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26. Dezember 1912.
DEUTSCHE MEDIZINISCHE WOCHENSOHIIFT.
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nur bei besonderem Marasmus auftrete, bedurfte schon auf
Grund solcher Mitteilungen der Einschränkung. Neuerdings habe
ich beobachten können, daß der Bacillus pyocyaneus auch
bei nicht hinfälligen Individuen gelegentlich im Blut nachweisbar werden kann und dabei rasch vorübergehende, septische Erscheinungen auslöst. Selbst - in Erweiterung meiner
früheren Mitteilungen - ohne dabei nennenswerte Agglutininproduktion zu veranlassen.
Pyoeyaneusallgemeininfektion kann somit sowohl aus
dem Nachweis der Erreger im strömenden Blute, wie auch
aus dem Auftreten spezifischer Reaktionsprodukte erschlossen
von Prof. Dr. Carl lilleneberger, Dirigierendem Arzt des
Stadtkrankenhauses in Zittau.
Mit Unrecht wird die Frage der Pathogenität des Bacillus
pyocyaneus noch immer ausführlich diskutiert (B aii mg arten,
Kolle - Hetsch, E. Fränkel, Wassermann u. a.). Nach
werden.
Das Erscheinen dieser ist vermutlich an Art und
Dauer der Infektion, vielleicht auch an individuelle Besonderheiten geknüpft. Die Literaturmeinung, daß die Pyocyaneusallgemeininfektion, insbesondere der Nachweis der Bakterien
im strömenden Blute, mit absolut infauster Prognose gleichbedeutend sei, mindestens das Bestehen schwerer chronischer
Sepsis anzeige (vgl. u. a. Publikation von Sudeck), bedarf
durchaus der Revision. Häufigere bakteriologische Blutunter-
den vorliegenden, kritisch gesiehteten klinischen und anato- suchungen - darin möchte ich vollkommen R o li y beipflichten
mischen Mitteilungen darf man nicht mehr daran zweifeln, vor allem aber auch bei kürzerdauernden, selbst interkurrenten
daß das Bacterium des blauen Eiters nicht nur lokale, sondern Fieberattacken, dürften u. a. auch unsere Kenntnisse über die
gelegentlich auch allgemeine Infektionen auslösen kann. Da- von Bacillus pyocyaneus gesetzten Allgemeininfektionen erbei sind Mischinfektionen, meist mit Eitererregern, und au s - weitern.
Meine nachstehend in extenso mitgeteilte neue Kasuistik
schlie ßlich durch den Bacillus pyocyaneus veranlaßte linfektionen zu unterscheiden. Nach der vorliegenden Kasuistik ist auch dadurch bemerkenswert, daß die Blutinfektion (wahrhandelt es sich in der Regel um Invasion der Bakterien scheinlich vom Integument aus) auf dem Wege über die Niere
in bereits vorher durch langwierige Eiterungen, Gastro-In- erfolgte, eine Invasionspforte, die Fränkel zu unrecht nicht
testinalkatarrhe, Tuberkulose etc. geschwächte Individuen. recht gelten lassen will. 11m Gegenteil, Allgemeininfektionen
Der Verbreitung und der saprophytischen Lebensweise der durch Bacillus pyocyaneus, aufsteigende Harninfektionen also,
Bakterien entsprechend, kommt als Eintrittspforte gewöhnlich und IJebertritt der Mikroben in den Kreislauf bei nicht dedas Integument in Frage (Erosionen, Geschwüre, Wundhöhlen krepiden Individuen dürften nach dieser wie meiner früheren
etc. ) . So werden denn die mitgeteilten Allgemeinirifektionen Publikation garnicht so selten sein, wie man bislang angegemeinhin als von der Haut bzw. von der äußeren Schleim- nommen hat.
Ernst B., 47 jihriger Privatier. Aufnahme am 28. September
haut aus entstanden aufgefaßt (de la Camp, Rolly, Sudeck).
