Freya von Moltke - Bayerischer Rundfunk

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Meine Geschichte
2. Frauen im Widerstand: Freya von Moltke
Ein Film von Henric L. Wuermeling & Karola von Raven
Beitrag: Volker Eklkofer & Simon Demmelhuber
Inhalt
Pläne für ein Deutschland
nach den Nationalsozialisten
Einer der wichtigsten Vertreter des
bürgerlichen Widerstands gegen
den Nationalsozialismus war Helmuth James Graf
von Moltke (19071945), der Urgroßneffe des legendären
Feldmarschalls,
der
1870/71 als preußischer Generalstabschef die Kriegsführung gegen Frankreich geleitet hatte.
dorff, der Pädagoge Adolf Reichwein, der Jesuitenpater Alfred Delp und der Gewerkschafter
Wilhelm Leuschner.
Moltke wurde im Januar 1944 verhaftet. Obwohl
Moltke wie viele andere Kreisauer Gesprächsteilnehmer nicht an der Planung des Attentats vom
20. Juli 1944 beteiligt war, verurteilte ihn der
Volksgerichtshof nach dem Bombenanschlag auf
Adolf Hitler zum Tode. Am 23. Januar 1945 wurde er in der Haftanstalt Berlin-Plötzensee erhängt.
Moltkes Frau gibt das Erbe
des Widerstands weiter
Zusammen mit seinem Freund Peter Graf Yorck
von Wartenburg organisierte Moltke Treffen von
Oppositionellen auf seinem Gut Kreisau in
Schlesien.
In der Sendung berichtet Freya von Moltke
(1911-2010), die seit 1931 mit dem Grafen verheiratet war, von der Entstehung des Kreisauer
Kreises. Sie erzählt von Moltkes Vorstellungen,
die von einer christlich-humanistischen Ethik
ausgingen, von seiner Haftzeit und von den Briefen, die er an sie schrieb und die sie später veröffentlichte.
Im Kreisauer Kreis sammelten sich 1942/43 Personen aus fast allen Lagern des Widerstands,
um grundsätzliche Fragen der Nachkriegsgestaltung Deutschlands und Europas zu besprechen.
Zu den Treffen kamen u. a. der ehemalige Abgeordnete der SPD im Reichstag Carlo Mieren-
In der Nachkriegszeit war Freya von Moltke eine
der "vergessenen Frauen des Widerstands",
doch sie wollte sich damit nicht abfinden. Ihrem
Bemühen ist es zu verdanken, dass Kreisau
nach dem Zerfall des Ostblocks als Ort der europäischen Verständigung wiederbelebt wurde.
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Fakten
Eine große Frau des Widerstands:
Freya von Moltke
Freya von Moltke,
geb. Deichmann, wurde
1911 in Köln als Tochter eines Bankiers geboren. 1931 heiratete
die Jura-Studentin den
vier Jahre älteren Helmuth James Graf von
Moltke, der zwei Jahre
zuvor seine juristische
Ausbildung abgeschlossen hatte. 1935 wurde
Freya von Moltke an der Berliner Humboldt-Universität zum Dr. jur. promoviert. 1937 kam der
erste Sohn Helmuth Caspar zur Welt.
Helmuth von Moltke, der Urgroßneffe des legendären "Siegers von Sedan" und Enkel des
Obersten Richters Südafrikas, Sir James Rose
Innes, arbeitete in den 30er Jahren als Anwalt für
internationales Recht in Berlin. Zugleich bewirtschaftete er das Gut Kreisau in Schlesien. Der
Graf hatte den hoch verschuldeten Familienbesitz 1929 übernommen und vor der Zwangsversteigerung bewahrt. Das adelstypische "herrschaftliche" Auftreten war ihm fremd. Er arbeitete eng mit den Bauern der Umgebung zusammen, das Dorf und das Gut bildeten eine Art Lebensgemeinschaft.
1939 wurde Moltke, der die NS-Herrschaft von
Beginn an ablehnte, als Sachverständiger für
Völkerrechtsfragen in das Oberkommando der
Wehrmacht (OKW) kriegsdienstverpflichtet. Seine Frau übernahm neben der Erziehung der beiden Söhne die Verwaltung des Gutes, die Kontrolle der Finanzen und die Ernteplanung. Im
OKW erlebte Moltke den "Blitzkrieg" gegen Polen hautnah mit. Entsetzt schrieb er im Oktober
1939 nach Hause: "Die Katastrophe rast auf uns
zu. Jetzt bin ich so weit, dass ich nicht mehr
sehe, was denn zwischen uns und dieser Katastrophe steht". Der Graf entschloss sich zum Widerstand.
