihrer ursprünglichen Baubeschreibung zum Baugesuch eine Stahlkonstruktion, die durch Mauerwerk ausgefacht und schließlich mit Werkstein und Klinker verblendet wurde. 746 747 Richtefest 1926. Ebd. 300 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Abb. 3.3-3: Kaufhaus H. Schnee Nachf. in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in Halle, erbaut 1926–1927. Die Aufnahme entstand um 1930. 301 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Die Entmaterialisierung der Ecksituation im Erdgeschoss führte möglicherweise zu diesem Entschluss, sodass ohne schwergewichtige Stützkonstruktionen im Eingangsbereich gearbeitet werden konnte. Alle übrigen Wände waren aus Ziegelsteinen und hydraulischem Kalkmörtel gefertigt. Sämtliche Deckenkonstruktionen bildete man ebenfalls in einer Mischkonstruktion als Stahl-Hohlstein-Decken aus. Der Dachstuhl wurde aus Holz in Konstruktion eines stehenden Stuhls mit Schieferdeckung auf Schalung erbaut. Insgesamt schätzte Facilides die entstehenden Baukosten auf rund 40.000 Reichsmark, ein Kostenansatz, der für das Resultat als nicht sehr üppig zu bezeichnen ist. b Baukörper und Fassade Grundsätzlich folgte die Baumassenverteilung den Prinzipien einer kubischen Grundform. Wenn auch nicht ein vollkommen quadratisches Grundstück mit dem Baukörper bebaut wurde, so erweckte das Haus bereits beim flüchtigen Betrachten eine forcierte Gleichseitigkeit. Während sich die Fassadenbreiten im Westen auf ca. 10 m und im Süden auf ca. 8 m für das aufsteigende Gebäude aus der Bestandssituation des Grundstücks heraus in einem dezent überspannten rechten Winkel ergaben, reagierte die Fassadensymmetrie hingegen im Detail in ideenreicher Verschiedenartigkeit. Mittels gestalterischer Vielfalt entwickelten die Architekten eine Eckdramaturgie, die sich hinsichtlich ihrer Funktion der Eingangsakzentuierung offensichtlich als eigentliche Hauptseite erklärt. Somit strebt die Architektur im Sinne des Betrachtens klar nach einer Perspektivwirkung und negiert die Zweidimensionalität (Abb. 3.3-4). Ebenso ausdrucksvoll gelang dem Entwurf die fassadenseitige Auseinandersetzung mit der Viergeschossigkeit. Betont stufenweise entwickelte sich die Gestaltung innerhalb der Geschosse an den Schaufassaden. Während im Erdgeschoss aus der Funktion des Verkaufsraumes heraus großzügige raumhohe Schaufensteranlagen angeordnet waren, nahm das erste und zweite Obergeschoss fensterbandartige Strukturen auf. Das dritte Obergeschoss reagierte durch den Ansatz einer Lochfassade. Die somit sichtbare Gliederung der Fassadenbereiche entsprach den inneren Funktionen. Im Erdgeschoss befand sich der repräsentative Verkaufsraum, der durch die großzügigen Fenster Licht und eine breite Präsentationsfläche erhielt. Das erste Obergeschoss beherbergte Büroräume und Räumlichkeiten der Abfertigung. Für die kleinteilige Raumstruktur sahen die Architekten ein Fassadensystem vor, das folglich eine Umsetzung von Trennwänden ermöglichte. Die Lagerräumlichkeiten des zweiten Obergeschosses provozierten wiederum eine fensterreiche Bandstruktur, während im dritten Obergeschoss die Zimmer einer Wohnung angeordnet waren 302 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne und einzelne Fenster benötigten.748 Im Detail stellte sich die Formgebung der Fassaden jedoch weitaus differenzierter dar. Dabei reagierten drei grundsätzliche Parameter im Einklang der Gestaltungsabsicht. Erstens ging die Architektengemeinschaft bewusst mit dem Spiel der Schaumaterialitäten um. Zweitens bot die Ausformung und Gliederung in verschiedener Art und Weise die Möglichkeit der gezielten Betonung. Drittens ergänzten abgestimmte Details die gestalterische Absicht. Abb. 3.3-4: Kaufhaus H. Schnee Nachf. in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in Halle, erbaut 1926–1927, West- und Südansicht zum Umbauantrag vom 9. November 2006. Im Erdgeschoss sahen Kallmeyer & Facilides in Ergänzung der Schaufenster, wohl als Anlehnung der Materialitäten des Nachbargebäudes in der Brüderstraße 2,749 rot eingefärbten Werkstein vor. Der über Eck gesetzte Eingang wurde zur Kubaturgrenze eingerückt und im 45°-Winkel angeordnet. Die dadurch entstandenen rundbogigen raumhohen Auslagen des Eingangs boten zusätzlich Präsentationsfläche hinter gewölbtem Glas. Markant griff der Werkstein zusätzlich eine rahmende Funktion auf. Als dreifach gewinkelter Werksteinmäander ausgeführt, umspielte dieser die Schaufensteranlagen und führte zum Eingang. Dieses Detail bewirkte den vertikalen Abschluss zu den angrenzenden Bestandsgebäuden gründerzeitlichen Charakters und die horizontale Umgrenzung der heterogen gestalteten Obergeschosse. Weiterführende Plastizität erzeugten horizontal geschichtete Holzlamellen, die den Eingang ausdrücklich eckführend flankierten. 748 Dieser Umstand führte zum eigentlichen Ergebnis, dass es sich nicht wie fälschlicherweise in der halleschen Bevölkerung angenommen um ein reines Kaufhaus handelt, sondern vielmehr um ein Wohn- und Geschäftshaus. 749 Rühlmann 2003, S. 8. 303 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Abb. 3.3-5: Kaufhaus H. Schnee Nachf. in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in Halle, erbaut 1926–1927, Detail Fensterband im ersten Obergeschoss vor der Sanierung. Die Aufnahme entstand im Oktober 2006. Mit dem ersten Obergeschoss setzte sich die Gesamtkubatur der oberen Etagen gestalterisch auf den Mäander des Erdgeschosses. Grundsätzlich ließen die Architekten die Baumasse in hellgrauen Klinkern eines gleichmäßig laufenden Verbands verblenden, die dann in expressionistischer Ausdrucksweise eingeschnitten, überformt und baukünstlerisch gestaltet wurde. Die nahezu quadratischen Fenster750 reihten sich an den Schauseiten in Richtung Süden zu drei Achsen und in Richtung Westen zu vier Achsen eines insgesamt liegenden Fensterbandsystems aneinander. Horizontal betonende kräftige Werksteingliederungen – ebenfalls in Übereinstimmung mit dem Erdgeschoss in Rot – rahmten das Fensterband (Abb. 3.3-5). Ergänzung fand die Gestaltung durch zwei Elemente im Detail. Die Werksteinpfosten zwischen den viergeteilten Holzfenstern griffen vertikale Gliederungen auf und setzten eine markant organische, gleichfalls stilisierte Ornamentreihung über das Fensterband. Kallmeyer & Facilides nahmen damit baulichen Bezug zum Art déco. Welche Absichten oder gar weiterführende Aufgabe hinter dieser Manifestation stand, kann heute nicht mehr rekonstruiert werden. In Fortführung des Einschnitts der Eingangssituation des Erdgeschosses fand sich gleichfalls ein Rücksprung der Fensterachse im ersten Obergeschoss, wenngleich mit weniger Tiefe ausgeführt, um einen Übergang zur aufsteigenden Ecke herstellen zu können, sodass das obere Werksteingesims bereits den Abschluss der Kubaturkerbung bildete. 750 In den Obergeschossen waren bauzeitlich Kastenfenster mit Einscheibenverglasung verbaut. 304 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Abb. 3.3-6: Kaufhaus H. Schnee Nachf. in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in Halle, erbaut 1926–1927, Detail Eckausbildung der Obergeschosse vor der Sanierung. Die Aufnahme entstand im Oktober 2006. Die Fassade des zweiten Obergeschosses griff in ähnlicher, wenn auch verhaltener Manier erneut die Gestaltungsabsicht auf. Gleichartige Holzfenster reihten sich um die kräftigen roten Werksteingliederungen in einer fensterbandartigen Struktur (Abb. 3.3-6 & 7). Vertikal betonende Werksteinpfeiler zwischen den nun zweigeteilten Holzfenstern formen die Tiefe des Fassadenbereichs zusätzlich aus. Eine Weiterführung der Eckbetonung lässt sich lediglich durch den massiveren Werksteineckpfeiler erahnen. Baumasseneinschnitte gibt es im zweiten Obergeschoss ebenso nicht mehr wie auch ornamentierende Art-déco-Friese. Besonders erwähnenswert sind die fassadenseitig angebrachten Jalousien im ersten und zweiten Obergeschoss, die beweglich gelagert waren und nach außen versetzt ausgefahren werden konnten, sodass neben dem Sonnenschutz eine Raumbelüftung bei vollständig ausgefahrener Jalousie möglich war. Das dritte Obergeschoss zeigte dem Betrachter zwar noch die Werksteinrahmung der Fenster, die der übrigen Gestaltung ungeachtet als Lochfassade mit dreigeteilten Holzfenstern abgebildet wurde. Den Abschluss der Kubatur bildete ein kräftiges, dreifach abgewinkeltes Werksteingesims, ebenfalls porphyrfarben angelegt, über dem sich die eingerückte Dachkonstruktion mit Schieferdeckung und aufgesetzten orthogonalen Schleppgauben befand. Die gewählte Dachform vermittelte in der Art ihres Aufbaus zuweilen den sichtgerechten Eindruck, es könne sich um ein Flachdach handeln, da aus den engen Perspektiven vor den Schaufenstern mitunter kein Dach wahrzunehmen war. Hier zeigte sich einmal mehr das gestalterische Geschick der 305 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Architektengemeinschaft. Ergänzung fand die Fassadengestaltung des Gebäudes durch eine Fassadenbeleuchtung, plastische Werbeschriftzüge751 oberhalb der Schaufensteranlage des Erdgeschosses und kleinere Werbeausleger, die noch von Kallmeyer & Facilides entworfen wurden. Wenige Jahre später fügte man dem werbewirksamen Auftritt des Kaufhauses H. Schnee Nachf. einen ausgeprägt sichtbaren Leuchtreklameschriftzug oberhalb des dritten Obergeschosses an der Westfassade hinzu. Links: Abb. 3.3-7: Kaufhaus H. Schnee Nachf. in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in Halle, erbaut 1926–1927, Detail Fassadenanschluss Neunhäuser vor der Sanierung. Rechts: Abb. 3.3-8: Unsanierte Eingangssituation. Die Aufnahmen entstanden im Oktober 2006. Der somit bugartig in die Straßenecke vorstoßende Klinkerbau mit kräftig akzentuierten horizontalen Werksteingliederungen und über Eck geführten Fensterbändern vereint Gestaltungsabsichten des Expressionismus mit plastisch geprägtem Baudekor im Einklang einer charakteristischen Eckdramaturgie, die dem Gebäude einen beträchtlich gewichtslosen Eindruck verlieh (Abb. 3.3-8). 751 Vermutlich handelte es sich bei den Schriftzügen oberhalb der Schaufenster des Erdgeschosses um Metallletter. 306 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne c Innere Struktur und Ausgestaltung Zum heutigen Tage sind nahezu sämtliche innenräumlichen Strukturen durch einige Grundrissüberformungen infolge teilweiser Kriegszerstörung und nachträglicher Umbauten zerstört. Auch lässt sich der ursprüngliche Grundrisszuschnitt lediglich durch Planunterlagen verschiedener Erweiterungsvorhaben der 1930er Jahre nachvollziehen, da die entsprechende Bauakte keine verwertbaren Risse der Erbauungszeit von 1926 bis 1927 aufzeigt.752 Abb. 3.3-9: Kaufhaus H. Schnee Nachf. in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in Halle, erbaut 1926–1927, Grundriss Erdgeschoss der geplanten Erweiterung, datiert 12. Januar 1937. Beachte den ursprünglichen Neubau auf dem Plan links. Die Raumsituation folgte strikt den Funktionen. Als Verkaufsraum war das Erdgeschoss durch seine Großflächigkeit geprägt und erstreckte sich ausgehend vom Eckneubau über angegliederte 752 Sämtliche Planunterlagen des betreffenden Zeitraums von 1926–1927 der Errichtung des Kaufhauses H. Schnee Nachf. sind durch einen Wasserschaden infolge eines Bombenangriffs auf das Stadtarchiv im Zweiten Weltkrieg unkenntlich geworden. Vgl.: StA Ha/BA: Brüderstraße 2. 307 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Bereiche im hinteren Bestandsgebäudetrakt (Abb. 3.3-9). Keinerlei Wände störten den Innenraum. Alle belichteten Seiten zu den Straßenfronten erhielten eine großformatige Schaufensterverglasung, die innenraumseitig durch eine Podestebene leicht erhöht zur Straßenebene lag. Dadurch erreichten Kallmeyer & Facilides zusätzlich die natürliche Belichtung des Kellergeschosses, welches als Warenlager diente. Lediglich zwei verkleidete Stahlstützen, eingerückt vor der Fassade, waren aus statischen Gründen zur Lastabtragung der oberen Decken notwendig und bildeten gleichzeitig den räumlichen Anfang des Schaufensterpodestes. Der Raum zeichnete sich vor allem durch den hohen Lichteinfall und die großzügige Einsicht von Außen aus. Abb. 3.3-10: Kaufhaus H. Schnee Nachf. in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in Halle, erbaut 1926–1927, Verkaufsraum im Erdgeschoss während der Sanierung. Die Aufnahme entstand im Dezember 2007. Eine elegante zweiläufige Treppenanlage führte in das erste Obergeschoss (Abb. 3.3-10). Diese war in Eichenfurnier braun lasiert gehalten und mit gebogener, geschlossener Brüstung und aufgesetztem Rundholzhandlauf auf vernickelten Eisenkonsolen in quadratischer Gestalt montiert.753 Ferner legten die Architekten die Erschließungsführung der Treppenanlage an die Brandwand des angrenzenden Gebäudes und inszenierten diese einer abstrakten Plastik gleich als raumbildende Komponente um einen weiteren integrierten Stützpfeiler. Ebenso wie die Treppenanlage arrangierte sich passend die Ladeneinrichtung in Eichenfurnier 753 Schöne 2006, S. 4. 308 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne mit braunem Lasuranstrich.754 Die Innentüren wurden als gegliederte Kassettentüren mit einem weißen, deckenden, seidenmatten Ölanstrich versehen (Abb. 3.3-11 & 12),755 während sämtliche Schaufensteranlagen und die Eingangstüren aus Holz gefertigt und im Innen- und Außenraum mit einem braunen, deckenden, seidenmatten Anstrich umgesetzt wurden. Glattputz an den Wänden in gebrochenen weißen, zudem teilweise hellolivgrünen Ölfarbanstrichen sowie Decken in ebenfalls gebrochenen Weißtönen aus Leimfarben beherrschten neben dem dunklen Bodenbelag in Ausführung eines Linoleums das markante Erscheinungsbild. Links: Abb. 3.3-11: Kaufhaus H. Schnee Nachf. in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in Halle, erbaut 1926–1927, Tür im zweiten Obergeschoss vor der Sanierung. Die Aufnahme entstand 2006. Rechts: Abb. 3.3-12: Rekonstruierte Tür im ersten Obergeschoss in originaler Farbfassung. Die Aufnahme entstand im Dezember 2007. Das erste Obergeschoss umfasste interne Bereiche der Verwaltung mit Schreibstube, einen Abfertigungsbereich und Lager. So ließen die Bauherren durch die Architekten ein 754 Für die Ladeneinrichtung gibt es keine gesicherten Aussagen, dass diese auf die Urheberschaft der Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides zurückzuführen ist. Dies ist jedoch wahrscheinlich, da bis zum Tag der Eröffnung unter höchstem Zeitdruck gearbeitet und eine Drittbeauftragung zu unnötigem Zeitverlust geführt hätte. Zudem entsprach die Einrichtung den Farbtönen der Treppenanlage. Die Ladeneinrichtung ist leider restlos vernichtet. 755 Schöne 2006, S. 6 309 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Großraumbüro zu den Straßenseiten mit der Hälfte der Grundrissfläche planen und den Raumzuschnitt mittels leichter Trennwände umsetzen. Diese Raumvorstellung, überwiegend im späten 20. Jahrhundert im Bürogebäudebau angewendet, war durch den Gebäudezuschnitt ermöglicht, zumal kein interner Flur gewollt zu sein schien. Die Raumbildung war nach funktionellen Zusammenhängen angelegt und folgte keiner strikten Geometrie. Folglich kann die resultierende Grundrissgeometrie als ein Bestreben nach Flexibilität gewertet werden. Ein Umstand, der durch die Wahl des ausgefachten Stahltragwerks, das keine internen oder aussteifenden Wände benötigte, resultierte (Abb. 3.3-13). Abb. 3.3-13: Kaufhaus H. Schnee Nachf. in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in Halle, erbaut 1926–1927, Grundriss erstes Obergeschoss der geplanten Erweiterung, datiert 12. Januar 1937. Beachte den ursprünglichen Neubau auf dem Plan links. Auch hier dominierte das dezent gehaltene Farb- und Materialkonzept. Glattputz an den Wänden und Decken in gebrochenem Weiß und teilweise hellolivgrüne Öl- bzw. Leimfarbanstriche fanden Ergänzung durch ein ebenfalls dunkles Linoleum. Zu vermuten gilt 310 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne hier, dass die Büroräume ohne Einfluss der Architekten kostensparend eingerichtet und ausgestattet wurden.756 Die Fenster erhielten in Kontrast zum Erdgeschoss einen gebrochenen weißen, seidenglänzend auftrocknend, deckenden Anstrich aus Ölfarben.757 Als gestalterische Besonderheit führte die zentrale Treppenanlage in abgeänderter Gestaltung zum zweiten Obergeschoss. Die Treppenwangen und Geländer wurden in einem hellen olivgrünen Ölfarbanstrich mit seidenfarbener Oberfläche deckend gestrichen. Der Handlauf erhielt einen seidenglänzenden rotbraunen Anstrich, während sämtliche Eisenkonsolen in Schwarz gestrichen waren. Überdies wählten die Architekten für die Innentüren des ersten und zweiten Obergeschosses einen hellen, graugrünlich wirkenden, seidenglänzenden Deckanstrich aus Ölfarben.758 Abb. 3.3-14: Kaufhaus H. Schnee Nachf. in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in Halle, erbaut 1926–1927, Grundriss zweites Obergeschoss, datiert 15. Juli 1926. Ebenso dominierte im zweiten Obergeschoss die Großflächigkeit und Flexibilität der entstandenen Räumlichkeit. Leider lässt die durch einen Wasserschaden nahezu unkenntlich verblasste Zeichnung keine eindeutige Raumidentifizierung mehr zu (Abb. 3.3-14), sodass vermutlich die hier angeordneten Lager und Büros in Anlehnung einer ähnlichen Struktur des 756 Vgl.: Wiener 1912, S. 330. Architekten beklagten bereits in den Vorkriegsjahren das gängige Prozedere, nicht in die Einrichtungsplanung einbezogen zu werden. 757 Schöne 2006, S. 4. 758 Ebd., S. 6 311 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne ersten Obergeschosses ausgeführt wurden. Während der im zweiten Obergeschoss gewählte Farb- und Materialkanon dem des ersten Obergeschosses gleichkam, lehnten sich die Materialien im dritten Obergeschoss ihrer Nutzung einer Dreiraumwohnung an. Dieser über ein Treppenhaus759 im hinteren Bestandsgebäude erschlossene Wohnbereich (Abb. 3.3-15) erhielt einen Dielenfußboden und Tapeten, während für die Küche und Nassräume ein Fliesenbelag in nicht mehr zu rekonstruierender Fassung verlegt war. Sämtliche Türanlagen – wie auch die Fenster – ließen die Architekten in gedecktem Weiß, seidenmatt streichen.760 Abb. 3.3-15: Kaufhaus H. Schnee Nachf. in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in Halle, erbaut 1926–1927, Aufgang zum dritten Obergeschoss. Die Aufnahme entstand 2006. Eine Rekonstruktion des Grundrisses des dritten Obergeschosses ist nicht mehr möglich. Es sind keinerlei Fotografien oder identifizierbares Planmaterial vorhanden. Überdies zeigt sich der Bestand durch die Überformungen der ersten Nachkriegsjahre und der letzten Sanierung als stark verändert. 759 Das Treppenhaus fiel infolge der Grundrissumstrukturierung und behördlicher Auflagen zum Brandschutz während der denkmalgerechten Sanierung weg. 760 Schöne 2006, S. 6 312 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne d Bau- und Nutzungsgeschichte Noch im September 1926 – die Bauarbeiten zum Neubau hatten noch nicht begonnen – reichten Kallmeyer & Facilides im Auftrag ihrer Bauherren bereits weitere Umbaugesuche für die direkten Anschlussräumlichkeiten zum Neubaukörper in der Brüderstraße ein.761 Die enge räumliche Verzahnung der Verkaufsflächen des Einzelhandelsunternehmens H. Schnee Nachf. prägte die Strukturen im Erd- und ersten Obergeschoss der angrenzenden Gebäude nachhaltig und führte zu weitreichenden funktionalen Zusammenhängen der Räume. Im Ergebnis sollte eine großzügige Verkaufsfläche von der Großen Steinstraße über die Geschäftshäuser in der Brüderstraße bis zum Neubau des Eckgebäudes ermöglicht werden. Bereits für 1928 finden sich erste kleinere Umbaumaßnahmen in den Bauakten, die lange Zeit die Einzigen an dem Nachbargebäude blieben. Der Anschluss an das Bestandsgebäude zur Neunhäuser 4 musste infolge von Dacharbeiten korrigiert werden. Noch vor den Festlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen des Geschäftes im Jahr 1938 erbaten Franz und Arthur Ebermann mit Schreiben vom 12. Januar 1937 in einem durch Kallmeyer & Facilides angefertigten Baugesuch um eine „grundsätzliche Stellungnahme [zur] 1. Verlegung der Durchfahrt, 2. Umbau der Schaufenster, 3. Verbindung mit dem Laden der Firma H. Schnee an den Ecken Brüderstraße/Neunhäuser durch Ausbrechen der Zwischenwände”.762 Entgegen der Absicht zur weiteren Vergrößerung erfuhr die Anfrage eine Ablehnung. Zunächst forderte die Baupolizei Nachforderungen und Anpassungen ein, dann erfolgte durch das für die Arbeitskräftezuteilung verantwortliche Arbeitsamt in Bezug auf den Vierjahresplan keine Entscheidung.763 Schließlich schlossen sich Bedenken gegen das Vorhaben an, wenn es nicht aufgrund der allgemeinen Rohstofflage zurückgezogen würde. Nach mehrmaligen Um- und Reduzierungsplanungen sowie Beschwerden von Bauherren und Architekten gegen die Blockierung der vorgesehenen Umbauarbeiten zog die Bauherrenschaft am 9. September 1937 das eingereichte Baugesuch zum Umbau des Ladens auf dem Grundstück Brüderstraße 2 endgültig zurück, zumal wenig später das Arbeitsamt mit Schreiben vom 9. Oktober 1937 „die Durchführung des Vorhabens aus Gründen der Rohstofflage vom Standpunkt der allgemeinen Wirtschaft als nicht erwünscht“764 deklarierte. 