Daneben dürfte als Eintrittspforte mehr indirekt die Schleim- 1912, Entlassung am 19. Oktober 1912. Seit der Kindheit dysurisehe
mit blutigem
haut des Intestinal- und Respirationstraktus in Frage kommen Beschwerden, seit acht Jahren zeitweilig Nierenkoliken
vor zwei Jahren
(Frnkel).
Wie oft freilich von anderen Stellen aus Allgemeininfektionen vermittelt werden, ist angesichts unserer noch
immer recht dürftigen Kenntnisse der Pyocyaneusinfektionen arbiträr (H fi be n e r). Nach meinen Beobachtungen
spielt der Harntraktus als Eingangpforte eine bisher niçht
genügend gewürdigte Rolle. Angesichts der außerordentlichen
Verbreitung des Bacillus pyocyaneus, seiner Anspruchslosigkeit gegenüber den Nährböden, sowie der Wachstumsenergie dieser Mikrobien bedarf die Diagnose der Pyocyaneusinfektion besonderer Skepsis. Kritischer Prüfung halten deshalb die meisten Literaturmitteilungen - es gilt dies insbeson-
dere für ältere Berichte
nicht stand (A. Wassermann).
Nach Fränk el berechtigt nur der kulturelle Nachweis der
Bazillen im strömenden Blute absolut sicher zur Diagnose der
Pyocyaneus-Allgemeininfektion. Diese Beschränkung auf den
Blutnachweis der Bakterien ist nach meinen Erfahrungen
nicht richtig. Auch der Nachweis von spezifischen Reaktionsprodukten der infizierenden Bakterien, insbesondere die Feststellung hoher spezifischer Agglutination gestattet die sichere
Diagnose der Allgemeininfektion. Ich wenigstens habe dabei
wiederholt feststellen können, daß entsprechend den klinischen
Erscheinungen Agglutininbildung von bemerkenswerter Höhe
(in zwei Fällen 2560, in einem weiteren Falle 40 960!) eintreten kann. Die von Voss angegebenen niedrigen Werte
habe ich analog der Wassermannschen Kritik bei anderen
Autoren beanstandet. Um so eher, weil normal Agglutinations-
werte bis 1: 40 sich gewöhnlich finden, und angesichts der
Tatsache, daß im Tierversuch sich leicht sehr hohe Agglutininwerte erzielen lassen. Auf Grund solcher Feststellungen,
daß bei Pyocyaneusinfektionen Immunitätsreaktionen sich ausbilden können, habe ich angeregt, zwischen Pyocyaneus saprophytie und -Infektion zu unterscheiden. Meine Beobachtungen berechtigen jedenfalls dazu, die Prognose der
Pyocyaneusinfektion nicht so ungünstig aufzufassen, wie es
gemeinhin geschieht. Auch die in der Literatur sich widerspiegeinde Anschauung, daß die Pyocyaneusallgemeininfektion
Ham, röntgenographisch Nierensteine festgestellt,
linkseitige Nephrotomie, Entfernung einiger Steine, bleibende dysurische
Beschwerden, stinkender, trüber Ham ; neuerliche Röntgenaufnahmen
zeigen beiderseits eine Reihe kleinerer Steine der Nierenperipherie.
Seit vier Wochen Husten, eitriger Auswurf, die ersten Tage Fieber.
Die letzten Tage Appetitmangel, Durchfälle.
Bei der Aufnahme: Mittelgroßer, mäßig muskulöser, mäßig erAuffallende vasomotorische Erregbarkeit Linkseitige
Nephrotomienarbe, linkseitige Varicocele, Vergrößerung der linken
Prostata. Rechte Schulter etwas hoch stehend, keine sichere Dämpfung.
Sehr verbreitet, besonders rechts, grobe bronchitisehe Geräusche, kleinblasiges Rasseln, besonders im rechten Unterlappen. Eitriges Sputum,
nährter Mann.
etwa 30 cem pro die, das massenhaft Pneumokokken, keine Tuberkelbazillen (Antiformin) enthält (kulturell ausschließlich Pneumokokken).