In den Jahren 1942/43 veranstaltete Helmuth
von Moltke auf seinem Gut Tagungen von HitlerGegnern. Die feste Verwurzelung Moltkes in
Kreisau schützte den Grafen vor Denunziationen. Moltke wurde zum Kopf und "Antreiber" des
Kreisauer Kreises. Freya unterstützte die Widerstandsarbeit ihres Mannes und leistete Briefbotendienste, wohl wissend, dass sie sich in ständiger Lebensgefahr befand.
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Helmuth von Moltke wurde im Januar 1944 verhaftet, als er befreundete Widerständler des
Solf-Kreises vor einem Gestapo-Spitzel warnte.
Der Solf-Kreis
Hanna Solf, die Witwe des 1936 verstorbenen
Diplomaten Wilhelm Solf, scharte eine Gruppe
bürgerlicher Oppositioneller um sich. Dazu gehörten u.a. die christliche Pädagogin Elisabeth
v. Thadden und der katholische Priester Max
Josef Metzger. Mehreren politisch und rassisch
Verfolgten verhalf die Solf-Gruppe zur Flucht ins
Ausland. Als die Gestapo einen Spitzel in den
Solf-Kreis einschleuste, wollte Helmuth James
Graf v. Moltke einen der Freude Hanna Solfs im
Januar 1944 warnen. Dabei wurde er verhaftet.
Nach der Verhaftung ihres Mannes blieb Freya
von Moltke in Kreisau und versuchte den Besitz
zu halten. Das Gut und die dort lebenden Menschen – auch die Frau des nach dem 20. Juli
1944 hingerichteten Adolf Reichwein war in
Kreisau untergekommen - halfen ihr, die NS-Zeit
durchzustehen. Sie ging zu Roland Freisler,
dem Präsidenten des Volksgerichtshofs, und traf
sich mit dem Gestapo-Chef Heinrich Müller, um
sie von der Unschuld ihres Mannes zu überzeugen.
Aber das NS-Regime kannte keine Gnade, es
wollte seine Gegner vernichten. Müller erklärte
der jungen Frau: "Nach 1914/18 haben wir unsere Feinde am Leben gelassen, das passiert uns
nicht noch mal". Helmuth von Moltke wurde wegen Hochverrats zum Tode verurteilt und am 23.
Januar 1945 in der Haftanstalt Berlin-Plötzensee
erhängt.
1945 erlebte die Gräfin die russische und die polnische Besetzung Kreisaus. Versuche, sich mit
den neuen Herren zu arrangieren, scheiterten.
Im Oktober 1945 verließ sie mit den Söhnen Hel2
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muth Caspar und Konrad das Gut. Es gelang ihr
mehr als 1.600 Briefe ihres Mannes und die
schriftlichen Dokumente des Kreisauer Kreises in
Sicherheit zu bringen.
Aus Kreisau wurde das polnische Krzyzowa, auf
dem Gutsgelände entstand ein staatlicher Landwirtschaftsbetrieb.
Nach der Flucht aus Schlesien zog Freya von
Moltke nach Südafrika. Sie arbeitete in der Behindertenbetreuung und wurde Sozialarbeiterin.
1956 kehrte sie Südafrika den Rücken, im Apartheid-Staat wollte sie nicht mehr leben. Zurück in
Berlin, begann sie über den Kreisauer Kreis zu
publizieren. Unterstützung erhielt sie dabei u. a.
von Bundestagspräsident Eugen Gerstenmeier.
1960 zog die Gräfin in die USA, nach Vermont in
Neuengland. Wie viele Witwen des Widerstands
hat sie nicht wieder geheiratet.
Nach dem Ende des Ostblocks half Freya von
Moltke in den 90er Jahren, das Gut Kreisau zu
einem Ort der Verständigung umzuwandeln. Polen und Deutschland investierten knapp 30 Millionen D-Mark in die Renovierung des Anwesens.
1998 wurde die Internationale Jugendbegegnungsstätte Kreisau eröffnet.