761 Die Bauantragseinreichung erfolgte am 2. September 1926 zum Umbau von drei Ladenräumen auf dem Grundstück der Brüderstraße 2 (Halloria). Der Bauschein erging am 16. Oktober 1926. Ergänzung fand das Umbaugesuch durch einen Nachtrag zum Bauantrag vom 22. September 1926, der die Vergrößerung der Ladenfenster im Erdgeschoss zum Inhalt hatte. Auch hier erging sieben Tage später die Bauerlaubnis. 762 Soweit nicht abweichend gekennzeichnet, sind diese und nachfolgende Anmerkungen den Bauakten entnommen. Vgl.: StA Ha/BA: Brüderstraße 2. 763 Das Arbeitsamt musste die sogenannte Unbedenklichkeitserklärung ausstellen, die für den Umfang der Arbeiten aufgrund von Rohstoffmangel nicht erteilt wurde. 764 StA Ha/BA: Brüderstraße 2. 313 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Abb. 3.3-16: Kaufhaus H. Schnee Nachf. in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in Halle, erbaut 1926–1927, Südansicht zum Umbaugesuch der geplanten Erweiterung, Überarbeitungsvariante, datiert 19. Mai 1937. Somit erfolgte der Verkauf der Waren nach wie vor in verschiedenen, teilweise sehr verwinkelten Räumlichkeiten. Zwar versuchten die Kaufleute Ebermann wiederholt, neue Anträge zum Umbau der inneren Erdgeschossstrukturen im direkten Anschluss an den Kaufhausneubau in den Jahren 1938 und 1939 genehmigen zu lassen, die jedoch wiederholt wegen Bedenken des Arbeitsamtes abgelehnt wurden. Schließlich kam es zu keiner der angedachten Baumaßnahmen. Einen Höhepunkt bildete das am 14. September 1938 öffentlichkeitswirksam gefeierte 100-jährige Jubiläum der Gesellschaft, für das der verklinkerte Bau festlich mit Grüngirlanden, Fahnen und einer runden Plakette mit Jubiläumszahl über dem Eingang geschmückt wurde.765 Die Geschäfte liefen über Jahre stetig gut, selbst während der Kriegszeiten beschaffte die Geschäftsführung, wenn auch beschränkt, dringend benötigte Waren. Der 501. Fliegeralarm seit Beginn des Zweiten Weltkrieges in der Saalestadt brachte am 31. März 1945 schwerste Bombentreffer auf die Geschäftshäuser der Firma H. Schnee Nachf. in der Großen Steinstraße und der Brüderstraße. Wie durch ein Wunder widerstand der erste Kaufhausneubau des Neuen Bauens in Halle dem Inferno. Während die übrigen Wohn- und 765 Bomben 2006. 314 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Geschäftshäuser im näheren Umfeld aufgrund ihrer völligen Zerstörung abgerissen werden mussten, veranlassten die Geschäftsinhaber bereits zwei Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ihren nunmehr allein agierenden Architekten Wilhelm Facilides zur Aufstellung eines Projektes für die Instandsetzung des verbliebenen Gebäudes.766 Nachdem der Warenverkauf notgedrungenerweise zwischenzeitlich in die Leipziger Straße verlagert wurde, reichte Ebermann am 26. Juli 1945 den entsprechenden Antrag bei der städtischen Baupolizei ein.767 Die im September ausgesprochenen Genehmigungen der Arbeiten umfassten zunächst das notdürftige Schließen eines zusammengestürzten Deckenbereiches über dem Erdgeschoss, das Richten des Dachstuhls infolge eines Brandschadens768 sowie die Aufmauerung einiger Außenwände. Doch dies reichte dem Bauherrn nicht. Er wollte seine Waren wiederum am angestammten Ort präsentieren, sodass der Neuaufbau eines kleineren zusätzlichen Gebäudeteils in der Brüderstraße, der eine „wesentliche Verbesserung hinsichtlich Mehrgewinnung von wertvollem Nutzraum“769 ermöglichte, forciert wurde. Rund ein Jahr dauerten die Instandsetzungsarbeiten an dem Gebäude und angrenzender Gebäudeteile früherer Nachbarbauten. Facilides reichte die entsprechende Unterlage am 14. September 1946 nach der Gebrauchsabnahme ein. Eine in die rote Steinverkleidung eingelassene Steinplatte mit dem Wortlaut „Wiederaufgebaut 1945/46“ erinnert bis heute an Zeiten größter Knappheit an Material und Geld stolz auf die Leistung. Die inneren Strukturen des eigentlichen Kaufhauses verblieben zunächst im Bestand. Facilides ordnete wiederverwendbare Bestandstüren um, ließ neue Holzfenster und für den neu aufgebauten Teilbereich des dritten Obergeschosses sogar bleiverglaste Fenster zur Straße anfertigen. Insgesamt ein klassisches Mangelprojekt, aus dem alle Beteiligten versuchten, das Beste zu gewinnen. Diese ursprünglich temporäre und behelfsmäßige Maßnahme sollte die betroffenen, aber gut erhaltenen Bereiche für den Geschäftsbetrieb wieder nutzbar machen und später vervollständigt werden. Seit diesem Neuanfang entwickelte sich der Umsatz für das Geschäft wiederum stetig gut. In den Nachkriegsjahren brachte sich vermehrt Rosa Ebermann,770 eine Tochter des letzen Geschäftsinhabers, in den Betrieb ein. Schließlich war es ihrer Tatkraft zu verdanken, dass das Kaufhaus wieder neu Fuß fasste. Sie engagierte Richard Höhne als Geschäftsführer, ein Urgestein in der Firma, der 1923 als Lehrling im Hause Ebermann seine Laufbahn begonnen hatte. Dieser beharrlich in weißem Kittel gekleidete Mann führte die Geschäfte des nunmehrigen Sportgeschäfts über Jahre mit nötigem Geschick und Einfallsreichtum, stellte in bewährter Weise das schwer zu beschaffende Warensortiment ausgesuchter Sportartikel zusammen und ist als 766 Vgl. Kapitel 3.3 der vorliegenden Abhandlung. Sämtliche Zeichnungen und Erläuterungen sind eigenständig von Wilhelm Facilides bearbeitet und auf den 20. Juli 1945 datiert. 768 StA Ha/BA: Brüderstraße 2. 769 Ebd. 770 Ebermann 1979. 767 315 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne überdurchschnittlich freundlich in Erinnerung geblieben. Nach dem Tode Rosa Ebermanns im Jahr 1979 übernahm er schließlich die Aufgaben von der letzten Inhaberin. Während dieser Jahre pflegte das Personal sowohl das Gebäude als auch die noch bauzeitlich vorhandene Innenausstattung der Verkaufsräume. Schließlich gab auch Höhne seinen Laden nach über 60 Jahren 1986 aus gesundheitlichen Gründen auf.771 Nach der politischen Wende richtete sich im Jahr 1992 die HypoVereinsbank im Erd- und ersten Obergeschoss des Gebäudes ein772 und etablierte in den ehemaligen Verkaufsräumen eine kleine Schalterhalle für den Kundenbetrieb, während im Obergeschoss Büroräumlichkeiten hergerichtet wurden. Leider ließen die neuen Eigentümer die qualitätvolle Inneneinrichtung entfernen und durch Einheitsware ersetzen, sodass diese endgültig verloren ist. Die Bankgesellschaft nutzte unter dem Filialdirektor Alexander Graf Castell773 die Räumlichkeiten noch bis in das Jahr 1998 hinein,774 ohne weitere mittlerweile dringend notwendige Instandsetzungen durchführen zu lassen. Nach achtjährigem Leerstand kaufte 2006 die HochTief Construction AG Leipzig das Gebäude im Zuge einer quartierübergreifenden Neubaumaßnahme. Nach dem Beginn notweniger Abbruchmaßnahmen angesichts behördlicher und Brandschutzauflagen, brachte sich der Verfasser dieser Abhandlung als federführender Architekt in das Sanierungsvorhaben des Bauwerks ein. Oberste Zielsetzung war, soweit bauzeitlich noch vorhanden, sämtliche der durch Kriegszerstörung verschont gebliebene Gebäudeteile einer vollständigen und vor allem denkmalgerechten Restauration zu unterziehen. Die Fassade wurde aufwendig gereinigt und nach detaillierter Schadenskartierung in ihren Materialien repariert und ergänzt. Auf sämtliche Werbebanner wurde im Hinblick auf die künftige Nutzung allerdings verzichtet. Einzig die Namenszüge der ehemaligen Besitzer Arthur und Franz Ebermann finden sich noch oberhalb des Eingangs. Die Außentüren, Fenster und Fassadenschmuckteile aus Holz ließ der Architekt nach bauzeitlicher Befundung in ihrer Profilierung, Teilung und Farbgebung nachbauen. Ebenfalls reparierte man vollständig den Brandschaden des Dachgeschosses und ließ das Dach nach bauzeitlicher Verlegeart eindecken775 (Abb. 3.3-17). Etwas anspruchsvoller verhielt es sich mit der innenräumlichen Gestaltung, da eine Vielzahl von Faktoren in die Umsetzung einbezogen werden musste. Zum einen waren durch die Kriegszerstörungen, den anschließenden Neuaufbau und die Grundrissüberformung Anfang der 1990er Jahre im Ober- und vor allem im Erdgeschoss die historischen Strukturen stark gestört sowie die entstehungszeitliche Ladeneinrichtung gänzlich vernichtet. Zum anderen konnte die Erschließungsführung im Bestand nicht mehr den brandschutzrelevanten Regeln und Prüfungen 771 Höhne 1991. Es ist eine Bauantragsstellung zur Einrichtung eines Banklokals, datiert 17. März 1992, überliefert. Vgl.: StA Ha/BA: Brüderstraße 2. 773 Rosendahl 1992. 774 Rühlmann 2003, S. 8. 775 Sämtliche Maßnahmen fanden unter ständiger Abstimmung mit der Unteren Denkmalschutzbehörde Halle statt. 772 316 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne standhalten, sodass ein Treppenhausneubau im Osten die einzige Schlussfolgerung war, um alle Ebenen unabhängig voneinander erreichen zu können. Abb. 3.3-17: Kaufhaus H. Schnee Nachf. in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in Halle, erbaut 1926–1927, nach denkmalgerechter Sanierung. Die Aufnahme entstand 2008. Außerdem sollte das Ergebnis in Zuschnitt und Anordnung den heutigen Anforderungen an den Büroalltag gerecht werden. Die Umsetzung ermöglichte, nach Farbbefundung einzelner erhaltener Bauteile durch den halleschen Restaurator Peter Schöne, ein aufschlussreiches Bild für die innenräumliche Konzeption. Schließlich gelang es, sämtliche Innentüren entsprechend weniger erbauungszeitlich vorhandener Originaltüren nachzubauen und in dem seinerzeit verwendeten Hellolivfarbton streichen zu lassen. Es wurde die repräsentative, aber in weiten Teilen zerstörte Haupttreppe vom Erd- in das Obergeschoss aufwendig rekonstruiert und ergänzt. Schließlich konnte zum 1. Januar 2008 die Übergabe des vollständig sanierten Hauses an eine Krankenkasse erreicht werden, die es seitdem als Bürogebäude nutzt. 317 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Für die Zukunft wäre eine innenräumliche Rekonstruktion in sämtlichen Farb- und Materialnuancen wünschenswert. Zumindest sollte angestrebt werden, das instand gesetzte Erdgeschoss für interessierte Besucher zu besonderen Anlässen zu öffnen. Heute unterliegt das Gebäude dem Denkmalschutz und wird im städtischen Denkmalverzeichnis des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalts als „viergeschossiger, flachgedeckter und bugartig gegen die Straßenecke vorstoßender Klinkerbau mit kräftig akzentuierten, horizontalen Werksteingliederungen [sowie] über Eck geführten Fensterbändern mit expressionistisch-konstruktivistisch geprägtem Baudekor“776 beschrieben. 3.3.2 Vertiefende Gedanken zum Gebäude Das bemerkenswerte Kaufhaus vereinte entstehungszeitlich mehrere parallel nebeneinander als auch miteinander in Korrelation stehende Nutzungsarten. Neben dem erdgeschossigen eigentlichen Verkaufsraum, der zur Anspielung der Nutzung der Begrifflichkeit eines Kaufhauses einlud, war es Büro-, Lager- und Wohnhaus. Somit verwundert das sich umgangssprachlich festgesetzte Axiom für das Gebäude umso mehr – sollten Kaufhäuser nicht die eigentlichen Konsumtempel in nutzungsreiner Absicht sein?777 Oder ist es nicht vielmehr ein erster multifunktionaler Bau, der aus den differenzierten Umständen der Grundstücksgröße, der Lagerund Büroraumknappheit der Nutzergesellschaft sowie dem Zwangspunkt, Wohnraum schaffen zu müssen, heraus diese Vorgaben beispielgebend bewältigt! Kallmeyer & Facilides erreichten für die Bauherren ein mitunter vordringliches Ziel vorsatzlos en passant. Seit dem Tag seiner Eröffnung war das expressionistische Bauwerk das wesenhafte und hauptsächliche Synonym für das Einzelhandelsunternehmen H. Schnee Nachf. der Gebrüder Ebermann. Über Jahrzehnte hatten sich die Kaufleute in der maßgeblich dominierenden Großen Steinstraße und der kleineren Brüderstraße zwar mit Geschäftshäusern stadtweit bekannt etabliert, keines identifizierte aber die Marke derart stark wie das Kaufhaus in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in den Folgejahren nach seiner Erbauung. Bleibt die Fragestellung, wie und warum die Architektengemeinschaft auf diese Themen eine gestalterische und letztendlich marktgerechte Lösung fand. Der Schlüssel liegt bis heute in der weitreichend kunst- und sinnvollen Fassadenphysiognomie. Ihrer Ausformung ist es zu verdanken, dass es von außen als ein repräsentatives und vor allem wiedererkennbares Gebäude wahrnehmbar und von innen multifunktional im Sinne des vielförmigen Gebrauchs genutzt werden konnte. Zunächst gilt festzustellen, dass neben aller Material- und Detailverliebtheit drei grundsätzliche 776 777 Brülls/Honekamp 1996, S. 337. Vgl. Kapitel 3.1 der vorliegenden Abhandlung. 318 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Parameter den Fassadenaufriss prägen. Erstens erregt die Verwendung der eingesetzten Farbund Materialqualitäten einen gewünschten Kontrast. Das Erdgeschoss ist massiv wirkend in porphyrfarbenem Sand- und Werkstein verkleidet. Ulrike Rühlmann verweist in ihrem Artikel über das Kaufhaus, dass die Fassade „entsprechend dem Altbau Brüderstraße 2 in den unteren Geschossen mit Werkstein und darüber mit hellen Klinkern“778 verblendet wurde, und nimmt Bezug auf die dem Entwurf beiliegende Beschreibung. Vielmehr muss jedoch präzisiert werden, dass es sich ausschließlich um die Materialrezitation des angrenzenden Gebäudes in der Brüderstraße handelte und dies keineswegs nur eine Materialfortführung im städtebaulichen Sinn darstellte. Ein Zitat der Materialien angrenzender Häuser der Neunhäuser wurde methodisch vermieden. Vielmehr bot die Aufnahme der verwendeten Fassadenmaterialitäten die Möglichkeit, beide in ihrer Nutzung zusammengehörigen Bauten optisch zu verbinden. In dem Nachbargebäude befanden sich bereits seit 1896 Verkaufs- und Lagerräume des Unternehmens sowie Wohnraum, die im Zuge der Erweiterung zusammengelegt wurden. Kallmeyer & Facilides schufen aufgrund der Notwendigkeit einer Signifikanz und dem Einklang der mitunter schwer zu vereinenden Baustile eine Konnektivität beider Problemstellungen. Zweitens prägt entscheidend der nunmehr bugartig in den Straßenraum vortretende Baukörper den gesamten Straßenzug. Die Architekten setzten das auffallende Moment der geradlinigen Kubatur an den Anfang der Häuserzeile in alle drei Dimensionen. Hilfreich war außerdem die Ausbildung von vier Vollgeschossen, die diesen Umstand nachhaltig unterstützten und die blockartige Geometrie in ihrem gewünscht stereometrischen Charakter hervorhoben. Das auf-, aber visuell zurückgesetzte Walmdach war zwar optisch präsent, sollte aber allein durch die angedachte gestalterische Umsetzung in seiner Betrachtung zurücktreten. Nicht zuletzt finden sich vermehrt zeitgenössische Fotografien, die in ihrer Perspektivfindung dieses Bauteil wenig wirksam erscheinen lassen. Drittens arbeiteten die Architekten mit einer gewissermaßen experimentellen Plastizität. Diese dem architektonischen Expressionismus eigene Gestaltungsabsicht, Baumassen durch Sprünge, Versätze oder auch Furchen zu strukturieren, nahmen sich Kallmeyer & Facilides an. Jedes Geschoss erhielt in geschickter Schichtung einer kompositorischen Ordnung eine eigene Prägung. Im Einklang der Farb- und Materialwirkung, der kubischen Baumassenauffassung und der Plastizität entsteht Kontrast, der zur Sichtbarmachung der gestalterischen Entwicklung von unten nach oben führt und somit die Assoziation zur Schwerelosigkeit bejaht. Somit dürfte ebenfalls vordringliches Ziel die Entkräftung der physikalischen Massenverhältnisse im Einklang mit den Gestaltungskonstanten gewesen sein. Den Auftakt des Refugiums bildete der taktisch versiert gestaltete, sowohl über Eck als auch stark in die Baumasse zurückgesetzte Eingang, der damit eine Sogwirkung provozierte. Ein 778 Rühlmann 2003, S. 8. 319 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne allemal in Halle779 auch häufig vor dem Ersten Weltkrieg angewendetes Prinzip für Kaufhausbauten, das sich zum einen in der strikten Teilung der Erschließungsführung der Besucher und des Personals widerspiegelte und zum anderen an das gekannte Bild eines Kaufoder Warenhauses erinnerte. Ein weiterer auffallender Umstand bildete die Nachtansicht. Blickte man bei Dunkelheit auf das Kaufhaus, erstrahlte die Leuchtschrift am oberen Ende des Kubus – ganz im Sinne des neuen Zeitalters – in hellen Lettern. Zusätzlich fügten Kallmeyer & Facilides oberhalb des ersten Obergeschosses eine Fassaden- und Schaufensterbeleuchtung hinzu und beschränkten diese nicht nur auf den Neubaukörper, sondern bezogen das angrenzende Geschäftshaus in der Brüderstraße mit ein. Ohnehin spielte der Baukörper mit einer Divergenz seiner Bestimmung. Durch seine Gestaltung bedingt, forderte er die harte Grenze zur Anschlussbebauung im Norden an der Neunhäuser und dem fließenden Übergang in der Brüderstraße im Osten. Zwar half natürlich die zitierte Materialität, aber baulich verzahnte sich Neues Bauen und Gründerzeit zumindest fassadenseitig gewollt im Erdgeschoss. Leider griff der Umfang des Vorhabens nicht die zusammengehörenden inneren Strukturen an der gesamten Fassade auf und führte dadurch zwangsläufig zur dringend benötigten Signifikanz des in Wahrheit lediglich scheinbaren Kaufhauses. Auffällig ist außerdem der augenscheinliche Hang zum Gesamtkunstwerk. Materialien, wechselnde Fenstermotive und die rasante Fassadentopografie wurden durch expressionistische Details sowie Art-déco-Reliefmuster ergänzt, die den unbedingten Willen assoziieren, dem Gestaltungsanspruch der Zeit genügen zu wollen. Ein nicht unbedingt ungewöhnlicher Mix für expressionistische Architektur, der aber in seiner experimentellen Vielfältigkeit einmalig im Werk der Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides ist. Dies lässt darauf schließen, dass die Architekten, und vor allem Facilides als namentlich benannter Entwurfsverfasser, experimentell ihre eigenen bauschöpferischen Vorsätze sondierten. Mit den Gebrüdern Ebermann fanden sie verständige Bauherren, die den Experimenten offenkundig und wohlwollend folgten. Fast ein wenig überladen suchte das Bauwerk nach architektonischer Anerkennung seiner Urheber, fand sie zeitgenössisch allerdings weniger in den Berufsreihen der Architekten als vielmehr bei der halleschen Bevölkerung und Wirtschaft. Die „zu einem Verkehrsweg erster Ordnung aufgerückte Neunhäuser hat durch den modernen, in rotem Sandstein und grauen Ziegeln gehaltenen, vor kurzem vollendeten Neubau des Hauses Schnee Nachf. eine entscheidende Umgestaltung erfahren”,780 schrieb Dr. Johannes Hage als städtischer Kunst- und Architekturliebhaber an die halleschen Einwohner in einer Beilage zur städtischen Tageszeitung.781 Kallmeyer & Facilides beschritten mit dem Gebäude für sich selbst als Architekten, für die 779 Selbst in Julius Kallmeyers architektonischer Vergangenheit lassen sich Analogien finden. Z. B. entwarf er das Kaufhaus an der Großen Steinstraße 16 (1912–1923) mit ähnlich eingezogenem, aber mittig liegendem Besuchereingang in den Formen des verhaltenen Jugendstils. Vgl. Kapitel 2.2.1 der vorliegenden Abhandlung. 780 Hage 1927, S. 19. 781 Dr. Johannes Hage war der Geschäftsführer des Hallischen Wirtschafts- und Verkehrsverbandes. Er gab Mitte der 1920er Jahre im halleschen Raum die kunst- und architekturkritische Zeitschrift „Die Baulaterne“ mit heraus. 320 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne hallesche Architektenschaft und die Betrachter neue, bisher ungekannte Wege, probierten unkonventionelle Gestaltungen aus und entsprachen damit gänzlich den modernen Tugenden der Architektur der klassischen Moderne. Die Tatsache, dass mit dem Kaufhaus Schnee Mitte der 1920er Jahre das erste öffentlichkeitswirksame Bauvorhaben nach der Wirtschaftskrise und Inflation im Zentrum Halles entstand, provozierte in seiner prägnanten Architektursprache eine entsprechende Vorbildwirkung für die halleschen Baumeister. 