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Musikstunde mit Christian Schruff
SWR 2
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SWR 2 Musikstunde mit Christian Schruff
Freitag, 15.10.2010
Freitag, 15.10.2010
Streichquartett mit Stimme (Singstimme oder Sprechstimme), das ist
doch ein seltener Fall. So dachte ich jedenfalls, als ich vor rund einem
halben Jahr ein Gespräch mit dem Bariton Klaus Mertens über diese
besondere Werkgruppe geführt habe. Mertens hat nämlich gleich mehrere
dieser Werke im Repertoire und ist schon lange auf der Suche nach
weiteren Stücken.
Und so wenige sind es gar nicht. Der Musikwissenschaftler Thomas
Schipperges, der heute in Mannheim lehrt, hat eine chronologische Liste
zusammengetragen mit immerhin 234 Werken – manche Originalwerke,
manche Bearbeitungen. Nur ein Bruchteil ist in Aufnahmen verfügbar. Und
eine kleine Auswahl dieser Stücke möchte ich Ihnen heute noch
vorstellen. Dazu herzlich willkommen!
Eines der umfangreichsten Werke ist das Notturno op. 47 des Schweizers
Othmar Schoeck. Verteilt auf fünf Sätze hat der fruchtbare Liedkomponist
Schoeck neun Gedichte von Nicolaus Lenau und eins von Gottfried Keller
zu einem großen Werk zusammengefasst. Ein Notturno, ein „Nachtstück“,
dessen zweiter Satz ein wildes Traumbild ist.
Musik 1
Track 2
Othmar Schoeck: Notturno op. 47
für Bass-Bariton & Streichquartett
2. Satz: Presto
Klaus Mertens, Bass
Minguet Quartet
NCA, 60133-215, LC12281
3:40
Der Bariton Klaus Mertens und das Minguet-Quartett mit dem
gespenstischen 2. Satz aus dem Notturno op. 47 von Othmar Schoeck.
Der hat einmal gesagt, das „Musik und Text gleichwertig sind, sich
durchdringen und ein drittes neues Phänomen erzeugen.“
Schoeck war mit Leib und Seele Liedkomponist – über 400 Lieder hat er
geschaffen. Danach kam gleich das Musiktheater – acht Opern hat
Schoeck geschrieben. Die beiden Streichquartette stehen einsam da, wie
überhaupt reine Instrumentalmusik. Aber im Notturno hat Schoeck eine
bemerkenswerte Synthese geschaffen zwischen Kammermusik und Lied.
Es ist ein Werk der Trauer, geschrieben 1933. Damals hat für Schoeck
eine besonders schwere Phase begonnen. Dass er deutsche Wurzeln
hatte, machte ihm das Leben in der Schweiz damals nicht leicht. Dass
zwei seiner Opern im Dritten Reich zur Uraufführung kamen, bescherte
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ihm Vorwürfe, den Nazis nahe zu stehen. Dabei teilte er die kritische, die
reservierte Haltung vieler Schweizer Landsleute.
Die Texte des Notturno, Gedichte von Lenau und Keller, hat er selbst
zusammengestellt. Vier sind es allein im ausgedehnten ersten Satz. Hier
der Anfang, die ersten Gedichte. Sie handeln von Liebe, dann von ihrem
welkendem Zauber und von Einsamkeit.
Musik 2
Track 1
Othmar Schoeck: Notturno op. 47
für Bass-Bariton & Streichquartett
1. Satz: Ruhig
Klaus Mertens, Bass
Minguet Quartet
NCA, 60133-215, LC12281
ausblenden zu 5:25
Noch einmal der Bariton Klaus Mertens und das Minguet-Quartett, hier mit
dem Anfang des Notturno op. 47 von Othmar Schoeck. Mit seinen fast 40
Minuten Dauer ragt dieses Werk heraus aus der Fülle kleiner Liedsätze für
Stimme und Streichquartett. Es sind fast immer tiefgründige Sätze,
dunkel getönt, die für diese besondere Besetzung geschrieben worden
sind. Das ernste Medium Streichquartett beflügelt eben nur selten
ausdrücklich Heiteres – erst recht nicht, wenn zum „Gespräch“ der vier
Streichinstrumente noch ein gesunger Text kommt.