Frisch gelassener Ham triibe, Spur Albumen, im Sediment spärlich Eiter,
massenhaft Staphylokokken (kulturell Staphylococcus aureus). fib.
75%, R = 4,573 200, W = 8750 (Ly 33%, Po 612/3%, Ba 2/3%
Eos 31/3%, Mo und Uebg. lz %). Stuhl ohne Besonderheit, Skrotalekzem.
Im Krankenhause: Unter Umschlägen, Lichtbädern, Expektorantien Abnahme von Katarrh und Sputum, Verschwinden der
krankhaften Erscheinungen von seiten des Verdauungstraktus. Ständige
Apyrexie. Am 8. Oktober - Patient war bereits außer Bett - SchüttelLebhaftes Krankheitsgefühl, Anorexie, Kopfschmerzen.
frost, 40,2
Klinischer Befund völlig ergebnislos (abgesehen von polynukleärer
Leukozytose). Sofortige Blutentnahme: In 15 cern Blut 15 Kolonien
von Bacillus pyocyaneus (4 Agarplatten, 2 Bouillon, 1 Galleröhrchen).
Am anderen Tage, 9. Oktober, noch dreimal Schüttelf röste mit Temperatur
bis 40,6 0, am 10. Oktober noch einmal Schüttelfrost mit Températur
39 0, dann Apyrexie, völliges Verschwinden des Krankheitsgefühis, der
Kopfschmerzen und Appetitlosigkeit. Neun Tage nach der Fiebrattacke Entlassung in gutem Aflgemeinzustande.
Bakteriologischer Nachtrag. Widalsche Typhusreaktion
dauernd negativ, Widal gegenüber Pyocyaneusbazillen am 10. Oktober
1: 20 +, am 15. Oktober 1: 40 +, am 19. Oktober 1: 40 positiv,
schwächer als am 15. Oktober. Urinuntersuchung am 14. Oktober
ergab im Original massenhaft Gram-positive Kokken, spärlich Gramnegative Stäbohen, Kultur überwuchernder Bacillus pyocyaneus (steril
eutnommener Ham). - Die morphologische und kulturelle Sputumuntersuchung ergab Pneumokokken. In dem Skrotalekzein, das ständig
von Urin berieselt wurde (Harrtträufeln, besonders nachts), Bacillus
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Allgemeininfektion durch Bacillus
pyocyaneus.
DEUTSCHE MEDIZINISCHE WOCHENSCHRIFT.
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pyocyaneus.
Nr. 52
Der aus dem Blute gezüchtete Stamm tötet noch nach
fünf Ueberimpfungcn in /lO Oese bei intraperitonealer Infektion ein
Meerschwein von 250 g in 20 Stunden. Bei der Autopsie findet sich
dünner peritonealer Erguß, suizige Verdickung des Peritoneums, Membranbildung auf Zwerchfell, Leber, Magen, Kolon, am Aufhiingeband
des Herzens, im Herzblut Bacillus pyocyaneus.
Der in Galle gezüchtete Stamm erfuhr eine erhebliche
Schädigung der Pigmentbildung (bisher inl8Fortzüchtungen).
Lit e r a tu r
A. Was s e r ma n n
Handbuch der pathogenen Mikroorganismen
von Kolle-Wassermann. - Kolle-Hetsch, Experimentelle Bakteriologie und
Infektionskrankheiten 1911. - De la Camp, Charitéannalen Nr. 28. - Rolly, Münchener medizinische Wochenachrift 1906, Nr. 29. - H üb ener, Diese Wochenschrift
1907, Nr. 20. - K llene berger, Münchener medizinische Wochenschrift 1907. Nr. 27,
Zeitschrift für lmmunitiltsforschung und experimentelle Therapie, 2. Juni 1900. P. Sudeck, Münchener medizinische Wocheaschrift 1909, Nr. 36. - Eugen Friinkel,
Zeitschrift für Hygiene und Infektionskrankheiten 1912, Nr. 72. - Weitere Literatur-
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angaben finden sich bei deC oben zitierten Autoren.
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