3.3.3 Einordnung in das Gesamtschaffen Die Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides absolvierte in Anbetracht ihrer eigenen Gestaltungsfindung eine ständige Suche und Entwicklung nach schöpferischer Qualität und Form. Betrachtet man im Zuge der Analyse der Werksgeschichte die vier resultierenden Gestaltungsperioden und ordnet diesen entsprechend ihrer Zeitspanne die sowohl umgesetzten als auch gedachten Projekte zu, kommt man sehr schnell zu der Schlussfolgerung, dass die Architekten, nachdem sie zu ihrer Bürogemeinschaft zusammengefunden hatten, eifrig und ohne Rückblick Gestaltungskonzepte prüften, probierten, anwendeten und wiederholt revidierten. Somit findet sich keine eindeutig stringente und wiederkehrende Architektursprache im Wirken des Baubüros. Im Ergebnis ist es wohl vielmehr als Ausrichtungssuche zu begreifen, die durch verschiedene Parameter gestützt und weiterentwickelt wurde. Erste und wichtigste Station war zunächst der gegenseitige Einfluss, nachdem sich Facilides Zug um Zug im Büro Königer & Kallmeyer etabliert hatte. In diese erste Phase fällt das Bauvorhaben für die Gebrüder Ebermann in der Brüderstraße/Ecke Neunhäuser in Halle und bildet gleichzeitig den Höhe- und Schlusspunkt des expressionistischen Diskurses der Architektengemeinschaft. Dezenter vor- und niemals nachher fand sich an und in den Gebäuden der Architektengemeinschaft dieser ausgeprägte Expressionismus, welcher mit der ungewöhnlich weiterführenden Gestaltung des Art déco kombiniert wurde. Gleichzeitig lässt sich am Baukörper bereits das Bekenntnis zu reduzierten und kubischen Formen der zweiten Periode klar ablesen. Somit nimmt dieses Bindeglied innerhalb des internen Gestaltungsdiskurses des Baubüros einen besonderen Stellenwert ein. Auf die Fragestellung, warum gerade das Gebäude in dieser Art Gestaltung erfuhr, kann nur gemutmaßt werden. Natürlich sollte es aus Sicht der Architekten und der Bauherren als erster neu errichteter Kaufhausbau in der halleschen Innenstadt nach der großen Wirtschaftskrise beispielgebend sein. Ebenso begann in jenen Jahren für Julius Kallmeyer und vielmehr Wilhelm Facilides eine neue Ära, in der sie sich nicht nur erproben, sondern auch beweisen wollten. 321 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Abb. 3.3-18: Erich Mendelsohn: Haus Dr. Sternefeld in Berlin, erbaut 1923. Links: Abb. 3.3-19: Erich Mendelsohn: Seidenhaus Weichmann in Gleiwitz, erbaut 1921–1922. Rechts: Abb. 3.3-20: Erich Mendelsohn: Doppelvilla am Karolingerplatz in Berlin, erbaut 1922. Dabei nutzte Facilides, wie viele andere Berufskollegen, wohl auch publizierte Entwürfe, Bauten und Aufsätze als Inspirationshilfe seiner eigenen Projekte. Es lassen sich eindeutige Parallelen der Gestaltung des Kaufhauses Schnee zu frühen Bauten Erich Mendelsohns finden (Abb. 3.3-18, 19 & 20). Mendelsohn, der sich nicht gänzlich aus der „verstandesgemäßen Auslegung der 322 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Bedürfnisse der Zeit und den Erfordernissen der Technik“782 leiten ließ, vertraute seiner künstlerischen Eingebung. In den Augen Facilides’ verwies er zu Recht die Architektur Gropius´, Mies´ oder Corbusiers als reine Konstruktion in die Schranken.783 Demnach entwickelte sich die Architektur nicht nur gänzlich aus den inneren Notwendigkeiten. Facilides übernahm die Fensterbänder Mendelsohns, ein fast zum Dogma erhobenes Merkmal. Die kräftig durch Werk- und Sandstein oder Klinker betonten und über Eck geführten Fensterbänder finden sich an den frühen und wiederholt in der Fachpresse gezeigten Bauten Mendelsohns wieder. Während an dem Haus Dr. Sternefeld in Berlin (1923) das Motiv zwar angewendet wurde, bestimmte die Außenwand jedoch als tragende Konstruktion das eingeschränkte Erscheinungsbild durch breite Massivbereiche. Die kubische Baumasse sowie das rahmende Element für die Fenster griff Facilides ebenso auf wie die letztendlich resultierende Farbwirkung von Rot und Hellgrau. Das entstehungszeitlich seinesgleichen beliebte Motiv784 der entmaterialisierten Eckpartie formte Mendelsohn an seinem Doppelwohnhaus am Karolingerplatz in Berlin anmutig aus, Facilides nutzte es für die Baumassenausformung des Eckeingangs. In ähnlicher Ecklage und als innerstädtisches Kaufhaus konzipiert, ließ Mendelsohn für den Textil- und Seidenhändler Erwin Weichmann von 1921 bis 1922 ein Geschäftshaus in Gleiwitz785 erbauen. Offenkundig zitierte Facilides von diesem Bauwerk das in Stein verkleidete Erdgeschoss, die kräftig akzentuierten Fensterbänder über Eck sowie den Wechsel von Schaufensteranlage über Fensterbandstruktur zur Lochfassade des kubischen Gebäudes. Natürlich kann beim direkten Vergleich wohl kaum die Rede von einer Replik sein,786 aber die experimentelle Modernität des Mendelsohnschen Gebäudes war dem der halleschen Architektenschaft um Jahre voraus. Letztlich gilt es, neben den erbauungszeitlichen Vorbildern vielmehr den Entstehungszeitraum und die regionale Vorbildwirkung des halleschen Kaufhauses im eigenen architektonischen Umfeld herauszustellen. 782 Eckhardt 1962, S. 6. Von Eckhardt beschreibt, dass Mendelsohns intuitive Entwürfe „immer von dem anderen Pol – dem rationalen – in der Waage gehalten“ wurden. Weiter heißt es: „Mendelsohn stimmte mit Gropius, Mies und Le Corbusier überein: „gewiss, das primäre Element der Architektur ist die Funktion”. Aber er fügte hinzu: „Funktion ohne sinnlichen Beistrom bleibt Konstruktion. Geht die Phantasie einen Schritt weiter in die Ratio, will der Verstand nicht ganz das Blut töten, so sind sie vereint. Sonst konstruiert sich der eine in den kühlen Tod, dynamisiert sich die andere in den Verbrennungszauber”. 783 Beyer 1961. Zitat aus einem Brief an seine Frau aus dem Jahr 1923. 784 Eine Baumassenzäsur durch das Einschneiden der Eckbereiche lässt sich in einer Vielzahl expressionistischer Architekturen nachweisen. Berühmtestes Beispiel dürfte das Chilehaus von Fritz Höger in Hamburg, erbaut 1922–1924, sein. 785 Heute: Gliwice, Polen. 786 Brülls und Dietzsch sprechen im Architekturführer der Stadt Halle an der Saale in Bezug auf das Kaufhaus Schnee von einer Replik des Seidenhauses Weichmann. Dem kann somit nicht gefolgt werden. Vgl.: Brülls/Dietzsch 2000, S. 39. 323 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne 3.4 1929-1930 Wohnhaus für die Familie Dr. Bennewiz, Halle/Saale Dr. Bernd Bennewiz, ein in der Saalestadt angesehener Rechtsanwalt und Notar,787 heiratete Mitte der 1920er Jahre eine aus wohlhabendem Elternhaus stammende Fabrikantentochter. Seine Frau Käte brachte ein beträchtliches Vermögen mit in die Ehe, die es beiden ermöglichte, aus der gemeinsamen Wohnung im ersten Obergeschoss der Großen Steinstraße 76 auszuziehen und ein Wohnhaus errichten zu lassen. Sie entschieden sich für ein leicht zur Straße abfallendes Grundstück in gediegener Wohnlage unweit des Stadtzentrums der Saalestadt. Der Bauplatz befand sich im gründerzeitlich strukturierten Paulusviertel im Nordosten der Stadt Halle an der Saale. Unweit der Pauluskirche, dem baulichen Zentrum des Quartiers, lag es auf einem Eckgrundstück am Ende der wenig befahrenen heutigen Heinrich-Heine-Straße788/Ecke Steffenstraße789 inmitten eines aufgelockerten und durchgrünten städtischen Gefüges. Das nahe Umfeld wurde bauzeitlich durch villenartige Bebauungen geprägt, das sich heute gleichwohl durch verschiedenartige Neubauten und ausgedehnte Kleingartenanlagen in zergliederter und damit konturloser Fügung offenbart. 3.4.1 Projektanalyse Das Eckgrundstück mit einer Gesamtfläche von 2.325 m2790 kam vermutlich im Laufe des Jahres 1928 in das Eigentum der Familie Bennewiz.791 Unmittelbar nach dem Kauf des Baugrundes beauftragten die Eheleute Bennewiz die Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides mit der Erarbeitung von Entwürfen für ein angemessenes Wohnhaus. Julius Kallmeyer war für die Entwurfserarbeitung verantwortlich, die im Frühjahr 1929 begann. Als Fabrikantentochter war Frau Bennewiz Reichtum gewöhnt. Ihr Vater gab schließlich das 787 Rechtsanwalt & Notar Dr. Bernd Bennewiz (geb. 17. Oktober 1887 in ? – gest. ? Oktober 1961 in Halle) war das zweite Kind von Margarethe und Rechtsanwalt & Notar Hermann Bennewiz aus Halle. Er interessierte sich neben seinen juristischen Berufen für Literatur und Kunst. Der Bibliophile sammelte leidenschaftlich Bücher und verfügte als Kunstliebhaber über eine anerkannte Gerhart-Hauptmann-Sammlung sowie Fotos, Grafiken, Plastiken, Medaillen, Autografen, Bücher, Zeitungen, Kritiken und Bildmaterial verschiedenster Künstler, u. a. Originale mit Darstellungen Hauptmanns und handschriftlichen Widmungen der Künstler: Emil Orlik, Ferdinand Staeger, Hans Meid, Max Liebermann, Johannes M. Avenarius, Lovis Corinth sowie zwei Hauptmann-Plastiken. Nach Bennewiz´ Tod kaufte im November 1967 das Märkische Museum in Berlin die nachgelassenen Bücher und Papiere. Seine ehemalige Sammlung befindet sich noch immer dort. Überdies war Bennewiz seit 1940 offizieller Förderer der Leopoldina und ab 1948 Vorstandsmitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher. Vgl.: Firchow 1975, S. 254 ff. – MG. 1969, S. 156. 788 Die entstehungszeitliche Anschrift lautete: Paulusstraße 6, Halle/Saale. 789 Bauzeitlich: Cecilienstraße. 790 Soweit nicht abweichend gekennzeichnet, sind diese und nachfolgende Daten und Anmerkungen zu dem Gebäude der Bauakte entnommen. Vgl.: StA Ha/BA: Heinrich-Heine-Straße 6. 791 Der heutige Eigentümer, Herr Siegfried Winkler, teilte dies dem Verfasser in einem persönlichen Gespräch am 28. Oktober 2007 mit. 324 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne gesamte Kapital für das Wohnhaus als Hochzeitsgeschenk mit in die Ehe.792 Dementsprechend konnte es für die Bauherren nicht luxuriös genug sein. Kallmeyer entwarf ein Familienwohnhaus in villenartiger Ausdehnung. Allein die überbaute Grundfläche erreichte mit mehr als 230 m2 enorme Ausmaße. Insgesamt enthielt die geschickt komponierte, zum größten Teil unterkellerte Baumasse ein Erd- und ein Obergeschoss sowie ein teilweise ausgebautes Dachgeschoss. Es waren ursprünglich Vorratsräume und die Heizungsanlage im Keller untergebracht. Kallmeyer ordnete drei größere Wohnräume, die Küche und tangierende Räumlichkeiten im Erdgeschoss, fünf Wohn- und Schlafräume sowie zwei Badezimmer im Obergeschoss und Mädchenkammern, eine Plättstube und den Trockenboden im Dachgeschoss an. Die innerfamiliären Projektbesprechungen gingen an dem Brautvater nicht spurlos vorbei, der nach Sichtung der ersten Entwürfe nachdrücklich eine Vergrößerung des Hauses einforderte und dies seiner Tochter gegenüber damit begründete, dass der Bau „viel zu klein sei, mein Kind”.793 Im Laufe der Beratungen mit der Familie Bennewiz und den Architekten kamen ein Küchenanbau und eine Vollunterkellerung zum Vorhaben dazu. Noch heute ist die im Entwurfsprozess später hinzugefügte, eigenständig additive Kubatur des nördlichen Wirtschaftstraktes eindeutig erkennbar. Außerdem erleichterten die Bauherren ihren Lebensalltag mit Hausangestellten, sodass eine zusätzliche Hausmannswohnung im Keller und der vergrößerte Seitenbau mit zusätzlichem Dienstboteneingang die entsprechende Schlussfolgerung war. Zwar entwickelten sich die ursprünglich geplanten Baukosten von 70.000 Reichsmark auf nahezu 160.000 Reichsmark im Ganzen794 exorbitant nach oben, aber einen Abbruch des gesamten Vorhabens bedingte dies ebenso wenig wie Kürzungen in Umfang oder Ausstattung. Die Familie Bennewiz übersandte schließlich mit Datum vom 21. August 1929 die aufgestellten Bauentwürfe für das nunmehr allen Ansprüchen gerecht gewordene Wohnhaus mit der Bitte zur Erteilung der Bauerlaubnis an die städtische Baupolizei. „Da ich den Wunsch habe, noch in diesem Herbst den Bau in Angriff zu nehmen und bis zum Winter unter Dach zu bringen, bitte ich um möglichste Beschleunigung”,795 schrieb Dr. Bennewiz mit Bedacht auf die noch fehlenden statischen Nachweise. Die relativ lange Prüffrist von sieben Wochen nutzte die Architektengemeinschaft und forderte das Vermessungsamt im Auftrag des Bauherrn um Festsetzung der Baufluchtlinie auf, sodass der beauftragte Landvermesser Emil Ferber aus Halle das Bauvorhaben entsprechend einmessen und abstecken konnte. Schließlich stellte die Baupolizei mit der Aufforderung einiger Nachträge zur Statik den Bauerlaubnisschein am 8. Oktober 1929 aus. Die Nachforderungen führten daraufhin zur Überarbeitung einzelner Stahlträger und weniger gestalterischer Änderungen zu einem 792 Eda. Eba. 794 PrA S. Winkler: Kostenzusammenstellung des Bauvorhabens, zusammengestellt von Kallmeyer & Facilides. 795 StA Ha/BA: Heinrich-Heine-Straße 6. 793 325 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Baukonsens. So wurde unter anderem die Ostterrasse in Richtung des Gartens im ersten Obergeschoss um die Dachfläche des Wirtschaftstraktes erweitert. Die Bauarbeiten begannen und wurden für den Rohbau von den Firmen Grote Spezial und Tiefbau, F. G. Weisse & Co. sowie Schönemann & Schwarz796 ausgeführt. Die sich anschließenden sehr umfangreichen Ausbauarbeiten brachten über 30 verschiedene Unternehmen auf die Baustelle. Eine ungeheuer achtbare logistische und abrechnungstechnische Leistung der bauüberwachenden Architekten, die diesen Umstand in Kauf nahmen, da den künftigen Besitzern nur die besten Stoffe und edelsten Materialien sowie Ausstattungsgegenstände willkommen waren. Es muss daher für Facilides und vielmehr Kallmeyer im Zusammenspiel der Entwurfserarbeitung, Durchplanung und anschließender Ausstattungsfindung sowie Bemusterung einer der wohltuenden Augenblicke im beruflichen Alltag eines Architekten gewesen sein. Schließlich baten Kallmeyer & Facilides mit Schreiben vom 11. Juni 1930 um Schlussabnahme „noch im Laufe dieser Woche”.797 Der zuständige Baubeamte Schmidt nahm das Gebäude mit zwei Mängeln und entsprechender Auflage zur Nacharbeit ab, die Mitte August 1930 durch die Architekten Kallmeyer & Facilides als erledigt angezeigt wurden.798 Das Wohngebäude war in seiner wesenhaft schlichten Schönheit außergewöhnlich. Für die Architektengemeinschaft bedeutete es das steingewordene Bekenntnis zum Neuen Bauen. a Gebäudebeschreibung Das Wohngebäude platzierte sich wirkungsvoll auf dem leicht abfallenden Grundstück als straßenbegleitender, voll unterkellerter, zweigeschossiger sowie flach gedeckter Baukörper mit aufgesetztem Attikageschoss. Bestimmend für die kubische Massenverteilung waren additiv angeordnete geometrische Grundkörper. Zur Steffenstraße im Norden schob sich der eingeschossige, von der Heinrich-Heine-Straße kaum wahrnehmbare Wirtschaftstrakt an den orthogonalen Putzbau. Der mittig angeordnete verklinkerte Treppenturm über halbkreisförmigem Grundriss arrangierte sich straßenseitig spannungsreich in den Vordergrund. Ihre Analogie fand diese Form in dem seitlich nach Süden versetzten eingeschossigen Wintergarten mit opulenter Sonnenterrasse im ersten Obergeschoss zur Gartenseite. Die betont zurückhaltend und kaum einsehbar angelegte Eingangssituation erschloss das Gebäude für die Hausherren in leicht asymmetrischer Stellung neben dem zylindrischen Treppenturm (Abb. 3.4-1). Zwei weitere nördlich angelegte Personaleingänge für 796 Die Angaben zu den ausführenden Firmen stammen aus der Kostenzusammenstellung der Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides aus dem Besitz des Hausherrn. 797 StA Ha/BA: Heinrich-Heine-Straße 6. 798 Ebd. 326 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Hausmannswohnung und Küchenbereich mit eigenem Zugang von der Straße unterstrichen die gewünschte Hierarchietrennung der Eigentümer nachhaltig. Abb. 3.4-1: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930, Perspektive von Südwesten. Die Aufnahme entstand 1930. In allen Teilen massiv ausgeführt, ruhte das Haus auf Streifenfundamenten in Stampfbeton. Sämtliche aufgehenden Wände wurden in Ziegeln gemauert, die nach außen teilweise einen farbigen Edelputz, teilweise eine Verklinkerung erhielten. Die Decken wurden überwiegend als Mischkonstruktion massiv zwischen Eisenträgern erbaut.799 Die Geschossdecke über dem Attikageschoss entwarfen die Architekten in Holz, ebenso wie den Dachstuhl, der eine Brettschalung mit Schieferdeckung erhielt. Letztlich führten möglicherweise zwei zwingende Gründe zu dem Entschluss, massive Decken für die Wohnbereiche einzusetzen. Zum einen erhoffte man sich eine bessere Schalldämmung und damit Ruhe im Haus800 und zum anderen 799 Die genaue Deckenkonstruktion konnte nicht ermittelt werden und bedarf einer dezidierten bautechnischen Untersuchung mit Öffnung verschiedener Befundungsstellen im Gebäude. Vermutlich handelte es sich um eine Stahlsteindecke in der Ausführung als Kleine`sche Decke, die bereits 1892 entwickelt wurde und zu den kostengünstigsten Bauarten massiver Decken gehörte. 800 Vgl. Fußnote 791. 327 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne musste eine Lösung für die ca. 5 m umfassende Deckenspannweite der großen Erdgeschossräumlichkeiten gefunden werden. Gerahmt wurde das Anwesen durch die vorbildlich in das gestalterische Gesamtkonzept einbezogene Einfriedung, die sich in Form einer vielfach gestaffelten Umfassungsmauer mit Drahtgitterelementen zwischen Klinkerpfosten zur damaligen Paulusstraße darstellte. b Baukörper und Fassade Kallmeyer entwarf das Wohnhaus nach streng gestalterischer Ordnung. Das Konzept strukturierte sich aus einer additiven Baumassenordnung. Im optischen Vordergrund stand unverkennbar der sachlich kubische Grundkörper, der zunächst eine Zweigeschossigkeit nach außen projizierte und sich parallel zur Straßenführung auf dem Grundstück niederließ. Mit einer Ausdehnung von 20 x 10 m überspannte er immerhin 200 m2 Grundfläche pro Ebene. Der Block war entstehungszeitlich mit einem durchgefärbten mineralischen, durch Glimmer verfeinerten Edelputz auf Kalkbasis in gedeckt lindgrüner Farbgebung versehen.801 Der dadurch vornehm wirkende Eindruck kam besonders bei näherem Betrachten einem funkelnden Smaragd nahe. Warum Kallmeyer dieses Verfahren zur Anwendung brachte, bleibt fraglich. De facto kann zumindest die Farbwirkung des kontrastreduzierten hellen Oliv- bis Lindgrüns nicht ausschließlich auf einen Bauherrenwunsch zurückgeführt werden, da das ein Jahr später durch Facilides entworfene Wohnhaus in der heutigen Ernst-Grube-Straße802 in Halle exakt die gleiche Farbgebung für den Hauptkörper vorsah.803 Somit pflegten Kallmeyer und auch Facilides die Leidenschaft zur Farbe und setzten sich mit ihrer Wirkung in Bezug auf verwendete Materialien und Bauteile auseinander. Den Beweis lieferte der dogmatisch durchgearbeitete Fassadenkanon für das Bauvorhaben. Sämtliche Seitenansichten des Bauwerks unterschieden sich trotz der gleichen Materialitäten und des gestalterischen Grundansatzes. Zur Straßenseite, allen üblichen Bekundungen zum Trotz die nachdrücklich nicht von Kallmeyer favorisierte Schauseite,804 arrangierte sich in einem fast „klassizistischen Massenaufbau“805 mittig der abgesetzte und bugartig in den Straßenraum vortretende Treppenturm über halbrundem Grundriss und das dezent zurückgesetzte, gleichwohl schmal wirkende Attikageschoss. Beide Geometrien ließ Kallmeyer in kontrastierender 801 Nach Angaben des heutigen Eigentümers dem Verfasser gegenüber am 15. Oktober 2007. Heute stellt sich der Hauptkubus dementgegen in einer weißen Farbfassung dar. 802 Vgl. Kapitel 3.5 der vorliegenden Abhandlung. 803 Zudem lässt sich anhand bauzeitlicher Aufnahmen für die Mehrfamilienwohnhäuser an der damaligen Huttenstraße ebenfalls ein ähnlicher Grünton der Fassaden wiederfinden. 804 Julius Kallmeyer ließ das Gebäude bevorzugt aus südöstlicher Richtung fotografisch für Publikationen oder Ausstellungsmaterial darstellen. 805 Brülls und Dietzsch sprechen in Bezug auf die Fassadenkomposition der Straßenseite von einem „klassizistischen Massenaufbau“. Vgl.: Brülls/Dietzsch 2000, S. 107. 328 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne dunkelroter Klinkerverblendung anlegen, sodass der Hauptblock die zugedachte Präsenz für sich bewahrte. Diese betont stufenweise Entwicklung der Geschosse, oder vielmehr der umzusetzenden Flächenvorgaben, entwickelte der Architekt ausdrucksvoll aus dem Ansatz heraus, so wenig wie möglich wahrnehmbare Baumasse schaffen zu müssen. Der dadurch in seiner Konsequenz liegende Gesamtkörper erhielt konträr zum symmetrischen Aufbau der Baumassenstruktur eine auflockernd asymmetrische Fensterverteilung, die in Notwendigkeit der inneren Räumlichkeiten das Fassadenbild effektvoll überspielte. Selbst die Rahmenfarben der Fenster und Türen korrespondierten zu den Fassaden in kontrastreicher Art miteinander. Während die Holzprofile in dem Putzkörper sämtlich in seidenmattem, deckendem, dunkelbraunem Anstrich gefasst waren, setzten sich alle in den verklinkerten Flächen angeordneten Fenster in seidenmattem, deckend weißem Anstrich ab. Kallmeyer ging noch weiter. Er überspitzte die als modern empfundene Horizontalität in vielen gestaltprägenden Details. So verwendete er schmale Klinkerformate und ließ die Lagerfuge 2,5 cm breit ausführen, während die Setzfuge so gering wie möglich angelegt wurde. Zudem sah er für die zu erreichende Horizontalbetonung den Mörtel der Setzfuge in Ziegelfarbe vor. Im Ergebnis stellte sich ein beeindruckender Effekt aneinandergereihter Schichtungen dar, der die Materialität des Klinkers fast vergessen lässt. Im Vergleich mit früheren Entwürfen erscheint die architektonische Komposition in neuer Qualität. Ausgehend von der Mittenbetontheit, einer klassischen Kompositionsmethode, legte Kallmeyer Wert auf die formal geschlossene Gestalt des Baukörpers. Überwiegend als Lochfassade angelegt, zeigte sich lediglich am südwestlichen Bereich des Hauptblockes eine fensterbandartige Struktur, die über Eck geführt wurde. In ihrer Verteilung greift sie kein Schema auf und erfolgt aus der axialen Ausrichtung des Grundrisses, der die einzelnen Räumlichkeiten aufnahm. Somit resultiert eine freie Anordnung der Öffnungen aus der inneren Struktur heraus – ein Hauptaugenmerk der funktional gedachten Architektur der Moderne. Ausgehend von den Nutzungen wurde die Öffnungsgröße entwickelt. An der Nordseite fügte sich der Wirtschaftstrakt mit Dienstboteneingang und Zugang zur Hausmannswohnung in Form eines fassadenbegleitenden Abgangs zum vollständig verklinkerten Kellergeschoss an. Auch hier setzte Kallmeyer die Anordnung der Fenster innerhalb des eingeschossigen verputzten Körpers nach der inneren Nutzung fort, entwickelte sie jedoch in Größe und Form angelehnt an das Standardmaß von 1,35 m Höhe. Lediglich für untergeordnete Nebenräume kamen kleinere Formate zur Anwendung (Abb. 3.4-2). 