Die Versöhnung zwischen Deutschen und Polen
war Freya von Molkte sehr wichtig. Als die umstrittene "Preußische Treuhand" 2004 ankündigte, die Rückgabe von Immobilien juristisch erzwingen zu wollen, unterschrieb die Familie von
Moltke sofort eine Verzichtserklärung.
Freya von Moltke starb am 1. Januar 2010 in
Norwich, Vermont.
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Nach der Niederlage der deutschen Wehrmacht
vor Moskau im Winter 1941 wurde jedoch vielen
Menschen, die die Nationalsozialisten zunächst
unterstützt und die Siege über Polen und Frankreich bejubelt hatten klar, dass die Zeit der "Blitzkriege" vorbei war und Hitler Deutschland an den
Rand des Abgrunds führte. Im deutschen Bürgertum begann sich Widerstand zu regen. Ein bekanntes Beispiel ist die Münchner Gruppe Weiße
Rose um Hans und Sophie Scholl, Christoph
Probst, Alexander Schmorell, Willi Graf und
Professor Kurt Huber. Die Weiße Rose produzierte, verteilte und verschickte ab 1942 Flugblätter gegen den Krieg und die Verbrechen der
Nazis. Nach der Vernichtung der 6. Armee bei
Stalingrad durch die Truppen Stalins rief die
Weiße Rose auch zum Sturz Hitlers auf. Im Anschluss an einen Versuch der Geschwister
Scholl, Flugblätter in der Münchner Universität
zu verteilen, wurde die Gruppe im Februar 1943
verhaftet. Hans und Sophie Scholl und Christoph
Probst wurden am 22. Februar 1943 hingerichtet,
Alexander Schmorell und Prof. Huber am 13.
Juli, Willi Graf am 12. Oktober.
Zur sich allmählich formierenden bürgerlichen
Opposition zählte auch ein Kreis von Juristen,
Wirtschaftsfachleuten, Theologen, Politikern und
Offizieren, die sich ab 1942 auf dem schlesischen Landgut Kreisau trafen und Pläne für den
demokratischen Wiederaufbau eines befreiten
Deutschlands entwarfen. Kopf des Kreisauer
Kreises war der Jurist Helmuth James Graf von
Moltke, Kriegsverwaltungsrat und Leiter des Völkerrechtsreferats der Abteilung Ausland im Oberkommando der Wehrmacht. Unterstützt wurde er
von seinem Freund, dem Beamten Peter Graf
Yorck von Wartenburg.
Zum Namen "Kreisauer Kreis"
Der Kreisauer Kreis
Die bürgerlichen Parteien und Organisationen in
Deutschland nahmen die Machtübernahme der
Nationalsozialisten ohne Auflehnung hin. Nur
Einzelpersonen leisteten Widerstand, organisierte Gruppen der bürgerlichen Opposition entstanden in den 1930er Jahren kaum. Eine Ausnahme
bildete der Kreis um den Versicherungsangestellten Peter Göttgens in München, dessen Mitglieder Flugblätter verfassten und verbreiteten. Einige Mutige versuchten Juden zu verstecken und
versorgten die Familien von Inhaftierten mit Lebensmitteln. Anwälte verteidigten Nazigegner vor
Gericht. Handlungsgrundlage dieser Menschen
war aber kein politisches Programm.
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Die Widerstandsgruppe um den Grafen Moltke
gab sich selbst keinen Namen. Die historische
Bezeichnung erhielt sie vom Sicherheitsdienst
der SS. Nach den Verhören im Anschluss an das
Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 fassten die
SD-Ermittler die Mitglieder der Moltke-Gruppe
unter dem Begriff "Kreisauer Kreis" zusammen.
Zu den Treffen des Kreisauer Kreises kamen u.a.
Carlo Mierendorf, ein ehemaliger Reichstagsabgeordneter der SPD, der Pädagoge Adolf Reichwein, der Jesuitenpater Alfred Delp und der
Berliner Staatsrechtsprofessor Hans Peters.