“Dover Beach” von Matthew Arnold ist so ein elegischer Text. Ralph
Vaughan Williams hat sich im Laufe seines Lebens mehrfach daran
versucht, dieses Gedicht aus Victorianischen Zeiten zu vertonen. Nur
vordergründig geht es in „Dover Beach“ um den Strand vor den weißen
Klippen von Dover und um das mahlende Grollen der Kieselsteine. Das
Gedicht handelt vor allem vom Meer, das einen langsamen, zaghaften Ton
der Traurigkeit ausstrahlt. Das Meer ist ein Sinnbild für die Gezeiten des
menschlichen Lebens, Liebens und Leidens.
Am Ende heißt es resignierend: “Ach, Geliebte, lass uns aufrichtig sein vor
einander! Denn die Welt, die vor uns zu liegen scheint wie ein Land der
Träume, so bunt, so schön, so neu, sie kennt in Wahrheit weder Freude,
noch Liebe, noch Licht, noch Gewissheit, noch Frieden, noch Linderung der
Schmerzen”.
Vaughan Williams hat, wie gesagt, mehrfach Anlauf genommen, um
“Dover Beach” zu vertonen, ohne Erfolg. Aber 1931 konnte er immerhin
einem Kollegen gratulieren: “Sie haben es geschafft”; das war der gerade
21jährigen amerikanischen Komponisten Samuel Barber. Der hatte “Dover
Beach” für Bariton und Streichquartett gesetzt. Ein frühes Werk zwar,
aber eines der reifsten und vollkommensten, die Barber geschrieben hat.
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“Dover Beach” ist weder Streichquartett im herkömmlichen Sinne, noch
Lied. Barber hat gesagt: “Niemand ist der Boss - nicht der Sänger, nicht
das Streichquartett. Es ist Kammermusik.
Musik 3
CD I: Track 21
Samuel Barber: Dover Beach
Thomas Hampson, Bariton
Emerson String Quartet
DG, 435 867-2, LC0173
8:00
„Dover Beach“ von Samuel Barber mit dem Bariton Thomas Hampson und
dem Emerson String Quartet.
Hatte ich vorhin noch gesagt, die Kombination von Stimme und
Streichquartett sei vor allem für tiefgründige und wenig heitere Werke
gewählt worden, so folgt nun die Ausnahme, die diese Regel bestätigt: ein
Werk, das zwar tiefgründig ist, aber dabei sehr humorvoll und
augenzwinkernd.
1945/46 hatte der damals neu gegründete Südwestfunk in Baden-Baden
die Kantate „La Tentation de Saint Antoine“ in Auftrag gegeben. Der Bayer
Werner Egk hat die „Versuchung des Heiligen Antonius“ in 13 Chansons
auf französische Texte aus dem 18. Jahrhundert geschrieben. Die
Vorlagen stammen aus dem Umfeld der Komödie und haben offenbar
mehr Freude an der Schilderung der zahlreichen Versuchungen als an der
Heiligkeit, mit der Antonius ihnen widerstanden hat. Da geht es frivol zu:
Teufel und Dämoninnen locken in lüsternen Posen.
Die musikalischen Posen in Egks kleinen Stücken atmen auch
französischen Geist, sind dem 18. Jahrhundert abgelauscht. Da begegnen
uns die berühmten „Folies d’Espangne“ oder auch ein Contredanse aus
einer Vaudeville-Komödie.
Musik 4
Tracks 2, 3, 4, 8
Werner Egk: La Tentation de Saint Antoine
Janet Walker, Alt
Werner-Egk-Quartett
WERGO, 60133-50, LC00846
6:39
Das waren vier der 13 „Versuchungen des heiligen Antonius“, ein
Auftragswerk des damaligen Südwestfunks Baden-Baden an den
Komponisten Werner Egk. Janet Walker hat gesungen, das Werner-EgkQuartett gespielt.
In der SWR 2 Musikstunde darüber, wie die Stimme zum Streichquartett
gekommen ist, nun noch mal ein Werk, das von seinem Komponisten als
Streichquartett angelegt worden ist und nicht etwa als Liederzyklus oder
Kantate: Das Streichquartett Nr. 3 des bedeutenden argentinischen
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Komponisten Alberto Ginastera aus dem Jahre 1973.