329 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Abb. 3.4-2: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930, Perspektive von Nordwesten. Die Aufnahme entstand 1930. Nur drei gleichformatige asymmetrisch arrangierte Öffnungen mit zweigeteilten Holzfenstern von 1,6 m x 1,25 m Größe im Obergeschoss und eine größere Fensteranlage zum Damenwohnzimmer von 1,6 m x 3,4 m Größe im Erdgeschoss charakterisierten den verputzten Hauptblock Richtung Westen. Etwas gedrungener sah Kallmeyer die Öffnungsstruktur innerhalb der verklinkerten Bereiche vor. So wie der Treppenturm Holzfenster größeren Formats, weist auch das Attikageschoss liegende Formate kleinerer Bauart auf (Abb. 3.4-3). Der Betrachtende der Straßenseite hatte beiläufig den Eindruck, dass die Verteilung der Fensteröffnungen nicht inflationär, sondern gut überlegt vorgenommen sei. Es kann daher vermutet werden, dass Familie Bennewiz wenig Einblicke in ihr häusliches Privatleben wünschte. Diesen Umstand bestätigt die hervorzuhebende, sorgfältig aus dem Entwurfsduktus heraus entwickelte Lösung der Einfriedung. Sie qualifizierte sich ebenfalls aus den gesetzten Ansprüchen heraus und griff mithilfe der zitierten Verklinkerung die illusionäre Schichtenbildung des Gebäudes wiederkehrend auf. Darüber hinaus unterteilte sie Hausherrenund Personalzugang in der bauzeitlichen Paulusstraße, indem zwei separate Eingangspforten die Wegeführung trennten. Der familiäre Haupteingang wurde absichtlich durch verklinkerte Wandscheiben für die Passanten uneinsehbar gestaltet und mit Rankgrün bepflanzt. Diesem Duktus folgend erhielt die Fassade des unmittelbaren Eingangsbereiches ebenfalls eine Verklinkerung. Sämtliche übrigen Bereiche stellten sich, dem Geländeverlauf folgend, als vielfach gestufte Umfassungsmauer aus Klinkern dar, deren Zaunfelder zwischen Klinkerpfeilern mit hell 330 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne gestrichenen Metallgittern806 eines mitsamt liegenden Formates gefüllt waren. Bemerkenswert war der dem Fußweg folgende gerundete Eckbereich der Umfriedung, der durch seine rundbogige verklinkerte Gestaltung Übereinstimmung mit dem ebenfalls verklinkerten und rundbogigen Treppenturm suchte. Abb. 3.4-3: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930, Straßenansicht zum Baukonsens vom 8. Oktober 1929, datiert 12. November 1929. Die Fassade der Gartenseite griff im Gegensatz zur mittenbetonten Eingangsseite eine ungleich sublime Gestaltungshaltung auf. Diese ausgesprochene Lieblingsseite des entwerfenden Architekten807 ordnete sich zunächst durch den seitlich nach Süden versetzten, über dem halbkreisförmigen Grundriss stehenden eingeschossigen Wintergarten an, der im ersten Obergeschoss eine Sonnenterrasse mit schließbaren Vorhängen anbot. Abweichend zum zylindrischen Treppenturm der Westseite ließ Kallmeyer den Wintergarten in der Farb- und Materialfassung des Hauptblocks verputzen. An der nordöstlichen Ecke fand sich in gegensätzlicher Korrespondenz ein Freisitz unter eckiger Bedachung. 806 Die Farbwirkung ist den zeitgenössischen Fotografien entnommen. Eine exakte Farbbestimmung kann nur durch restauratorische Befundung originaler Gitter erreicht werden. 807 Vgl.: HN. 43. Jg. (1931), Nr. 22, 10. 06. 1931. – BG. 12. Jg. (1930), Heft 18, S. 1700–1712. Überdies bereicherte es als Ausstellungsexponat die Sonderschau des Bundes Deutscher Architekten der Deutschen Bauausstellung 1931 in Berlin, ebenfalls mit einem Foto aus dieser Perspektive. Die Auswahl der gezeigten Beiträge zur Sonderschau übernahmen im Übrigen Prof. Kreis und Prof. Poelzig. 331 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Abb. 3.4-4: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930, Gartenansicht zum Baukonsens vom 8. Oktober 1929, datiert 12. November 1929. Abb. 3.4-5: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930, Perspektive von Südosten. Die Aufnahme entstand 1930. Die Öffnungsstruktur zeigt sich an der Ostseite entsprechend der Entwurfsmethodik, einer aus der inneren Ordnung abgeleiteten Gestaltung, offener. Großzügige Verglasungen im Erdgeschoss der Wohnräume wurden durch Türanlagen ergänzt. Entsprechend der grundrisstypologischen Abläufe erhielt der eigentliche Hauptwohnraum ein Panoramaholzfenster von 3,4 m Breite und 332 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne tief liegender Brüstung mit integrierter Tür zum Betreten der angelagerten Terrasse. Für die Bibliothek schlug Kallmeyer ein großzügiges, mit normaler Brüstungshöhe versehenes dreigeteiltes Fenster vor, das sich in der Breitenausdehnung in den Öffnungsstrukturen des Obergeschosses reflektiert. Schließlich war der Wintergarten, dem Bogen folgend, dreiseitig verglast und mit Vertikalschiebefenstern versehen (Abb. 3.4-4). Gestaltprägend ordnete Kallmeyer außerdem eine über die gesamte Fassadenbreite reichende, frei auskragende Balkonanlage des ersten Obergeschosses an, die selbst über dem Wirtschaftstrakt im Norden wirkungsvoll über Eck geführt wurde. Die angebrachte Absturzsicherung erinnerte in ihrer Ausformung an eine lange Schiffsreling und wurde als auf der Spitze stehende Quadratstahlkonstruktion projektiert (Abb. 3.4-5). Abb. 3.4-6: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930, Perspektive von Nordosten. Die Aufnahme entstand 1930. Im Ergebnis verteilten sich die Fensteröffnungen nach funktionellen Kriterien der Grundrissstruktur an der Fassade, wenngleich durch die symmetrische Anordnung von drei Schlafräumen im Obergeschoss die entsprechenden Fenster- und Balkontüranlagen axial verteilt erschienen. Die Fensteranlagen boten Ausblick in den kunstvoll gestalteten Garten. Ohnehin folgte das bis ins Detail gestaltete Grundstück entwerferischen Idealen des zugehörigen Wohnhauses. Es lassen sich lang gezogene Geraden oder Wege mit Halbkreisausformung wiederfinden (Abb. 3.4-6). 333 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Kallmeyer & Facilides, die stets den landschaftsplanerischen Entwurf für ihre Objekte mit übernahmen, verwoben den von der Firma Adolf Sachse808 angelegten Freiraum geschickt mit dem Wohngebäude. Die Terrasse des Erdgeschosses wurde mit Porphyrsteinen befestigt und – ebenso wie der Eingang und sämtliche Wegeanlagen um das Gebäude – mit Sandsteinplatten, belegt. Selbst aufwendig gestaltete Drückergarnituren in sachlich moderner Gestalt der Firma Otto Seyffart aus Altenburg809, die ebenfalls in den Wohnräumen zu finden waren, ließ Kallmeyer für die Gartenpforten verbauen. Dieses exzellente Beispiel des Neuen Bauens im Bereich des gehobenen Wohnhausbaus810 weist die Architekten Julius Kallmeyer und Wilhelm Facilides als profiliert zeitgemäße Baumeister aus. Die Komplexität des gestalterischen Gesamtansatzes lässt auch für dieses Vorhaben erneut drei grundsätzliche Konstanten zur Findung der Gestaltungsabsicht sowohl des Fassaden- als auch des baumassentypologischen Ansatzes herausarbeiten. Erstens setzten die Architekten die gewählten Schaumaterialitäten gewohnt elegant in gestalterischen Kontrast. Zweitens nutzten sie additive Gliederungselemente geometrischer Grundformen zur gezielten Betonung. Drittens ergänzten ästhetisch aufeinander abgestimmte Details das Gesamtprojekt. Der straßenbegleitend angelegte Putzbau mit verklinkertem Treppenturm und aufgesetztem Attikageschoss zeigt somit einmal mehr in außergewöhnlich schöner Ausformung den gesamtheitlichen Gestaltungsansatz des Neuen Bauens im Repertoire der Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides. c Innere Struktur und Ausgestaltung Die heute nahezu unveränderte Grundrissstruktur811 lässt den innenräumlich bauzeitlichen Aufbau sehr gut nachempfinden. Als gutbürgerliche Repräsentations- und Wohnebene umfasste das Erdgeschoss alle zum behaglichen Leben dienlichen Räume. In Anlehnung an klassische Villengrundrisse aufgebaut, strukturierte sich das Raumgefüge um den mittig angeordneten Erschließungsbereich im Westen. Hier erschloss der Bewohner über einen kleinen Windfang den vestibülartigen und in Solnhofener Sandsteinplatten ausgelegten Dielenraum mit angelagerter Garderobe, Besucher- 808 Der Landschaftsbauer Adolf Sachse unterhielt während der 1920er und 1930er Jahre in Halle an der Saale ein Unternehmen für Freianlagengestaltung und -bau. 809 Die Firma Otto Seyffart aus Altenburg war ein landesweit bekanntes Unternehmen zur Herstellung von Metallbeschlägen, das neben eigenen Entwürfen auch durch zeitgenössisch moderne Künstler und Architekten entworfene Muster produzierte. Dazu gehörten: Firma Otto Seyffart Messing- und Bronzewarenfabrik (1923–1938) sowie Firma Otto Seyffart Metallwarenfabrik und Gießerei (1923–1936). Otto Seyffart war Mitglied im Deutschen Werkbund. 810 Brülls/Honekamp 1996, S. 207. 811 Bezüglich der Änderungen im Gebäudebestand siehe das folgende Kapitel zur Bau- und Nutzungsgeschichte. 334 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne WC und den frei zugänglichen, in lindgrünen Steinzeugfliesen gefassten Erfrischungsbereich. Abb. 3.4-7: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930, Grundriss Erdgeschoss zum Baukonsens vom 8. Oktober 1929, datiert 12. November 1929. Gleichzeitig schob sich der Treppenturm wirkungsvoll in dieses Raumgefüge hinein und übernahm mit der aus Kiefernholz812 gefertigten und vermutlich seidenmatt, dunkelbraun, deckend gestrichenen813, zweiläufigen Treppenanlage die Erschließungsführung in die oberen Etagen (Abb. 3.4-7). Eine Besonderheit bildeten die durch Kallmeyer & Facilides vorzugsweise in Treppenhäusern verbauten Bleiverglasungen. Bei dem Projekt für Familie Bennewiz übernahm die Ausführung der verwendeten farbigen Bleiverglasungen der Gestalter Richard Scheibe.814 Die 812 Die Materialangaben sind, wenn nicht abweichend durch die Bestandsbegehung des Verfassers aufgenommen, der Baubeschreibung des Baugesuchs vom 21. August 1929 entnommen. 813 Leider ist nach einigen, auch innenräumlichen Sanierungen die von der Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides vorgesehene Farbkonzeption nur in geringen Teilen im Original nachzuvollziehen. Daher soll aus der Erfahrung mit zeitgleich entstandenen Projekten ähnlichen Duktus dem Leser ein Empfinden für die innenräumliche Wirkung vermittelt werden. Die Umsetzung des in vielen hellen Grünschattierungen angelegten Farbkonzepts bestätigte der heutige Eigentümer dem Verfasser gegenüber. 814 Über Richard Scheibe konnte nichts Näheres in Erfahrung gebracht werden. Als wahrscheinlich gilt, dass es sich nicht um seinen Namenvetter Richard Scheibe (1879–1964), Bildhauer und Lehrer von Gerhard Marcks, handelte. 335 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Architekten arbeiteten mit einem abgestimmten Farbkonzept für sämtliche Räume des Gebäudes, die vorwiegend in hellen Lind- bis Olivgrünfarbtönen angelegt waren.815 Gern akzentuierten sie besondere Punkte, wie in Olivgrün, seidenmatt, deckend gestrichene Türrahmen, um die Türblätter wiederum in hellerem Lindgrün abzusetzen. Abb. 3.4-8 & Abb. 3.4-9: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930, Details der Sofittenleuchten im Damenwohnzimmer. Die Aufnahmen entstanden 2007. Über die Diele erschloss man das an südwestlicher Ecke befindliche Wohn- oder auch Damenwohnzimmer.816 Der heute als Schlafzimmer genutzte Raum verfügt über eine der wenigen bauzeitlich erhaltenen Beleuchtungsanlagen im Gebäude, die eindrucksvoll das klassisch moderne Innenraumkonzept unterstrichen haben. In allen vier Raumecken waren orthogonal über Eck geführte und in Messing gefasste Leuchtfaden- oder Sofittenleuchten angebracht (Abb. 3.4-8 & 9). Diesen und sämtliche Hauptwohnräume im Erdgeschoss ließ Julius Kallmeyer in stabweise verlegtem Eichenparkett im auf die Spitze gestellten Schachbrettmuster und mit umlaufendem Fries in Naturfarben verlegen. Ebenso erhielten sie Doppelfenster mit Rolljalousien sowie Massivholztüren, die in glatter ornamentloser Ausführung das gestalterische Konzept 815 Vgl. das vollständig restauratorisch befundete und rekonstruierte Farbkonzept zum Wohnhaus in der Ernst-Grube-Straße 24 im Kapitel 3.5 der vorliegenden Abhandlung. 816 Die Begrifflichkeit geht auf eine Mitteilung von Siegfried Winkler zurück, dem heutigen Eigentümer. 336 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne unterstrichen. Sämtliche Wände und Decken waren in den Wohnräumen verputzt, verspachtelt und gestrichen. Dem funktional zusammenhängend strukturierten Grundrissaufbau folgend ordneten die Architekten an der Gartenseite große Aufenthalts- und Wohnräume an. Diese ebenfalls durch den Eingangsbereich zu erschließenden Räumlichkeiten folgen einer exakt symmetrischen Teilung. Jeweils über 40 m2 groß, befand sich im Süden die Bibliothek mit angelagertem Wintergarten. Abb. 3.4-10: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930, Bibliothek mit Blick nach Süden. Die Aufnahme entstand um 1935. Kallmeyer & Facilides ließen dieses eigentliche Arbeitszimmer des Herrn Dr. Bennewiz mit extra entworfenen Einbauregal- und Schranksystemen ausstatten (Abb. 3.4-10 & 11). Diese in kontrastierender, dunkel lasierter Eiche gefertigte Einrichtung war umlaufend und raumhoch konzipiert. Lediglich die Türen und Fenster erhielten Aussparungen. Kallmeyer entwarf für die Decke eine in den Ecken rund ausgeführte Stufenvoute, die den gesetzten Charakter der Bibliothek nochmals herausstellte. Dem Arbeits- und Bibliothekszimmer schloss sich mit großzügiger Verbindungstür das Speise- und Wohnzimmer an. Ebenfalls mit außergewöhnlichem Blick durch ein Panoramafenster in den Garten, verfügte es über einen direkten Ausgang auf die Terrasse. Sämtliche mit Feinsteinzeug ausgelegten Wirtschaftsräume, wie die sich funktional im Norden anschließende Küche oder das Lager, waren für das Personal und die Hausherren vom Esszimmer uneingeschränkt schnell erreichbar. 337 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Abb. 3.4-11: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930, Detail Tür zwischen Damenwohnzimmer und Bibliothek. Die Aufnahme entstand um 1935. Das gesamte Gebäude strahlte bis in seine gestalterischen Details hinein das Schönheitsbedürfnis der Zeit aus. Jedweden Türdrücker und selbst die Huthaken der Garderobe lieferte die Metallwerkstatt Otto Seyffart aus Altenburg, die für ihre klassisch modernen Stücke anerkannt und geschätzt war. Mit Bedacht ordneten die Architekten exklusiver gestaltete Exemplare in den Wohnräumen und einfachere Ausführungen an den Türen der Nebenräume an (Abb. 3.4-12 & 13). Herauszustellen gilt aber die Durchgängigkeit, da bis zu den Gartentoren stimmige Beschläge bemustert und verwendet wurden. Eine weitere Leidenschaft der Architektengemeinschaft bildete die Bestückung ihrer Gebäude mit Beleuchtungskörpern. Sie unterschieden in ihrer Wahl und Empfehlung für den Bauherrn in fest eingebaute und aufgestellte Leuchten in stets zeitgemäßem Charakter.817 Der Leuchtkörperhersteller Bruno Reimer aus Halle818 z. B. lieferte, wie auch die Firma Bünte & Rommer aus Frankfurt, Deckenleuchten für das Vorhaben. Für besondere Bereiche oder die dekorativen Wohnräumlichkeiten wählten Kallmeyer & Facilides Steh-, Tisch- und 817 Im Zuge der Jahre sind bis auf wenige Ausnahmen die bauzeitlichen Beleuchtungskörper im Gebäude verlorengegangen. 818 Bruno Reimer, Leuchtkörper - Leichmetall - Eisenbau, Geiststr. 19, Halle. 338 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Raumbeleuchtung des renommierten Frankfurter Herstellers G. Schanzenbach & Co.819 Diverse weitere Innenausstattungen wie Tapeten, Kokosmatten und Textilausstattungen lieferte das für viele Vorhaben der Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides auftretende Einrichtungshaus Arnold & Troitzsch aus Halle. Abb. 3.4-12 & Abb. 3.4-13: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930, Türdrückerdetails, links: Tür zum Gäste-WC, rechts: Terrassentür des Speisezimmers. Die Aufnahmen entstanden 2007. Im ersten Obergeschoss setzte sich der symmetrisch angelegte Gebäudeaufbau in der Grundrissstruktur fort. Betrachtet man den Grundriss genauer, fällt deutlich das Ordnungsprinzip der zweihüftigen Struktur auf. Im ersten Obergeschoss lässt sich somit die Entwurfsidee konkret ablesen. Der sehr einfache und höchst funktionale Zuschnitt resultiert aus dem in beiden Dimensionen mittig geteilten Grundriss. Während in Nord-Süd-Richtung eine tragende Wand das Volumen so aufteilt, dass in der Raumbildung drei gleichartige Schlafräume gen Osten mit großen Fensteranlagen und Austritten auf die Terrasse entstanden, resultierte aus der Anordnung des Treppenturmes eine zentrale Erschließung mit kurzen Wegebeziehungen. Zwei Bäder, jeweils für die Eltern und die Kinder, flankierten den Treppenturm. Auch die Genügsamkeit des Hausherrn spiegelte sich in der Verteilung der Schlafräume wider. Er gab sich mit dem kleinsten Schlafraum zur Straße zufrieden, während seine Frau und seine beiden Kinder den Blick auf den Garten nach Osten genossen. Ergänzung fand die Komposition in dem nach Norden gelegten Fremdenzimmer (Abb. 3.4-14). 819 G. Schanzenbach & Co. aus Frankfurt war eine Spezialfabrik für elektrotechnische und lichttechnische Produkte, die am 1. Oktober 1899 in München als „Fabrik elektrotechnischer Installationsartikel“ gegründet wurde und mit ihren klassisch modernen Leuchten in den 1920er und 1930er Jahren Weltruf genoss. Heute sind die Produkte unter Sammlern begehrt. 339 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Abb. 3.4-14: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930, Grundriss erstes Obergeschoss zum Baukonsens vom 8. Oktober 1929, datiert 12. November 1929. Auch aus baukonstruktiver Sicht gewährte das Entwurfsprinzip strukturelle Vorteile, da gleiche Deckenspannweiten entstanden und folglich vorwiegend übereinstimmende Eisenträger verbaut werden konnten. In der inneren Ausgestaltung orientierten sich die Materialitäten an dem gehobenen Standard. Die Fußböden waren in den Bädern mit Feinsteinzeug und in den übrigen Räumen mit Linoleum belegt. Alle Wände und Decken waren gespachtelt und nach dem Farbkonzept gestrichen. Die Fenster zu den Wohnräumen ließen die Architekten als Doppelfenster ausführen und mit einer Jalousieanlage zum Sonnenschutz versehen. Außerdem prägten die für Kallmeyer & Facilides typischen Einbauschränke die Räumlichkeiten. Sowohl zwischen den Schlafzimmern des Herrn und der Dame als auch dem Kinder- und Fremdenzimmer fanden sich die in den vor- und zurückspringenden Wänden eingelassenen Schrankanlagen. Somit erreichten die Architekten, dass kein Möbelkorpus im Raum stand und im Gesamten eine Wandflächenebenheit für das Raumgefüge umgesetzt wurde. Die für die Familie Bennewiz ausschließlich in den Hauptgeschossen vorgesehenen Räume ergänzten im Attikageschoss zwei Zimmer für die Kindermädchen, eine Plättstube, Waschküche und ein Trockenboden, während im Keller die Hausmannswohnung, Lager und Haustechnikräume untergebracht waren. 340 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Abb. 3.4-15: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930, Grundriss Attikageschoss zum Baukonsens vom 8. Oktober 1929, datiert 12. November 1929. Im Attikageschoss ermöglichte der strenge Entwurfsgrundsatz zwar eine funktionale Strukturierung der Räume (Abb. 3.4-15), die für die Mädchenzimmer in der Raumwirkung durch Größe, Blickbeziehungen, eine lichte Höhe von ca. 2,2 m und karger Ausstattung eher bescheiden ausfielen. d Bau- und Nutzungsgeschichte Die Familie Bennewiz bewohnte das 1930 fertiggestellte Gebäude für über ein Jahrzehnt, ehe das Ende des Zweiten Weltkrieges für die Eigentümer eine merkliche Zäsur bedeutete. Nachdem die russische Stadtkommandantur infolge der Besetzung der Saalestadt das gesamte mit Villen durchzogene Paulusviertel noch im Jahr 1945 beschlagnahmte, musste die Familie Bennewiz in 341 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne die Hausmannswohnung des Kellers ziehen.820 Zwischenzeitlich wohnten bis zu 27 Sowjetsoldaten gleichzeitig in dem Haus, die nach abendlichen Trinkgelagen noch heute sichtbare Schussübungen an der Ausstattung vornahmen. Abb. 3.4-16: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930, Gartenansicht. Die Aufnahme entstand um 1960. Kurze Zeit später wurde das Haus für Umsiedler und Flüchtlinge freigegeben. Darüber hinaus begann man, den Bau in seinen großzügigen Räumlichkeiten zu zergliedern, um den zahlreichen Neueinbürgerungen und Flüchtlingen Unterkunft bieten zu können. Bereits Anfang der 1960er Jahre konnte Familie Bennewiz hingegen wieder über ihr gesamtes Haus eigenverantwortlich verfügen, da inzwischen die Umsiedlerfamilien aus dem Gebäude ausnahmslos ausgezogen waren. Nachdem Herr Dr. Bernd Bennewiz im Oktober 1961 verstorben war,821 lebten seine Frau Käte und auch die unterdessen mit dem Produktdesigner Albert Krause822 verheiratete Tochter des Paares in dem Gebäude weiter zusammen.823 820 Vgl. Fußnote 791. MG. 1969, S. 156. 