Auch der Gewerkschafter Wilhelm Leuschner,
der von 1929 bis 1933 SPD-Innenminister in
Hessen gewesen war, erschien zu den Ge3
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sprächsrunden. Daneben pflegte der Kreisauer
Kreis Beziehungen zu Theologen der Bekennenden Kirche und führenden Katholiken wie dem
Berliner Bischof Graf Preysing. Einige Kreisauer plädierten für eine Zusammenarbeit mit den
Kommunisten, was Molke, wie seine Frau Freya
im Film berichtet, jedoch wegen deren antidemokratischer Grundhaltung lange Zeit ablehnte. Bei
den Kreisauer Zusammenkünften überwanden
Gewerkschafter, Sozialisten und Konservative
jene ideologischen Gräben, die sie in der Weimarer Republik getrennt hatten. Es gelang ihnen,
sich auf konkrete Pläne für ein Nachkriegsdeutschland zu verständigen, die sich an Demokratie, Föderalismus, Gewissensfreiheit und
Gleichberechtigung der Völker orientierten.
Die Visionen der Kreisauer basierten auf einer
christlich-humanistisch geprägten Ethik. In ihrer
"Weisung an die Landesverweser" nannten sie
als Bedingungen für den Wiederaufbau Deutschlands geordnete Rechtsverhältnisse, eine christliche Erziehung und die Beteiligung einer "deutschen Gewerkschaft" an Verwaltung und Wirtschaft.
In den "Grundsätzen für die Neuordnung"
hieß es: "Die Existenzsicherung der Werktätigen
ist um ihrer Menschenwürde willen Aufgabe der
Wirtschaftsführung. (…) Die Reichsregierung
sieht die Grundlage des Wiederaufbaus der Wirtschaft in einem geordneten Leistungswettbewerb, der sich im Rahmen staatlicher Wirtschaftsführung und hinsichtlich seiner Methoden
unter ständiger Aufsicht vollzieht. Wo die vorhandenen Bindungen und Verflechtungen der Wirtschaft (Monopole, Kartelle, Konzerne) diesen
Leistungswettbewerb ausschließen, ist es Aufgabe der Wirtschaftsführung, die Grundsätze des
geordneten Leistungswettbewerbs zur Geltung
zu bringen und die Interessen der Gesamtheit zu
wahren. (…) Schlüsselunternehmen des Bergbaus, der eisen- und metallschaffenden Industrie, der Grundchemie und Energiewirtschaft
werden in das Eigentum der öffentlichen Hand
überführt werden" (zit. nach Gottschaldt, Eva.
Antifaschismus und Widerstand, Heilbronn,
1985, S. 142).
Die Arbeiterschaft spielte in den Überlegungen
der Kreisauer eine wichtige Rolle. So meinte der
Graf v. Wartenburg: "Die durch den Nationalsozialismus Betrogenen sind nämlich primär die Arbeiter. Und wenn wir uns einbilden, etwas Ähnliches wie eine Elite zu sein oder eine Führungsaufgabe zu haben, dann haben wir versagt, und
zwar dem einfachen Manne, dem Arbeiter ge-
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genüber. Sonst hätte das Dritte Reich nicht passieren dürfen. Wir haben eine Schuld gutzumachen am deutschen Arbeiter, deshalb müssen
wir dieses Regime beseitigen. Dazu brauchen
wir Echo und Rückhalt in das arbeitende Volk
hinein" (Ibid.).
Christentum und Arbeiterorganisationen sahen
die Kreisauer denn auch als wichtigste Säulen eines neuen Deutschlands. In diese Richtung gingen die Personalvorschläge für das Amt des
Reichskanzlers. Als mögliche Regierungschefs
fasste man die Sozialdemokraten Wilhelm
Leuschner und Julius Leber sowie den evangelischen Pfarrer Martin Niemöller, eine der profiliertesten Gestalten der Bekennenden Kirche ins
Auge.
Die Mehrheit der Kreisauer war dafür, den Krieg
schnellstmöglich zu beenden und an allen Fronten Frieden zu schließen. Die Kreisauer standen
damit im Gegensatz zu anderen Vertretern der
bürgerlichen und militärischen Opposition, die
den Krieg mit den Westmächten abbrechen, aber
gegen Sowjetrussland weiterkämpfen wollten.
Der Kreisauer Kreis strebte stattdessen eine gute
Nachbarschaft auch mit der Sowjetunion an.