Ähnlich wie Arnold Schönberg in seinem epochemachenden op. 10
erweitert auch Ginastera das Quartett um eine Sopranstimme. Nur einer
der fünf Sätze des Quartetts ist rein instrumental. Die anderen Sätze
behandeln mit Gesang die Themen Nacht, Liebe und die Macht der Musik.
Neben dem berühmten Lied der Belisa aus Federico Garcia Lorcas Stück
„In seinem Garten liebt Don Perlimplin Belisa“ sind es Gedichte von Juan
Ramón Jiménez, deren fantastische Sprache Ginastera mit einer ungemein
fantasievollen Klangwelt umgibt. Etwa im ersten Satz, wo ein Schrei durch
die Dunkelheit Nacht hallt, die monströse Finsternis, und wo es zum
Schluss heißt: „Musik, eine nackte Frau, rennt verrückt durch die reine
Nacht“
Musik 5
Track 10 ab // 3:15
Alberto Ginastera: Streichquartett Nr. 3 op. 40
1. Satz
Lucy Shelton, Sopran
Ensõ Quartet
NAXOS, 8.570780, LC 05537
4:39
Streichquartett als imaginäres Theater – so mutet einem beim Hören das
3. Streichquartett von Alberto Ginastera an, mit der Sopranistin Lucy
Shelton und dem Ensõ Quartet aus den USA.
Aus einem Drama stammen auch die Texte, die sich die Komponisten Ruth
Zechlin um die letzte Jahrhundertwende gesucht hat, als sie zwei
Kompositionsanfragen mit einer Musik beantworten wollte. Das MinguetQuartett hatte die Komponistin nämlich um ein Werk mit Geang gebeten,
und wenig später hörte sie den Sänger Klaus Mertens Bach singen. Beide
Anregungen brachten Ruth Zechlin auf die Idee, in Shakespeares „Hamlet“
nach geeigneten Worten zu suchen zur Vertonung für Bariton und
Streichquartett.
2002 wurden die „Hamlet-Fragmente“ uraufgeführt. Zwei davon möchte
ich Ihnen vorstellen, denn sie können noch einmal die breite Palette
zeigen, auf der sich Musik für Stimme und Quartett bewegen kann.
Im berühmten Hamlet-Monolog „Sein oder nicht sein“ hat Ruth Zechlin die
Stimme fast wie ein Instrument behandelt, nur in der letzten Zeile wird
gesungen. Ganz anders danach dann „Ophelia“, wo die Stimme ganz
weich über zarten Streicherbewegungen geführt wird.
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SWR 2
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Musik 6
Track 9&10
6:19
Ruth Zechlin: „Hamlet-Fragmente“ für Streichquartett und Stimme
- „To be or not to be“
- „Ophelia“
Klaus Mertens, Bass
Minguet Quartet
NCA, 60133-215, LC12281
Zwei der fünf „Hamlet“-Fragmente von Ruth Zechlin mit dem Bariton
Klaus Mertens und dem Minguet-Quartett.
Arnold Schönbergs 2. Quartett von 1908 gilt allgemein als der Anfang von
Musik für Streichquartett mit Stimme. Das stimmt nicht ganz, denn schon
rund 50 Jahre früher hat es erste Werke für solche Besetzungen gegeben.
Doch sie erregten nicht solche Aufmerksamkeit wie Schönbergs op. 10,
das von einem handfesten Skandal begleitet worden war.
1914 hat der Italiener Ottorino Respighi sein lyrisches Poem „Il Tramonto“
– „Der Sonnenuntergang“ – komponiert. Ein wunderbares Werk auf ein
Gedicht des britischen Romantikers Percy Bysshe Shelley. Bei den MezzoSopranistinen ist es so beliebt, dass sie es tatsächlich ab und zu
aufführen. Womit am Ende dieser SWR 2 Musikstunde auf das
Kernproblem der Besetzung „Stimme und Sreichquartett“ kommen:
Quartette und Sänger gehen nur selten gemeinsam auf Tournee. Vielleicht
glauben sie, das Repertoire sei nicht groß genug. Doch das meiste, was
für Stimme und Quartett geschrieben worden ist, wartet noch darauf,
aufgeführt und aufgenommen zu werden.
Musik 7
Track 9
Puffer auf Ende fahren
Ottorino Respighi: Il Tramonto
Magdalena Kožená, Mezzo-Sopran
Henschel Quartett
DG, 471 581-2, LC00173
(15:17)
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