822 Albert Krause, Produktdesigner, war Dozent am Institut für Entwurf und Entwicklung der Burg Giebichenstein in Halle an der Saale. Er lehrte ab den 1950er Jahren an der Kunsthochschule. Krause, der vornehmlich Produktdesign für Alltagsgegenstände betrieb, genoss aufgrund seines Kunststoffdesigns in der DDR einen guten Ruf. 823 Vgl. Fußnote 801. 821 342 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Frau Käte Bennewiz, Referentin der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina in Halle, stellte im August 1963 einen Umbauantrag für das Gebäude.824 Die Maßnahmen umfassten die bauliche Teilung der Bibliothek im Erdgeschoss in drei Räume und einen kleinen Flur. Gleichzeitig brach man in die Südfront zwei zusätzliche Fenster und ließ das Damenwohnzimmer durch einen kleineren WC-Raum ergänzen, der ebenfalls ein zusätzliches Fenster zur Straßenfront nach Westen erhielt. Die entscheidende Zäsur für das Gebäude blieb dennoch die vollständige Putzerneuerung an den Außenfassaden825 sowie einiger Innenflächen. Dass im Gesamten dadurch nicht nur das Bibliotheksinventar stark dezimiert, sondern auch das äußere Erscheinungsbild nachhaltig negativ geprägt wurde, bleibt bisher hinzunehmende Realität. Das entstehungszeitlich mit Schiefer gedeckte Dach führte durch die geringe Dachneigung dazu, dass Wasser in Mauerwerksfugen eindrang und eine Neueindeckung notwendig wurde. Somit ließ die Eigentümerin das Dach zu einem Bitumenschindeldach umbauen. Nachdem die Bauarbeiten beendet waren, lebte Frau Bennewiz noch bis in die 1980er Jahre826 hinein in einer kleinen Wohnung in dem Haus, während die Hauptflächen durch Familie Albert Krause bewohnt wurden. Im Jahr 1985 verkauften die bisherigen Besitzer mit Wirkung vom 26. März des Jahres die Villa in der ehemaligen Paulusstraße 6 an den Bauingenieur im Postdienst Siegfried Winkler und seine Frau Ute, geb. Berthold. Bezeichnenderweise erleichterte Herr Krause das Wohnhaus um nahezu sämtliche Beleuchtungskörper und viele Beschläge der klassisch modernen Ausstattung. Auch die Neueigentümer gestalteten das Gebäude nach dem Erwerb nach ihren Vorstellungen um. Erste Maßnahme war der am 9. Mai 1985 beantragte Umbau des Hauses zum Einbau einer Garage in das Kellergeschoss. Nach der Genehmigung legte die Familie Winkler eine Böschung im Vorgarten zur Heinrich-Heine-Straße an und ließ eine großflächige Fassadenöffnung für das Garagentor anstatt eines ursprünglichen kleinen Fensters in die Außenwand brechen, sodass ehemalige Räumlichkeiten der Hausmannswohnung zur Garage umgebaut werden konnten. Ab September 1985 schlossen sich weitere Arbeiten an. Neben der Erneuerung der Schornsteinköpfe, dem Nachfugen der Verklinkerungen am Gebäude und der Einfriedung erneuerte Familie Winkler den Zugang, ließ die Holzfenster überholen und besserte den Außenputz nach.827 Leider wurden zum Nachteil des Erscheinungsbildes nicht das bauzeitlich verwendete schmale Klinkerformat vervollständigt, sondern Steine im Normalformat ergänzt. Darüber hinaus wählten die Eigentümer, abweichend zum kontrastierenden Materialkonzept, 824 StA Ha/BA: Heinrich-Heine-Straße 6. Die Gesamtkosten der Umbaumaßnahmen beliefen sich auf 10.000 Mark aus Eigenmitteln. Der Bauschein wurde am 11. Oktober 1963 ausgestellt. Beauftragter Bauunternehmer war die Produktionsgenossenschaft des Bauhandwerks „Bauhütte“. 825 Der bauzeitliche Edelputz wurde vollständig entfernt und durch einen Kratzputz ersetzt. Es entstanden in dem Zuge an den Fenstern rahmende Faschen, die entstehungszeitlich nicht vorhanden waren. 826 Nach den Angaben des heutigen Eigentümers verstarb Frau Käte Bennewiz Mitte bis Ende der 1980er Jahre. 827 Zum 17. September 1985 beantragte Siegfried Winkler die Instandsetzungsarbeiten. Insgesamt häuften sich Leistungen am Gebäude um Umfang von über 18.000 DDR-Mark an. 343 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne eine einheitliche dunkelbraune Fenster- und Türrahmenfarbe zum Außenraum. Außerdem wurde der ursprüngliche Grundrisszuschnitt der Bibliothek wiederhergestellt. Allerdings hatte Herr Krause die angefertigten Einbauschränke teilweise ausbauen lassen, sodass der Gesamteindruck des Raumes bis heute stark beeinträchtigt ist. Ebenfalls hielt man an dem Konzept zur Nutzung als Zweifamilienwohnhaus fest und teilte die Hauptgeschosse im Treppenhaus durch eingezogene Glas-Holz-Wände ab. Sämtliche sanitären Einbauten wurden im Obergeschoss erneuert und das ehemalige mittlere Kinderzimmer erhielt zur Nutzungserleichterung der eigenständigen Wohnung einen kleinen Flureinbau. Das Dach wurde gedämmt und mit Bitumenschweißbahnen anstatt Schiefer neu eingedeckt. Abb. 3.4-17: Wohnhaus Dr. Bennewiz in der Heinrich-Heine-Straße 6 in Halle, erbaut 1929–1930. Die Aufnahme entstand 1997. Nachdem das ausnahmslos wuchernde Rankgrün der Gartenfassade Mitte der 1990er Jahre entfernt war, erhielt der Putzkörper des Wohngebäudes im Jahr 1997 letztlich einen gedeckt weißen Anstrich (Abb. 3.4-17). Ungeachtet der reich erhalten gebliebenen Details an dem Bauwerk zeigt es sich seinem Betrachter innen- und außenräumlich als entstellt. Es ist dennoch dem architekturhistoriografischen Bedürfnis der Familie Winkler zu verdanken, dass das Gebäude in der Stadtlandschaft Halles vor größerem Schaden bewahrt blieb. Gleichwohl sollte in Zukunft Wert auf eine denkmalgerechte Sanierung gelegt werden, die im Zuge einer restauratorisch begleiteten, vollständigen Instandsetzung die Mangelhaftigkeiten und gestalterischen Fehler des 344 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Außenputzes, der Fenster- und Türanlagen, des innenräumlichen Farb- und Materialkonzepts, der Ausstattung sowie der Gartenanlage und Einfriedung beseitigt. Heute steht das Gebäude unter Denkmalschutz und wird im städtischen Denkmalverzeichnis des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalts als „zweigeschossiger, flachgedeckter Putzbau mit verklinkertem Attikageschoss und bugartig vortretendem Treppenturm, über halbkreisförmigem Grundriss [...] [sowie als] exzellentes Beispiel des Neuen Bauens im Bereich des gehobenen Wohnhausbaus“828 begründet. 3.4.2 Vertiefende Gedanken zum Gebäude Den Idealen der sachlichen Gestaltung folgend, gilt das Gebäude als eines der „wenigen guten Leistungen des Neuen Bauens in Halle an der Saale”,829 notierten Holger Brülls und Thomas Dietzsch im Rahmen der Aufstellung eines Architekturführers für die Saalestadt. Sicherlich führten zu diesem architektonischen Resultat eine Reihe nebeneinanderstehender und dennoch untrennbar miteinander verwobener Fakten. Für den künstlerisch gebildeten und Literatur liebenden Dr. Bennewiz eröffnete die Hochzeit mit seiner überaus wohlhabenden Frau die Erfüllung seiner baulichen Fantasien. Kallmeyer & Facilides standen beruflich auf ihrem Zenit und ließen durch die stadtweit anerkannten Architekturen ihre offenkundige Neigung zur modern sachlichen Gestaltung eindrucksvoll erkennen. Bleibt die Frage, warum Bennewiz die Architektengemeinschaft mit der Aufstellung der Entwürfe zu seinem exklusiven Wohnhaus beauftragte? Es muss wohl vielmehr konstatiert werden, dass Julius Kallmeyer durch seine jahrelange Arbeit als Vorsitzender der Ortsgruppe des Bundes Deutscher Architekten für den Architekturinteressierten eine Führungsrolle in Halle vorgab. Zudem galt Kallmeyer spätestens seit der Mitinhaberschaft bei Knoch & Kallmeyer als eng mit der Wirtschaft und der Lokalprominenz vernetzt. Dass er allein, oder auch in Gemeinschaft mit Wilhelm Facilides, das gewünschte Feingefühl für die Lösung der Aufgabe mit einbrachte, vermittelt das Gebäude bis heute bemerkenswert. Das Gestaltungskonzept vereint Wohlgeformtes mit Disharmonien. Ganz wie in der Musik, begehrt der Kontrapunkt einen Stimmungs- oder hierbei Formenwechsel. Mit dem an streng klassisch mittig betonte Villenanlagen erinnernden Fassadenkonzept der Straßenfront gelang es ihm, durch das Beiwerk Interesse zu wecken. Der asymmetrisch orientierte Eingang nimmt die Materialität der Einfriedung auf und führt somit in der Wegebeziehung beide Bauteile zueinander. Das Wechselspiel zweier in Kontrast stehender Fassadenmaterialien gilt als Signet 828 829 Brülls/Honekamp 1996, S. 207. Brülls/Dietzsch 2000, S. 107. 345 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne der Architektengemeinschaft, hier wünschte man sich eine deutlicher der reduzierten Neuen Sachlichkeit verpflichtete Architektursprache in einer Materialität, wie es z. B. die Entwürfe für das Tuberkulosekrankenhaus in Harzgerode aufzeigen.830 Für Kallmeyer bedeutete der Klinker an diesem Bau das Ornament! In dem Material formte er seine additiv dem Putzhauptkörper beigestellten Formationen des Treppenturmes und des aufgesetzten Attikageschosses, vornehmlich zur Straßenseite. Im Gegensatz dazu findet man an der Gartenfront ein weniger verunklartes Bild. Das Additiv des Wintergartens folgt in seiner Materialität dem Putzkörper. Die aus der Anordnung resultierende Asymmetrie setzt sich in der Fensterverteilung fort. Somit war auch diese Fassade der begründet festgelegte Fassadengünstling Kallmeyers, der sich nicht in großem Umfang dem Ornament zu bedienen brauchte und in seiner Materialklarheit nach bekannten Vorbildern strebte. In seiner detailverliebten Durcharbeitung greift das Vorhaben geläufige Assoziationen des Neuen Bauens auf. Ein flaches Dach, zumindest in der Perspektivwirkung (!), und die Betonung der Horizontalen formten zusätzlich den gesamtheitlichen Ansatz eines überaus anerkennenswerten Beispiels des Neuen Bauens in Halle an der Saale. Für den privaten Wohnhausbau gilt das in den Grüntönen überlieferte Farbkonzept für das Gebäude als eindrucksvoller Beweis, dass die Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides nicht nur auf eine außenräumliche Wirkung beschränkt war, sondern gezielt die Harmonie von Außen und Innen suchte. Warum ausnahmslos in dem Spektrum eines Grüns gearbeitet wurde, kann heute nicht mehr eindeutig geklärt werden. Als sicher gilt aber, dass sich die Farbwirkung über Schaffensperioden und verschiedenste Bauherren entwickelte und erhielt. Die erste belegte Anwendung eines hellen grüngrauen Farbtons für ein Wohnhaus geht auf das Gebäude für Dr. Seydel in der heutigen Ernst-König-Straße 10 zurück. 831 Seinerzeit zeichnete Facilides für die Entwurfsbearbeitung verantwortlich, ein Indiz dafür, dass die Farbvorstellungen durch ihn geprägt sein könnten und in die Architektengemeinschaft einflossen. Kallmeyer jedoch überspitzte die Farbauffassung nicht nur, er entwickelte sie weiter. Durch die Verwendung eines durchgefärbten Edelputzes bekräftigte er dieses Konzept bemerkenswert. Dass sich die Berufskollegen Dr. Seydel und Dr. Bennewiz kannten, ist zweifelsfrei sicher. Ob allerdings das vier Jahre zuvor entstandene Wohnhaus letztendlich Bennewiz inspirierte, Kallmeyer & Facilides mit den Entwürfen zu seinem Bau zu beauftragen, ist nicht belegt, obgleich sich dieses Szenario als durchaus vorstellbar offenbart. Für Kallmeyer & Facilides zeigt das Gebäude aussagekräftig ihr Bekenntnis zur architektonischen Moderne und weist die Architekten als profilierte Vertreter des Wohnhausbaus in den Formen des Neuen Bauens aus. 830 831 Vgl. Kapitel 2.3.2 der vorliegenden Abhandlung. Ebd. 346 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne 3.4.3 Einordnung in das Gesamtschaffen Mit dem Wohnhaus für die Familie Bennewiz gelang der Architektengemeinschaft ein überregional anerkanntes Ergebnis architektonischen Schaffens. Das teuerste Einfamilienhaus für einen privaten Bauherrn im Werk der Architektengemeinschaft erhielt besonderes Gewicht durch die publizistische Anerkennung nach Fertigstellung. Im Besonderen zeigte die Ausstellung des Bundes Deutscher Architekten das Projekt während der Deutschen Bauausstellung 1931 in Berlin. Auch innerhalb der Architektengemeinschaft machte das Wohnhaus schon damals den Eindruck, ein Lieblingsobjekt zu sein. Zumindest Kallmeyer, der durch den Einfluss seiner führenden Ämter beim Bund Deutscher Architekten gewiss positive Einflussnahme nehmen konnte, schien Veröffentlichungen des Gebäudes forciert zu haben. Kein anderes privates Wohngebäude der Architektengemeinschaft fand entstehungszeitlich Einzug in die Presse.832 Selbst Facilides nahm es, so wie auch andere Bauten Kallmeyers, in seine nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Tod Kallmeyers aufgestellte Werkliste mit auf.833 Es zählt zu den anerkannt guten Leistungen des Neuen Bauens und nimmt daher eine Sonderstellung im Œuvre der Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides ein. Das Gebäude reagierte durch die Gestaltung auf die Bedürfnisse seiner Bewohner, entsprach damit dem Zeitgeist und zitierte allgemein anerkannte Gestaltungsmittel in jedoch ungewöhnlicher Weise und Kombination. Das Herausstellen eines Treppenturmes z. B. kommt einer Zurschaustellung der Erschließungswege gleich. Eine bewusst gewählte Analogie. Die Betonung erscheint zunächst bizarr und könnte im Ansatz auf Parallelen zu den z. B. hervorgehobenen und freigestellten Treppenräumen der Fagus-Werke von Walter Gropius in Alfeld, erbaut 1911 bis 1914, deuten. Darüber hinaus entdeckten Architekten der Büro- und Verwaltungsgebäude des Neuen Bauens dieses angenehm akzentuierende Gestaltungsmittel. Auch wenn es für Bennewiz’ Wohngebäude keinen eindeutigen Paten zu geben scheint, zitierte die Baukunst in der damaligen Architektur publizierte Ideale. Exemplarisch soll ein unter anderem gewähltes Gestaltungsbeispiel norddeutscher Architekten Analogien zu dem halleschen Projekt aufweisen. Die Architekten Fritz Block und Ernst Hochfeld834 aus Hamburg zeigten mit einem Verwaltungsgebäude in der Hansestadt ähnliche Gestaltungsmuster, die Kallmeyer 832 HN. 43. Jg. (1931), Nr. 22, 10. 06. 1931. – BG. 12. Jg. (1930), Heft 18, S. 1700–1712. – Fotografisches Ausstellungsexponat der Sonderschau des Bundes Deutscher Architekten der Deutschen Bauausstellung 1931 in Berlin. 833 PrA E. Baron: Facilides, Wilhelm: Handschriftliches Werkverzeichnis, aufgestellt am 10. 09. 1960 in Halle. Dem Verfasser liegt eine Kopie des unveröffentlichten Maschinenschreibens vor. 834 Dr.-Ing. Fritz Block (1889–1955) und Ernst Hochfeld (1890–1985) waren deutsche Architekten. Block, der 1915 in Dresden sein Architekturstudium abschloss, tat sich in einer Bürogemeinschaft mit Hochfeld in Hamburg zusammen. Beide gehörten zu den führenden Vertretern des Neuen Bauens und haben das Stadtbild der Hansestadt entscheidend geprägt. Vgl. weiterführend: Jaeger 1996. 347 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne aufgriff. Ein kubischer Grundkörper mit herausgeschobenem Treppenturm, einem dazu asymmetrisch versetzten Eingang und die unregelmäßige Verteilung von Fenstern in Größe und Anordnung nach den inneren Funktionen weisen auf anerkannte, aber auch allgemein authentische Gestaltungen des Neuen Bauens Ende der 1920er Jahre (Abb. 3.4-18). Links: Abb. 3.4-18: Fritz Block & Ernst Hochfeld: Verwaltungsgebäude in Hamburg, erbaut 1927. Rechts: Abb. 3.4-19: Fritz Fuß: Haus Z. in Refrath, erbaut 1928–1929. Abb. 3.4-20: Rudolf Fränkel: Landhaus Lange in Bad Saarow, erbaut 1929–1932. 348 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Ebenfalls setzte der Architekt Rudolf Fränkel835 bei seinem Landhaus Lange in Bad Saarow, erbaut 1929 bis 1932, additive Rundvolumen eines eindrucksvoll ähnlich geformten Wintergartens an den Baukörper (Abb. 3.4-20). Diese Elemente kombinierte Kallmeyer mit dem Materialkontrast der Putz- und Klinkerflächen. Maßgeblich steigerte er die Horizontale durch das Verwenden schmaler Steine und die breite Ausführung der Lagerfuge, ein Motiv, das sich wiederholt in Bauten führender Architekten finden ließ. Fritz Fuß836 aus Köln, ebenfalls ein durch seine Bauten bekennender Modernist, griff bei einem Wohnhaus in Refrath bei Köln – kurze Zeit vor der Umsetzung des Hauses Dr. Bennewiz in Halle – ebenfalls das die Horizontale betonende Gestaltungsmittel der überhöhten Lagerfugen der Klinker, dagegen aber in einer Zweireihigkeit auf (Abb. 3.4-19). Jedes einzelne dieser beispielhaft angemerkten Motive stellte für sich genommen in der gestalterischen Vielfalt und gegenseitigen Rezitation der Baumeister des Neuen Bauens an sich keine Besonderheit dar. In ihrer Gesamtheit fügte sich dennoch ein klassisch modernes Wohnhaus, das modernen Villenbauten vornehmer Hamburger oder Berliner Stadtteile um Nichts nachstand. 835 Rudolf Fränkel (14. Juni 1901–23. April 1974) war ein deutscher Architekt mit Sitz in Berlin. Überdies arbeitete er in Rumänien, England und Amerika. Er war in folgenden Institutionen Mitglied: BDA (1925–1933), Deutscher Werkbund (1926–1933), Society of Industrial Artists & Designers, England (1937–1950), Vereinigung Deutscher und österreichischer Architekten und Ingenieure „Circle“ (1943, Gründungsmitglied), Ausschuss „Architects for the Redevelopment of Distressed Areas“ (1945), RIBA (1947–1974), American Institute of Planners (1950–1974). Vgl. weiterführend: Thomson 2007. 836 Friedrich Karl Wilhelm Wolf (gen. Fritz) Fuß (1889–1945) war ein deutscher Architekt mit Bürositz in Köln. Er war in folgenden Institutionen Mitglied: BDA, Deutscher Werkbund, Architekten- & Ingenieurverein und Gründungsmitglied des Blocks Kölner Baukünstler. Fuß studierte in Dresden bei Prof. Wilhelm Kreis Architektur. Als Architekt in Köln zählte er zu den anerkannten Persönlichkeiten der Stadt. Vgl. weiterführend: Meißner 2003. 349 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne 3.5 1930 Wohnhaus für die Familie Paris, Halle/Saale Der umtriebige Geschäfts- und Kaufmann Bruno Paris gründete 1919 in Halle an der Saale ein Ladengeschäft für den Verkauf von Betten. Das später am Domplatz 9 ansässige Geschäft expandierte innerhalb eines Jahrzehnts stark und erweiterte ständig sein Angebot. Während in der Kleinen Ulrichstraße 2 die sogenannte Abteilung I. (Bettenhaus) und die Abteilung II. (Ruhebett- und Matratzenwerkstätten mit Bettenreinigung, Polsterei und Zupferei) ansässig waren, befanden sich die Abteilung III. (Kinderwagenhaus) und die Abteilung IV. (Wintersportgeräte) in der Brüderstraße 3. Zusätzlich betrieb der Kaufmann bis 1926 in der Leipziger Straße 12 ein Ladengeschäft und unterhielt eine Zweigniederlassung mit vollständigem Angebot im Breiten Weg 3b837 in Magdeburg. Mit dem Hauptgeschäft „Betten-Paris“ in einem alten Speicher am Domplatz sicherte sich Paris eines der wenigen und zudem charakteristischen Lagergebäude des 19. Jahrhunderts in innerstädtisch repräsentativer Lage. Seine Geschäfte machten ihn über die Jahre zu einem wohlhabenden und angesehenen Kaufmann in und um Halle sowie in Magdeburg, sodass sich die Familie schließlich entschied, ein neues, stattlich angemessenes Wohnhaus errichten zu lassen. Bruno Paris und seine Frau Adelheid838 kauften Ende der 1920er Jahre ein Grundstück in vornehm ruhiger Lage im Nordwesten Halles. Das leicht zur Straße ansteigende Grundstück von ca. 2.600 m2 Größe und rechteckigem Zuschnitt befand sich inmitten villenartiger Nachbarbebauungen in städtebaulich gelöster Umgebung eines insgesamt ländlichen Charakters. Die entstehungszeitlich bezeichnete Saarlandstraße verfügte lediglich über eine einseitig angelegte Bebauung, sodass sich ein angenehmer Blick über das sich anschließende Freigelände für die ansässigen Bewohner anschloss. 3.5.1 Projektanalyse Vermutlich beauftragte das Unternehmerpaar Paris die Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides bereits Mitte 1929 mit der Aufstellung von Entwürfen für das Wohnhaus in der heutigen Ernst-Grube-Straße 24. Die Entwurfsbearbeitung übernahm Wilhelm Facilides, der ein entsprechendes Konzept für das Wohngebäude in opulent villenartiger Größe aufstellte. Als überbaute Fläche gab Facilides nach Erarbeitung der Zeichnungen beachtliche 263 m2 an.839 837 Das ehemalige Gebäude des Bettenhauses Bruno Paris, Breiter Weg 3b in Magdeburg, wurde durch einen Luftangriff in Jahr 1945 vollständig zerstört. 