Der Kreisauer Kreis entwarf eine christlich-sozialistische Ordnung für ein Deutschland nach dem
Nationalsozialismus. Ein eigener aktiver Beitrag
zur Beseitigung der NS-Führung war in den Planungen Moltkes und seiner Freunde nicht vorgesehen. Nach der Verhaftung Moltkes im Januar
1944 zerfiel der Kreisauer Kreis. Einige Mitglieder schlossen sich dem militärischen Widerstand
um Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg an. Andere wussten nichts von den Attentatsplänen, sie gerieten nach dem 20. Juli 1944
dennoch in den Todesstrudel von Roland Freislers Volksgerichtshof. "Wir werden gehenkt, weil
wir zusammen gedacht haben", schrieb Moltke
kurz vor seiner Hinrichtung am 23. Januar 1945
an seine Frau Freya.
Das NS-Justizwesen
"Recht ist, was dem Volke nützt” - unter diesem
Schlagwort instrumentalisierte das NS-Regime
das gesamte Recht als Mittel zur Durchsetzung
seiner Ideologie.
Nach 1933 stellte sich die Mehrheit der deutschen Richter der Reichsregierung unter Hitler
zur Verfügung. Bereitwillig legten die Juristen
sämtliche Rechtsvorschriften im Sinne des Na-
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tionalsozialismus aus. Schnell fand die Rassenlehre Einzug in das "deutsche Recht”. Richtschnur der Rechtsprechung wurden das Parteiprogramm der NSDAP und der Wille des "Führers”. So konnte der Gleichheitsgrundsatz außer
Kraft gesetzt und die Diskriminierung Andersdenkender geltendes Recht werden.
Zur Bekämpfung politischer Gegner entstanden
bereits 1933 Sondergerichte, die mit drei Berufsrichtern besetzt wurden. Schöffen oder Geschworene gab es nicht.
1934 wurde der Volksgerichtshof gegründet, um
die Delikte "Hoch- und Landesverrat” zu verfolgen. Nicht Recht zu sprechen war seine Aufgabe, sondern die Gegner des Nationalsozialismus
zu vernichten. Der Volksgerichtshof hatte erste
und letzte Instanz zu sein, Berufung und Revision waren nicht vorgesehen. Beweisanträge der
Verteidigung durfte das Gericht ohne Begründung ablehnen und ab 1940 hatte ein Angeklag-
ter nicht einmal mehr das Recht auf einen Verteidiger. Zu einem Senat des Volksgerichtshofs gehörten zwei Berufs- und drei Laienrichter - verdiente SS-Angehörige oder linientreue Parteifunktionäre.
Um die Verurteilung politischer Gegner sicherzustellen, wurden die Straftatbestände bewusst unklar formuliert:
•
Wehrkraftzersetzung
•
Feindbegünstigung
•
Hochverrat
•
Landesverrat
•
Heimtücke
•
Rassenschande
Bei solchen Anschuldigungen stand einer Verurteilung, in mehreren tausenden Fällen zum Tode,
nichts mehr im Wege.
Didaktische Hinweise
Die Sendung kann im GSE- und Geschichtsunterricht ab der 8. Jahrgangsstufe eingesetzt werden.
Lehrplanbezüge (Bayern)
Mittelschule
GSE
8. Jahrgangsstufe
8.6 Demokratie und NS-Diktatur
Realschule
Geschichte
9.5 Totalitäre Herrschaft, Zweiter Weltkrieg und die Folgen
Gymnasium
Geschichte
9. Jahrgangsstufe
9.2 Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
Lernziele
Die Schülerinnen und Schüler sollen
•
Helmuth James Graf von Moltke als Motor des Kreisauer Kreises kennen lernen;
•
erfahren, dass der Graf, seine Frau Freya und ihre Freunde vom Kreisauer Kreis darüber
nachdachten, wie Deutschland nach Hitler aussehen sollte;
•
wissen, dass Freya v. Moltke die Widerstandtätigkeit ihres Mannes aktiv unterstützte;
•
Einblick erhalten in die Pläne des Kreisauer Kreises;
•
die Zivilcourage von Menschen, die Widerstand gegen das NS-Regime geleistet haben,
würdigen.
