Von KulTobjeKT bis lebensreTTer

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KULTUR SKURRILE GERÄTE
Von KulTobjekt
bis Lebensretter
Automaten sind längst mehr als reine Kaugummispender
Vom Kaugummiautomaten aus der D-Mark-Zeit bis hin zum Hightech-Würstchen-Spender:
Freiburgs Automatenlandschaft ist bunt – und ziemlich skurril..
W
as haben ein Rumpsteak,
ein 26-Zoll-Fahrradschlauch
und eine sterile Spritze gemeinsam? All das gibt es in Freiburg
auf Knopfdruck – 24 Stunden am Tag,
sieben Tage die Woche. Die Automatisierung hat nicht nur die Industrie,
sondern auch das Straßenbild erfasst,
und an den Geräten gibt es fast nichts,
was es nicht gibt. Und auch der Automatenklassiker – der Kaugummi – ist
noch nicht ausgestorben.
Fotos: © tbr
Schweinereien
per Knopfdruck
Im Herbst heißt es am Automaten der
Metzgerei Pum im Stühlinger: Grillgut
raus, Rinderroulade im Glas rein. Der
heiße Sommer hatte für reißenden
Absatz am Automaten gesorgt, an
den meisten Sonntagen mussten Besitzer Jürgen Pum und seine Frau Angela Vogel-Pum mittags nochmal für
Nachschub sorgen. „Ich bin teilweise
mit dem Etikettieren gar nicht mehr
hinterhergekommen, so eine lange
Schlange war vor dem Automaten“, erzählt Vogel-Pum.
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Das Würstchen per Knopfdruck kommt
so gut an, dass manch einer selbst bei
geöffnetem Laden lieber den Automaten
mit Münzen füttert, als sich an der Theke bedienen zu lassen. Junge Menschen,
die Selfies vor dem Automaten schießen,
sind ein alltägliches Bild. Einige Kunden
kommen sogar von Waldkirch oder Ebringen angefahren, um sich ihr Grillgut zu
ziehen, weiß Plum zu berichten. „Der Automat ist mittlerweile ein Kultobjekt.“
Sein Erfolgsrezept: „Bei uns gibt’s Qualität aus dem Automaten. Wer ein Rumpsteak kauft, bekommt ein dry aged beef
und kein 0815-Fleisch von der Tanke.“
Schläuche
statt Glimmstängel
Auch wenn die Luft mal raus ist, gibt’s
Hilfe am Automaten. Fahrradschläuche
auf Knopfdruck bieten die Reifenhersteller Schwalbe und Continental an. Allein
von den blauen Schwalbeautomaten
– die sich auch per App orten lassen –
stehen in Freiburg und der näheren Umgebung 17 Exemplare. Schlauchwünsche
jeder Art werden hier erfüllt, für den
Platten gibt es Ersatz in sechs Sorten in
neun Größen.
Wo heute Schläuche gezogen werden, gab es einst Glimmstängel zu
kaufen: Die Idee, alte Zigarettenautomaten umzurüsten, wurde angeblich im Radhaus Freiburg geboren. Als
offizielle Erfinder gelten jedoch zwei
Kassler. Doch auch, wenn sich die Erfinderfrage nicht abschließend klären
lässt: Fest steht, dass das Radhaus einer der ersten Händler überhaupt mit
Schlauchautomat war, und der steht
auch heute noch vor dem Geschäft in
der Münchhofstraße.
Frisches
Frühstücksei
Wer auf seiner Radtour in Stegen-Wittnau östlich von Freiburg vorbeikommt, sollte unbedingt einen Abstecher zum Baldenwegerhof machen.
Hier gibt es den wohl außergewöhnlichsten Automaten der Region. Am
Eierautomaten von Landwirt Bernd
Hug kann man sich seine Eier direkt
unter dem Hintern der Henne wegziehen. Durch Klappen an der Stallwand kann der Käufer hineingreifen
und sich bedienen. Die Bezahlung erfolgt auf Vertrauensbasis.
KULTUR SKURRILE GERÄTE
Einen Probelauf des Automaten gab
es bereits vor einigen Jahren – und da
die Hühner in diesem Jahr fleißig gelegt haben, hat Hug den Automaten
wieder ins Leben gerufen. Es ist eine
Win-win-Situation: Der Bauer und seine
Mitarbeiter sparen sich das Einsammeln, Putzen und Sortieren, und für
die Käufer ist es ein Erlebnis: 40 bis 50
Eier wurden im Sommer am Automaten gezogen – pro Tag. Jetzt sind die
Klappen jedoch erstmal wieder dicht
– die tierischen Lieferanten machen
Winterpause.