838 Zu den Bauherren Adelheid und Bruno Paris konnten keine weiterführenden, persönlichen Daten ermittelt werden. 839 Soweit nicht abweichend gekennzeichnet, sind diese und folgende Anmerkungen der Bauakte entnommen. Vgl.: StA Ha/BA: Ernst-Grube-Straße 24. 350 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Das Gebäude positionierte sich weit an die Straße versetzt, lediglich 6 m von der Grundstücksgrenze entfernt und die Bauflucht der anliegenden Gebäude aufnehmend, mittig auf dem Baugrund. Das hatte den Charme, einen großzügigen Garten hinter dem Haus anlegen zu können und verhältnismäßig wenig Fläche für den Vorgarten vorsehen zu müssen. Insgesamt entwarf Facilides ein vollständig unterkellertes Gebäude mit zwei Wohnebenen und einem Dachgeschoss, das durch eine geschickt in die Baumassengestalt einformulierte Garage sowie Auf- und Eingangsbauwerk ergänzt wurde. Abb. 3.5-1: Ehepaar Adelheid und Bruno Paris, die Bauherrenschaft zum Wohnhaus in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, im Rahmen einer Familienfeier. Die Aufnahme entstand um 1950. Für den Entwurfsprozess ist überliefert, dass die Bauherrenschaft den Architekten nahezu alle Freiheiten für Grund- und Aufriss gab. Adelheid und Bruno Paris (Abb. 3.5-1) gehörten zu den durchsetzungsstarken und anspruchsvollen, aber weniger kunstversierten Persönlichkeiten Halles.840 Folglich überließen sie nach intensiven Abstimmungen dem Architekten die gestalterische Freizügigkeit und überwachten akribisch das Finanzielle, sodass die Erarbeitung der Entwürfe reibungslos verlief. Schließlich waren die Zeichnungen zum Ende Januar 1930 fertiggestellt, sodass der Bauherr diese zunächst am 27. Januar und endgültig überarbeitet zum 840 Diese Anmerkungen bestätigte der heutige Eigentümer, Herr Dr. Dr. Jürgen Metzner, dem Verfasser gegenüber am 14. November 2007, anhand eines Gedächtnisprotokolls zu einem Gespräch mit der Tochter des Ehepaares Paris. 351 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne 28. März 1930 zur Genehmigung an die städtische Baupolizei einreichte. Das Projekt war, wie weitere zweifelsohne ebenso, unter Zeitdruck entstanden. Offenkundig zeigte sich dieser Umstand, da bereits drei Tage nach der überarbeiteten Bauantragseinreichung Bruno Paris mit Schreiben vom 31. März an die Behörden eindringlich persönlich um Erteilung des Ausschachtungsscheins bat. Der aufgebaute Druck wirkte. Am 4. April 1930 stellte die hallesche Baupolizei den „Bau-Erlaubnisschein zur Errichtung des Wohnhauses, Saarlandstraße Nr. 24“ mit kleineren Auflagen aus. Demnach waren lediglich zwei bewohnbare Geschosse für den Neubau geduldet, die mit weiteren zwei Räumen eines ständigen Aufenthaltes im Dachgeschoss ergänzt werden durften. Es sollte ein Vorgarten angelegt und mit einer abschließenden Einfriedung versehen als auch Putz- und Farbproben der Fassaden zur Begutachtung und Abnahme angelegt werden. Außerdem fehlte vorübergehend die statische Berechnung für das Gesamtvorhaben, aber Facilides setzte zunächst sämtliche Forderungen innerhalb des Entwurfes um.841 Schließlich stellte die hallesche Baupolizei nach kleineren Anpassungen den Bauschein erneut am 25. April 1930 aus, sodass die Bauarbeiten beginnen konnten. Das Tiefbauunternehmen unter dem Maurermeister Otto Katzsche aus Halle führte den Erdbau und die Ausschachtungen aus, während das Baugeschäft von Wilhelm Mennicke & Sohn aus Brachwitz die Mauerarbeiten fertigte und den Dachstuhl setzte. Schließlich ergänzten die Lieferungen des Verblendklinkers durch die Firma Martin Kuhne den Rohbau. Trotz einiger nachträglich genehmigter Anpassungen an Gebäudelage und Statik842 war der Rohbau Anfang Juli 1930 fertiggestellt. Zur entsprechenden Abnahme am 18. Juli erhielten die Architekten unter anderem die erneute Auflage zur Begutachtung von Farb- und Putzproben des Außenputzes, die am 8. August durch alle Beteiligten in Augenschein genommen wurde. Schließlich verständigte man sich darauf, den zunächst vorgesehenen farbig gestrichenen Edelputz durch einen eingefärbten Edelputz als Spritzputz843 zu ersetzen. Somit sollte der ebenfalls am Wohnhaus für Dr. Bennewiz verwendete Putz für dieses Vorhaben Anwendung finden. Mitte September schlossen die Ausbauarbeiten zu dem Vorhaben ab, sodass am 27. September 1930 das Wohnhaus baupolizeilich abgenommen und anschließend durch die Familie Paris bezogen wurde. 841 Folgende Einreichungen fanden statt: 13. April 1930 die Statik wurde eingereicht und am 24. April 1930 geprüft; 14. April 1930 Einreichung der Unterlagen für die Straßeneinfriedung; 14. April 1930 Übersendung der Be- und Entwässerungsunterlagen an die städtische Baupolizei. 842 Bruno Paris bat mit Schreiben vom 25. April 1930 an die Baupolizei um das Verschieben seines Hauses nach Osten um 1,58 m, was mit Bauerlaubnisschein vom 29. April 1930 genehmigt wurde. Kallmeyer & Facilides baten mit Schreiben vom 15. Juli 1930 um Anpassung der Statik für Wand- und Fensterüberlagsträger, was mit Bauerlaubnisschein vom 21. Juli 1930 genehmigt wurde. 843 Schöne 1997, S. 2. 352 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne a Gebäudebeschreibung Das Gebäude platzierte sich straßenbegleitend und die Baufluchten der Nachbargebäude aufnehmend repräsentativ auf dem zur Straße dezent abfallenden Grundstück als voll unterkellerter, zweigeschossiger sowie mit teilweise überbautem Attikageschoss versehener, flach gedeckter Baukörper (Abb. 3.5-2). Die überwiegend verputzte Baumasse strukturierte sich aus rein kubisch orthogonalen Grundkörpern. Klar und offenkundig bildhaft zur Schaufassade arrangiert, bestand das Gebäude aus dem östlich gelegenen Hauptvolumen über insgesamt vier Ebenen über nahezu quadratischem Grundriss sowie der westlich angefügten dreietagigen Baumasse über rechteckiger Anordnung. Beide Kuben bildeten in asymmetrischer Ordnung ein optisches Kräftepaar, das der leicht abfallenden Straße entgegenzuwirken schien. Der aus der Mitte versetzte und risalitartig vor die Baumasse nach Norden springende Treppenturm baute auf dieser Grundhaltung auf und akzentuierte sowie strukturierte die Schaufassade zugleich. Abb. 3.5-2: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Straßenfassade. Die Aufnahme entstand um 1932. Der seitlich angelagerte Haupteingang mit weit auskragendem Vordach und vorgesetzter Treppenanlage störte dieses harmonisch komponierte Bild in keiner Weise. Ebenfalls dem Geländeverlauf folgend, platzierten die Architekten auf dem Niveau des Kellergeschosses die Garagenanlage neben dem Eingang mit entsprechender Einfahrt in Richtung Norden. Im Gesamten bildete diese Vielgliedrigkeit der Sockelebene im Zusammenhang mit der vorgelagerten Einfriedungsmauer einen Kontrapunkt zu dem aufsteigenden Putzkörper des 353 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Wohnhauses. In der Konstruktionswahl griff Facilides als federführender Architekt auf die bekannten Methoden der Massivbauweise zurück. Die auf Streifenfundamenten in Stampfbeton ruhenden Wände ließ der Architekt in Ziegeln aufmauern, welche nach außen größtenteils einen Edelputz sowie an den sichtbaren Außenwänden der Sockelebene sowie ausgesucht reduzierten Bereichen eine Verklinkerung erhielten. Die Decken wurden abweichend zum kurz zuvor fertiggestellten Bennewiz-Projekt überwiegend als Holzdecken vorgesehen. Lediglich in ausgewählten Bereichen wie z. B. der Bäder, WCs oder der Kellerdecke wurde eine Massivdecke zwischen eisernen Trägern ausgeführt. Nicht zuletzt versah man den in Holz gearbeiteten Dachstuhl des flach geneigten Pyramidendaches mit einer Brettschalung und Schieferdeckung. Ergänzung fand das Ensemble in der grundstücksabschließenden Einfriedung zur Straße, die in beispielhafter Qualität das gestalterische Gesamtkonzept unterstützte und aus einer verklinkerten Umfassungsmauer mit partiell angeordneten Drahtgitterfüllungen zwischen verklinkerten Mauerpfeilern ausgeführt wurde. b Baukörper und Fassade Der Entwurf überrascht in seiner klaren Durcharbeitung und Ehrlichkeit gegenüber den gestalterischen Idealen des Neuen Bauens. Letztlich überstrahlte das Gebäude durch die kubische Entwurfshaltung sämtliche vorangehenden Bauten der Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides und ist heute ebenfalls als eine der besten Leistungen der klassisch modernen Wohnhausarchitektur in Halle an der Saale zu bezeichnen. Facilides stellte trotz der inneren Zusammenhänge eine additiv wirkende Baumassenstruktur in den Vordergrund seines Gestaltungsansatzes. Somit leitete sich das gesamte, auch innenräumliche Konzept aus der gestalterischen Ordnung der zwei Hauptkörper heraus ab. Auch bei diesem Vorhaben unterschied sich die Straßen- von der Gartenfassade durchaus, obwohl die Schaufassade eindeutig in Richtung bauzeitlicher Saarlandstraße nach Norden orientiert war. Das bauordnungsrechtliche Grundanliegen zur Zweigeschossigkeit löste Facilides, indem das Erdund Obergeschoss in voller Geschosshöhe umgesetzt wurden und sich das Attikageschoss nur über den Hauptkörper erstreckte. Für dieses Geschoss wurde außerdem eine lichte Raumhöhe von lediglich 2,2 m angesetzt. Somit erreichte das Gebäude auch visuell die bauordnungsrechtlich geforderten Maßstäbe und bildete zunächst eine Zweigeschossigkeit für den Betrachter in Richtung zur Straße nach Norden ab. Dass sich der Bau allerdings beim genaueren Mustern aus insgesamt vier Ebenen strukturiert, verwundert und erstaunt zugleich. Der sachlich kubische Bau war entstehungszeitlich mit einem Kalk-Zement-Putz in zwei Lagen 354 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne und einem Edeldeckputz als Spritzputz in hellgrüner Farbgebung versehen.844 Die Fassadengestaltung ergänzten unverputzte Klinkerflächen im Sockelbereich, am Eingangsvorbau, am Risalit der Nordfassade, in Höhe der Treppenhausfester, an Pfeilern und Brüstung der Terrasse sowie auf der Dachterrasse. Die Anordnung erfolgte nach dem Grundsatz, dass die additiven Bauteile des Eingangs- sowie Garagenvorbaus und des Freisitzes zur Gartenseite durch das Material des Klinkers akzentuiert und damit in Kontrast zu den Putzflächen gesetzt wurden. Auch bei diesem Vorhaben griff Facilides auf eine starke Betonung der Horizontalen zurück. Diesen Gestaltungsanspruch der Straßenfassade zeigten Fensterbänder am Hauptkörper, das Panoramafenster des Westkörpers sowie gleichermaßen die liegenden Fensterstrukturen des Treppenrisalits. Abb. 3.5-3: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Ansicht der Straßenfassade, datiert 28. März 1930. Die Öffnungsstruktur der Fassade präsentiert sich somit vielschichtig, mutet aber zur Schauseite teilweise gewollt geordnet an (Abb. 3.5-3). Bemerkenswert ist in dem Zusammenhang, dass zusätzlich zu der provozierten Asymmetrie des Baukörpers die Verteilung der Fenster zwar nach der inneren Ordnung erfolgte, aber in ihrer Anordnung sowohl gerichtet als auch aufgelockert verteilt erschien. Vielmehr überrascht, dass die großformatigen, exakt aneinander ausgerichteten Fensteranlagen des Hauptkörpers in Richtung der Straße lediglich Nebenfunktionen wie Küche, Speisekammer oder Bäder belichteten. Diese fensterbandartigen Strukturen von 5,6 m Ausdehnung assoziierten in Bezug auf Größe und Gewichtigkeit innerhalb des Fassadenentwurfes vielmehr eine großzügige Wohnfunktion. Demnach muss dem Grundsatz der funktionalen Verteilung der 844 Schöne 1997, S. 136. Eine Anwendung eines gestrichenen Edelputzes kam nach Begutachtung des Architekten, der Bauherrenschaft und der Baupolizei zur Rohbauabnahme des Gebäudes nicht zur Ausführung. 355 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Fenster der Zusatz der außenwirksamen Erscheinung zueinander beigefügt werden. Es ging somit nicht mehr nur um die Ideale einer funktional korrekten Anordnung der Öffnungen. Das ist ein wesentliches Indiz dafür, dass die Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides in dieser späten Phase ihrer sachlich modernen Architektur die architektonische Komposition als Ganzes stets im Vordergrund sahen und erinnert grundsätzlich an klassische Kompositionsmethoden. Konträr dazu steht das Öffnungskonzept der Wohnbereiche, die sich zunächst in Richtung der Straße zurücknahmen. Lediglich eine über Eck geführte Fensteranlage des Musikzimmers lockerte den sonst geschlossenen Kubus auf. Links: Abb. 3.5-4: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Detail Eingangsbereich. Rechts: Abb. 3.5-5: Detail Vergitterungen der Kellerfenster. Die Aufnahmen entstanden 2007. Sämtliche Fenster wiesen einen grauen Ölfarbanstrich auf und waren zu den Wohnräumen mit außen liegenden, in den Fassadenaufbau integrierten Jalousien ausgestattet. Die Eingangstür im Eingangsvorbau der Nordfassade war, wie das Garagentor, abweichend in Eichenholz mit einer teakfarbenen Lasur versehen845 (Abb. 3.5-4). Als Drückergarnituren wählten die Architekten einen vernickelten Messingdruckguss in moderner Formung aus dem Repertoire der Firma Otto Seyffart aus Altenburg.846 Desgleichen rahmten aussagekräftige Details die Fassadengestaltung. Kallmeyer & Facilides legten besonderen Wert auf den Entwurf und die Ausbildung dieser letztendlich schmückenden Bestandteile des Bauwerks. Prägendstes war zweifelsohne die akzentuierende Verklinkerung. Die 845 Ebd., S. 2. Die Angaben zu den ausführenden Firmen stammen aus der Kostenzusammenstellung der Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides aus dem Besitz des Hausherrn. Dem Verfasser liegt eine Kopie der Unterlagen vor. 846 356 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Architektengemeinschaft wählte einen schmalen dunkelroten Klinker,847 der mit einer ca. 1 cm breiten, dunkelrot eingefärbten Stoßfuge vermörtelt eingebaut wurde. Die ca. 2,5 cm hoch ausgeführte Lagerfuge erhielt einen hellen Fugenmörtel, sodass diese Ausführungsvariante das Erscheinungsbild der Fassaden um eine konsequent horizontal gestreifte Betonung bereicherte. Sämtliche Vergitterungen der Kellerfenster waren als grau gestrichene Flachstahlkonstruktionen in liegender Anordnung durch den halleschen Schlossermeister Rudolf Speck nach den Entwürfen der Architekten angefertigt und unterstützten das waagerecht akzentuierte Erscheinungsbild (Abb. 3.5-5). Zudem zeigte die auskragende Decke des Eingangsbereichs auf ihrer Unterseite eine schachbrettartige Scharrierung und erinnerte somit in der Ausführung als bewehrter und geschalter Kunststein an die Verlegung von quadratischen Steinplatten des Bodens.848 Hervorzuheben sind außerdem die an allen vier Gebäudeecken platzierten bauzeitlich von Bruno Reimer849 aus Kupfer gefertigten Außenleuchten mit zylindrischem Opalglaskörper, die in Höhe der Fensterbänke des ersten Obergeschosses im 45°-Winkel angebracht waren, als auch die ausnahmslos quadratischen Fallrohre in verzinktem Stahlblech, die durch den Klempnermeister Walter Schumann ausgeführt wurden und das funktionale Gesamtbild entscheidend prägten. Die Gartenfassade zeigte sich abweichend zwar unter Berücksichtigung sämtlicher gestaltprägender Details, dennoch unspektakulärer. Durch das Fehlen des markanten Treppenturmes traten die verputzten Volumen des Hauptkörpers und des westlich angelagerten Kubus offenkundig hervor. Hier zeigte sich eindrucksvoll die Fensterverteilung, die weniger den optisch wirksamen Prämissen folgend, sondern nach den inneren Raumstrukturen herausgearbeitet wurde. Während der nahezu quadratisch wirkende Hauptblock mit zurückversetztem Attikageschoss eine Fensterverteilung mit verschiedenen, meist liegenden Formaten zeigte, öffnete sich der angelagerte Kubus durch großflächige Verglasungen und Austritt zum Garten. Den verklinkerten Sockelbereich fortführend, umgriff eine sich anschließende Einfriedungsmauer die breite, dem Gebäude vorgelagerte Terrasse, die ihre Ergänzung in dem westlich vorgestellten und verklinkerten Sitzplatz mit Sonnenterrasse für das erste Obergeschoss erhielt. 847 Das Klinkerformat beträgt ca. 5 x 10 x 21 cm. Fachsprachig: Niederländisches Standardformat, oder auch Oldenburger-Format (OF). 848 Schöne 1997, S. 3. 849 Bruno Reimer, Leuchtkörper - Leichmetall - Eisenbau, Geiststr. 19, Halle. 357 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Abb. 3.5-6: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Ansicht der Gartenfassade. Zeichnung zum Bauantrag, datiert 28. März 1930. Insgesamt wirkte die Gartenfassade deutlich nüchterner als ihr Pendant zur Straße. Das resultierte aus dem Umstand der bewusst nach den inneren Funktionen gestalteten sowie ihrer Aufgabe entsprechenden Südfassade. Für Facilides kam die wiederholte Rezitation geschönter Geometrien, wie man sie an der Straßenfassade mit Treppenturm und Fensterverteilung fand, an der Gartenfront offenkundig nicht zur Anwendung. Wenngleich nicht qualitätsmindernd gestaltet, offenbarte sich in dieser Ansicht die Hinwendung zu den Idealen des Neuen Bauens. Funktional, sodass die Räume gut belichtet wurden, ordnete sich das Gesamtbild. Während aus den inneren Funktionszusammenhängen heraus das Kinderspielzimmer und das Speise/Wohnzimmer die Ergänzung ihrer Fensteranlage durch einen Terrassentüraustritt erhielten, sah Facilides für das mittig liegende Herrenzimmer ein lediglich ca. 2,5 m langes, mit normaler Brüstungshöhe versehenes Kastenfenster vor. Hervorzuheben ist die einer Schaufensteranlage gleichkommende, nahezu raumhohe Verglasung des Speisezimmers zum Freisitz, die sich über die gesamte Raumbreite nach Süden erstreckte und den Blick in den angrenzenden Garten freigab (Abb. 3.5-7). Die Öffnungen der Schlaf- und Wohnräume im Obergeschoss waren dessen ungeachtet kleiner und jeweils von gleicher Größe vorgesehen. Einzig die über dem Freisitz angeordnete Sonnenterrasse schloss sich dem elterlichen Rückzugsbereich im ersten Obergeschoss mit einer verglasten Türanlage an. Im Gesamten bedeutete die ungleiche Fassadenkomposition, zunächst dem Repräsentationswillen des Bauherrn und gewiss auch des Architekten gerecht werden zu können, und erklärte die Straßenfront zur Schaufassade. Den Abschluss des Baukörpers bildete das brettgeschalte und mit hellblauem Thüringer Dachschiefer erster Wahl bekleidete, sehr flach geneigte Pyramidendach über dem Hauptkörper. Schiefer- & Ziegeldeckmeister Otto Sendewitz aus Halle belieferte Bruno Paris und deckte das Material aus den Staats-Schieferbrüchen Lehesten als Doppeldach in englischer Deckung. 358 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Abb. 3.5-7: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Gartenfassade mit Blick zum Freisitz. Die Aufnahme entstand um 1935. Dieses in den Formen des Neuen Bauens entworfene Gebäude zeigt sich als die versiert beste Leistung der klassisch modernen Wohnhausarchitektur der Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides. Keinerlei verunklarende Elemente stören den Gestaltungsduktus und weisen die Architekten einmal mehr als profilierte Baumeister des Neuen Bauens aus. Die gestalterische Gesamtkomposition lässt ebenso für dieses Gebäude einen Fassaden- als auch baumassentypologischen Ansatz herausarbeiten, indem die Architekten bewährt auf ihren Entwurfsgrundsatz vertrauten. Dieser stellte die gewählten Schaumaterialitäten der additiven Gliederungselemente elegant in gestalterischen Kontrast und ergänzte die Konzeption durch die Öffnungsverteilung und -struktur sowie ästhetisch aufeinander abgestimmte und aufbauende Details. c Innere Struktur und Ausgestaltung Das Gebäude präsentiert sich heute in restauriertem Originalzustand mit nahezu unveränderter 359 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Grundrissstruktur,850 die im Zusammenhang mit der wiederhergestellten bauzeitlichen Farb- und Materialfassung einen beispiellosen Eindruck der innenräumlichen Entwurfs- und Gestaltungsprämissen der Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides zulässt. Der innere Aufbau strukturierte sich in insgesamt vier Ebenen. Über dem Kellergeschoss befanden sich zwei Wohngeschosse, die teilweise von einem Dachgeschoss überragt wurden. Als Hauptwohngeschoss umfasste das Erdgeschoss sowohl Räumlichkeiten des gutbürgerlichen Alltags- und Repräsentationsgebrauchs als auch Zimmer, die ausschließlich für die Familie vorgesehen waren. Der klassische Grundrissaufbau orientierte sich mit seinen Raumfolgen an der Villenarchitektur des 19. Jahrhunderts und gruppierte sich um das zentrale Vestibül (Abb. 3.5-8). Abb. 3.5-8: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Grundriss Erdgeschoss, datiert 28. März 1930. Dieses wurde von Osten durch den seitlich vorgelagerten Eingangsvorbau erschlossen, der mit Solnhofener Platten ausgelegt war und neben dem Windfang Platz für das Besucher-WC bot. Über einen Vorraum, der nochmals den inneren Bereich abgrenzte, gelangte man in die große, mittig gelegene Diele, an die sich nördlich das offene Treppenhaus mit zweiläufiger Treppe raumbildend repräsentativ anschloss.851 Über die großzügige Diele im Erdgeschoss erschloss der Bewohner sämtliche für ihn relevanten 850 851 Bezüglich der Änderungen im Gebäudebestand siehe das nachfolgende Kapitel zur Bau- und Nutzungsgeschichte. Die Treppenanlage wurde durch die halleschen Tischler Clauss & Rühl errichtet. 