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Anregungen
Wer sich mit dem Widerstand gegen das NS-Regime beschäftigt, muss bedenken, dass der totale
Staat mit seinem Polizei- und Überwachungsapparat keine offene Gruppenbildung gestattete. Landes- oder Hochverrat wurde von der Gestapo zuweilen schon dort vermutet, wo sich zwei oder drei
Personen trafen, um über politische oder militärische Fragen zu sprechen. So entstanden weitgehend
geschlossene kirchliche, sozialistisch-gewerkschaftliche, bürgerliche und militärische Widerstandskreise, die sich kaum überschnitten.
Eine Ausnahme bildete der Kreisauer Kreis, benannt nach dem schlesischen Gut des Grafen Helmuth
James von Moltke. Moltke formierte eine Gruppe, der Politiker unterschiedlicher Couleur, Offiziere,
Theologen und Juristen angehörten. Auch Gewerkschafter kamen zu den Treffen, bei denen über die
Schaffung einer neuen Ordnung für ein Deutschland nach dem Nationalsozialismus debattiert wurde.
Im Interview gibt Freya von Moltke, die Frau des im Januar 1945 hingerichteten Grafen, interessante
Einblicke in das Innenleben des Kreisauer Kreises. Sie erzählt u.a., wie in den frühen 40er Jahren
stetig neue Mitglieder gewonnen wurden, wie ihr Mann die Treffen plante, welche "Hausaufgaben" er
vergab und wie er versuchte, Kontakt zu den Alliierten aufzunehmen.
Es lohnt sich, den Film im Unterricht zu zeigen. Den Schülerinnen und Schülern, die in einem demo kratischen Staat aufwachsen, in dem es ungefährlich ist, gegen die Regierung aufzubegehren, wird
klar, was Widerstand gegen ein totalitäres Regime tatsächlich bedeutete.
Arbeitsaufträge
Beobachtungsaufträge
Wie wurden die Treffen des Kreisauer Kreises organisiert? Wer nahm daran teil?
Wie gelang es Helmuth von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg so unterschiedliche
Personen zusammen zu bekommen?
Warum wurden keine Kommunisten zu den Gesprächsrunden eingeladen?
Was meint Freya von Moltke, wenn sie erzählt, die "Gruppe lebte vom gegenseitigen Vertrauen"?
Warum waren die Treffen der Kreisauer für Helmuth und Freya von Molke eine "Erlösung"?
Was bedeutete ihnen das "Gefühl, etwas zu tun"?
Welche Vorstellungen für den demokratischen Aufbau eines befreiten Deutschlands entwickelten die
Kreisauer?
Welche Hoffnungen setzte Moltke in den Weltrat der Kirchen? Warum versuchte er zuerst mit den
westlichen Alliierten, dann sogar mit der Sowjetunion in Kontakt zu kommen?
Warum verachtete Moltke die deutsche Militärführung?
Warum sagte er zu seiner Frau: "Die Generäle sind hoffnungslos?"
Warum zerfiel der Kreisauer Kreis nach der Verhaftung des Grafen von Moltke im Januar 1944?
Literatur- und Internettipps
Geyken, Frauke. Ein Jahrhundertleben 1911-2010. München: C. H. Beck, 2011.
Moltke, Freya v. Erinnerungen an Kreisau 1930 - 1945. München: C.H. Beck, 2003.
Köhler, Jochen. Helmuth James von Moltke. Eine Biographie. Reinbek: Rowohlt, 2007.
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Ruhm von Oppen, Beate. Hg. Helmuth James von Moltke, Briefe an Freya 1939-1945. München:
C.H. Beck, 2007.
Tempel, Sylke. Ein Leben. Ein Jahrhundert. Berlin: Rowohlt, 2011.
Links
http://www.dhm.de/lemo/html/nazi/widerstand/kreisauer/
Information des Deutschen Historischen Museums zum Kreisauer Kreis
http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/MoltkeHelmuthJames/index.html
Biografie Helmuth v. Moltkes
http://www.bpb.de/publikationen/IDN9WE,1,0,Widerstand_traditioneller_Eliten.html
Widerstand traditioneller Eliten - Informationen zur politischen Bildung (Heft 243)
http://www.stiftung-adam-von-trott.de/
Seite der Stiftung Adam von Trott
http://www.gdw-berlin.de/
Gedenkstätte Deutscher Widerstand
http://www.kreisau.de/
Kreisau Initiative Berlin
http://www.fvms.de/
Freya von Moltke-Stiftung
http://www.gdw-berlin.de/
Gedenkstätte Deutscher Widerstand
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