High aber sicher
Es gibt jedoch auch Automaten, die
sind keine lustigen Spielereien, sondern
wahre Lebensretter: An den beiden
Spritzenautomaten in der Faulerstraße
und in der Nähe des Dreisam-Ufercafés
werden jährlich 6500 Spritzen verkauft.
„Der Bedarf ist da“, weiß Jeanette Piram, Leiterin der Drogenhilfe Freiburg,
„eigentlich bräuchten wir noch mehr.“
Doch für eine flächendeckende Versorgung in Freiburg sei kein Geld da,
zudem ist sich manch ein Bürgerverein
sicher, dass es in seinem Stadtteil kein
Drogenproblem gäbe. „Durch den Kontaktladen wissen wir, woher die Leute
kommen und sehen, dass auch in anderen Stadtteilen Bedarf ist“, weiß Piram
es besser.
Dabei sei die Akzeptanz der Automaten, die mit sterilen Spritzen die Übertragung von Krankheiten verhindern
sollen, ihrer Erfahrung nach hoch, die
meisten Menschen reagierten mit „positiver Neugierde“.
Beschwerden gebe es jedoch immer
wieder aufgrund des Fixermülls rund
um die Automaten – vor allem auf dem
Spielplatz in der Faulerstraße. Freiburgs
Müllwerker sammeln hier nicht die
herumliegenden Spritzen ein, das machen ehemalige Drogenabhängige des
Vereins „Sprungbrett“ und der Kontakt-
Zwölf
STunden
täglich
im Einsatz
für die
Automaten
laden, der mit seinen beiden 400-Euro-Jobbern nur den Bereich direkt um
die Automaten sauber halten kann.
Komplett Herr werden können sie dem
Fixermüll nicht. Piram: „Das ist ein Problem, das sich wohl nie lösen lässt.“
Plastikringe,
Glibbermonster
& Co.
Kaugummiautomaten sind Relikte aus
einer anderen Zeit und einige von ihnen sehen auch so aus: verschrammelt,
vollgekritzelt und verdreckt. So lässt
sich etwa in Freiburg-Hochdorf noch
ein Automat finden, der mit 50-Pfennig-Stücken gefüttert werden will
und nach Angaben der benachbarten
Metzgerei seit Jahrzehnten nicht mehr
nachgefüllt wurde.
Und doch sind die Automaten nicht
ausgestorben, denn es gibt sie noch –
die bunten Kauspaßspender, die regelmäßig gewartet und aufgefüllt werden.
Genaue Zahlen, wie viele von ihnen
Hauswände und Mauern in Deutschland zieren, gibt es nicht, der Bundesverband der Warenautomatenaufsteller schätzt 300.000.
Etwa 900 davon gehören Peter Kiedels. Der Rentner aus dem Maintal
betreibt seit 1968 Kaugummiautomaten von Basel bis Lahr. Einmal im
Monat tourt er durch die Region und
tauscht leere oder kaputte Geräte gegen funktionsfähige aus. Nach einer
Woche und bis zu 1200 Kilometern
kehrt er in seine Werkstatt zurück,
wo er sich an die Reparaturen macht.
Zwölf Stunden am Tag ist der 71-Jährige für die Automaten im Einsatz, teilweise auch am Wochenende. Um davon leben zu können, sei der Umsatz
zu gering – dafür bräuchte es laut
Kiedels mindestens zweieinhalbtausend Automaten. Doch um die Rente
aufzubessern reiche es allemal.
Vor allem, da die Nachfrage nach wie
vor da sei. Zumal, wenn das Angebot
stimmt – billige Plastikringe reichen
längst nicht mehr aus. „Für Preise bis
zu einem Euro muss man schon was
anbieten“, weiß Kiedels. Der beste
Platz: In der Nähe von Schulen oder bei
Lebensmittelgeschäften.
Ein Leben ohne Automaten kann er
sich – trotz Herzkrankheit – nicht vorstellen: „Solange ich mich bewegen
kann, werde ich mich um die Automaten kümmern.“
Tanja Bruckert
OKTOBER 2015 CHILLI 61
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