360 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne weiteren Wohn- und Aufenthaltsräume. Als großzügige Raumfolge angelegt, ordnete sich beginnend mit dem Musikzimmer im Nordwesten das Speisezimmer als Bindeglied zwischen Innen und Außen sowie als zentraler Ort vor dem überdachten Freisitz an. Beide Räume waren mit einer weiträumigen Schiebetüranlage verbunden. Darauf folgend sah Facilides ein Herrenzimmer mit Verbindungstür zum Speisezimmer und schließlich auch das durch Familie Paris verlangte Kinderspielzimmer mit Ausgang zur Terrasse und Garten vor. Sämtliche dieser Räumlichkeiten erhielten entstehungszeitlich ein Eichenstabparkett mit umlaufendem Fries. Neben glatt gespachtelten und vornehmlich in gedeckten hellgrün oder weiß gestrichenen Wänden sowie in seidenmatt, weiß gestrichenen Doppelfensterinnenseiten schmückten wirkungsvolle Details besondere Zimmer. So war in dem 34 m2 großen Esszimmer ebenso wie in dem angrenzenden Herrenzimmer eine tradiert wirkende Deckenverkleidung mit mittiger Rosette in mittelbraun lasiertem Farbton verbaut. Ob dieses der Innenarchitektur zuweilen gegenläufig ungewöhnliche Gestaltungsmittel durch eine Bauherrenvorgabe nachträglich selbst oder durch Facilides bauzeitlich vorgesehen wurde, ist fraglich. Großzügige Panoramafenster in den Wohnräumen und eine Glasfassade mit Glastüranlage im Speisezimmer ermöglichten außerdem einen schönen Blick in Richtung Süden in den angrenzenden weitläufigen Garten. Dem funktional strukturierten Grundrissaufbau folgend, ordneten die Architekten an der Nordostseite des Erdgeschosses die Wirtschaftsräume mit Küche, Vorratsraum und Anrichte an, die durch den Vorflur separat erschlossen werden konnten und somit im Betrieb keine Verbindung zum Vestibül benötigten. Als Grundlage für das in grünen und beigen Farbtönen über das gesamte Gebäudeinnere konzipierte Farbkonzept sahen die Architekten mit einigen Ausnahmen852 glatt gespachtelte Wand- und Deckenflächen vor, die mit Emulsionsfarben gestrichen wurden. Die Wandflächen des Vestibüls und des Treppenhauses wiesen einen hellgrünen Anstrich auf, der im Bereich der wandseitigen Treppenwangen mit einem ca. 6 cm hohen beigefarbenen Wischsockel ergänzt wurde.853 Die Decken und die Treppenuntersichten besaßen ebenfalls einen beigefarbenen Anstrich (Abb. 3.5-9). Tritt- und Setzstufen der Treppe sowie die Treppenwangen und die Fußbodendielen waren bauzeitlich in hellgrauem Ölfarbanstrich vorgesehen. Sämtliche Türblätter sah man in Hellgrün, die Blendrahmen in dunklem Lindgrün vor. Für die Treppenhausfensteranlagen überlegte Facilides ein entsprechendes Konzept, welches sich in der Farbdurchwirkung der kunstvollen Bleiverglasungen übertrug und von Richard Scheibe854 in 852 In einigen Wohnräumen wurden auf Wunsch des Bauherrn Tapeten angebracht. Z. B. hat sich im Musikzimmer des Erdgeschosses im Zuge der restauratorischen Befundung ein bauzeitlicher Tapetenrest in illusionistisch rotbroncefarbener Seidenstruktur erhalten. 853 Sämtliche nachfolgende Farbangaben beruhen auf der restauratorischen Untersuchung des halleschen Restaurators Peter Schöne, die im Zuge der denkmalgerechten Sanierung befundet wurden. Vgl.: Schöne 1997. 854 Über den Bleiglaskünstler Richard Scheibe aus Halle konnten keine weiteren Informationen in Erfahrung gebracht werden. 361 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne differenziert lindgrüner, beigefarbener und klar-transluzenter Fassung angefertigt wurden. Während die Fensterrahmen des Treppenhauses zwischen Erd- und Obergeschoss in Hellgrün sowie die Fensterflügel in Hellgelb angelegt wurden, bildeten die Fensterrahmen zwischen Oberund Dachgeschoss in beige-grünlicher Farbgebung sowie die Fensterflügel in Hellgrau einen stimmungsvollen Kontrast (Abb. 3.5-10). Links: Abb. 3.5-9: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Vestibül mit Blick nach Westen. Rechts: Abb. 3.5-10: Detail Treppenhaus zwischen Ober- und Dachgeschoss. Die Aufnahmen entstanden 2007. Es herrschten abweichende Farben in dem Wirtschaftstrakt zu den grünen und beigen Tönen der Wohnräume vor. Rote Steinzeugfliesen und rotes Linoleum deuteten auf die Arbeitsumgebung der Hausangestellten der Familie Paris. Insgesamt waren zwei Hausmädchen ständig anwesend und kümmerten sich um die drei Kinder und das leibliche Wohl der Familie. Für das gesamte Gebäude galt das Schönheitsbedürfnis der Zeit als ausschlaggebend bis in seine gestalterischen Details hinein. Massivholztüren in glatter ornamentloser Ausführung betonten das gestalterisch moderne Innenraumkonzept. Exklusiv modern gestaltete vernickelte Türdrücker zierten die Außentüren und sämtliche Türen der Wohnräume, die ihre stimmungsvolle Ergänzung in entsprechend gestalteten Garnituren an den Eingangs- und Zufahrtspforten erhielten. Diese ausnahmslos durch die Metallwerkstatt Otto Seyffart gelieferten Stücke wurden durch einfachere Ausführungen der Türen in den Nebenräumen vervollständigt (Abb. 3.5-11 & 12). Die Firma Seyffart, selbst Mitglied im Deutschen Werkbund, war landesweit für ihr exquisitmodernes Beschlags- und Metallwarensortiment geschätzt und bildete für viele Bauten der Architektengemeinschaft eine gern verwendete Ressource, die durchgängig für das gesamte Wohnhaus Paris zur Anwendung kam. Diverse weitere Innenausstattungen wie aufwendige Tapeten der Wohnräume, Kokosmatten und Textilausstattungen lieferte, nach vorheriger gemeinsam mit der Familie Paris und dem Architekten durchgeführter Bemusterung, das Einrichtungshaus Arnold & Troitzsch aus Halle. 362 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Abb. 3.5-11 & Abb. 3.5-12: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Türdrückerdetails, links: Tür zum Windfang im Erdgeschoss, rechts: Drückergarnituren an der Terrassendoppeltür des Kinderspielzimmers. Die Aufnahmen entstanden 2007. Leider haben sich bis auf wenige Außenleuchten keine innenräumlichen Beleuchtungskörper erhalten.855 Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Leuchtkörperbemusterung durch die Architektengemeinschaft erfolgte und die Stücke durch verschiedenste Nutzer im Laufe der Jahre verloren gingen.856 Für das Baubüro Kallmeyer & Facilides bedeutete gerade das gestalterische Detail der bewusst gewählten Leuchten eine gewichtige Antwort auf gestaltbildende Fragen. Einzig am Wohnhaus der Familie Bennewiz sind bis zum heutigen Tag charakteristisch bauzeitliche Beleuchtungskörper erhalten und zeigen in ihrer Ausformung, Materialität und nicht zuletzt Anordnung das klassisch moderne und entwerferische Ideal der Architekten Kallmeyer & Facilides.857 Im ersten Obergeschoss setzte sich der grundsätzliche Gebäudeaufbau in seiner Grundrissausformung fort. Um die zentral angeordnete obere Diele, die in grünem Linoleum ausgelegt war, gruppierten sich in Richtung Süden und Westen die weiteren Wohn- und Schlafzimmer. Dabei unterteilte Facilides den Eltern- vom Kinderbereich. Die drei benötigten, nahezu gleich großen Kinderzimmer ordnete der Architekt in Zusammengehörigkeit im Westen an, während das elterliche Schlafzimmer mit angrenzendem zusätzlichem Wohnzimmer und Austritt zur Sonnenterrasse ebenfalls eine eigenständige Einheit bildete (Abb. 3.5-13). 855 Gemäß Angaben der Kinder des Ehepaares Paris während eines Besuches nach der Sanierung der Jahre 1997 bis 2000 waren entstehungszeitlich im Wohn- und Musikzimmer sowie vermutlich im Herrenzimmer imposante Kronleuchter aufgehängt, die dem tradierten Bild der vertäfelten Decken entsprachen. 856 Im Zuge einer weiteren Aufarbeitung sollte es Anspruch sein, die innenräumlichen Ausstattungsdetails der Beleuchtungskörper anhand von zeitgenössischen Fotografien wiederherzustellen. Oft verwendete die Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides Artikel der Firmen Bünte & Rommer sowie G. Schanzenbach & Co aus Frankfurt. 857 Vgl. dazu Kapitel 3.4 der vorliegenden Abhandlung. 363 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Abb. 3.5-13: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Grundriss Obergeschoss, datiert 28. März 1930. Diese Funktionszusammenhänge charakterisierten das formal funktionale Entwurfsschema und setzten sich in den Bädern fort. Sowohl die Eltern als auch die Kinder erhielten ihren eigenen sanitären Bereich, der im Nordosten über dem Wirtschaftstrakt des Erdgeschosses angeordnet war. Ergänzung fand die Grundrisskomposition in einem ebenfalls nach Norden angeordneten Fremdenzimmer. Dabei unterschieden die Architekten nicht nur in der Größe, sondern auch in der inneren Ausgestaltung beide Bereiche pathetisch voneinander. Die durch die Gebrüder Stelzer aus Halle ausgeführten Fliesenarbeiten sahen nach den Entwürfen der Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides für das von der Diele zugängliche Kinderbad einen im Schachbrettmuster schwarzweiß verlegten Boden in Feinsteinzeug vor, obgleich die Wandgestaltung in grünen und weißen Majolinkafliesen der Karlsruher Keramikmanufaktur ausgeführt wurde (Abb. 3.5-14). Das vom Schlafzimmer aus begehbare Elternbad sah ebenfalls einen schachbrettartig angelegten Fliesenboden in weißem und schwarzem Feinsteinzeug vor, während die Wände mit goldgelblich durchwirkten Majolinkafliesen türhoch mit abschließend dunkelblauer Borte gefliest waren, die ebenfalls aus der Karlsruher Manufaktur bezogen wurden (Abb. 3.5-15). 364 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Abb. 3.5-14 & Abb. 3.5-15: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Bäder. Links: Kinderbad nach der Sanierung. Die Aufnahme entstand 2007. Rechts: Elternbad vor der Sanierung. Die Aufnahme entstand 1997. Die Architekten ließen in den Räumlichkeiten die für sie typischen Einbauschränke durch den Tischlermeister Hermann Bergmann aus Halle verbauen, die z. B. als Trennwand zwischen zwei Kinderzimmern jeweils von beiden Seiten zugänglich waren. Es wurde bei diesen Wandschrankanlagen, die außerdem dem innenräumlichen Farbkonzept in hellen grünlichen Anstrichen folgten, größter Wert auf die Flächenbündigkeit gelegt, sodass kein Schrankkorpus das Raumerlebnis störte. Die für die Familie Paris uneingeschränkt in den Hauptgeschossen vorgesehenen Räumlichkeiten vervollständigten im Dachgeschoss nebengeordnete Räume. Zwei Mädchenkammern in Richtung des Gartens, eine Schrankkammer, zusätzliche Sanitärflächen und ein Trockenboden gruppierte Facilides um eine wiederum große mittige Diele. Zudem besaß diese eine Austrittsmöglichkeit für die großräumige Terrasse über dem westlichen Baukörper (Abb. 3.5-16). Auffällig günstige Vorteile der inneren Funktionsabläufe erreichte die Ausformung des nahezu quadratischen Grundrisses. Es entstand selbst für die Hausangestellten ein eigener Kosmos, der durch den Dachaustritt außergewöhnlich an Qualität gewann. Die Architektengemeinschaft nutzte geschickt die verbliebenen Restflächen des niedrigen Dachgeschosses aus. Ebenfalls als andienende Zimmer geplant, befanden sich im Kellergeschoss Vorratsräume, die Heizung, eine Waschküche mit Plättstube sowie ein separater Wirtschaftsausgang in Richtung Osten. 365 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Abb. 3.5-16: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Grundriss Dachgeschoss, datiert 28. März 1930. d Bau- und Nutzungsgeschichte Nachdem das Gebäude 1930 fertiggestellt war, bewohnte die Familie Paris ihr Eigentum für lediglich 15 Jahre, ehe die Front des Zweiten Weltkrieges Halle an der Saale erreichte. Nachdem die alliierten Streitkräfte in die Stadt einrückten, beschlagnahmte im Frühjahr 1945 die US-Armee das gesamte Gebäude für eigene Zwecke, während die Familie Paris ausziehen musste.858 Nach kurzer Zeit entwickelte es sich von einer Offiziersabsteige zu einem im Volksmund propagierten „Offizierspuff”.859 Im Spätsommer 1945 übernahm schließlich die russische Armee das Gebäude als Kommandantur und Offiziersunterkunft. Sie bauten hinter der Garage kleinere Schweineställe zur Selbstverpflegung, die dann wenige Jahre später nach 858 Soweit nicht abweichend gekennzeichnet, sind diese und folgenden Anmerkungen zur Gebäudegeschichte einem unveröffentlichten Manuskript des heutigen Eigentümers entnommen. PrA J. Metzner: An potentielle Nachfahren Grundstück Ernst-Grube-Straße 24. Halle, 20. 07. 2000. 859 Vgl. Fußnote 840. 366 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne erneutem Nutzerwechsel wieder abgetragen wurden.860 Nach fünfjähriger Besetzung übergab das russische Militär das ehemalige Wohnhaus an das dem Ministerium für Leichtindustrie unterstellte Kombinat Lederwaren der DDR. Daraufhin zog die Leitung des staatlich kontrollierten volkseigenen Betriebes von 1950 bis 1955 ein. Noch im Jahr 1955 bauten die wiederum neuen Mieter das Haus zur Entbindungsklinik „Adelheidsruh“861 des Bezirkskrankenhauses Halle-Dölau um und richteten im ehemaligen Herrenzimmer den Kreißsaal ein. Abb. 3.5-17: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Zustand vor der Sanierung. Die Aufnahme entstand 1997. Der über die Jahre angefallene Renovierungs- und Instandsetzungsbedarf deckte die geringe Miete an die Familie Paris für ihr Gebäude in keiner Weise. Daher entschloss sie sich schließlich, das ehemalige Wohngebäude 1972 für ca. 70.000 DDR-Mark an die Stadt Halle zu verkaufen. Mitte der 1970er Jahre wechselte die Nutzung nochmals von der Entbindungsklinik zu einer Station für Psychotherapie des Bezirkskrankenhauses Halle-Dölau, die sich bis zu ihrer Auflösung in den Wendejahren 1989/1990 in dem Haus befand. Anfang der 1990er Jahre gab es nach langer Nichtnutzung ein Bieterverfahren der Stadt Halle zur Veräußerung des Gebäudes mit einem damals festgelegten Schätzwert von 1,2 Mio. Deutsche Mark, an dem sich auch die Familie Paris hätte beteiligen können. Diese lehnte aber 860 861 Im Zuge der Sanierung von 1997 bis 2000 wurden noch die Grundmauern vorgefunden. Vermutlich war die Bennennung eine Anspielung auf die ehemalige Hausherrin Adelheid Paris. 367 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne mit der Begründung ab, dass „man nicht sein eigenes Haus zurückkaufen wolle“.862 Im Mai 1993 stellte daraufhin der heutige Eigentümer einen Antrag auf Übernahme bei der Stadt Halle, der jedoch zunächst nicht zum erhofften Erfolg führte. Nach jahrelangen Verhandlungen und ständigem Leerstand verfiel das Haus zusehends weiter. Schließlich kauften die Apothekerin Gisela Metzner und der Arzt Dr. Dr. Jürgen Metzner im Dezember 1996 das seit sechs Jahren leer stehende und in einem vollkommen desolaten Zustand befindliche Gebäude und Grundstück in der Ernst-Grube-Straße 24 von der Stadt Halle für 750.000 Deutsche Mark. Abb. 3.5-18: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Gartenfront. Die Aufnahme entstand 2007. Die sich anschließende Sanierung erfolgte unter Berücksichtigung denkmalschutzrechtlicher Belange. Unter Hinzuziehung eines Restaurators rekonstruierte man die äußere und innere entstehungszeitliche Farb- und Materialwirkung und begann im Frühjahr 1997 die restauratorische Rekonstruktion. Wichtige bauzeitlich erhalten gebliebene Zeugnisse ließ der Bauherr aufarbeiten und wiederverwenden. So konnten viele originale Fenster mit den historischen Fensterbeschlägen und -gestängen gehalten werden, die im Zuge der Sanierung sandgestrahlt, neu vernickelt und wiederverbaut wurden. Desgleichen erhielten sich zahlreiche Innentüren mit entsprechenden Garnituren, die in ihren reduziert modernen Formen den 862 Das Zitat entstammt einer Aussage der Kinder der Familie Paris, die diese dem heutigen Eigentümer gegenüber tätigten. Vgl. Fußnote 840. 368 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne klassisch modernen Charakter prägen. Der Eigentümer ließ das befundete Farb- und Materialkonzept im Innen- und Außenraum wiederherstellen. Wenngleich der Dielenfußboden vollständig erneuert werden musste, setzte man die graue Farbwirkung im Vestibül nicht wieder um. Ebenfalls ließ der Eigentümer einige raumverbindende Türen im Erd- und Obergeschoss schließen und den ehemaligen Freisitz zum Garten als verglasten Raum ausführen, um das angedachte Nutzungskonzept umsetzen zu können. Weniger erfolgreich stellte sich die Rekonstruktion der bauzeitlich innenräumlichen verwendeten Beleuchtungskörper und Einrichtung dar, da diese über die Jahre verloren gingen und keinerlei fotografische Innenaufnahmen überliefert sind. Die aufwendige und im Detail verliebte Sanierung dauerte schließlich über drei Jahre und war im Sommer 2000 abgeschlossen. Heute sind die Räumlichkeiten in dem als Privatklinik genutzten Gebäude für Büro-, Verwaltungs- und Klinikbetrieb ausgerichtet und für insgesamt 18 Probanden- und Patientenbetten ausgelegt. Anhand der anerkennenswerten Leistung dieser detailliert ausgeführten Instandsetzung stellt sich das ehemalige Wohngebäude seinen Betrachtern heute als markant schöne Leistung des Neuen Bauens im Stadtbild der Saalestadt dar. Es ist vor allem der an klassisch moderner Architektur interessierten Familie Metzner zu verdanken, dass das Gebäude der Nachwelt in diesem exzellenten Zustand erhalten blieb. Heute steht das Gebäude unter Denkmalschutz. Das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt charakterisierte den „zwei- bis dreigeschossigen, kubischen Putzbau mit Flachdach und Klinkerbändern [als] qualitätvolles Beispiel des Neuen Bauens“863 und nahm ihn folglich in das Denkmalverzeichnis der Stadt Halle auf. 3.5.2 Vertiefende Gedanken zum Gebäude Die nahezu zeitgleich entstandenen Wohngebäude der Familien Paris und Bennewiz zeigen offenkundig deutliche Parallelen an Gestaltung und Entwurfskonzept, obwohl für ungleiche Bauherren entworfen und errichtet. Beide Architekturen wählten einen additiven Duktus der Baumassenformung, verwendeten ähnliche, selbst in den überwiegenden Detailausformungen gleiche Materialien und zeigen sogar in der Raumprogrammumsetzung Analogien. Für die Grundrissführung und -organisation ließen die Architekten abermals die Erkenntnisse der wilhelminischen Zeit mit einfließen. Es gibt so gut wie keine verschachtelten oder mehreckigen Räume, vielmehr Raumfolgen mit großzügigen Verbindungstüren, die in ihrer Ausstattung einen herrschaftlichen Eindruck hinterließen. 863 Brülls/Honekamp 1996, S. 121. 369 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Abb. 3.5-19: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Straßenfront. Die Aufnahme entstand 2007. Abb. 3.5-20: Wohnhaus Paris in der Ernst-Grube-Straße 24 in Halle, erbaut 1930, Straßenfront. Die Aufnahme entstand 2007. 370 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Als entwurfsverfassendem Architekten gelang Wilhelm Facilides mit dem Gebäude nochmals eine Weiterentwicklung zum sachlich Funktionalen des Neuen Bauens. Es stellt außerdem den Abschluss der baulichen Auseinandersetzung mit den Entwurfsprinzipien dieser Epoche innerhalb der Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides dar. Einer mittig betonten Fassadenphysiognomie für das Haus Dr. Bennewiz zur Straßenseite folgend, ging Facilides mit dem Projekt für den Kaufmann Paris einen Schritt voran. Er griff den Grundsatz der kompositorischen Romantik der geschickt arrangierten Gartenfassade des Kallmeyer-Projekts auf und legte für seine Schaufassade ähnliche Maßstäbe fest. Offenkundig war eine ausgewogen harmonische Fassadengestaltung in Baumassenordnung und Fensterverteilung der Straßenseite wichtiger als der nüchterne Ansatz, sämtliche Gestaltung aus der inneren Funktion heraus abzuleiten. So weit ging es bei Kallmeyer und auch Facilides nicht, zumindest bei den Schauseiten der Gebäude. Ferner erreicht das Arrangement different proportionierter Kuben eine geschickte Gliederung, die es erlaubt, nicht ausschließlich auf die Perspektivwirkung zu gründen. Vielmehr sucht gerade dieses Gebäude in seiner sachlich nüchternen Gestaltung nach klassisch zentral orthogonalen Sichten, die das letztlich harmonische Fügen von Kuben in der Zweidimensionalität offenbaren. Ganz anders stellt sich die Gartenfassade des Wohnhauses Paris dar. Eindringlich folgt hier die Gestaltung in der Kubaturausformung den Funktionen und Raumaufteilungen hinter der Fassade, zumal sich in differenzierten Formaten eine vertraut aufgelockerte Fensterverteilung offenbarte. Herauszustellen ist jedoch, dass Facilides sein Fassadenkonzept für das gesamte Wohngebäude aus der Baumassenbildung heraus abgeleitet sowie seine Architektur ausschließlich mit scharfkantigen Elementen gebildet hat. Während Kallmeyer das rundbogige Element für die Grundriss- und Kubaturformung benötigte, verzichtete Facilides im Rückgriff auf Orthogonalität darauf gänzlich. Daher fand sich keine Rundung, kein Bogen an oder in dem Gebäude und unterstreicht auf diese Weise abermals bemerkenswert seine Kompositionsmethodik. Kallmeyer & Facilides zeigen mit den Wohnhäusern für Dr. Bernd Bennewiz und nicht zuletzt fortgesetzt für Bruno Paris eine nachdrücklich moderne Entwurfshaltung. Ihre sachliche Wohnhausarchitektur präsentiert sich im Stadtgefüge Halles dementsprechend restlos profiliert und zeigt Julius Kallmeyer und Wilhelm Facilides zum Ende der 1920er und Anfang der 1930er Jahre als außergewöhnliche Vertreter des Neuen Bauens. 3.5.3 Einordnung in das Gesamtschaffen Die ab 1927 einsetzende Periode einer werkschaffend sachlich modernen Baukunst der Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides folgte damit verhältnismäßig spät dem Anspruch der Neuen Sachlichkeit, was sich jedoch sowohl im lokalen als auch landesweiten Vergleich als nicht ungewöhnlich darstellt. 371 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Im Ergebnis zeigt nunmehr das Wohnhaus für Familie Paris den nachvollziehbar klarsten Ansatz der sachlichen Architektur für Kallmeyer & Facilides. Es steht im Zuge seiner Fassadengestaltung, anders als noch das Wohnhaus für Familie Bennewiz, weniger in der Tradition klassischer Villenbauten des 19. Jahrhunderts. Vielmehr geht es direkt durch seine asymmetrischen Formungen in Kubatur in Opposition solcher Entwürfe. Gleichzeitig bedeutet diese uneingeschränkte Hinwendung zum Neuen Bauen eine Offenbarung an Bekanntes und Wiederholtes. Somit kann es in seiner Schlüsselstellung als ein Hauptwerk der Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides bezeichnet werden. Kubische, additiv verputzte Baumassen, Terrassierungen und auskragende Dachplatten bedeuteten keinesfalls ein Alleinstellungsmerkmal für die Architektur des halleschen Baubüros. Im stadt-, selbst landesweiten Vergleich verweist das eigentliche Formenrepertoire in seiner nüchtern sachlichen Architektursprache auf ähnliche Aufgabenstellungen und Entwürfe zeitgenössischer Architekten. Die Leistung der Architekten Kallmeyer & Facilides besteht vielmehr zweifelsohne darin, dass sie es innerhalb eines kleinen, aber durchaus stark umkämpften Marktes binnen weniger Jahre geschafft haben, verschiedenste Bauherren für ihre gestalterischen Lösungen des Neuen Bauens zu überzeugen. Der ohnehin magere Bestand privater Wohnbauten in den Formen des Neuen Bauens in Halle an der Saale ist somit nachhaltig durch die Architekturen der Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides geprägt. 372 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne 4 Resümee und Schlussbetrachtung 373 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Es erscheint erstaunlich, wie sich die Spuren von Julius Kallmeyer und Wilhelm Facilides verwischt haben. Immerhin gehörten die halleschen Architekten seinerzeit zu den am meisten geachteten Baumeistern in der Saalestadt. Das dargelegte, ungewöhnlich umfangreiche Werk durchströmt, ausgehend von Gestaltungslösungen des Historismus über den Heimatstil und die Reformarchitektur, die Bandbreite der Anfänge des Neuen Bauens in den 1920er Jahren bis zum Ende der baukünstlerischen Avantgarde Anfang der 1930er Jahre. Scheinbar stellte diese Entwicklung ein „notwendiges Durchgangsstadium für die Mehrzahl der modernen Architekten“864 dar. Mit weit über 100 Bauten und Projekten, allein während des gemeinsamen Zeitabschnitts, zählen Kallmeyer & Facilides damit heute als überdurchschnittlich viel beschäftigt. Addiert man die Projekte der Früh- und Spätwerke hinzu, arbeiteten die Baumeister während ihrer Karrieren an ca. 200 Vorhaben kleinsten bis größeren Ausmaßes. Trotzdem erforderte es 130 Jahre nach den Geburts- und 50 Jahre nach den Todestagen einige Fantasie und Mut, sich angesichts der lückenhaften Fakten und überlieferten Bruchstücke der Thematik des Lebens und Werks der Architekten zu nähern. Beide Persönlichkeiten hinterließen keine direkten Äußerungen, keinen direkten sprachlichen Beleg für ihre Ideologie, keine Tagebücher oder private Aufzeichnungen. Selbst das zeitgenössische umfangreiche Projektarchiv wurde 1945 – wie sämtliche Räumlichkeiten des Baubüros – unwiederbringlich zerstört. Lediglich die Dokumentationen der eingereichten Bauten in den verschiedensten mitteldeutschen Archiven und die selten rekonstruierten Bauten gaben schließlich den erhofften Zugang zum architektonischen Gesamtwerk. Weniger erfolgreich waren die Bemühungen um die grafische und malerische Hinterlassenschaft der Baumeister. So konnte zumindest für Facilides ein deutlich lückenhafter Katalog erarbeitet werden. Sämtliche künstlerischen Werke Kallmeyers sind verschollen. Die Jahre 1925 bis 1932 gehörten zu den erfolgreichsten der Architektengemeinschaft. Neben den alltäglichen Aufgaben eines Architekten für private Bauherren widmeten sie sich öffentlichen Bauvorhaben und großen Wettbewerben. Ungewöhnlich zahlreiche Konkurrenzen konnte das Baubüro in der Summe für sich entscheiden oder zumindest einen der Preise erringen – sie schienen sich in diesem Metier wohlzufühlen. Beide lösten sich zunächst zaghaft von den expressionistischen Gestaltungsmitteln, die sie Anfang bis Mitte der 1920er Jahre für ihre Architektur entdeckt hatten. Dieser Umstand verklärt sie nicht etwa zu späten Modernisten. Vielmehr erprobte die Architektengemeinschaft unterschiedliche Formulierungen der Elemente des Neuen Bauens an ihren Bauten und entwickelte sie zu ihrer persönlichen Gestaltungsauffassung heraus. 864 Dolgner 1999, S. 5. 374 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Kallmeyer & Facilides erwiesen sich als Meister der geordneten Grundrisse. Es muss festgestellt werden, dass sich mit diesem ersten Schritt in der funktionalen Gesamtkonzeptfindung nahezu alles Weitere ableitete. Im Einklang ergänzten sich landschaftsplanerische, städtebauliche, bauherrenseitige und sonstige Parameter, die jedem Entwurf seine eigene Ausdruckskraft gaben. Somit gleicht in dem weiten Repertoire kein Projekt dem anderen. Neben den asymmetrischen Schichtungen kubischer Elemente von Wilhelm Facilides kombinierte Kallmeyer in diesen Jahren gern differenzierte Grundkörper zu einer Baumasse. Gleich blieb beiden Architekten das Farbempfinden, welches sich über die jahrelange Zusammenarbeit heraus entwickelt hatte und sachlichen Regeln folgte. Während die äußere Erscheinung durch ihre materialeigenen Farbigkeiten oder in gestrichenen grünen Putzfassaden wirkte, ließen die Architekten den Innenraum in vielfältigsten Pastellfarben streichen und kombinierten Ausbaumaterialien, wie Linoleum oder Feinsteinzeug, entsprechend den thematisiert angelegten Räumlichkeiten. Dass sämtliche auf dem Höhepunkt des Schaffens entstandene Architektur ausschließlich „sachlich“ oder „modern“ geprägt war, ist eindeutig zu verneinen. Sicher erwogen Kallmeyer & Facilides im Anbeginn des Entwurfes zunächst ihr persönliches Idealmaß der Architektur an erster Stelle, das durch verschiedenste, zumeist Bauherrenzwänge im Laufe der Durcharbeitung restrukturiert wurde. Eine monodimensionale Fokussierung in die Richtung, dass ausschließlich eine den hinlänglich bekannten „sachlichen“ Maßstäben entsprechende Architektur nur dann modern sei, wenn diese auch unverfälscht zur Anwendung käme, kann als Klischee sowohl für das Werk Kallmeyers & Facilides´ als auch der gesamtdeutschen Architektenschaft verneint werden. Vielmehr orientierten sich die Architekten mit Sicherheit an publizierten Entwürfen bekannter Architekten und erreichten durch persönliche gestalterische Vorlieben eine ureigene Anschauung, welche wiederum zu einem bemerkenswert breiten Spektrum der klassisch modernen Architektur der 1920er Jahre in Deutschland führte. Der mittlerweile zur Geschichte der modernen Architektur frühzeitig gehörende Versuch einer hierarchisierenden Kategorisierung in Groß- und Kleinmeister der modernen Avantgarde kann nicht ausschließlich richtig sein.865 Mit zunehmender zeitlicher Entfernung ist es daher adäquat, einen genaueren Blick auf die Moderne zu wagen und die etablierte Hierarchie zu hinterfragen. Das Dilemma des mangelnden Verständnisses für die einzelnen Leistungen der Architekten ist somit aktueller als je zuvor. Repräsentieren doch Namen wie Wilhelm Riphahn in Köln, Karl Schneider in Hamburg, Hubert Ritter in Leipzig oder eben Kallmeyer & Facilides in Halle die 865 Bereits 1932 schrieben Henry-Russell Hitchcock und Philip Johnsen von den vier Führern der modernen Architektur (Le Corbusier, Oud, Gropius und Mies van der Rohe) in ihrer Publikation „The International Style”. Nikolaus Pevsners „Pioneer of Modern Design“ erschien 1936 und erläuterte ebenfalls die Reihe der Großmeister. Schließlich führte Giedion mit „Time, Space and Architecture“ im Jahr 1941 zu dem kanonisierenden Umstand, das die moderne Architektur anhand einer begrenzten Auswahl an Architekten vorstellte. 375 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Stationen einer sachlich geprägten Architekturauffassung und gehören damit zu den Architekten, die heutzutage nur noch im lokalen Raum – letztendlich als vergessene Repräsentanten der Moderne in der Stadt – die Beachtung einer architekturhistorisch interessierten Minderheit finden. Arbeitet man abschließend den Stellenwert der Architektengemeinschaft innerhalb ihres Berufsstandes heraus, wird man am ehesten dem Phänomen Kallmeyer & Facilides gerecht, indem eine vergleichende Betrachtung der lokal erreichten Leistungen zur architektonischen Moderne, gemessen an ihren ungleich bekannteren städtischen Fachkollegen wie Wilhelm Ulrich,866 Alfred Gellhorn,867 Martin Knauthe,868 Paul Thiersch869 oder Hermann Frede,870 vorgenommen wird. Links: Abb. 4-1: Martin Knauthe und Alfred Gellhorn: Bürohaus Sernau in der Forsterstraße 29 in Halle, erbaut 1921–1922. Rechts: Abb. 4-2: Wilhelm Ulrich und Gustav Wolff: Kaufhaus Huth am Markt in Halle, erbaut 1928. Sowohl Gellhorn als auch Knauthe, beide bekennende Modernisten (Abb. 4-1), besaßen ihr gemeinsames Architekturbüro allerdings nur fünf Jahre bis 1926 in der Saalestadt und erreichten durch den Bürohausneubau in der Forsterstraße in Halle ein frühzeitig beachtetes Werk der Moderne. Prof. Paul Thiersch, Leiter der Kunstgewerbeschule an der Burg Giebichenstein in Halle und ebenfalls frühzeitiger Baumeister der Avantgarde, konnte sich kaum mit gebauten Resultaten durchsetzen und verstarb bereits 1928, ohne ein Gebäude in Halle hinterlassen zu haben (Abb. 4-3). Hermann Frede genießt zwar in der jüngeren Vergangenheit 866 Vgl.: Klug 2008. Vgl. für Gellhorn: Bußmann 2003. 868 Vgl.: Herrmann 1999. – Scharfe 1979. 869 Vgl.: Fahrner 1970. 870 Vgl.: Lipsdorf 1998. 867 376 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne wie auch die Brüder Föhre, Wilhelm Ulrich (Abb. 4-2) und Richard Schmieder (Abb. 4-4) vermehrtes Interesse, doch gilt gerade Frede als verhalten moderner Traditionalist. Abb. 4-3: Paul Thiersch: Stadthalle und Universität in Halle-Cröllwitz, entworfen 1925. Links: Abb. 4-4: Richard Schmieder: Wohnhaus am Habichtsfang 13 in Halle, erbaut 1928. Rechts: Abb. 4-5: Erich Mendelsohn: Kaufhaus Benjamin und Brummer in der Großen Ulrichstraße 22–25 in Halle, entworfen 1929. Punktuell nahmen sich darüber hinaus bekannte Architekten baukünstlerischer Problemstellungen privater und öffentlicher Bauherren an. Für Erich Mendelsohn ist ein nicht ausgeführter Kaufhausentwurf dokumentiert (Abb. 4-5), Otto Rudolf Salvisberg baute eine sachlich kubische Villa (Abb. 4-6) und Hans Wittwer entwarf in Zusammenarbeit mit Erich Consemüller ein Doppelwohnhaus in Halle (Abb. 4-7). Weniger als eine Handvoll Bauten erreichte auch die international bekannte Architekturelite in der Saalestadt nicht. Gleichwohl zeigt sich die architektonische Moderne innerhalb der Stadtlandschaft Halles als punktuell vorhanden und in ihrer Gestaltung qualitätvoll differenziert. So lässt sich feststellen, dass die Architektur der klassischen Moderne vorwiegend durch lokal ansässige Architekten über die Stadtfläche geprägt wurde – so auch in beträchtlichem Maße durch Kallmeyer & Facilides. 377 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Worin bestand aber nun das Erfolgsrezept der Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides? Widmet man sich im Einzelnen den Belangen, welche die Architektengemeinschaft zu ihrer Leistung führte, können verschiedene Themenkomplexe herausgearbeitet werden. Links: Abb. 4-6: Otto Rudolf Salvisberg: Wohnhaus im Kirschbergweg 12 in Halle, erbaut 1929–1930. Rechts: Abb. 4-7: Hans Wittwer und Erich Consemüller: Doppelwohnhaus im Kirschbergweg 27/29 in Halle, erbaut 1930–1934. Anhand umfassender architektonischer Projekte, wie den Wettbewerben für eine Stadthalle auf dem Lehmannsfelsen in Halle oder dem Tuberkulosekrankenhaus in Harzgerode, lässt sich erkennen, dass sie größten Wert auf die Entwicklung eines übergeordneten Konzepts legten. Dabei spielten landschaftliche Gegebenheiten ebenso eine Rolle wie das städtebauliche Umfeld, das vorgesehene Raumprogramm, die besonderen Eigenarten und Wünsche des Auftraggebers. Kallmeyer & Facilides vermochten mit geradezu spielerischer Leichtigkeit die geforderten Räume in oft geometrischen und symmetrisch angelegten Grundrisslösungen zu strukturieren. Sie bevorzugten während ihres Schaffenshöhepunktes Ende der 1920er Jahre die klar ausgeformte, massive und allseitig geschlossene Baumassenstruktur, die über dem exakt gedachten und bei öffentlichen Gebäuden häufig symmetrischen Grundriss entstand. Das daraus resultierende Ordnungssystem von Axialität, Symmetrie und zuweilen Asymmetrie erstreckte sich zunehmend auch auf die kleineren Privatvorhaben. Ihre gestalterischen Motive im Detail suchten die Architekten in der Durchbildung des Sockels als Bindeglied zu weiteren Elementen sowie in Baumassenöffnungen, die aus ihrer konstruktiven und funktionellen Ordnung heraus ergänzt wurden. Sparsam verwendeten Kallmeyer & Facilides sonstige Architekturglieder wie Säulen, Pilaster oder Verdachungen. Wenn, dann gaben die verwendeten Materialien, überwiegend der Klinker, die Möglichkeit einer reduzierten Ornamentik. Der ganzheitliche Anspruch einer einheitlichen Gestaltung findet sich daraus ableitend bei einer Vielzahl der geplanten Außenanlagen privater und öffentlicher Projekte. In baukünstlerischer Einheit des Gesamtprojekts entwickelte sich darüber hinaus die Lösung der entsprechenden Einfriedung. Betrachtet man resümierend und ungeachtet aller wiederholten Zwangslagen der Wirtschaftlichkeit, bauordnungsrechtlicher Belange oder bauherrenseitiger Einschränkungen an Entwurf, Aufstellung und auch Durchführung der Projekte die Architektengemeinschaft 378 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Kallmeyer & Facilides, bleibt in ihrer Arbeit die unmissverständliche Konstante der ständigen Orientierung in die gestalterische Zukunft präsent. Zwar erlaubten zuweilen Rückgriffe auf gekannte architektonische Muster Gestaltungsgrundsätze zu beeinflussen, die dann aber wiederum in ihrer gestalterischen Durchbildung konterkariert wurden und zu eigenwillig Neuem führten. Man begegnet diesem Motiv bei einer Vielzahl der gemeinsam durch Julius Kallmeyer und Wilhelm Facilides betreuten Bauten und über die unterschiedlichen Gestaltungsperioden hinweg, während sich dieser Prozess sowohl in Grundriss, Aufriss als auch Detail verdeutlichen konnte. Die drei innerhalb der Analyse vorgestellten Bauten legen im näheren Studium diesen Entwurfsund Gestaltungsgrundsatz dar, der sich als eigentliche ideelle Konstante der architekturtheoretischen Auffassung der Protagonisten zeigt. Während das Kaufhaus Schnee in Form von Rezitation Mendelsohnscher Detailausbildung die Fassadenentwicklung aufgreift, nimmt das Wohnhaus für Dr. Bennewiz den mittenbetonten Treppenturm in neoklassizistischer Anordnung für seine Gestaltbildung auf. Nicht zuletzt können auch in den Grundrissen der Wohnhäuser Dr. Bennewiz und Paris Abbilder klassischer Raumfolgen herrschaftlicher Villen des 19. Jahrhunderts entdeckt werden. Maßgeblich kennzeichnete zudem jede dieser Baumaßnahmen die spezifisch neu arrangierte Formenwelt des Neuen Bauens. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass Kallmeyer oder Facilides nie zu gestalterischen und architekturtheoretischen Problemfeldern der Zeit Stellung nahmen. Beide waren keine Theoretiker, die ihre Erkenntnisse der Bauaufgaben zu einer übergeordneten architekturtheoretischen These zusammenfassten. Somit kann abschließend kein erkennbarer Stil im Œuvre der Architektengemeinschaft Kallmeyer & Facilides ausgemacht werden, vielmehr verlangt das weder ausgesprochene noch aufgeschriebene architekturtheoretische Bekenntnis beider Architekten aus seinem natürlichen Typus heraus nach der Definition eines resorbierenden Neuen Bauens, das Historisches und Neues miteinander vereint. Die anhaltende Fülle an Bauaufgaben der Architektengemeinschaft, die sich über drei politisch grundsätzlich verschiedene Systeme hinweg entwickelte, zeigt offenkundig die Anpassung von Julius Kallmeyer und auch Wilhelm Facilides an Gesellschaft, Politik und Bauherren. Das berufliche Bestehen der Architekten im Kontext dieser differenzierten zeitgeschichtlichen Situation deckt eine Entwicklung aus den äußeren Umständen heraus auf. Das betraf nicht nur die politisch dem System angepasste und somit wechselnde Orientierung, die bei beiden Architekten eindrucksvoll zu einer kritischen Charakterisierung ermahnte. Sie waren gesellschaftlich anerkannt und geschäftlich weitreichend verknüpft, was wohl letztlich durch ihre veränderte politische Ausrichtung notwendigerweise auch dazu führen sollte. Trotzdem gelten beide Baukünstler nicht als der politischen Ideologie verfallen. Lediglich verhielten sich Kallmeyer und Facilides politisch korrekt, um bauen zu können. Vielmehr offenbart die gestalterische Entwicklung, ausgehend vom Kaiserreich über die Weimarer Republik bis zur Diktatur des Nationalsozialismus, ein ständiges Suchen, Begutachten, 379 Kallmeyer & Facilides eine Architektengemeinschaft im Kontext ihrer Entwicklung von konservativen Gestaltungstendenzen zur Baukunst der Moderne Anwenden und Verwerfen anerkannter Gestaltungstopoi der jeweiligen Epochen. Bedenkt man, dass die Architekturkarrieren im frühen 20. Jahrhundert begannen, ist im Lebenswerk der Baukünstler eine erstaunliche Entwicklung zu verzeichnen. Beiden Architekten soll daher dieses Moment der Selbstfindung im Kontext ihrer Entwicklung zu einer „gemäßigten Moderne“ zugestanden sein. Sie waren keine frühen „Modernisten“, gehörten aber dennoch zu den leistungsfähigen sowie zeitgenössisch beachteten Gestaltern im Raum Halle und wirkten nachhaltig umweltprägend. Dennoch trat die Architektur aus dem nationalen Baugeschehen jener Jahre nicht hervor. Es ist eine Tatsache, dass Julius Kallmeyer und Wilhelm Facilides bisher wenig im Sinne der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung berücksichtigt wurden. Merkwürdigerweise reflektierte die hallesche Öffentlichkeit beide, trotz des beachtlichen Umfangs ihrer baulichen Leistungen in der Saalestadt, bis heute ebenfalls kaum. Das Bild, welches diese Dissertation vom individuellen Weg sowohl Kallmeyers als auch Facilides’ entwirft, ist somit differenziert angelegt und präsentiert erstmals eine breit angelegte Forschung zu beiden Persönlichkeiten. Blickt man auf das Ausgeführte zurück, konnte dennoch keine umfassende Sicht auf die Baukünstler erreicht werden. Offenkundig deckt die unbefriedigend große Lücke der Forschung zu Julius Kallmeyer und Wilhelm Facilides Fehlendes oder Verschollenes auf. So lassen sich lediglich aus dem Gebauten heraus skizzenhaft ihre Denkweisen und architekturtheoretischen Ideale entwickeln. Ferner kann durch die unzulängliche Überlieferungssituation, verursacht durch die Projektarchivzerstörung des Geschäftshauses am 6. April 1945, keine abschließende Aussage zum Umfang des künstlerischen und architektonischen Werks gegeben werden. Dass für die Analyse lediglich drei zeitlich eng aufeinander folgende Bauten der 1920er und 1930er Jahre herangezogen wurden, soll keinen Versuch begründen, Kallmeyer & Facilides zu ausschließlichen Protagonisten des Neuen Bauens zu verklären. Vielmehr stellten sich die Gebäude bei näherer Untersuchung als die maßgeblich gebauten Hauptwerke der Werksgeschichte heraus. Gleichwohl erweisen sich daher Kallmeyer & Facilides als Architekten, die einen anerkennenden Platz in der Baugeschichte der klassischen Moderne einnehmen. Doch sollte künftig gerade zum besseren Verständnis der wenig überlieferten Projekte in der eigenständig frühen Werkphase beider Persönlichkeiten fortgesetzt nachhaltige Forschungsarbeit betrieben werden. Hierzu soll diese Dissertation der zu Unrecht vergessenen Baumeister und Künstler anregen. 380